[Fußnote 649: Die Resolution der Allemanisten, die das Studium und die

Vorbereitung des G-streiks, dieses wirksamsten Mittels der sozialen

Revolution, verlangte, wurde abgelehnt, ebenso die Resolution der

Guesdisten, die den G-str. als Organisations- und Kampfmittel

anerkannte, ihn aber zur reinen Gewerkschaftsangelegenheit erklärte,

deren bloße Unterstützung der sozialist. Partei obliegen sollte (vgl.

Prot. int. Kongr. Amsterdam 1904, p. 27-30).]

[Fußnote 650: Vgl. Wolfg. _Heine_, "Politischer Massenstreik im

gegenwärtigen Deutschland?" p. 754.]

[Fußnote 651: Diese Auffassung in anarchistischen Kreisen konstatiert

z.B. _Bömelburg_ (Prot. Gewerkfts. Kongr. Köln 1905, p. 218.)]

[Fußnote 652: Vgl. "Chronique" du Musée sociale, Oct. 1904, p. 455.]

_Dritter Teil:_

Zur Kritik des Klassenstreiks.

Erstes Kapitel:

_Bedingungen des Klassenstreiks._

§ 21. Bedingungen des Ausbruchs des Klassenstreiks.

Der Ausbruch eines Klassenstreiks ist vor allem an gewisse _objektive

Voraussetzungen_ gebunden: nämlich an das Vorhandensein einer

zahlreichen Lohnarbeiterschaft, von deren Arbeitsleistung ein so großer

Bruchteil der Gesamtheit abhängt, daß die Arbeitsverweigerung eine

aufsehenerregende gesellschaftliche Störung herbeiführen kann. Diese

Bedingung wird in vollem Umfang durch die moderne Wirtschaftsordnung

erfüllt.

Hierzu gesellt sich als _subjektive Voraussetzung_ die Fassung des

Streik_entschlusses_ durch die erforderliche Anzahl von Arbeitern resp.

Arbeitergruppen.

(a) Der Streikentschluß kann _planmäßig_, überlegt gefaßt werden.

Hierbei haben sich alle Beteiligten bereits vorher untereinander über

ihr Vorhaben verständigt. Sie wissen, um was es sich handelt. Sie

besitzen eine gewisse Organisation zur Durchführung des Streiks im

konkreten Fall. Das "Kommando" zum Ausstand[653] wird von einer im

Voraus bestimmten Leitung erwartet und gegeben.

[Fußnote 653: Vgl. z.B. _Resel_ (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 70

ff.). Wir begegnen dieser Form des Streikentschlusses z.B. in Belgien

und Schweden.]

Anders beim _spontanen_ Streikentschluß. Dieser wird von jedem einzelnen

für sich allein gefaßt. Es ist möglich, daß ein und dasselbe Ereignis in

jedem einzelnen Teilnehmer den Streikentschluß ausgelöst hat, daß die

Faktoren aller einzelnen Streikentschlüsse objektiv zusammenhängen, daß

der Streik also mit innerer Notwendigkeit aus den allgemeinen

Ereignissen herauswächst.[654] Es kann aber auch der Fall eintreten, daß

die einzelnen Teilnehmer oder Teilnehmergruppen durch ganz verschiedene

Ereignisse zum Streikentschluß geführt werden. Wenn nun eine größere

Zahl partieller Ausstände zeitlich zusammenfällt, so kann sich aus

diesem Streikkonglomerat leicht ein Klassenstreik entwickeln.[655]

[Fußnote 654: So z.B. beim ital. G-str. 1904; so auch wohl beim

Versuch des "heiligen Monats" 1842.]

[Fußnote 655: Ein solches Streikkonglomerat schwebte wohl der Brüsseler

Zeitung "Internationale" vor, als sie 1869 schrieb: "Wenn die Streiks

sich ausbreiten und einander nähern, sind sie wohl nahe daran, ein

Generalstreik zu werden" (cit. bei _Umrath_ p. 13, 14).]

(b) Der Entschluß zum Klassenstreik entsteht nur, wenn eine

tiefgreifende und _allgemeine proletarische Erregung_[656] die

Widerstände gegen den Streik, die in der Arbeiterschaft selbst vorhanden

sind, ausschaltet. Diese Erregung ist aber an bestimmte Voraussetzungen

geknüpft, von mannigfachen Faktoren abhängig.

[Fußnote 656: Diese allgemeine Erregung betrachten _Bebel_ (Prot.

Parteitg. Mannheim 06, p. 277 ff.), _Bömelburg_ (Prot. Parteitg. Jena

05, p. 333, u. Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 228), _Bernstein_ ("Pol.

M-Str. u. pol. Lage"), _Adler_ (Prot. Parteitag Wien 1894, p. 78, und

Parteitg. Wien 1905, p. 131), _Zetkin_ (vgl. Vorwärts, 23. Aug. 05),

_Kautsky_ ("Allerhand Revolutionäres") p. 735, und viele andere als

unerläßliche Voraussetzung des Klassenstreiks.]

_Vorbedingung_ ist ein Ereignis oder ein Tatbestand, der in hohem Maße

die _Unzufriedenheit_ des Proletariats erweckt, der, auch wenn er nur

eine Gruppe von Arbeitern persönlich berühren sollte, doch als eine der

Gesamtheit angetane wirtschaftliche, politische oder ethische Unbill

empfunden wird.[657] Sei es, daß infolge allgemeiner Zeitumstände, (wie

Krieg, Teuerung, Hungersnot, Krise,[658] Staatsstreich[659] oder

Revolution), den Arbeitern der Druck ihrer Lage besonders deutlich zu

Bewußtsein kommt, sei es, daß sie ihre bisherigen Rechte bedroht

glauben, sei es endlich, daß ihnen infolge ihrer eigenen Entwicklung

oder infolge von proletarischen Errungenschaften in anderen Ländern eine

Verbesserung auch ihrer Position als dringende Notwendigkeit erscheint.

[Fußnote 657: Ein Mitempfinden fremder Leiden, wie beim Sympathie- und

Solidaritätsstreik, setze schon ein gewisses Maß von Klassengefühl,

resp. Klassenbewußtsein voraus (vgl. auch _Roland-Holst_, "G-str. u.

Sozd.", p. 5, 10, 11); _Polledro_ (a. a. O., p. 383, 384) teilt die

Klassenstreiks sogar geradezu ein in sciopero generale "di conquista"

(resp. resistenza), und sciopero generale "di solidarietà".]

[Fußnote 658: Vgl. _Parvus_ in der Dortmunder Arbeiterzeitung, 24./9.

01, cit. bei Edm. _Fischer_, "Die neueste Revision unserer Theorie und

Taktik".]

[Fußnote 659: Vgl. _Parvus_, "Staatsstreich und politischer

Massenstreik", p. 394.]

Daneben hängt es noch von einer Reihe teils gegebener, teils künstlicher

Faktoren ab, ob ein solches Ereignis die zum Streikentschluß notwendige

Erregung auszulösen, also auch wirklich einen Klassenstreik zu

veranlassen vermag.

1. Eine bedeutende Rolle spielt hierbei die schon _erreichte Position

des Proletariats_. "Moins un prolétariat a de droits politiques, plus il

recourt à la grève générale."[660] Solange die Arbeiter wirklich

"nichts... zu verlieren" haben, "als ihre Ketten", wird ihnen der

Klassenstreikentschluß verhältnismäßig leicht fallen. Je geringer aber

die Spannung zwischen dem schon Erreichten[661] und dem noch begehrten

Fehlenden, um so größer die Zurückhaltung gegenüber gewagten

Unternehmungen (wie bei den deutschen freien Gewerkschaften), um so

sorgfältiger die Prüfung des Risikos in sozialer und persönlicher

Richtung.[662]

[Fußnote 660: _Jaurès_, "Grève et Révolution" (Humanité, 5. Nov. 05).]

[Fußnote 661: Es handelt sich dabei um politische und wirtschaftliche

Positionen. Z.B. wird auch die Rücksicht auf mühsam errichtete

Tarifwerke ein Streikentschluß-Erschwernis bilden (vgl. _Giesberts_,

"Die Utopie des Generalstreiks", p. 35).]

[Fußnote 662: Es ist schon behauptet worden, daß die Arbeiter sich der

schweren Waffe des Klassenstreiks überhaupt "nur in Notfällen, wenn ihre

Lebensinteressen berührt werden, bedienen". Aber wenn auch "die

ungeheuren Opfer, die jeder Generalstreik mit sich bringt für alle, die

ihn beschließen müssen", "der beste Schutz gegen willkürlichen frivolen

Gebrauch" sein mögen (_Olberg_, "Der italienische Generalstreik", p.

22), so ist doch noch nicht erwiesen, daß die Arbeiter sich dieser Opfer

vorher immer so genau bewußt wären oder die Konsequenzen des Ausstandes

richtig vorher beurteilten.]

2. Einen weiteren wichtigen Faktor bildet das Maß der vorhandenen

_Streikfreiheit_. Prinzipiell ist die Arbeitsniederlegung allerdings

überall rechtlich zulässig.[663] Doch bestehen durch spezielle

Streikverbote[664] und durch Verleihung von Beamtenqualität an gewisse

Arbeiterkategorien[665] eine Reihe wichtiger Ausnahmen, und es ist

offenbar eine _Tendenz_ zu weiteren Streikrechts_beschränkungen_

vorhanden, Beschränkungen, die der sozialen Bedeutung der einzelnen

Betriebsgruppen, also den durch ihre Ausschaltung drohenden

qualitativ-bestimmten Wirkungen entsprechen.[666] Diese Tendenz zeigt

sich in staatlichen[667] und privaten[668] Vorschlägen, in

parlamentarischen[669] und literarischen[670] Äußerungen. -- Immerhin

befindet sich auch ein Klassenstreik unter Ausschluß der

kriminalrechtlich gebundenen Arbeiter durchaus nicht in allen Fällen auf

dem vielgerühmten "Boden der Legalität",[671] selbst wenn er

durch die Vermeidung aller Gewalttätigkeiten die Klippen anderer

Gesetzesverletzungen glücklich umschiffte. Ist doch ein Klassenstreik

mehr, als eine private Interessenkollision; er hat vielmehr fast stets

einen revolutionären Beigeschmack. Dies folgt schon aus der Verletzung

des Rechtsgefühls breitester Massen durch eine solche Häufung von

_Kontraktbrüchen_.[672] Mehr ergibt sich dies noch aus dem Bestreben,

die Empörung einer ganzen Gesellschaftsklasse gegenüber allen übrigen

Klassen drastisch zum Ausdruck zu bringen. Er könnte also unter

Umständen die Verhängung eines Ausnahmezustandes, die zeitweilige

Ausschaltung des Koalitionsrechts herbeiführen.[673]

[Fußnote 663: Eine Ausnahme bildet vielleicht Rußland, wo der Streik

als Kriminalverbrechen betrachtet wird oder wurde (Bericht der

Delegation... usw., p. 32).]

[Fußnote 664: Seit 1903 wird in Holland der Streik der Eisenbahner und

der Arbeiter in öffentlichen Verkehrsanstalten als politisches Delikt

betrachtet und mit Gefängnis bestraft (vgl. Allg. Ztg. 2.-4./4. 03;

_Herkner_, "Die Arbeiterfrage", p. 505; _Roland-Holst_, "Der Kampf und

die Niederlage der Arbeiter in Holland"). -- In Rußland "ist mit Gesetz

vom 2./12. 1905 die Beteiligung an Streiks bei Unternehmungen, die

allgemeine oder staatliche Bedeutung haben, sowie in staatlichen

Betrieben unter Strafe gestellt" (vgl. _Philippowich_, Grundriß, 2.

Band, 2. Teil, p. 47); ferner sind am 15./4. 06 besondere Strafen für

Beteiligung am Landarbeiterstreik oder Aufreizung zu demselben

festgesetzt worden (vgl. Miscellen in Zeitschrift f. Sozialwissenschaft.

IX. Jahrg. 1906, p. 525).]

[Fußnote 665: Streiken Beamte und Angestellte der Verwaltung, so liegt

bei Außerachtlassung der Kündigungsfrist Amtspflichtverletzung vor (vgl.

Bundesrat _Brenner_, Bulletin der Schweiz. Bundesversammlung, p. 910).

Des Vergehens der Amts- und Dienstpflichtverletzung "machen sich auch

schuldig... Angestellte und Arbeiter, welche die Pflicht übernommen

haben, öffentliche Betriebe von Staat und Gemeinde zu bedienen, wenn sie

vorsätzlich oder rechtswidrig ihrer Dienstpflicht zuwiderhandeln"

(Vorschlag des Züricherischen Regierungsrates an den Kantonsrat, betr.

Revis. des Strafgesetzbuches [Streikinitiative], cit. in der N. Z. Z.

vom 18. Juni 07). Den italienischen Eisenbahnern ist gerade deshalb, um

ihnen den Streik unmöglich zu machen, die Beamtenqualität verliehen

worden, sodaß jede Dienststörung für sie die Entlassung zur Folge hat

(vgl. die "Hilfe", 1905 Nr. 16, p. 2, politische Notiz). Ausnahmsweise

stellt in Frankreich die Halbbeamtenstellung kein Streikhindernis dar

(z.B. drohten die französischen Marinearbeiter zur Verhinderung eines

ihnen unerwünschten Lohnsystems erfolgreich mit dem Streik [vgl. Soz.

Prx. XIV, Nr. 50, Sp. 1317.].)]

[Fußnote 666: Bei einer fortschreitenden derartigen Rechtsentwickelung

wäre also der Streik der gesellschaftlich entbehrlichsten Arbeiter am

relativ zulässigsten und durchführbarsten; der Klassenstreik, mehr und

mehr auf die quantitative Wirkung beschränkt, müßte seinen Zweck

hauptsächlich in der Demonstration suchen.]

[Fußnote 667: Der schwedische Gesetzentwurf gegen gemeingefährliche

Streiks bedrohte den Kontraktbruch des staatlichen und privaten

Eisenbahnpersonals, der Arbeiter in staatlichen und kommunalen Gas-,

Elektrizitäts-, Wasserleitungs- und Reinhaltungswerken und den der

festangestellten Feuerwehrleute mit Entlassung und Gefängnis, falls der

Kontraktbruch "Schaden an einer Person oder groben Eigentumsschaden oder

Hinderung oder Stillstand im Betrieb" verursachen würde (vgl. _Axel

Hirsch_, "Lagförslaget mot allmänfarliga sträjker", p. 196). Ähnliches

bestimmte ein spanischer Gesetzentwurf (vgl. _Herkner_, "Die

Arbeiterfrage", p. 505). Der Entwurf des deutschen Berufsvereinsgesetzes

hatte in § 20, Abs. 4, Ziff. 2 (cit. in der Soz. Prx. 1907, Sp. 635)

bestimmt, daß einem Vereine dann die Rechtsfähigkeit entzogen werden

kann, wenn er eine Arbeiteraussperrung oder einen Arbeiterausstand

herbeiführt, die... geeignet sind,... eine Störung in der Versorgung der

Bevölkerung mit Wasser oder Beleuchtung herbeizuführen oder eine gemeine

Gefahr für Menschenleben zu verursachen.]

[Fußnote 668: Nach dem Vorschlag der "Section des assoc. coop. et

ouvrières" des "Musée social" vom 9. Mai 04 (vgl. "Musée social," Juli

1904, p. 318 ff.) sollen die "ouvriers et employés de l'Etat et des

Services concédés d'eau, de gaz et de chemins de fer", und soll das

"personnel des services publics administrés directement en régie par

l'Etat les départements et les communes, et dont l'arrêt même momentané

serait une cause de perturbation fâcheuse pour la vie nationale ou

locale", veranlaßt werden, auf das Streikrecht zu verzichten, "à titre

de clause essentielle du contrat de travail, et de respecter un délai de

préavis d'une durée déterminée par le contrat et le règlement".]

[Fußnote 669: Nationalrat _Sulzer_ (in der Begründung seiner Motion,

vgl. Bulletin der Schweiz. Bundesversammlung, p. 863) z.B. hält den

Streik in den öffentlichen Betrieben, spez. in den Bundesbetrieben

(Bundesbahnen, Post, Telegraph, Grenzwacht- und Zolldienst, Eidg.

Fabrikbetriebe, Waffen-, Munitions- und Pulverfabriken,

Alkoholverwaltung) für "absolut unzulässig".]

[Fußnote 670: _Marazio_, a. a. O. p. 116, 117, 159, hält den Streik mit

politischem Ziel für ein Delikt, "quando vi partecipano gli operai dei

pubblici servizi"; da deren Ausstand "la soddisfazione di grandi

bisogni" unmöglich mache, "con danno gravissimo della generalità dei

cittadini", so dürfe er nicht geduldet werden.]

[Fußnote 671: Vgl. _Briand_, "La grève générale et la révolution";

_Jaurès_ ("Aus Theorie und Praxis" p. 30) nennt den Klassenstreik das

"mächtigste Mittel legalen Zwangs".]

[Fußnote 672: Der _Kontraktbruch_ ist bei der Ausdehnung des

Klassenstreiks und der regelmäßigen Beteiligung mehrerer Gewerbe

praktisch wohl unvermeidlich. Übrigens begegnen Versuche zu seiner

Vermeidung: so wurde z.B. in Zürich in den Tarifvertrag der

Holzarbeiter unter dem Eindruck der Streikbewegung im Sommer 1906 eine

Generalstreikklausel aufgenommen (ich verdanke diese Mitteilung Herrn

Prof. _Herkner_). -- Aus dem Kontraktbruch erwächst übrigens nicht

überall ein Schadenersatzanspruch (vgl. _ab-Yberg_, p. 119 ff.). In

Frankreich z.B. soll "keine Verpflichtung zu vorheriger Kündigung"

vorliegen, "da der Streik eine zeitweilige Aufhebung der Arbeit ist"

(gemäß Beschluß des französischen obersten Arbeitsrates betr. Kündigung

und Streik, vom Juni 1905, angenommen mit 19 gegen 18 Stimmen [cit. in

der Soz. Prx. 17. Aug. 05]). In England ist, gemäß der Conspiracy and

Protection of Property-Act von 1875, der Kontraktbruch (nicht die

Arbeitseinstellung als solche) unter Umständen mit einer Strafe bis zu

20 £ oder Gefängnis bis zu drei Monaten bedroht, und zwar tritt diese

Strafe ein, "wenn jemand, der sich im Dienst einer Person befindet

welche die Verpflichtung übernommen hat, eine Ortschaft mit Gas oder

Wasser zu versorgen, den Dienstvertrag in böswilliger Weise bricht,

obwohl er annehmen konnte, daß dadurch dieser Gas- oder Wasserbezug ganz

oder zum Teil unterbrochen würde, ferner, wenn durch den Vertragsbruch

Menschenleben, körperliche Sicherheit oder fremdes Eigentum in die

Gefahr der Zerstörung oder ernstlichen Schadens gebracht wird."

(_Herkner_, Arbeiterfrage, p. 504, 505.)]

[Fußnote 673: Völlig zulässig soll der Klassenstreik nur in Frankreich,

England u. Belgien sein (_Louis_, "L'Avenir du Socialisme", p. 312). In

Deutschland könne der Streik, wenn er "einen Druck auf gesetzgebende

Körperschaften bezweckte", besonders da Ausschreitungen und

Zusammenstöße unvermeidlich wären, bis zum Zuchthaus führen, zum

Hochverrat gestempelt werden, die Verhängung des Belagerungszustands und

den Eingriff der Militärjustiz herbeiführen (vgl. _Heine_, "Politischer

Massenstreik im gegenwärtigen Deutschland?"). 1843 wurden mehr als 30

Chartistenführer verurteilt, weil sie, wie es in der Anklage u. a. hieß,

in der Absicht, "to bring about and produce a change in the laws and

constitution of this realm", zum Streik aufforderten (vgl. _Gammage_, p.

231.)]

Der Streikentschluß wird nun um so schwerer zu Stande kommen, je stärker

die rechtlichen Schranken sind. Doch je fester die Arbeiter an den

Streikerfolg glauben, und zwar an einen Streikerfolg, der sie zugleich

vor den bisher üblichen Streikstrafen zu bewahren vermag,[674] und je

lebhafter sie sich in ihren Lebensinteressen gefährdet fühlen,[675] um

so weniger werden sie sich von rechtlichen Schranken zurückhalten

lassen.

[Fußnote 674: Bei gesetzlich besonders stark gebundenen Arbeitern müßte

das Streikziel unter Umständen also eine Gesetzesänderung oder geradezu

der Sturz der Regierung sein. _Kautsky_ ("Allerhand Revolutionäres", p.

736, 737) vergleicht den Klassenstreik mit dem Barrikadenkampf, bei dem

man das Leben um so eher gewagt habe, je mehr auf dem Spiele stand, und

je wahrscheinlicher der Sturz der Regierung erschien. -- Auch die

Annahme, die Regierung werde bei einer außerordentlichen Ausdehnung des

Streiks die Rechtsverfolgung aufgeben müssen, kann den Streikentschluß

fördern.]

[Fußnote 675: In gewissen Fällen seien "Geldstrafen und sogar Gefängnis

weniger abschreckend..., als das, was durch die Arbeitsniederlegung

bekämpft werden soll" (_Axel Hirsch_, a. a. O. p. 197).]

3. Natürlich kommt außerordentlich viel auf den _Charakter des

Proletariats_ an. Je temperamentvoller, heißblütiger, je mehr in

revolutionären Traditionen erzogen und zu putschistischen Aktionen

geneigt es ist, um so wahrscheinlicher eine Disposition zu raschen

Streikentschlüssen; je bedächtiger, kühler, allem Theatralischen

abgewandt die Arbeiter sind,[676] um so schwerer fallen ihnen spontane

Unternehmungen, und um so notwendiger werden zur Herbeiführung des

Streikentschlusses eine starke Opferwilligkeit und ein starkes

Solidaritätsgefühl. -- Der Streikentschluß wird also den romanischen

Arbeitern leichter fallen, als den germanischen. Der Ausstand wird im

allgemeinen den Verkehrs-, speziell den Hafenarbeitern mit ihrer oft

unregelmäßigen Beschäftigung leichter fallen, als den meist strenger

disziplinierten Industriearbeitern; er wird diesen wiederum leichter

fallen, als den Landarbeitern.[677]

[Fußnote 676: _Heine_, a. a. O., konstatiert dies beim deutschen

Arbeiter.]

[Fußnote 677: Vgl. z.B. _Hanisch_ über die österr. Agrarbevölkerung

(Prot. Parteitg. Wien 1894).]

4. Auch die _Stellungnahme der proletarischen Organisationen_ zum

Klassenstreik-Problem ist von großer Bedeutung. Dieser Einfluß wird um

so stärker wirken, je größere Einigkeit zwischen Partei und Gewerkschaft

herrscht.[678] Bei Differenzen zwischen ihnen gibt regelmäßig die

Stellungnahme der _gewerkschaftlichen Organisation_ den Ausschlag.[679]

Diese Stellungnahme selbst aber variiert je nach der Form, Stärke und

Richtung, also nach dem ganzen Typus der in Frage kommenden

Gewerkschaft.[680]

[Fußnote 678: Diese Einigkeit war vorhanden z.B. bei den belgischen

Wahlrechtsstreiks (vgl. _Kautsky_, "Maifeier und Generalstreik"), beim

schwedischen Kl-str., beim projektierten österreichischen Kl-str.]

[Fußnote 679: Vgl. _Cohnstaedt_, "Jena. Gewerkschaft oder Revolution?"

p. 549; _Heine_, a. a. O.; _Bebel_ (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 227

ff.); _Hue_, "Partei und Gewerkschaft". In England hielt man 1839 die

Mitwirkung der Gewerkschaften für so ausschlaggebend, daß man schon

wegen der ablehnenden Haltung der Trade-Unions den Plan des heiligen

Monats zurückzog (vgl. _Gammage_, p. 154, 155; _Brentano_, a. a. O.).

Ähnlich mußte die deutsche sozialdemokratische Partei vor dem

gewerkschaftlichen Gegenwind die Segel streichen; umgekehrt mußte sich

die Partei sowohl in Italien (1904), wie in Holland (1903), bei

innerlicher Mißbilligung, dem gewerkschaftlichen Streikunternehmen

anschließen.]

[Fußnote 680: Der Gewerkschaftstypus selbst ist natürlich auch von

den allgemeinen Verhältnissen, den rechtlichen Zuständen, dem

Charakter des Proletariats, der Stärke revolutionärer Strömungen und

Gelegenheit zu deren anderweitigen Ableitung, bes. durch die Partei,

abhängig. In den französischen und italienischen Arbeitersyndikaten

z.B. soll die zeitweilige Blockpolitik der sozialistischen

Parteien ein entschiedeneres Betonen revolutionärer Tendenzen, das

Bestreben nach Verselbständigung und Unabhängigkeit, also auch die

Generalstreiktendenzen, gefördert haben.]

Die Syndikate mit _föderalistischer_ Organisationsform, geringen

Mitglieder- und Kassenbeständen und revolutionären (anarchistischen,

antimilitaristischen, antiparlamentarischen) Tendenzen[681] erblicken

ihre Hauptaufgabe in der Vorbereitung und Inszenierung des

Generalstreiks; ihre ganze Taktik wird dermaßen von diesem Gedanken

beherrscht, daß man sie mit Recht als "Generalstreik-Gewerkschaften"

bezeichnet hat.[682]

[Fußnote 681: Dieser Art waren zuerst die _Bakunini_stischen

Föderationen (vgl. _Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches

Kampfmittel", p. 194; _Umrath_, p. 13 ff.; _Bernstein_, "Die

Generalstreikgewerkschaft"); heute sind es großenteils die

italienischen, spanischen, französischen Arbeitersyndikate, teilweise

die holländischen, ausnahmsweise einige deutsche ("Freie Vereinigung",

"Lokalisten") Gewerkschaften. Vgl. auch _Louis_, p. 297; _Thomas_,

"Achtung! vor der 'direkten Aktion'"; _Friedeberg_, "Weltansch.";

_Griffuelhes_ ("Ein französischer Gewerkschafter über die Taktik der

deutschen Zentralverbände", in der "Einigkeit", 11. Nov. 05).]

[Fußnote 682: So _Bernstein_ a. a. O.]

Die _zentralistischen_ Gewerkschaften hingegen, die sich

durch ansehnlichere ökonomische Leistungsfähigkeit und durch

nüchtern-praktische, sich auf das Erreichbare beschränkende Tendenzen

auszeichnen,[683] lehnen den Klassenstreik im allgemeinen ab oder lassen

ihn höchstens im Interesse ganz unentbehrlicher politischer Forderungen

gelten.[684]

[Fußnote 683: So die deutschen Zentralverbände, die engl., österr.,

schwed., belg. Gewerkschaften; sie trachten, durch Tarifwerke auch die

Berufsmassenstreiks einzuschränken.]

[Fußnote 684: Dabei handelt es sich vorwiegend am die

Verteidigung politischer Rechte (vgl. _Braun_, "Das Ergebnis des

Gewerkschaftskongresses"; Korrespondenzblatt der Generalkommission der

Gewerkschaften Deutschlands, cit. in Soz. Prx. XV Nr. 2, Sp. 38).]

Eine _Wechselwirkung zwischen gewerkschaftlicher Schwäche und

Generalstreikpropaganda_ ist unverkennbar,[685] und der Protest der

Föderalisten[686] gegen diese Feststellung wäre nur dann gerechtfertigt,

wenn man mit ihnen die Gewerkschaftsstärke nach dem Maß der

revolutionären Gesinnung beurteilen wollte.

[Fußnote 685: Dies konstatiert z.B. _Vliegen_ (Prot. int. Kongr.

Amsterdam 04, p. 28); Enquête, p. 86; usw. -- _Greulich_, ("Wo wollen

wir hin?" p. 37), bezeichnet den G-str. als "Kinderphantasie der

mangelhaft organisierten Arbeiterschaft".]

[Fußnote 686: Vgl. z.B. "_Weckruf_", 28. Mai 04, "Der Generalstreik".]

Der Generalstreikkultus bricht die Kraft der Gewerkschaft.[687] Er

verleitet die Arbeiter, "sich von der praktischen Gegenwartsarbeit

abzuwenden und Utopistereien nachzuhängen",[688] da sie sich sagen

müssen: "was sollen wir jetzt unsere Beiträge zahlen, um kleine Vorteile

zu erringen, wenn wir durch den Generalstreik die ganze kapitalistische

Wirtschaftsordnung stürzen können?"[689] Nun betreibt allerdings ein

Teil der Generalstreikler die Generalstreikpropaganda gerade zum Zweck

der Organisation und betrachtet die Organisation selbst wieder als

Vorbedingung für die erfolgreiche Durchführung des Generalstreiks. Ihnen

erscheint der Generalstreik als "la potenza e la maturità sindacale, che

quello traduce o anche soltanto indica",[690] als "Prämie für die

allgemeine gewerkschaftliche Organisation, wie der partielle Streik

diejenige der Einzelgewerkschaft",[691] und ihnen bedeutet der

Weltstreik das "aboutissement logique"[692] des Syndikalismus. Aber

diese organisatorischen Tendenzen werden praktisch meistenteils

überwuchert durch die Lehre, daß die methodische, aber mühselige

Vorbereitung des Generalstreiks durch die Organisation einer bewußten

Minderheit, durch den revolutionären Willen, durch die "Durchdringung

jedes einzelnen mit dem Klassenbewußtsein"[693] ersetzt werden könne.

Kein Wunder daher, daß die Leiter der großen, blühenden Gewerkschaften

sich gegen diese organisationshindernde, "gefährliche", "lähmende",

"destruktive" Idee energisch zur Wehr setzen,[694] und daß sie nicht nur

die Ausbreitung der Generalstreikidee möglichst zu hindern suchen,[695]

sondern auch die Diskussion des den Organisationen eigentlich

ungefährlichen politischen Massenstreiks[696] möglichst einzuschränken

trachten, weil sich mit dem politischen Massenstreik leicht auch der

Generalstreik einschleichen könnte.[697]

[Fußnote 687: So bezüglich der französischen Gewerkschaften _Legien_,

"In Köln am Rhein", p. 378; _Hue_, "Partei und Gewerkschaft"; Rdsch.

Soz. Mh. Okt. u. Dez. 05, p. 911, 1067.]

[Fußnote 688: Vgl. v. _Gerlach_, "Maifeier und Massenstreik";

_Bömelburg_ (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 217).]

[Fußnote 689: _Legien_, Prot. Parteitg. Dresden 03.]

[Fußnote 690: Vgl. _Labriola_, a. a. O., p. 211; auch _Friedeberg_, a.

a. O., setzt starke Organisation voraus.]

[Fußnote 691: Vgl. _Briand_, Prot. int. Kongr. Paris 1900, p. 32.]

[Fußnote 692: Vgl. _Louis_, p. 308.]

[Fußnote 693: Vgl. _Friedeberg_ (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p.

26); ähnl. _Pouget_, "Die Gewerkschaft", p. 18. Vgl. bezgl. der französ.

Landarbeiterorganisationen P. _Groß_, "Die Weinkrise und die

Landarbeitergewerkschaften im Languedoc".]

[Fußnote 694: Korrespondenzblatt der Generalkommission... usw. (Citate

in der Allg. Ztg. 19./4. 02, und in der Soz. Praxis XV. Nr. 2,

Sp. 38); _Leimpeters_ (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05); ders. "Die

sozialdemokratische Partei u. d. Gewerkschaften". -- _Hue_, p. 292;

_Bernstein_, "Pol. Massenstreik u. pol. Lage", p. 10.]

[Fußnote 695: Auf der 3. internationalen Konferenz der Sekretäre der

Landesgewerkschaftsorganisationen am 9. und 10. Juli 03 in Dublin

schlugen die französischen Gewerkschaftsvertreter vor, den andern

Ländern die Taktik und die Prinzipien der französischen

Arbeitersyndikate zur Kenntnis zu bringen. Die deutsche

Gewerkschaftspresse nahm von dem entsprechenden Bericht der Conféd. gén.

du Travail keine Notiz, nur die anarchistische "_Wahrheit_" publizierte

ihn (unter dem Titel "Antimilitarismus und Generalstreik" als Beilage zu

Nr. 11).]

[Fußnote 696: v. _Elm_, Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 226.]

[Fußnote 697: Vgl. _Bernstein_, "Die Generalstreikgewerkschaft", p.

642; _Bömelburg_ (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 221); _Rob. Schmidt_

(Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 27). Die Zustimmung zum pol. M-str.

wird leicht als Konzession an den Anarchismus aufgefaßt (vgl. die

"_Einigkeit_" 1905, Nr. 41).]

Umgekehrt wird durch die Schwäche der Gewerkschaft auch die

Generalstreiktendenz gestärkt. Je weniger eine Gewerkschaft auf reale

Erfolge, auf zahlenmäßige Machtbeweise hindeuten kann, um so eher wird

sie auf ein so einfaches und unter Umständen auch zugkräftiges

Propagandamittel verfallen, um so weniger riskiert sie bei dessen

Gebrauch.[698]

[Fußnote 698: Die belgischen Gewerkschaften sollen sich seinerzeit um

so bereitwilliger am Kl-str. beteiligt haben, als sie nicht durch

"übermäßig gefüllte Kassen in ihrer Bewegungsfreiheit gehemmt" gewesen

seien (_Kautsky_, "Maifeier und Generalstreik"). Das vielgeschmähte

Ruhebedürfnis der deutschen Gewerkschaften, womit sie in Köln ihre

Ablehnung des Kl-streiks motivierten (vgl. _Bömelburg_, Prot. p. 221),

ist ein Beweis dafür, daß sie bereits etwas zu verlieren haben (so

_Katz_, "Der politische Massenstreik"). Über die Behandlung des

Kl-str.-Problems vom rein finanziellen Standpunkt aus, über die

gewerkschaftliche "Versumpfung", klagen z.B. v. _Elm_ ("Rückblick auf

den 5. deutschen Gewerkschaftskongreß", p. 568), _Kautsky_, ("Der

Kongreß in Köln"), _Geithner_, ("Zur Taktik der Sozialdemokratie"),

_Lensch_ ("Die Idylle im Sumpf"); vgl. auch _Braun_, "Der Kölner

Gewerkschaftskongress". Die Annahme, die finanziellen Fortschritte der

Gewerkschaften hätten die Generalstreikströmungen gestärkt (so _Düwell_,

p. 248 ff.), ist also wohl zurückzuweisen.]

Auch _zwischen der gewerkschaftlichen Organisationsform und der

Generalstreikpropaganda_ dürften _Wechselwirkungen_ bestehen. Einerseits

stärkt die Generalstreikidee das Gefühl der individuellen

Selbstherrlichkeit. Sie vermag daher im hohem Grade die

"Sonderbündelei"[699] zu fördern. Andererseits bietet die

föderalistische Organisationsform den günstigsten Boden für die

Generalstreikpropaganda, da aparte und extravagante Ideen in lokalen

Gruppen (bourse du travail, camera di lavoro usw.) überhaupt leicht

Eingang finden. In einer zentralistischen Organisation hingegen werden

neu auftauchende Tendenzen erst durch mehrere Instanzen durchgesiebt,

wobei der persönliche Nimbus der neuen Propheten erheblich abgeblendet

und eine kritische Beurteilung unter Berücksichtigung der allgemeinen

Verhältnisse[700] ermöglicht wird. Die Argumente "fortschrittshungriger

Ungeduld"[701] verlieren um so mehr an Überzeugungskraft, je

umfangreicher die Verbände sind, je weiter also der Blick, je größer das

Verantwortlichkeitsgefühl ihrer Leiter.

[Fußnote 699: Vgl. _Kautsky_, "Der Bremer Parteitag", p. 8, 9.]

[Fußnote 700: Vgl. _Legien_, Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 241 ff.]

[Fußnote 701: _Hue_, "Partei und Gewerkschaft".]

5. Auch die _Stellungnahme der Frauen_ wird als ein wichtiger

allgemeiner Faktor des Klassenstreikentschlusses angesehen. Gewiß könnte

die Aufforderung zum Streik seitens ihrer Frauen den Arbeitern eine

moralische Unterstützung gewähren.[702] Im allgemeinen aber ist die

Teilnahme der Proletarierinnen an den Klassenfragen noch so gering, daß

dieser weiblichen Förderung des Streikentschlusses vorläufig keine

erhebliche Bedeutung beigemessen werden kann. Wahrscheinlicher ist es,

daß die Frauen, wegen der voraussichtlichen wirtschaftlichen Folgen des

Ausstandes, eher ein retardierendes Element bilden.

[Fußnote 702: Vgl. _Glas_ (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 88); ähnl.

_Nieuwenhuis_ (Prot. Int. Kongr. Zürich 1893, p. 23 ff.). Vereinzelt kam

diese Unterstützung wohl auch schon vor; so billigten z.B. in Rotterdam

(1903) die Frauen ausdrücklich den Streikbeschluß der Männer (vgl. Allg.

Ztg. 7./4. 03).]

Die allgemeine Disposition zum Klassenstreik läßt sich übrigens noch

durch spezielle, _künstliche Faktoren_ vergrößern.[703] Als solche

erscheinen zunächst alle Bemühungen, die im allgemeinen der Förderung

näherer und fernerer Ziele des Proletariats dienen,[704] außerdem aber

auch die Mittel _spezieller Vorbereitung_ des Klassenstreiks: Propaganda

und Agitation.

[Fußnote 703: Nach _Louis_ (a. a. O. p. 298) soll überhaupt einzig die

Form der Vorbereitung einen Anlaß zu Kontroversen in der gesamten Frage

des Klassenstreiks bieten. (?!)]

[Fußnote 704: Man wünscht als allgemeine Vorbereitung auf den pol.

M-str.-Entschluß gewerkschaftliche Organisation in zentralistischen

Verbänden (so _Bebel_, Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 227 ff.;

_Bömelburg_, Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 222; _Hue_, a. a. O.;

_Ledebour_, Prot. Parteitg. Dresden 03, p. 433; v. _Elm_, a. a. O.;

_Legien_, "In Köln am Rhein"; _Olberg_, "Der italienische

Generalstreik", p. 22; _Ströbel_, Vortrag über den pol. M.str. in

einer Steinarbeiterversammlung in Berlin am 12. Nov. 05 [Vorwärts,

14. Nov. 05, 1. Beilage]), genossenschaftliche und politische

Organisation, Aufklärung usw. (so _Parvus_, "Staatsstreich und

politischer Massenstreik", p. 391; _Zietz_, Prot. Parteitg.

Jena 05, p. 326, und viele andere). Als allgemeine Vorbereitung

auf den Generalstreik-Entschluß wird bes. föderalistische

Gewerkschaftsorganisation, Förderung des revolutionären Bewußtseins,

theoretische (anarchistische) Ausbildung, "Erhöhung der Persönlichkeit

jedes einzelnen" (_Friedeberg_, Prot. int. Kongr. Amsterdam 05, p. 26),

sowie die Pflege der direkten Aktion, des Internationalismus und

Antimilitarismus (vgl. "_Weckruf_", 28. Mai, "Der Generalstreik"; E.

Th., "Der Parteitag von Jena und der Generalstreik" ["Einigkeit", 9.

Dez. 05]; _Dejeante_, Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 28;

_Quatrehomme_, Enquête sur l'idée de patrie et la classe ouvrière, p.

337); _Sironi_, Ernesto, "La Patria" e l'Antimilitarismo, Inchiesta...

usw., p. 387, gefordert.]

1. Die _Propaganda_ betrachtet es als ihre Aufgabe, die Arbeiter mit dem

Klassenstreik "gedanklich vertraut" zu machen, damit sie "allen

Eventualitäten gewachsen" seien[705] und im entscheidenden Moment auch

wüßten, was sie zu tun hätten.[706] Der Propaganda pflegt im allgemeinen

die Diskussion vorauszugehen, die Aussprache über die Arten,

Möglichkeiten und Aussichten des Klassenstreiks. Wie berechtigt

akademische Erörterungen an sich auch sein mögen, so gefährlich kann

ihre Häufigkeit innerhalb der praktischen Tagespolitik, kann der "Sport"

mit dieser Idee, kann das "Spielen mit dem Feuer" werden.[707] Nicht

etwa, weil durch "fortwährendes Reden darüber" der Gedanke des

Klassenstreiks "lächerlich" gemacht und "verflacht"[708] würde, oder

weil die Gegner dabei hinter die Pläne der Arbeiter kommen könnten,[709]

sondern weil die darin enthaltenen meist noch ungeklärten, zu

optimistischen Anschauungen nur allzuleicht trügerische Hoffnungen in

den Arbeitern wecken,[710] weil die Arbeiter nur allzuleicht

Untersuchung mit Empfehlung verwechseln, weil sich "aus der Gewohnheit,

über eine Sache zu reden und reden zu hören, die Lust entwickeln"

könnte, "sie einmal anzuwenden, ohne daß immer vorher die Tragweite

davon gründlich geprüft worden wäre".[711]

[Fußnote 705: _Kautsky_, "Maifeier und Generalstreik"; ders. "Der

Parteitag in Jena".]

[Fußnote 706: Vgl. _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und

Revolutionsromantik"; ders. "Ist der politische Massenstreik in

Deutschland möglich?"; v. _Elm_, a. a. O. und Prot. Gwft. Kongr. Köln

05, p. 226; _Timm_, ebenda p. 222, 223; _Kautsky_, "Allerhand

Revolutionäres", p. 738, 739; _Pouget_, "Die Gewerkschaft", p. 25 ff.;

Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 194, 196. -- _Bebel_ (Prot. Parteitg. Jena

05 p. 299) nimmt an, die Massen könnten sich für eine solche Maßregel

nur nach erfolgter Orientierung über Wirkung und Zweck begeistern.]

[Fußnote 707: _Leimpeters_, "Zum Generalstreik"; _Bernstein_, "Pol.

M-str. u. pol. Lage", p. 22, und andere ähnlich.]

[Fußnote 708: v. _Elm_, "Massenstreik, Sozialdemokratie und

Genossenschaftsbewegung", p. 735; ders. "Partei und Gewerkschaft".]

[Fußnote 709: Vgl. Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 195,196; _Hue_,

"Partei und Gewerkschaft", p. 292; _Olberg_ ("Der italienische

Generalstreik") meint, der Gedanke sei "nicht so zart, daß er durch die

Diskussion abgegriffen würde", und die Redner des Proletariats seien

"nicht so dumm", ihre "Betriebsgeheimnisse" auszuplaudern. -- Freilich

können die Gegner aber in der bloßen Diskussion schon eine Drohung

erblicken und mit entsprechenden Gegenmaßregeln antworten (vgl. _Heine_,

Prot. Parteitg. Jena 05, p. 316).]

[Fußnote 710: _Heine_, "Politischer Massenstreik im gegenwärtigen

Deutschland?"]

[Fußnote 711: _Heine_, a. a. O. p. 754. _Kolb_ (Prot. Parteitg.

Mannheim 06, p. 263, 264) fürchtet, die Arbeiter könnten sich in einem

ungünstigen Moment zum Streik provozieren lassen.]

2. Die _Agitation_ betrachtet es nicht als ihre Aufgabe, das Thema zu

klären oder die gewonnenen Einsichten zu verbreiten, sondern die

Arbeiter nachdrücklich zum Handeln aufzufordern. Teils geschieht dies

_generell_: durch die Anweisung, _jede_ Gelegenheit zum Streik zu

ergreifen und _jeden_ Streik zum Klassenstreik zu erweitern (Praxis der

Anarchisten); teils _speziell_: durch planmäßige Bearbeitung der Massen

bei einem sich bietenden äußern Anlaß (wie in Schweden usw.), wobei es

wesentlich darauf ankommt, der Bewegung ein geeignetes, nämlich ein

bestimmtes, einheitliches und einleuchtendes Ziel zu geben.[712]

[Fußnote 712: Je mehr Ziele zugleich auftreten, um so wahrscheinlicher

ein Scheitern der Bewegung. Durch eine Verkoppelung der

Wahlrechtsforderung mit dem Achtstunden-Postulat suchten seinerzeit die

österr. Sozialisten die Beteiligung der Bergwerksarbeiter am geplanten

Wahlrechtsstreik zu sichern, gaben aber, mit Rücksicht auf die allzu

verschiedene Entwickelung der einzelnen Industrien und auf die allzu

verschiedenen Erfordernisse eines ökonomischen und eines politischen

Streiks, den Gedanken wieder auf (vgl. Prot. Parteitg. Wien 1894,

_Krejci_, p. 55; _Hueber_, p. 58; _Reumann_, p. 62). -- _Jaurès_ ("Aus

Theorie und Praxis") warf den französischen Syndikalisten vor, daß sie

die Arbeiter, die für so unbestimmte Forderungen, wie "Kommunismus",

nicht in den Streik treten würden, durch vorgeschobene Augenblicksziele

in einen Generalstreik verlocken und diesem dann eine revolutionäre

Wendung geben möchten.]

Eine gewisse künstliche Förderung kann der Streikentschluß übrigens auch

durch die Gegner erfahren;[713] doch spielt dies keine große Rolle.

[Fußnote 713: So sollen beim Lancashire-Streik 1842 die Unternehmer die

Hände im Spiel gehabt haben. Beim ital. Eisenbahnerstreik 1905 sollen

die Eisenbahngesellschaften hinter der Szene die Streiktendenzen

gefördert haben, um die Verstaatlichung zu hindern (vgl. Soz. Prx. 14.

Jahrg. Nr. 30; "Die Hilfe", 1905, Nr. 16. p. 2, polit. Notiz).]

Welchen unter den zahlreichen Faktoren kommt nun _ausschlaggebende

Bedeutung_ zu? Die Möglichkeit unvorbereiteter Ausbrüche, wie die

Vergeblichkeit künstlicher Inszenierungsversuche beweisen, daß die

eigentlichen Triebfedern auf den _gegebenen_ Bedingungen, den

_allgemeinen Verhältnissen_ beruhen. Haben doch überhaupt die

großen Streiks "mehr den Charakter von Naturereignissen, als von

bestimmten menschlichen Handlungen", weniger den "eines gewollten

Mittels zu bestimmtem Zwecke, als den der unmittelbar gewollten

Demonstration".[714] Sind sie aber in erster Linie "von der Entwicklung

der Verhältnisse"[715] abhängig, so läßt sich eine wirksame Förderung

oder Hinderung des Streikentschlusses allein von einer Beeinflussung

dieser Verhältnisse erwarten.

[Fußnote 714: "Sie entspringen den Stimmungen der Masse, zuweilen dem

Druck der Not und Entbehrung, öfter dem allmählich angehäuften Unwillen,

verletztem Ehrgefühl, sittlicher Entrüstung". (_Tönnies_, Über den

Ruhrstreik 1905, "Freies Wort", IV, p. 894).]

[Fußnote 715: Vgl. _Legien_, "In Köln am Rhein"; _Leimpeters_ (Prot.

Gwft. Kongr. Köln 05, p. 223); v. _Elm_, "Die Gewerkschaftsdebatte auf

dem Mannheimer Parteitag".]

Aber der Streikentschluß ist doch _nicht ausschließlich_ vom

historischen Moment,[716] von der _geschichtlichen Notwendigkeit_[717]

abhängig. Der Effekt der gegebenen Bedingungen kann in gewissen Grenzen

durch die _künstlichen Faktoren_ modifiziert werden. Es unterliegt

keinem Zweifel, daß ein Klassenstreik um so eher losbricht, je stärker

die Arbeiter daraufhin bearbeitet worden sind, und um so schwerer, je

mehr man sie durch spezielle Bemühungen am Streik zu hindern sucht.

Natürlich läßt er sich um so leichter heraufbeschwören, je stärker die

allgemeinen Umstände das Proletariat zum Massenstreik disponieren, und

um so schwerer, je weniger die Arbeiter dazu neigen. Den größten

Hindernissen begegnet die künstliche Streikförderung, wenn es sich,

ceteris paribus, um den überlegten Streikentschluß handelt, weil

hierbei, gerade infolge der Überlegung, auch die Hemmungsvorstellungen

besonders deutlich ins Bewußtsein treten müssen.

[Fußnote 716: _Legien_ (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 241 ff.).]

[Fußnote 717: _Luxemburg_, Vortrag über den pol. M-str. in einer von

den sozialdemokratischen Frauen einberufenen Volksversammlung am 6. Dez.

(vgl. Vorwärts, 2. Beilage, 8./12. 05).]

Bei der relativ geringen Bedeutung der künstlichen Faktoren erscheint

deren _Beeinflussung_ zwecks Förderung oder Hinderung des

Streikentschlusses wenig verheißungsvoll. Ganz besonders _wertlos_ aber

erscheinen von diesem Gesichtspunkt aus alle Bestrebungen, die Taktik

des Proletariats von vornherein festzulegen und den Klassenstreik als

Folge bestimmter Ereignisse vorauszuverkünden.[718] Hängt doch der

Ausbruch des Klassenstreiks an tausend Imponderabilien, deren

Gruppierungen sich kaum für wenige Tage voraussehen lassen.

[Fußnote 718: Nichts sei verkehrter, als "eine große Aktion

beschließen, für die das Angriffsobjekt noch fehlt" (_Bebel_, "Der

Bremer Parteitg."; ders., Prot. Parteitg. Jena 05, p. 336). --Vgl. auch

_Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 738; _Bömelburg_ (Prot.

Parteitg. Jena, p. 227, 333; Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 219); v.

_Elm_, "Die Revisionisten an der Arbeit", p. 29; _Zetkin_ (vgl.

Vorwärts, 23. Aug. 05).]

§ 22. Bedingungen der Durchführung des Klassenstreiks.

1. Die Durchführung eines Klassenstreiks hängt in erster Linie vom

_Ausharrungsvermögen der Arbeiter_ ab, und dieses selbst wird zunächst

durch das Maß _materieller Mittel_, über die das Proletariat verfügen

kann, bedingt.[719] Denn beim Klassenstreik leidet ja das Proletariat

nicht nur unter dem normalerweise eintretenden Lohnausfall,

sondern, als Teil des sozialen Körpers, auch unter dem durch den

Streik herbeigeführten allgemeinen gesellschaftlichen Druck

(Lebensmittelknappheit, Preissteigerung usw.), der auf ihm, als der

wirtschaftlich-schwächsten Klasse, am schwersten lasten muß.[720] Wie

sehr die Arbeiter auch an Entbehrungen gewöhnt sein mögen, sie

können denn doch nicht, wie Bebel meint, einfach "ein paar Wochen

hungern";[721]; würden doch auch Frauen und Kinder in Mitleidenschaft

gezogen werden. Vor dem _Hunger_ verblassen alle noch so leuchtenden

Ziele,[722] alle noch so heiligen Vorsätze, und das Proletariat hat

dann nur die Wahl zwischen Stürmung der Lebensmittelmagazine, also

Hungerrevolte,[723] und Kapitulation.[724] Der Rückzug kann entweder

gemeinsam und in guter Ordnung stattfinden oder in zerstreuten Trupps.

Dann versandet die Bewegung, und die letzten, die am längsten ausharren,

müssen die Zeche bezahlen.[725]

[Fußnote 719: Über die Bedeutung der materiellen Mittel für den Kl-str.

sind sich Vertreter aller Richtungen einig; vgl. die Resolutionen über

Generalstreiks und über politische M-streiks, z.B. von den

internationalen Kongressen in Zürich (p. 53), Amsterdam (p. 24 ff.);

ferner _Legien_ (Prot. int. Kongr. Paris 1900 p. 31 ff.); Prot.

Parteitg. Bremen 04, p. 196; _Jaurès_, "Aus Theorie und Praxis", p. 30;

Prot. Gwft. Kongr. Köln 05; Prot. Parteitg. Wien 05, p. 68, 69; v.

_Elm_, "Massenstreik, Sozialdemokratie und Genossenschaftsbewegung", p.

734; ders., Prot. Parteitg. Jena 05, p. 331; _Grimm_, "Der politische

Massenstreik"; _Branting_, "Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 421;

_Gorter_, "Der Massenstreik der Eisenbahner in Holland", p. 656;

_Parvus_, "Staatsstreich und politischer Massenstreik"; _Friedeberg_,

"Parlamentarismus und Generalstreik", p. 31, 32; ders., "Weltansch."]

[Fußnote 720: Vgl. _Turati_, "Lehren und Folgen des Generalstreiks in

Italien", p. 866, 867; _Vliegen_, "Der zehnte Parteitag der

niederländischen Sozialdemokratie"; ders., "Der Generalstreik als

politisches Kampfmittel", p. 196, 197; _Heine_, "Politischer

Massenstreik im gegenwärtigen Deutschland?"; _Kolb_, "Zur Frage des

Generalstreiks", p. 209; _Axel Hirsch_, p. 197; _Grosch_, "Der

Generalstreik", p. 15 ff.; _Leimpeters_, "Zum Generalstreik", p. 883;

ders., Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 223; _Cohnstaedt_, "Generalstreik,

Massenstreik und Sozialdemokratie", p. 749; _Eckstein_, p. 358, 359;

_Düwell_, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 252, 253; _Kautsky_,

"Allerhand Revolutionäres", p. 689. -- Anderer Ansicht sind z.B.

_Louis_, p. 301 ff., und _Friedeberg_, "Parlamentarismus und

Generalstreik", p. 28, 29.]

[Fußnote 721: Vgl. _Bebel_, Prot. Parteitg. Jena 05, p. 305; ähnl.

ebenda _Zietz_, p. 319, und v. _Elm_, p. 331.]

[Fußnote 722: Vgl. hierüber z.B. _Rob. Schmidt_ und _David_ (Prot.

Parteitg. Jena 05, p. 319, 328).]

[Fußnote 723: Vgl. _Leimpeters_, "Zum Generalstreik"; _Kampffmeyer_,

"Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen Macht"; _David_,

"Die Eroberung der politischen Macht", III; _Düwell_, p. 248 ff.;

_Grosch_, p. 16, 17.]

[Fußnote 724: Vgl. z.B. Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 153 ff.]

[Fußnote 725: Vgl. _David_, "Rückblick auf Jena".]

Zur Verhütung solcher Ausgänge sind natürlich um so größere Mittel

erforderlich, je mehr der Streik sich zeitlich und räumlich ausdehnt;

aber je mehr er sich ausdehnt, um so schwerer wird auch die Beschaffung

dieser Mittel, um so weniger genügen die Gewerkschaftskassen,[726] um so

geringer fällt der Zuschuß aus, den die Nichtstreikenden gewähren

können. Der Klassenstreik wird also im allgemeinen hinter der Dauer

eines gewöhnlichen Streiks zurückbleiben müssen.[727] Unter den heutigen

Umständen dürften die Vorräte der Arbeiter und der ihnen kreditierenden

Kleinhändler sogar schon nach einer Woche erschöpft sein.[728]

[Fußnote 726: Vgl. z.B. _Grosch_.]

[Fußnote 727: Vgl. _Reumann_, Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 62;

_Branting_, "Schweden vor einer neuen Stimmrechtskampagne"; _Eckstein_,

p. 358. Die Behauptung, der Klassenstreik werde die Regierung noch vor

Erschöpfung der Arbeitervorräte zum Nachgeben zwingen (vgl. _Zietz_,

Prot. Parteitg. Jena 05, p. 326), ist unbegründet.]

[Fußnote 728: Vgl. _Leimpeters_, p. 883. "Die deutsche Arbeiterschaft

ist nicht einmal im stande gewesen, 200 000 Bergleute auf einige Wochen

mit Brot und Kartoffeln zu versorgen; wie soll das erst werden, wenn

Millionen in Frage kommen?" ("Korrespondent" der Buchdrucker, cit. in

der N. Z. Z.)]

Daher sind denn auch eine Reihe von Plänen zur Lösung des

_Hungerproblems_ aufgetaucht. Der Vorschlag einiger Chartisten, jede

Arbeiterfamilie sollte sich vor Ausbruch des Streiks einen Sack mit

Lebensmitteln anschaffen, aus dem sie gewiß ihre bescheidenen

Bedürfnisse einen Monat lang befriedigen könnte, indes die verwöhnten

Reichen bald kapitulieren müßten,[729] war ebenso rührend-naiv, wie

undurchführbar. -- Die Schaffung eines einigermaßen genügenden

Streikfonds[730] setzt eine vorläufig unerreichbare Stärke des

Gewerkschaftswesens voraus. --Verproviantierungsschwierigkeiten wären

beim parzellierten Klassenstreik allerdings geringer,[731] doch könnten

die Unternehmer diese Vorteile durch Aussperrungen illusorisch machen.

-- Die Unterstützung durch ausländische Arbeiter blieb bisher stets in

bescheidenen Grenzen, kann die materielle Lage also auch nicht

wesentlich verbessern. -- Durch weitgehende Ausbildung des

Genossenschaftswesens ließe sich noch am ehesten eine mehrwöchentliche,

wenn auch bescheidenste Ernährung großer Arbeitermassen aufrecht

erhalten;[732] übrigens könnten sich die andern Klassen ebenfalls und

vermutlich reichlicher vorsehen, und vielleicht würde der Staat im

Interesse der Öffentlichkeit "die proletarischen Magazine beschlagnahmen

und zum allgemeinen Wohle verwenden".[733] Immerhin wäre durch die

genossenschaftliche Entwicklung die Möglichkeit einer starken Ausdehnung

der Streiks näher gerückt. Eine materielle Unterstützung durch andere

Klassen (Bezahlung der Streiktage durch die Unternehmer, Sammlungen im

großen Publikum usw.) wird immer zu den Ausnahmen gehören, pflegt auch

keine bedeutenden Dimensionen anzunehmen. -- Der einzige radikale Plan

zur Vermeidung der Hungergefahr, nämlich die selbständige Organisation

der proletarischen Produktion, oder auch Konsumtion,[734] ist im

kapitalistischen Staat unausführbar.

[Fußnote 729: Vgl. Henri _Quelch_, Enquête, p. 185.]

[Fußnote 730: Vorgeschlagen von _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p.

104 ff.; _Kampffmeyer_ a. a. O.; vgl. auch Friedrich _Naumann_, "Innere

Wandlungen der Sozialdemokratie".]

[Fußnote 731: Das Proletariat versetze hierbei "die Gesellschaft in

einen Zustand ununterbrochener Unruhe, ohne seine eigenen Kräfte völlig

aufzureiben" (_Roland-Holst_, "Der politische Massenstreik in der

russischen Revolution", p. 215). Die Arbeiter können ihre Kräfte

"jeweilig an solchen Punkten konzentrieren, wo sich ihnen besonders

günstige Chancen bieten" (v. _Reiswitz_, a. a. O., p. 83) und die

Arbeitenden können die Streikenden immer wieder unterstützen (vgl.

bezgl. Marseille die Allg. Ztg. 11./9. 04).]

[Fußnote 732: Vgl. v. _Elm_, a. a. O.; _David_, "Rückblick auf Jena";

ders., Prot. Parteitg. Jena 05, p. 328; _Roland-Holst_, "G-str. u.

Sozd.", p. 104 ff.]

[Fußnote 733: _Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches

Kampfmittel", p. 196.]

[Fußnote 734: Vgl. _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik",

p. 31, 32.]

Aber das Ausharrungsvermögen des Proletariats hängt nicht nur von seinen

materiellen Mitteln, sondern in hohem Maße auch von seinen _moralischen

Qualitäten_ ab. Denn mit Zahl und Erregung der Ausständigen wächst die

Schwierigkeit, Ruhe und Ordnung zu bewahren, mehren sich die

Gelegenheiten zu Zusammenstößen und Ausschreitungen. Die gewaltsame Form

des Klassenstreiks führt natürlich ohne weiteres zu revolutionären

Auftritten.[735] Aber auch bei einem ganz friedlich beabsichtigten

Klassenstreik sind blutige Konflikte auf die Dauer fast unvermeidlich,

und zwar nicht nur infolge der physischen Notlage (erhöhte Reizbarkeit

der Hungernden), sondern auch deshalb, weil hierbei die üblichen

Zusammenstöße mit Arbeitswilligen[736] durch die Klassenleidenschaften

verschärft werden; weil ferner in Momenten allgemeiner Aufregung das

sogenannte Lumpenproletariat, "alle Schranken der Gesetzlichkeit"

durchbrechend, "auf der Bildfläche erscheint";[737] weil auch in solchen

Zeiten gewalttätige Fanatiker am leichtesten Einfluß gewinnen, denn

"innerhalb einer sich sinnlich berührenden Menschenmenge... gehen

unzählige Suggestionen und nervöse Beeinflussungen hin und her, die dem

einzelnen die Ruhe und Selbständigkeit des Überlegens und des Handelns

rauben, so daß die flüchtigsten Anregungen innerhalb einer Menge oft

lawinenartig zu den unverhältnismäßigsten Impulsivitäten anschwellen und

die höheren, differenzierten, kritischen Funktionen wie ausgeschaltet

sind";[738] weil endlich jeder Schritt der öffentlichen Gewalt, wie

Verhaftungen von Arbeiterführern, ja auch die bloße Verschärfung der

staatlichen Sicherheitsmaßregeln, von den gereizten Massen schon wie

eine Provokation empfunden und beantwortet werden kann. Die Gefahr liegt

also äußerst nahe, daß der Klassenstreik, die Revolution der "gekreuzten

Arme", die Revolution "im Sonntagsanzug", "mit den Händen in den

Hosentaschen", zu ernstlichen Zusammenstößen mit der bewaffneten Macht,

daß sie zur Straßenschlacht führe.[739] Dann aber ist die Niederlage des

Proletariats so gut wie gewiß. Zwar läßt sich nicht in Abrede stellen,

daß die Bedeutung der Armee durch den Streik selbst ausnahmsweise etwas

gemindert werden kann:[740] wenn sich dieser nämlich wirklich bis in die

entlegensten Flecken erstrecken, wenn er eine so "ungeheure Ausdehnung"

erreichen[741] sollte, daß die Armee nicht groß genug wäre, um

allerorten einzugreifen; oder wenn zudem den Soldaten wirklich ein

richtiger Angriffspunkt, ein greifbarer Widerstand[742] fehlte, und wenn

sie sich infolge bloßen Überwachungsdienstes gedrückt, ermüdet, unsicher

fühlen würden.[743] Trotzdem aber ist auch beim Klassenstreik "die

moderne Armee einem revoltierenden Volkshaufen stets weit

überlegen".[744]

[Fußnote 735: _Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 11; ders.,

"Der Streik als politisches Kampfmittel". -- Ebenso würde der

Militärstr., der übrigens von den Sozialisten fast durchweg abgelehnt

wird (vgl. z.B. _Plechanoff_, _Adler_, _Liebknecht_ auf dem int. Kongr.

Zürich, Prot. p. 20 ff.), sofort blutige Zusammenstöße veranlassen.]

[Fußnote 736: Vgl. _Branting_, "Schweden vor einer neuen

Stimmrechtskampagne"; _Turati_, a. a. O. Auch _Bernstein_ ("Ist der

politische Streik in Deutschland möglich?") gibt zu, daß es nicht "ohne

jedes Opfer", nicht ohne "etwas Schrammen" abgehen werde.]

[Fußnote 737: _Eckstein_; _Turati_. Dies war z.B. beim belgischen und

beim ital. Klassenstreik der Fall (vgl. N. Z. Z. 6./4. 02; Rdsch. Soz.

Mh. Mai 1902, p. 392).]

[Fußnote 738: _Simmel_, "Soziologie der Über- und Unterordnung", p. 518

ff.]

[Fußnote 739: Vgl. _Lusnia_, "Unbewaffnete Revolution?", p. 564 ff.;

_Bömelburg_ (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05); ähnl. auch _Deville_ (cit. bei

_Weill_, p. 405), _Leimpeters_, p. 881, _Legien_, v. _Elm_ (Prot.

Parteitg. Jena 05 p. 322), und zur Zeit des Chartismus z.B. _Stephens_

(vgl. _Tildsley_, p. 47, 48).]

[Fußnote 740: Der Kl-str. könne "affaiblir l'armée entre les mains de

la classe capitaliste" (_Briand_, "La grève générale et la révolution",

p. 9 ff.).]

[Fußnote 741: "Antimilitarismus und Generalstreik", Beilage zu Nr. 11

der "_Wahrheit_", p. 11 ff. Der Streik müsse allgemein sein, um die

Kräfte des Gegners zu zersplittern, fordert z.B. _Parvus_, a. a. O.;

vgl. ferner _Adler_, _Resel_ (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 70 ff.);

_Roland-Holst_, p. 88 ff.]

[Fußnote 742: Vgl. _Briand_, "La grève générale et la révolution", p. 9

ff.]

[Fußnote 743: Die Armee sei "insuffisante pour faire face à un pareil

danger" (_Briand_. p. 9 ff.), sei in solchen Fällen "zur Ohnmacht

verurteilt" (so "Antimilitarismus und Generalstreik", a. a. O.; ähnl.

_Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 694, 695). Durch häufige

persönliche Berührungen zwischen Streikenden und Soldaten kann natürlich

in letzteren das Gefühl der Interessengemeinschaft geweckt werden

(_Parvus_, a. a. O.); doch ist es unwahrscheinlich, daß dies bei den

heutigen militärischen Verhältnissen zu einer ernstlichen "Zersetzung

der militärischen Disziplin" (_Roland-Holst_, "Der politische

Massenstreik in der russischen Revolution", p. 220 ff.) führen kann; die

Disziplin müßte denn schon vorher sehr gelockert gewesen sein. Für

Deutschland scheint dies völlig ausgeschlossen. Übrigens hat weder die

Unzuverlässigkeit der belgischen Truppen (vgl. N. Z. Z. 26./3. 1893,

Allg. Ztg. 3./5. 93), noch die des russischen Heeres die Ausständigen

vor blutigen Zusammenstößen bewahrt.]

[Fußnote 744: _Eckstein_, p. 362; ähnl. _David_.]

Sofern freilich das Heer zu den Streikenden hielte, wären alle

blutigen Zusammenstöße natürlich von vornherein ausgeschlossen.

Daher die Bemühungen um Einführung des Milizsystems; daher die

Versuche, durch allgemeine sozialistische, wie auch durch spezielle

antimilitaristische[745] Propaganda einen Einfluß auf das Heer

auszuüben.[746]

[Fußnote 745: Vgl. "_Weckruf_", 28. Mai 04; _Dejeante_ (Prot. int.

Kongr. Zürich 1893, p. 28); _Friedeberg_, "Parlamentarismus und

Generalstreik", p. 29 ff.; "Antimilitarismus und Generalstreik", a. a.

O.]

[Fußnote 746: v. _Elm_, "Rückblick auf den 5. deutschen

Gewerkschaftskongress"; _Friedeberg_ a. a. O. Die Ansicht, das Milizsystem

biete den Arbeitern beim Kl-str. größere Vorteile, wird z.B. durch die

Schweiz. Streikerfahrungen widerlegt -- 1902 forderten die

sozialistischen Frauen in Brüssel das Militär direkt in einem Manifest

auf, nicht auf das Volk zu schießen, aber mit geringem Erfolg (vgl. N.

Z. Z. April 1902).]

Ein weniger radikales, aber praktisch nicht ganz aussichtsloses

Schutzmittel (das aber keineswegs die Verhütung aller und jeder

Konflikte gewährleistet),[747] besteht in der Beeinflussung der Arbeiter

selbst: vor allem allgemeine Erziehung und Disziplinierung der

Massen,[748] dann aber auch spezielle _Maßnahmen zur Aufrechterhaltung

der Ordnung_ während des Streiks: wie Einrichtung eines

Sicherheitsdienstes,[749] Ermahnungen einflußreicher Führer zur Ruhe und

Ordnung,[750] Vorkehrungen gegen den in solchen Zeiten ganz besonders

verderblichen Alkoholgenuß[751] usw. Hingegen möchte sich die vorherige

Aufstellung eines detaillierten Streikplans wegen der Unberechenbarkeit

der Verhältnisse als zwecklos erweisen.[752] --Natürlich kann auch durch

ausnahmsweise Unterstützung aus anderen Gesellschaftskreisen die

moralische Widerstandskraft der Streikenden gehoben werden.[753]

[Fußnote 747: _Bernstein_, "Der Kampf in Belgien und der politische

Massenstreik"; ders., "Der politische Massenstreik und der

Staatsanwalt".]

[Fußnote 748: Dies fordert z.B. die Amsterdamer

Generalstreikresolution (Prot. p. 24 ff.); ebenso _Zietz_, (Prot.

Parteitag Jena 1905 p. 326); _Bernstein_, a. a. O., und viele andere,

auch _Roland-Holst_ ("G-str. u. Sozd."; doch fordert sie [p. 119]

andererseits eine solche Erregung, daß die proletarische Disziplin

durchbrochen werde). Es wird eine möglichst umfassende Organisation und

Vorbereitung des Proletariats verlangt, Schulung im täglichen Kampf,

sodaß die Möglichkeit des Zusammenhalts und der Ordnung auch nach

Gefangennahme der gewohnten Führer bestehen bleibe, Einheitlichkeit der

Leitung, wobei es irrelevant sei, ob Partei oder Gewerkschaft die

Führung übernehmen, sofern sie sich nur gegenseitig in die Hände

arbeiten (vgl. _Bernstein_, "Der Streik als politisches Kampfmittel";

_Umrath_, p. 19, 20; _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 689 ff.,

732, 733; ders., "Maifeier und Generalstreik"; _Olberg_, "Der

italienische Generalstreik", p. 23; _Jaurès_, "Grève et Révolution";

_Roland-Holst_, p. 107 ff.; _Friedeberg_ a. a. O.).]

[Fußnote 749: Es wurde 1904 in Mailand eine Art Arbeiterpolizei

eingerichtet (vgl. _Olberg_, "Der italienische Generalstreik", p. 22).

Beim polit. Streik in Russisch-Polen verlangte das Arbeiterkomitee von

Zawiercie in einem Manifest: Ruhe, Würde und Charakterfestigkeit, und es

drohte, bei Diebstahl, Raub und Schlägerei gegen die Schuldigen

einzuschreiten (vgl. Dokumente des Sozialismus, V. 9).]

[Fußnote 750: "Es müssen die Männer, die bei der Masse Autorität haben,

mögen sie den Streik billigen oder nicht, persönlich ihren ganzen

Einfluß aufwenden", um ihn in gesitteten Grenzen zu halten (_Turati_,

"Lehren und Folgen des Generalstreiks in Italien").]

[Fußnote 751: Schon der Chartistenkonvent fragte in einem Manifest, ob

das Volk bereit sei, während des heiligen Monats vom Genuß geistiger

Getränke abzustehen (vgl. _Tildsley_, p. 46). Beim belgischen Streik

warnten die Führer vor dem Alkoholgenuß (vgl. "Allg. Ztg." 16./4. 02;

_Destrée und Vandervelde_, p. 259), der Branntweinausschank wurde

eingeschränkt (_Destrée und Vandervelde_, p. 259): "à Verviers, les

cabaretiers socialistes ne débitèrent point de genièvre

(Wachholderbranntwein) pendant le temps de la grève; un peu partout, on

remarqua la diminution de l'ivroguerie". Beim schwedischen Streik waren

die Ausschankstellen für geistige Getränke überhaupt geschlossen (N. Z.

Z. 16./5. 02). Das Komitee von Zawiercie (a. a. O.) bedrohte Betrunkene

mit 20 Schlägen. In Italien forderte 1904 die Arbeitskammer von

Sampierdarena die Verkäufer alkoholischer Getränke zur Einstellung des

Verkaufs derselben während der Streikdauer auf (_Olberg_, a. a. O.).]

[Fußnote 752: Vgl. _Leimpeters_, "Die Taktik des Bergarbeiterverbandes"

p. 488; ders. "Zum Generalstreik", p. 884.]

[Fußnote 753: Dies soll beim 1. belgischen Wahlrechtsstreik der Fall

gewesen sein, desgl. in Rußland 1905; ähnl. auch beim Ruhrstreik.]

Das Ausharrungsvermögen des Proletariats ist also von der Größe seiner

eigenen materiellen und geistigen Vorräte, plus event. Unterstützung aus

bürgerlichen Kreisen abhängig. Die tatsächliche Inanspruchnahme dieser

Mittel wird um so größer, die Differenz zwischen proletarischer

Opferfähigkeit und Opferwilligkeit um so geringer, die Durchführung des

Streiks um so konsequenter sein, je lebhafter das Proletariat seine

konkrete Forderung als gerecht und notwendig empfindet.[754]

[Fußnote 754: Vgl. _Jaurès_, a. a. O.; ders. "Aus Theorie und Praxis",

p. 99 ff.; _Roland-Holst_, a. a. O. p. 107 ff.; _Bernstein_, "Pol.

M-str. u. pol. Lage", p. 34; Prot. Parteitag Wien 05, p. 68, 69. Zur

Entwickelung dieser Gefühle im Proletariat wird Vorbereitung verlangt,

vgl. z.B. Prot. Parteitag Wien 1894, p. 80 ff.; _Luxemburg_, (Vorwärts,

8. Dez. 05); _Thesing_, p. 334.]

2. Außer vom Ausharrungsvermögen der Arbeiter hängt die Durchführung des

Klassenstreiks aber noch von der _Widerstandskraft_ ihrer _Gegner_ ab.

Diese entspricht einerseits dem Umfang der Gegnerschaft überhaupt,

ist also um so größer, je mehr der Streik sich gegen alle

Gesellschaftsklassen wendet,[755] je weniger Sympathien er im Bürgertum

wecken kann; andererseits entspricht sie den gegnerischen Machtmitteln,

resp. deren Zuverlässigkeit und Anwendbarkeit.

[Fußnote 755: _Streltzow_, a. a. O. p. 136, folgert aus den russischen

Streikerfahrungen, daß ein Kl-str. ohne starke Organisationen nur

möglich sei, "wenn er gegen die völlig isolierte Regierung geführt

wird".]

Da die Zuverlässigkeit der Machtmittel durch allgemeine politische

Ereignisse beträchtlich modifiziert werden kann, so hängt der Widerstand

der Gegner in hohem Maße vom Zeitpunkt ab, in dem der Klassenstreik

ausbricht; dieser hat also um so größere Chancen, je verwickelter die

politischen Verhältnisse gerade liegen (z.B. zur Zeit eines

unglücklichen Krieges, oder bei tiefgreifender Unzufriedenheit im

Volk,[756] oder wenn die Regierung innerlich morsch ist);[757] denn was

für den gewerblichen Streik die wirtschaftliche Hochkonjunktur, das

bedeutet für den Klassenstreik die allgemeine Krise.

[Fußnote 756: _Bernstein_, "Der Streik als politisches Kampfmittel":

der pol. M-str. solle "eine latente Krisis zu einer für die

Arbeiterklasse möglichst günstigen Entscheidung treiben", nicht diese

Krisis selbst herbeiführen (p. 693). Ähnlich wünschte _Resel_ (Prot.

Parteitag Wien 1894, p. 70) für den Wahlrechtsstreik einen Zeitpunkt,

"wenn sich die politischen Verhältnisse günstig gestalten, wenn im

Parlament eine Konfusion eintreten wird".]

[Fußnote 757: _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p. 132.]

Da ferner die Anwendbarkeit der Machtmittel zum Teil eine Vorbereitung

erfordert, so wird der Widerstand der Gegner um so geringer sein, je

überraschender, spontaner der Streikentschluß zu Stande kommt.[758]

[Fußnote 758: Deshalb hat man auch schon "in der Überrumpelung"

(_Roland-Holst_, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in

Holland"), "in der Plötzlichkeit eine Bürgschaft des Erfolgs" (_Gorter_,

"Der Massenstreik der Eisenbahner in Holland", p. 656; ähnl. _Kautsky_,

"Allerhand Revolutionäres", p. 735 ff.; Allg. Ztg. 10./4. 03; _Zietz_

[Prot. Parteitag Jena 05, p. 326]; _Thesing_, p. 534; vgl. auch

_Cohnstaedt_, "Generalstreik, Massenstreik und Sozialdemokratie", p.

750) sehen wollen, obgleich die Plötzlichkeit oft mit ungenügender

Vorbereitung der Arbeiter zusammenfällt.]

Die positive Machtfülle der Gegner wird aber nicht in allen Fällen voll

zur Entfaltung gelangen. Vielmehr wird der Grad der Abwehr dem Grad der

Beeinträchtigung entsprechen, die der Ausstand herbeiführt oder

herbeiführen will. Der Widerstand wird also von Größe und Form, Ziel und

Wirkungsweise des Klassenstreiks abhängen. Ceteris paribus löst ein

Demonstrationsstreik beim Gegner eine geringere Reaktion aus, als ein

Pressionsstreik; ein Pressionsstreik hat aber in der Defensive immer

noch größere Chancen, als in der Offensive.[759] Eine Pression zu

Gunsten von Teilforderungen ruft um so mehr Widerstand hervor, je mehr

diese die Interessen des Gegners berühren;[760] sie wird aber immer noch

weniger Widerstand erregen,[761] als ein Klassenstreik mit

sozialrevolutionären Zielen, bei dem sich alle noch so entfernten

Freunde der bestehenden Ordnung sofort um die Regierung scharen[762] und

deren Aktionskraft auch in physischer Hinsicht beträchtlich steigern

würden.[763] -- Verschiedene Sozialisten nehmen an, die Klassenstreiks

müßten ständig zunehmen.[764] Denn weil bei der Entwicklungshöhe des

Kapitalismus und der Reife der Arbeiterklasse für die Gegner immer mehr

auf dem Spiel stehe,[765] sähen sie jeden Kampf als Existenzfrage

an[766] und steigerten ihren Widerstand. Deshalb müßten die Streiks

immer mehr revolutionären Charakter annehmen. Eine solche Behauptung

übersieht die Möglichkeit einer sozialen Spannungsmilderung.

[Fußnote 759: _Block_ a. a. O.; _Zetkin_ (Prot. Parteitag Jena 05, p.

324); zur Defensive brauche das Proletariat über weniger Kräfte zu

verfügen, als zur revolutionären Offensive.]

[Fußnote 760: So meint z.B. _Rob. Schmidt_, (Prot. Parteitag Jena 05,

p. 332), der Ruhrstreik sei nur deshalb ohne Blutvergießen abgelaufen,

weil es damals der Regierung nicht des Einsatzes wert gewesen wäre;

"aber es würde ihr des Einsatzes wert sein, wenn es sich um so vitale

Interessen der bürgerlichen Klasse handelte, wie das Wahlrecht".]

[Fußnote 761: "Da er den Herrschenden nicht so schrecklich, nicht als

der letzte Schritt zur Revolution erscheinen wird" (_Block_; ähnl.

_Adler_, Prot. Parteitag Wien 05, p. 128).]

[Fußnote 762: Vgl. _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und

Revolutionsromantik". Z.B. in England sollen sich 1848 250 000 Bürger

als Spezialkonstabler in den Dienst der Regierung gestellt haben (vgl.

_Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage" p. 11).]

[Fußnote 763: Vgl. _Düwell_, p. 248 ff.; _Bernstein_, "Ist der

politische Streik in Deutschland möglich?" p. 33; _Jaurès_ ("Aus Theorie

und Praxis", p. 115 ff.) verweist darauf, daß die Bürgerschaft infolge

der Schieß-, Turn-, Sport- und Militärübungen wohl im Stande sein würde,

eine energische Aktion auszuüben.]

[Fußnote 764: Vgl. _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 738; ders.

"Zum Parteitag", p. 780; ders., "Lehren des Bergarbeiterstreiks", p.

781; _Luxemburg_ (Vorwärts, 8./12. 05).]

[Fußnote 765: _Hilferding_, "Parlamentarismus und Massenstreik", p. 814

ff., meint, in Deutschland z.B. müsse jeder Klassenstreik "zur

Entscheidungsschlacht" führen, "denn die herrschenden Klassen

Deutschlands vertragen infolge der Entwicklung der ökonomischen

Verhältnisse keinen Sieg des Proletariats, und sei es in welcher Frage

immer". Weil aber das Proletariat zum Entscheidungskampf noch nicht

stark genug sei, so müsse in Deutschland jeder Massenstreik vermieden

werden. (Gewiß erscheint die Ablehnung eines pol. M-streiks für

Deutschland durchaus gerechtfertigt; aber nicht deshalb, weil die

"Herrschenden" daraus eine "Todesdrohung" hören würden, sondern weil ein

pol. M-str. gerade in Deutschland infolge der politischen und

militärischen Verhältnisse ganz bes. aussichtslos sein würde). In

Österreich hält _Hilferding_ den Klassenstreik noch bei pol.

Einzelforderungen für angebracht. Ähnl. _Kautsky_, "Der Bremer

Parteitag" p. 9; _Roland-Holst_, "Zur Massenstreikdebatte". _Block_

billigt die _Hilferding_schen Ansichten über die Streikaussichten in

Deutschland nur bezüglich des Pressionsstreiks. -- Als Pendant zu den

_Hilferding_schen Ausführungen kann die in anderen Kreisen vertretene

Ansicht gelten, daß "heutzutage jeder einzige Streik sozialdemokratisch

organisierter Arbeiter ein politischer Streik" sei, weswegen man dem

Streikunwesen energisch entgegenwirken müsse (vgl. v. _Reiswitz_, p.

58).]

[Fußnote 766: _Roland-Holst_, a. a. O. p. 686.]

Je mehr Widerstand die Gegner leisten, um so mehr Ausharrungsvermögen

ist auf Seite der Arbeiter erforderlich. Also ist ein defensiver,

friedlicher Demonstrationsstreik für Teilziele, von mäßigem Umfang und

kurzer Dauer am relativ leichtesten,[767] der revolutionäre

Pressionsstreik aber am schwersten durchführbar. Letzterer verlangt auf

Seiten der Arbeiter ein so ungeheures Maß von Organisation, materiellen

Mitteln, Disziplin, Opferwilligkeit und eine so ungeheure Beteiligung,

oder er setzt auf Seiten der bürgerlichen Gesellschaft eine so schwache

Regierung, eine so jämmerliche, zusammengeschrumpfte Bourgeoispartei,

ein so vollkommen unzuverlässiges Heer voraus, daß er, sobald er möglich

wäre, auch schon unnötig würde. Denn dann wären ja wirklich die

Voraussetzungen des Sozialismus vorhanden, und es dürfte weder die

einzige,[768] noch gerade die beste Art sein, das neue Arbeitssystem

durch Proklamierung eines allgemeinen Ferienurlaubs einzuführen.[769]

[Fußnote 767: Vgl. z.B. _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 734,

735; _Block_; _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien 03, p. 131).]

[Fußnote 768: _Friedeberg_ ("Weltansch." und "Parlamentarismus und

Generalstreik", p. 3) behauptet, der "Klassenstaat" könne, da er auf der

Ausbeutung des Proletariats beruhe, nur überwunden werden, indem man

durch den Generalstreik die Ausbeutung aufhebe. Diese Beweisführung ist

keineswegs zwingend. Der Lärm, den die gleichzeitige Stimmerhebung

zahlreicher Personen verursacht, läßt sich nicht nur durch plötzliches

Verstummen aller Beteiligten beseitigen, sondern auch durch die

Einreihung der gleichzeitig ertönenden Stimmen in eine harmonische

Ordnung, so daß, statt in gänzliche Totenstille, der Lärm sich in einen

wohllautenden Chorgesang auflöst; auch gegen die "Ausbeutung" des

"Klassenstaats" kann es noch andere Mittel geben, als die bloße Negation

seiner Grundlagen.]

[Fußnote 769: Aus diesen Gründen lehnten den Klassenstreik ab z.B. W.

_Liebknecht_ (Prot. int. Kongr. Paris 1889, p. 126, Zürich 1893, p. 24;

Prot. Parteitg. Köln 1893, p. 170, 171); _Vliegen_ ("Der Generalstreik

als politisches Kampfmittel", p. 196); _Aveling_, _Plechanoff_ (Prot.

int. Kongr. Zürich 1893, p. 20, 27); _David_, "Die Eroberung der

politischen Macht"; _Düwell_, p. 233; _Greulich_, "Wo wollen wir hin"?

p. 35 ff.; Prot. Parteitg. Jena 05, p. 302; ähnlich schon _Atwood_ (vgl.

_Tildsley_, p. 48, 49); anderer Meinung z.B. die Redaktion von "_De

Nieuwe Tijd_" (Bericht an den Parteivorstand ... usw.), weil sich die

tatsächlich vorhandene Macht erst durch die Praxis ausweisen könne,

zudem die Praxis selbst ein Machtfaktor sei; Dr. _Liebknecht_ verwirft

ebenfalls die Argumentation: "wenn wir den Generalstreik machen können,

brauchen wir ihn nicht mehr", weil man ja auch durch aktuelle politische

Ereignisse "in den Generalstreik hineingedrängt werden" könne. Aber

selbst wenn dies der Fall sein sollte, so wäre damit doch noch nicht der

Erfolg eines Kl-streiks, am wenigsten der eines revolutionären

Kl-streiks garantiert!]

§ 23. Bedingungen des Erfolges des Klassenstreiks.

Der Erfolg des Klassenstreiks, -- mit Ausnahme des reinen

Demonstrationsstreiks, der keine unmittelbare Verwirklichung seiner

Ziele erstrebt, -- besteht in der Erfüllung der Streikforderung, hängt

also in erster Linie von deren _objektiver Realisierbarkeit_ ab.

Zur Erfolglosigkeit wären daher von vornherein alle jene Klassenstreiks

verurteilt, die sich die Einführung einer neuen Gesellschaftsordnung zum

Ziele setzen würden.[770] Davon sind auch Sozialisten, wie _Bernstein_,

_Jaurès_, _Roland-Holst_ usw. durchaus überzeugt. Selbst angenommen, daß

ein Klassenstreik die einzelnen Unternehmer zu verdrängen,[771] die

Betriebe wirklich in eine gewisse Abhängigkeit von der Arbeiterschaft zu

bringen vermöchte und die Herrschaft in einem Industriegebiet eroberte,

so wäre damit doch noch nicht das Unternehmertum als solches beseitigt,

die proletarisch-politische Herrschaft konsolidiert.[772] Setzt doch die

sozialistische Gesellschaftsordnung einen außerordentlich höher

entwickelten Kapitalismus, ein außerordentlich größeres und vollkommener

organisiertes Proletariat voraus, als vorhanden oder für absehbare Zeit

vorauszusehen ist.[773] Nach Anschauung mancher Syndikalisten freilich

wird "in den Wechselbeziehungen zwischen Umwelt und Inwelt der Faktor

des Innenlebens immer wesentlicher" (_Friedeberg_); danach ließe sich

also der Sozialismus auch schon vor Eintritt seiner materiellen

Voraussetzungen herbeiführen, wenn nur in den Arbeitern mittels

psychologischer Beeinflussung die Einsicht in das Wesen der

"Klassenherrschaft" entwickelt worden ist. Diese Lehre, der sog.

"_historische Psychismus_", dürfte wohl als natürliche Reaktion gegen

die Übertreibung des _historischen Materialismus_ anzusehen sein. --

Nicht ganz so weit, wie _Friedeberg_, geht _Thesing_: der Wille des

Menschen mache Geschichte, nicht automatische Gesetze, wie ein

misverstandener Marxismus lehre; dieser sei auch schuld, wenn man die

seiner Ansicht nach einzige wirksame Waffe, den politischen

Generalstreik, verleugne.[774]

[Fußnote 770: Vgl. _Bernstein_ (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 194);

_Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p. 26 ff.; "Hamburger Echo", 27. Aug.

05, Art. "Anarcho-Sozialismus".]

[Fußnote 771: "Die gefestigte ökonomische Macht der Kapitalisten kann

nicht durch die wirtschaftliche Ohnmacht hungernder Arbeiter gestürzt

werden" (_Kampffmeyer_, "Der Generalstreik und die Eroberung der

ökonomischen Macht"). Streiks scheinen nicht dazu führen zu können, "das

Lohnsystem in seinen Grundfesten zu erschüttern und eine wesentlich

andere Verteilung des Arbeitsertrages herbeizuführen" (_Stieda_, Art.

"Arbeitseinstellungen", im Hdwb. d. Staatswften.). Durch Aufhören von

Produktion und Zirkulation und durch Bedrohung von Person und Eigentum

werde überhaupt die bürgerliche Gesellschaft noch nicht gestürzt, wie

die großen Kriege und Invasionen bewiesen (_Jaurès_, "Aus Theorie und

Praxis", p. 111 ff.).]

[Fußnote 772: Der Großbetrieb würde vielleicht einige Firmenänderungen

aufweisen. -- _Jaurès_ meint, in den gerade durch den Streik selbst

isolierten Wirtschaftszentren würden bald wieder reaktionäre Herde

entstehen, so daß die Revolution sich selbst verzehren müsse.]

[Fußnote 773: Eine Arbeiterschaft, "completamente organizzata e

federata", wie _Thesing_ (p. 334) sie als Voraussetzung des G-streiks

und des Sozialismus verlangt, sei aber "völlig unmöglich" (_Kautsky_,

"Lehren des Bergarbeiterstreiks", p. 775), denn die Organisation werde

"stets nur eine Elite oder Aristokratie der Arbeiterschaft umfassen."]

[Fußnote 774: Vgl. die Kritik des "revolutionären Syndikalismus" bei

_Sombart_ ("Sozialismus und soziale Bewegung", insbesondere p. 140 ff.);

_Sombart_ folgert aus der Unhaltbarkeit der syndikalistischen

"Gewerkvereinstheorie" auch die Unhaltbarkeit des Generalstreiks: wenn

nämlich der Syndikalismus "nichts anderes, als die Erziehung des

Arbeiters in den Gewerkvereinen für nötig hält, um alle erforderlichen

Qualitäten des neuen Produzenten zur Entfaltung zu bringen", so wäre

selbst bei vollständigem Sieg des Generalstreiks das Proletariat "doch

nicht imstande,... ihn auszunützen", da eben die "subjektiven und

objektiven Bedingungen der neuen Produktionsweise" noch nicht erfüllt

sein würden (a. a. O. p. 141).]

Bei weniger utopischen Forderungen hängt der Erfolg von der Stärke des

_Streikdrucks_ ab. Dieser ist, soweit er vom Proletariat selbst ausgeht,

nach oben durch die _tatsächliche Macht_ des Proletariats begrenzt, also

einerseits durch seine _politische Bedeutung_, die auf der "gewaltigen

Zahl seiner Köpfe"[775] beruht, und andrerseits durch seine _ökonomische

Bedeutung_ (seine "gesamte organisierte wirtschaftliche Macht",[776]

seine "reale Macht"),[777] die auf der tatsächlichen Abhängigkeit der

Gesellschaft von der proletarischen Arbeitsleistung beruht.

[Fußnote 775: Prot. Parteitg. Jena 05, p. 291; _Friedeberg_ (Prot. int.

Kongr. Amsterdam 04, p. 26, und "Parlamentarismus und Generalstreik", p.

31, 32) behauptet, im G-str. komme die psychologische Macht der

Arbeiterklasse zum Ausdruck; ihre wahre Macht bestehe nämlich in einer

möglichst großen Zahl völlig freier Persönlichkeiten.]

[Fußnote 776: _Lensch_, "Politischer Massenstreik und politische

Krisis".]

[Fußnote 777: _Hilferding_, a. a. O. Die ökonomische Macht des

Proletariats wachse "organisch hervor... aus der Stellung und Funktion

des Proletariats in der kapitalistischen Wirtschaftsordnung" (Dr.

_Liebknecht_, Prot. Parteitg. Jena 05, p. 327; vgl. auch _Hilferding_,

"Zur Frage des Generalstreiks", p. 135 ff.); _Thesing_, p. 334, nennt

als einzige Macht des Proletariats dessen Persönlichkeit und

Arbeitskraft.]

Diese Abhängigkeit ist eine ungeheure, aber keine absolute. Handelt es

sich doch nicht um die gesamte soziale Arbeitsleistung, deren

Verweigerung allerdings ohne weiteres den ganzen "Zirkulations- und

Produktionsprozeß der bürgerlichen Gesellschaft... an einem Tage zum

Stillstand" bringen[778] und eine tatsächliche Aushungerung der

Gesellschaft bewirken würde,[779] sondern nur um den Bruchteil

gewerblicher Tätigkeiten, der sich in den Händen des Proletariats

befindet.[780] Dieser Bruchteil ist freilich keine Kleinigkeit; und da

das Proletariat gerade im Verkehrs-, Transport- und Nachrichtenwesen, im

Beleuchtungs- und Reinigungsdienst, in den Groß- und Mittelbetrieben von

Industrie und Bergbau sehr stark vertreten ist, also durchaus nicht nur

"für die Behaglichkeiten des Lebens"[781] sorgt, sondern einen großen

Teil der gesellschaftlich unentbehrlichsten Arbeit verrichtet,[782] so

würde ein Streik des gesamten Proletariats einer vollständigen sozialen

Arbeitsunterbrechung immerhin sehr nahe kommen.[783]

[Fußnote 778: Eine solche Wirkung erwartete vom Kl-str. z.B. _Werner_,

Opposition der "Jungen" (Prot. Parteitg. Erfurt, 1891); ähnlich

_Eckstein_, p. 363; _Quatrehomme_, Enquête sur l'idée de patrie et la

classe ouvrière, p. 337, usw.]

[Fußnote 779: _Henry George_ soll gesagt haben: "wollte einmal die

produktive Arbeit in London gänzlich feiern, so würden die Menschen in

wenigen Stunden hinzusterben beginnen" (cit. bei _Grosch_). Die Absicht,

durch den Kl-str. die Gesellschaft "auszuhungern", ist heute übrigens

allgemein als unhaltbar aufgegeben (vgl. z.B. _Bernstein_: "Der Streik

als politisches Kampfmittel" p. 691; ders. "Politischer Massenstreik und

Revolutionsromantik"; Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 195 usw.).]

[Fußnote 780: Es waren z.B. von den 22,1 Mill. Erwerbstätiger

Deutschlands (1895) 3-4 Mill., 36,3 Proz. sämtlicher gewerblicher und

industrieller Arbeiter, in Groß- und Mittelbetrieben beschäftigt (cit.

bei _Kampffmeyer_, "Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen

Macht", p. 874 ff.). "Die Großindustrie wird lahmgelegt, aber eine

absolute Arbeitseinstellung ist undenkbar" (_Vliegen_, "Der

Generalstreik als politisches Kampfmittel", p. 197 ff.); vgl. auch Prot.

int. Kongr. Amsterdam 04, p. 24 ff., usw.]

[Fußnote 781: Wie _Grosch_, p. 14, 15 annimmt.]

[Fußnote 782: _Hilferding_, a. a. O. p. 141.]

[Fußnote 783: _Kautsky_ ("Die soziale Revolution", I, p. 50) meint, daß

jede Existenz unmöglich gemacht würde, wenn alle Arbeiter eines Landes

die Arbeit einstellten, worunter er wohl nur die Lohnarbeiter versteht.

-- Übrigens können Landwirtschaft und industrielle Kleinbetriebe auch

während des Kl-streiks, freilich unter erschwerenden Umständen, in einem

gewissen Umfang weiterarbeiten.]

Doch diese ungemein große relative Abhängigkeit der Gesellschaft von der

proletarischen Arbeitsleistung wird insofern gemildert, als die

Beteiligung des _gesamten_ Proletariats am Klassenstreik praktisch

überhaupt ausgeschlossen erscheint. Denn die Arbeiterschaft enthält

zahlreiche, und darunter allerbedeutsamste Elemente, die entweder aus

Indifferenz der Bewegung fernbleiben, oder sich gar mit Absicht vom

Streik ausschließen, teils, weil sie aus wirtschaftlichen oder

rechtlichen Gründen nicht streiken können,[784] teils, weil sie aus

prinzipiellen Gründen nicht streiken wollen.[785] Die Beteiligung des

Proletariats wird im allgemeinen um so größer sein, je weitere Kreise

das Streikziel als ein Bedürfnis empfinden,[786] je stärker die

proletarischen Organisationen sind, je lebhafter sie sich am Ausstand

beteiligen,[787] je intensiver also ihr Beispiel auf Unorganisierte und

Indifferente wirken kann.[788]

[Fußnote 784: Z.B. die Staatsarbeiter (vgl. _Katz_, "Der politische

Massenstreik", Nr. 34, p. 7), also vor allem Eisenbahner (ca. 1/8 der

deutschen Eisenbahner hat Beamtenqualität [vgl. _Kampffmeyer_, p. 874

ff.]), Post- u. Telegraphenangestellte (vgl. _Roland-Holst_, "G-str. u.

Sozd.", p. 112 ff.; _Parvus_, "Staatsstreik und politischer

Massenstreik", p. 391). Wirtschaftlich gebunden sind z.B. meist auch

die Hausindustriellen (vgl. Prot. Parteitg. Wien 1894).]

[Fußnote 785: In Betracht kommen hier vor allem die sog. gelben

Gewerkschaften, die prinzipiell den Klassenkampf verwerfen.

--_Cohnstaedt_ ("Generalstreik, Massenstreik und Sozialdemokratie", p.

748) glaubt, daß einem Wahlrechtsstreik in Deutschland sich die

christlichen und die Hirsch-Dunckerschen Gewerkschaften anschließen

würden; das bezweifelt _Düwell_ (p. 249), und wohl mit Recht; er meint,

daß diese Gewerkschaften höchstens bei spontanem Streik vorübergehend

mitmachen würden. -- Das Zentralblatt der christlichen Gewerkschaften

kann sich "keine größere Diskreditierung des Gewerkschaftswesens

denken", als seine Indienststellung für den politischen M-str.; "im

Interesse der Selbsterhaltung und der praktischen Reformarbeit müssen

die Gewerkschaften aller Richtungen gegen alle Versuche, politische

Massenstreiks zu inszenieren, Front machen", auch gegen die "gewaltlosen

Demonstrationen, welche Bernstein empfiehlt" (cit. in der Soz. Prx. XIV,

Nr. 50, Sp. 1318). Beim holländischen Aprilstreik 1903 standen die

christlichen Gewerkschaften auf Seiten der Regierung (vgl.

_Roland-Holst_, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in Holland").

Der Gesamtverband der national gesinnten Eisenbahner Süddeutschlands

schließt partielle und allgemeine Ausstände zur Erreichung seiner Zwecke

(Pflege der gemeinsamen geistigen und materiellen Interessen)

ausdrücklich aus (vgl. Soz. Prx. XIV, Nr. 51, Sp. 1346, 1347).]

[Fußnote 786: _von Elm_ (Prot Parteitg. Jena 05, p. 33): beim

Wahlrechtsstr. würden auch die Massen der Unorganisierten zuströmen;

ähnlich _Luxemburg_ (vgl. Vorwärts, 8. Dez. 05) sobald die Notwendigkeit

zum M-str. gegeben sei, würden die Unorganisierten zuströmen.]

[Fußnote 787: "Die freien Gewerkschaften umfassen nur etwas über eine

Million Arbeiter, die Sozialdemokratie beschränkt sich auf 1/8-1/4 des

deutschen Volkes" (v. _Gerlach_, "Maifeier und Massenstreik"); übrigens

soll auch bei diesen die vollzählige Beteiligung noch durch

wirtschaftliche und prinzipielle Rücksichten sehr in Frage gestellt sein

(vgl. _Leimpeters_, "Zum Generalstreik", p. 882; _Giesberts_, a. a. O.

p. 35).]

[Fußnote 788: Vgl. _Cohnstaedt_, a. a. O.; _Gorter_, "Der Massenstreik

der Eisenbahner in Holland", p. 656; _Düwell_, p. 248 ff.; _Bernstein_,

"Der Streik als politisches Kampfmittel"; _Luxemburg_ (cit. von Wilhelm

_Schröder_, "Sisyphusarbeit"). Nach Ansicht der französischen

Syndikalisten genügt zur Mobilisierung der Indifferenten schon der

Streik einer bewußten Minorität. Nach _Louis_, p. 299, braucht nur ein

Teil des Proletariats organisiert zu sein. _Kautsky_ ("Allerhand

Revolutionäres", p. 732, 733) verlangt ein intelligentes Proletariat,

das zudem einen überwiegenden Bruchteil der Bevölkerung bilden müsse.]

Aber die effektive Arbeitsruhe, also auch die Größe der sozialen Wirkung

des Klassenstreiks, entspricht doch noch keineswegs genau der Zahl der

Ausständigen, vielmehr bleibt sie in der Regel hinter derselben zurück.

Denn einerseits kehrt stets ein Teil der Streikenden, aus Furcht vor den

Konsequenzen des Ausstandes (Entlassung, Aussperrung, Not, Verfolgung

usw.), bald wieder zu den verlassenen Arbeitsplätzen zurück, und diese

_Streikflucht_ nimmt natürlich mit der Dauer des Streiks zu.

Andererseits stehen der Gesellschaft zur Verrichtung der notwendigsten

Arbeit[789] stets zahlreiche _Ersatzkräfte_ zur Verfügung: vor allem die

"_Reservearmee_". Diese wird um so größer sein, je geringere Rücksicht

bei der Wahl des Streikbeginns auf die wirtschaftliche Konjunktur

genommen werden konnte,[790] und je mehr die technische Verknüpfung der

einzelnen Betriebe untereinander auch Gegner des Streiks zum Feiern

zwingt. Weitere Hilfe leistet der Gesellschaft das _Militär_, und zwar

sowohl die regulären Truppen[791] im aktiven Dienst und die

Spezialtruppen,[792] als auch die Reserven, zu denen auch die Mehrzahl

der Ausständigen zu gehören pflegt; durch "Militarisation" können diese

also zu ihrer eigenen Arbeit und damit zum "Verrat" an ihrer eigenen

Sache gezwungen werden.[793] Schließlich wird auch das _Bürgertum_

selbst einen Teil der Arbeit übernehmen, teils durch weitgehende

Anspannung des Kleinbetriebes,[794] teils durch Aufrechterhaltung

gemeinnütziger Betriebe mit Hilfe von qualifizierten bürgerlichen

Kräften.[795] Letztere stehen um so reichlicher zur Verfügung, je mehr

der Klassenstreik auch ihnen eine unfreiwillige Muße auferlegt.

[Fußnote 789: Die _notwendigste_ Arbeit ist keineswegs immer die

_komplizierteste_; neue Arbeitskräfte lassen sich also oft unschwer

anlernen.]

[Fußnote 790: Um die seitens der "Reservearmee" drohende Minderung des

Streikdrucks zu paralysieren, wird möglichste Steigerung der

gewerkschaftlichen Organisation gefordert (vgl. _Delory_, Congrès

général... Paris 1899, p. 246 ff., vgl. auch v. _Reiswitz_, p. 32 ff.);

übrigens kann dies event. durch den Bezug ausländischer Arbeitswilliger

hinwiederum illusorisch gemacht werden (vgl. _Penzig_, p. 43).]

[Fußnote 791: So fungierten die Soldaten als "Streikbrecher" beim

Reisarbeiterstreik in Norditalien (vgl. _Roland-Holst_, "G-str. u.

Sozd.", p. 38), beim Elektrizitätsarbeiterstreik in Paris (vgl.

_Kulemann_, "Das Streikrecht in öffentlichen Betrieben"). 1903

verwendete man sie in Holland zur Aufrechterhaltung des Verkehrs

(_Roland-Holst_, "Der Kampf und die Niederlage der Arbeiter in

Holland").]

[Fußnote 792: Man verwendet z.B. Eisenbahntruppen oder die Angehörigen

der sog. Militärapprovisionierung (_Eckstein_, p. 359).]

[Fußnote 793: Die Militarisation bringt den Arbeiter in einen wahrhaft

tragischen Konflikt; es bleibt ihm nur die Wahl zwischen dem Vergehen

der überdies meist aussichtslosen Meuterei (_Eckstein_, p. 360) und dem

"Verrat" der eigenen Sache. -- Eine Militarisation fand z.B. in Ungarn

beim Eisenbahnerstreik statt.]

[Fußnote 794: _Eckstein_, p. 359: der Kleinbetrieb werde diese

Gelegenheit gern benutzen, durch Produktionsanspannung seine Existenz zu

festigen.]

[Fußnote 795: Elektrische und andere Werke hat man in Streikzeiten

schon durch Ingenieure, Studenten, technisches Personal aufrechterhalten

(vgl. _Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches Kampfmittel", p.

197, 198; _Roland-Holst_, a. a. O.; _Grosch_).]

Da die Arbeitsruhe unter den heutigen Verhältnissen nie eine

vollkommene, sondern höchstens eine relativ-allgemeine sein wird,[796]

so kann sie auch nur einen beschränkten Effekt ausüben, und es ist daher

ein Erfolg des Streiks regelmäßig nur dann zu erwarten, wenn die Aktion

der Arbeiter durch Unterstützung seitens anderer Klassen verstärkt

wird.[797] Daß eine solche möglich ist, hat die praktische Erfahrung

erwiesen.[798] Aber diese "so notwendige psychologische Unterstützung

bei anderen Gesellschaftsklassen"[799] hängt nicht nur von einer

vorhergehenden Bearbeitung der öffentlichen Meinung ab,[800] nicht nur

davon, daß die Forderung von anderen Klassen begriffen oder gar geteilt

wird,[801] sondern sehr wesentlich von den Eigenschaften des Streiks. Je

stärker dieser das bürgerliche Leben beeinträchtigt, je länger und

häufiger diese Beeinträchtigung auftritt, um so geringer wird die

Unterstützung ausfallen: denn wo "die moralische Aufwallung mit dem

Interesse kollidiert, da wird sie nie zu einer kräftigen Aktion

führen".[802]

[Fußnote 796: Es werde immer noch ganze Gegenden geben, "in denen man

mit voller Kraft arbeitet und sogar die Produktion erhöht... In jeder

Stadt ist die Produktion in gewissem Umfange im Gange zu erhalten"

(_Vliegen_, a. a. O.).]

[Fußnote 797: Daß das Proletariat allein noch nicht über die zum

Streikerfolg erforderliche Macht verfügt, geben selbst Sozialisten zu,

z.B. _Heine_ (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 315 ff.), _Düwell_, (p. 248

ff.), _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien 05, p. 126); _Streltzow_, p. 136,

zieht aus der russischen Streikpraxis den Schluß, daß ein Kl-str. nur

dann Erfolg habe, "wenn alle freiheitlichen Elemente mit ihm

sympathisieren und ihn aktiv unterstützen."]

[Fußnote 798: _Grosch_, wie auch _Vliegen_, nimmt an, daß alles, "was

nicht Lohnarbeiter ist, die ganze Bourgeoisgesellschaft und... die ganze

Landbevölkerung", die ganze öffentliche Meinung, sich feindlich zum

Kl-str. stellen würden. -- _Bebel_ glaubt umgekehrt (vgl. Prot.

Parteitg. Jena 05, p. 308), daß bei Wahlrechtsraub (und

Wahlrechts-Streik) die Arbeiter in manchen bürgerlichen Kreisen

Sympathie fänden; ähnl. v. _Elm_ (ebenda, p. 331). --_Penzig_, p. 41,

meint, der legale Kl-str. habe "das rechtliche Empfinden jedes

Denkenden" für sich. -- Die Bedeutung der öffentlichen Meinung bei

proletarischen Bewegungen wird durch den Vorschlag des Grafen _Czernin_

("Die Bekämpfung der passiven Resistenz" p. 9) illustriert; dieser

schlägt vor, man solle sich bei einer etwa wiederkehrenden

Eisenbahnerobstruktion um die Aufrechterhaltung des Personenverkehrs

nicht so besonders bemühen; dann werde sich die öffentliche Meinung

gegen die Eisenbahner wenden, und die Bewegung müsse bald ein Ende

nehmen.]

[Fußnote 799: _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und

Revolutionsromantik"; vgl. auch _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p.

132 ff.; _ab-Yberg_, p. 9; _Cohnstaedt_, "Generalstreik, Massenstreik

und Sozialdemokratie"; _Bernstein_, "Der Streik als politisches

Kampfmittel", p. 693; ders., "Ist der politische Massenstreik in

Deutschland möglich?" p. 33, 34.]

[Fußnote 800: Eine solche Bearbeitung verlangt _Jaurès_, "Aus Theorie

und Praxis", p. 99 ff.; _David_ ("Rückblick auf Jena") wünscht, daß die

Intelligenz, die geistigen Arbeiter, die die öffentliche Meinung machen,

_Cohnstaedt_ (p. 749) fordert, daß, wenn möglich, Regierung und

Staatshaupt gewonnen werden sollten.]

[Fußnote 801: _Resel_, Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 70; _Ellenbogen_,

ebenda p. 54; _Cohnstaedt_, a. a. O. p. 749; _Hilferding_,

"Parlamentarismus und Massenstreik". Politisch-revolutionäre Forderungen

können wohl höchstens unter so exzeptionellen Umständen, wie gegenwärtig

in Rußland, bei den bürgerlichen Klassen Unterstützung finden. --

_Branting_ ("Schweden vor einer neuen Stimmrechtskampagne", p. 622, 623)

hielt einen weiteren Kl-str. in Schweden auch deshalb für inopportun,

weil die anderen Gesellschaftsklassen, auf deren Unterstützung die

Arbeiter angewiesen gewesen wären, "es gar nicht verstehen würden, daß

die Arbeiter solche Störungen wegen Einzelheiten in einem

Stimmrechtsvorschlage hervorrufen wollten".]

[Fußnote 802: _Bernstein_, "Ist der politische Streik in Deutschland

möglich?" p. 34; _Heine_ ("Politischer Massenstreik im gegenwärtigen

Deutschland?") nimmt an, daß die mit einem Kl-str. zusammenhängende

Lebensmittelverteuerung die Mittelklassen sehr gegen den Streik

aufbringen werde.]

Je weniger ein Klassenstreik aus eigenen Mitteln siegen kann, um so mehr

ist er von der Bundesgenossenschaft der Mittelklassen abhängig. Daraus

folgt, daß seine Chancen um so größer sind, je friedlicher seine Form,

je beschränkter seine Ausdehnung, je legaler seine Wirkungsart, je

bescheidener sein Ziel und je seltener seine Anwendung.

Zweites Kapitel:

_Wert des Klassenstreiks._

§ 24.

Die bisherigen praktischen Erfahrungen haben keine besonders günstige

Bilanz für den Klassenstreik ergeben.[803] Zwar erscheint unter gewissen

Umständen die Möglichkeit eines Sieges theoretisch nicht ausgeschlossen.

Der Klassenstreik kann also nicht in allen Fällen a priori als

unzweckmäßig angesehen werden. Die _Aussichten auf einen Erfolg_ sind

jedoch unter den heutigen Verhältnissen so _schwach_, daß man dem

Klassenstreik nur einen recht geringen Wert beimessen darf. Dieser nimmt

aber noch erheblich ab, wenn man die _bitteren Konsequenzen_ in's Auge

faßt, die jeder versuchte oder durchgeführte Klassenstreik den Arbeitern

zu bringen pflegt.

[Fußnote 803: Dies wurde anerkannt z.B. von _Vliegen_ ("Der

Generalstreik als politisches Kampfmittel", und Prot. int.

Kongr. Amsterdam 04, p. 28); _Braun_, "Das Ergebnis des

Gewerkschaftskongresses", p. 113.]

Er legt ihnen nicht nur spezielle _materielle Opfer_ auf,[804]

sondern auch noch die allgemeinen Lasten einer solchen

"Gesellschaftskatastrophe".[805] Von den strengen Marxisten wird diese

letztere übrigens auch noch als eine unerfreuliche Hemmung der

ökonomischen Entwicklung verurteilt.

[Fußnote 804: Vgl. z.B. _Olberg_, "Der italienische Generalstreik", p.

22; _Umrath_, p. 20. Überraschend ist die Prophezeiung, bei einem

Massenstreik in Deutschland würden "die gewerkschaftlichen

Organisationen gleich den politischen nicht nur nichts zu befürchten

haben, sondern würden noch einmal wiedergeboren und zehnfach gestärkt

daraus hervorgehen" (vgl. _Luxemburg_, Vorwärts, 8. Dez. 05).]

[Fußnote 805: Vgl. _David_, "Die Eroberung der politischen Macht", p.

21.]

In _psychologischer_ Hinsicht gefährdet der Klassenstreik die Arbeiter

ebenso sehr durch die gepriesene "revolutionierende Wirkung"[806] eines

siegreichen Kampfes, wie durch die Wirkung des Mißerfolges: dort leicht

Selbstüberschätzung, hier Entmutigung, Verstimmung und Erschütterung des

Vertrauens der Arbeiter zu ihren Führern.[807] Freilich, wenn wirklich

jeder einzelne Teilnehmer den Streikentschluß als eine Gewissenspflicht

betrachtete,[808] wenn wirklich jeder einzelne es als Ehrenpflicht

empfände, "seine Existenz einzusetzen für sein Recht",[809] oder von der

Überzeugung durchdrungen wäre, "daß er einen Kampf für die Zukunft, für

die Erhöhung der ganzen Menschenart kämpft",[810] dann könnte der

Klassenstreik eine subjektive Heldentat darstellen.[811] Aber diesem

_subjektiv-ethischen_ Gewinn stünde doch nur allzuhäufig ein

_objektiv-ethischer_ Verlust gegenüber. Fragt man nämlich, ob der

Klassenstreik "unter die Kampfmittel gerechnet werden darf, die bei

einem das Endziel der _sozialen Versöhnung_ nicht aus dem Auge

verlierenden Klassenkampf als erlaubt und berechtigt gelten

können",[812] so wird man den Klassenstreik zwar allerdings als Mittel

der _Notwehr_ billigen[813] und in solchen Fällen selbst die im Gefolge

des Ausstandes auftretenden Gewalttaten entschuldigen.[814] Doch da der

Klassenstreik in jedem Falle einen so außerordentlich schweren Schlag

für die Gesamtheit bedeutet,[815] so dürfte sich seine moralische

Zulässigkeit wohl auf diejenigen Fälle beschränken, in denen es sich

nicht nur um ein wertvolles Ziel handelt, sondern in denen auch ein

Erfolg als wahrscheinlich vorausgesehen werden kann.[816] -- Der

direkten Revolution gegenüber stellt der Klassenstreik das friedlichere

Mittel dar. Er kann die Revolution ersetzen, ähnlich wie die

Friedensblockade unter Umständen den Ausbruch des Kriegs hindert. Wie

diese jedoch leicht in offene Feindseligkeit übergeht, so kann auch der

Klassenstreik leicht in die Revolution umschlagen.

[Fußnote 806: Vgl. _Düwell_, p. 253. Die gewöhnliche Folge des Siegs,

Übermut und Selbstüberschätzung, werden leicht die Veranlassung von

Niederlagen, wie 1903 in Holland.]

[Fußnote 807: Vgl. _Heine_, a. a. O.; _Bömelburg_ (Prot. Gwft.

Kongr. Köln 05, p. 220 ff.). Auch schreckt der Mißerfolg vor

der Wiederanwendung ab, was freilich nur in den Augen der

Klassenstreikpropheten als Nachteil erscheinen wird.]

[Fußnote 808: Vgl. _Tönnies_, "Der Massenstreik in ethischer

Beleuchtung", p. 541.]

[Fußnote 809: _Eckstein_, p. 363; vgl. die Motivierung des pol.

M-streiks bei _Bernstein_ ("Pol. Mstr. u. pol. Lage", p. 28; ders., "Ist

der pol. Streik in Deutschland möglich?", p. 36; ders. Prot. Parteitg.

Bremen, p. 194); ähnl. _Bebel_ (Prot. Parteitg. Mannheim, 06, p. 230).]

[Fußnote 810: _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p.

28; ähnl. "Antimilitarismus und Generalstreik" (Beilage zu Nr. 11 der

"_Wahrheit_"), p. 10.]

[Fußnote 811: _Tönnies_. -- Über den hohen sittlichen Mut der

holländischen Arbeiter beim Streik 1903 vgl. _Roland-Holst_ ("Der Kampf

und die Niederlage der Arbeiter in Holland"), die freilich selbst der

Partei angehört.]

[Fußnote 812: _Penzig_, "Massenstreik und Ethik", p. 23 ff. -- Die

Absicht, durch den Klassenstreik das revolutionäre Gefühl, die sozialen

Gegensätze zu verschärfen, ist ausgesprochen z.B. bei _Sorel_ ("Lo

sciopero generale"); "Generalstreik! Die deutsche Arbeiterbewegung und

der Klassenkampf"; vgl. auch _Kautsky_, "Die Soziale Revolution", p. 51;

_Briand_, a. a. O.]

[Fußnote 813: Vgl. _Tönnies_. -- Ein Streik, der einen Krieg hinderte,

soll ebenfalls als moralisch gelten (_Penzig_, p. 26). -- _Comte_ hatte

den allgemeinen Ausstand nur als Verteidigungsmittel erwähnt (vgl.

_Weill_, p. 22, 23).]

[Fußnote 814: Vgl. _Penzig_, p. 36 ff.]

[Fußnote 815: Z.B. für Deutschland bedeute selbst der aussichtslose

Versuch eines Kl-Streiks "Grauen und Elend; ein Zurückdrängen unserer

Kultur um Jahrhunderte" (_Grosch_, p. 15 ff.), "unermeßliches Unheil"

(_Tönnies_, p. 531) und "nicht nur für die Sozialdemokratie, sondern für

die ganze Zukunft Deutschlands eine kaum heilbare Wunde" (_Cohnstaedt_,

"Jena. Gewerkschaft oder Revolution", p. 548, 549). Er würde "die ganze

Zukunft des Reichs, seine wirtschaftliche Macht und seine Kultur in

Frage stellen" (_Mayer_, "Der internationale Sozialistenkongreß").]

[Fußnote 816: "Seine Verwerflichkeit wird um so schwerer ins Gewicht

fallen, wenn der Schade, der davon ausgeht, auf diejenigen, die das

Mittel anwenden, selber zurückfällt" (_Tönnies_). Auch die

Massenstreik-Drohung, selbst zur Wahrung sittlicher Güter, wie des

Wahlrechts (vgl. _Tönnies_), werde, wenn jede Aussicht auf Erfolg fehlt,

prinzipiell von der Ethik mißbilligt. -- Hingegen billigen manche

Politiker, die prinzipiell einen defensiven Wahlrechtsstreik zur

Unterstützung einer allgemeinen Volksbewegung begrüßen würden (vgl. v.

_Gerlach_, "Maifeier und Massenstreik"; _Cohnstaedt_, a. a. O.; ders.,

"Generalstreik, Massenstreik und Sozialdemokratie", p. 749 ff.), aber

aus praktischen Rücksichten "heute und für absehbare Zeit" seine

Verwirklichung ablehnen (vgl. v. _Gerlach_, a. a. O.; _Tönnies_), doch

die Kl-Str.-Drohung insofern, als sie gewisse Kreise "etwas bedächtiger,

vorsichtiger, gewissenhafter in hohen politischen Angelegenheiten machen

könne" (_Tönnies_).]

Selbst auf einen _siegreichen_ Klassenstreik wird eine um so

empfindlichere _Reaktion_ folgen, je weniger die Arbeiter mittels des

Streiks eine Position errungen haben, durch die der "unvermeidliche

reaktionäre Gegenschlag paralysiert werden kann",[817] und je mehr sie

sich im Streik verausgabt haben, sodaß ihnen nun die "Ausnutzung und

Festhaltung" des Erfolges unmöglich ist.[818] Noch viel stärker aber

wird die Reaktion nach einem _verlorenen_ Streik auftreten. Ein solcher

würde einen äußerst schweren Stoß für die ganze Arbeiterschaft

bedeuten.[819] Denn die Gegenmaßregeln müßten sowohl an Ausdehnung, wie

an Energie die Folgen eines verlorenen innergewerblichen Ausstandes weit

übertreffen.[820] Sie würden um so schärfer ausfallen, je

umfangreicher[821] der Streik war, je revolutionärer seine Ziele,[822]

je häufiger oder wahrscheinlicher seine Wiederholung.[823]

[Fußnote 817: _Bissolati_, "Das Ergebnis der italienischen Wahlen", p.

958.]

[Fußnote 818: _Bömelburg_, Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 220 ff.; vgl.

auch _Streltzow_, p. 136.]

[Fußnote 819: Vgl. Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 28; _Leimpeters_,

"Zum Generalstreik", p. 884; _Rob. Schmidt_ (Prot. int. Kongr. Amsterdam

p. 27; Gwft. Kongr. Köln 05, p. 225); _Roland-Holst_, "Zur

Massenstreikdebatte"; _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und

Revolutionsromantik". Nur wenige werden optimistisch genug sein, eine

event. Niederlage deshalb gering zu achten, weil sie ja -- "der

Ausgangspunkt größerer Siege" sein könne (so _Allemane_, Prot. int.

Kongr. Amsterdam 04, p. 26).]

[Fußnote 820: Anderer Meinung: _Briand_, "La grève générale et la

révolution", p. 15; _Louis_, p. 301 ff.]

[Fußnote 821: Vgl. _Thesing_, p. 334.]

[Fußnote 822: Vgl. _Jaurès_, "Aus Theorie und Praxis", p. 102. 103.]

[Fußnote 823: Vgl. _Turati_, "Lehren und Folgen des Generalstreiks in

Italien". Die sozialistische Partei Italiens erkennt den Klassenstreik

übrigens an "als eine Lebensäußerung einer proletarischen, im

Klassenkampf stehenden Partei, die sich wiederholen kann und wiederholen

muß" (_Olberg_, "Die italienischen Wahlen").]

Die Reaktion erscheint teils in speziellen Maßnahmen gegen die

Ausstandsteilnehmer (Aussperrungen, Maßregelungen, Strafen, Bußen usw.),

wodurch indirekt auch die proletarischen Organisationen, besonders die

Gewerkschaften, getroffen werden.[824] Teils zeigt sie sich in

generellen Maßnahmen gegen den Klassenstreik überhaupt, z.B. in der

Verkürzung des Streikrechts[825] oder in einer Umstimmung der

öffentlichen Meinung.[826] Solche Folgen können dann leicht auch die

übrige Bewegungsfreiheit der Arbeiter hemmen.

[Fußnote 824: Vgl. _Hue_, "Partei und Gewerkschaft", p. 292; _Heine_,

"Politischer Massenstreik im gegenwärtigen Deutschland?"; _Eckstein_, p.

362.]

[Fußnote 825: Vgl. _Branting_, "Schweden vor einer neuen

Stimmrechtskampagne".]

[Fußnote 826: Vgl. _Turati_, a. a. O.; _Giesberts_, p. 31.]

Der Klassenstreik ist also immer ein "zweischneidiges Schwert",[827]

_immer_ ein "desperates" Mittel.[828] In der _Mehrzahl_ der Fälle aber

ist er "ein Messer ohne Klinge",[829] eine "Phrase",[830] "Unsinn",[831]

"Utopie".[832]

[Fußnote 827: So bezeichnet z.B. von _Bernstein_, "Der Streik als

politisches Kampfmittel", _Umrath_, p. 20, _Turati_, a. a. O.,

_Eckstein_, p. 363, und anderen.]

[Fußnote 828: _Jaurès_, _Kolb_, _Tönnies_ "Der Massenstreik in

ethischer Beleuchtung".]

[Fußnote 829: _Pfannkuch_, Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 28.]

[Fußnote 830: _Liebknecht_, Prot. int. Kongr. Brüssel 1891.]

[Fußnote 831: _Katz_, "Der politische Massenstreik", Nr. 33, p. 3.

"_Generalunsinn_" (_Liebknecht_), "_Absurdität_" (_Turati_). Bezüglich

des anarchistischen Generalstreiks sprachen sich auch die meisten

internationalen Arbeiterkongresse in ähnlicher Weise aus (vgl. z.B.

Prot. Zürich 1893, p. 53 ff.; London 1896, p. 29; Amsterdam, usw.).]

[Fußnote 832: _Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 8 ff.,

"_Traum_" (_Greulich_, "Wo wollen wir hin?", p. 37, 40); "_Illusion_"

("Korrespondent" der Buchdrucker, cit. in der Soz. Prx. XV. 15, Sp. 382,

11. Jan. 06, und "Hamburger Echo", Art "Anarcho-Sozialismus", 27. Aug.

05).]

_Schlußwort:_

Aufgaben der Gesellschaft.

Der Klassenstreik ist unter allen Umständen eine gefährliche Waffe.

Seine Verhütung liegt daher im Interesse der Arbeiter und in dem der

Gesamtheit. Dem bereits ausgebrochenen Klassenstreik mit Gewalt zu

begegnen, wird das Übel kaum bessern, da ja auch schon der bloße Versuch

des Massenstreiks die soziale Wohlfahrt auf's Schwerste gefährden kann.

Aufgabe der Gesellschaft ist es vielmehr, den _Ausbruch_ eines

Klassenstreiks möglichst zu _hindern_, also den Streikentschluß zu

erschweren.

Dies könnte durch Einschränkung des Streikrechts geschehen, freilich

eine Durchbrechung des Koalitionsrechts, welche sich aber vielleicht

doch durch die höhere "Rücksicht auf das Gemeinwohl"[833] rechtfertigen

ließe. Dann aber müßten die Nachteile des Streikrechtentzuges durch

Einräumung besonderer Vorteile für die solcherweise in ihrer Freiheit

beschränkten Arbeiterkategorien wieder ausgeglichen werden.[834]

Indeß stellen Gesetzesbestimmungen höchstens einen kleinen Hemmschuh

dar, und ebenso wenig, wie etwa polizeiliche Hinderung der

Klassenstreikpropaganda oder ethische Belehrungen, bieten sie einen

absoluten Schutz gegen den Klassenstreik.

[Fußnote 833: "Also durch soziale Sanktion" (_Penzig_, p. 13 ff.).]

[Fußnote 834: Die Erwägung, daß es ungerecht wäre, "Arbeiterkategorien

Beamtenpflichten zu geben, ohne ihnen die entsprechenden Rechte zu

gewähren", soll seinerzeit zur Verwerfung der schwedischen

Antistreikvorlage geführt haben (vgl. _Axel Hirsch_, p. 196).

--Nationalrat _Scherrer_ (in der Begründung seiner Motion, vgl. Bulletin

der Schweiz. Bundesversammlung, p. 368) fordert, daß als Korrelat für

die Nachteile der Beamtenqualität den Arbeitern eine auskömmliche

Lebensführung garantiert werden müsse. -- Wie _Kulemann_ ("Das

Streikrecht in öffentlichen Betrieben"), um "einen geordneten Ausgleich

von entstehenden Streitigkeiten zu schaffen", wünscht auch das "Musée

social" (vgl. Juli 04, p. 318 ff.) "un droit de recours à des

commissions arbitrales". -- _Penzig_ (p. 19, 20) hat einen interessanten

Plan entworfen, wie die Arbeiter, entsprechend ihrer qualitativ-sozialen

Bedeutung, in ihrer Streikfreiheit in verschiedenem Grade zu

beschränken, und wie sie dafür in entsprechendem Maß anderweit zu

berücksichtigen wären. -- _Herkner_, a. a. O. p. 509, hält den Streik

der Staatsarbeiter für unzulässig, wünscht aber, daß dafür auch alles

aufgeboten werde, "um den Staatsarbeitern mindestens diejenige Lage zu

garantieren, die sie sich mittels des Koalitionsrechtes event. aus

eigener Kraft erstreiten könnten". -- Im Jahre 1891 hat das Einigungsamt

des Staates New-York anläßlich eines großen Eisenbahnerausstandes

Vorschläge gemacht, welche die Störung des Eisenbahnbetriebs durch

Arbeitseinstellung unter Strafe stellten, dafür aber eine Regelung der

Arbeitsbedingungen unter staatlichem Einfluß forderten (vgl.

_Philippovich_, Grundriß, 2. Bd., 2. Teil, p. 322).]

Eine indirekte, doch allerwirksamste Bekämpfung des Klassenstreiks

besteht hingegen in der _Verminderung der Gelegenheiten zu

Massenstreikentschlüssen_. Nur dadurch läßt sich dem Unheil wirksam

steuern, daß man den berechtigten Forderungen der Arbeiter nachkommt

(besonders wertvoll wäre z.B. auch die Stärkung eines zentralistischen

Gewerkschaftswesens), daß man ihnen Gelegenheit zur Teilnahme am

öffentlichen und gewerblichen Leben gibt, daß man also ihr Interesse für

die ungestörte Weiterentwicklung jener Gesellschaft weckt, von der sie

doch selbst auch einen Teil bilden, und daß man in ihnen den Glauben an

das alte Wort befestigt, mit dem schon Menenius Agrippa die

"streikenden" Plebejer zur Rückkehr nach Rom bewogen haben soll, daß,

wie die Glieder für den Magen, der Magen auch für die Glieder

unentbehrlich sei.

Literaturverzeichnis.

Theorie und Praxis des Generalstreiks in der modernen Arbeiterbewegung Inauguraldissertation · 第 7 / 12 题