Es waren die Tage jener avignonesischen Christenheit, die sich vor

einem Menschenalter um Johann den Zweiundzwanzigsten zusammengezogen

hatte, mit so viel unwillkürlicher Zuflucht, daß an dem Platze seines

Pontifikats, gleich nach ihm, die Masse dieses Palastes entstanden war,

verschlossen und schwer wie ein äußerster Notleib für die wohnlose

Seele aller. Er selbst aber, der kleine, leichte, geistige Greis,

wohnte noch im Offenen. Während er, kaum angekommen, ohne Aufschub,

nach allen Seiten hin rasch und knapp zu handeln begann, standen die

Schüsseln mit Gift gewürzt auf seiner Tafel; der erste Becher mußte

immer weggeschüttet werden, denn das Stück Einhorn war mißfarbig, wenn

es der Mundkämmerer daraus zurückzog. Ratlos, nicht wissend, wo er

sie verbergen sollte, trug der Siebzigjährige die Wachsbildnisse herum,

die man von ihm gemacht hatte, um ihn darin zu verderben; und er

ritzte sich an den langen Nadeln, mit denen sie durchstochen waren.

Man konnte sie einschmelzen. Doch so hatte er sich schon an diesen

heimlichen Simulakern entsetzt, daß er, gegen seinen starken Willen,

mehrmals den Gedanken formte, er könnte sich selbst damit tödlich sein

und hinschwinden wie das Wachs am Feuer. Sein verminderter Körper

wurde nur noch trockener vom Grausen und dauerhafter. Aber nun wagte

man sich an den Körper seines Reichs; von Granada aus waren die Juden

angestiftet worden, alle Christlichen zu vertilgen, und diesmal hatten

sie sich furchtbarere Vollzieher erkauft. Niemand zweifelte, gleich

auf die ersten Gerüchte hin, an dem Anschlag der Leprosen; schon

hatten einzelne gesehen, wie sie Bündel ihrer schrecklichen Zersetzung

in die Brunnen warfen. Es war nicht Leichtgläubigkeit, daß man dies

sofort für möglich hielt; der Glaube, im Gegenteil, war so schwer

geworden, daß er den Zitternden entsank und bis auf den Grund der

Brunnen fiel. Und wieder hatte der eifrige Greis Gift abzuhalten vom

Blute. Zur Zeit seiner abergläubischen Anwandlungen hatte er sich und

seiner Umgebung das Angelus verschrieben gegen die Dämonen der

Dämmerung; und nun läutete man auf der ganzen erregten Welt jeden

Abend dieses kalmierende Gebet. Sonst aber glichen alle Bullen und

Briefe, die von ihm ausgingen, mehr einem Gewürzwein als einer Tisane.

Das Kaisertum hatte sich nicht in seine Behandlung gestellt, aber er

ermüdete nicht, es mit Beweisen seines Krankseins zu überhäufen; und

schon wandte man sich aus dem fernsten Osten an diesen herrischen Arzt.

Aber da geschah das Unglaubliche. Am Allerheiligentag hatte er

gepredigt, länger, wärmer als sonst; in einem plötzlichen Bedürfnis,

wie um ihn selbst wiederzusehen, hatte er seinen Glauben gezeigt; aus

dem fünfundachtzigjährigen Tabernakel hatte er ihn mit aller Kraft

langsam herausgehoben und auf der Kanzel ausgestellt: und da schrieen

sie ihn an. Ganz Europa schrie: dieser Glaube war schlecht.

Damals verschwand der Papst. Tagelang ging keine Aktion von ihm aus,

er lag in seinem Betzimmer auf den Knieen und erforschte das Geheimnis

der Handelnden, die Schaden nehmen an ihrer Seele. Endlich erschien

er, erschöpft von der schweren Einkehr, und widerrief. Er widerrief

einmal über das andere. Es wurde die senile Leidenschaft seines

Geistes, zu widerrufen. Es konnte geschehen, daß er nachts die

Kardinäle wecken ließ, um mit ihnen von seiner Reue zu reden. Und

vielleicht war das, was sein Leben über die Maßen hinhielt,

schließlich nur die Hoffnung, sich auch noch vor Napoleon Orsini zu

demütigen, der ihn haßte und der nicht kommen wollte.

Jakob von Cahors hatte widerrufen. Und man könnte meinen, Gott selber

hätte seine Irrung erweisen wollen, da er so bald hernach jenen Sohn

des Grafen von Ligny aufkommen ließ, der seine Mündigkeit auf Erden

nur abzuwarten schien, um des Himmels seelische Sinnlichkeiten mannbar

anzutreten. Es lebten viele, die sich dieses klaren Knaben in seinem

Kardinalat erinnerten, und wie er am Eingang seiner Jünglingschaft

Bischof geworden und mit kaum achtzehn Jahren in einer Ekstase seiner

Vollendung gestorben war. Man begegnete Totgewesenen: denn die Luft

an seinem Grabe, in der, frei geworden, pures Leben lag, wirkte lange

noch auf die Leichname. Aber war nicht etwas Verzweifeltes selbst in

dieser frühreifen Heiligkeit? War es nicht ein Unrecht an allen, daß

das reine Gewebe dieser Seele nur eben durchgezogen worden war, als

handelte es sich nur darum, es in der garen Scharlachküpe der Zeit

leuchtend zu färben? Empfand man nicht etwas wie einen Gegenstoß, da

dieser junge Prinz von der Erde absprang in seine leidenschaftliche

Himmelfahrt? Warum verweilten die Leuchtenden nicht unter den

mühsamen Lichtziehern? War es nicht diese Finsternis, die Johann den

Zweiundzwanzigsten dahin gebracht hatte, zu behaupten, daß es vor dem

jüngsten Gericht keine ganze Seligkeit gäbe, nirgends, auch unter den

Seligen nicht? Und in der Tat, wieviel rechthaberische Verbissenheit

gehörte dazu, sich vorzustellen, daß, während hier so dichte Wirrsal

geschah, irgendwo Gesichter schon im Scheine Gottes lagen, an Engel

zurückgelehnt und gestillt durch die unausschöpfliche Aussicht auf ihn.

Da sitze ich in der kalten Nacht und schreibe und weiß das alles. Ich

weiß es vielleicht, weil mir jener Mann begegnet ist, damals als ich

klein war. Er war sehr groß, ich glaube sogar, daß er auffallen mußte

durch seine Größe.

So unwahrscheinlich es ist, es war mir irgendwie gelungen, gegen Abend

allein aus dem Haus zu kommen; ich lief, ich bog um eine Ecke, und in

demselben Augenblick stieß ich gegen ihn. Ich begreife nicht, wie das,

was jetzt geschah, sich in etwa fünf Sekunden abspielen konnte. So

dicht man es auch erzählt, es dauert viel länger. Ich hatte mir weh

getan im Anlauf an ihn; ich war klein, es schien mir schon viel, daß

ich nicht weinte, auch erwartete ich unwillkürlich, getröstet zu sein.

Da er das nicht tat, hielt ich ihn für verlegen; es fiel ihm,

vermutete ich, der richtige Scherz nicht ein, in dem diese Sache

aufzulösen war. Ich war schon vergnügt genug, ihm dabei zu helfen,

aber dazu war es nötig, ihm ins Gesicht zu sehen. Ich habe gesagt,

daß er groß war. Nun hatte er sich nicht, wie es doch natürlich

gewesen wäre, über mich gebeugt, so daß er sich in einer Höhe befand,

auf die ich nicht vorbereitet war. Immer noch war vor mir nichts als

der Geruch und die eigentümliche Härte seines Anzugs, die ich gefühlt

hatte. Plötzlich kam sein Gesicht. Wie es war? Ich weiß es nicht,

ich will es nicht wissen. Es war das Gesicht eines Feindes. Und

neben diesem Gesicht, dicht nebenan, in der Höhe der schrecklichen

Augen, stand, wie ein zweiter Kopf, seine Faust. Ehe ich noch Zeit

hatte, mein Gesicht wegzusenken, lief ich schon; ich wich links an ihm

vorbei und lief geradeaus eine leere, furchtbare Gasse hinunter, die

Gasse einer fremden Stadt, einer Stadt, in der nichts vergeben wird.

Damals erlebte ich, was ich jetzt begreife: jene schwere, massive,

verzweifelte Zeit. Die Zeit, in der der Kuß zweier, die sich

versöhnten, nur das Zeichen für die Mörder war, die herumstanden. Sie

tranken aus demselben Becher, sie bestiegen vor aller Augen das

gleiche Reitpferd, und es wurde verbreitet, daß sie die Nacht in einem

Bette schlafen würden: und über allen diesen Berührungen wurde ihr

Widerwillen aneinander so dringend, daß, sooft einer die schlagenden

Adern des andern sah, ein krankhafter Ekel ihn bäumte, wie beim

Anblick einer Kröte. Die Zeit, in der ein Bruder den Bruder um dessen

größeren Erbteils willen überfiel und gefangenhielt; zwar trat der

König für den Mißhandelten ein und erreichte ihm Freiheit und Eigentum;

in anderen, fernen Schicksalen beschäftigt, gestand ihm der Ältere

Ruhe zu und bereute in Briefen sein Unrecht. Aber über alledem kam

der Befreite nicht mehr zur Fassung. Das Jahrhundert zeigt ihn im

Pilgerkleid von Kirche zu Kirche ziehen, immer wunderlichere Gelübde

erfindend. Mit Amuletten behangen, flüstert er den Mönchen von

Saint-Denis seine Befürchtungen zu, und in ihren Registern stand lange

die hundertpfündige Wachskerze verzeichnet, die er für gut hielt, dem

heiligen Ludwig zu weihen. Zu seinem eigenen Leben kam es nicht; bis

an sein Ende fühlte er seines Bruders Neid und Zorn in verzerrter

Konstellation über seinem Herzen. Und jener Graf von Foix, Gaston

Phöbus, der in aller Bewunderung war, hatte er nicht seinen Vetter

Ernault, des englischen Königs Hauptmann zu Lourdes, offen getötet?

Und was war dieser deutliche Mord gegen den grauenvollen Zufall, daß

er das kleine scharfe Nagelmesser nicht fortgelegt hatte, als er mit

seiner berühmt schönen Hand in zuckendem Vorwurf den bloßen Hals

seines liegenden Sohnes streifte? Die Stube war dunkel, man mußte

leuchten, um das Blut zu sehen, das so weit herkam und nun für immer

ein köstliches Geschlecht verließ, da es heimlich aus der winzigen

Wunde dieses erschöpften Knaben austrat.

Wer konnte stark sein und sich des Mordes enthalten? Wer in dieser

Zeit wußte nicht, daß das Äußerste unvermeidlich war? Da und dort

über einen, dessen Blick untertags dem kostenden Blick seines Mörders

begegnet war, kam ein seltsames Vorgefühl. Er zog sich zurück, er

schloß sich ein, er schrieb das Ende seines Willens und verordnete zum

Schluß die Trage aus Weidengeflecht, die Cölestinerkutte und

Aschenstreu. Fremde Minstrel erschienen vor seinem Schloß, und er

beschenkte sie fürstlich für ihre Stimme, die mit seinen vagen

Ahnungen einig war. Im Aufblick der Hunde war Zweifel, und sie wurden

weniger sicher in ihrer Aufwartung. Aus der Devise, die das ganze

Leben lang gegolten hatte, trat leise ein neuer, offener Nebensinn.

Manche lange Gewohnheit kam einem veraltet vor, aber es war, als

bildete sich kein Ersatz mehr fur sie. Stellten sich Pläne ein, so

ging man im großen mit ihnen um, ohne wirklich an sie zu glauben;

dagegen griffen gewisse Erinnerungen zu einer unerwarteten

Endgültigkeit. Abends, am Feuerplatz, meinte man sich ihnen zu

überlassen. Aber die Nacht draußen, die man nicht mehr kannte, wurde

auf einmal ganz stark im Gehör. Das an so vielen freien oder

gefährlichen Nächten erfahrene Ohr unterschied einzelne Stücke der

Stille. Und doch war es anders diesmal. Nicht die Nacht zwischen

gestern und heute: eine Nacht. Nacht. Beau Sire Dieu, und dann die

Auferstehung. Kaum daß in solche Stunden die Berühmung um eine

Geliebte hineinreichte: sie waren alle verstellt in Tagliedern und

Diengedichten; unbegreiflich geworden unter langen nachschleppenden

Prunknamen. Höchstens, im Dunkel, wie das volle, frauige Aufschaun

eines Bastardsohns.

Und dann, vor dem späten Nachtessen diese Nachdenklichkeit über die

Hände in dem silbernen Waschbecken. Die eigenen Hände. Ob ein

Zusammenhang in das Ihre zu bringen war? Eine Folge, eine Fortsetzung

im Greifen und Lassen? Nein. Alle versuchten das Teil und das

Gegenteil. Alle hoben sich auf, Handlung war keine.

Es gab keine Handlung, außer bei den Missionsbrüdern. Der König, so

wie er sie hatte sich gebärden sehn, erfand selbst den Freibrief für

sie. Er redete sie seine lieben Brüder an; nie war ihm jemand so

nahegegangen. Es wurde ihnen wörtlich bewilligt, in ihrer Bedeutung

unter den Zeitlichen herumzugehen; denn der König wünschte nichts mehr,

als daß sie viele anstecken sollten und hineinreißen in ihre starke

Aktion, in der Ordnung war. Was ihn selbst betrifft, so sehnte er

sich, von ihnen zu lernen. Trug er nicht, ganz wie sie, die Zeichen

und Kleider eines Sinnes an sich? Wenn er ihnen zusah, so konnte er

glauben, dies müßte sich erlernen lassen: zu kommen und zu gehen,

auszusagen und sich abzubiegen, so daß kein Zweifel war. Ungeheuere

Hoffnungen überzogen sein Herz. In diesem unruhig beleuchteten,

merkwürdig unbestimmten Saal des Dreifaltigkeitshospitals saß er

täglich an seinem besten Platz und stand auf vor Erregung und nahm

sich zusammen wie ein Schüler. Andere weinten; er aber war innen voll

glänzender Tränen und preßte nur die kalten Hände ineinander, um es zu

ertragen. Manchmal im Äußersten, wenn ein abgesprochener Spieler

plötzlich wegtrat aus seinem großen Blick, hob er das Gesicht und

erschrak: seit wie lange schon war Er da: Monseigneur Sankt Michaël,

oben, vorgetreten an den Rand des Gerüsts in seiner spiegelnden

silbernen Rüstung.

In solchen Momenten richtete er sich auf. Er sah um sich wie vor

einer Entscheidung. Er war ganz nahe daran, das Gegenstück zu dieser

Handlung hier einzusehen: die große, bange, profane Passion, in der er

spielte. Aber auf einmal war es vorbei. Alle bewegten sich ohne Sinn.

Offene Fackeln kamen auf ihn zu, und in die Wölbung hinauf warfen

sich formlose Schatten. Menschen, die er nicht kannte, zerrten an ihm.

Er wollte spielen: aber aus seinem Mund kam nichts, seine Bewegungen

ergaben keine Gebärde. Sie drängten sich so eigentümlich um ihn, es

kam ihm die Idee, daß er das Kreuz tragen sollte. Und er wollte

warten, daß sie es brächten. Aber sie waren stärker, und sie schoben

ihn langsam hinaus.

Aussen ist vieles anders geworden. Ich weiß nicht wie. Aber innen

und vor Dir, mein Gott, innen vor Dir, Zuschauer: sind wir nicht ohne

Handlung? Wir entdecken wohl, daß wir die Rolle nicht wissen, wir

suchen einen Spiegel, wir möchten abschminken und das Falsche abnehmen

und wirklich sein. Aber irgendwo haftet uns noch ein Stück

Verkleidung an, das wir vergessen. Eine Spur Übertreibung bleibt in

unseren Augenbrauen, wir merken nicht, daß unsere Mundwinkel verbogen

sind. Und so gehen wir herum, ein Gespött und eine Hälfte: weder

Seiende, noch Schauspieler.

Das war im Theater zu Orange. Ohne recht aufzusehen, nur im

Bewußtsein des rustiken Bruchs, der jetzt seine Fassade ausmacht, war

ich durch die kleine Glastür des Wächters eingetreten. Ich befand

mich zwischen liegenden Säulenkörpern und kleinen Althaeabäumen, aber

sie verdeckten mir nur einen Augenblick die offene Muschel des

Zuschauerhangs, die dalag, geteilt von den Schatten des Nachmittags,

wie eine riesige konkave Sonnenuhr. Ich ging rasch auf sie zu. Ich

fühlte, zwischen den Sitzreihen aufsteigend, wie ich abnahm in dieser

Umgebung. Oben, etwas höher, standen, schlecht verteilt, ein paar

Fremde herum in müßiger Neugier; ihre Anzüge waren unangenehm deutlich,

aber ihr Maßstab war nicht der Rede wert. Eine Weile faßten sie mich

ins Auge und wunderten sich über meine Kleinheit. Das machte, daß ich

mich umdrehte.

Oh, ich war völlig unvorbereitet. Es wurde gespielt. Ein immenses,

ein übermenschliches Drama war im Gange, das Drama dieser gewaltigen

Szenenwand, deren senkrechte Gliederung dreifach auftrat, dröhnend vor

Größe, fast vernichtend und plötzlich maßvoll im Übermaß.

Ich ließ mich hin vor glücklicher Bestürzung. Dieses Ragende da mit

der antlitzhaften Ordnung seiner Schatten, mit dem gesammelten Dunkel

im Mund seiner Mitte, begrenzt, oben, von des Kranzgesimses

gleichlockiger Haartracht: dies war die starke, alles verstellende

antikische Maske, hinter der die Welt zum Gesicht zusammenschoß. Hier,

in diesem großen, eingebogenen Sitzkreis herrschte ein wartendes,

leeres, saugendes Dasein: alles Geschehen war drüben: Götter und

Schicksal. Und von drüben kam (wenn man hoch aufsah) leicht, über den

Wandgrat: der ewige Einzug der Himmel.

Diese Stunde, das begreife ich jetzt, schloß mich für immer aus von

unseren Theatern. Was soll ich dort? Was soll ich vor einer Szene,

in der diese Wand (die Ikonwand der russischen Kirchen) abgetragen

wurde, weil man nicht mehr die Kraft hat, durch ihre Härte die

Handlung durchzupressen, die gasförmige, die in vollen schweren

Öltropfen austritt. Nun fallen die Stücke in Brocken durch das

lochige Grobsieb der Bühnen und häufen sich an und werden weggeräumt,

wenn es genug ist. Es ist dieselbe ungare Wirklichkeit, die auf den

Straßen liegt und in den Häusern, nur daß mehr davon dort

zusammenkommt, als sonst in einen Abend geht.

(Laßt uns doch aufrichtig sein, wir haben kein Theater, so wenig wir

einen Gott haben: dazu gehört Gemeinsamkeit. Jeder hat seine

besonderen Einfälle und Befürchtungen, und er läßt den andern so viel

davon sehen, als ihm nützt und paßt. Wir verdünnen fortwährend unser

Verstehen, damit es reichen soll, statt zu schreien nach der Wand

einer gemeinsamen Not, hinter der das Unbegreifliche Zeit hat, sich zu

sammeln und anzuspannen.)

Hätten wir ein Theater, stündest du dann, du Tragische immer wieder so

schmal, so bar, so ohne Gestaltvorwand vor denen, die an deinem

ausgestellten Schmerz ihre eilige Neugier vergnügen? Du sahst,

unsäglich Rührende, das Wirklichsein deines Leidens voraus, in Verona

damals, als du, fast noch ein Kind, theaterspielend, lauter Rosen vor

dich hieltst wie eine maskige Vorderansicht, die dich gesteigert

verbergen sollte.

Es ist wahr, du warst ein Schauspielerkind, und wenn die Deinen

spielten, so wollten sie gesehen sein; aber du schlugst aus der Art.

Dir sollte dieser Beruf werden, was für Marianna Alcoforado, ohne daß

sie es ahnte, die Nonnenschaft war, eine Verkleidung, dicht und

dauernd genug, um hinter ihr rückhaltlos elend zu sein, mit der

Inständigkeit, mit der unsichtbare Selige selig sind. In allen

Städten, wohin du kamst, beschrieben sie deine Gebärde; aber sie

begriffen nicht, wie du, aussichtsloser von Tag zu Tag, immer wieder

eine Dichtung vor dich hobst, ob sie dich berge. Du hieltest dein

Haar, deine Hände, irgendein dichtes Ding vor die durchscheinenden

Stellen. Du hauchtest die an, die durchsichtig waren; du machtest

dich klein; du verstecktest dich, wie Kinder sich verstecken, und dann

hattest du jenen kurzen, glücklichen Auflaut, und höchstens ein Engel

hätte dich suchen dürfen. Aber, schautest du dann vorsichtig auf, so

war kein Zweifel, daß sie dich die ganze Zeit gesehen hatten, alle in

dem häßlichen, hohlen, äugigen Raum: dich, dich, dich und nichts

anderes.

Und es kam dich an, ihnen den Arm verkürzt entgegenzustrecken mit dem

Fingerzeichen gegen den bösen Blick. Es kam dich an, ihnen dein

Gesicht zu entreißen, an dem sie zehrten. Es kam dich an, du selber

zu sein. Deinen Mitspielern fiel der Mut; als hätte man sie mit einem

Pantherweibchen zusammengesperrt, krochen sie an den Kulissen entlang

und sprachen was fällig war, nur um dich nicht zu reizen. Da aber

zogst sie hervor und stelltest sie hin und gingst mit ihnen um wie mit

Wirklichen. Die schlappen Türen, die hingetäuschten Vorhänge, die

Gegenstände ohne Hinterseite drängten dich zum Widerspruch. Du

fühltest, wie dein Herz sich unaufhaltsam steigerte zu einer immensen

Wirklichkeit und, erschrocken, versuchtest du noch einmal die Blicke

von dir abzunehmen wie lange Fäden Altweibersommers--: Aber da brachen

sie schon in Beifall aus in ihrer Angst vor dem Äußersten: wie um im

letzten Moment etwas von sich abzuwenden, was sie zwingen würde, ihr

Leben zu ändern.

Schlecht leben die Geliebten und in Gefahr. Ach, daß sie sich

überstünden und Liebende würden. Um die Liebenden ist lauter

Sicherheit. Niemand verdächtigt sie mehr, und sie selbst sind nicht

imstande, sich zu verraten. In ihnen ist das Geheimnis heil geworden,

sie schreien es im Ganzen aus wie Nachtigallen, es hat keine Teile.

Sie klagen um einen; aber die ganze Natur stimmt in sie ein: es ist

die Klage um einen Ewigen. Sie stürzen sich dem Verlorenen nach, aber

schon mit den ersten Schritten überholen sie ihn, und vor ihnen ist

nur noch Gott. Ihre Legende ist die der Byblis, die den Kaunos

verfolgt bis nach Lykien hin. Ihres Herzens Andrang jagte sie durch

die Länder auf seiner Spur, und schließlich war sie am Ende der Kraft;

aber so stark war ihres Wesens Bewegtheit, daß sie, hinsinkend,

jenseits vom Tod als Quelle wiedererschien, eilend, als eilende Quelle.

Was ist anderes der Portugiesin geschehen: als daß sie innen zur

Quelle ward? Was dir, Heloïse? Was euch, Liebenden, deren Klagen auf

uns gekommen sind: Gaspara Stampa; Gräfin von Die und Clara d'Anduze;

Louise Labbé, Marceline Desbordes, Elisa Mercœur? Aber du, arme

flüchtige Aïssé, du zögertest schon und gabst nach. Müde Julie

Lespinasse. Trostlose Sage des glücklichen Parks: Marie-Anne de

Clermont.

Ich weiß noch genau, einmal, vorzeiten, zuhaus, fand ich ein

Schmucketui; es war zwei Hände groß, fächerförmig mit einem

eingepreßten Blumenrand im dunkelgrünen Saffian. Ich schlug es auf:

es war leer. Das kann ich nun sagen nach so langer Zeit. Aber damals,

da ich es geöffnet hatte, sah ich nur, woraus diese Leere bestand:

aus Samt, aus einem kleinen Hügel lichten, nicht mehr frischen Samtes;

aus der Schmuckrille, die, um eine Spur Wehmut heller, leer, darin

verlief. Einen Augenblick war das auszuhalten. Aber vor denen, die

als Geliebte zurückbleiben, ist es vielleicht immer so.

Blättert zurück in euren Tagebüchern. War da nicht immer um die

Frühlinge eine Zeit, da das ausbrechende Jahr euch wie ein Vorwurf

betraf? Es war Lust zum Frohsein in euch, und doch, wenn ihr

hinaustratet in das geräumige Freie, so entstand draußen eine

Befremdung in der Luft, und ihr wurdet unsicher im Weitergehen wie auf

einem Schiffe. Der Garten fing an; ihr aber (das war es), ihr

schlepptet Winter herein und voriges Jahr; für euch war es bestenfalls

eine Fortsetzung. Während ihr wartetet, daß eure Seele teilnähme,

empfandet ihr plötzlich eurer Glieder Gewicht, und etwas wie die

Möglichkeit, krank zu werden, drang in euer offenes Vorgefühl. Ihr

schobt es auf euer zu leichtes Kleid, ihr spanntet den Schal um die

Schultern, ihr lieft die Allee bis zum Schluß: und dann standet ihr,

herzklopfend, in dem weiten Rondell, entschlossen mit alledem einig zu

sein. Aber ein Vogel klang und war allein und verleugnete euch. Ach,

hättet ihr müssen gestorben sein?

Vielleicht. Vielleicht ist das neu, daß wir das überstehen: das Jahr

und die Liebe. Blüten und Früchte sind reif, wenn sie fallen; die

Tiere fühlen sich und finden sich zueinander und sind es zufrieden.

Wir aber, die wir uns Gott vorgenommen haben, wir können nicht fertig

werden. Wir rücken unsere Natur hinaus, wir brauchen noch Zeit. Was

ist uns ein Jahr? Was sind alle? Noch eh wir Gott angefangen haben,

beten wir schon zu ihm: laß uns die Nacht überstehen. Und dann das

Kranksein. Und dann die Liebe.

Daß Clémence de Bourges hat sterben müssen in ihrem Aufgang. Sie, die

ohne gleichen war; unter den Instrumenten, die sie wie keine zu

spielen verstand, das schönste, selber im mindesten Klang ihrer Stimme

unvergeßlich gespielt. Ihr Mädchentum war von so hoher

Entschlossenheit, daß eine flutende Liebende diesem aufkommenden

Herzen das Buch Sonette zueignen konnte, darin jeder Vers ungestillt

war. Louise Labbé fürchtete nicht, dieses Kind zu erschrecken mit der

Leidenslänge der Liebe. Sie zeigte ihr das nächtliche Steigen der

Sehnsucht; sie versprach ihr den Schmerz wie einen größeren Weltraum;

und sie ahnte, daß sie mit ihrem erfahrenen Weh hinter dem dunkel

erwarteten zurückblieb, von dem diese Jünglingin schön war.

Mädchen in meiner Heimat. Daß die schönste von euch im Sommer an

einem Nachmittag in der verdunkelten Bibliothek sich das kleine Buch

fände, das Jan des Tournes 1556 gedruckt hat. Daß sie den kühlenden,

glatten Band mitnähme hinaus in den summenden Obstgarten oder hinüber

zum Phlox, in dessen übersüßtem Duft ein Bodensatz schierer Süßigkeit

steht. Daß sie es früh fände. In den Tagen, da ihre Augen anfangen,

auf sich zu halten, während der jüngere Mund noch imstande ist, viel

zu große Stücke von einem Apfel abzubeißen und voll zu sein.

Und wenn dann die Zeit der bewegteren Freundschaften kommt, Mädchen,

daß es euer Geheimnis wäre, einander Dika zu rufen und Anaktoria,

Gyrinno und Atthis. Daß einer, ein Nachbar vielleicht, ein älterer

Mann, der in seiner Jugend gereist ist und längst als Sonderling gilt,

euch diese Namen verriete. Daß er euch manchmal zu sich einlüde, um

seiner berühmten Pfirsiche willen oder wegen der Ridingerstiche zur

Equitation oben im weißen Gang, von denen so viel gesprochen wird, daß

man sie müßte gesehen haben.

Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge · 第 13 / 15 段