Die gescheiterte Klassenstreikpropaganda war natürlich nicht dazu

angetan, das ohnehin gesunkene Ansehen des Chartismus zu retten; doch

die Bewegung begann von Neuem, als im Jahre 1840 zahlreiche Führer aus

der Gefangenschaft zurückkehrten.[171] O'Connor's Parteidiktatur

hinderte eine ersprießliche Reformarbeit, sowie den Anschluß an die

Antikorngesetzliga und die Wahlgesetzreformbewegung der Mittelklassen.

Als daher am 2. Mai 1842 auch die zweite Petition vom Parlament

verworfen worden war, rückte die Gruppe der "physischen Gewalt" wieder

in den Vordergrund des Chartismus, und "amidst the general dejection a

few men clung to the idea, which had animated them in 1839".[172] Die

Gelegenheit zum Streik bot sich bald. Denn durch unvermittelte

Lohnreduktionen, sowie durch Entlassungen chartistischer,

liga-feindlicher Arbeiter[173] stieg das Elend in den Industriegegenden,

zugleich die Empörung und die Streiklust. Es erscheint gar nicht

ausgeschlossen, daß die Antikornzoll-Liga den Streik absichtlich

anzettelte,[174] um die daraus entstehende Aufregung für ihre Zwecke

auszunützen. Sicherlich aber lag es weder in den Plänen der Liga, noch

in denen der anerkannten Chartistenführer,[175] die nun ausbrechende

Lohnbewegung zu einem heiligen Monat zu erweitern und die

wirtschaftlichen Ziele mit chartistischen Forderungen zu verquicken. Und

doch war letzteres unvermeidlich; denn, auch abgesehen von der Agitation

der "few men", die immer noch an die Wunderkraft eines national holiday

glaubten,[176] ist es durchaus begreiflich, daß die "durch die

Chartistenagitation aufgewühlten" Arbeiter, "durch die Not zum

Äußersten gebracht, von selbst auf die Idee des heiligen Monats

zurückfielen".[177]

[Fußnote 171: Vgl. für das Folgende insbes. _Brentano_, a. a. O.]

[Fußnote 172: _Spencer Walpole_, "A History of England from the

conclusion of the great war in 1815" p. 136, 137.]

[Fußnote 173: _Gammage_, a. a. O. p. 217.]

[Fußnote 174: _Bernstein_ behauptet dies (vgl. "Der Streik als pol.

Kampfmittel"; "Pol. M. Str. u. pol. Lage" p. 20); auch _Tildsley_, a. a.

O. p. 48.]

[Fußnote 175: Vgl. _Brentano_ a. a. O.; nach _Gammage_ (a. a.

O. p. 214 ff.) lag es nicht in den Plänen der einsichtsvolleren

Chartistenminorität.]

[Fußnote 176: _Spencer Walpole_, a. a. O. p. 136, 137.]

[Fußnote 177: _Brentano_, a. a. O.]

Der Ausstand, gew. als _Lancashire-Streik_ bezeichnet, begann am 5.

August 1842[178] in Ashton und verbreitete sich rasch über Lancashire,

Staffordshire, Cheshire, Warwickshire, Yorkshire, Schottland und

Wales.[179] Zu den ursprünglich rein wirtschaftlichen Forderungen[180]

gesellte sich in kürzester Frist das politisch-chartistische

Postulat.[181] Mit dem Rufe "suspension of labour, until such time as

they obtained a fair day's wage for a fair day's work, and the Charter

became the law of the land",[182] zogen die Ausständigen von Fabrik zu

Fabrik, rissen die plugs (Pfropfen) von den Kesseln der Dampfmaschinen,

(woher der Name "plug-plot" für die ganze Bewegung),[183] zwangen die

Arbeitswilligen zum Streik[184] und die Kaufleute zu Kontributionen an

Lebensmitteln und Geld. Dabei kam es zu Ausschreitungen; und mochte

deren Umfang, verglichen mit der Größe der Bewegung, auch gering

erscheinen,[185] mochten die Führer, soweit solche vorhanden waren, auch

immer wieder raten, "to stand out for the Charter and to keep the

peace",[186] so folgten nun doch Verhaftungen über Verhaftungen;[187]

und da zudem der erhoffte Anschluß des ganzen Landes ausblieb,[188] so

brach der Streik zusammen; Ende August war die Arbeit wieder

aufgenommen.[189]

[Fußnote 178: _Bourdeau_, "Les grèves politiques", nennt irrtümlich den

12. Mai als Beginn (p. 427).]

[Fußnote 179: Der Streik der Kohlengräber zog die Arbeitsruhe in der

Töpferei nach sich. --In Cheshire und Lancashire allein standen 150

Werke (mills) still (vgl. _Spencer Walpole_, p. 136, 137) und 50 000

Menschen waren arbeitslos (vgl. _Gammage_, p. 249 ff.). In Manchester

und 50 Meilen im Umkreis ruhte alle Arbeit, bis auf die in den

Kornmühlen (vgl. _Brentano_, a. a. O.)]

[Fußnote 180: Im Juli 1842 begannen die Versammlungen in Ashton,

Staleybridge, Heyde, "auf denen die Redner eine Arbeitseinstellung

empfahlen, bis die Arbeitgeber ihren Arbeitern Gerechtigkeit widerfahren

ließen" (_Brentano_, a. a. O.).]

[Fußnote 181: Am 7. August beschloß man schon in Ashton und bei einem

Meeting auf Mottram Moor (vgl. _Gammage_, a. a. O. p. 217), am 8. Aug.

in Staleybridge, (vgl. _Brentano_, a, a. O.), die Arbeit nicht eher

wieder aufzunehmen, bis die Charte Gesetz sei. -- Ein "meeting of the

delegates of the factory districts" in Manchester erklärte am 12. August

mit 320 von 358 Stimmen ebenfalls, der Streik solle für die Charte

fortgeführt werden, und forderte in einer Adresse vom 16. August das

Volk zum Ausharren bis zur Gewährung der Charte auf (_Gammage_ a. a. O.

p. 217 ff.) -- Auch das Exekutiv-Komitee der "National Charter

Association" erließ schließlich einen derartigen Aufruf, in welchem

überdies die baldige Beteiligung von Schottland, Irland und Wales, sowie

die Zustimmung der Gewerkschaften zur Charte verkündet wurde; "and when

an universal holiday prevails, ... then of what use will bayonets be

against public opinion?" (vgl. _Gammage_, a. a. O. p. 219.)]

[Fußnote 182: _Gammage_, a. a. O. p. 217 ff.]

[Fußnote 183: _Brentano_, a. a. O.]

[Fußnote 184: Mit Erlaubnis der "comittees of public safety" durfte

übrigens hie und da weiter gearbeitet werden, z.B. in den Kornmühlen

und wo es sich um leicht verderbliche Produkte handelte (vgl.

_Brentano_, a. a. O. und _Spencer Walpole_, p. 136 ff.).]

[Fußnote 185: _Spencer Walpole_; _Brentano_, a. a. O.]

[Fußnote 186: _Gammage_, a. a. O. p. 219, 226.]

[Fußnote 187: Zahlreiche Chartisten wurden angeklagt, weil sie mit der

Arbeitseinstellung den Zweck verfolgt hätten, Aufregung in den Gemütern

der friedlichen Untertanen zu verursachen (so in der Anklageakte gegen

59 Chartisten im März 1843 vor den Lancaster-Assisen; vgl. _Gammage_, a.

a. O. p. 231).]

[Fußnote 188: Selbst im Streikdistrikt nahm nur etwa ein Siebentel der

Gesamtbevölkerung teil, davon viele unfreiwillig (_Gammage_, a. a. O. p.

249). Vor allem waren die Trade-Unions dem Streik fast durchgehend

abgeneigt (S. & B. _Webb_, a. a. O. p. 138). --Am 22. Aug. z.B. mußte

man sich noch darum bemühen, durch Volksversammlungen die noch immer

fehlenden Londoner Chartisten zum Anschluß zu bewegen.]

[Fußnote 189: _Brentano_, a. a. O., sowie _Spencer Walpole_, a. a. O.

p. 136, 137.]

Der Lancashire-Streik war in jeder Beziehung erfolglos verlaufen; die

Chartisten aber, trotz ihrer ursprünglichen Zurückhaltung, "got the

blame off all the follies enacted during the strike".[190] Er versetzte

dem nun langsam versandenden Chartismus den Todesstoß.

[Fußnote 190: _Gammage_, a. a. O. p. 249.]

Seither haben sich die maßgebenden Kreise der englischen Arbeiterwelt

nie wieder mit dem Klassenstreik-Problem abgegeben.[191]

[Fußnote 191: Nur noch bei den englischen Anarchisten, die aber keine

Rolle spielen, werde vom Klassenstreik gesprochen (vgl. Henri _Quelch_

["Enquête" p. 186]).]

§ 9. Die Klassenstreik-idee unter dem zweiten Kaiserreich.

Nach dem Fiasko des heiligen Monats blieb es zunächst still in der

Klassenstreik-Frage.[192] Sie wurde zwar in Frankreich theoretisch

angetönt, aber ohne Erfolg. So erklärte am 3. Dezember 1851 der

geistvolle Journalist _Girardin_, man müsse den Staatsstreich Louis

Napoleons, statt mit vergeblicher Waffengewalt, mit der "grève

universelle" beantworten:[193] "Que le marchand cesse de vendre, que le

consomateur cesse d'acheter, que l'ouvrier cesse de travailler, que le

boucher cesse de tuer, que le boulanger cesse de cuire, que tout chôme,

jusqu'à l'Imprimerie nationale, que Louis Bonaparte ne trouve pas un

compositeur pour composer le _Moniteur_, pas un pressier pour le tirer,

pas un colleur pour l'afficher! L'isolement, la solitude, le vide autour

de cet homme!.. Rien qu'en croisant les bras autour de lui, on le fera

tomber.. Organisons la _grève universelle_!"[194]

[Fußnote 192: In der internationalen Sozialdemokratie diente der

Ausgang des Plug-plot noch viel später häufig als Argument gegen den

Klassenstreik überhaupt (_Bernstein_, "Pol. M-Str. u. pol. Lage", p.

20); so bei _Liebknecht_ (vgl. Prot. int. Kongr. Paris 1889, p. 126), da

der Mißerfolg trotz der damals schon vorzüglichen engl.

Gewerkschaftsorganisation eingetreten sei; wobei _Liebknecht_ freilich

übersieht, daß die Trade-Unions sich ja fast vollständig zurückhielten.

-- Und _Greulich_ meint (in "Wo wollen wir hin?"), wäre der Kl-Str.

"wirklich ein probates Mittel gewesen,... so hätte England lange nicht

genug Soldaten gehabt, um über ihn Meister zu werden", übersieht aber

ebenfalls, daß der Streik von 1842 ein ganz unvollständiger Kl-Str.

war, der pol. Streik, wie er nicht sein soll, sagt _Bernstein_ ("Der

Streik als pol. Kampfmittel"); daher kann sein Mißlingen auch in der Tat

noch nichts gegen den Kl-Str. als solchen beweisen.]

[Fußnote 193: Vgl. hierüber _Albert Thomas_, "Le second Empire" p. 396

ff.]

[Fußnote 194: Nach den Berichten von _Victor Hugo_ und _Ténot_ (in

seinem "Paris en Décembre 1851"), welch letzterer hierbei den Ausdruck

"grève générale" gebraucht (vgl. _Thomas_ a. a. O.).] Aber entsprach

diese Idee vielleicht auch dem "état d'hostilité et de découragement

tout à la fois, où se trouvait le peuple", so war doch die Situation für

eine erfolgreiche Durchführung völlig ungeeignet. Daher schenkten selbst

_Girardins_ republikanische Gesinnungsgenossen dem merkwürdigen Projekt

keine weitere Beachtung.[195] Vielleicht aber hat man in dem kurze Zeit

später publizierten Satze _Auguste Comte's_, das Proletariat besitze in

der Möglichkeit der Arbeitsniederlegung ein äußerstes Mittel "contre les

violations graves et prolongées de l'ordre 'sociocratique'",[196] einen

Reflex des Girardinschen Gedankens vor sich. _Girardin_ kam übrigens

später noch einmal auf die grève universelle zurück, mit deren Hilfe er

den Regierungen ein "grand système d'assurances au profit des ouvriers

contre la misère et les accidents" abzunötigen gedachte,[197] fand aber

auch hiermit keinen Anklang.

[Fußnote 195: Vgl. hierüber _Thomas_ a. a. O.]

[Fußnote 196: _Auguste Comte_, "Système de politique positive"

(1852-54), cit. bei _Georges Weill_, "Histoire du Mouvement social en

France (1852-1902)", p. 23.]

[Fußnote 197: Vgl. _Girardin_, "Pouvoir et impuissance, Questions de

l'année 1865", 1867 erschienen (cit. bei _Weill_, p. 34.).]

In Deutschland und Frankreich trat man angesichts der kriegerischen

Aussichten dem Generalstreik etwas näher, und nicht nur überzeugte

Sozialisten,[198] sondern auch weitere Kreise, die der internationalen

Arbeiter-Assoziation fernstanden, sollen im "Generalstreik"

(Militär-Streik) das einzige Mittel gegen den drohenden Konflikt

erblickt haben, so der "sozialistoide Nationalist Henri _Rochefort_" (in

der "Lanterne") und der deutsche Demokrat Dr. F. _Goetz_.[199]

[Fußnote 198: Z.B. Wilhelm _Liebknecht_, der die G-streiktendenzen des

Brüsseler Kongresses auf dem 5. Vereinstag der deutschen Arbeitervereine

zu Nürnberg im September 1868 vertrat (vgl. _Michels_, "Die deutsche

Sozialdemokratie im internat. Verbande" p. 180 ff.); später änderte W.

_Liebknecht_ seine Ansichten bezüglich des G-streiks übrigens total.]

[Fußnote 199: Vgl. _Michels_, a. a. O. p. 180 ff.]

Wenige Jahre zuvor war die Klassenstreikidee in der _internationalen

Arbeiter-Assoziation_ aufgetaucht, ob auf Grund der eben erwähnten

Andeutungen, ob in Wiederaufnahme der chartistischen Idee vom heiligen

Monat, ob infolge der Wahrnehmung gewisser Wachstumstendenzen bei den

modernen Arbeitskämpfen, muß freilich dahingestellt bleiben.

Der Kongreß der internationalen Arbeiterassoziation in _Brüssel_ 1868

lehnte zwar den Streik als vollkommenes Emanzipationsmittel der

Arbeiterklasse noch ab;[200] doch empfahl er auf Anregung von _Caesar de

Paepe_[201] den Generalstreik "dans le cas d'un conflit entre les

grandes puissances européennes";[202] denn da der Gesellschaftskörper

nicht existieren könne, wenn die Produktion eine bestimmte Zeit hindurch

unterbunden wäre, so würden die Produzenten im Stande sein, durch

Arbeitseinstellungen die Unternehmungen persönlicher und despotischer

Regierungen unmöglich zu machen.[203] Übrigens wurde auf jenem Kongreß

auch die Militärdienstverweigerung in diesem Zusammenhang erwähnt.[204]

Den in Brüssel mehr nur gestreiften Gedanken spannen besonders die

belgischen Internationalisten weiter aus, und sie kamen zu dem Ergebnis,

daß bei dem wachsenden Umfang der Streiks schließlich ein Generalstreik

eintreten werde, "der bei den die Arbeiterschaft erfüllenden

Emanzipationsgedanken 'nur in einem die Gesellschaft neugestaltenden

Zusammenbruch auslaufen könnte'".[205]

[Fußnote 200: Vgl. _James Guillaume_, "L'Internationale", p. 69.]

[Fußnote 201: Vgl. _Michels_, "Die deutsche Sozialdemokratie im

internationalen Verbande", p. 239.]

[Fußnote 202: Die deutschen Sektionen hatten im Hinblick auf die

drohende Kriegsgefahr gefragt, welche Stellung die Arbeiter im

Kriegsfall einzunehmen hätten, vgl. _Jaeckh_, "Die Internationale", p.

76.]

[Fußnote 203: _Guillaume_, p. 69; _Umrath_, a. a. O. p. 13.]

[Fußnote 204: _Nieuwenhuis_ (Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 21

ff.).]

[Fußnote 205: Cit. bei _Bernstein_, "Die Generalstreikgewerkschaft".

Die belgischen Internationalisten forderten auf ihrem Kongreß in

Antwerpen 1873 auch geradezu zur Vorbereitung des Weltstreiks auf (vgl.

_Pouget_, Enquête, p. 39).]

Die französischen Internationalisten (bes. in Lyon und Marseille),

dachten 1869 übrigens an eine wirkliche Inszenierung des Klassenstreiks

zur Unterstützung der politisch-republikanischen Bewegung. Von Marseille

aus fragte _Bastelica_ am 6. Okt. 1869 bei _Richard_ an: "Pourrait-on

compter sur Lyon pour faire une grève générale, le 26 octobre

seulement?";[206] der Termin war offenbar mit Rücksicht auf die für

denselben Tag angesetzte republikanisch-parlamentarische Aktion gewählt;

aber diese unterblieb, und ebenso der Generalstreik.

[Fußnote 206: Vgl. Albert _Thomas_, a. a. O. p. 358.]

Unter den Mitgliedern der Internationalen Arbeiter-Assoziation waren es

hauptsächlich die Anhänger _Bakunins_, revolutionäre und antipolitische

Gewerkschafter, die den Generalstreik-Kultus betrieben. Allerdings mußte

er während der inneren Kämpfe zwischen _Marx_ und _Bakunin_ etwas in den

Hintergrund treten. Der Bakuninistische Flügel erklärte sogar auf seinem

Kongreß in _Genf_ 1873[207] offiziell, daß "bei dem gegenwärtigen Stande

der Internationale" die Lösung des Problems vorläufig ausgeschlossen

sei; diesem resignierten Scheinbeschluß widersprachen übrigens die in

geheimer, also maßgebender Sitzung geäußerten Anschauungen, die auf

Befürwortung des Generalstreiks teils als Mittel der Expropriation,

teils als Mittel der Agitation und Reform gingen.[208]

[Fußnote 207: Vgl. _Umrath_, a. a. O. p. 13, 14.]

[Fußnote 208: Vgl. _Pouget_ (Enquête, p. 39).]

Die Klassenstreikidee verschwand nun vorläufig wieder von der

Tagesordnung der internationalen Arbeiterbewegung[209] und kam erst in

den 1880er Jahren, im Anschluß an die anarchistischen Versuche in

Amerika, wieder zur Sprache.

[Fußnote 209: Vgl. _Umrath_, a. a. O. p. 13, 14.]

Zweites Kapitel:

_Die moderne Arbeiterbewegung._

(a) Geschichte des politischen Massenstreiks.

§ 10. Belgien.

Was den Chartisten Ende der 1830er Jahre vorgeschwebt hatte, das wurde

von den belgischen Arbeitern gewissermaßen neu entdeckt und in

Wirklichkeit umgesetzt: der Klassenstreik erschien zweimal als

bedeutsame Episode in der belgischen Wahlrechtsbewegung.[210] Die

ausgedehnten Streiks der Bergleute mochten den Gedanken nahe legen, den

Ausstand auch einmal in den Dienst politischer Forderungen zu

stellen.[211] Jedenfalls faßte seit dem Jahre 1890 die belgische

Arbeiterpartei die Möglichkeit eines nationalen Ausstands zur Erringung

der Verfassungsrevision ernstlich ins Auge. Schon 1891 traten, im

Anschluß an die Maifeier, über 100 000 Bergleute in einen politischen

Streik und errangen damit vorläufig wenigstens die Zusicherung der

Revision.[212] Da der Wunsch nach einer solchen weiteste Kreise der

Bevölkerung ergriffen hatte, willigte die Regierung im Februar 1893

schließlich auch darein,[213] lehnte aber das allgemeine, gleiche

Wahlrecht von vornherein ab, obgleich ein Tags zuvor unter den 111 700

Stimmberechtigten von Brüssel und seinen Vorstädten veranstaltetes

privates Referendum über die verschiedenen Wahlrechtsprojekte sich mit

46 000 von 60 279 abgegebenen Stimmen für den Antrag des Radikalen

_Janson_, nämlich das allgemeine, gleiche Wahlrecht, ausgesprochen

hatte.[214] Am lebhaftesten trat die Arbeiterpartei, die damals

überhaupt noch keine parlamentarische Vertretung besaß, für die Ablösung

des Zensussystems durch das demokratische Wahlsystem ein, und sie

beschloß,[215] bei Ablehnung desselben, (oder bei Beeinträchtigung durch

Pluralstimmen, die nicht auf allgemein menschlichen Kriterien, sondern

auf Grund- oder Diplombesitz beruhen würden), sofort die "grève

générale" zu proklamieren; sie forderte auch (am 8. April) die

Arbeiterschaft auf, sich zum Äußersten bereit zu halten. Die maßgebenden

politischen Kreise legten indeß dieser Drohung offenbar nur sehr geringe

Bedeutung bei;[216] hatte doch auch kurz zuvor erst ein angesehener

belgischer Arbeiterführer die Möglichkeit des Klassenstreiks, selbst bei

so entwickeltem Industrialismus wie in Belgien, überhaupt in Abrede

gestellt.[217] --Immerhin traf die Regierung für alle Fälle einige

polizeiliche Vorkehrungen, die sich aber bald als ungenügend erwiesen.

Denn nachdem der Verfassungsrat[218] den Antrag Janson mit 115 gegen 26

Stimmen abgelehnt und mit der Prüfung der übrigen Vorschläge begonnen

hatte, dekretierte der Generalrat der belgischen Arbeiterpartei den

allgemeinen Ausstand,[219] der alsbald ausbrach[220] und Brüssel,[221]

die größeren Provinzstädte,[222] vor allem die Bergwerksdistrikte,[223]

im ganzen ca. 250 000 Arbeiter[224] umfaßte und acht Tage lang währte.

-- Die von den Ausständigen veranstalteten Protestversammlungen, Umzüge

und anderen Manifestationen führten mehrfach zu Zusammenstößen mit der

bewaffneten Macht, besonders wenn diese Aktionen mit Ausschreitungen

verbunden waren,[225] und sie forderten, vor allem auf Seiten der

Arbeiter, zahlreiche Opfer.[226] --Diese Ruhestörungen verstimmten die

Liberalen, so daß sie anfingen, ihr Zusammengehn mit den Arbeitern zu

bedauern; andererseits währten auch ihnen die Kammerberatungen

allzulang.[227] Sie forderten dringend eine Entscheidung,[228]

verständigten sich am 16. April mit den Ultramontanen, und bereits am

18., während draußen der Streik noch auf seinem Höhepunkt stand, nahm

die Kammer das Pluralwahlrecht nach überraschend kurzer Debatte, und

ohne daß man sich über die Durchführbarkeit des komplizierten

"Verlegenheitssystems" recht klar geworden wäre, mit 119 gegen 14

Stimmen (bei 11 Enthaltungen) an. -- Diese Nachricht erweckte in den

demokratischen und sozialistischen Kreisen große Begeisterung und hatte

fast überall eine sofortige Beruhigung der Gemüter zur Folge; am

gleichen Abend noch beschlossen Versammlungen in Brüssel und Gent die

Wiederaufnahme der Arbeit. Der Generalrat der Arbeiterpartei Belgiens

behielt sich zwar weiteren Kampf gegen das Pluralwahlrecht vor, forderte

die Arbeiterschaft aber auf, sich vorläufig mit der prinzipiellen

Einführung des allgemeinen Wahlrechts zufrieden zu geben. Am 20. April

war der politische Streik bereits beendigt und die Ruhe allgemein wieder

hergestellt.[229]

[Fußnote 210: Diese selbst geht auf das Jahr 1866 zurück, doch erst

seit 1886 oder 1887 nahm auch das Proletariat daran teil, vgl.

_Anseele_, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht in Belgien".]

[Fußnote 211: In den Jahren 1880-1891 soll die Streikbewegung ca. 200

000 Arbeiter umfaßt haben (vgl. N. Z. Z. 18./4. 93 u. ff.; vgl. auch

_Bourdeau_, a. a. O.; _Roland-Holst_, "G-str. und Sozialdemokratie" p.

57.)]

[Fußnote 212: Vgl. _Destrée und Vandervelde_, "Le Socialisme en

Belgique", p. 116 ff. Im Interesse der Wahlrechtsbewegung fanden auch

Massenmeetings statt, z.B. 1890 in Brüssel mit einer Teilnahme von

75-80 000 Personen (vgl. _Anseele_, a. a. O.; _Destrée_ und

_Vandervelde_, a. a. O.); eine eifrige Wahlrechtspropaganda erfüllte die

folgenden Jahre.]

[Fußnote 213: Am 28./2. 1893 begann die Kammerdebatte über die

Notwendigkeit einer Revision, die auch der Ministerpräsident,

_Bernaert_, in der Eröffnungsrede anerkannte.]

[Fußnote 214: N. Z. Z., 27./2. 93.]

[Fußnote 215: Auf dem Kongreß in Gent am 2. u. 3./4. 1893 (Allg. Ztg.

4./4. 93). Mit der Frage des Klassenstreiks hatten sich auch schon

zahlreiche frühere Kongresse beschäftigt: die von Brüssel, 5./4. 1891,

und 21./2. 1892; Bergarbeiterkongreß in Frameries, August 1892; Kongreß

vom 25./12. 1902 (vgl. _Destrée und Vandervelde_, a. a. O.)]

[Fußnote 216: Regierung und Kammermehrheit bezweifelten offenbar, daß

die Arbeiterführer die Proklamierung eines Klassenstreiks riskieren

würden und noch mehr, daß eine ev. Proklamation auch Erfolg hätte (Allg.

Ztg. 12. 4. 93); denn die sozialist. Partei machte mit ihren 80 000

Mitgliedern keineswegs einen imponierenden Eindruck.]

[Fußnote 217: Auf dem Kongreß des P. O. fr. in Marseille (vgl.

_Briand_, "La grève générale et la révolution", p. 14.)]

[Fußnote 218: Am 11./4. begannen die Verhandlungen des

Verfassungsrats.]

[Fußnote 219: Die Radikalen hatten zwar im allgemeinen zum Aufschub

geraten; doch sollen manche liberale Fabrikanten selbst ihre Arbeiter

zum Streik aufgefordert haben. Die Freimaurer versprachen angeblich,

Frauen und Kinder der Feiernden zu unterstützen (vgl. _Bourdeau_, p.

429; _Destrée_ und _Vandervelde_, p. 143 ff.)]

[Fußnote 220: Leider ist man hier, wie überhaupt bei allen

Klassenstreiks, von der Tagespresse abgesehen, hauptsächlich auf

sozialistische Darstellungen angewiesen, bei denen eine gewisse Gefahr

einseitiger Beurteilung nahe liegt.]

[Fußnote 221: Der Ausstand begann daselbst am 12. mit dem Streik der

Metallarbeiter, Holzarbeiter, Drucker und Lithographen, wurde aber nicht

vollständig (vgl. _Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 21.)]

[Fußnote 222: Lacroyere, Haine, Verviers (65 Etablissements), Löwen,

Antwerpen, Gent (am 16./4. 25 000 Ausständige), Mons.]

[Fußnote 223: Aus wirtschaftlichen Gründen hatte eine von 4-5000 Mann

besuchte Bergarbeiterversammlung in Quaregnon schon am 10./4. den allg.

Ausstand im Borinage beschlossen, und 2000 Bergleute legten in Flenu

(bei Mons), obgleich die Führer rieten, erst die Stellungnahme des

Verfassungsrates abzuwarten, schon am 11./4. die Arbeit nieder. Am 14.

streikten im Borinage und in La Louvière je 16 000 Bergleute; zugleich

begann der Ausstand in Lüttich und Charleroi; die Bergarbeiter traten

(am 15.) dem Beschluß des Genter Sozialistenklubs (vom 12./4.) bei, am

17. den allg. Streik zu beginnen; 20 000 von den 30 000 Bergleuten

dieses Kohlenbeckens führten diesen Beschluß aus.]

[Fußnote 224: _de Brouckère_, (Enquête, p. 163); im ganzen Lande soll

die Streikbeteiligung am 13./4. ca. 30 000, am 15. schon gegen 100 000

betragen haben.]

[Fußnote 225: So z.B. die Attentate gegen den Bürgermeister von

Brüssel, _Buls_, am 14./4.; gegen _Woeste_, den Führer der Klerikalen;

bes. zahlreich sind die Ausschreitungen im Hennegau (Angriffe auf ein

kathol. Kasino, auf eine Kirche; am 12. in Quaregnon auf

Bergwerksgebäude; am 13. in Cuesmes usw.) und in Ostflandern (noch am

19./4. Angriffe auf die Schiffe im Antwerpener Hafen [N. Z. Z.,

19./4.]); in Brüssel fanden, trotz einer Verfügung des Bürgermeisters

vom 14./4., die Ansammlungen und Umzüge verbot, Demonstrationen vor dem

Parlamentsgebäude statt; der kgl. Palast in Brüssel wurde militärisch

bewacht, überallhin wurde Militär verlangt (in Mons wird am 13. die

Garnison konsigniert; am 14. gehen Truppen nach Charleroi und La

Louvière.)]

[Fußnote 226: So bei den Manifestationen in Brüssel am 12. u. 13. vor

der Kammer; so bei den nächtlichen Massenumzügen, an denen sich Tausende

beteiligten, revolutionäre Lieder singend, am 11. und 12., bes. aber am

13., 14., 16., wo es zu wüsten Straßenszenen kam; ähnlich geht es am 13.

in Lüttich, Gent, Cuesmes, Quaregnon, Frameries zu, in Paturages und

Quaregnon, am 14. in Vasmes, Wasmuel, Paturages (50 Verhaftete, 60

Verwundete), Jolimont; am 16. in Grammon, Mons, Antwerpen, Petit Wasmes;

am 17. in Antwerpen, Renaix, Courtrai, Mons (7 Tote, 47 Verwundete [N.

Z. Z., 18./4. 93.])]

[Fußnote 227: Inzwischen hatte die Kammer am 12./4. die sämtlichen 16

Wahlreformvorschläge abgelehnt und sich vertagt, während der

21er-Ausschuß die neu eingegangenen Vorschläge prüfte.]

[Fußnote 228: Allg. Ztg. 18./4. 93.]

[Fußnote 229: Nur im Borinage wurde wegen Lohndifferenzen noch weiter

gestreikt, und in Bernissart, Hennegau, kam es noch am 22./4. zu

Ruhestörungen durch Ausständige.]

Die Bewegung endete also mit einem bedeutenden Teilerfolg, und es

scheint auf den ersten Blick, als ob dieses Resultat nur dem Ausstand zu

danken sei;[230] doch hätte der Streik allein wohl kaum einen solchen

Effekt gehabt, wenn nicht eine Reihe wichtiger Umstände ihn in hohem

Maße unterstützt hätten:[231] er brach aus, nachdem eine vieljährige

Agitation das Interesse am Wahlrecht außerordentlich gesteigert hatte;

brach aus unter einer verhältnismäßig gut organisierten und an

Massenaktionen gewöhnten Arbeiterschaft; brach aus für ein allgemein

anerkanntes, leicht faßliches Ziel; nicht gerade spontan,[232] aber als

etwas Neues, Unbekanntes, die Gesellschaft Überraschendes;[233]

Einmütigkeit und Opferwilligkeit[234] eines solchen Arbeiterheeres

machten Eindruck; man glaubte sich am Rand der Revolution,[235] und die

Unzuverlässigkeit des belgischen Militärs steigerte das Unbehagen noch

um ein Beträchtliches;[236] vor allem aber: er brach aus in einem

Momente, wo die Wahlrechtsfrage wirklich "spruchreif"[237] war, wo nicht

nur die Arbeiterschaft, sondern auch die liberalen Volksmassen energisch

für eine Reform eintraten. Freilich gab das Parlament nur so weit nach,

als diese liberalen Kreise wirklich an der Revision interessiert waren;

da nun deren Ambitionen auch schon das Pluralsystem zu befriedigen

vermochte, so mußten sich die Sozialisten mit diesem halben Sieg

begnügen; denn trotz des durchgeführten Klassenstreiks konnte das

sozialistische Fahrzeug eben doch nicht höher hinauf steigen, als die

liberale Welle trug.

[Fußnote 230: Überraschender Weise findet man diese Ansicht sogar auch

in bürgerlichen Blättern vertreten; so schreibt der Brüsseler

Korrespondent der Allg. Ztg. (vgl. die Nummer vom 23./4. 93) am 20.

April vom "Rückzug der Regierung und ihrer Mehrheit" "unter dem Eindruck

der zunehmenden Arbeiterbewegung und der Straßenunruhen, aus Furcht vor

dem steigenden Wellenschlag des Volksaufruhrs", von der "Durchpeitschung

des Antrages Nyssens" (Pluralsystem), die einer Kapitulation sehr

ähnlich gesehen habe. -- Und ähnliches läßt sich z.B. die N. Z. Z.

unterm 19. April aus Brüssel schreiben (vgl. Nr. vom 21./4.): "wären die

Ausschreitungen unterblieben, so hätte tatsächlich kein Mensch gewagt,

den grandiosen Charakter der Bewegung zu leugnen. Den herrschenden

Klassen ist also die Macht der verkannten Arbeiterpartei zum unliebsamen

Bewußtsein gekommen", und "der achttägige Ausstand hat genügt, um

Regierung und Parlament zur Nachgiebigkeit in der Revisionsfrage zu

zwingen".]

[Fußnote 231: Es ist sogar die Meinung aufgetreten, daß der Kl-str. von

1893 eigentlich überflüssig war; die Wahlrechtsreform wäre auch ohne

ihn, nur vielleicht etwas später, gekommen. Denn die Wahlrechtsforderung

sei so populär gewesen, "daß die Regierung, weil sie die Mittelklasse...

und selbst die Bourgeoisie nicht geschlossen hinter sich fühlt, schwach

ist und nachgibt" (vgl. _Vliegen_, "Der Generalstreik als pol.

Kampfmittel", p. 196; Enquête, p. 135). Doch geht dies wohl zu weit:

denn eine Konstituante, die angesichts der Kl-str.-Drohung ruhig 16

Wahlprojekte verwarf, hätte ohne energischen Anstoß von außen die

Wahlreform sicher noch sehr lange weiter verschleppt.]

[Fußnote 232: Anders _Bernstein_, a. a. O. p. 20.]

[Fußnote 233: Ähnliches habe Europa seit den Tagen der Kommune nicht

mehr gesehen, schreibt die Allg. Ztg. 21./4. 93.]

[Fußnote 234: Die auswärtige Unterstützung kann übrigens nur minimal

gewesen sein; die ausländischen Gewerkschaften hatten eine diesbezügl.

Anfrage der belgischen Gewerkschaften schon im April und Mai 1892

abschlägig beschieden (vgl. N. Z. Z. 21./4. 1893); die seltsame Annahme,

daß die Bewegung aus Gründen der hohen Politik mit französischem Geld

unterstützt worden sei, -- allgemeines Wahlrecht, belgische Republik,

Annexion durch Frankreich -- (vgl. Allg. Ztg. a. a. O.), dürfte kaum

ernst zu nehmen sein.]

[Fußnote 235: N. Z. Z. 21./4. 93.]

[Fußnote 236: Die Militärbehörden gaben es später selbst zu, daß die

Reservisten "scharenweise, z. T. sogar in Uniform", an den

Manifestationen der Arbeiter teilgenommen hatten (vgl. Allg. Ztg. 3./5.

93); als am Vormittag des 18. April in der Brüsseler Vorstadt Molenbeek

eine Volksversammlung abgehalten werden sollte, die die Regierung zu

inhibieren wünschte, weigerten sich Bürgermeister und Bürgerwehr

erfolgreich, einem diesbezüglichen Befehl nachzukommen (vgl. N. Z. Z.

19./4. 1893). Diese militärische Zweifelhaftigkeit ist übrigens nur zum

Teil der von den Sozialisten eifrig betriebenen antimilitaristischen

Propaganda zuzuschreiben. Begreiflicherweise kamen im belgischen Heer,

das überhaupt "keine Armee im Sinne des Militarismus" (so Dr. _Adler_,

Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 77) war, und kamen vor allem in der

Bürgerwehr die allgemeinen Postulate des Landes ebenfalls zum Ausdruck.]

[Fußnote 237: _Bömelburg_, (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 228).]

* * * * *

Obgleich die belgische Arbeiterpartei unter dem Pluralwahlrecht 28

Parlamentssitze eroberte,[238] betrieb sie doch weiter eine eifrige

antimilitaristische Agitation und eine lebhafte Propaganda für das S.U.

(suffrage universelle), in deren Hintergrund wiederum der Klassenstreik

schlummerte. Derartige Ausstandsdrohungen verhalfen ihr 1896 zu einer

"Scheinkonzession" bezüglich des Kommunalwahlgesetzes[239] und bewirkten

die Verwerfung einer konservativen Wahlrechtsnovelle,[240] sowie den

Sturz des Ministeriums Vandenpeereboom.[241] Dieser "Erfolg" erhöhte den

Optimismus der Anhänger des S.U., zu denen außer den Arbeitern auch die

Progressisten (d. h. Demokraten) und viele Liberale zählten.[242] 1901

verstärkten die Sozialisten ihre Wahlrechtspropaganda, die sich

nötigenfalls wieder bis zum Klassenstreik steigern sollte,[243] und

forderten die Regierung immer dringender zur Gewährung der

Verfassungsreform auf.[244] Schon Anfang _April 1902_ traten Tausende

von Berg- und Hüttenarbeitern in den Streik, der sich rasch ausdehnte.

Mit den Demonstrationen für das S.U. stieg auch die Zahl der

Ausschreitungen[245] und Zusammenstöße,[246] die mit dem Beginn der

Kammerverhandlungen (am 8. April) revolutionären Charakter

annahmen.[247] Waren nun die sozialistischen Führer nicht mehr im

Stande, die Ungeduld der Arbeiter zu zügeln,[248] oder verzweifelten sie

daran, den Revisionsantrag der Linken angesichts des klerikalen

Widerstands mit den gewöhnlichen Mitteln durchzusetzen, genug, sie

proklamierten am 13. April, noch ehe ihr auf die Tagesordnung des 16.

April gesetzter Antrag überhaupt zur Behandlung kommen konnte, mit der

Parole: "un homme, un vote"[249] den Klassenstreik als "letzte Waffe zur

Erlangung des allgemeinen Stimmrechts".[250] Der Ausstand verbreitete

sich "blitzschnell über das ganze Land"[251] und erreichte am 18. April

mit 300-350 000 Teilnehmern[252] Belgiens höchste Ausstandsziffer. Alle

Großindustrien und alle industriellen Gegenden waren beteiligt,[253]

wenngleich natürlich noch lange nicht die Gesamtheit der Arbeiter

streikte,[254] und vor allem die Staatsarbeiter, (insbesondere die

Eisenbahner, die Post- und Telegraphenangestellten),[255] sich

zurückhielten.[256] Auch war die Beteiligung am Ausstand keineswegs in

allen Fällen eine freiwillige. Die Unruhen nahmen übrigens von der

Proklamation des Streiks an bedeutend ab; die Führer, die in ihrer

Wahlrechtspropaganda vorher gelegentlich Perspektiven auch auf einen zu

inszenierenden Aufruhr eröffnet hatten,[257] traten nun mehr und mehr

für Respektierung der Legalität ein;[258] hatte doch die

Kammermajorität, im Bewußtsein ihrer tatsächlichen Überlegenheit, von

Anfang an der Drohung mit dem Bürgerkrieg[259] gegenüber vollste

Kaltblütigkeit bewahrt; sie ließ sich auch nicht durch die nationale

Arbeitsruhe erschüttern.[260] Die vereinigte Opposition[261] vermochte

nicht einmal die Auflösung der Kammer durchzusetzen,[262] und da auch

die erhoffte Initiative des Königs ausblieb,[263] so mußte die Linke in

den Schluß der Debatte einwilligen. Am 18. April lehnte die Kammer mit

82 gegen 64 Stimmen die sofortige Revision ab, stellte deren

Inangriffnahme nur für eine fernere Zukunft in Aussicht und vertagte

sich.[264] In der Aufregung über dieses Resultat kam es in mehreren

Provinzstädten zu blutigen Auftritten;[265] doch der Weisung des

Generalrats der Arbeiterpartei folgend, begann schon am 21. die

Wiederaufnahme der Arbeit, und bereits am 22. April kehrte das Land zu

normalen Verhältnissen zurück.[266]

[Fußnote 238: Zugleich nahmen die Liberalen ab; 1902 hatten die

Sozialisten sogar 32 Vertreter.]

[Fußnote 239: _Vliegen_, Enquête, p. 135, und "Der Generalstreik als

pol. Kampfmittel", p. 196.]

[Fußnote 240: Vgl. _Anseele_, a. a. O.]

[Fußnote 241: Vgl. _Bourdeau_, p. 429. Damals (1899) hatten die

Sozialisten parlamentarische Obstruktion gemacht; es kam zu

Straßenunruhen in Brüssel, Lüttich, Gent usw.]

[Fußnote 242: Rdsch. Soz. Mh., März 02, p. 226.]

[Fußnote 243: Beschluß des Parteitags in Lüttich, 8./4. 01; übrigens

ließen die Sozialisten auf Wunsch ihrer liberalen Bundesgenossen

das Postulat des Frauenstimmrechts fallen, nahmen aber die

Proportionalvertretung in ihr Programm auf (am Parteitg. in Brüssel,

30./3. 02; vgl. _Destrée_ und _Vandervelde_, a. a. O. p. 250 ff.;

_Vandervelde_, "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902"; Allg. Ztg. 4./4.

02).]

[Fußnote 244: Vgl. Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.]

[Fußnote 245: Die sollen aber vor und während des Streiks nicht auf

Konto der organisierten Arbeiter zu setzen sein, sondern vom "Abschaum

der Bevölkerung" ausgegangen sein, der sich nicht von politischen

Gründen leiten lasse; vgl. N. Z. Z. 16./4. 02; ähnlich Rundschau Soz.

Mh., Mai 02, p. 392: "Die revolutionäre Bewegung in Belgien".]

[Fußnote 246: Die Regierung mußte nach allen Seiten hin Truppen

senden.]

[Fußnote 247: Besonders in Brüssel, wo die sog. "jungen sozialistischen

Garden" die Agitation betrieben.]

[Fußnote 248: Berliner Lokalanzeiger (cit. in der N. Z. Z. 12./4. 02);

_Vandervelde_ a. a. O. p. 45.]

[Fußnote 249: _Bourdeau_, p. 429.]

[Fußnote 250: Vgl. das Manifest an die Arbeiter (aus dem "Journal du

Peuple" cit. in der Allg. Ztg. 16./4. 02).]

[Fußnote 251: N. Z. Z.; vgl. auch _Luxemburg_, "Und zum dritten Mal das

belgische Experiment". Am ersten Tag ist der Streik schon fast allgemein

im Kohlenbergbau, am 15. begreift er nach amtlicher Feststellung über

150 000 Arbeiter in sich (Allg. Ztg. 18./4. 02); am 16. ruhen alle

nennenswerten Betriebe; man spricht von 200000 Ausständigen, von einer

"nationalen Kalamität" (N. Z. Z. 17./4. 02); am 17. tritt im

gewerblichen Leben nahezu Stillstand ein, es streiken 300 000 Arbeiter.]

[Fußnote 252: Vgl. _Anseele_, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht

in Belgien"; Enquête, p. 163; _Luxemburg_, a. a. O.; _Vandervelde_ a. a.

O.; N. Z. Z.; Allg. Ztg.; Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.; _Bourdeau_.]

[Fußnote 253: _Vandervelde_, a. a. O. -- Der Streik erfaßte in erster

Linie die Kohlenbecken (von Mons, Borinage, Charleroi, Lüttich, Centre),

ferner die Steinbrüche, die Metall-, Glas-, Textil-, Zigarrenindustrie,

teilweise auch Klein- und Hausindustrie; Brüssel, Gent, Antwerpen usw.

haben nahezu volle Arbeitsruhe.]

[Fußnote 254: Die Diamantarbeiter von Antwerpen, sowie die durch einen

unglücklichen Arbeitskampf desorganisierten dortigen Docker schlossen

sich aus.]

[Fußnote 255: Trotz ihrer sozialistischen Gesinnungen und trotz

_Destrées_ diesbezüglicher Bemühungen, blieben sie bei der Arbeit (vgl.

_Vandervelde_ a. a. O.).]

[Fußnote 256: Allerdings streikten z.B. bereits am 15./4. 1902 15 000

Arbeiter der staatlichen Waffenfabrik in Herstal.]

[Fußnote 257: Vgl. Allg. Ztg. 9./4. und 15./4. 02.]

[Fußnote 258: Vgl. die Aufforderung zum Wahlrechtsstreik im "Journal du

Peuple", cit. in der Allg. Ztg. 16./4. 1902.]

[Fußnote 259: Bei Eröffnung der Revisionsdebatten am 16./4. 1902

seitens _Vandervelde's_.]

[Fußnote 260: Rdsch. Soz. Mh., a. a. O. Übrigens wurde der tägliche

Produktionsausfall auf 3-4 Millionen Fr. geschätzt (Allg. Ztg. 18./4.

1902), und am 17./4. 1902 hatte die belgische Handels- und Geschäftswelt

schon einen Schaden von "mindestens 100 Millionen Fr. zu tragen" (N. Z.

Z. 19./4. 02).]

[Fußnote 261: Sozialisten, Radikale und, trotz vorübergehender

Verstimmung, Liberale; die liberalen Abgeordneten waren verstimmt durch

die Unruhen; schon Anfang April stellte die gemäßigt-liberale "Etoile

belge" für weitere Unruhen eine Vergeltung bei den Wahlen in Aussicht

(N. Z. Z. 6./4. 02); vgl. auch das Votum des Gemeinderats von Schaerbeck

(N. Z. Z. 17./4. 02); die liberalen Abgeordneten traten teilweise

überhaupt nur aus politischer Notwendigkeit für das allgemeine Wahlrecht

ein, ohne mit dem Herzen dabei zu sein (Vgl. Allg. Ztg.; _Anseele_).]

[Fußnote 262: Allg. Ztg. 14./4. 02.]

[Fußnote 263: Allg. Ztg. 18./4. 02; N. Z. Z. 12./4. 02.]

[Fußnote 264: _Anseele_, a. a. O.; Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.]

[Fußnote 265: Besonders in Löwen, wo es mehrere Tote gab; Brüssel

blieb, unter Einfluß der sozialistischen Führer, ruhig.--Der ganze

Streik scheint übrigens im ganzen recht ruhig verlaufen zu sein.

_Vandervelde_ (cit. in der N. Z. Z. 6./5. 02) spricht sogar von

"vollkommener", von "imposanter Ruhe"; doch gibt er an anderer Stelle

selbst zu, daß, wenn auch selten, Belästigungen Arbeitswilliger

vorgekommen seien (in "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902").]

[Fußnote 266: Der Generalrat der Arbeiterpartei, der noch am Morgen des

18. die friedliche Verlängerung des Ausstands dekretiert hatte (vgl.

Allg. Ztg. 18./4. 02; _Vandervelde_, "Die belgischen Wahlrechtskämpfe

1902"), beschloß einstimmig, aber gegen die Wünsche der Bergleute von

Borinage und Charleroi, den Abbruch des Streiks. Am 20. wurde der

Beendigungsbeschluß durch ein Manifest verbreitet (vgl. Allg. Ztg.;

Rdsch. Soz. Mh., a. a. O.; _Destrée_ und _Vandervelde_, p. 261).]

So war der Wahlrechtsstreik denn gescheitert. Was sich die belgische

Sozialdemokratie allenfalls als "Erfolg" desselben herauskonstruierte:

die Verheißung einer dereinstigen Revision,[267] die Einigung der

Linken, die Einigung der Arbeiterschaft,[268] die Neubelebung des

antiklerikalen und sozialistischen Geistes,[269] das waren teils höchst

zweifelhafte Größen, teils solche Werte, die auch ohne den Klassenstreik

zu erreichen waren, und die die Verluste an Gut und Blut und politischem

Einfluß[270] nicht entfernt ausglichen. Die belgische Arbeiterpartei gab

denn auch selbst zu, daß sie eine "Schlappe" erlitten habe,[271] an

welcher übrigens nicht, wie den belgischen Sozialisten vielfach zur Last

gelegt, taktische Fehler die Schuld trugen;[272] vielmehr mußte der

Streik scheitern, weil er zu klein war, um die Gegner in Schrecken zu

setzen, über zu geringe eigene Mittel verfügte, um den Widerstand durch

längere Dauer zu besiegen, und weil er in einem Moment ausbrach, wo ihm

von anderen Gesellschaftsklassen kein Zuzug gewährt wurde. In Erinnerung

an den verhältnismäßig leichten Sieg des Jahres 1893 hatten sich die

belgischen Arbeiter wohl über die Schwierigkeiten getäuscht;

insbesondere hatten sie die Interessengemeinschaft mit den Liberalen zu

hoch bewertet, die Machtmittel der Regierung aber unterschätzt. Das

Kleinbürgertum, die liberalen Massen, befanden sich im allgemeinen beim

Pluralrecht ganz wohl, traten also zwar aus Prinzip, nicht aber mit

jener Wärme, die das persönliche Interesse verleiht, für das S. U.

ein.[273] Daher fehlte dem Streik der "tiefe Resonanzboden im Volk", er

"zündete nicht, er blieb Parteisache".[274] Je kühler die

Bundesgenossen, um so energischer der klerikale Gegner, dem der Besitz

überlegner Machtmittel,[275] die Kenntnis der Unzulänglichkeit der

proletarischen Hilfsquellen und die auf Grund der Erfahrungen von 1893

getroffenen Vorbereitungen die Kraft des Beharrens verliehen.

[Fußnote 267: Vgl. _Anseele_, a, a. O.; _Luxemburg_, a. a. O.;

_Vandervelde_, cit. in der N. Z. Z. 6./5. 02.]

[Fußnote 268: _Anseele_, a. a. O. p. 412.]

[Fußnote 269: _Vandervelde_, "Die belgischen Wahlrechtskämpfe 1902", p.

47.]

[Fußnote 270: Die Gewerkschaften wurden zwar nicht geradezu

erschüttert, doch sie und die Partei erholten sich nur langsam von der

Niederlage (vgl. _Vliegen_, Enquête, p. 135, und "Der Generalstreik als

politisches Kampfmittel", p. 196; _Bourdeau_, p. 430); -- bei den

Erneuerungswahlen am 25./5. 02 triumphierten die Klerikalen (vgl.

_Vandervelde_, a. a. O.; _Katz_, "Der politische Massenstreik", Nr. 33,

p. 3); die Sozialisten verloren 7 Sitze; selbst bei den

parlamentarischen Wahlen am 29./5. 04 soll sich die Wirkung des Streiks

noch für die Sozialisten nachteilig erwiesen haben (vgl. _Anseele_, "Die

belgischen Wahlen"). -- Im Innern der Partei hingegen scheint der Streik

keine üblen Folgen gehabt zu haben; der Parteitag vom 4./5. 02 billigte

den Rückzug und erteilte dem Vorstand Decharge (_Anseele, "Der Kampf um

das allgemeine Stimmrecht in Belgien"; _Vandervelde_, a. a. O.).]_

[Fußnote 271: So _Anseele_, a. a. O.; ähnl. _Vandervelde_ (gemäß N. Z.

Z. 6./5., sowie Neue Zeit 20. II. p. 166); "Le Peuple", Brüssel, 5./5.

02, cit. bei _Bourdeau_, p. 430.]

[Fußnote 272: Man machte den belgischen Sozialisten zum Vorwurf:

mangelnde Organisation (so z.B. _Zetkin_ [vgl. Vorwärts, 23./8. 05],

welche übrigens, inkonsequenter-, aber richtigerweise, den geordneten

Rückzug gerade der trefflichen Organisation zuschreibt), Überstürzung

(vgl. _Bernstein_, "Pol. M-str. und pol. Lage"). Vorherankündigung (vgl.

_Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 735), Zusicherung möglichster

Gewaltlosigkeit (vgl. _Zetkin_ a. a. O.; _Luxemburg_, "Das belgische

Experiment") und das Bündnis mit den Liberalen (vgl. _Mehring_, "Ein

dunkler Maitag"; _Kautsky_, "Die Soziale Revolution" I; _Luxemburg_ a.

a. O.; _Zetkin_ a. a. O.) (--) In der internationalen Sozialdemokratie

entfachte insbesondere der Rückzugsbeschluß einen gelinden Federkrieg.

Man beschuldigte die belgischen Arbeiterführer, sie hätten auf Anordnung

der Liberalen gehandelt. Doch konnten letztere sie höchstens in der

Überzeugung von der Beendigungsnotwendigkeit, die sich ihnen von selbst

aufdrängen mußte, bestärken. Der Streik mußte vor allem aus pekuniären

Rücksichten beendet werden. Bei der Riesenzahl der Streikenden reichten

die Ausstandsfonds auch bei geringer Unterstützung nur für kurze Zeit;

bis zum 20. April waren überhaupt nur 27 300 Fr. zusammengekommen, inkl.

der 10 000 Mark-Spende der deutschen Sozialdemokratie (Allg. Ztg. 21./4.

02), die nach Beendigung des Streiks übrigens noch 5000 Mk. schickte

(Prot. Parteitg. München 02, p. 18.). -- Die belgische Arbeiterschaft

scheint sich bei der beginnenden wirtschaftlichen Streikunfähigkeit und

der politischen Erfolglosigkeit doch auch nicht so durchaus

zuversichtlich gezeigt zu haben, wie es _Vandervelde_ ("Die belgischen

Wahlrechtskämpfe", p. 47) behauptet (vgl. z.B. Allg. Ztg. 21./4. 02 und

N. Z. Z. 22./4. 02). Eine Fortführung des Ausstands hätte zur

wirtschaftlichen Erschöpfung und zum "Versanden" der Bewegung geführt

und war um so weniger angezeigt, als ein Nachgeben der Regierung doch

völlig ausgeschlossen schien; so wären weitere Opfer also durchaus

überflüssig gewesen (vgl. _Vandervelde_, cit. in der N. Z. Z. 6./5. 02;

_Bernstein_, "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik";

_Vandervelde_, "Nochmals das belgische Experiment"; _Luxemburg_, "Und

zum dritten Mal das belgische Experiment"; _David_, "Die Eroberung der

politischen Macht", p. 203; Bericht des internationalen sozialistischen

Bureau, cit. bei _Katz_, "Der politische Massenstreik", Nr. 33, p. 3;

Rdsch. Soz. Mh. Mai 02, p. 392.)]

[Fußnote 273: Nur ausnahmsweise, z.B. in Charleroi am 13./4.,

demonstrierten Sozialisten und Liberale gemeinsam (vgl. N. Z. Z.

14./4).]

[Fußnote 274: _Bernstein_, "Pol. M-str. und pol. Lage", p. 21, und

"Ist der politische Massenstreik in Deutschland möglich?" p. 33.]

[Fußnote 275: Es kamen nur wenige militärische Unzuverlässigkeiten

vor.]

Mußte ein Erfolg aber auch ausbleiben, so darf man deswegen doch noch

nicht von einem "schmählichen" Scheitern[276] reden; denn der Streik

verlief ruhig, planmäßig. Die Arbeiter hatten sich "wie ein Mann"

erhoben, und so zogen sie sich auch wieder zurück.[277] Maßgebende

auswärtige Sozialisten schätzen sogar den korrekten Rückzug

aus dem Kampf, die "Geschlossenheit und Einheitlichkeit" der

belgischen Wahlrechtsstreiter[278] nicht nur als eine ihnen

außerordentlich wertvolle Erfahrung, die weite Perspektiven auf neue

Anwendungsmöglichkeiten des Klassenstreiks gestatte, sondern, ähnlich

wie die Schweiz ihre nationale Waffen- und Trophäenhalle mit dem Bilde

des Rückzugs von Marignano schmückt, so schreiben sie den Rückzug der

belgischen Arbeiter aus dem Wahlrechtsstreik von 1902 geradezu auf die

Ruhmestafel des kämpfenden Proletariats.

[Fußnote 276: _Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches

Kampfmittel", p. 193.]

[Fußnote 277: Vgl. _Anseele_, "Der Kampf um das allgemeine Stimmrecht

in Belgien".]

[Fußnote 278: Vgl. _Bernstein_, "Der Kampf in Belgien und der

politische Massenstreik", p. 415; _Vandervelde_, cit. in der N. Z. Z. a.

a. O.]

Auch jetzt noch erachtet die belgische Sozialdemokratie die "grève

générale" als "das vornehmste Mittel zur Erreichung des allgemeinen

Wahlrechts", wendet aber ihr Hauptaugenmerk vorläufig doch lieber dem

Ausbau des Gewerkschaftswesens zu.[279]

[Fußnote 279: Parteitg. 1903, vgl. Rdsch. Soz. Mh., Mai. 03, p. 379.]

§ 11. Schweden.

Unmittelbar nach dem zweiten belgischen Wahlrechtsstreik, vielleicht

psychologisch durch ihn beeinflußt[280] und, wie er, den Höhepunkt in

einer Wahlrechtsbewegung markierend, im Mai 1902, fand auch in Schweden

ein Klassenstreik statt. Außer den Arbeitern hatten weite Volkskreise

auch dort eine Reform des veralteten Zensus-Wahlrechts[281] gefordert,

sodaß die Regierung im März 1902 dem Reichstag einen diesbezüglichen

Entwurf vorlegte.[282] Da dieser aber das allgemeine Stimmrecht durch

"Garantien"[283] einschränkte, so rief er einen "Sturm der Entrüstung"

hervor,[284] der natürlich am lautesten in der Arbeiterschaft tobte,

resp. in der sozialdemokratischen Partei, die die Führung des

Proletariats in dieser Angelegenheit übernommen hatte.[285] Sie entwarf

alsbald einen sorgfältig durchdachten Demonstrationsplan.[286] Es sollte

"bis zur Einführung einer zufriedenstellenden Erweiterung des

Stimmrechts"[287] eine permanente Klassenstreik-Agitation veranstaltet

werden; insbesondere sollte das Volk durch sonntägliche, später

allabendliche Massendemonstrationen im ganzen Lande so aufgerüttelt

werden, "daß die Niederlegung der Arbeit aus der immer gespannter

werdenden Situation organisch herauswachsen", und daß der Volksprotest

"durch möglichst allgemeine Arbeitsruhe während der Parlamentsberatung

der Wahlrechtsfrage noch mehr verstärkt werden" könne.[288] Nach diesem

Plan wurde auch verfahren,[289] und da am 15. Mai die auf 2-3 Tage

berechnete Reichstagsdebatte beginnen sollte, so proklamierte die

sozialdemokratische Partei für den gleichen Tag und die gleiche

Dauer einen allgemeinen Ausstand im ganzen Lande,[290] einen

"Demonstrationsstreik",[291] der zeigen sollte, "daß die Arbeiterschaft

nicht gesonnen sei, sich politisch als quantité négligeable behandeln zu

lassen";[292] er sollte seine Spitze "nicht im geringsten gegen die

Unternehmer richten", sondern, "ausschließlich gegen die Regierung und

das Zensus-Parlament",[293] um letzterem die Abweisung der

Wahlrechtsvorlage nahe zu legen.

[Fußnote 280: Vgl. Allg. Ztg. 21./4.; Enquête, p. 377.]

[Fußnote 281: Das schwedische Wahlsystem soll damals nur 6,7% der

Bevölkerung das Wahlrecht gewährt haben, während z.B. in Norwegen

19,9%, in Deutschland 21,2% wahlberechtigt gewesen seien (vgl. N. Z. Z.

24./5.).]

[Fußnote 282: Vgl. _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen", p.

54.]

[Fußnote 283: Z.B. sollten Wähler über 40 Jahre 2 Stimmen haben.]

[Fußnote 284: Vgl. _Branting_, a. a. O.]

[Fußnote 285: Die Gewerkschaften wollten nicht in diese rein politische

Angelegenheit gezogen werden, vgl. _Branting_, "Schweden vor einer neuen

Stimmrechtskampagne", p. 624.]

[Fußnote 286: Auf einem außerordentlichen Kongreß in Stockholm vom

10.-13. April.]

[Fußnote 287: Vgl. N. Z. Z. 14./4.]

[Fußnote 288: _Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 421

und "Die schwedischen Reichstagswahlen", p. 54.]

[Fußnote 289: Am 20./4. fanden in ganz Schweden Kundgebungen zugunsten

des allgem. Stimmrechts statt; in Malmö allein demonstrierten 15 000

Personen (vgl. Allg. Ztg. 21./4.); ebenso am 27./4. in den meisten

schwedischen Städten; in Stockholm zählte man 30-40 000 Teilnehmer. Am

12./5. erschien der Bericht der Reichstagskommission, wonach das

Stimmrecht erst von 25 Jahren an ausgeübt werden, ferner an Besitz usw.

gebunden sein sollte (vgl. Allg. Ztg. 13./5.).]

[Fußnote 290: Vgl. N. Z. Z., 15. und 24. Mai; Allg. Ztg. 15./5.]

[Fußnote 291: Vgl. _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen", p.

54; man habe erkannt, "daß die Zeit für einen wirklichen, durch einen

ökonomischen Druck auch politisch wirkenden Massenstreik noch nicht

gekommen" sei.]

[Fußnote 292: Allg. Ztg. 15./5. 02.]

[Fußnote 293: _Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 421

ff.]

Die Massen, gut diszipliniert und vorbereitet, folgten in fast allen

bedeutenderen Städten,[294] "in fast allen Teilen des Landes"[295] dem

Streikgebot,[296] sodaß der Ausstand am 17. Mai mit 116 bis 120 000

Teilnehmern,[297] einen Umfang erreichte, "der die kühnsten Erwartungen

weit übertraf".

[Fußnote 294: _Leimpeters_, "Zum Generalstreik", p. 431.]

[Fußnote 295: _Branting_, a. a. O. p. 420.]

[Fußnote 296: Am 15. streikten bereits in Stockholm 15 000 Fabrik-,

Werkstätten-, Verkehrsarbeiter und Setzer (vgl. N. Z. Z. und Allg. Ztg.

16./5.), am 16. über 30 000 (vgl. N. Z. Z. 17./5.), am 17. war die

Arbeitsruhe in Stockholm mit über 42 000 Ausständigen fast vollständig

(vgl. _Branting_, a. a. O. und "Die schwedischen Reichstagswahlen", p.

54); in Malmö war der Streik mit 13 000 Teilnehmern "fast vollständig"

(_Branting_, a. a. O.); dort standen schon am 15./5. die Fabriken und

Druckereien still (Allg. Ztg. 16./5.); 12 000 streikten in Gotenburg

(_Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 422); schon am

15./5. herrschte allg. Streik in Helsingborg (Allg. Ztg. 16. Mai). Es

wird als auffallend gemeldet, daß das "schwedische Manchester",

Norrköping, sich nicht dem Streik anschloß (N. Z. Z.), daß am 15. der

Streik in mehreren Städten "noch nicht allgemein" war, daß in Gotenburg

z.B. am 15. noch die Drucker, Straßenbahner, Gasarbeiter,

Droschkenkutscher arbeiteten (vgl. N. Z. Z. und Allg. Ztg. 16./5.);

diese negative Umschreibung des Streikumfangs gibt einen Fingerzeig für

die Größe der Bewegung; die Gesamtzahl der Streikenden im ganzen Land

betrug am 16. Mai schon 75-100 000 (N. N. Z. 17./5.).]

[Fußnote 297: _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen";

_Bourdeau_, p. 431.]

Die Wirkungen des Streiks machten sich sofort sehr unangenehm

bemerklich,[298] am meisten in Stockholm, das infolge der

Verkehrsstockung den Eindruck einer kleinen Provinzstadt erweckt haben

soll.[299] Die Zeitungen fehlten, wie auch anderwärts,[300] die

Beleuchtung litt.[301] Hingegen konnte die Wasser-, und anscheinend auch

die Nahrungsmittel-Versorgung aufrecht erhalten werden,[302] wie ja

seitens der Ausständigen von Anfang an "die für das Leben und die

Gesundheit der Bewohner unbedingt erforderliche Arbeit" als zulässig

erklärt worden war.[303] Der in solchen Maßnahmen zum Ausdruck

gelangenden Friedfertigkeit entsprach auch die von Freund und Feind

anerkannte "imponierende Ruhe" und "musterhafte Ordnung"[304] während

des Streiks, die denn auch den Arbeitern viele Bundesgenossen aus den

Reihen der Intelligenz zugeführt haben soll.[305] Mit "ruhiger

Präzision" wurde die Arbeit nach Schluß der Reichstagsdebatte am 17. Mai

auch wieder aufgenommen.[306]

[Fußnote 298: _Bourdeau_, a. a. O.; _Branting_, "Die Generalstreikprobe

in Schweden", p. 422.]

[Fußnote 299: N. Z. Z. 17./5.; der ganze Lokalverkehr lag danieder: vom

Morgen des 15. an stockte der Verkehr der Trams, Droschken,

Arbeitswagen, Dampfer (vgl. Allg. Ztg. 16./5.); in Malmö verkündeten die

Arbeiter der Staatsbahnwerkstätten ihren Streik für den 16., so daß man

schon den Anschluß der Eisenbahner fürchtete (vgl. Allg. Ztg. 15./5. und

N. Z. Z. 16./5.).]

[Fußnote 300: _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen"; die

Zeitungen fehlten in Stockholm und Malmö vom 16. an (vgl. Allg. Ztg.

15./5., N. Z. Z. 16./5.); nur das Regierungsorgan erschien (vgl. Allg.

Ztg. 17./5.); die Zeitungen drohten vergeblich mit einer 14tägigen

Aussperrung (N. Z. Z. 17./5.).]

[Fußnote 301: Stockholm war schlecht beleuchtet, da Gas- und

Elektrizitätsarbeiter streikten, sogar die Theatervorstellungen mußten

wegen des Streiks des Hilfspersonals abgesagt werden (Allg. Ztg.

17./5.).]

[Fußnote 302: Allerdings wollten z.B. in Upsala die Bäckereien, in

Malmö Kaffees und Restaurants für drei Tage den Betrieb einstellen (vgl.

Allg. Ztg. 15. und 17. Mai).]

[Fußnote 303: Allg. Ztg. 15./5.]

[Fußnote 304: _Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 420;

_Bourdeau_, a. a. O.; "alle Welt auf den Straßen, aber nicht eine

Fensterscheibe zerbrochen", "alles viel ruhiger als in gewöhnlichen

Zeiten"(?), rühmt _Branting_ ("Die schwedischen Reichstagswahlen"). Auch

bei den voraufgehenden Demonstrationen scheinen keine ernstlichen

Zwischenfälle vorgefallen zu sein; ein Krawall am 21. April in

Stockholm, bei dem mehrere Personen durch Säbelhiebe verwundet wurden

(Allg. Ztg. 20./4, N. Z. Z. 24./4.; _Branting_, "Die Generalstreikprobe

in Schweden"), soll insofern durch die Polizei veranlaßt worden sein

(vgl. _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen"), als sie die

Arbeiter am Demonstrieren habe hindern wollen (?). -- Bei der Kürze der

Bewegung und dem ruhigen Temperament der Schweden ist der friedliche

Verlauf nicht überraschend; auch drangen die Arbeiterführer energisch

auf Ordnung, und die Regierung duldete im allgemeinen überall die

friedlichen Straßendemonstrationen (_Branting_, "Die Generalstreikprobe

in Schweden"). Die Regierung hatte übrigens schon vor dem Ausstand

Truppen aus den Provinzgarnisonen nach Stockholm gezogen; sie verfügte

dort die Absperrung einiger innerer Stadtteile (Allg. Ztg. 15./5.).]

[Fußnote 305: _Branting_, "Die schwedischen Reichstagswahlen".]

[Fußnote 306: _Branting_, a. a. O. und "Die Generalstreikprobe in

Schweden", p. 422; der sozialdemokratische Direktionsausschuß in

Stockholm gab am 17./5. die telegraphische Parole aus, daß am gleichen

Abend um 6 Uhr der Ausstand zu beendigen sei (vgl. Allg. Ztg. 18./5.;

_Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 422).]

Der Reichstag hatte wirklich die Regierungsvorschläge verworfen und auf

das Jahr 1904 einen neuen Entwurf mit allgemeinem Stimmrecht

verlangt.[307] Damit war durchaus erreicht, was erreicht werden sollte:

ein Unerwünschtes war abgewehrt, ein Erwünschtes zudem in greifbare Nähe

gerückt.[308] Immerhin kann bezweifelt werden, ob diese Fortschritte

nicht vielleicht auch ohne den kostspieligen Apparat eines

Klassenstreiks zu erringen gewesen wären.[309]

[Fußnote 307: N. N. Z. 15. und 24. Mai; Allg. Ztg. 17./5.]

[Fußnote 308: Wenn man zunächst auch nur "eine vieldeutige, tastende,

sehr wenig verpflichtende Reichstagsresolution" gewonnen habe, so sei

nun doch die Stimmung im Reichstag dem allg. Wahlrecht günstiger, jede

Partei sich der Dringlichkeit der Reform bewußt geworden (_Branting_,

"Die schwed. Reichstagswahlen"; _Bömelburg_, Prot. Gwft. Kongr. Köln

1905, p. 220 ff.), wodurch die schwedische Stimmrechtsfrage "in eine

neue Phase getreten" sei (_Branting_, "Schweden vor einer neuen

Stimmrechtskampagne"); doch da es sich von Anfang an nur um eine

Demonstration handelte, kann "von Gelingen oder Nicht-Gelingen hier

keine Rede sein" (_Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches

Kampfmittel").]

[Fußnote 309: Die N. Z. Z. 24./5., nimmt sogar an, der Streik habe

überhaupt keinen Einfluß auf die Reichstagsbeschlüsse gehabt.]

Die Arbeiter scheinen nur wenig unter den Nachwirkungen des Streiks

gelitten zu haben. Die unmittelbar folgenden Maßregelungen waren nicht

sehr erheblich,[310] und der angedrohte Streikrechtsentzug kam um so

weniger zu Stande,[311] als die Arbeiterorganisationen den Klassenstreik

inzwischen "begraben" hatten. Denn obgleich die Wahlreform sich über

Erwarten verzögerte, obgleich der finnische Nationalstreik seinen

Eindruck auf die schwedischen Arbeiter nicht verfehlte,[312] und

obgleich eine kleine "anarchosozialistische" Partei-Opposition zum

Generalstreik drängte,[313] ergab eine detaillierte Umfrage bei den

Arbeitern, besonders bei den gewerkschaftlich organisierten,[314] die

Ablehnung zwar nicht des Klassenstreiks an sich, wohl aber des

Klassenstreiks im damals vorliegenden. Falle.[315] Da die bloße

Wiederholung des Demonstrationsstreiks überdies gar keine Wirkung

versprochen, ein mehrwöchentlicher Ausstand aber die Arbeiterschaft den

größten Gefahren ausgesetzt hätte,[316] so ließ die Partei den Gedanken

des Klassenstreiks vorläufig fallen.

[Fußnote 310: _Branting_ ("Die Generalstreikprobe in Schweden" p. 423)

nimmt an, die schwedischen Arbeiter seien durch den Kampf gestärkt

worden; dies ist doch wohl fraglich: ein vor dem Streik angesammelter

Fonds von 80 000 Kr., um "Bürger, die ohne eigenes Verschulden

vielleicht von den Behörden drangsaliert werden", zu unterstützen

(Gerichtskosten und dergl.), soll "durch die Konflikte unter den

Streikenden stark mitgenommen" worden sein (_Branting_, "Schweden vor

einer neuen Stimmrechtskampagne", p. 623). _Branting_ ("Die schwed.

Reichstagswahlen") gibt auch einige Fälle zu, "wo fanatische Feinde der

Arbeiterbewegung die Situation für Repressalien auszunützen sich

bemühten". -- Nach _Roland-Holst_ ("G-str. u. Sozd.", p. 62) soll es nur

in einer großen Fabrik zu einer kurzen Aussperrung gekommen sein; den

Gewerkschaften habe der Streik "so gut wie keine Opfer" gekostet.]

[Fußnote 311: Der infolge des Streiks entstandene Gesetzentwurf gegen

gemeingefährliche Streiks wurde im Mai 1905 im Reichstag behandelt, von

der 2. Kammer aber abgelehnt (vgl. _Axel Hirsch_, "Lagförslaget mot

allmänfarliga sträjker").]

[Fußnote 312: Es soll "das Beispiel Finnlands, das durch seinen

Nationalstreik das Einkammersystem und allgemeines Stimmrecht für Männer

und Frauen mit einem Schlage erreicht hat,... auf die Arbeiter Schwedens

tief gewirkt" haben (_Branting_, "Die liberale Episode im schwedischen

Wahlrechtskampf").]

[Fußnote 313: Die sog. "Jungsozialisten", unter Führung von _Hinke

Bergegren_, "die nach anarchistischem Muster den Generalstreik als

sozialrevolutionäre Tat feiern" und eine eifrige G-str.-Propaganda

betrieben (vgl. _Branting_, "Schweden vor einer neuen

Stimmrechtskampagne"; Rdsch. Soz. Mh. Jan. 07).]

[Fußnote 314: Die Umfrage wurde von der Parteileitung veranstaltet, um

dem Parteitag im Februar 1905 zuverlässiges Material über die Stimmung

der Massen zu liefern; schon 1904 hatte die Partei, bei allem Interesse

für die Wahlreform, vorläufig von einem G-str. abgesehen (Rdsch. Soz.

Mh. Mai 04, p. 410).]

[Fußnote 315: Rdsch. Soz. Mh. 05, p. 354, 355; _Branting_, a. a. O. p.

623, 624.]

[Fußnote 316: Die gefestigte Unternehmerorganisation würde sich "nicht

noch einmal überrumpeln" lassen (_Branting_; _Roland-Holst_, "G-str. u.

Sozd.", p. 62); auch würden die Arbeiter bei einem zweiten Streik das

Publikum gegen sich gehabt haben (_Branting_); der Streik würde zu

Konflikten mit der bewaffneten Macht geführt haben.]

§ 12. Österreich.

In der österreichischen Wahlrechtsbewegung spielte der Klassenstreik

ebenfalls eine beträchtliche Rolle, wenngleich es hier bei der bloßen

Androhung sein Bewenden haben sollte. Der belgische Wahlrechtsstreik von

1893 legte der österreichischen Sozialdemokratie damals schon den

Gedanken nahe, das veraltete Wahlsystem nach belgischem Muster zu

bekämpfen.[317] Da die erlangte mäßige Wahlreform nicht

befriedigte,[318] so zog der Wiener Parteitag von 1894[319] als letztes

Auskunftsmittel den Klassenstreik in Betracht, nahm aber von dessen

momentaner Ausführung wegen zu geringer Entwicklung der Organisationen

noch Abstand.[320] Mit der Steigerung der Wahlrechtsbewegung[321]

entwickelte sich auch wieder eine eifrigere Diskussion des

Klassenstreiks, dessen Ansehen seit der von den belgischen Arbeitern

1902 erwiesenen Rückzugsmöglichkeit beträchtlich zugenommen hatte.[322]

Der besonders von den Bergarbeitern längere Zeit vertretene

Standpunkt,[323] den Klassenstreik nicht nur für das Wahlrecht, sondern

zugleich auch für den Achtstundentag zu inszenieren,[324] wurde gänzlich

aufgegeben. Doch handelte es sich für die österreichische

Sozialdemokratie auch jetzt noch mehr um akademische Erörterungen.[325]

Akut wurde die Frage erst, nachdem in Ungarn das allgemeine Wahlrecht

zugesichert worden war. Die Kampflust des Parteitags von 1905 wurde

durch die Kunde von dem gleichzeitig erlassenen russischen

Oktobermanifest noch um ein Beträchtliches gesteigert; so forderte er

denn die Arbeiter zur Bereitschaft für den politischen Massenstreik auf

und wies die Vertrauensmänner an, denselben im entscheidenden Moment zu

proklamieren.[326] Dem Drängen nicht nur des Proletariats, sondern

weitester Kreise des Bürgertums[327] nachgebend, erfolgte endlich die

Zusicherung der Wahlreform;[328] die Sozialdemokratie hielt daher

vorerst noch mit dem Äußersten zurück.[329] Sobald indeß die Reform im

Parlament auf Schwierigkeiten stieß, wurde das Arbeiterheer

mobilisiert.[330] Und zwar sah das sozialistische Aktionsprogramm bei

weiterer "Wahlreformverschleppung" zunächst einen dreitägigen

Demonstrationsstreik nur der Wiener Arbeiterschaft vor, um dem Gegner

gleichsam einen Vorgeschmack des allgemeinen Ausstands zu geben; sollte

auch diese letzte Drohung keinen Eindruck machen, so hätte der

Massenstreik in ganz Österreich zu folgen.[331] Die Wiener

Massenmeetings und zahlreiche andere Versammlungen pflichteten diesem

Plan, sowie den von den Führern getroffenen Vorbereitungen durchaus

bei.[332] Die Massenstreikbereitschaft veranlaßte natürlich

Gegenmaßregeln: die Regierung verstärkte die Wiener Garnison;[333] die

Vereinigung der Arbeitgeber Österreichs beschloß, trotz ihrer Sympathie

für das allgemeine Wahlrecht, dem dreitägigen Ausstand event. mit einer

entsprechenden Aussperrung zu begegnen;[334] im Parlament wurden Stimmen

laut, man solle die Wahlreform nun erst recht verweigern, als Protest

gegen den beabsichtigten Druck von außen.[335] Dennoch kam sie zu

Stande, und glücklicherweise ohne daß der angekündigte politische

Ausstand ausgeführt wurde. Aber die Wahlreform ist nicht eigentlich der

Klassenstreikdrohung zu danken, oder doch nur zum kleinsten Teil.[336]

Die _Klassenstreikdrohung_ mag den Gang der Ereignisse etwas

_beschleunigt_ haben; diese selbst aber hatten ihre Ursache nicht in

proletarischen Sonderwünschen, sondern im Gesamtempfinden des

österreichischen Volkes.

[Fußnote 317: Vgl. Prot. Parteitg. Wien 1894, Bericht der

Parteileitung, p. 4-6, _Adler_, p. 31, 34. Am 20. Aug. 1893 war

gelegentlich einer Massendemonstration für das allg. Wahlrecht im Wiener

Prater zum ersten Mal öffentlich vom "Generalstreik" die Rede.]

[Fußnote 318: Nach dem Scheitern des Taaffe'schen Wahlprojekts

(_Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 21).]

[Fußnote 319: 25.-31. März 1904. Auf Anregung der Parteivertretung und

gemäß dem Beschluß einer am 8. Okt. 1893 in Wien zusammengetretenen

Reichskonferenz der österreichischen Sozialdemokratie wurde "das

allgemeine Wahlrecht und der Generalstreik" als dritter Punkt der

Tagesordnung behandelt und eine _Adler_'sche Resolution hierüber

angenommen.]

[Fußnote 320: Prot. Parteitage Wien 1894 (p. 105), 1905 (p. 127, 128).]

[Fußnote 321: Diese nahm schon 1903 wieder recht energische Formen an

und führte sogar zu blutigen Zusammenstößen mit dem Militär, z.B. in

Brünn am 7./9. 03 (Prot. Parteitg. Wien 05, p. 127 ff.); in den

folgenden Jahren fanden allenthalben große Wahlrechtsdemonstrationen

statt, z.B. am 10. Okt 05 in Prag, (bei Eröffnung des Landtags), wobei

ca. 40 000 Menschen teilnahmen, unter allgemeiner Arbeitsruhe (Alfred

_Weber_, "Die Wahlrechtsfrage in Österreich").]

[Fußnote 322: Vgl. Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 122-133.]

[Fußnote 323: Bes. am Budweiser Parteitag (vgl. Prot. Parteitg. Wien

1894, p. 55, 71 ff., 97).]

[Fußnote 324: Prot. Parteitag Wien 1905, p. 131.]

[Fußnote 325: Prot. Parteitag Wien 1905, _Adler_, p. 125.]

[Fußnote 326: Prot. Parteitag Wien 05, p. 66-69. -- An den Parteitag

schlossen sich große Demonstrationen in Wien an, die sich (gemäß

Parteitagsbeschluß, vgl. Prot. p. 110) am 28. Nov., dem Tag der

Parlamentseröffnung, nicht nur in Wien, sondern im ganzen Lande

wiederholten, wodurch eine kurze allgemeine Arbeitsruhe entstand (vgl.

"Die neue Gesellschaft", Nr. 37, 1905, Glossen); in Wien beteiligten

sich ca. 1/4 Million, in Prag ca. 150 000 Personen (Rdsch. Soz. Mh. Jan.

1906, p. 85). -- Ein analoger Vorgang fand übrigens beim Zusammentritt

des _ungarischen_ Reichstags am 10. Okt. 1907 statt: vor allem in Pest,

doch auch im übrigen Reich, herrschte Arbeitsruhe, da die Arbeiter,

unter dem Beifall der ganzen Bevölkerung, für das allg. Wahlrecht

demonstrierten. (Vgl. z.B. "Züricher Post" vom 12. Okt. 07). -- Der

Parteitag der ungarischen Sozialdemokratie hatte Ostern 1905 für den

Massenstreik zur ev. Erkämpfung des allg. Wahlrechts votiert (Vgl.

Rdsch. Soz. Mh. Juni 05, p. 551).]

[Fußnote 327: Selbst bei den Demonstrationen sollen Angehörige der

Mittelklassen sich scharenweis beteiligt haben (_Weber_, a. a. O.; Soz.

Mh. Rdsch. Jan. 06, p. 85).]

[Fußnote 328: Arbeiter-Ztg., 12. Juni 06.]

[Fußnote 329: Prot. Parteitg. Wien 05, p. 132 ff., sowie

Versammlungsberichte usw. in der Arbeiter-Ztg. 19. Nov. ff.]

[Fußnote 330: Vgl. Rdsch. Soz. Mh. Juni 06, p. 516. Vertreter der

Partei, der Gewerkschaften und der Fraktion forderten im Manifest vom 9.

(oder 10.) Juni die Arbeiterschaft zur Vorbereitung des Massenstreiks

auf (Arbeiter-Ztg. 10. Juni 06).]

[Fußnote 331: Arbeiter-Ztg. 12. Juni 06.]

[Fußnote 332: Vgl. Vorwärts, 19. Juni 06. Am 14. Juni war die von der

Gesamtparteivertretung berufene und von allen Landesorganisationen und

sämtlichen gewerkschaftlichen Verbänden beschickte Konferenz in Wien

zusammengetreten und hatte über die Vorbereitung eines ev. Massenstreiks

beraten (vgl. Arbeiter-Ztg. 15. Juni), sich mit dem Manifest vom 9. Juni

einverstanden erklärt, die Arbeiter aufgefordert, unverzüglich die

letzten Vorbereitungen zu treffen, sowie einem aus Mitgliedern der

Parteivertretung, der Gewerkschaftskommission und der Fraktion

gebildeten Zentralkomitee in Wien die Aufgabe zugewiesen, sobald die

Wahlreform im Parlament stockte, sofort die Parole zum 3tägigen Wiener

Ausstand, resp. zum allg. österr. Massenstreik zu geben, zu dessen

Ausführung in den einzelnen Ländern dem Zentralkomitee entsprechend

zusammengesetzte Landeskomitees bestanden, die sich dann direkt mit den

Lokalkomitees in Verbindung setzen sollten (Arbeiter-Ztg. 15. Juni 06).]

[Fußnote 333: Vgl. Arbeiter-Ztg. 24. Juni 06.]

[Fußnote 334: Arbeitgeber-Versammlung in Wien am 26. Juni 06 (vgl.

Arbeiter-Ztg. 27. Juni und Frankfurter Ztg. 27. Juni 06).]

[Fußnote 335: Arbeiter-Ztg. 24. Juni 06.]

[Fußnote 336: Selbst der Vorwärts, 12. Juli 06, erklärt, die österr.

Wahlreform sei "weniger die Frucht des proletarischen Kampfes, als der

nationalistischen Verlegenheiten der Krone" gewesen.]

* * * * *

Gegenüber dem Umfang dieser Wahlrechtsstreik-Propaganda treten die

übrigen klassenstreikartigen Erlebnisse Österreichs beträchtlich zurück.

Immerhin muß an den _Generalstreik in Triest_ vom Jahre 1902 erinnert

werden, der übrigens seinem ganzen Charakter nach den romanischen

Klassenstreiks zuzuzählen wäre. Er soll wegen "der rücksichtslosen

Habgier der Lloydinteressenten"[337] ausgebrochen sein und sich "gegen

ein 150 Jahre altes Gesetz über den Seedienst und gegen den Mißbrauch

der Marinesoldaten zu Streikbrecherdiensten"[338] gerichtet haben. Das

ganze Triester Proletariat habe sich aus Solidarität am Ausstand der

Seeleute beteiligt.[339] Es kam zu blutigen Zusammenstößen;[340] doch

die Arbeiter sollen die Sympathien der Gesamtbevölkerung auf ihrer Seite

gehabt haben,[341] und diesem Umstand, nicht aber dem "ökonomischen

Furor",[342] dürften sie den freilich teuer erkauften Sieg[343]

verdanken.

[Fußnote 337: Rdsch. Soz. Mh., April 02, p. 318.]

[Fußnote 338: Bericht der italienischen Parteiexekutive in Triest an

den Parteitag (vgl. Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 32, 33).]

[Fußnote 339: Mit diesem Ausstand dürfte wohl der G-str. in _Fiume_ in

Verbindung stehen, der am 1. April unter den Hafenarbeitern und Heizern

der ungarischen Schiffahrtsgesellschaft "Adria" ausbrach, dem sich am 3.

April zahlreiche Fabrikarbeiter anschlossen, der aber schon am folgenden

Tage als beendigt angesehen wurde (vgl. N. Z. Z. 2.-4. April 02).]

[Fußnote 340: Da Ruhestörungen vorfielen, wurde der Ausnahmezustand

verhängt (vgl. Prot. Parteitg. Wien 03, p. 54) und Militär gegen die

Streikenden aufgeboten (vgl. Rdsch. Soz. Mh., April 02, p. 318).]

[Fußnote 341: Soz. Mh., April 02.]

[Fußnote 342: Dessen wüste Szenen der "_Weckruf_", April 05, Nr. 7,

ausmalt (cit. vom Sekretariat des _Schweizerischen Gewerbevereins_,

"Begleiterscheinungen bei Streiks", p. 12).]

[Fußnote 343: Die Arbeiter des Seeverkehrs sollen sich die

Organisationsmöglichkeit erkämpft haben; der Streik habe 12

Menschenleben, unzählige Verwundungen und Jahre Kerkers gekostet; die

Partei habe übrigens aus dem Streik nur Nutzen gezogen (Prot. Parteitg.

Wien 1903, p. 32, 33, 38).]

§ 13. Deutschland.

In Deutschland begegnete der Klassenstreik-Gedanke ursprünglich

energischer Ablehnung.[344] "Das Wort des Genossen _Auer_:

Generalstreik ist Generalunsinn, wurde so ziemlich allgemein (in der

sozialdemokratischen Partei) als zutreffend akzeptiert".[345] Allerdings

erklärten sich anfangs der 1890er Jahre die "_Jungen_" (auch Berliner

Opposition genannt)[346] für den "gewaltrevolutionären Generalstreik zur

Niederwerfung der politischen und ökonomischen Herrschaft der

Bourgeoisie";[347] sie erlitten aber mit derartigen Anschauungen auf dem

Erfurter Parteitag (1891) eine vollständige Niederlage.[348] Anderthalb

Jahrzehnte später beherrschte die Klassenstreikidee das ganze

Parteileben der deutschen Sozialdemokratie. Freilich erschien diese Idee

nicht in ihrer alten, revolutionär-anarchistischen Form, sondern zumeist

in der "durch materialistische Geschichtsauffassung vertieften"

Spielart,[349] als politischer Massenstreik. Eine ganze Reihe

zusammentreffender Umstände haben diese Wandlung veranlaßt. Es lassen

sich _fünf Hauptquellen der deutschen Massenstreikbewegung_ nachweisen.

[Fußnote 344: Vgl. z.B. Edm. _Fischer_, "Die neueste Revision unserer

Theorie und Taktik", p. 292.]

[Fußnote 345: _Kolb_, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 207.]

[Fußnote 346: Die Bewegung der "Jungen" entwickelte sich nach den

Wahlerfolgen von 1890; in ihrem Tatendrang verachteten die "Jungen" den

Parlamentarismus; es schwebte ihnen eine revolutionär-sozialistische

Gewerkschaftsbewegung vor.]

[Fußnote 347: Vgl. _Kampffmeyer_, "Der Generalstreik und die Eroberung

der ökonomischen Macht", und ders., "Eine Wiedergeburt der

Unabhängig-sozialistischen Bewegung?".]

[Fußnote 348: Prot. Parteitg. Erfurt 1891, p. 222. Aus den

G-str.-Schwärmern unter den "Jungen" wurden später vielfach überzeugte

Gegner, wie z.B. _Kampffmeyer_; vgl. auch _Kloth_, "Generalstreik und

Maifeier auf dem Gewerkschaftskongreß in Köln".]

[Fußnote 349: Frankf. Ztg., Leitart. über den M-str., 5./7. 06, Nr.

183.]

1. In erster Linie waren es die _inneren politischen Verhältnisse_, die

die Diskussion des politischen Massenstreiks heraufbeschworen. Der

politische Einfluß des Proletariats entsprach keineswegs den

Erwartungen, die im Jahre 1903 von der Partei an ihren 3 Millionen-Sieg

geknüpft worden waren;[350] alles war beim alten geblieben,[351]

ja, "die in verschiedenen Staaten versuchte oder durchgeführte"

Wahlrechtsverschlechterung[352] schien sogar auf eine Verstärkung

der Reaktion hinzuweisen. Je mehr die Partei sich der eigenen

Machtlosigkeit bewußt wurde, um so größere Besorgnisse hegte sie

hinsichtlich einer Verkürzung der politischen Rechte, insbesondere des

Reichstagswahlrechts.[353] Beim sächsischen "Wahlrechtsraub" freilich

hatte, nach Bebels eigenen Worten, "überhaupt noch kein Mensch an den

politischen Streik... gedacht";[354] später aber veranlaßten

Enttäuschung und Besorgnis die deutschen Sozialisten, oder doch gewisse

politisch führende Kreise derselben, zu einer _Revision_ ihrer _Taktik_.

Auf zwei Wegen konnten sie das verlorene Ansehen zurückzugewinnen

versuchen: waren sie einsichtig genug, ihre Ohnmacht aus der doktrinären

Intoleranz herzuleiten,[355] so mußten sie die in Dresden beschlossene

Intransigenz aufgeben und, mit Benutzung der erreichbaren

parlamentarischen Wege, eine praktische Sozialpolitik anstreben; sahen

sie ihre Einflußlosigkeit aber gerade als Folge einseitiger Pflege oder

Überschätzung[356] des Parlamentarismus an, so mußten sie auf weitere

Isolierung halten und neben (oder statt) dem für ungenügend befundenen

Parlamentarismus außerparlamentarische Aktionen, "eindringlichere

Kampfmittel",[357] suchen. Diesen letzteren Weg schlug die deutsche

Sozialdemokratie ein, und das Resultat war die "Aufzäumung des

Generalstreikgauls".[358]

[Fußnote 350: Vgl. _Giesberts_, "Die Utopie des Generalstreiks", p.

35.]

[Fußnote 351: Dr. _Liebknecht_ (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 326).]

[Fußnote 352: Vgl. "Hamburger Echo", Leitart. über

"Anarcho-Sozialismus" (27. Aug. 05, Nr. 200). -- Es handelte sich um

"die Wahlrechtsräubereien in Sachsen, Lübeck und Hamburg, die

Verschlechterung des Gemeindewahlrechts in zahlreichen Städten, die...

immer offener heraustretenden Absichten auf Einschränkung des

Reichstagswahlrechts" (_David_, "Rückblick auf Jena", p. 841).]

[Fußnote 353: Vgl. _Bömelburg_ (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 215);

vgl. auch _Cohnstaedt_, "Generalstreik, Massenstreik und

Sozialdemokratie", p. 748. Eine Resolution des Breslauer

sozialdemokratischen Vereins vom 29. Mai 05 (vgl. Vorwärts, 1./6. 05)

forderte bereits, "in solchen Fällen, wo dem Volke wirkl. Rechte

genommen werden sollen", den pol. Str. ev. ernsthaft in Betracht zu

ziehen. Mit dem Reichstagswahlrecht sei zugleich auch das

Koalitionsrecht bedroht (_Kautsky_, Vorwort zu _Roland-Holst_, "G-str.

u. Sozd.").]

[Fußnote 354: Prot. Parteitg. Jena 05, p. 337.]

[Fußnote 355: Frankf. Ztg. a. a. O.; Eugen _Katz_, "Der politische

Massenstreik" Nr. 33, p. 3.]

[Fußnote 356: Vgl. _Michels_, "Le Socialisme allemand et le Congrès

d'Jéna", p. 281-307.]

[Fußnote 357: Vgl. z.B. _Roland-Holst_, "Zur Massenstreikdebatte", p.

685 und Dr. _Liebknecht_, a. a. O.]

[Fußnote 358: v. _Gerlach_, "Maifeier und Massenstreik". _Katz_, a. a.

O., wirft die Frage auf, ob man den Arbeitern nicht etwa deshalb "das

Opium des Massenstreiks" eingegeben habe, "damit sie die Unfruchtbarkeit

der marxistischen Politik so bald nicht erkennen?"]

2. Es ist nicht überraschend, daß man auf der Suche nach dem

außerordentlichen Rettungsmittel gerade auf den Klassenstreik verfiel.

Praktische _Versuche in andern Ländern_ standen schon reichlich als

_Vorbilder_ zu Gebote.[359] So soll der schwedische und der

italienische, sollen die belgischen Klassenstreiks einen Einfluß auf die

deutsche Arbeiterbewegung ausgeübt haben.[360] Der Ruhrstreik Anfang

1906 lenkte ebenfalls die Aufmerksamkeit auf Massenaktionen mit

politischer Tragweite. Später mag auch die österreichische Wahlbewegung,

vor allem aber die russische Revolution[361] die Klassenstreik-Neigungen

gefördert haben.

[Fußnote 359: Übrigens wäre, wie _Heine_ ("Politischer Massenstreik im

gegenwärtigen Deutschland?" p. 754) hervorhebt, bloß um der

ausländischen Versuche willen die Massenstreikdiskussion in Deutschland

nicht notwendig gewesen.]

[Fußnote 360: _Bracke_, Enquête, p. 86; _Bömelburg_ (Prot. Gwft. Kongr.

Köln 05, p. 215); _Bebel_ (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 307);

_Cohnstaedt_, a. a. O.]

[Fußnote 361: _Bernstein_, "Politischer Massenstr. und

Revolutionsromantik"; vgl. auch _Lensch_, "Politischer Massenstreik und

politische Krisis"; _Liebknecht_ in Bremen: "die Frage des Massenstreiks

ist die aktuellste Frage unserer gegenwärtigen und künftigen Politik"

(Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 196); _Kautsky_ ("Zum Parteitag")

rechnete schon "mit der Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit

revolutionärer Situationen"; Edm. _Fischer_, a. a. O., wirft der

_Leipziger Volkszeitung_ vor, daß sie, nach ihrem Artikel "Märzluft" vom

8. (oder 18.?) März 04, den revolutionären Generalstreik schon nahe

glaube; "zum Glück", meint _Fischer_, "denkt in unserer Partei kein

Mensch daran, diese Phrasen ernst zu nehmen".]

3. Einen ferneren Hinweis auf den politischen Ausstand gaben die

_internationalen Kongresse_, voraus der Kongreß von Amsterdam.

4. Weit größere Bedeutung aber erlangten die _akademischen Erörterungen_

des Problems.[362] Sie gingen übrigens von sehr verschiedenen Seiten

aus: die größten Partei-Antipoden traten gleich warm für den

Klassenstreik ein; freilich dachten sie sich oft ganz verschiedene Dinge

darunter, was nicht wenig zu den späteren Verwirrungen beitrug.

[Fußnote 362: _Heine_, a. a. O.; bei der geringen politischen Bedeutung

der deutschen Sozialdemokratie hätten diese akademischen Erörterungen

übermäßige Bedeutung erlangt.]

_Kautsky_ hatte schon 1891 darauf hingewiesen, daß unter Umständen

"ausgedehnte Arbeitseinstellungen große politische Wirkungen hervorrufen

können".[363] -- Angeregt durch den ersten belgischen Wahlrechtsstreik

sprach _Bernstein_ sich 1894 für den "Streik als politisches

Kampfmittel" aus, speziell für den Streik als politisches

Demonstrationsmittel.[364] 1896 untersuchte _Parvus_ die

Wahrscheinlichkeit eines Staatsstreichs und kam zu dem Ergebnis, daß nur

der politische Massenstreik im Stande sei, unter Umständen eine bedrohte

Verfassung zu schützen.[365] Aber alle diese Anregungen, selbst

_Parvus'_ "Kassandrarufe", verhallten, "ohne in der Arbeiterschaft

besondere Beachtung zu finden".[366]

[Fußnote 363: _Kautsky_, "Die soziale Revolution" I, p. 50.]

[Fußnote 364: _Bernstein_, "Der Streik als politisches Kampfmittel".]

[Fußnote 365: _Parvus_, "Staatsstreich und politischer Massenstreik",

p. 199ff. Auch 1901 noch fand _Parvus_ mit seiner aus Handelskrise und

Generalstreik kombinierten Zusammenbruchstheorie, die er am 24. Sept.

1901 in der Dortmunder Arbeiter-Zeitung auseinandersetzte, wenig Anklang

(vgl. _Fischer_, "Die neueste Revision... usw.", p. 295).]

[Fußnote 366: _Flüchtig_, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 445.]

Der zweite belgische Wahlrechtsstreik brachte die literarische

Diskussion des Klassenstreiks von neuem in Fluß: _Bernstein_[367]

verwies, bei vollster Ablehnung anarchistischer Gedankengänge, auf die

Möglichkeit, ja Wünschbarkeit des friedlichen Demonstrationsstreiks zu

politischen Zwecken, wie speziell zur Reform des preußischen

Wahlsystems, und er bemühte sich vielfach in Wort und Schrift, diesem

Gedanken Geltung zu verschaffen. Auch _Kautsky_ griff den Gedanken des

Klassenstreiks wieder auf, der für ihn hauptsächlich das Mittel der

sozialen Revolution bedeutete. Deshalb erschien ihm auch der politische

Massenausstand für Deutschland vorläufig noch unanwendbar, seine

Diskussion also auch nicht dringlich, doch lehrreich und

wünschenswert.[368] Diese Diskussion nahm aber erst seit 1904, "vor,

während und nach dem Kongreß von Amsterdam"[369] einen lebhafteren

Charakter in Presse[370] und Versammlungen an; sie erhielt im Sommer

1905 durch die Veröffentlichung von _Roland-Holst's_ "Generalstreik und

Sozialdemokratie" neue Nahrung.[371] Dieses Buch, auf _Kautskys_

Veranlassung geschrieben und von ihm in einem Geleitwort der deutschen

Arbeiterschaft an's Herz gelegt, erschien gerade im geeigneten

Augenblick, um einen bedeutenden, aber nicht ungefährlichen Einfluß

ausüben zu können, da es sich ebenso sehr durch Übersichtlichkeit und

fesselnde Darstellung, als durch Verkennung der tatsächlichen

Machtverhältnisse Deutschlands auszeichnete.[372]

[Fußnote 367: _Bernstein_, "Der Kampf in Belgien und der politische

Massenstreik".]

[Fußnote 368: Zum besseren Verständnis des Auslands, zur klaren

Erkenntnis der eigenen Widerstandskraft, zur Vorbereitung auf den

Amsterdamer Kongreß wünschte _Kautsky_ eine lebhafte Diskussion der noch

wenig geklärten Frage (vgl. die Anmerkung der Redaktion in der "Neuen

Zeit", 22, I, p. 134; vgl. _Kautsky_, a. a. O.; ders., "Zum Parteitag",

"Der Bremer Parteitag", "Allerhand Revolutionäres"; ferner Vorwärts, 4.

Juli 06).]

[Fußnote 369: _Bebel_, "Der Bremer Parteitag", p. 742.]

[Fußnote 370: Z.B. in der "Neuen Zeit" im Anschluß an den Artikel von

_Hilferding_, "Zur Frage des Generalstreiks".]

[Fußnote 371: Hingegen gab das _Roland-Holst_'sche Buch nicht, wie der

_Vorwärts_ (4. Juli 06) annimmt, überhaupt erst den Anstoß zur deutschen

Massenstreikdebatte.]

[Fußnote 372: _Roland-Holst's_ Buch erschien sehr bald schon in 2.

Auflage; sicher hat es einen beträchtlichen Einfluß auf den Jenaer

Parteitag ausgeübt, obgleich es nicht an scharfer Kritik fehlte:

_Bernstein_ (in "Dokumente des Sozialismus", V. 9) wandte sich besonders

gegen die von _Roland-Holst_ vertretene Katastrophentheorie, griff auch

ihre Darstellung der belgischen Wahlrechtsbewegung an; _Heine_

verurteilt das "Gerede" über den Verlauf eines Massenstreiks in

Deutschland als ein "Phantasieprodukt ohne Realität" (a. a. O.); vgl.

auch die kritischen Bemerkungen bei _Katz_, a. a. O. Nr. 34.]

5. Eine wesentlich andre Auffassung vom Klassenstreik, als die

Parteischriftsteller verschiedener Richtung, vertraten, (vertreten

noch), die "_Anarchosozialisten_", (auch Berliner Lokalisten

genannt).[373] Der "Wahlrechtsraub in Sachsen", der "Bruch der

Geschäftsordnung im Reichstag", die Neutralitätserklärung der

Gewerkschaften hatten auch den Führer der Lokalisten, Dr. R.

_Friedeberg_, zu einer _Revision der Taktik_ veranlaßt, die ihn

geradewegs zu "proletarischen Massenaktionen", mit deren Hilfe die

"Ideale des Klassenkampfs" wieder in den Vordergrund gerückt werden

sollten,[374] zum anarchistischen Generalstreik führte. Um seine

Anschauungen auch dem Amsterdamer Kongreß nahe zu legen, sprach

_Friedeberg_ am 3. August 1904 in Berlin unter großem Beifall der

Anwesenden über "Parlamentarismus und Generalstreik".[375] Ebenso

versuchte er dem Jenaer Parteitag vorzudemonstrieren, daß die deutschen

Proletarier einen "neuen Kurs" verlangten.[376] Zu diesem Zweck sprach

er am 23. August 1905 in Berlin über "Weltanschauung und Taktik des

deutschen Proletariats" und veranlaßte seine 3-4000 Zuhörer,[377] eine

anarchosozialistische Resolution, mit Generalstreik als pièce de

resistence, anzunehmen (sogen. Feenpalast-Resolution, nach dem Namen des

Versammlungslokals).[378] Freilich wies die sozialdemokratische Partei

die Friedebergsche Generalstreikpropaganda zurück, wie überhaupt den

ganzen "anarchosozialistischen Spuk";[379] dennoch fühlte die Partei

sich eingestandenermaßen zum Teil gerade durch die großen Berliner

Versammlungen der Lokalisten zur Erörterung des Klassenstreik-Problems

genötigt.[380]

[Fußnote 373: _Giesberts_, a. a. O. p. 30, berechnet ihre Zahl auf 17

000; sie liegen in beständiger Fehde mit den Zentralverbänden;

_Kampffmeyer_ ("Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen

Macht") setzt die anarchosozialistische Bewegung in Parallele zur

Bewegung der "Jungen" von 1891; die Anarchosozialisten hatten sich unter

Führung von Dr. R. _Friedeberg_ samt ihrem Blatt, "Die Einigkeit", immer

mehr von den offiziellen Gedankengängen der Partei ab- und dem

Anarchismus zugewandt.]

[Fußnote 374: _Friedeberg_, Prot. Parteitg. Dresden 03.]

[Fußnote 375: Seine Resolution, die den Parlamentarismus verurteilt,

der Partei und den Gewerkschaften aber den Generalstreik als ethisches

Befreiungsmittel empfiehlt, (vgl. _Friedeberg_, "Parlamentarismus und

Generalstreik", p. 31, 32), soll mit Tausenden gegen 6 Stimmen

angenommen worden sein (vgl. _Friedeberg_, "Weltanschauung und Taktik

des deutschen Proletariats", Nr. 41); _Friedeberg_ erklärte in einer

Berliner Versammlung am 29./8. 04 die Stellungnahme des Amsterdamer

Kongresses für eine Konzession an seine Richtung (vgl. Allg. Ztg. 1./9.

04).]

[Fußnote 376: Die gleiche Absicht verfolgte die "_Einigkeit_" (Nr. 35,

Sept. 05, Beilage) mit ihrem Artikel "Jena".]

[Fußnote 377: Vgl. "_Einigkeit_", 2./9. 05; _Michels_, a. a. O. p. 287

ff.]

[Fußnote 378: _Friedeberg_, a. a. O.]

[Fußnote 379: Der Anarchosozialismus sei der unvermeidliche Ausbruch

"fortschrittshungriger Ungeduld", der "das Kind mit dem Bade"

ausschütten wolle (_Hue_, "Partei und Gewerkschaft"). Vorwärts, Leitart.

vom 4. Juli 06, Nr. 152, "Der politische Massenstreik"; _Kautsky_ ("Der

Bremer Parteitag", p. 7 ff.) meint, man müsse die Massenstreikdiskussion

nicht wegen, sondern trotz _Friedeberg_ betreiben; vgl. ders., Rezension

über _Friedebergs_ "Parlamentarismus und Generalstreik".]

[Fußnote 380: Vgl. _Bebel_ (Prot. Parteitag Bremen 04, p. 307);

mehrfach in der sozialdemokratischen Presse ausgesprochene Vorwürfe, die

Parteileitung lasse sich zu sehr durch die Lokalisten beeinflussen,

weisen ebenfalls darauf hin, daß die anarchosozialistische Propaganda

nicht ohne Einfluß auf die allgemeine Massenstreikbewegung in

Deutschland war.]

Das Zusammentreffen all dieser Faktoren macht es begreiflich, daß die

deutsche Sozialdemokratie sich dem Klassenstreik zuwandte, dessen sie

sich doch so lange Zeit hindurch erfolgreich erwehrt hatte, so auch noch

auf dem _Dresdener Parteitag_ 1903, wo _Friedebergs_ Anstrengungen, den

Klassenstreik auf die Tagesordnung des nächsten Parteitags zu setzen,

nur bei _Kautsky_ und einigen wenigen andern, "die zur sog. "radikalen"

Richtung zählen",[381] Unterstützung fanden. Denn obgleich der

Klassenstreik doch nur eine logische Konsequenz der neu beschworenen

Katastrophentheorie[382] und der Annahme eines "in greifbare Nähe

gerückten" Sieges der Sozialdemokratie dargestellt hätte, gelang es dem

Einfluß _Legiens_ und _Ledebours_, die offiziell radikale Dresdener

Mehrheit zur Verwerfung des Friedebergschen Antrags zu bewegen.

[Fußnote 381: Vgl. _Kolb_, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 207, und

_Flüchtig_, "Zur Frage des Generalstreiks"; vgl. auch Prot. Parteitg.

Dresden 03, p. 134, 431 ff.]

[Fußnote 382: Vgl. _Bernstein_, "Ist der pol. Streik in Deutschland

möglich?"]

Doch schon auf dem _Bremer Parteitag_ 1904 trat ein Umschwung in der

Beurteilung des Klassenstreiks zu Tage. Zwar fehlte es nicht an Stimmen,

die die neuen Bestrebungen für "einfach lächerlich" erklärten.[383] Aber

als Dr. _Liebknecht_, unter Hinweis auf den Wert des Massenstreiks für

den Wahlrechtsschutz, auf die Bedeutung der ausländischen Diskussion und

das Ansehen der inländischen Verteidiger des Klassenstreiks und unter

ausdrücklicher Ablehnung des Generalstreiks Friedeberg'scher Observanz,

die Behandlung des Problems auf dem folgenden Parteitag verlangte, und

als unter anderen auch _Bernstein_ und _Zetkin_ eine Diskussion der

Frage befürworteten, da wurde der Liebknechtsche Antrag mit großer

Mehrheit dem Parteivorstand zur Erwägung überwiesen.[384]

[Fußnote 383: So die "_Chemnitzer Volksstimme_", cit. von Dr.

_Liebknecht_, (Prot. Parteitg. Bremen, p. 190). _Katzenstein_ meinte,

die Anhänger des _Generalstreiks_ hätten einen unfruchtbaren Boden zu

beackern (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 190).]

[Fußnote 384: Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 190-198; _Bebel_, der über

den Amsterdamer Kongreß referierte, ohne sich aber persönlich zur

Klassenstreik-Frage zu äußern, befürwortete deren gründliche

literarische Diskussion, ehe die Partei sich offiziell mit ihr zu

beschäftigen habe (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 307); _Kautsky_

erklärte, "mehr als solche Studien sind zunächst in Deutschland nicht

erforderlich" ("Der Bremer Parteitag", p. 9).]

Während der Klassenstreik in der Partei Anhänger gewann, beharrten

die _freien Gewerkschaften_ auf seiner Ablehnung, "einerlei, für

welche Zwecke er inszeniert werden soll"[385] und schienen "gegen

den Generalstreik-Bazillus immun zu sein".[386] Um jedoch die

immerhin gefährlichen Infektionsversuche zu verhindern, sowie um

etwaigen, von der Partei zu gewärtigenden, unerwünschten Direktiven

zuvorzukommen,[387] wurde der Klassenstreik im Mai 1905 vom

_Gewerkschaftskongreß in Köln_ behandelt.[388] Nur ganz wenige

Gewerkschaftsführer (so z.B. _von Elm_) traten dort für den politischen

Streik ein. Die Mehrzahl glaubte, in entscheidenden Augenblicken auch

ohne vorherige Beschlußfassung die richtige Taktik finden, und selbst

eine Zeit der Wahlrechtsverkürzung ohne Klassenstreik überstehen zu

können;[389] sie sah in dessen Diskussion daher eine überflüssige

Beunruhigung organischer Gewerkschaftsentwicklung und wies "alle

Versuche, durch die Propagierung des politischen Massenstreiks eine

bestimmte Taktik festlegen zu wollen", entschieden zurück.[390] Übrigens

sollte durch den Kölner Beschluß dem politischen Massenstreik eine

_event_. Funktion in einer _event_. sozialen Revolution nicht

abgesprochen werden.[391] Fast die ganze Partei, voraus die in Köln

nicht allzusehr gefeierten Literaten, verurteilten die Stellungnahme der

Gewerkschaften.[392] Diese hatten gehofft, durch ihre Resolution die

Massenstreikdebatte einzudämmen; aber das Gegenteil trat ein:[393] die

Massenstreikdebatte beherrschte mehr und mehr das Parteileben. Sie

erreichte ihren Höhepunkt im Herbst 1905 am _Parteitag_ in _Jena_, wo

der Klassenstreik überhaupt im Mittelpunkt des Interesses stand.[394]

Von der Stellung der Partei zum Klassenstreik-Problem hing ja auch ihr

Verhältnis zu den Gewerkschaften ab. Vergeblich mahnte eine kleine

Minderheit zur Mäßigung. In einem "Taumel" von Begeisterung und

Unbesonnenheit nahm der Parteitag, gemäß der Resolution _Bebel_, den

politischen Massenstreik unter die "gegebenenfalls" in Betracht zu

ziehenden Eroberungs- und Verteidigungsmittel der Sozialdemokratie

auf.[395] Der schon hierdurch, gewollt oder ungewollt, entstandene

Gegensatz zur Kölner Resolution[396] wurde übrigens durch den

leidenschaftlichen Tatendurst, der einen Teil der Debatte beherrschte,

noch bedeutend verschärft. -- Der Gedanke, daß der Massenstreikbeschluß

dem Parteirenommé wenig dienlich, daß die deutsche Sozialdemokratie

hiermit vollständig in eine schon zu Dresden betretene Sackgasse

hineingeraten[397] sei, war der Partei selbst vorläufig noch fremd;

wurde doch die Jenaer Resolution von einem Teil der Parteipresse

geradezu "als ein Weltereignis" gefeiert.[398] Sie befriedigte ja im

allgemeinen die Klassenstreikpropheten aller Richtungen: Marxisten sahen

den Klassenstreik mit Genugtuung dem Arsenal des deutschen Proletariats

eingereiht; Revisionisten (bes. _Bernstein_) sprachen _Bebels_ Referat

in Jena als einen Sieg ihrer Bestrebungen an;[399] Antiparlamentarier

und Anarchosozialisten konstatierten zuversichtlich einen "Ruck nach

links",[400] ein erstes In-Betracht-ziehen der direkten Aktion.

[Fußnote 385: Vgl. _Bebel_, vgl. "Der Bremer Parteitag", p. 742.]

[Fußnote 386: _Legien_, "In Köln am Rhein", p. 378.]

[Fußnote 387: Vgl. _Bömelburg_, in einer öffentlichen Maurerversammlung

in Leipzig am 14. Nov. 05 (Bericht hierüber im Vorwärts, 16. Nov. 05, 2.

Beilage). -- Bei den üblichen Meinungsverschiedenheiten zwischen der

Partei und der Generalkommission der Gewerkschaften Deutschlands

fürchtete die letztere nicht mit Unrecht, der nächste Parteitag

werde einseitig über den M-str. Beschlüsse fassen, die den

Gewerkschaftstendenzen zuwiderlaufen könnten (vgl. _Bömelburg_, Prot.

Gewft. Kongr. Köln 05, p. 215).]

[Fußnote 388: Vgl. Prot. Gwft. Köln 05, p. 215-229.]

[Fußnote 389: Man habe einst das Sozialistengesetz auch ohne

Massenstreik überdauern können. (Vgl. Edm. _Fischer_, a. a. O. p. 299).]

[Fußnote 390: Resolution _Bömelburg_; mit allen gegen 7 Stimmen

angenommen (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 30).]

[Fußnote 391: Wenigstens soll in der Resolution _Bömelburg_ ein solcher

Sinn ursprünglich nicht gelegen haben (vgl. _Legien_, Prot. Parteitg.

Mannheim 06, p. 241 ff.).]

[Fußnote 392: So z.B. die _Leipziger Volkszeitung_ (cit. im Vorwärts,

31./5. 05.). Zu den wenigen Parteiblättern, die den Kölner Beschluß

billigten, gehörte damals auch der Vorwärts (vgl. _Kautsky_, Vorwort zu

_Roland-Holst_, p. VIII).]

[Fußnote 393: Vgl. A. v. _Elm_, "Partei und Gewerkschaft", p. 734,

735.]

[Fußnote 394: Vgl. Prot. Parteitg. Jena 05.]

[Fußnote 395: Prot. Parteitg. Jena 05, p. 285 ff.; Annahme der

Resolution Bebel mit 287 gegen 14 Stimmen (bei 2 Stimmenthaltungen); die

Partei war aber durchaus nicht so einig, wie man nach diesem Ergebnis

und nach dem _Singer_'schen Schlußwort (p. 364) annehmen könnte.]

[Fußnote 396: Die Rdsch. Soz. Mh. meint, man habe sich in Jena

"absichtlich in Gegensatz zu der Kölner Resolution der Gewerkschaften"

gestellt.]

[Fußnote 397: Vgl. v. _Gerlach_, "Maifeier und Massenstreik"; _Katz_,

a. a. O. Nr. 33.]

[Fußnote 398: _Leimpeters_, "Die sozialdemokratische Partei und die

Gewerkschaften", p. 928.]

[Fußnote 399: _Bernstein_ (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 315); vgl. auch

_Fournière_ in der Revue socialiste (cit. Rdsch. Soz. Mh. Nov. 05 p.

984).]

[Fußnote 400: Vgl. _Michels_, a. a. O.]

Alsbald begann auch in Presse und Versammlungen eine muntere

_Massenstreik-Agitation_, mehrfach sogar unter direkter Bezugnahme auf

die russische Revolution.[401] Dies steigerte sich noch, als die

Absichten der Parteileitung bezüglich der preußischen Wahlrechtsbewegung

bekannt wurden; denn zahlreiche Phantasten glaubten nun zuversichtlich,

daß die für Januar, März und Mai 1906 vorgesehenen Massendemonstrationen

nur ein Vorspiel bedeuten würden, daß die Bewegung sich steigern und im

Massenstreik gipfeln müsse.

[Fußnote 401: Vgl. z.B. Paul _Göhre_, "Sturmzeichen in Deutschland".]

Doch schon nach kurzer Zeit erfolgte der _Rückschlag_. Verschiedene

_ursprüngliche Verfechter_ der Massenstreikidee begannen, deren

unzeitgemäße Propaganda, die "Revolutionsromantik", die in Presse und

Versammlungen aufblühte, energisch zu bekämpfen.[402] Besonders aber

setzte die Umkehr des _Parteivorstandes_ dem Massenstreiklärm einen

wirksamen Dämpfer auf. Im Sommer 1906 wurde es nämlich bekannt,[403] daß

zwischen dem Parteivorstand und der Generalkommission bereits am 16.

Febr. 1906 ein "unverbindlicher" Meinungsaustausch betreffend die

Opportunität eines momentanen politischen Streiks in Preußen und über

die bei einem solchen ev. innezuhaltende Taktik stattgefunden habe, und

daß hierbei sechs von _Bebel_ formulierte Thesen zur Annahme gelangt

waren, von denen es nun hieß, sie stellten eine Preisgabe der Jenaer

Resolution dar.[404] _Bebel_ und der Parteivorstand verwahrten sich aufs

bestimmteste gegen eine solche Verdächtigung,[405] die sie auf

Entstellung des ersten und wichtigsten der _Bebel_'schen Sätze

zurückzuführen versuchten.[406] Zwischen beiden Fassungen besteht aber

durchaus kein prinzipieller, sondern bloß ein formeller und allenfalls

gradueller Unterschied; denn in beiden spiegelt sich gleichmäßig der

deutliche Wunsch: wenn irgend möglich, nur jetzt keinen

Massenstreik![407] Die Abmachungen der Februarkonferenz beschränkten

sich nämlich auf die augenblickliche Situation[408] und sollten die

Frage des Klassenstreiks an sich nicht weiter berühren. -- Diese

Angelegenheit bot der Parteipresse reichlichen Stoff zu nicht eben allzu

freundlichen Erörterungen.[409] Es handelte sich aber hierbei nicht nur

um die Formalitäten;[410] vielmehr tauchten auch materielle Fragen über

den Inhalt der Vereinbarung auf, insbesondere, ob der Parteivorstand im

Frühjahr 1906 mit Recht von einer Inszenierung des politischen Streiks

abgesehen habe, und ob diese seine Handlungsweise im Einklang mit der

Jenaer Resolution stehe. Beide Fragen wurden vom _Parteitag_ 1906 in

_Mannheim_ bejaht.[411] Nach gründlicher Reproduktion aller

diesbezüglicher Streitpunkte erklärte der Parteitag schließlich die

Massenstreikbeschlüsse von Köln und Jena als "nicht im Widerspruch"

miteinander,[412] als innerlich wesensgleich, so daß die Mannheimer

Resolution, trotz zahlreicher "Schönheitsfehler",[413] den Frieden

zwischen Partei und Gewerkschaft wieder herstellte. Diese Resolution

entsprach im Grunde durchaus den Tendenzen der Februar-Konferenz, da sie

auch den politischen Massenstreik zum ganz ausnahmsweisen, vornehmlich

defensiven Kampfmittel stempelte und ihn in den hintersten Hintergrund

der deutschen Arbeiterpolitik verwies.[414]

[Fußnote 402: Dies führte natürlich zu unerfreulichen

Auseinandersetzungen, z.B. zwischen dem Vorwärts und _Bernstein_ (vgl.

"Eine Legendenbildung", Leitart. des Vorwärts vom 30. Dez, 05, Nr. 304;

_Bernstein_, "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik"). Die

"Einigkeit" (9./12. 05) verhöhnte in einem "Chamäleon" überschriebenen

Artikel die sogenannten "Hirtenbriefe" von v. _Elm_, _Frohme_ und

_Lesche_ im "Hamburger Echo" vom 23. Nov. 05, Erklärungen, in denen sich

die Genannten gegen die revolutionäre Auslegung der Jenaer Resolution

wandten (vgl. Prot. Parteitg. Mannheim 06 p. 288). -- _Bernstein_

klagte, daß die "Revolutionsverbrämung" die an sich legitime Form

seines gewaltlosen Demonstrationsstreiks kompromittiere (a. a. O.

und Vorwärts, 30. Jan. 06); vgl. auch Rob. _Schmidt_, "Irrgänge der

Massenstreiktaktik".]

[Fußnote 403: Infolge einer Indiskretion der "Einigkeit", die sich wohl

besonders ärgerte, daß die preußische Wahlrechtsbewegung so kläglich im

Sande verlaufen war.]

[Fußnote 404: Die 6 _Bebel_'schen Sätze notierte sich, da kein

Protokoll geführt wurde, ein Teilnehmer, _Silberschmidt_; in der

_Silberschmidt_'schen Fassung legte die Generalkommission diese Thesen

einer Konferenz der Vertreter der Zentralverbände der Gewerkschaften vor

(die vom 19. bis 23. Febr. 06 stattfand), die sie ebenfalls

akzeptierte.]

[Fußnote 405: Vorwärts, 27. Juni, 1. Juli 06.]

[Fußnote 406: Jener Satz sei am 16./2. 06 anders von _Bebel_ formuliert

worden, als er später im Protokoll der Gewerkschaftskonferenz erschienen

sei, und ihn demzufolge auch die "plumpe" Enthüllung der Einigkeit

wiedergebe. Die Generalkommission bestritt die Entstellung (Vorwärts, 1.

Juli 06). -- Nach _Bebel_ soll dieser Satz gelautet haben: "der

Parteivorstand hat nicht die Absicht, _gegenwärtig_ den politischen

Massenstreik zu propagieren; sollte derselbe aber propagiert werden

_müssen_, so wird sich der Parteivorstand mit der Generalkommission

zuvor ins Benehmen setzen". Nach dem Protokoll der Konferenz der

Zentralvorstände lautete dieser Satz: "der Parteivorstand hat nicht die

Absicht, den politischen Massenstreik zu propagieren, sondern wird,

soweit es ihm möglich ist, einen solchen zu verhindern suchen"

(Vorwärts, 1. Juli 06).]

[Fußnote 407: Die übrigen Sätze enthielten Abmachungen, wie sich Partei

und Gewerkschaften zu verhalten hätten, wenn dennoch ein Massenstreik

ausbrechen würde.]

[Fußnote 408: _Bebel_ (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 228 ff.),

_Silberschmidt_ (ebenda, p. 301 ff.).]

[Fußnote 409: Vgl. Vorwärts, insbes. 27. Juni, 4. bis 12. Juli 06; die

Angelegenheit zog übrigens auch noch die Veröffentlichung eines Teils

des bis zur "Einigkeits"-Enthüllung geheimen Protokolls der

Gewerkschaftsvorstände gegen deren Willen nach sich ("Partei und

Gewerkschaft", wörtlicher Abdruck des Punktes Partei und Gewerkschaft

aus dem Protokoll der Gewerkschaftsvorstände vom 19. bis 23. Februar 06

[Beilage zum Vorwärts, Nr. 185, 11. August 06]).]

[Fußnote 410: Man stritt, ob die von _Bebel_ verteidigte

Fassung der Thesen die ursprüngliche sei (dies nimmt z.B. die

"Leipziger Volkszeitung" an [vgl. Vorwärts, 4. Juli]), oder die

_Silberschmidt_'sche (dies behauptet z.B. die Karlsruher Volksstimme

[vgl. Vorwärts, 6. Juli 06], übrigens auch die Frankf. Ztg. vom 27. Juni

06, Nr. 175); ob _Silberschmidt_ die _Bebel_'schen Thesen "sinngemäß"

niedergeschrieben habe, ob er sich eine Abschrift hätte nehmen sollen

oder können; ob _Molkenbuhr_ den Parteivorstand rechtzeitig vom Eingang

der Konferenzprotokolle unterrichtete; ob der Parteivorstand korrekt

gehandelt habe; ob er den an ihn zu stellenden Anforderungen überhaupt

genüge; ob die Spannung zwischen Partei und Gewerkschaften, die an allen

"Mißverständnissen" schuld sei, sich nicht beseitigen lasse.]

[Fußnote 411: In Mannheim referierte wiederum _Bebel_ über den pol.

M-str.; auf vielseitigen Wunsch übernahm _Legien_ das Korreferat (Prot.

Parteitg. Mannheim 06, p. 155, 241-254).]

[Fußnote 412: Prot. p. 138; 276 ff.: die Kölner Resolution verbiete den

M-str. ja nicht, die Jenaer fordere ihn aber nur "gegebenenfalls".]

[Fußnote 413: So die Rdsch. Soz. Mh. Okt. 06 p. 895, 896.]

[Fußnote 414: Vgl. Prot p. 227-306; Annahme der Resolution _Bebel_ mit

Amendement _Bebel_ und _Legien_ und einem Teil des Amendements _Kautsky_

durch 386 gegen 5 Stimmen.]

Da der Mannheimer Parteitag sozusagen in einem Atem die Jenaer

Resolution und die sechs Bebelschen Thesen billigte, so kann von einem

Widerspruch zwischen beiden, wenigstens in formellem Sinn, nicht wohl

die Rede sein. Trotzdem war eine _Wandlung_ vor sich gegangen.[415] Es

wurde zwar versucht, alle Zwistigkeiten aus der verschiedenartigen

Betrachtungsweise des Klassenstreiks in der bisherigen Diskussion

herzuleiten.[416] Aber diese Bemäntelungen verdecken nur unvollkommen

den tatsächlichen Gesinnungswechsel, den materiellen Rückzug, der sich

in der veränderten Auslegung der Jenaer Resolution kund gab.

[Fußnote 415: Das geht schon daraus hervor, daß die zielbewußten

Gewerkschaftsführer die Jenaer Resolution in Jena ablehnten (_Hoffmann_,

Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 271), sie aber in Mannheim billigten.]

[Fußnote 416: In Jena sei der Massenstreik an sich, in Köln seine

praktische Durchführbarkeit erörtert worden (so _Rob. Schmidt_, Prot.

Mannheim, p. 262, 263), was übrigens nicht zutrifft.]

Theorie und Praxis des Generalstreiks in der modernen Arbeiterbewegung Inauguraldissertation · 第 5 / 12 题