Gleichviel. Ich seh mehr als ihn, ich sehe sein Dasein, das damals

die lange Liebe zu Gott begann, die stille, ziellose Arbeit. Denn

über ihn, der sich für immer hatte verhalten wollen, kam noch einmal

das anwachsende Nichtanderskönnen seines Herzens. Und diesmal hoffte

er auf Erhörung. Sein ganzes, im langen Alleinsein ahnend und

unbeirrbar gewordenes Wesen versprach ihm, daß jener, den er jetzt

meinte, zu lieben verstünde mit durchdringender, strahlender Liebe.

Aber während er sich sehnte, endlich so meisterhaft geliebt zu sein,

begriff sein an Fernen gewohntes Gefühl Gottes äußersten Abstand.

Nächte kamen, da er meinte, sich auf ihn zuzuwerfen in den Raum;

Stunden voller Entdeckung, in denen er sich stark genug fühlte, nach

der Erde zu tauchen, um sie hinaufzureißen auf der Sturmflut seines

Herzens. Er war wie einer, der eine herrliche Sprache hört und

fiebernd sich vornimmt, in ihr zu dichten. Noch stand ihm die

Bestürzung bevor, zu erfahren, wie schwer diese Sprache sei; er wollte

es nicht glauben zuerst, daß ein langes Leben darüber hingehen könne,

die ersten, kurzen Scheinsätze zu bilden, die ohne Sinn sind. Er

stürzte sich ins Erlernen wie ein Läufer in die Wette; aber die Dichte

dessen, was zu überwinden war, verlangsamte ihn. Es war nichts

auszudenken, was demütigender sein konnte als diese Anfängerschaft.

Er hatte den Stein der Weisen gefunden, und nun zwang man ihn, das

rasch gemachte Gold seines Glücks unaufhörlich zu verwandeln in das

klumpige Blei der Geduld. Er, der sich dem Raum angepaßt hatte, zog

wie ein Wurm krumme Gänge ohne Ausgang und Richtung. Nun, da er so

mühsam und kummervoll lieben lernte, wurde ihm gezeigt, wie nachlässig

und gering bisher alle Liebe gewesen war, die er zu leisten vermeinte.

Wie aus keiner etwas hatte werden können, weil er nicht begonnen

hatte, an ihr Arbeit zu tun und sie zu verwirklichen.

In diesen Jahren gingen in ihm die großen Veränderungen vor. Er

vergaß Gott beinah über der harten Arbeit, sich ihm zu nähern, und

alles, was er mit der Zeit vielleicht bei ihm zu erreichen hoffte, war

"sa patience de supporter une âme". Die Zufälle des Schicksals, auf

die die Menschen halten, waren schon längst von ihm abgefallen, aber

nun verlor, selbst was an Lust und Schmerz notwendig war, den

gewürzhaften Beigeschmack und wurde rein und nahrhaft für ihn. Aus

den Wurzeln seines Seins entwickelte sich die feste, überwinternde

Pflanze einer fruchtbaren Freudigkeit. Er ging ganz darin auf, zu

bewältigen, was sein Binnenleben ausmachte, er wollte nichts

überspringen, denn er zweifelte nicht, daß in alledem seine Liebe war

und zunahm. Ja, seine innere Fassung ging so weit, daß er beschloß,

das Wichtigste von dem, was er früher nicht hatte leisten können, was

einfach nur durchwartet worden war, nachzuholen. Er dachte vor allem

an die Kindheit, sie kam ihm, je ruhiger er sich besann, desto

ungetaner vor; alle ihre Erinnerungen hatten das Vage von Ahnungen an

sich, und daß sie als vergangen galten, machte sie nahezu zukünftig.

Dies alles noch einmal und nun wirklich auf sich zu nehmen, war der

Grund, weshalb der Entfremdete heimkehrte. Wir wissen nicht, ob er

blieb; wir wissen nur, daß er wiederkam.

Die die Geschichte erzählt haben, versuchen es an dieser Stelle, uns

an das Haus zu erinnern, wie es war; denn dort ist nur wenig Zeit

vergangen, ein wenig gezählter Zeit, alle im Haus können sagen,

wieviel. Die Hunde sind alt geworden, aber sie leben noch. Es wird

berichtet, daß einer aufheulte. Eine Unterbrechung geht durch das

ganze Tagwerk. Gesichter erscheinen an den Fenstern, gealterte und

erwachsene Gesichter von rührender Ähnlichkeit. Und in einem ganz

alten schlägt ganz plötzlich blaß das Erkennen durch. Das Erkennen?

Wirklich nur das Erkennen?--Das Verzeihen. Das Verzeihen wovon?--Die

Liebe. Mein Gott: die Liebe.

Er, der Erkannte, er hatte daran nicht mehr gedacht, beschäftigt wie

er war: daß sie noch sein könne. Es ist begreiflich, daß von allem,

was nun geschah, nur noch dies überliefert ward: seine Gebärde, die

unerhörte Gebärde, die man nie vorher gesehen hatte; die Gebärde des

Flehens, mit der er sich an ihre Füße warf, sie beschwörend, daß sie

nicht liebten. Erschrocken und schwankend hoben sie ihn zu sich

herauf. Sie legten sein Ungestüm nach ihrer Weise aus, indem sie

verziehen. Es muß für ihn unbeschreiblich befrei end gewesen sein,

daß ihn alle mißverstanden, trotz der verzweifelten Eindeutigkeit

seiner Haltung. Wahrscheinlich konnte er bleiben. Denn er erkannte

von Tag zu Tag mehr, daß die Liebe ihn nicht betraf, auf die sie so

eitel waren und zu der sie einander heimlich ermunterten. Fast mußte

er lächeln, wenn sie sich anstrengten, und es wurde klar, wie wenig

sie ihn meinen konnten.

Was wußten sie, wer er war. Er war jetzt furchtbar schwer zu lieben,

und er fühlte, daß nur Einer dazu imstande sei. Der aber wollte noch

nicht.

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Laurids Brigge" von Rilke.

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Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge · 第 15 / 15 段