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Abkürzungen IX

Einleitung 1

_Erster Teil:_ Das Wesen des Klassenstreiks.

§ 1. Definition 3

§ 2. Eigenschaften des Klassenstreiks 6

§ 3. Ziele des Klassenstreiks 9

§ 4. Wirkungsweise des Klassenstreiks 12

§ 5. Die Arten des Klassenstreiks 17

§ 6. Vergleich des Klassenstreiks mit verwandten

Aktionsmitteln 21

_Zweiter Teil:_ Geschichte des Klassenstreiks und der

Klassenstreik-Idee.

Erstes Kapitel: _Vorläufer_.

§ 7. Klassenstreikähnliche Bewegungen im Altertum und

in neuerer Zeit 30

§ 8. Die Klassenstreik-Idee im englischen Chartismus 32

§ 9. Die Klassenstreik-Idee unter dem zweiten Kaiserreich 38

Zweites Kapitel: _Die moderne Arbeiterbewegung_.

(a) Geschichte des politischen Massenstreiks.

§ 10. Belgien 41

§ 11. Schweden 50

§ 12. Österreich 55

§ 13. Deutschland 58

(b) Geschichte des Generalstreiks.

§ 14. Frankreich 72

§ 15. Schweiz 80

§ 16. Italien 80

§ 17. Spanien 89

§ 18. Holland 90

§ 19. Rußland 95

(c) Die internationalen Arbeiterkongresse und der

Klassenstreik.

§ 20. 99

_Dritter Teil:_ Zur Kritik des Klassenstreiks.

Erstes Kapitel: _Bedingungen des Klassenstreiks_.

§ 21. Bedingungen des Ausbruchs des Klassenstreiks 103

§ 22. Bedingungen der Durchführung des Klassenstreiks 116

§ 23. Bedingungen des Erfolgs des Klassenstreiks 125

Zweites Kapitel: _Wert des Klassenstreiks_.

§24. 131

_Schlußwort:_ Aufgaben der Gesellschaft. 135

Literaturverzeichnis 137

Übersichtstafel über die Streikarten 144

Abkürzungen.

Allg. Ztg. = Allgemeine Zeitung München.

Arb. Ztg. = Arbeiter-Zeitung Wien.

Bernstein,

"Pol. M-str. u.

pol. Lage" = Bernstein, "Der politische

Massenstreik und die politische

Lage der Sozialdemokratie in

Deutschland".

Congrès général

... Paris 1899 = Congrès général des organisations

socialistes françaises, Paris 1899,

compte rendu sténographique

officiel.

Enquête = Lagardelle, "La Grève Générale

et le Socialisme, Enquête

internationale."

Friedeberg,

"Weltansch." = Friedeberg, "Weltanschauung und

Taktik des deutschen Proletariats".

Frankf. Ztg. = Frankfurter Zeitung.

G-str. = Generalstreik.

Hdwb. d. Staatswft. = Handwörterbuch der Staatswissenschaften.

Kl-str. = Klassenstreik.

Leitart. = Leitartikel.

M-str. = Massenstreik.

N. Z. Z. = Neue Zürcher Zeitung.

N. Zt. = "Die Neue Zeit".

Prot. Gwft. Kongr. = Protokoll des Gewerkschaftskongresses

zu ...

Prot. int. Kongr. = Protokoll des internationalen

Kongresses zu ...

Prot. Parteitg. = Protokoll des Parteitags zu ...

Rdsch. Soz. Mh. = Rundschau der Sozialistischen

Monatshefte.

Roland-Holst,

"G-str. u. Sozd." = Roland-Holst. "Generalstreik u.

Sozialdemokratie".

Soz. Mh. = Sozialistische Monatshefte.

Soz. Prx. = Soziale Praxis.

Str., str. = Streik.

Einleitung.

Auch dem oberflächlichsten Beobachter der modernen Arbeiterbewegung kann

es nicht entgehen, welche Bedeutung seit einiger Zeit das

"Generalstreik"-Problem erlangt hat. Kaum ein Monat, ohne daß irgendwo

ein "Generalstreik" ausbricht, versucht oder angedroht wird, kaum ein

Gewerkschafts- oder Parteikongreß, kaum eine sozialistische Zeitung oder

Zeitschrift, die sich nicht auch damit zu beschäftigen hätte. Eine

umfassende Darstellung des "Generalstreiks" wäre daher gewiß eine

verlockende und lohnende, aber auch eine äußerst schwierige Aufgabe. Ein

vielsprachiges, in Flugschriften, Vereinsberichten, Zeitungsartikeln

zerstreutes Material müßte gesammelt werden. Dies kann besonders dem,

der der Arbeiterbewegung fernsteht, nicht leicht fallen. Zu dieser

äußeren Schwierigkeit tritt aber noch eine bedeutendere innere. Sie

ergibt sich daraus, daß die "Generalstreik"-Frage aufs Engste mit allen

übrigen sozialen Problemen verknüpft ist.

Der Versuch, trotzdem ein solches Thema zu behandeln, läßt sich aber

vielleicht dadurch rechtfertigen, daß die folgenden Seiten

nur den Zweck verfolgen, den Leser mit den hauptsächlichsten

"Generalstreik"-Erfahrungen und "Generalstreik"-Lehren bekannt zu

machen.

_Erster Teil:_

Das Wesen des Klassenstreiks.

§ 1. Definition.

Wollen wir aus dem Begriffskonglomerat, das sich hinter dem Schlagwort

"Generalstreik" versteckt, einen wissenschaftlich brauchbaren Begriff

herausschälen, so müssen wir von vornherein jene Streikformen

ausschalten, die lediglich Spezialfälle des innergewerblichen Kampfes

der Arbeiter darstellen,[1] also Streiks, die lediglich eine

Verbesserung der Arbeitsbedingungen für die beteiligten

Berufsangehörigen bezwecken.

[Fußnote 1: Vgl. _Umrath_, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15.]

Zu diesen auszuschaltenden Streiks gehört z.B. der große

österreichische Kohlengräberausstand, der, dank seinem ökonomischen

Druck (Mangel an Brennmaterial, Gefährdung der Industrie) und der ihm in

der öffentlichen Meinung zu teil gewordenen Unterstützung, das Gesetz

über die Arbeitsdauer in Bergwerken, den gesetzlichen Neunstundentag

herbeiführte.[2] Ferner gehört hierher der Bergarbeiterstreik im

Ruhrgebiet 1905, der ebenfalls einzig gegen die Unternehmer

gerichtet,[3] ebenfalls von der Öffentlichkeit unterstützt war[4] und

ebenfalls die Zusicherung einer legislativen Regelung wirtschaftlicher

Verhältnisse herbeiführte.[5] Hierher gehört weiter der ungarische

Eisenbahnerstreik 1904, der mit einem Mißerfolg endigte,[6] in gewissem

Sinne läßt sich endlich noch der erfolgreiche "Musterstreik" der

Arbeiter und Beamten der Schweizerischen Nordostbahn im Jahre 1897

hierzu rechnen.[7] Alle diese Ausstände werden häufig als

"Generalstreiks", günstigstenfalls als "Berufsgeneralstreiks"

bezeichnet. Sie unterscheiden sich aber von einem gewöhnlichen Ausstand

in nichts, als in ihrer Ausdehnung. Und allein um eben dieser Ausdehnung

willen wurden sie zu "Generalstreiks" gestempelt.

[Fußnote 2: Soz. Prx. 17./1. 07, "Wahlreform und Sozialpolitik in

Österreich"; Prot. Parteitg. Jena 05, p. 305; Prot. Parteitg. Wien 03,

p. 45; vgl. auch _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd." p. 42, dort auch über

den Massenstreik der pennsylvanischen und den der französischen

Bergleute (p. 42).]

[Fußnote 3: 200 000 Arbeiter streikten, trotz Abratens der Führer,

trotz schlechter Konjunktur, so groß war die allgemeine Erregung über

das Vorgehen der Unternehmer (betr. das "Wagennullen", Berechnung der

Ein- und Ausfahrtszeit usw.); vgl. _Hue_ über den Generalstreik im

Ruhrgebiet.]

[Fußnote 4: Die Streikenden fanden Unterstützung sowohl in den Kreisen

der Arbeiterschaft, (auch bei den ausländischen Arbeitern; die

belgischen Arbeiter traten in den Solidaritätsstreik, vgl.

_Roland-Holst_ a. a. O. p. 10, Note), als auch im Bürgertum: die

Öffentlichkeit stellte sich auf ihre Seite; die Regierung unterstützte

die Streikleitung; die Polizei besorgte Säle für die Ausständigen,

schaltete die Anwendung einer Reihe von Bestimmungen des Vereinsgesetzes

aus, hielt mit der Streikleitung vielfach telephonische Verbindung; es

kam überhaupt nicht zu Ruhestörungen (_Leimpeters_, "Die

sozialdemokratische Partei und die Gewerkschaften", p. 929); der Streik

mußte aus Mangel an Mitteln abgebrochen werden.]

[Fußnote 5: Die spärliche Berggesetznovelle, die den Arbeitern aber

keineswegs genügte, vgl. z.B. _Bebel_, Prot. Parteitg. Jena 05, p.

305.]

[Fußnote 6: Seit 1899 hatte das Eisenbahnpersonal sich mehrfach um

wirtschaftliche Verbesserungen bemüht; mit dem endlich 1904

erscheinenden Gesetzentwurf betr. die Regelung der Bezüge der

Staatsbahnangestellten waren diese nicht zufrieden. Ein geringfügiger

Anlaß am 19./4. 04 genügte, um sofort den allgemeinen Streik

herbeizuführen. Der Eisenbahnbetrieb im ganzen Land ruhte. Es streikten

30 000 (Chronique du Musée social, Mai 04, p. 193, 194; nach "Der

Massenstreik der Eisenbahner in Ungarn", von einem _Ungarn_, streikten

42 000 Personen); die Streikenden strömten nach Pest; am 20. April wurde

mit der Regierung unterhandelt, aber erfolglos. 10 000 Streikende wurden

als Reservisten eingezogen (vgl. _Umrath_, "Zur Generalstreikdebatte",

p. 15; auch _Ungar_, a. a. O.), das Eisenbahnregiment mobilisiert, die

Arbeiterführer verhaftet, die Truppen konsigniert. Nach 5 Tagen nahmen

die Arbeiter die Arbeit wieder auf, nachdem die oppositionellen

Abgeordneten ihnen die Förderung ihrer Angelegenheit zugesichert hatten;

die Eisenbahnerforderungen wurden erst 3/4 Jahre später erfüllt (vgl.

Soz. Prx. XIV. 51. Sp. 1347, 1348).]

[Fußnote 7: Vgl. _ab-Yberg_, "Die Strikes und ihre Rechtsfolgen", p.

15, 16; Prot. Parteitg. Jena 05, p. 307.]

Ein großer Streik ist aber an sich noch kein "Generalstreik". Vielmehr

wird der "Generalstreik" definiert bald als "einheitliche Verabredung

verschiedener Berufskategorien zum Zwecke gewaltsamer Erzwingung von

Zugeständnissen der Unternehmer oder gar der Staatsgewalt,... die zu dem

geltenden Recht in Widerspruch stehen",[8] bald als friedliche

Arbeitsniederlegung in einem ganzen Staatswesen, sodaß alle Produktion

und aller Verkehr gehemmt wird,[9] bald als gleichzeitige

Arbeitseinstellung der "wichtigsten Gruppen, welche das ganze

Reproduktionssystem repräsentieren".[10] Aber Ausdehnung über das ganze

Land, oder Gleichzeitigkeit, oder Hemmung allen Verkehrs und aller

Produktion, oder friedliche Form, oder rechtswidrige Forderungen lassen

sich keineswegs bei sämtlichen der in Frage kommenden Erscheinungen

konstatieren. Diese differieren vielmehr in Eigenschaften, Zielen und

Wirkungsweise ganz außerordentlich von einander; nur ein äußerst

weitmaschiges Begriffsnetz wird zugleich den schwedischen und den

italienischen, die spanischen und die russischen sogenannten

Generalstreiks, die Anschauungen von _Pouget_ und _Bernstein_,

_Nieuwenhuis_ und _Kautsky_ zu umspannen vermögen. Daher müssen wir uns

begnügen, den sogenannten Generalstreik als _demonstrativen

Massenausstand zur Förderung proletarischer Klasseninteressen_ zu

definieren.

[Fußnote 8: _v. Reiswitz_, "Generalstreik?", p. 82, 83.]

[Fußnote 9: _Eckstein_, "Was bedeutet der Generalstreik?", p. 358.]

[Fußnote 10: _ab-Yberg_, "Die Strikes und ihre Rechtsfolgen"; ebenso

fordert _Jaurès_ (Enquête, p. 97) "que les corporations les plus

importantes, celles qui dominent tout le système de la production,

arrêteront à la fois le travail".]

Aber der lässige Sprachgebrauch etikettiert nicht nur Unternehmungen und

Theorien allerverschiedensten Stils gleichmäßig mit der Marke

"Generalstreik". Er ersetzt diese auch beliebig durch verwandte

Ausdrücke, wie "Massenstreik", "politischer Massenstreik",

"Solidaritätsstreik", "Sympathiestreik", "generalisierter

Sympathiestreik (grève généralisée)"; ja, er versteht unter

"Generalstreik" ("general strike", "grève générale", "sciopero

generale")[11] bald die Gesamtheit der in Frage stehenden Erscheinungen,

bald nur einen Spezialfall derselben.[12]

[Fußnote 11: Der Ausdruck stammt aus der Chartistenbewegung, wo man

neben "sacred week", resp. "sacred month" auch von "national holiday",

"national strike", "general holiday" und "_general strike_" sprach.]

[Fußnote 12: Als nämlich in den 1890er Jahren neue Klassenstreikarten

auftauchten, drangen die Vertreter sowohl der alten, wie auch der neuen

Lehre auf eine Differenzierung in der Benennung, um das eigne Dogma vor

der diskreditierenden Verwechslung mit dem der feindlichen Schule zu

bewahren (vgl. z.B. _Ledebours_ Äußerungen gegen Friedeberg auf der

Generalvers. des Wahlvereins für den 6. Wahlkreis am 29. IX. 1905

["Vorwärts" Nr. 230, 1. X. 05]; _Kautsky_: "Der Bremer Parteitag", p.

7-9). In den interessierten Kreisen wird unter "Generalstreik" daher

jetzt im allgemeinen das alte Steckenpferd der Anarchisten verstanden,

während das bei den Sozialdemokraten akkreditierte Kampfmittel

"politischer Massenstreik" heißt.]

Zur Vermeidung der üblichen Verwechslungen ist daher die Einführung

eines neuen Terminus für unsere Untersuchung unentbehrlich. So brauchen

wir denn im folgenden für den _Oberbegriff_, also den demonstrativen

Massenausstand zur Förderung proletarischer Klasseninteressen, die

Bezeichnung "_Klassenstreik_", und wir reservieren den Ausdruck

"_Generalstreik_" für den _Unterbegriff_, für eine ganz spezielle Form

des Klassenstreiks.

§ 2. Eigenschaften des Klassenstreiks.

(a) _Größe._

Die Ausdehnung des Klassenstreiks wird nach oben begrifflich durch die

Gesamtheit der Lohnarbeiter begrenzt. Ein _totaler_ Streik, d. h. ein

Streik aller Arbeiter, aller Gewerbe, allüberall, ein Stillstehen "aller

Räder" im mathematischen Sinne, wie es den ersten anarchistischen

Generalstreikpropagandisten vorschweben mochte, wird heute von keiner

Seite mehr als Erfordernis irgend einer Klassenstreik-Spezies

betrachtet,[13] sondern es wird nur von gewissen Gesichtspunkten aus

eine _relative Allgemeinheit_ verlangt. Die _untere_ Grenze des

Klassenstreiks liegt nämlich (räumlich) bei derjenigen Arbeitergruppe,

deren Streik in einer gegebenen Zeit, und (zeitlich) bei demjenigen

Zeitraum, während dessen der Streik einer gegebenen Arbeitergruppe

genügt, um eine bedeutende gesellschaftliche Wirkung zu erzielen.

Demzufolge weist die Ausdehnung des Klassenstreiks zahlreiche

Variationen auf.

[Fußnote 13: _Girardin_ forderte seinerzeit für seine grève universelle

die Beteiligung "de toutes les professions manuelles dans tous les pays

civilisés" (cit. bei _Weill_, "Histoire du Mouvement social en France",

p. 34).]

Die _räumliche Ausdehnung_ kann in gewerblicher oder geographischer

Richtung liegen.

1. Bei der _gewerblichen_ Ausdehnung des Klassenstreiks handelt es sich

vor allem um die _Bedeutung_ der beteiligten _Gewerbe_; diese richtet

sich einerseits rein _quantitativ_ nach der Anzahl der zugehörigen

Lohnarbeiter, andererseits _qualitativ_ nach dem Grad ihrer sozialen

Unentbehrlichkeit. Je weniger die Gesamtwirtschaft und das Gesamtleben

auf die Funktion einer bestimmten Gewerbegruppe angewiesen ist, eine

umso größere quantitative Ausdehnung ist zum Zustandekommen eines

Klassenstreiks erforderlich; je größer aber die qualitative Bedeutung

einer Gewerbegruppe, eine umso geringere Teilnehmerzahl genügt zur

Herbeiführung des Klassenstreiks.[14] Die _qualitative_ Ausdehnung läßt

sich _positiv_ umschreiben, z.B. Beteiligung derjenigen Gewerbe, die

das ganze Produktionssystem und das ganze Verkehrsleben stützen,[15] die

das ganze soziale Leben unterhalten: also Streik nicht nur im

Transportgewerbe und den Kraftlieferungsbetrieben (Kohle, Gas,

Elektrizität), sondern auch bei der Lebensmittellieferung (ausnahmsweise

nur wird auch die Beteiligung der Landarbeiter gefordert[16]) und in den

sogenannten öffentlichen Diensten. Sie läßt sich auch _negativ_

bestimmen, z.B. werden unter Umständen "die wesentlichen Erfordernisse

des öffentlichen Lebens, die Produktionszweige von unbedingter

allgemeiner Notwendigkeit" vom Ausstand ausgenommen;[17] doch zeigt sich

hierbei das Bestreben, "keine Masche im Gewebe der Solidarität unnötig"

zu zerschneiden.[18] Die wenigsten gehen so weit, wie _Turati_, der

Licht, Brot, Trinkwasser, Sanitätsdienst, Post und Telegraph,

Tagespresse usw. respektiert wünscht (da "die Aufhebung dieser

Institutionen... den höheren Forderungen der Zivilisation" widerstreite,

auch dem Ziel des Streiks durch Verstärkung der "reaktionären

Strömungen" schade).[19] Die prinzipiellen Streikeinschränkungen richten

sich im allgemeinen nach dem Zwecke des Streiks.[20] Natürlich werden

regelmäßig Ausnahmen zu gunsten der Nahrungsmittelversorgung der

Arbeiter selbst gemacht.

[Fußnote 14: Vgl. _Roland-Holst_, "G-str. und Sozd.", p. 6;

_Cohnstaedt_, "Generalstreik, Massenstreik und Sozialdemokratie" p.

748.]

[Fußnote 15: So z.B. _Briand_ (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 28);

Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 54; _Jaurès_, "Aus Theorie und Praxis", p.

98, 99; ders. in der "Petite République", 29. Aug. 01 (cit. bei

_Umrath_, p. 18); so schon _Lovett_ (vgl. _Gammage_, History of the

Chartist Movement, p. 127); auch der "_Weckruf_" vom 28. Mai 04, Nr. 7,

2. Jahrg., im Leitart. "Der Generalstreik".]

[Fußnote 16: So durch _Herbert_-Stettin (Prot. Parteitg. Mannheim 06,

p. 285); vgl. auch _Marchioni_, "Massenstreik und Landarbeiter".]

[Fußnote 17: _Turati_, "Lehren und Folgen des Generalstreiks in

Italien", p. 867.]

[Fußnote 18: _Olberg_; _Roland-Holst_, a. a. O. p. 132.]

[Fußnote 19: Das Weitererscheinen der Presse wünscht auch _Branting_,

("Die Generalstreikprobe in Schweden", p. 420ff.); _Olberg_ ("Der

italienische Generalstreik", p. 23) aber erblickt hierin eine

ungerechtfertigte Ausnahme von der allgemeinen Arbeitsruhe; übrigens

tritt sie für Aufrechterhaltung der Krankenpflege und der

Nahrungsmittelversorgung der Hospitäler ein.]

[Fußnote 20: Vgl. _Bernstein_, "Ist der politische Streik in

Deutschland möglich?", p. 32.]

Außer nach der Bedeutung der beteiligten Gewerbe kann der Umfang des

Klassenstreiks auch nach ihrer _Betriebsform_ differieren; im

allgemeinen handelt es sich um die Beteiligung der Groß- und

Mittelbetriebe; die des Kleinbetriebes ist selten und wird auch kaum

gefordert.

2. Die _geographische_ Ausdehnung des Klassenstreiks hängt einerseits

_quantitativ_ von der Größe des Streikgebiets ab. Hiernach unterscheidet

man lokale, regionale, nationale und internationale Klassenstreiks; je

kleiner das Streikgebiet, umso größer im allgemeinen die gewerbliche

Ausdehnung. Ausstand möglichst aller Lohnarbeiter an einem einzelnen

Platze, das ist der typische Umfang des romanisch-anarchistischen

Generalstreiks, des sogenannten Solidaritäts- und Sympathiestreiks, der

übrigens stets die Tendenz nach Erweiterung bis zum Weltstreik zeigt,

sich auch nicht selten zum regionalen Ausstand (sogenannte "grève

généralisée") verallgemeinert. -- Gewöhnlich wird Ausdehnung über ein

von vornherein beträchtliches Wirtschaftsgebiet gewünscht, das umso

größer sein muß, je mehr auf gewerbliche Vollzähligkeit verzichtet wird.

-- Andererseits hängt die geographische Ausdehnung _qualitativ_ von der

sozialen Bedeutung des Streikgebietes ab; denn der Ausstand kann an

allen Plätzen des Streikgebietes ausbrechen, sich unterschiedslos über

Stadt und Land erstrecken, oder aber sich auf industrielle Zentren, vor

allem auf die großen Städte beschränken.[21]

[Fußnote 21: Vgl. hierüber Prot. Parteitg. Wien 1894, _Schuhmeier_, p.

67, _Resel_, p. 70 ff.; ferner _Lafargue_, Enquête p. 67.]

Zwei Ausnahmefälle, übrigens ohne praktische Bedeutung, bildet die

räumliche Umgrenzung eines Klassenstreiks einerseits nach dem

Konsumtionskreis (nur die Arbeit für die "herrschenden Klassen",[22]

oder für die mobilisierte Armee [so _Nieuwenhuis_] soll unterbrochen

werden), oder andererseits nach der Zahl der einem Armeeverband (sei es

im aktiven Dienst, sei es als Reservisten) angehörigen Proletarier.

[Fußnote 22: "Weckruf" vom Dez. 04, Nr. 14 (cit. vom Sekretariat des

_Schweiz_. _Gewerbevereins_, "Begleiterscheinungen bei Streiks", p. 11

ff.).]

Die _zeitliche Ausdehnung_ muß über die Dauer der gewöhnlichen

Demonstration hinausgehen. Gleichzeitigkeit und Kontinuität sind nicht

unbedingt erforderlich; der Streik kann vielmehr "intermittieren", "in

Unterbrechungen und Pausen arbeiten",[23] und zwar sowohl geographisch

intermittieren (wie in Rußland), als auch gewerblich intermittieren (wie

in Marseille).

[Fußnote 23: Vgl. _Göhre_, "Sturmzeichen"; ferner _Roland-Holst_, a. a.

O. p. 104 ff. und dieselbe "Der politische Massenstreik in der

russischen Revolution", p. 215.]

(b) _Form._

Wie jeder Streik bedeutet der Klassenstreik nicht nur eine rein passive

Arbeits_ruhe_, sondern auch eine ostentative Arbeits_verweigerung_. Die

Form des Klassenstreiks hängt also von der Ausgestaltung der

Arbeitsverweigerung ab.

Bei _friedlicher_ Form gelangt die Arbeitsverweigerung nur durch die

sich auf der Straße zeigende Masse der Feiernden zum Ausdruck, die sich

prinzipiell in den Schranken der Gesetzlichkeit, "in den Grenzen der

Mäßigung, Gesittung und Vernunft" halten oder doch halten wollen.[24]

[Fußnote 24: Vgl. _Turati_, a. a. O.; _Bernstein_, a. a. O. p. 36;

_Eckstein_, "Was bedeutet der Generalstreik", p. 358; systematische

Anwendung des Streikrechts, nicht verhüllte Gewalt, fordert _Jaurès_,

"Aus Theorie und Praxis", p. 99 ff., gewaltlose Demonstration

_Bernstein_ ("Pol. M-str. und pol. Lage", p. 40).]

Bei _gewaltsamer_ Form zeigt sich die Arbeitsverweigerung in

absichtlicher Verletzung des Rechtszustandes, in absichtlicher

Vollführung von Akten der physischen Gewalt. Die "bewaffnete Hand",[25]

"Feuer und Schwert",[26] der "ökonomische Furor"[27] sind hierbei die

normalen Attribute des Klassenstreiks.

[Fußnote 25: Vgl. "Der Generalstreik", Leitart. des "_Weckruf_" vom 28.

Mai 04.]

[Fußnote 26: "Und arbeiten wir überhaupt nie mehr für die Ausbeuter!

Brennen wir sie von dem Lande weg, auf dem wir leben wollen" (Conrad

_Froehlich_, "Der Weg zur Freiheit", p. 10).]

[Fußnote 27: Beim Generalstreik in Triest: Demolieren von Gebäuden,

Umstürzen von Gaslaternen, Einschlagen von Fensterscheiben, Ermordung

eines Polizeikommissärs, vgl. "Weckruf" Nr. 7, April 1905; ähnlich auch

"Weckruf" Nr. 14, Dez. 04 (beide cit. vom Sekretariat des Schweiz.

Gewerbevereins, a. a. O. p. 11, 12).]

Eine dritte Richtung schließt "rohe Gewalt" zwar aus,[28] doch soll sich

im übrigen hierbei die Form der Arbeitsverweigerung nach den besonderen

Umständen richten. Rechtsverletzungen werden weder gesucht noch

gemieden, spielen überhaupt eine ganz sekundäre Rolle. Das Proletariat

dürfe sich nämlich "nicht blenden lassen durch das Wörtchen

Gesetzlichkeit",[29] brauche in der Notwehr "die Gesetze des

Klassenstaats" nicht mehr zu respektieren,[30] sondern "wenn die

herrschenden Klassen den Boden der Gesetzlichkeit zertrümmern", dann sei

das Proletariat "im Recht, zu sagen: ich stelle mich auf den granitenen

Boden meiner Macht".[31]

[Fußnote 28: _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p.

31.]

[Fußnote 29: _Zetkin_, Vortrag in einer öffentlichen Versammlung der

Filiale Berlin des Zentralverbandes der Stukkateure am 21./8. 05 über

den pol. M-str. (Bericht im Vorwärts, 23. Aug. 05).]

[Fußnote 30: _Friedeberg_, a. a. O. p. 28, 29.]

[Fußnote 31: _Zetkin_, Vortrag in einer öffentlichen Versammlung der

Filiale Berlin des Zentralverbandes der Stukkateure am 21./8. 05 über

den pol. M-str. (Bericht im Vorwärts, 23. Aug. 05).]

§ 3. Ziele des Klassenstreiks.

Das Ziel eines Klassenstreiks kann die Erfüllung von Forderungen sein,

die nur einen Teil der Streikenden unmittelbar interessieren, um

deren Durchsetzung willen aber aus Solidaritätsgefühl auch nicht

unmittelbar interessierte Arbeiterkategorien in den Ausstand treten;

indem sie die Sonderforderung zu der ihren machen, bringen sie die

Klassenzusammengehörigkeit des Proletariats zum Ausdruck, verwandeln sie

das Sonderziel in ein _mittelbares Klassenziel_, wollen sie mittelbar

die proletarischen Klasseninteressen fördern. (Hierher gehören vor allem

die romanischen Sympathiestreiks.)

Das Ziel des Klassenstreiks kann aber auch die Erfüllung von Forderungen

sein, an denen die Gesamtheit des Proletariats interessiert ist (oder

interessiert sein könnte), ein _unmittelbares Klassenziel_; und zwar

handelt es sich hierbei um jede Art von Gesamtforderungen, um

Teilpostulate, wie um Endpostulate.

Die _Teilforderung_ kann _wirtschaftlicher_ Natur sein, sich z.B. auf

die Einführung des Achtstundentages,[32] auf die Einführung von

Versicherungseinrichtungen[33] usw. für eine Gesamtarbeiterschaft

beziehen. Oder die Einzelforderung trägt, wie dies bei den bisherigen

Klassenstreiks mit unmittelbarem Klassenziel die Regel war,

_politischen_ Charakter.

[Fußnote 32: Vgl. den auf dem intern. Kongr. in Zürich 1893

aufgetauchten Plan.]

[Fußnote 33: Vgl. _Girardins_ Vorschlag.]

In erster Linie handelt es sich hierbei um _prinzipielle_ politische

Forderungen, um politische Rechte,[34] in allererster Reihe um das

politische Wahlrecht.[35] In der _Defensive_: Schutz der Verfassung

gegen den Staatsstreich;[36] Verteidigung des Wahlrechts gegen

"reaktionäre Anschläge"; Bekämpfung eines als ungenügend und

entwicklungshemmend empfundenen neuen Wahlprojekts (wie 1902 in

Schweden); Effektuierung nur theoretisch vorhandener Rechte.[37] In der

_Offensive_: Eroberung parlamentarischer Grundrechte (z.B. in

Begleitung der bürgerlichen Revolution; Rußland); Ausbau der Demokratie,

Erzwingung "drängender politischer Forderungen",[38] vor allem Eroberung

des allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlrechts.[39]

[Fußnote 34: _Umrath_, "Zur Generalstreikdebatte", p. 15;

_Roland-Holst_ (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 25); Amsterdamer

Resolution über den Generalstreik (Prot. p. 24 ff.); _v. Elm_ (Prot.

Gwft. Kongreß Köln 05); _Destrée_ und _Vandervelde_, "Le Socialisme en

Belgique", p. 22; _Bernstein_, "Ist der politische Streik in Deutschland

möglich?", p. 36.]

[Fußnote 35: Durch das zugleich das Koalitionsrecht bedingt wird, vgl.

_Kloth_, "Generalstreik und Maifeier auf dem Gewerkschaftskongreß in

Köln"; _Liebknecht_ (Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 195, 196); vgl. auch

Prot. Parteitg. Jena 05; _A. v. Elm_, "Rückblick auf den 5. deutschen

Gewerkschaftskongreß".]

[Fußnote 36: Vgl. z.B. _Girardins_ Plan von 1851 (unten p. 38);

_Parvus_, "Staatsstreich und politischer Massenstreik".]

[Fußnote 37: So wünscht _Lensch_ ("Politischer Massenstreik und

politische Krisis") den Klassenstreik, um die tatsächliche Bedeutung des

dem Proletariat zugänglichen Parlaments zu erhöhen; "pour briser la

force de la soldatesque", die sich in der Dreifuskrise über das

Parlament hinwegzusetzen schien, also um dieses und die parlamentarische

Regierung zu unterstützen, würde _Kautsky_ ("Jaurès et Millerand",

Mouvement socialiste 1899) seinerzeit den französischen Proletariern den

Eintritt in einen Klassenstr. empfohlen haben, wenn _Kautsky_ nicht

selbst -- und mit Recht -- gezweifelt hätte, daß ein bürgerliches

Ministerium sich dieses Hilfsmittels bedienen würde.]

[Fußnote 38: _Cohnstaedt_, a. a. O. p. 743, 744; ähnl. Amsterdamer

Resolution über den Generalstreik, a. a. O.; Prot. Parteitg. Bremen 04,

p. 193.]

[Fußnote 39: Die Wahlrechtsforderung erschien schon in der

Chartistenbewegung, und die verlockende "Idee, durch Einstellung der

Arbeit die Gewährung politischer Forderungen zu erzwingen", taucht "in

der Geschichte der modernen Demokratie" immer wieder auf (_Bernstein_,

"Der Streik als politisches Kampfmittel", p. 689).]

Außerdem kommen auch _gelegentliche_ politische Teilforderungen vor, die

sich auf einzelne unliebsame Maßnahmen der Regierung beziehen, deren

Ausführung oder Wiederholung verhindert werden soll, z.B. auf

kriegerische Unternehmungen,[40] oder auf die Beeinflussung der

Wirtschaftskämpfe durch die öffentliche Gewalt.[41]

[Fußnote 40: Durch den Kriegsstreik (Prot. int. Kongr. Brüssel 1891, p.

24, 27, 31; Prot. int. Kongr. Zürich 1893, p. 20 ff.; Prot. int. Kongr.

London 1896, p. 24;) _Jaeckh_, "Die Internationale", p. 76; _Hervé_ (cit.

in der "Hilfe", XI. Jahrg. Nr. 21); Enquête sur l'idée de patrie et la

classe ouvrière [Mouvement socialiste 1. und 15. Nov. 05, p. 327]; La

"Patria" e l'Antimilitarismo, Inchiesta fra la classe operaia

organizzata ["Il Divenire sociale", 16. XII. 04, p. 387, 388] und zwar

entweder spez. Militärstreik (Dienst- und Stellungsweigerung), oder

Streik der auf den Krieg bezüglichen Gewerbe, oder überhaupt

Klassenstreik im Moment des Kriegsausbruchs.]

[Fußnote 41: Klassenstreik z.B. als Protest gegen Soldatenverwendung

bei Streiks (Italien 1904); oder als Protest gegen die Hinderung des

Streikpostenstehens ("die famose Idee des Genossen _Wiesenthal_", deren

Mitteilung durch _Bömelburg_ auf dem Kölner Gewerkschaftskongreß 05

große Heiterkeit erregte [vgl. Prot. p. 219]).]

Bei den _Endzielen_, den proletarisch-revolutionären Zielen, handelt es

sich einerseits um _positive Forderungen_: Eroberung der Staatsgewalt,

"Ergreifung der politischen Macht",[42] "Diktatur des Proletariats",[43]

sei es, daß der Klassenstreik nur als "letzte, ernsteste Drohung vor dem

Sturm", als "Präludium" der Revolution auftritt,[44] sei es, daß er die

direkte Einführung der proletarischen Aera beabsichtigt.

[Fußnote 42: _Parvus_, "Staatsstreich und politischer Massenstreik", p.

394.]

[Fußnote 43: _Leipziger Volkszeitung_ vom 8. 3. 04, Art. "Märzluft",

zit. von _David_, "Rückblick auf Jena", p. 842, Note 1.]

[Fußnote 44: _Eckstein_, "Was bedeutet der Generalstreik?" p. 363;

--_Zetkin_, a.a.O.; _Block_, "Formen und Möglichkeiten des

Massenstreiks"; _Cohnstaedt_, a. a. O.]

Andererseits handelt es sich um _negative_ Forderungen: Beseitigung der

kapitalistischen Ausbeutung,[45] Beseitigung, "Zersprengung des

Klassenstaats",[46] "um Raum zu machen für die Freiheit",[47] in deren

Schutz sich alsdann die neue Gesellschaftsordnung entwickeln werde.[48]

Mehrfach wird übrigens auch die "transformation sociale" selbst, die

Aneignung des gesellschaftlichen Eigentums und die Einführung der neuen

Ordnung, also nicht bloß das Niederreißen, zu den Obliegenheiten dieses

sogenannten "Expropriationsstreiks" oder "absoluten Generalstreiks"[49]

gerechnet.[50]

[Fußnote 45: _Friedeberg_, "Weltansch."; ähnlich _Thesing_, "Per la

questione dello sciopero generale."]

[Fußnote 46: "Der Generalstreik" ("_Weckruf_", 28. Mai 04); _Sorel_,

"Lo sciopero generale"; _Friedeberg_, "Parlamentarismus und

Generalstreik", p. 4, 15, 26, 27, 31; derselbe, "Weltansch.", Nr. 40;

_Mazuel_, vom P. S. R. ("Congrès général des organisations socialistes

françaises Paris 1899", p. 254, 255).]

[Fußnote 47: "_Weckruf_", a. a. O.]

[Fußnote 48: So z.B. _Friedeberg_, "Weltansch."; "Antimilitarismus u.

Generalstreik" (Beilage zur "_Wahrheit_", Nr. 11, p. 11).]

[Fußnote 49: _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p. 5; _Louis_,

"L'Avenir du Socialisme", p. 297.]

[Fußnote 50: So _Bakunins_ Anhänger auf dem Kongreß in Brüssel

(_Umrath_, "Zur Generalstreik-Debatte", p. 13, 14); so die in Brüssel

erscheinende "Internationale" im März 1869, daß der G-str. "in einem

die Gesellschaft erneuernden Zusammenbruch endigen" werde; so der

Kongreß in Genf 1873 (vgl. _Weill_, p. 163); so die Allemanisten

(_Richard_, "Manuel socialiste", p. 78 ff.); -- so die "Jungen" (vgl.

_Kampffmeyer_, "Der Generalstreik und die Eroberung der ökonomischen

Macht"); _Briand_, "La grève générale et la révolution". -- _López

Montenegro_ wünscht (in der Broschüre "La huelga general") die

Herbeiführung der sozialen Revolution durch den allgemeinen, womöglich

internationalen Ausstand, der nicht eher beendigt werden solle, "bis die

Häuser den Bewohnern gehörten, die Erde und ihr Ertrag den Bebauern..."

usw.; "Die Neugestaltung der Produktion werde sich schon von selber

machen" (vgl. _Eltzbacher_, "Der Anarchismus und die soziale Revolution

in Barcelona", p. 7).]

§ 4. Wirkungsweise des Klassenstreiks.

Die Wirkung des Klassenstreiks kann sich einerseits in einem Druck auf

die Gegner zur Herbeiführung des Zieles äußern; andererseits kann der

Streik aber auch eine Beeinflussung der Arbeiter selbst zur Folge haben.

Der _Druck auf die Gegner_ kann auf zweierlei Weise erfolgen: durch

wirkliche Ausführung des Klassenstreiks, oder durch seine bloße

Ankündigung.

Bei der _wirklichen Ausführung_ kann dieser Druck vorwiegend _ideeller_

Natur sein: _Manifestations- oder Demonstrationsstreik_. Durch die

Arbeitsverweigerung soll der Gegner und sollen die Indifferenten

nachdrücklichst auf das Begehren der Arbeiter aufmerksam gemacht, zu

seiner Erfüllung aufgefordert werden;[51] der Demonstrationsstreik

bedeutet also einen starken "Appell an die Gewissen... eine Aufrüttelung

der schlafenden Rechtsempfindung", einen "Gewissensschärfer", soll aber

nicht bloß einen "Bittgang", sondern "immer auch ein eindrucksvolles

Mene-Tekel",[52] eine Drohung darstellen; es soll "der Einheit des

Willens der Massen in Bezug auf ein bestimmtes Ziel der stärkste,

nachhaltigst wirkende Ausdruck gegeben",[53] "die in der Zahl liegende

Wucht der Arbeiterklasse mit der nötigen Zähigkeit und Energie

entfaltet" werden, damit sich "die herrschenden Klassen der Stärke der

Gegner bewußt werden",[54] erkennen, "wie ernst es ihnen sei"[55] und

aus diesem "Anschauungsunterricht"[56] lernen. Der auch vom

Demonstrationsstreik unzertrennliche mehr oder minder starke materielle

Druck soll zur Verschärfung des psychologischen Effekts dienen,

zugleich, durch Erweckung von Furcht vor der Wiederholung oder

Verstärkung der Arbeitseinstellung, wie eine Drohung wirken.

[Fußnote 51: Denn die Arbeitsniederlegung ziehe so weite Kreise in

Mitleidenschaft, "daß sich die Öffentlichkeit wohl oder übel genötigt

sieht, sich mit dem Streik und seinen Ursachen eingehend zu befassen"

(_Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 39).]

[Fußnote 52: _Bernstein_, "Politischer Massenstreik und

Revolutionsromantik".]

[Fußnote 53: _Bernstein_, "Der Kampf in Belgien und der politische

Massenstreik", p. 417; _Kampffmeyer_, a. a. O. meint, auch der

Kleinbetrieb könne sich Arbeitsruhe "im Interesse einer allgemeinen

politischen Demonstration auferlegen".]

[Fußnote 54: _Olberg_, "Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik".]

[Fußnote 55: _v. Elm_ (Prot. Gewft. Kongr. Köln 05, p. 226). -- In

einem Aufruf der tschecho-slawischen Sozialisten zur Demonstration am

10. Okt. 05 in Prag für das allg. gl. Wahlrecht heißt es: "Erhebet Euch

in Massen, damit Euer Wille unabwendbar erscheine, wie das Schicksal!...

Erheben wir uns zu einer Manifestation, damit sie die Kraft und

Entschlossenheit von Hunderttausenden klarlege, wenn sie gezwungen

wären, von der Abwehr zum Angriff überzugehn" (vgl. Dokumente des

Sozialismus, Nov. 05, p. 521).]

[Fußnote 56: Z.B. "Der Generalstreik" ("_Weckruf_", 28. Mai 04), und

_Kampffmeyer_, a. a. O. p. 877.]

Beim _Pressionsstreik_ aber ist der beabsichtigte Druck vorwiegend

_materieller_ Natur. Durch die Wirkungen des Ausstandes soll die

Gegenseite unentrinnbar zu einem Tun oder Unterlassen genötigt

werden.[57]

[Fußnote 57: Vgl. _Heine_, "Politischer Massenstreik im gegenwärtigen

Deutschland?"; vgl. auch Block, a. a. O.]

Der Pressionsstreik ist in seiner zeitlichen Ausdehnung prinzipiell von

der Kapitulation einer der beiden Parteien abhängig; seine Dauer läßt

sich also gar nicht von vornherein bestimmen. Der Demonstrationsstreik,

der nur Eindruck machen soll, ohne daß mit einer sofortigen Erzwingung

von Konzessionen gerechnet würde, kann von Anfang an für eine bestimmte,

meist kurze Dauer proklamiert werden.

Von der _bloßen Ankündigung_, der "proklamierten Bereitschaft",[58] der

Androhung des Klassenstreiks wird erwartet, daß sie unter Umständen

genüge, um die Gegner zur Nachgiebigkeit zu veranlassen.[59] Und zwar

kommt die Drohung sowohl für Teilziele in Betracht, (besonders Schutz

der Volksrechte, "Hinter dem allgemeinen Wahlrecht muß stehen der Wille

zum Generalstreik"),[60] als auch zur Durchsetzung des Endziels; man

glaubt, daß die Gegner, wenn sie die Arbeiter im Besitz einer solchen

Waffe wüßten, eher einen friedlichen Ausgleich suchen würden.[61]

[Fußnote 58: Dr. _Liebknecht_, Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 281.]

[Fußnote 59: Ähnlich wie mitunter bei Lohnkämpfen "die Besorgnis vor

der Waffe, welche die Arbeiter gebrauchen können", die Unternehmer zu

Konzessionen veranlasse (_Stieda_, Art. Arbeitseinstellungen im Hdwb.

der Staatsw. 2. Aufl.); -- aus diesem Grund will z. B, _Adler_ den

polit. M.str. nicht abschwören (vgl. Prot. Parteitg. Wien 03, p. 131).]

[Fußnote 60: Dies der vielfach angefochtene Satz von _Hilferding_ ("Zur

Frage des Generalstreiks"). -- Beispiele solcher Klassenstreikdrohung:

in Belgien soll auf diese Weise Ende der 1890er Jahre der Versuch einer

Wahlrechtsverschlechterung verhindert worden sein; in Frankreich soll

die Kl-Str.-Drohung die Zurücknahme einer Antistreikvorlage bewirkt

(_Briand_ a. a. O. p. 12 ff.), die Angst vor dem Generalstreik

seinerzeit den Eintritt Millerands ins Ministerium gefördert

haben (?), (vgl. _Dejeante_, "Congrès générale des Organisation

socialistes françaises Paris 1899," p. 257 ff.), während z.B. die

Generalstreikdrohungen, die Ende Juli 1906 in Zürich laut wurden, das

kantonale Verbot des Streikpostenstehens, das bis Ende 1906 dauerte,

nicht zu beseitigen vermochten.]

[Fußnote 61: So _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 739, 740.]

Die Androhung wird verschieden wirken, je nachdem ein Klassenstreik

schon vorangegangen ist oder nicht, je nachdem eine größere oder

geringere Beeinträchtigung zu erwarten steht.[62] Wie die Ausführung, so

kann auch die Androhung unter Umständen das Gegenteil des gewünschten

Effekts herbeiführen, indem sie z.B. den Gegner zu umso energischerem

Widerstand reizt; oder indem sie von Dritten in verhängnisvoller Weise

in Rechnung gezogen wird.[63]

[Fußnote 62: Daß die Furcht vor dem Unbekannten, vor dem "adversaire

mysterieux, dont la force doit être présumé d'autant plus grande, plus

irrésistible, qu'on n'a pas eu encore l'occasion de la mesurer"

(_Briand_, a. a. O. p. 12 ff.) hierbei eine Rolle spiele, ist bei den

gegenwärtigen Verhältnissen des intern. Nachrichtendienstes, sowie bei

dem Stande der an Hand der Statistik und der täglichen Erfahrung

erlangten Voraussicht kaum anzunehmen.]

[Fußnote 63: _Bernstein_, "Patriotismus, Militarismus und

Sozialdemokratie", sagt: "Die Vorstellung, daß in dem in Frage kommenden

Lande eine machtvolle Partei existiert, die nur auf den Krieg wartet, um

der eigenen Regierung Schwierigkeiten zu bereiten, einen Militärstreik

und dergleichen ins Werk zu setzen, kann zur größten Kriegsgefahr

werden, für abenteuernde Politiker geradezu ein Anreiz sein, auf einen

Krieg mit jenem Lande hinzuarbeiten."]

Die _Wirkung auf die Arbeiter selbst_ kommt einerseits bei der

_wirklichen Ausführung_ des Klassenstreiks zu Stande. Zunächst handelt

es sich hierbei um eine Beeinflussung der _aktiv am Streik beteiligten

Arbeiter_, die "im Kampf ihre Kraft erproben und sich für den späteren

siegreichen Kampf schulen" sollen;[64] denn der Klassenstreik stärke das

Klassenbewußtsein,[65] das revolutionäre Bewußtsein;[66] außerdem

handelt es sich um die Wirkung auf die _übrigen Proletarier_, also um

einen propagandistischen Zweck;[67] der Klassenstreik, der auch dem

letzten Proletarier die gegenseitige soziale Abhängigkeit klar vor Augen

führe, vermöge Gebiete und Gewerbe aufzurütteln, die für gewöhnlich der

sozialistischen Agitation unzugänglich seien.[68] Außer der Propaganda

für die proletarische Bewegung im allgemeinen soll aber auch die

Propaganda für den Klassenstreik als solchen gefördert werden. Und in

der Tat läßt sich eine derartige Wirkung, sogar über nationale Grenzen

hinaus, auch mehrfach wahrnehmen.[69]

[Fußnote 64: _Vanêk_ (Prot. Parteitg. Wien 03, p. 125); ähnl. _Olberg_,

"Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik"; _Block_, a. a. O. p. 563.]

[Fußnote 65: _Umrath_, a. a. O. p. 18, 19; Resolution der Guesdisten

(Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 30).]

[Fußnote 66: Dieses habe im Generalstreik "sein neues kommunistisches

Manifest" geschrieben; die Generalstreikidee bedeute "nichts anderes,

als die Ersetzung der großen unpersönlichen stimmzettelfrohen Masse

durch die Vereinigung der zielklaren und zielwollenden Persönlichkeiten"

(E. Th. "Der Parteitag von Jena und der Generalstreik" ["Einigkeit", 9.

Dez. 05]; _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 3, 31,

32), während der Parlamentarismus dem "Klassenkampf den Todesstoß"

gegeben habe, da er das Proletariat an der Legalität des "Klassenstaats"

interessiere, das revolutionäre Bewußtsein einschläfere; nur durch die

Erfahrung des Generalstreiks könne das Proletariat den endlichen Zerfall

der bürgerlichen Gesellschaft kennen lernen (_Louis_, p. 301 ff.).]

[Fußnote 67: _Luxemburg_ ("Und zum dritten Mal das belgische

Experiment") nennt den Klassenstreik ein "wirksamstes Mittel der

sozialistischen Agitation"; der "_Weckruf_" (Art. vom 9. Jan. 04, "Wo

wollen wir hin? Der Generalstreik") nennt ihn "wirksamstes

Propagandamittel"; die "_Wahrheit_" (Beilage zu Nr. 11,

"Antimilitarismus und Generalstreik", p. 12) sagt: "Kein anderes

Propagandamittel hat... so bedeutende Erfolge erzielt"; vgl. auch

_Block_, p. 563; _Weill_, p. 410.]

[Fußnote 68: So sei ein Teil der Hausindustrie beim belgischen

Wahlrechtsstreik aufgerüttelt worden; der "_Weckruf_" (28. Mai) rühmt

diesen Effekt den Solidaritätsstreiks nach, behauptet auch einen großen

propagandistischen Erfolg (?) des Genfer Generalstreiks ("_Weckruf_" vom

9. Jan. 04).]

[Fußnote 69: Einfluß des belgischen Kl-streiks auf den schwedischen von

1902 (vgl. Enquête, p. 377; Allg. Ztg. 21. 4. 02); Eindruck des

finnischen Nationalstreiks auf die schwedischen Arbeiter (_Branting_

[Soz. Mh. Aug. 06, p. 664]); Einfluß der beiden belgischen Kl-streiks

auf die österreichische Wahlrechtsbewegung (Prot. Parteitg. Wien 1894,

p. 4-6, 31, 34, 58; Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 131); Einfluß des

schwedischen Streiks (_Bracke_, Enquête, p. 86), ital. Streiks

(_Bömelburg_, Prot. Gwkft. Kongr. Köln 05, p. 215), der belgischen und

österreichischen Bewegung (_Bernstein_, Prot. Parteitg. Bremen 04, p.

193), der russischen Revolutionsstreiks (_Bernstein_, "Politischer

Massenstreik und Revolutionsromantik"; Prot. Parteitg. Jena, _Bebel_ [p.

307], _David_ [p. 328]; Prot. Parteitg. Mannheim, _Luxemburg_ [p. 261],

_David_ [p. 259]) auf die deutsche Klassenstreikdiskussion.]

Nicht nur mit der Ausführung, auch mit der _bloßen Verbreitung der Idee_

werden gewisse Wirkungen auf das Proletariat bezweckt. Einerseits soll

die Überzeugung von der Anwendungsmöglichkeit dieses Mittels das

"erhebende und stählende Gefühl der eigenen Kraft und Siegeszuversicht"

entfachen und hierdurch dem Proletariat den Verzicht auf schwächende

Zwergkämpfe (durch die es den Zusammenbruch hinauszuschieben trachte)

ermöglichen.[70] Andererseits soll die Vorstellung einer scheinbar so

gut fundamentierten, scheinbar so leicht zu erreichenden Eingangspforte

zu den Herrlichkeiten des Zukunftsstaates, soll die "anziehende",

"verführerische", "fascinierende" Idee, durch bloßes Nicht-Arbeiten die

Erlösung von aller Mühsal zu erlangen,[71] im Proletariat den Glauben an

eine bessere Zukunft befestigen. Der Klassenstreik erscheint in dieser

Auffassung als "weithin leuchtende Fackel",[72] "Leitstern",

"Richtschnur", "Symbol",[73] "Ideal",[74] "das große Endziel",[75] kurz,

als Ersatz für die schon abgegriffene Vorstellung vom Zukunftsstaat. Wie

diese wird auch die Klassenstreikidee als Propaganda-, Organisations-,

Erziehungsmittel betrachtet,[76] und zwar soll sie nicht nur das

Klassenbewußtsein fördern, indem sie die "Ideale des Klassenkampfes" in

den Vordergrund rücke,[77] sondern durch Kräftigung des revolutionären

Willens auch eine Beschleunigung der Entwicklung herbeiführen können; so

daß sich infolge der Klassenstreik-Propaganda die Umwandlung der

kapitalistischen in die sozialistische Gesellschaft weit früher

vollziehen könne, als dies der bloß mechanische Ablauf der ökonomischen

Verhältnisse gestatten würde.

[Fußnote 70: _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 740.]

[Fußnote 71: Diese Vorstellung sei nur zu sehr geeignet, den vielen

"utopisch angelegten Naturen" in den Arbeiterkreisen aller Länder

Nahrung zu geben (_Vliegen_, "Der Generalstreik als politisches

Kampfmittel", p. 195).]

[Fußnote 72: _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p.

31.]

[Fußnote 73: Der Sozialismus befasse sich mit dem Mysteriösen, der

Transformation der Produktion; von dieser schweren Lehre gebe der

Generalstreik ein leicht faßliches Bild (_Sorel_, "Lo sciopero

generale").]

[Fußnote 74: Vgl. z.B. auch _Weill_, p. 409 ff.]

[Fußnote 75: _Friedeberg_, "Weltansch.".]

[Fußnote 76: Vgl. _Thesing_, "Per la questione dello sciopero

generale"; _Polledro_, "Per la terminologia dello sciopero generale";

die Erfüllung des proletarischen Seelenlebens mit der Generalstreikidee

werde die Organisationen so stärken, daß gewaltsame Kämpfe vielleicht

vermieden werden können (_Friedeberg_, a. a. O., und "Parlamentarismus

und Generalstreik", p. 27 ff.); "En indiquant aux travailleurs un but

d'organisation, en leurs offrant un moyen d'emancipation, à l'efficacité

duquel ils croient fermément, elle (die G-streiksidee) a puissament

contribué à donner à l'action syndicale plus de confiance et de methode"

(_Briand_, p. 15).]

[Fußnote 77: _Friedeberg_, "Parlamentarismus und Generalstreik", p. 3,

4, 26, 27; derselbe: Prot. Parteitg. Dresden 03; ähnl. _Allemane_ (Prot.

int. Kongr. Amsterdam, p. 26); sowie die programmatische Erklärung des

7. Kongresses der "freien Vereinigung" im April 1906 (cit. bei _v. Elm_,

"Die Gewerkschaftsdebatte auf dem Mannheimer Parteitag").]

§ 5. Die Arten des Klassenstreiks.

Da der Begriff Klassenstreik so verschiedenerlei Eigenschaften, Ziele

und Wirkungsweisen eines Ausstandes in sich schließt, so kann der

Klassenstreik auch in einer großen Zahl von Variationen auftreten, unter

denen man zwei Hauptarten zu unterscheiden pflegt: _Generalstreik_ und

_politischer Massenstreik_.

Der _Generalstreik_ strebt im allgemeinen mehr nach quantitativem, der

_politische Massenstreik_ mehr nach qualitativem Umfang; ersterer

begnügt sich unter Umständen mit lokaler, strebt aber meist nach

internationaler Ausdehnung, letzterer tendiert in der Regel zu

nationaler Ausdehnung.

Der _Generalstreik_ neigt meist, doch nicht ausnahmslos (_Friedeberg_;

_Briand_), zu gewaltsamen Formen; es soll ihm jeder gesetzliche Inhalt

fehlen; er soll, insbesondere nach Ansicht der revolutionären

Syndikalisten, "nicht mehr als Ausführung eines gesetzlich verbrieften

Rechts, sondern... als der Typus der revolutionären Tat" gelten

(_Lagardelle_). Der _politische Massenstreik_ hingegen fordert meist,

aber ebenfalls nicht ausnahmslos (man denke an einige deutsche

"Ultra-Radikale"!), nur eine friedliche Arbeitsverweigerung.

Der _Generalstreik_ vertritt vorwiegend wirtschaftliche,

antiparlamentarische, anarchistisch-revolutionäre mittelbare und

unmittelbare Klassenziele, ohne doch politisch-parlamentarische

Forderungen unter allen Umständen auszuschließen;[78] der _politische

Massenstreik_ kennt nur politisch-parlamentarische, also nur

unmittelbare Klassenziele.

[Fußnote 78: Vgl. z.B. _Briand_, a. a. O. p. 6; Resolution der

Kommissionsminderheit (Prot. int. Kongr. Paris 1900, p. 32); ebenda p.

7; Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 28-30; ähnlich die Allemanisten

(vgl. _Richard_, Mouvement socialiste, 1899, I. p. 619 ff.); Congrès

corporatif de Marseille 1892; Conféd. générale du travail (vgl.

"Antimilitarismus und Generalstreik", Beilage zu Nr. 11 der

"_Wahrheit_"); "_Weckruf_" (28. Mai 04, "Der Generalstreik").]

Der Zweck des _Generalstreiks_ besteht zum großen Teil in der Wirkung

auf die Arbeiter selbst, der des _politischen_ Massenstreiks fast

ausschließlich in der Wirkung auf ihre Gegner.

Doch selbst diese hauptsächlichsten Unterscheidungspunkte ergeben keine

feste Grenzlinie. Denn die Tatsachen der als Generalstreiks und der als

politische Massenstreiks rubrizierten Unternehmungen und Projekte stehen

sich oft außerordentlich nahe. Der einzige wirklich durchgreifende

Unterschied zwischen Generalstreik und politischem Massenstreik besteht

überhaupt nicht in objektiven Merkmalen, sondern in der _subjektiv_

umschriebenen Stellung und Funktion des Klassenstreiks, in dem

_subjektiv_ ihm zugewiesenen Rang _innerhalb der proletarischen

Bewegung_.

Ein Klassenstreik heißt nämlich _Generalstreik_, sobald er als "_seule_

lutte qui soit digne de la classe ouvrière",[79] als das

prinzipiell-proletarische, weil vom Parlamentarismus unabhängige[80]

_Hauptmittel_ aller und jeder proletarischen Betätigung auftritt (so bei

den Anarchisten, revolutionären Syndikalisten).[81] Dabei beschränken

sich die Ergänzungswaffen des Klassenkampfs teils nur auf die übrigen

Mittel der "direkten Aktion", (also Boykott, Sabot, bewaffneter

Widerstand),[82] unter ausdrücklichem Ausschluß des Streiks zu

politischen Zwecken;[83] teils umfassen sie aber neben allem anderen

auch die parlamentarische Tätigkeit und den Streik zu politischen

Zwecken,[84] und sei es eventl. auch nur, damit bei der Anwendung des

letzteren den Arbeitern die Bedeutung der Massenaktion und des

eigentlichen Generalstreiks klar werde.[85]

[Fußnote 79: Léon _Quatrehomme_, ouvrier typographe (Enquête sur l'idée

de patrie et la classe ouvrière, p. 337).]

[Fußnote 80: Vgl. z.B. E. Th., "Der Parteitag von Jena"; _Friedeberg_,

"Parlamentarismus und Generalstreik", p. 26, 27; _Thesing_, a. a. O.;

_Kautsky_, "Maifeier und Generalstreik"; Prot. int. Kongr. Amsterdam 04,

p. 26, 28, 30, 71; _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.", p. 157; _Umrath_,

a. a. O. p. 19, 20. Nicht nur die Idee des Generalstreiks sei "concetto

genuinamento operaio, che la classe lavoratrice ha ricavato dall'

esperienza della vita" (_Labriola_, "Riforme e Rivoluzione sociale", p.

211; ähnl. _Briand_, p. 4, 5; _Kautsky_, a. a. O.; derselbe, "Die

soziale Revolution" I. p. 51), sei das Produkt "de la mentalité ouvrière

elle même", entspreche einer "profonde intuition populaire" (_Louis_, p.

293 ff.), sondern auch die Anwendung stehe "en dehors de toute direction

politique" (_Richard_, "Manuel socialiste", p. 78, 79).]

[Fußnote 81: Als stärkste, wirksamste, entscheidenste Waffe erscheint

der Klassenstreik z.B. in der Resolution der Allemanisten (Prot. int.

Kongr. Amsterdam 04, p. 29, 30), in der Resol. der Kommissionsminderheit

(Prot. int. Kongr. Paris 1900, p. 32), in der Auffassung der

"Lokalisten" (vgl. Bericht im Vorwärts vom 18. Juli 06 über die

Generalversammlung der "Freien Vereinigung der Bauarbeiter Berlins und

Umgebung" am 15. Juli 1906) usw. --Nach dem Bericht der Étudiants

socialistes révolutionnaires internationalistes de Paris an den

internationalen revolutionären Arbeiterkongreß, der 1900 in Paris

stattfinden sollte (aber verboten wurde), ist der (gewaltsame)

allgemeine Ausstand "unter den gegenwärtigen Verhältnissen das beste und

sicherste Mittel zur Herbeiführung der sozialen Revolution" (vgl.

_Eltzbacher_, p. 5, 6).]

[Fußnote 82: Der letzte Anarchistenkongreß (3. Aug. 1907 in Amsterdam)

betrachtete übrigens, gemäß der Resolution _Malatesta_, die

Gewerkschaften und den Generalstreik zwar "als mächtige revolutionäre

Mittel, aber nicht als Surrogat der Revolution"; über diesen beiden

dürfe man nicht "die direkteren Mittel im Kampf gegen die militärische

Macht vergessen" (vgl. Frankf. Ztg. Sept. 07).]

[Fußnote 83: Sobald der Generalstreik "zum Hilfsmittel politischer

Aktionen herabsinkt" ("_Weckruf_", 28. Mai 04, vgl. auch z.B.

_Friedeberg_, "Weltansch." Nr. 37, 40; derselbe: "Parlamentarismus und

Generalstreik", p. 3; _Sorel_, a. a. O. p. 23, 24; usw.) bedeutet er für

die Anarchisten höchstens eine "kindliche Naivetät" ("_Weckruf_", 9.

Jan. 04, "Wo wollen wir hin? Der Generalstreik"), die dazu führe, "den

kraftvollen Gedanken des proletarischen Kampfes... zu verwässern"

(_Friedeberg_, "Weltansch."; ähnl. Franz _Winter_, "Brief aus

Österreich" ["_Weckruf_", 9. Jan. 1904]; "Der Generalstreik"

["_Weckruf_", 28. Mai 04]).]

[Fußnote 84: Der Generalstreik "non sostituice, nè elimina l'uso degli

altri mezzi risolutivi che la storia suggerisce, e che lo sciopero o

condiziona o rafforza o potenzia"; denn der Generalstreik sei die "forma

specifica della rivoluzione proletaria e delle successive conquiste che

alla rivoluzione menano" (_Labriola_, a. a. O.).]

[Fußnote 85: _Winter_, a. a. O.: "die Arbeiterschaft wird schon

dahinter kommen, daß mit ihm (dem Kl-str.) nicht nur politische Rechte,

sondern auch nützliche ökonomische Vorteile ... erobert werden können";

ähnl. das Anarchistenblatt "_Neues Leben_" (cit. in der Allg. Ztg.

19./4. 02); ferner "_Weckruf_" (9. Jan. 04, "Wo wollen wir hin? Der

Generalstreik"); _Berth_ (vgl. Notes Bibliograph. du Mouvement

socialiste, I. et 15. XI. 05, p. 374 ff.).]

Ein Klassenstreik heißt aber _politischer Massenstreik_, sobald er als

bloßes _Hilfsmittel_ im proletarischen Kampfe auftritt,[86] nur aus

Zweckmäßigkeitsgründen angewandt,[87] dem Parlamentarismus höchstens

koordiniert, fast regelmäßig subordiniert[88] wird. Dabei bedeutet er

meist überhaupt nur ein ausnahmsweises Hilfsmittel, das, wie _Turati_

sagt, "niemals zum normalen Kampfmittel des Proletariats erhoben werden

darf", die "ultima ratio",[89] die letzte, äußerste Kraftanstrengung in

extremen Fällen.[90]

[Fußnote 86: Prot. Parteitg. Jena 05, _Zetkin_, p. 324, _Bebel_, p.

338; _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 105).]

[Fußnote 87: _Hilferding_, "Zur Frage des Generalstreiks", p.

141 ff.; _Delory_, P. O. F. (Congrès général des Organisations

socialistes françaises Paris 1899, p. 246 ff); _Umrath_, a. a. O.;

Kommissionsresolution des int. Kongr. Zürich, 1893 (cit. Prot. Parteitg.

Jena 05, p. 302).]

[Fußnote 88: Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 24 ff.; _Liebknecht_,

(Prot. Parteitg. Jena 05, p. 327); _Zetkin_ (Prot. Parteitg. Bremen 04,

p. 196); _Bebel_ (Prot. Parteitg. Mannheim 06, p. 227-241); Resolution

der ital. Integralisten (vgl. _Olberg_, "Der Parteitag von Rom");

Congrès général... Paris 1899, p. VII, 236-60; _Kautsky_, "Die soziale

Revolution", p. 50; ders. "Maifeier und Generalstreik"; _Zetkin_ (vgl.

Vorwärts 23. Aug. 05); _Luxemburg_, "Und zum dritten Mal das belgische

Experiment"; _Hilferding_, "Zur Frage des Generalstreiks", p. 141;

_Umrath_, a. a. O.; _Jaurès_, "Aus Theorie und Praxis", p. 97-121.]

[Fußnote 89: Z.B. _v. Elm_, (Prot. Gwft. Kongr. Köln 05, p. 226);

ähnl. _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien 05, p. 129); _Bernstein_,

"Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik".]

[Fußnote 90: Z.B. _v. Elm_, "Die Gewerkschaftsdebatte auf dem

Mannheimer Parteitag"; _Kautsky_, "Maifeier und Generalstreik"; Prot.

Parteitg. Wien 1894, p. 105 (Resolution _Adler_); Prot. Parteitg. Wien

03, p. 126; Prot. Parteitg., Wien 05, p. 66 ff., 121; Prot. int. Kongr.

Amsterdam, p. 8, 24 ff.]

Als solch extremer Fall erscheint einerseits die _soziale Revolution_;

und zwar wird dem politischen Massenstreik eine um so bedeutendere Rolle

"in den revolutionären Kämpfen der Zukunft"[91] zugewiesen, je mehr das

Vertrauen auf die ökonomisch-automatische Einführung des Sozialismus

verschwindet, der Glaube an den gewaltsamen Charakter der sozialen

Umwälzung bestehen bleibt,[92] zugleich aber auch die "Revolution im

Heugabelsinn"[93] an Kredit verliert. Durch die Entdeckung des

politischen Massenstreiks soll daher das bis anhin verschwommene Bild

von der proletarischen Revolution Leben und Farbe gewonnen haben.[94]

Daneben wird der politische Massenstreik übrigens unter Umständen auch

noch zu gelegentlicher Unterstützung des Klassenkampfs in seinen

vorrevolutionären Stadien vorgesehen.[95]

[Fußnote 91: _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 738; ders. "Die

soziale Revolution" ("Formen und Waffen der sozialen Revolution");

_Umrath_, p. 19, 20; Enquête, p. 208; _Roland-Holst_, "G-str. u. Sozd.",

p. 169; _Parvus_, "Staatsstreich und politischer Massenstreik", p. 394;

_Willert_, Guesdist (Prot. int. Kongr. Amsterdam, 04, p. 27). --Über den

Kl-str. als modernen Ersatz für die Erhebung: _Bissolati_, "Das Ergebnis

der italienischen Wahlen", p. 958; vgl. auch _Eckstein_, p. 360.]

[Fußnote 92: Vgl. _Roland-Holst_, a. a. O., p. XII ff.]

[Fußnote 93: _Liebknecht_ (Prot. Parteitg. Jena 05, p. 327); vgl. auch

_Briand_ (Congrès général... Paris 1899, p. 156); _Parvus_, a. a. O.;

_Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 694; Prot. Parteitg. Bremen

04, p. 193; "'Der politische Massenstreik' und der Staatsanwalt",

Bericht über die Verhandlung im Prozeß gegen _Löbe_ (wegen Abdruck der

_Bernstein_'schen Rede), im Vorwärts, 1. Beilage zu Nr. 196, 23. Aug.

05. -- Andere, wie z.B. _Hue_ (vgl. "Partei und Gewerkschaft"),

_Vliegen_ (vgl. "Der zehnte Parteitag der niederländischen

Sozialdemokratie"), _Bömelburg_ (vgl. Prot. Gwft. Kongr. Köln 05)

glauben, daß es auch noch andere "schärfere" Mittel zur ev.

Herbeiführung der Katastrophe gäbe, als den Klassenstreik, und daß der

Augenblick diese schon mit sich bringen werde.]

[Fußnote 94: Dies rühmt z.B. _Roland-Holst_, a. a. O. p. 182 ff.]

[Fußnote 95: So spricht z.B. _Roland-Holst_ (p. 95 ff.) vom pol.

M-str. am Anfang (zur Erwerbung), im Verlauf des politischen Kampfes

(zur Erhaltung von Rechten) und am Schluß desselben (als soziale

Revolution), während z.B. nach der _Leipziger Volkszeitung_ vom 8. März

04 (cit bei _David_, "Rückblick auf Jena") der Klassenstr. einzig für

die soz. Revolution in Frage käme.]

Andererseits erscheint die Bedrohung der _sozialen Evolution_ als der

extreme Fall, der die ausnahmsweise Anwendung des politischen

Massenstreiks rechtfertigen könne. Und entsprechend dem

Parlamentarismus, den er schützen soll, erscheint hierbei auch der

politische Massenstreik entweder als wirksamster, wenn auch nicht

einziger "Faktor eines stetigen, organischen Fortschritts auf dem Wege..

der proletarischen.. Emanzipation",[96] oder geradezu als Voraussetzung

des Sozialismus überhaupt.[97]

[Fußnote 96: _Bernstein_, "Ist der politische Streik in Deutschland

möglich?"; _Kampffmeyer_, "Der Generalstreik und die Eroberung der

ökonomischen Macht"; _Bernstein_, "Pol. M-str. u. pol. Lage", p. 8 ff.,

34; ders. "Politischer Massenstreik und Revolutionsromantik";

_Bernstein_ als Zeuge im Prozeß gegen _Löbe_, a. a. O.; _v. Elm_ (Prot.

Parteitg. Jena 05, p. 323;) _Jaurès_, a. a. O.; -- _Olberg_, "Der

italienische Generalstreik", p. 22. -- _Hilferding_, p. 142; _Destrée

und Vandervelde_, p. 22; _Bebel_ (Prot. Parteitg. Jena 05).]

[Fußnote 97: "Hinter dem allgemeinen Wahlrecht muß stehen der Wille zum

Generalstreik" (_Hilferding_, a. a. O. p. 139 ff.), der Generalstr.

müsse die "regulative Idee" im Klassenkampf sein; z.B. von _Vliegen_

("Der Generalstreik als politisches Kampfmittel") als "Phrase"

abgelehnt; (vgl. oben p. 14).]

§ 6. Vergleich des Klassenstreiks mit verwandten Aktionsmitteln.

Dem Klassenstreik sind eine Reihe anderer Aktionsmittel des Proletariats

verwandt, die ebenfalls auf massenhafter Verweigerung notwendiger

Funktionen beruhen oder beruhen können.

Praktisch kommt fast ausschließlich der Entzug _wirtschaftlicher_

Funktionen in Betracht, und zwar vor allem der Entzug wirtschaftlicher

Funktionen innerhalb des Produktionskreises; hierbei handelt es sich in

erster Linie um die Mittel mit _obligatorischer_ Arbeitsverweigerung.

Unter diesen begreift der Normalfall, die _offene_ Arbeitsverweigerung,

also der _Streik_, auch den Klassenstreik in sich. Und zwar gleicht

letzterer in seinem gewerblichen Wirkungsvermögen völlig den übrigen

großen Streiks, steht hierin also, wie diese, in genauem Gegensatz zum

partiellen Streik.

Die _gewerbliche Wirkung_ eines Streiks auf die Unternehmer beruht im

allgemeinen auf dem Interesse derselben am Fortgang der Produktion.

Dieses Interesse, das den Unternehmer unter Umständen zur Nachgiebigkeit

gegenüber den Forderungen seiner Arbeiter bestimmt, ist ein doppeltes.

Der Fortgang der Produktion sichert einerseits die Verzinsung des im

Betrieb angelegten Kapitals, sowie den Unternehmergewinn (zugleich die

Erhaltung der Betriebseinrichtungen in brauchbarem Zustand): positives

Interesse, und erschwert andererseits die Verdrängung durch die

Konkurrenz (Einführung neuer Verfahren, Abfangen der Kundschaft usw.

während des Streiks): negatives Interesse.

Das _positive Interesse_ wird zwar vom Massenstreik, also auch vom

Klassenstreik, ähnlich berührt, wie vom partiellen Streik; etwas stärker

noch insofern, als beim Massenstreik von einer Aushilfe durch die

Streikversicherung viel weniger zu erwarten steht, als bei einem

partiellen Ausstand; dafür vermindert sich aber beim Massenstreik (und

erst recht beim Klassenstreik) die Rücksichtnahme seitens der Arbeiter

auf die wirtschaftlichen Konjunkturverhältnisse,[98] so daß hierbei

wohl ausnahmslos auch solche Unternehmungen getroffen werden, denen

gerade eine momentane Betriebsstockung zum Vorteil gereicht; ja,

auch die dem Unternehmer gewöhnlich aus dem Streik erwachsenden

Schwierigkeiten gegenüber Dritten (Nichteinhaltung von Lieferfristen,

Konventionalstrafen usw.) verringern sich, je größere Dimensionen der

Streik annimmt, je mehr er als Kasus angesehen werden darf.[99]

[Fußnote 98: Es kann beim Kl-str. um so weniger Rücksicht auf die

wirtschaftliche Konjunktur genommen werden, je mehr Rücksicht auf den

politisch günstigen Moment genommen werden muß (vgl. _Hanich_, Prot.

Parteitg. Wien, 1894, p. 65); eine Berücksichtigung der wirtschaftlichen

Konjunktur wird überdies um so schwerer, je größer der Streik ist, da

sich bei starker gewerblicher und geographischer Differenzierung der

Beteiligten kaum ein Zeitpunkt finden läßt, wo sich alle fraglichen

Gewerbe und Plätze annähernd gleicher Prosperität erfreuen.]

[Fußnote 99: Schon die gewöhnlichen Streiks, bes. Angriffsstreiks,

pflegen als Casus angesehen zu werden (vgl. _ab-Yberg_, p. 95).]

Erscheint hiernach schon das positive Interesse des Unternehmers

normalerweise durch den Massenstreik eher weniger bedroht, als durch den

partiellen Streik, so tritt eine völlige Umkehrung des Verhältnisses

bezüglich des _negativen Interesses_ ein. Die Unternehmerkonkurrenz

spielt nämlich eine um so kleinere Rolle, je größere Dimensionen der

Streik annimmt; denn je vollständiger die Einbeziehung aller miteinander

konkurrierender Unternehmungen, um so geringer für jede einzelne die

Gefahr der Konkurrenzstärkung während der Arbeitsunterbrechung.[100] Den

kräftigeren Unternehmungen kann der Massenstreik durch die Beseitigung

schwächerer Konkurrenten[101] sogar noch direkten Vorteil bringen. --Das

Konkurrenzmoment als Faktor des Entgegenkommens, als Faktor des

Streikerfolges, verliert also mit Ausdehnung des Streiks immer mehr an

Bedeutung[102] und verschwindet überhaupt völlig, sobald die Gesamtheit

der konkurrierenden Betriebe stillliegt.[103]

[Fußnote 100: Ähnlich liegen die Verhältnisse beim partiellen Streik

gegen Monopolisten (vgl. _Düwell_, "Zur Frage des Generalstreiks").]

[Fußnote 101: Da diese sich ev. schon an den positiven

Beeinträchtigungen durch den Streik verbluten; um die großen Unternehmer

empfindlicher zu treffen, schlug daher _Ellenbogen_ (Prot. Parteitg.

Wien 1894, p. 54) vor, den Kleinbetrieb von einem ev. Wahlrechtsstreik

ausdrücklich auszunehmen.]

[Fußnote 102: _Eckstein_, p. 258, 259; _Grosch_, "Der Generalstreik",

p. 14, 15; vgl. auch _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 687 ff.]

[Fußnote 103: Soweit dies nicht der Fall ist, können die Unternehmer

übrigens durch internationale und nationale Vereinbarungen den

Konkurrenzausschluß selbst herbeiführen (vgl. _Düwell_).]

Der Massenstreik, und mit ihm der Klassenstreik, werden also in ihrer

Wirkung auf das Unternehmertum stets hinter der Wirkung des partiellen

Streiks zurückbleiben müssen, da das positive Interesse des Unternehmers

an der Aufrechterhaltung des Betriebes keinesfalls stärker berührt, sein

negatives Interesse aber ausgeschaltet wird. Der Massenstreik kann also

keineswegs von vornherein als der Superlativ des partiellen Streiks

angesehen werden; noch weniger ist die Berechtigung seiner Anwendung aus

etwaiger Erfolglosigkeit partieller Ausstände zu folgern.[104]

[Fußnote 104: Dies tut z.B. _Briand_ (Prot. int. Kongr. Paris 1900, p.

32, und "La grève générale et la révolution", p. 4, 5); vgl. auch

_Umrath_, a. a. O.; _Dejeante_ (Congrès général... Paris 1899, p. 257

ff.). -- Die tatsächliche Zunahme der Massenstreiks und die Wahrnehmung,

daß dieselben immer häufiger den Charakter politischer Ereignisse tragen

(bes. im Eisenbahnbetrieb und im Bergbau: Pennsylvanien, Kolorado,

Frankreich, England, Belgien, Deutschland, Österreich usw.), förderte

die Überzeugung, diese Waffe, die "die technische Entwicklung den

Arbeitern in die Hand gegeben" habe (Prot. Parteitg. Wien 05, p. 132),

sei auch im politischen Kampf anzuwenden (vgl. _Kautsky_, "Der Kongreß

in Köln"; ders.: "Die soziale Revolution", p. 49, 50; _Roland-Holst_,

"G-str. u. Sozd.", p. 32 ff., 54; _Bernstein_, "Trust und Streik";

ders.: "Der Kampf in Belgien und der politische Massenstreik", p. 416;

ders. am Parteitg. in Jena, Prot. p. 315; _Stadthagen_, ebenda, p.

330).]

Was dem Massenstreik aber an gewerblicher Wirkung abgeht, das kann unter

Umständen die außergewerbliche, die _soziale Wirkung_ ersetzen, die den

partiellen Streiks überhaupt fehlt, oder doch nur den exzeptionellen

unproletarischen Streiks[105] zukommt.

[Fußnote 105: Streiks der Schüler, Advokaten, Ingenieure, Richter,

Handelsgehilfen, Ärzte, Apotheker, Munizipalbeamten (Streik der

Gemeinderäte bei der südfranzösischen Winzerbewegung 1907). Die

österreichische Hausbesitzerversammlung soll gar den abenteuerlichen

Plan gefaßt haben (sofern keine Zeitungsente vorliegt), alle Wohnungen

zu kündigen, falls die Regierung nicht unverzüglich an die Abänderung

der Hauszins- und Gebäudesteuer ginge (gemäß "Fremdenblatt", cit. von

der Arbeiterzeitung Wien, 24. Juni 1906).]

Die soziale Wirkung des Massenstreiks kann von der _Zahl_ der

Streikenden abhängen; denn jede Arbeitsniederlegung sehr vieler Menschen

veranlaßt eine allgemeine Beunruhigung, Erregung, Unsicherheit, eine

allgemeine Störung von Handel und Wandel.[106]

[Fußnote 106: _Resel_ (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 70 ff.) Die

Minderung der Kaufkraft der Ausständigen wird sich auf dem das

Proletariat versorgenden Markte fühlbar machen; das Stillliegen vieler

Betriebe zwingt, infolge der arbeitsteiligen Entwickelung, auch

zahlreiche Dritte zur Arbeitsunterbrechung; die Verlängerung der

Umschlagsdauer des Kapitals wird ein Sinken der Industriewerte nach sich

ziehen usw.]

Doch es kommt nicht nur auf die Zahl der Ausständigen, sondern auch auf

die soziale _Bedeutung_ der stillgelegten Werke an, wonach sich die

soziale Wirkung in qualitativer Richtung bestimmt. Unter den sozial

wichtigen Unternehmungen aber wird die Arbeitsruhe derjenigen Gruppen

den bedeutendsten Effekt herbeiführen, von deren fortwährenden

Leistungen, also von deren ununterbrochener Inbetriebhaltung das

gesellschaftliche Dasein in besonderem Maße abhängt (wie Kraft- und

Lebensmittelversorgung, Transport, Sanitätsdienst usw.). Je allgemeiner

in diesen Unternehmungen der Streik, um so empfindlicher seine Wirkung

auf die Gesellschaft.[107]

[Fußnote 107: Zur Förderung des sozialen Druckes bemühen sich die

Arbeiter daher auch um Fernhaltung der Konkurrenz beim Streik; so wurde

z.B. beim Streik im Ruhrgebiet seitens der Arbeiterschaft versucht, die

belgische und englische Kohle durch Verständigung mit den dortigen

Genossen fernzuhalten.]

Auch das staatliche Leben ist durch den Massenstreik mannigfachen

Beunruhigungen, unter Umständen sogar geradezu einer Gefährdung

ausgesetzt, -- ganz abgesehen davon, daß der Staat durch jede

gesellschaftliche Krise indirekt mitgetroffen wird.

Einerseits handelt es sich auch dem Staat gegenüber um quantitativ

bestimmte Wirkungen, sofern dieser nämlich die streikenden Massen um

ihrer Zahl willen nicht mehr in den Schranken von Recht und Ordnung zu

halten vermag; andererseits um qualitativ bestimmte Wirkungen, wenn

große Streiks "an Stellen, wo sie dem Staat und der öffentlichen Gewalt

am empfindlichsten sind", ausbrechen (Verkehrs- und Nachrichtendienst,

Militärverproviantierung usw.), infolge der Natur der streikenden

Betriebe die eigensten Funktionen des Staates stören und eine

"Desorganisation des Staatsmechanismus" einleiten würden.[108]

[Fußnote 108: Auf eine solche Wirkung rechnen _Parvus_, a. a. O.;

_Zetkin_ (vgl. Vorwärts, 23. Aug. 05); _Roland-Holst_, a. a. O. p. 100

ff.; _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres" p. 208.]

Wenn qualitativ und quantitativ bestimmte gesellschaftliche Wirkungen

sich vereinigen, wenn der Massenstreik "der ganzen bürgerlichen

Gesellschaft Unbequemlichkeiten und Verluste" zufügt,[109] "die

notwendigen Funktionen der Wirtschaft" stilllegt und Störungen im

öffentlichen Betrieb bewirkt,[110] den "Lebensprozeß der

kapitalistischen Gesellschaft" bedroht, wenn er als "maladie

publique",[111] als "nationale Kalamität"[112] auftritt oder auftreten

soll, dann wird es sich kaum um den _innergewerblichen Massenstreik_

handeln, dann wird in der Regel ein _Klassenstreik_ vorliegen, oder zum

mindesten doch ein solcher gewerblicher Massenstreik, dem wir, eben um

dieser Wirkungen willen, eine Grenzstellung anweisen, den wir als

_Pseudo-Klassenstreik_ bezeichnen müssen.

[Fußnote 109: _Kautsky_, a. a. O. p. 690.]

[Fußnote 110: _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien 05, p. 126).]

[Fußnote 111: M. _Fazy_, Zu den Motionen _Scherrer_ und _Sulzer_ (Amtl.

Stenogr. Bulletin der Schweiz. Bundesversammlung, Jahrg. XVI, p. 912).]

[Fußnote 112: _Kautsky_, "Die Soziale Revolution", p. 49 ff.; ähnl.

_Ulrich_, "Die Arbeiterausstände und der Staat", p. 1, 2.]

Die gewerblichen und die außergewerblichen Wirkungen des Klassenstreiks

treten in verschiedenen Kombinationen auf, je nachdem es sich um

Forderungen an die Unternehmer oder um solche an die Öffentlichkeit

handelt. (Natürlich versuchen wir hier nur eine Schematisierung des

Vorgangs, eine sozusagen geometrische Skizzierung der typischen

Grundformen, die unter der vielfarbigen Übermalung durch die stets

veränderliche Wirklichkeit noch hervorschimmern.)

Bei _wirtschaftlichen_ Forderungen wird die Druckkraft des Streiks bloß

auf die Unternehmer zwar nicht eben bedeutende Erfolge herbeiführen;

hingegen vermag vielleicht der zugleich auftretende gesellschaftliche

Druck die Öffentlichkeit dermaßen zu beunruhigen, daß sie einzuschreiten

versucht, den empfangenen Druck weiterleitet, ihn auf die

"widerspenstigen Unternehmer" überträgt. Je weniger die Allgemeinheit

unter der Erfüllung der Streikforderung zu leiden hat, je mehr sie den

Standpunkt der Arbeiter teilt und den der Unternehmer tadelt (wie dies

manchmal großen Monopolisten gegenüber der Fall ist), um so energischer

wird sie auch die Erfüllung der proletarischen Wünsche verlangen, so daß

also auf den Unternehmern außer dem allerdings nur schwachen

gewerblichen Druck ev. indirekt noch der bedeutendere gesellschaftliche

Druck lastet. Von der politischen Stärkeverteilung hängt es ab, ob die

Unternehmer ev. auch durch gesetzliche Regelung der fraglichen

Verhältnisse zur Gewährung der Forderung gezwungen werden können.[113]

[Fußnote 113: Ein derartiger Vorgang lag beim österr. Kohlengräberstr.

vor (vgl. _Kautsky_, "Allerhand Revolutionäres", p. 689 ff.), wäre aber

auch beim reinen Kl-str. denkbar.]

Bei _politischen_ Forderungen kommt es zwar hauptsächlich auf die Stärke

des direkten gesellschaftlichen Druckes an, doch läßt sich dieser

indirekt noch durch den gewerblichen Druck, den der Streik auf die

Unternehmer ausübt, steigern; denn zeigen letztere auch wenig

Entgegenkommen bei ökonomischen Forderungen, die sie ev. aus der eigenen

Tasche befriedigen müßten, so neigen sie hier naturgemäß eher ein wenig

zu Konzessionen, wo sich der immerhin auch bei Massenstreiks erwünschte

gewerbliche Frieden auf Kosten dritter, nämlich auf Kosten der Regierung

erkaufen läßt. Je nachdem im Arbeitgeber der Staatsbürger oder der

Unternehmer vorherrscht, wird er seinen Einfluß für oder gegen die

Arbeiterforderung in die Wagschale werfen.[114]

[Fußnote 114: Je mehr der Unternehmer seinen Schaden "auf die

politische Maschine" übertragen könne, "um so wirksamer wird der Streik

sein" (_Adler_, Prot. Parteitg. Wien 05, p. 126 ff.; ähnl. _Kautsky_, a.

a. O.).]

Bricht der Klassenstreik in einem revolutionären Moment aus, wenn also

eine Kluft zwischen der bürgerlichen Gesellschaft und dem Staat besteht,

so kann auf letzterem außer dem direkten unter Umständen auch noch der

von Gesellschaft und Unternehmertum auf die Regierung überwälzte, also

ein indirekter Streikdruck lasten.

Eine Überwälzung eines indirekten Streikdrucks auf die Regierung ist

natürlich in wirklich demokratischen Staatswesen völlig

gegenstandslos,[115] da in solchen eine Kluft zwischen Regierung und

Volksmajorität prinzipiell ausgeschlossen ist. Überhaupt ist in der

durchgeführten politischen Demokratie jeder politische Streik so

überflüssig,[116] wie es der gewöhnliche Streik bei durchgeführter

gewerblicher Demokratie sein würde.[117] Nur wer, wie die französischen

revolutionären Syndikalisten, an die ausschlaggebende Bedeutung

sektiererischer Minoritäten glaubt, der wird auch in der Demokratie den

Streik predigen.[118]

[Fußnote 115: Gegen den pol. M-str. in der Demokratie äußerte sich z.

B. der Schweizer. Arbeitersekretär _Greulich_; vgl. auch z.B.

_Bourdeau_, p. 442.]

[Fußnote 116: _Kautsky_, a. a. O. p. 732, 733.]

[Fußnote 117: _Bernstein_, z.B. "Der Kampf in Belgien und der

politische Massenstreik", p. 416 ff.]

[Fußnote 118: "La démocratie... opprime la minorité qui porte en elle

l'avenir. La tactique de combat syndicaliste n'a aucun égard à la masse,

qui ne veut pas vouloir, et met au premier rang ceux qui sont décidés à

agir" (_Pouget_, cit. bei _Bourdeau_, p. 44; vgl. auch _Lagardelle_,

"Die syndikalistische Bewegung in Frankreich", und _Deville_,

"Revolutionärer und reformistischer Sozialismus in Frankreich", p. 26,

27). _Jaurès_ (vgl. "Aus Theorie u. Praxis", p. 119 ff., und "Grève et

Révolution" [Humanité, 5. Nov. 05]), der diesen Standpunkt ursprünglich

bekämpfte, macht den Syndikalisten doch insoweit Konzessionen, als er

zugibt, "la grève générale en France... pourra communiquer à la masse

lourde de la démocratie l'animation concentrée dans la classe ouvrière

organisée. Elle pourra même abreger l'agonie du régime capitaliste".]

Treten politische und wirtschaftliche Forderungen zusammen auf[119] so

kann der Gesamtdruck hierdurch verringert oder verstärkt werden, je nach

der Stellungnahme der Unternehmerschaft. Ist diese von vornherein zu

unbedingter Ablehnung der wirtschaftlichen Forderungen entschlossen, so

wird sie sich kaum für die Durchsetzung der politischen Wünsche bemühen,

wenn deren Erfüllung den Streik doch noch nicht beendigen würde. Liegt

den Unternehmern aber die politische Forderung selbst am Herzen, so

kommen sie vielleicht ausnahmsweise den Arbeitern in ökonomischer

Hinsicht entgegen, um deren Streikfähigkeit zu steigern.[120]

[Fußnote 119: Bei den meisten polit. M-streiks traten die Arbeiter auch

mit spez. wirtschaftlichen Forderungen an die Unternehmer heran: schon

beim Plug-Plot; in Belgien, usw.; auch 1894 von einem Teil der österr.

Sozialdemokratie für den projektierten Wahlrechtsstreik geplant (vgl.

_Hueber_, Prot. Parteitg. Wien 94, p. 58, _Adler_, Prot. Parteitg. Wien

05, p. 131).]

[Fußnote 120: Dies soll in Rußland vorgekommen sein (vgl. z.B.

_Roland-Holst_, "Der politische Massenstreik in der russischen

Revolution", p. 216).]

Ähnlich wie zu den verschiedenen Arten des Streiks, der offenen

Arbeitsunterbrechung, verhält sich der Klassenstreik zu denen der

versteckten, der trotz formeller Weiterarbeit tatsächlichen

Arbeitsunterbrechung, zu den Arten des _verschleierten Streiks_.

Seine legale Form bildet die sogenannte _passive Resistenz_ oder

_Dienstobstruktion_. Durch verabredete, peinlichste Befolgung eines den

Betriebserfordernissen nicht, resp. nicht mehr angepaßten

Dienstreglements wird der Arbeitseffekt so herabgesetzt, daß

tiefgreifende Betriebsstörungen oder Betriebslähmungen eintreten, die

den Wirkungen einer direkten Arbeitsverweigerung völlig gleichen. In

großem Maßstab wurde diese Methode bisher nur im Eisenbahnbetrieb

angewandt (in Italien und Österreich, wo sie völlig den Effekt eines

Massenstreiks ausübte).[121] Die Dienstobstruktion ist wirklich eine

"verteufelt schlaue Idee..., wenn sie auch in der Praxis, weil zu fein

zugespitzt, bald schartig werden kann";[122] "steht und fällt" sie doch

mit dem Reglement, nach dessen zweckmäßiger Revision sie entweder

erlöschen, oder den ihr eigentümlichen Boden formeller Legalität

verlassen und in den _Sabot_[123] übergehen muß. Der Sabot bedeutet

"systematisch langsam arbeiten oder Pfuscharbeit liefern",[124]

"Unsichermachung des Betriebs, Zerstörung von Produktionsmitteln",[125]

ist also völlig verwerflich.

[Fußnote 121: Vgl. Rdsch. Soz. Mh. Juni 05, p. 557-558; _Olberg_,

"Nachträgliches zum Eisenbahnerstreik", p. 380, 381; Rudolf Graf

_Czernin_, "Die Bekämpfung der passiven Resistenz", p. 7 ff.]

[Fußnote 122: Soz. Prx. 1905, Nr. 22.]

[Fußnote 123: Sabot = Hemmschuh, Radschuh, Bremse. -- _Lagardelle_

("Die syndikalistische Bewegung in Frankreich", p. 119) nennt das

englische Ca' canny als Ursprung der Sabotage; letztere müsse man

übrigens "als ein Kampfmittel der Verzweiflung betrachten, welches in

das System der an sich nötigen Werkstättearbeiten, das der Syndikalismus

aufstellt, nicht gehört".]

[Fußnote 124: Aus der Taktik der Confédération générale du Travail

(vgl. "Antimilitarismus und Generalstreik", Beilage zu Nr. 11 der

"_Wahrheit_").]

[Fußnote 125: "_Weckruf_" 05, cit. in der N. Z. Z. vom 12./10. 05, Nr.

283.]

Auch _Demonstration_ und _Insurrektion_ sind häufig mit

Arbeitsniederlegung verknüpft und kommen dann, da sie zudem meist Ziele

verfolgen, wie sie auch bei gewissen Klassenstreiks begegnen, diesen

äußerst nahe.

Wenn z.B. die Versammlungs- oder Straßendemonstration durch Arbeitsruhe

verstärkt wird,[126] so verwandelt sie sich bei genügender Ausdehnung

und genügender Dauer in den demonstrativen Klassenstreik. Insbesondere

kann dies bei der _Maifeier_ der Fall sein. Die Maifeier war

ursprünglich wohl als ein kurzer demonstrativer Weltstreik geplant.[127]

Entstammt sie doch der gleichen Quelle, wie der anarchistische

Generalstreik selbst;[128] möglich auch, daß der internationale

Arbeiterkongreß in Paris 1889 für die internationale Kundgebung zum 1.

Mai 1890 die Arbeitsruhe im Sinne hatte; doch enthielt er sich jeder

Vorschrift über die Form der Kundgebung;[129] auch auf den folgenden

nationalen und internationalen Kongressen wurde die Arbeitsruhe nur als

"würdigste" und "wirksamste", daher erstrebenswerteste Form der

Maifeier, keineswegs als deren Bedingung hingestellt.[130] Da zudem,

neben Tendenzen zur Abschaffung der Maifeier[131] auch Bestrebungen

aufgetaucht sind, aus praktischen Gründen von der Arbeitsruhe überhaupt

ganz abzusehen,[132] so läßt sich die Maifeier höchstens als "tentative

de grève générale",[133] nur ganz ausnahmsweise als wirklicher

Klassenstreik ansehen.

[Fußnote 126: Durch die Arbeitsruhe soll die Wirkung der Demonstration

in Bezug auf Eindrücklichkeit und Propagandakraft vertieft werden (vgl.

_Eckstein_, p. 361; "'Der politische Streik' und der Staatsanwalt", a.

a. O.; Bericht der Delegation der sozialdemokratischen Arbeiterpartei

Rußlands... p. 51; A. _Rudolph_, "Zur Maifeier"; _Bernstein_, "Pol.

M-str. u. pol. Lage", p. 33, 34; ders. "Der Kampf in Belgien und der

politische Massenstreik", p. 415, 416; _Block_, p. 563; _Cohnstaedt_, a.

a. O.; _Bömelburg_, Prot. Parteitg. Jena 05, p. 233; Prot. Parteitg.

Bremen 04, p. 193; Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 62.)]

[Fußnote 127: Die Maifeier ist eine Demonstration "für die gesetzliche

Einführung des achtstündigen Arbeitstags, für die Klassenforderungen des

Proletariats und für den Weltfrieden" zwecks Aufrüttelung der

"öffentlichen Gewalten" (vgl. die Protokolle der int. Kongr. von

Amsterdam 04, p. 53 ff.; Paris 1889, p. 123; Brüssel 1891; Zürich 1893,

p. 35; London 96, p. 29; Prot. Parteitg. Jena 05, p. 141).]

[Fußnote 128: Im Dez. 1888 beschloß der Kongreß der Federation of

Labour in St. Louis, am 1. Mai 1890 eine Kundgebung für die

Arbeiterforderungen zu veranstalten (vgl. z.B. Flugschrift zum 1. Mai

1895 [Buchdruckerei des Schweizerischen Grütlivereins]).]

[Fußnote 129: Prot. Int. Kongr. Paris 1889, p. 123.]

[Fußnote 130: _Kampffmeyer_, "Zur Maifeierfrage"; Protokolle der int.

Kongresse Brüssel 91; Zürich 93, p. 35; London 96, p. 29; Amsterdam 04,

p. 53 ff.]

[Fußnote 131: So z.B. auf der 9. Generalvers. des Zentralverbandes der

Schiffszimmerer Deutschlands im Mai 05; doch wurde der diesbezügl.

Antrag abgelehnt (vgl. Vorwärts, 25. 5. 05).]

[Fußnote 132: Vgl. Prot. Gwft. Kongr. Köln 05; man wollte die Feier auf

den Abend (Resolution _Schmidt_ auf dem Gewerkschaftskongr. Köln), oder

auf den ersten Sonntag im Mai verlegen (vgl. Prot. Gwft. Kongr. Köln;

Rdsch. Soz. Mh., Juni 05, über den Kongr. der belg. Arbeiterpartei

Ostern 05; Prot. int. Kongr. Brüssel 1891), wie dies tatsächlich in

einigen Ländern geschehen ist (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 53

ff.).]

[Fußnote 133: _Briand_, "La grève générale et la révolution", p. 14.]

Hingegen wird die _Insurrektion_ wohl stets mit Arbeitsruhe verknüpft

sein. Bei früheren Revolutionen, zur Zeit der Vorherrschaft der

handwerksmäßigen Technik, mag die Arbeitsruhe freilich nur eine geringe

Rolle gespielt haben, denn die unterbrochene Handwerksarbeit läßt sich

nicht allzuschwer wieder aufnehmen, und wo etwa doch eine ernstliche

Störung eintrat, berührte diese, wegen der Enge des Marktgebiets, nur

einen verhältnismäßig kleinen Kreis; bei der heutigen industriellen

Entwicklung aber dürfte die Revolution fast notwendig mit dem

Klassenstreik verbunden sein.[134]

[Fußnote 134: Ein Beispiel hierfür scheint die russ. Revolution zu

bieten.]

Neben der _Verweigerung_ der _Produktionskraft_ des Proletariats tritt

die allgemeine Zurückziehung seiner _Konsumkraft_ aus dem bürgerlichen

Wirtschaftsleben sowohl wegen der geringen proletarischen Kaufkraft, als

auch wegen der fast unüberwindlichen Schwierigkeiten selbständiger

Verproviantierung an Bedeutung vollständig zurück.[135] -- Praktisch

ebenso erfolglos ist die Zurückhaltung von Leistungen gegenüber dem

Staat, sei es auf dem legalen Weg der parlamentarischen

Steuerverweigerung oder des Boykotts steuerbelasteter Waren,[136] sei es

in rechtswidriger Weise durch die militärische Dienstverweigerung oder

eigenmächtige Steuerverweigerung.

[Fußnote 135: Schon in der Chartistenbewegung wurde "exclusive dealing"

und "run on the banks for gold" (_Gammage_, p. 109), während der österr.

M-streikdebatten Bezugsbeschränkung auf Konsumvereine und Kleinhändler

vorgeschlagen (Prot. Parteitg. Wien 1903, p. 122ff.); es tauchte in

Österreich auch der Plan auf, einen ev. pol. M-str. durch Verweigerung

des Wohnungszinses zu unterstützen (Prot. Parteitg. Wien 1894, p. 105).

Das Umgekehrte liegt bei den "Hungerstreiks" vor, wo nur das eigene

Leben einer Gefahr ausgesetzt wird, um hierdurch zu demonstrieren, um

"durch Imponderabilien, durch Furcht vor Skandalen, durch Erweckung

menschlicher Empfindungen doch einen Eindruck zu erzielen" (vgl.

_Liebknecht_, Prot. Parteitg. Bremen 04, p. 195).]

[Fußnote 136: "Abstinence from all excisable articles" (_Gammage_)

schon bei den Chartisten geplant, ähnl. in der österr.

Wahlrechtsbewegung vorgeschlagen (Prot. Parteitg. Wien 03, p. 122ff.).]

_Zweiter Teil:_

Geschichte des Klassenstreiks und der Klassenstreikidee.

Erstes Kapitel:

_Vorläufer._

§ 7. Klassenstreikähnliche Bewegungen im Altertum und in neuerer Zeit.

Der Klassenstreik ist keineswegs so neu, wie es ihm manche seiner

heutigen Entdecker nachrühmen.[137] Denn er trat schon in den

sozialistischen "Flegeljahren" auf,[138] er erschien bereits an der

Wiege der modernen Arbeiterbewegung. Und eigentlich ist er noch viel

älter; eigentlich stammt er aus dem _Altertum_. Die antike Geschichte

kennt zwar keinen wirklichen Klassenstreik in unserem modernen Sinn,

aber doch immerhin klassenstreikähnliche Bewegungen: nämlich den

"sagenhaften _Massenstreik der Juden in Ägypten_, der nach der Bibel

ausbrach, weil die Beamten des Pharao den jüdischen Ziegelarbeitern

nicht das nötige Stroh zum Ziegelbrennen lieferten, und am Ende der

Dinge die Folge hatte, daß Pharao mit seinen Truppen im roten Meer

ertrank".[139] Und eine klassenstreikähnliche Bewegung war auch der

_Auszug der Plebejer auf den heiligen Berg_ im Jahre 494 v. Chr.[140]

Wollten die gedrückten Bauern die Patrizier durch diesen Entzug

militärischer und ökonomischer Kräfte in Verlegenheit setzen und dadurch

zur Nachgiebigkeit bewegen? Wollten sie nur den unerträglichen Lasten

entfliehen? Jedenfalls war den Römern die Wirkung der Sezession

empfindlich genug, um ihre Beendigung durch ein kostbares politisches

Recht, das Volkstribunat, zu erkaufen.[141]

[Fußnote 137: Von der "neuen Strategie" spricht z.B. E. Th. in dem

Artikel "Der Parteitag von Jena und der Generalstreik" ("Einigkeit" 9.

12. 05).]

[Fußnote 138: _Vliegen_ (Prot. int. Kongr. Amsterdam 04, p. 28).]

[Fußnote 139: _Bernstein_, "Der politische Massenstreik und die

politische Lage der Sozialdemokratie in Deutschland", p. 18; auf den

jüdischen Volksstreik verweist auch _Penzig_, "Massenstr. und Ethik", p.

3; ferner Nationalrat _Scherrer_, der Moses als Streikführer bezeichnet

(vgl. das amtl. stenogr. Bulletin der schweizerischen Bundesversammlung,

Bern 1906, Jahrg. XVI, p. 864); vgl. Exodus, Kap. 5 ff.]

[Fußnote 140: Freilich handelte es sich auch hierbei nicht gerade um

freie Lohnarbeiter. --Das aus dem Krieg heimkehrende römische Heer

erfährt, daß die Reformen zu Gunsten der Bauern vom Senat abgelehnt

worden sind; es verläßt darauf den Feldherrn und zieht in militärischer

Ordnung auf den heiligen Berg, wo es Miene macht, eine neue

Plebejerstadt zu gründen. "Dieser Abmarsch tat selbst den hartnäckigsten

Pressern auf eine handgreifliche Art dar, daß ein solcher Bürgerkrieg

auch mit ihrem ökonomischen Ruin enden müsse: der Senat gab nach."

(_Mommsen_, "Römische Geschichte", 3. Aufl. 1861, 1. Band, 2. Buch, Kap.

II, p. 263, 264).]

[Fußnote 141: Auf den Auszug der Plebejer als auf einen der ältesten

Klassenstreiks verweisen _Bernstein_ ("pol. M. Str. u. pol. Lage", p.

19; ders., "Der Streik", p. 9); _Penzig_ a. a. O. p. 3ff.; _Bourdeau_,

"Les grèves politiques", p. 425.]

Auch das ausgehende _Mittelalter_ weist, mit dem Beginn der

kapitalistischen Produktionsweise, Erscheinungen auf, die dem modernen

Klassenstreik nicht unähnlich sind. So in _Flandern_, wo sich im 14.

Jahrhundert die soziale Gärung, deren Träger hauptsächlich die Arbeiter

der Wollindustrie waren, in Volksbewegungen geltend machte, "bei denen

sich leicht alle für einen Arbeiterstreik charakteristischen

Erscheinungen wahrnehmen lassen".[142] Auch der sogenannte

_Ciompi_-Aufstand in Florenz 1378, der von den niedersten Elementen der

Wollenzunft ausging, scheint streikartigen Charakter getragen zu

haben.[143] Als Vorläufer in neuerer Zeit wäre z.B. aus den 90er Jahren

des 18. Jahrhunderts die Lohnbewegung der _Hamburger_ Schlosser zu

nennen, der sich aus Solidarität zunächst andere Gesellen, dann auch die

Fabrikarbeiter anschlossen, so daß eine Zeit lang allgemeine Arbeitsruhe

herrschte; die Bewegung wurde jedoch, da die Demonstrationen bald einen

aufrührerischen Charakter annahmen, mit Waffengewalt beendigt.[144]

[Fußnote 142: Vgl. _Pirenne_, Geschichte Belgiens, p. 419, 420.]

[Fußnote 143: Vgl. _Doren_, "Die Florentiner Wollentuchindustrie", p.

240 ff., 410. --]

[Fußnote 144: Vgl. A. _Heinrich_, "Ein Generalstreik in Hamburg vor 100

Jahren", p. 507.]

Wenige Jahre, ehe sich in Hamburg aus einem partiellen Streik zufällig

eine klassenstreikartige Erscheinung entwickelte, hatte bereits

_Mirabeau_ geäußert, das Volk könne "se croiser les bras pour obtenir

justice",[145] und als "erster Verkünder des Generalstreiks" den

privilegierten Ständen in der Nationalversammlung zugerufen: "Prenez

garde!... n'irritez pas ce peuple qui produit tout,[146] et qui pour

être formidable n'aurait qu'à être immobile".[147]

[Fußnote 145: Vgl. _Destrée_ und _Vandervelde_, "Le socialisme en

Belgique", p. 258.]

[Fußnote 146: Unter "peuple" ist natürlich der Tiers-Etat, also

Bürgertum inkl. Lohnarbeiter, zu verstehen.]

[Fußnote 147: Cit. bei _Jaurès_, (Enquête, p. 111) und _Umrath_, a. a.

O. p. 13.]

Nach den angeführten Beispielen kann zugegeben werden, daß "das große

Wort 'Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will!', dieses

Wort mit allen Phantasien, mit allen Konsequenzen, besonders mit aller

Begeisterung, die sich daran knüpft.... dem Proletariat

selbstverständlich in Fleisch und Blut" liegt, so daß der Gedanke des

Klassenstreiks "ganz selbstverständlich ... in verschiedenen Ländern, zu

verschiedenen Zeiten, in verschiedenen Formen und mit verschiedener

Bestimmtheit" auftritt.[148] Dennoch darf der proletarische

Masseninstinkt nicht als einzige Quelle der Klassenstreikidee angesehen

werden; diese wurde vielmehr zu gleicher Zeit "von Theoretikern

ausgeheckt... philosophisch begründet... von einzelnen Denkern des

Proletariats ersonnen".[149] Der theoretische und der praktische Faktor

haben gemeinsam an der Ausgestaltung dieses Gedankens gearbeitet.

[Fußnote 148: Dr. V. _Adler_ (Prot. Parteitg. Wien, 05, p. 125).]

[Fußnote 149: Dies bestreitet _Adler_ a. a. O.]

§ 8. Die Klassenstreikidee im englischen Chartismus.

In den 1830er Jahren tauchte in England mehrfach der Plan eines

"Universalstreiks" auf.[150] Doch der Gedanke, die allgemeine

Arbeitseinstellung auch in den Dienst politischer Forderungen zu

stellen, ist nicht in den englischen Arbeitermassen, sondern in den

Köpfen bürgerlicher Chartistenführer entstanden. Es soll ihnen dabei der

Auszug auf den heiligen Berg vorgeschwebt und sie zur Bezeichnung ihres

projektierten Streiks als "heilige" Woche veranlaßt haben;[151] sonach

wäre also auch unser moderner Klassenstreik durch ein geistiges Band mit

der Antike verknüpft.

[Fußnote 150: So forderte _Fielden_, angeregt durch die energische

Propaganda der "Gesellschaft für nationale Wiedergeburt" (von _Owen_ im

Dez. 1833 gegründet), die Textilarbeiter von Lancashire zu einem

"Universalstreik" zur Erlangung des 8-St.-Tages auf. Ein derartiger

Versuch, unter Führung der Baumwollspinner, scheiterte (vgl. S. & B.

_Webb_, "Geschichte des britischen Trade-Unionismus", p. 102, 103, 124,

125). -- 1834 trat die "grand national consolidated trades union" ins

Leben, und "es war die eingestandene Politik der Föderation, einen

Generalstreik aller Lohnarbeiter des ganzen Landes ins Werk zu setzen"

(S. & B. _Webb_, a. a. O. p. 104-106).]

[Fußnote 151: Vgl. _Bernstein_, "Der Streik als politisches

Kampfmittel", p. 960.]

Die Klassenstreikidee, die im Frühling 1838 im Chartismus erschien, ging

von der Birminghamer "political union" aus und wurde ganz besonders von

_Atwood_ propagiert.[152] Würde das Parlament "wahnsinnig genug" sein,

um die Petition[153] zu verachten, so wolle er das Volk "zu einem

feierlichen, heiligen, allgemeinen Ausstand aufrufen, nicht des

Arbeiters gegen den Herrn, sondern einem Ausstand aller gegen den

gemeinsamen Feind!", "then the working men with such of the middle class

as might be disposed to favour their views,[154] should proclaim a

solemn and sacred strike from every kind of labour. Not a hand was to be

raised to work, but every heart, every head, and every arm was to be

directed to the furtherance of the people's cause, until victory smiled

upon their efforts".[155] Denn durch "a national strike for one week,

during which time not a hammer was to be wielded, nor an anvil sounded,

nor a shuttle moved, throughout the country", könne das Volk auf das

Unterhaus "exercise... a little gentle compulsion".[156] -- _Atwood_ war

Gegner von Gewalttätigkeiten, bekämpfte also auch die Gruppe der

"physischen Gewalt" im Chartismus. Wenn er trotzdem ein Mittel empfahl,

das unweigerlich zur Revolution führen mußte, so war er sich entweder

dieser Konsequenz nicht bewußt,[157] oder -- und dies erscheint als das

Wahrscheinlichere -- er durfte diese Konsequenz außer Acht lassen, weil

er gar nicht die Absicht hatte, die holy week wirklich zu inszenieren.

Denn Atwood kannte sehr genau die Voraussetzungen ihrer siegreichen

Durchführung und wußte, daß, wenn diese Voraussetzungen einmal erfüllt

wären, die Chartisten auch ohne Streik siegen konnten. Aber die

Vorbereitung eines solchen Ausstandes konnte nach seiner Ansicht die

moralische Kraft des Volkes stärken und hierdurch gerade "die wilden und

verbrecherischen Verirrungen physischer Kraft" erdrücken;[158]

vielleicht glaubte er auch, daß das Parlament vor der Streikdrohung

kapitulieren und die Charte gewähren würde, wodurch sich die Frage der

heiligen Woche ja ohne weiteres erledigt hätte.

[Fußnote 152: Vgl. _Gonner_, "The Early History of Chartism", p. 636.

--_Atwood_ sprach für den Kl.Str. anläßlich der von der Birminghamer

"political union" am 21. u. 28. Mai 1838 veranstalteten Meetings, an

denen sich 150 000, resp. 200 000 Demonstranten beteiligten und ihm

zujubelten (Birminghamer Journal, 26./5. 1838, cit. bei _Tildsley_, "Die

Entstehung und die Grundsätze der Chartistenbewegung", p. 36, 37); am

16. Aug. 1838 setzte er in der Demonstrationsversammlung im Midland "die

heilige Frist von einer Woche fest, wenn das Unterhaus die Petition

nicht annähme" (_Tildsley_, a. a. O. p. 38); ähnlich sprach er auch auf

dem großen Birminghamer Meeting 1838.]

[Fußnote 153: Mit den 5 chartistischen Forderungen.]

[Fußnote 154: Es sollte also nicht eine reine Lohnarbeiterbewegung

werden.]

[Fußnote 155: _Gammage_, "History of the Chartist Movement".]

[Fußnote 156: Diese Worte machten großen Eindruck auf die Zuhörer (vgl.

_Gammage_, a. a. O. p. 43).]

[Fußnote 157: _Gammage_ a. a. O.]

[Fußnote 158: _Tildsley_, a. a. O. p. 48, 49.]

Dieser friedfertige Charakter des "national holiday" verschwand aber,

als im Winter 1838/39 die Führung der Chartistensache mehr und mehr auf

den extremen Flügel überging. Aus der demonstrativen "heiligen Woche"

wurde ein "heiliger Monat" mit Pressionscharakter;[159] die

linksstehenden Konventsmitglieder, die ihr eigenes revolutionäres

Empfinden in die Massen projizierten, rechneten sogar stark mit seiner

baldigen Verwirklichung. Immerhin befragte der Konvent das Volk in einem

Manifest noch direkt nach seiner Kampfbereitschaft, ob es bei ev.

Ablehnung der Charte "ulterior means", z.B. "an universal cessation of

labour" anzuwenden geneigt sein würde.[160] Die sogenannten Simultaneous

Meetings (Monstre-Versammlungen im ganzen Lande vom Mai-Juli 1839),

bereiteten unter dem Einfluß der extremen Chartistenführer dem Manifest

eine begeisterte Aufnahme.[161] Schließlich glaubte der ganze Konvent,

"a holiday, or sacred month would be found to be the only effectual

remedy for the sufferings of the people",[162] "that, until they had a

sacred holiday they would never have universal suffrage".[163] Die

Bedächtigeren freilich verlangten doch noch zuerst einen Versuch mit den

übrigen Mitteln, oder mindestens eine Vorbereitung des heiligen Monats

(z.B. Einsetzung einer Kommission zur Ausarbeitung des besten

Aktionsplans, "to select a few trades whose cessation from labour would

cause all other trades to leave off work"; Errichtung eines Streikfonds,

dessen Größe zugleich einen Gradmesser für die Streikbereitschaft der

großen Massen abgeben könne), und hintertrieben die sofortige Fixierung

eines Termins für seinen Anfang; doch vermochten auch sie den

"voreiligen und törichten Beschluß", daß der Konvent, bei Ablehnung der

Charte, am 13. Juli zusammenkommen müsse, um den definitiven Tag des

Streikbeginns festzusetzen,[164] nicht zu verhindern. -- Am 12. Juli

wurde die Charte wirklich vom Unterhaus abgelehnt, und am folgenden Tage

proklamierte der nur schwach besuchte Nationalkonvent, aller Warnungen

unerachtet, den 12. August als Eröffnungstag des heiligen Monats.[165]

Nun endlich aber kehrte dem Konvent die Einsicht in die realen

Machtverhältnisse zurück, endlich kam er zur Erkenntnis, warum das

Unterhaus sich durch die Streikdrohung nicht hatte einschüchtern lassen:

war es doch ganz unmöglich, den heiligen Monat in irgendwie erheblichem

Umfang zu verwirklichen; gerade unter der Majorität der wichtigsten

Distrikte fehlte, bei aller Begeisterung für die Charte, doch jede

Stimmung für den Ausstand;[166] nur die schlechtest gestellten Arbeiter

traten für ihn ein, während die Gewerkvereine ihn durchweg

ablehnten.[167] Daher erklärte sich der Konvent schon am 16. Juli für

inkompetent, Zeit und Umstände eines nationalen Generalstreiks

festzusetzen, und überließ dem Volke selbst die Entscheidung.[168] Die

Kommission, der die Befragung desselben aufgetragen worden war, riet

dringend, den Streikplan aufzugeben, und die ausschlaggebenden

Konventsmitglieder pflichteten ihr bei.[169] Am 6. Aug. vervollständigte

der Konvent seinen Rückzug durch die ausdrückliche Warnung vor dem

heiligen Monat; alles, was von dem stolzen Plane übrig blieb, war die

Empfehlung einer "grand national moral demonstration" (2-3tägige

Arbeitsruhe vom 12. Aug. an,[170] die auch zu Stande kam); die Bewegung

für den national holiday war vorläufig beendet.

[Fußnote 159: Von einer Beteiligung der Mittelklassen war nicht mehr

die Rede.]

[Fußnote 160: _Gammage_, p. 109; auch _Tildsley_, p. 46.]

[Fußnote 161: Wenigstens sagen dies die Berichte der Konventsmitglieder

beim Wiederzusammentritt des Konvents am 1. Juli 1839 in Birmingham;

vgl. _Gonner_, a. a. O. p. 640.]

[Fußnote 162: _Gammage_, a. a. O. p. 127.]

[Fußnote 163: So _O'Connor_; vgl. _Gammage_, a. a. O.]

[Fußnote 164: Dieser sog. Motion Dr. _Taylor_ stimmten auch solche

Konventsmitglieder zu, die von der Undurchführbarkeit eines heiligen

Monats zwar überzeugt waren, aber fürchteten, bei Ablehnung als

Feiglinge zu gelten; andere stimmten dafür, weil die Unternehmer mit

einer einmonatlichen Aussperrung drohten (_Gammage_ a. a. O. p.

126-130).]

[Fußnote 165: Man meinte, "the best time for commencing the sacred

month was when the corn was ripe and the potatoes were on the ground"

(cit. bei _Gammage_, a. a. O. p. 145).]

[Fußnote 166: Zwar berichtete Dr. _Taylor_ noch nach Ablehnung der

Charte, in den Industriebezirken sei die Organisation für den heiligen

Monat "going on like a house on fire"; zwar verpflichtete sich auch noch

nach Ablehnung der Charte ein Meeting in Newcastle einstimmig für den

heiligen Monat; aber diese, wie die früheren Streikbeschlüsse,

entstanden in der Aufwallung leidenschaftlicher Volksversammlungen und

entbehrten jeder reellen Grundlage (vgl. _Gammage_ a. a. O. p.

129-145).]

[Fußnote 167: Vgl. _Brentano_, "Die englische Chartistenbewegung".]

[Fußnote 168: Weil der Konvent durch "desertion, absence and arbitrary

arrests" sehr reduziert sei; weil sich im Konvent und in der

Arbeiterschaft Meinungsdifferenzen über die momentane Durchführbarkeit

eines heiligen Monats gezeigt hätten; weil man die Allgemeinheit des

Streiks bezweifeln müsse, ein bloß partieller Streik aber als großes

Unglück anzusehen sei, deshalb solle das Volk selbst entscheiden (vgl.

_Gammage_, a. a. O. p. 146).]

[Fußnote 169: _O'Connor_ verstieg sich jetzt sogar zu der ebenso kühnen

wie unzutreffenden Behauptung, er und alle hervorragenden Führer seien

von jeher gegen das Projekt überhaupt gewesen (_Gonner_, a. a. O. p.

641, 642; _Gammage_, a. a. O. p. 147, 148; _Tildsley_, a. a. O. p. 47,

48; _Bernstein_, "Der Streik als polit. Kampfmittel", p. 691).]

[Fußnote 170: Für diese wurde die Unterstützung der "united trades"

angerufen (_Gammage_, p. 154ff.).]

Theorie und Praxis des Generalstreiks in der modernen Arbeiterbewegung Inauguraldissertation · 第 4 / 12 题