euch, die ihn erbitten kann, die alten Reisetagebücher hervorzuholen,
wer kann es wissen? Dieselbe, die es ihm eines Tags zu entlocken
versteht, daß einzelne Gedichtstellen der Sappho auf uns gekommen sind,
und die nicht ruht bis sie weiß, was fast ein Geheimnis ist: daß
dieser zurückgezogene Mann es liebte, zuzeiten seine Muße an die
Übertragung dieser Versstücke zu wenden. Er muß zugeben, daß er lange
nicht mehr daran gedacht hat, und was da ist, versichert er, sei nicht
der Rede wert. Aber nun freut es ihn doch, vor diesen arglosen
Freundinnen, wenn sie sehr drängen, eine Strophe zu sagen. Er
entdeckt sogar den griechischen Wortlaut in seinem Gedächtnis, er
spricht ihn vor, weil die Übersetzung nichts giebt, seiner Meinung
nach, und um dieser Jugend den schönen, echten Bruch der massiven
Schmucksprache zu zeigen, die in so starken Flammen gebogen ward.
Über dem allen erwärmt er sich wieder für seine Arbeit. Es kommen
schöne, fast jugendliche Abende für ihn, Herbstabende zum Beispiel,
die sehr viel stille Nacht vor sich haben. In seinem Kabinett ist
dann lange Licht. Er bleibt nicht immer über die Blätter gebeugt, er
lehnt sich oft zurück, er schließt die Augen über einer
wiedergelesenen Zeile, und ihr Sinn verteilt sich in seinem Blut. Nie
war er der Antike so gewiß. Fast möchte er der Generationen lächeln,
die sie beweint haben wie ein verlorenes Schauspiel, in dem sie gerne
aufgetreten wären. Nun begreift er momentan die dynamische Bedeutung
jener frühen Welteinheit, die etwas wie ein neues, gleichzeitiges
Aufnehmen aller menschlichen Arbeit war. Es beirrt ihn nicht, daß
jene konsequente Kultur mit ihren gewissermaßen vollzähligen
Versichtbarungen für viele spätere Blicke ein Ganzes zu bilden schien
und ein im Ganzen Vergangenes. Zwar ward dort wirklich des Lebens
himmlische Hälfte an die halbrunde Schale des Daseins gepaßt, wie zwei
volle Hemisphären zu einer heilen, goldenen Kugel zusammengehen. Doch
dies war kaum geschehen, so empfanden die in ihr eingeschlossenen
Geister diese restlose Verwirklichung nur noch als Gleichnis; das
massive Gestirn verlor an Gewicht und stieg auf in den Raum, und in
seiner goldenen Rundung spiegelte sich zurückhaltend die Traurigkeit
dessen, was noch nicht zu bewältigen war.
Wie er dies denkt, der Einsame in seiner Nacht, denkt und einsieht,
bemerkt er einen Teller mit Früchten auf der Fensterbank.
Unwillkürlich greift er einen Apfel heraus und legt ihn vor sich auf
den Tisch. Wie steht mein Leben herum um diese Frucht, denkt er. Um
alles Fertige steigt das Ungetane und steigert sich.
Und da, über dem Ungetanen, ersteht ihm, fast zu schnell, die kleine,
ins Unendliche hinaus gespannte Gestalt, die (nach Galiens Zeugnis)
alle meinten, wenn sie sagten: die Dichterin. Denn wie hinter den
Werken des Herakles Abbruch und Umbau der Welt verlangend aufstand, so
drängten sich, gelebt zu werden, aus den Vorräten des Seins an die
Taten ihres Herzens die Seligkeiten und Verzweiflungen heran, mit
denen die Zeiten auskommen müssen.
Er kennt auf einmal dieses entschlossene Herz, das bereit war, die
ganze Liebe zu leisten bis ans Ende. Es wundert ihn nicht, daß man es
verkannte; daß man in dieser überaus künftigen Liebenden nur das
Übermaß sah, nicht die neue Maßeinheit von Liebe und Herzleid. Daß
man die Inschrift ihres Daseins auslegte wie sie damals gerade
glaubhaft war, daß man ihr endlich den Tod derjenigen zuschrieb, die
der Gott einzeln anreizt, aus sich hinauszulieben ohne Erwiderung.
Vielleicht waren selbst unter den von ihr gebildeten Freundinnen
solche, die es nicht begriffen: daß sie auf der Höhe ihres Handelns
nicht um einen klagte, der ihre Umarmung offen ließ, sondern um den
nicht mehr Möglichen, der ihrer Liebe gewachsen war.
Hier steht der Sinnende auf und tritt an sein Fenster, sein hohes
Zimmer ist ihm zu nah, er möchte Sterne sehen, wenn es möglich ist.
Er täuscht sich nicht über sich selbst. Er weiß, daß diese Bewegung
ihn erfüllt, weil unter den jungen Mädchen aus der Nachbarschaft die
eine ist, die ihn angeht. Er hat Wünsche (nicht für sich, nein, aber
für sie); für sie versteht er in einer nächtlichen Stunde, die
vorübergeht, den Anspruch der Liebe. Er verspricht sich, ihr nichts
davon zu sagen. Es scheint ihm das Äußerste, allein zu sein und wach
und um ihretwillen zu denken, wie sehr im Recht jene Liebende war:
wenn sie wußte, daß mit der Vereinigung nichts gemeint sein kann, als
ein Zuwachs an Einsamkeit; wenn sie den zeitlichen Zweck des
Geschlechtes durchbrach mit seiner unendlichen Absicht. Wenn sie im
Dunkel der Umarmungen nicht nach Stillung grub, sondern nach Sehnsucht.
Wenn sie es verachtete, daß von Zweien einer der Liebende sei und
einer Geliebter, und die schwachen Geliebten, die sie sich zum Lager
trug, an sich zu Liebenden glühte, die sie verließen. An solchen
hohen Abschieden wurde ihr Herz zur Natur. Über dem Schicksal sang
sie den firnen Lieblinginnen ihr Brautlied; erhöhte ihnen die Hochzeit;
übertrieb ihnen den nahen Gemahl, damit sie sich zusammennähmen für
ihn wie für einen Gott und auch noch seine Herrlichkeit überstünden.
Einmal noch, Abelone, in den letzten Jahren fühlte ich und sah dich
ein, unerwartet, nachdem ich lange nicht an dich gedacht hatte.
Das war in Venedig, im Herbst, in einem jener Salons, in denen Fremde
sich vorübergehend um die Dame des Hauses versammeln, die fremd ist
wie sie. Diese Leute stehen herum mit ihrer Tasse Tee und sind
entzückt, sooft ein kundiger Nachbar sie kurz und verkappt nach der
Tür dreht, um ihnen einen Namen zuzuflüstern, der venezianisch klingt.
Sie sind auf die äußersten Namen gefaßt, nichts kann sie überraschen;
denn so sparsam sie sonst auch im Erleben sein mögen, in dieser Stadt
geben sie sich nonchalant den übertriebensten Möglichkeiten hin. In
ihrem gewöhnlichen Dasein verwechseln sie beständig das
Außerordentliche mit dem Verbotenen, so daß die Erwartung des
Wunderbaren, die sie sich nun gestatten, als ein grober,
ausschweifender Ausdruck in ihre Gesichter tritt. Was ihnen zu Hause
nur momentan in Konzerten passiert oder wenn sie mit einem Roman
allein sind, das tragen sie unter diesen schmeichelnden Verhältnissen
als berechtigten Zustand zur Schau. Wie sie, ganz unvorbereitet,
keine Gefahr begreifend, von den fast tödlichen Geständnissen der
Musik sich anreizen lassen wie von körperlichen Indiskretionen, so
überliefern sie sich, ohne die Existenz Venedigs im geringsten zu
bewältigen, der lohnenden Ohnmacht der Gondeln. Nicht mehr neue
Eheleute, die während der ganzen Reise nur gehässige Repliken für
einander hatten, versinken in schweigsame Verträglichkeit; über den
Mann kommt die angenehme Müdigkeit seiner Ideale, während sie sich
jung fühlt und den trägen Einheimischen aufmunternd zunickt mit einem
Lächeln, als hätte sie Zähne aus Zucker, die sich beständig auflösen.
Und hört man hin, so ergiebt es sich, daß sie morgen reisen oder
übermorgen oder Ende der Woche.
Da stand ich nun zwischen ihnen und freute mich, daß ich nicht reiste.
In kurzem würde es kalt sein. Das weiche, opiatische Venedig ihrer
Vorurteile und Bedürfnisse verschwindet mit diesen somnolenten
Ausländern, und eines Morgens ist das andere da, das wirkliche, wache,
bis zum Zerspringen spröde, durchaus nicht erträumte: das mitten im
Nichts auf versenkten Wäldern gewollte, erzwungene und endlich so
durch und durch vorhandene Venedig. Der abgehärtete, auf das Nötigste
beschränkte Körper, durch den das nachtwache Arsenal das Blut seiner
Arbeit trieb, und dieses Körpers penetranter, sich fortwährend
erweiternder Geist, der stärker war als der Duft aromatischer Länder.
Der suggestive Staat, der das Salz und Glas seiner Armut austauschte
gegen die Schätze der Völker. Das schöne Gegengewicht der Welt, das
bis in seine Zierate hinein voll latenter Energien steht, die sich
immer feiner vernervten--: dieses Venedig.
Das Bewußtsein, daß ich es kannte, überkam mich unter allen diesen
sich täuschenden Leuten mit so viel Widerspruch, daß ich aufsah, um
mich irgendwie mitzuteilen. War es denkbar, daß in diesen Sälen nicht
einer war, der unwillkürlich darauf wartete, über das Wesen dieser
Umgebung aufgeklärt zu sein? Ein junger Mensch, der es sofort begriff,
daß hier nicht ein Genuß aufgeschlagen war, sondern ein Beispiel des
Willens, wie es nirgends anfordernder und strenger sich finden ließ?
Ich ging umher, meine Wahrheit beunruhigte mich. Da sie mich hier
unter 50 vielen ergriffen hatte, brachte sie den Wunsch mit,
ausgesprochen, verteidigt, bewiesen zu sein. Die groteske Vorstellung
entstand in mir, wie ich im nächsten Augenblick in die Hände klatschen
würde aus Haß gegen das von allen zerredete Mißverständnis.
In dieser lächerlichen Stimmung bemerkte ich sie. Sie stand allein
vor einem strahlenden Fenster und betrachtete mich; nicht eigentlich
mit den Augen, die ernst und nachdenklich waren, sondern geradezu mit
dem Mund, der den offenbar bösen Ausdruck meines Gesichtes ironisch
nachahmte. Ich fühlte sofort die ungeduldige Spannung in meinen Zügen
und nahm ein gelassenes Gesicht an, worauf ihr Mund natürlich wurde
und hochmütig. Dann, nach kurzem Bedenken, lächelten wir einander
gleichzeitig zu.
Sie erinnerte, wenn man will, an ein gewisses Jugendbildnis der
schönen Benedicte von Qualen, die in Baggesens Leben eine Rolle spielt.
Man konnte die dunkle Stille ihrer Augen nicht sehen ohne die klare
Dunkelheit ihrer Stimme zu vermuten. Übrigens war die Flechtung ihres
Haars und der Halsausschnitt ihres hellen Kleides so kopenhagisch, daß
ich entschlossen war, sie dänisch anzureden.
Ich war aber noch nicht nahe genug, da schob sich von der andern Seite
eine Strömung zu ihr hin; unsere gästeglückliche Gräfin selbst, in
ihrer warmen, begeisterten Zerstreutheit, stürzte sich mit einer Menge
Beistand über sie, um sie auf der Stelle zum Singen abzuführen. Ich
war sicher, daß das junge Mädchen sich damit entschuldigen würde, daß
niemand in der Gesellschaft Interesse haben könne, dänisch singen zu
hören. Dies tat sie auch, sowie sie zu Worte kam. Das Gedränge um
die lichte Gestalt herum wurde eifriger; jemand wußte, daß sie auch
deutsch singe. "Und italienisch", ergänzte eine lachende Stimme mit
boshafter Überzeugung. Ich wußte keine Ausrede, die ich ihr hätte
wünschen können, aber ich zweifelte nicht, daß sie widerstehen würde.
Schon breitete sich eine trockene Gekränktheit über die vom langen
Lächeln abgespannten Gesichter der Überredenden aus, schon trat die
gute Gräfin, um sich nichts zu vergeben, mitleidig und würdig einen
Schritt ab, da, als es durchaus nicht mehr nötig war, gab sie nach.
Ich fühlte, wie ich blaß wurde vor Enttäuschung; mein Blick füllte
sich mit Vorwurf, aber ich wandte mich weg, es lohnte nicht, sie das
sehn zu lassen. Sie aber machte sich von den andern los und war auf
einmal neben mir. Ihr Kleid schien mich an, der blumige Geruch ihrer
Wärme stand um mich.
"Ich will wirklich singen", sagte sie auf dänisch meine Wange entlang,
"nicht weil sie's verlangen, nicht zum Schein: weil ich jetzt singen
muß." Aus ihren Worten brach dieselbe böse Unduldsamkeit, von welcher
sie mich eben befreit hatte.
Ich folgte langsam der Gruppe, mit der sie sich entfernte. Aber an
einer hohen Tür blieb ich zurück und ließ die Menschen sich
verschieben und ordnen. Ich lehnte mich an das schwarzspiegelnde
Türinnere und wartete. Jemand fragte mich, was sich vorbereite, ob
man singen werde. Ich gab vor, es nicht zu wissen. Während ich log,
sang sie schon.
Ich konnte sie nicht sehen. Es wurde allmählich Raum um eines jener
italienischen Lieder, die die Fremden für sehr echt halten, weil sie
von so deutlicher Übereinkunft sind. Sie, die es sang, glaubte nicht
daran. Sie hob es mit Mühe hinauf, sie nahm es viel zu schwer. An
dem Beifall vorne konnte man merken, wann es zu Ende war. Ich war
traurig und beschämt. Es entstand einige Bewegung, und ich nahm mir
vor, sowie jemand gehen würde, mich anzuschließen.
Aber da wurde es mit einemmal still. Eine Stille ergab sich, die eben
noch niemand für möglich gehalten hätte; sie dauerte an, sie spannte
sich, und jetzt erhob sich in ihr die Stimme. (Abelone, dachte ich.
Abelone.) Diesmal war sie stark, voll und doch nicht schwer; aus einem
Stück, ohne Bruch, ohne Naht. Es war ein unbekanntes deutsches Lied.
Sie sang es merkwürdig einfach, wie etwas Notwendiges. Sie sang:
"Du, der ichs nicht sage, daß ich bei Nacht
weinend liege,
deren Wesen mich müde macht
wie eine Wiege.
Du, die mir nicht sagt, wenn sie wacht
meinetwillen:
wie, wenn wir diese Pracht
ohne zu stillen
in uns ertrügen?
(kurze Pause und zögernd):
Sieh dir die Liebenden an,
wenn erst das Bekennen begann,
wie bald sie lügen."
Wieder die Stille. Gott weiß, wer sie machte. Dann rührten sich die
Leute, stießen aneinander, entschuldigten sich, hüstelten. Schon
wollten sie in ein allgemeines verwischendes Geräusch übergehen, da
brach plötzlich die Stimme aus, entschlossen, breit und gedrängt:
"Du machst mich allein. Dich einzig kann ich vertauschen. Eine Weile
bist dus, dann wieder ist es das Rauschen, oder es ist ein Duft ohne
Rest.
Ach, in den Armen hab ich sie alle verloren,
du nur, du wirst immer wieder geboren:
weil ich niemals dich anhielt, halt ich dich fest."
Niemand hatte es erwartet. Alle standen gleichsam geduckt unter
dieser Stimme. Und zum Schluß war eine solche Sicherheit in ihr, als
ob sie seit Jahren gewußt hätte, daß sie in diesem Augenblick würde
einzusetzen haben.
Manchmal früher fragte ich mich, warum Abelone die Kalorien ihres
großartigen Gefühls nicht an Gott wandte. Ich weiß, sie sehnte sich,
ihrer Liebe alles Transitive zu nehmen, aber konnte ihr wahrhaftiges
Herz sich darüber täuschen, daß Gott nur eine Richtung der Liebe ist,
kein Liebesgegenstand? Wußte sie nicht, daß keine Gegenliebe von ihm
zu fürchten war? Kannte sie nicht die Zurückhaltung dieses
überlegenen Geliebten, der die Lust ruhig hinausschiebt, um uns,
Langsame, unser ganzes Herz leisten zu lassen? Oder--wollte sie
Christus vermeiden? Fürchtete sie, halben Wegs von ihm aufgehalten,
an ihm zur Geliebten zu werden? Dachte sie deshalb ungern an Julie
Reventlow?
Fast glaube ich es, wenn ich bedenke, wie an dieser Erleichterung
Gottes eine so einfältige Liebende wie Mechthild, eine so hinreißende
wie Therese von Avila, eine so wunde wie die Selige Rose von Lima,
hinsinken konnte, nachgiebig, doch geliebt. Ach, der für die
Schwachen ein Helfer war) ist diesen Starken ein Unrecht; wo sie schon
nichts mehr erwarteten, als den unendlichen Weg, da tritt sie noch
einmal im spannenden Vorhimmel ein Gestalteter an und verwöhnt sie mit
Unterkunft und verwirrt sie mit Mannheit. Seines stark brechenden
Herzens Linse nimmt noch einmal ihre schon parallelen Herzstrahlen
zusamm, und sie, die die Engel schon ganz für Gott zu erhalten hofften,
flammen auf in der Dürre ihrer Sehnsucht.
(Geliebtsein heißt aufbrennen. Lieben ist: Leuchten mit
unerschöpflichem Öle. Geliebtwerden ist vergehen, Lieben ist dauern.)
Es ist gleichwohl möglich, daß Abelone in späteren Jahren versucht hat,
mit dem Herzen zu denken, um unauffällig und unmittelbar mit Gott in
Beziehung zu kommen. Ich könnte mir vorstellen, daß es Briefe von ihr
giebt, die an die aufmerksame innere Beschauung der Fürstin Amalie
Galitzin erinnern; aber wenn diese Briefe an jemanden gerichtet waren,
dem sie seit Jahren nahestand, wie mag der gelitten haben unter ihrer
Veränderung. Und sie selbst: ich vermute, sie fürchtete nichts als
jenes gespenstische Anderswerden, das man nicht merkt, weil man
beständig alle Beweise dafür, wie das Fremdeste, aus den Händen läßt.
Man wird mich schwer davon überzeugen, daß die Geschichte des
verlorenen Sohnes nicht die Legende dessen ist, der nicht geliebt
werden wollte. Da er ein Kind war, liebten ihn alle im Hause. Er
wuchs heran, er wußte es nicht anders und gewöhnte sich in ihre
Herzweiche, da er ein Kind war.
Aber als Knabe wollte er seine Gewohnheiten ablegen. Er hätte es
nicht sagen können, aber wenn er draußen herumstrich den ganzen Tag
und nicht einmal mehr die Hunde mithaben wollte, so wars, weil auch
sie ihn liebten: weil in ihren Blicken Beobachtung war und Teilnahme,
Erwartung und Besorgtheit; weil man auch vor ihnen nichts tun konnte,
ohne zu freuen oder zu kränken. Was er aber damals meinte, das war
die innige Indifferenz seines Herzens, die ihn manchmal früh in den
Feldern mit solcher Reinheit ergriff, daß er zu laufen begann, um
nicht Zeit und Atem zu haben, mehr zu sein als ein leichter Moment, in
dem der Morgen zum Bewußtsein kommt.
Das Geheimnis seines noch nie gewesenen Lebens breitete sich vor ihm
aus. Unwillkürlich verließ er den Fußpfad und lief weiter feldein,
die Arme ausgestreckt, als könnte er in dieser Breite mehrere
Richtungen auf einmal bewältigen. Und dann warf er sich irgendwo
hinter eine Flecke, und niemand legte Wert auf ihn. Er schälte sich
eine Flöte, er schleuderte einen Stein nach einem kleinen Raubtier, er
neigte sich vor und zwang einen Käfer umzukehren: dies alles wurde
kein Schicksal, und die Himmel gingen wie über Natur. Schließlich kam
der Nachmittag mit lauter Einfällen; man war ein Bucanier auf der
Insel Tortuga, und es lag keine Verpflichtung darin, es zu sein; man
belagerte Campêche, man eroberte Vera-Cruz; es war möglich, das ganze
Heer zu sein oder ein Anführer zu Pferd oder ein Schiff auf dem Meer:
je nachdem man sich fühlte. Fiel es einem aber ein, hinzuknien, so
war man rasch Deodat von Gozon und hatte den Drachen erlegt und
vernahm, ganz heiß, daß dieses Heldentum hoffährtig war, ohne Gehorsam.
Denn man ersparte sich nichts, was zur Sache gehörte. Soviel
Einbildungen sich aber auch einstellten, zwischendurch war immer noch
Zeit, nichts als ein Vogel zu sein, ungewiß welcher. Nur daß der
Heimweg dann kam.
Mein Gott, was war da alles abzulegen und zu vergessen; denn richtig
vergessen, das war nötig; sonst verriet man sich, wenn sie drängten.
Wie sehr man auch zögerte und sich umsah, schließlich kam doch der
Giebel herauf. Das erste Fenster oben faßte einen ins Auge, es mochte
wohl jemand dort stehen. Die Hunde, in denen die Erwartung den ganzen
Tag angewachsen war, preschten durch die Büsche und trieben einen
zusammen zu dem, den sie meinten. Und den Rest tat das Haus. Man
mußte nur eintreten in seinen vollen Geruch, schon war das Meiste
entschieden. Kleinigkeiten konnten sich noch ändern; im ganzen war
man schon der, für den sie einen hier hielten; der, dem sie aus seiner
kleinen Vergangenheit und ihren eigenen Wünschen längst ein Leben
gemacht hatten; das gemeinsame Wesen, das Tag und Nacht unter der
Suggestion ihrer Liebe stand, zwischen ihrer Hoffnung und ihrem
Argwohn, vor ihrem Tadel oder Beifall.
So einem nützt es nichts, mit unsäglicher Vorsicht die Treppen zu
steigen. Alle werden im Wohnzimmer sein, und die Türe muß nur gehn,
so sehen sie hin. Er bleibt im Dunkel, er will ihre Fragen abwarten.
Aber dann kommt das Ärgste. Sie nehmen ihn bei den Händen, sie ziehen
ihn an den Tisch, und alle, soviel ihrer da sind, strecken sich
neugierig vor die Lampe. Sie haben es gut, sie halten sich dunkel,
und auf ihn allein fällt, mit dem Licht, alle Schande, ein Gesicht zu
haben.
Wird er bleiben und das ungefähre Leben nachlügen, das sie ihm
zuschreiben, und ihnen allen mit dem ganzen Gesicht ähnlich werden?
Wird er sich teilen zwischen der zarten Wahrhaftigkeit seines Willens
und dem plumpen Betrug, der sie ihm selber verdirbt? Wird er es
aufgeben, das zu werden, was denen aus seiner Familie, die nur noch
ein schwaches Herz haben, schaden könnte?
Nein, er wird fortgehen. Zum Beispiel während sie alle beschäftigt
sind, ihm den Geburtstagstisch zu bestellen mit den schlecht erratenen
Gegenständen, die wieder einmal alles ausgleichen sollen. Fortgehen
für immer. Viel später erst wird ihm klar werden, wie sehr er sich
damals vornahm, niemals zu lieben, um keinen in die entsetzliche Lage
zu bringen, geliebt zu sein. Jahre hernach fällt es ihm ein und, wie
andere Vorsätze, so ist auch dieser unmöglich gewesen. Denn er hat
geliebt und wieder geliebt in seiner Einsamkeit; jedesmal mit
Verschwendung seiner ganzen Natur und unter unsäglicher Angst um die
Freiheit des andern. Langsam hat er gelernt, den geliebten Gegenstand
mit den Strahlen seines Gefühls zu durchscheinen, statt ihn darin zu
verzehren. Und er war verwöhnt von dem Entzücken, durch die immer
transparentere Gestalt der Geliebten die Weiten zu erkennen, die sie
seinem unendlichen Besitzenwollen auftat.
Wie konnte er dann nächtelang weinen vor Sehnsucht, selbst so
durchleuchtet zu sein. Aber eine Geliebte, die nachgiebt, ist noch
lang keine Liebende. O, trostlose Nächte, da er seine flutenden Gaben
in Stücken wiederempfing, schwer von Vergänglichkeit. Wie gedachte er
dann der Troubadours, die nichts mehr fürchteten als erhört zu sein.
Alles erworbene und vermehrte Geld gab er dafür hin, dies nicht noch
zu erfahren. Er kränkte sie mit seiner groben Bezahlung, von Tag zu
Tag bang, sie könnten versuchen, auf seine Liebe einzugehen. Denn er
hatte die Hoffnung nicht mehr, die Liebende zu erleben, die ihn
durchbrach.
Selbst in der Zeit, da die Armut ihn täglich mit neuen Härten
erschreckte, da sein Kopf das Lieblingsding des Elends war und ganz
abgegriffen, da sich überall an seinem Leibe Geschwüre aufschlugen wie
Notaugen gegen die Schwärze der Heimsuchung, da ihm graute vor dem
Unrat, auf dem man ihn verlassen hatte, weil er seinesgleichen war:
selbst da noch, wenn er sich besann, war es sein größestes Entsetzen,
erwidert worden zu sein. Was waren alle Finsternisse seither gegen
die dichte Traurigkeit jener Umarmungen, in denen sich alles verlor.
Wachte man nicht auf mit dem Gefühl, ohne Zukunft zu sein? Ging man
nicht sinnlos umher ohne Anrecht auf alle Gefahr? Hatte man nicht
hundertmal versprechen müssen, nicht zu sterben? Vielleicht war es
der Eigensinn dieser argen Erinnerung, die sich von Wiederkunft zu
Wiederkunft eine Stelle erhalten wollte, was sein Leben unter den
Abfällen währen ließ. Schließlich fand man ihn wieder. Und erst dann,
erst in den Hirtenjahren, beruhigte sich seine viele Vergangenheit.
Wer beschreibt, was ihm damals geschah? Welcher Dichter hat die
Überredung, seiner damaligen Tage Länge zu vertragen mit der Kürze des
Lebens? Welche Kunst ist weit genug, zugleich seine schmale,
vermantelte Gestalt hervorzurufen und den ganzen Überraum seiner
riesigen Nächte.
Das war die Zeit, die damit begann, daß er sich allgemein und anonym
fühlte wie ein zögernd Genesender. Er liebte nicht, es sei denn, daß
er es liebte, zu sein. Die niedrige Liebe seiner Schafe lag ihm nicht
an; wie Licht, das durch Wolken fällt, zerstreute sie sich um ihn her
und schimmerte sanft über den Wiesen. Auf der schuldlosen Spur ihres
Hungers schritt er schweigend über die Weiden der Welt. Fremde sahen
ihn auf der Akropolis, und vielleicht war er lange einer der Hirten in
den Baux und sah die versteinerte Zeit das hohe Geschlecht überstehen,
das mit allem Erringen von Sieben und Drei die sechzehn Strahlen
seines Sterns nicht zu bezwingen vermochte. Oder soll ich ihn denken
zu Orange, an das ländliche Triumphtor geruht? Soll ich ihn sehen im
seelengewohnten Schatten der Allyscamps, wie sein Blick zwischen den
Gräbern, die offen sind wie die Gräber Auferstandener, eine Libelle
verfolgt?