unter meine Bücher geraten, unter die paar Bücher, von denen ich mich
nicht trenne. Nun schlägt es sich auch mir an den Stellen auf, die
ich gerade meine, und wenn ich sie lese, so bleibt es unentschieden,
ob ich an Bettine denke oder an Abelone. Nein, Bettine ist wirklicher
in mir geworden, Abelone, die ich gekannt habe, war wie eine
Vorbereitung auf sie, und nun ist sie mir in Bettine aufgegangen wie
in ihrem eigenen, unwillkürlichen Wesen. Denn diese wunderliche
Bettine hat mit allen ihren Briefen Raum gegeben, geräumigste Gestalt.
Sie hat von Anfang an sich im Ganzen so ausgebreitet, als wär sie
nach ihrem Tod. Überall hat sie sich ganz weit ins Sein hineingelegt,
zugehörig dazu, und was ihr geschah, das war ewig in der Natur; dort
erkannte sie sich und löste sich beinah schmerzhaft heraus; erriet
sich mühsam zurück wie aus Überlieferungen, beschwor sich wie einen
Geist und hielt sich aus.
Eben warst du noch, Bettine; ich seh dich ein. Ist nicht die Erde
noch warm von dir, und die Vögel lassen noch Raum für deine Stimme.
Der Tau ist ein anderer, aber die Sterne sind noch die Sterne deiner
Nächte. Oder ist nicht die Welt überhaupt von dir? Denn wie oft hast
du sie in Brand gesteckt mit deiner Liebe und hast sie lodern sehen
und aufbrennen und hast sie heimlich durch eine andere ersetzt, wenn
alle schliefen. Du fühltest dich so recht im Einklang mit Gott, wenn
du jeden Morgen eine neue Erde von ihm verlangtest, damit doch alle
drankämen, die er gemacht hatte. Es kam dir armsälig vor, sie zu
schonen und auszubessern, du verbrauchtest sie und hieltest die Hände
hin um immer noch Welt. Denn deine Liebe war allem gewachsen.
Wie ist es möglich, daß nicht noch alle erzählen von deiner Liebe?
Was ist denn seither geschehen, was merkwürdiger war? Was beschäftigt
sie denn? Du selber wußtest um deiner Liebe Wert, du sagtest sie laut
deinem größesten Dichter vor, daß er sie menschlich mache; denn sie
war noch Element. Er aber hat sie den Leuten ausgeredet, da er dir
schrieb. Alle haben diese Antworten gelesen und glauben ihnen mehr,
weil der Dichter ihnen deutlicher ist als die Natur. Aber vielleicht
wird es sich einmal zeigen, daß hier die Grenze seiner Größe war.
Diese Liebende ward ihm auferlegt, und er hat sie nicht bestanden.
Was heißt es, daß er nicht hat erwidern können? Solche Liebe bedarf
keiner Erwiderung, sie hat Lockruf und Antwort in sich; sie erhört
sich selbst. Aber demütigen hätte er sich müssen vor ihr in seinem
ganzen Staat und schreiben was sie diktiert, mit beiden Händen, wie
Johannes auf Patmos, knieend. Es gab keine Wahl dieser Stimme
gegenüber, die "das Amt der Engel verrichtete"; die gekommen war, ihn
einzuhüllen und zu entziehen ins Ewige hinein. Da war der Wagen
seiner feurigen Himmelfahrt. Da war seinem Tod der dunkle Mythos
bereitet, den er leer ließ.
Das Schicksal liebt es, Muster und Figuren zu erfinden. Seine
Schwierigkeit beruht im Komplizierten. Das Leben selbst aber ist
schwer aus Einfachheit. Es hat nur ein paar Dinge von uns nicht
angemessener Größe. Der Heilige, indem er das Schicksal ablehnt,
wählt diese, Gott gegenüber. Daß aber die Frau, ihrer Natur nach, in
Bezug auf den Mann die gleiche Wahl treffen muß, ruft das Verhängnis
aller Liebesbeziehungen herauf: entschlossen und schicksalslos, wie
eine Ewige, steht sie neben ihm, der sich verwandelt. Immer
übertrifft die Liebende den Geliebten, weil das Leben größer ist als
das Schicksal. Ihre Hingabe will unermeßlich sein: dies ist ihr Glück.
Das namenlose Leid ihrer Liebe aber ist immer dieses gewesen: daß
von ihr verlangt wird, diese Hingabe zu beschränken.
Es ist keine andere Klage je von Frauen geklagt worden: die beiden
ersten Briefe Heloïsens enthalten nur sie, und fünfhundert Jahre
später erhebt sie sich aus den Briefen der Portugiesin; man erkennt
sie wieder wie einen Vogelruf. Und plötzlich geht durch den hellen
Raum dieser Einsicht der Sappho fernste Gestalt, die die Jahrhunderte
nicht fanden, da sie sie im Schicksal suchten.
Ich habe niemals gewagt, von ihm eine Zeitung zu kaufen. Ich bin
nicht sicher, daß er wirklich immer einige Nummern bei sich hat, wenn
er sich außen am Luxembourg-Garten langsam hin und zurück schiebt den
ganzen Abend lang. Er kehrt dem Gitter den Rücken, und seine Hand
streift den Steinrand, auf dem die Stäbe aufstehen. Er macht sich so
flach, daß täglich viele vorübergehen, die ihn nie gesehen haben.
Zwar hat er noch einen Rest von Stimme in sich und mahnt; aber das ist
nicht anders als ein Geräusch in einer Lampe oder im Ofen oder wenn es
in eigentümlichen Abständen in einer Grotte tropft. Und die Welt ist
so eingerichtet, daß es Menschen giebt, die ihr ganzes Leben lang in
der Pause vorbeikommen, wenn er, lautloser als alles was sich bewegt,
weiter rückt wie ein Zeiger, wie eines Zeigers Schatten, wie die Zeit.
Wie unrecht hatte ich, ungern hinzusehen. Ich schäme mich
aufzuschreiben, daß ich oft in seiner Nähe den Schritt der andern
annahm, als wüßte ich nicht um ihn. Dann hörte ich es in ihm "La
Presse" sagen und gleich darauf noch einmal und ein drittes Mal in
raschen Zwischenräumen. Und die Leute neben mir sahen sich um und
suchten die Stimme. Nur ich tat eiliger als alle, als wäre mir nichts
aufgefallen, als wäre ich innen überaus beschäftigt.
Und ich war es in der Tat. Ich war beschäftigt, ihn mir vorzustellen,
ich unternahm die Arbeit, ihn einzubilden, und der Schweiß trat mir
aus vor Anstrengung. Denn ich mußte ihn machen wie man einen Toten
macht, für den keine Beweise mehr da sind, keine Bestandteile; der
ganz und gar innen zu leisten ist. Ich weiß jetzt, daß es mir ein
wenig half, an die vielen abgenommenen Christusse aus streifigem
Elfenbein zu denken, die bei allen Althändlern herumliegen. Der
Gedanke an irgendeine Pietà trat vor und ab--: dies alles
wahrscheinlich nur, um eine gewisse Neigung hervorzurufen, in der sein
langes Gesicht sich hielt, und den trostlosen Bartnachwuchs im
Wangenschatten und die endgültig schmerzvolle Blindheit seines
verschlossenen Ausdrucks, der schräg aufwärts gehalten war. Aber es
war außerdem so vieles, was zu ihm gehörte; denn dies begriff ich
schon damals, daß nichts an ihm nebensächlich sei: nicht die Art, wie
der Rock oder der Mantel, hinten abstehend, überall den Kragen sehen
ließ, diesen niedrigen Kragen, der in einem großen Bogen um den
gestreckten, nischigen Hals stand, ohne ihn zu berühren; nicht die
grünlich schwarze Krawatte, die weit um das Ganze herumgeschnallt war;
und ganz besonders nicht der Hut, ein alter, hochgewölbter, steifer
Filzhut, den er trug wie alle Blinden ihre Hüte tragen: ohne Bezug zu
den Zeilen des Gesichts, ohne die Möglichkeit, aus diesem
Hinzukommenden und sich selbst eine neue äußere Einheit zu bilden;
nicht anders als irgendeinen verabredeten fremden Gegenstand. In
meiner Feigheit, nicht hinzusehen, brachte ich es so weit, daß das
Bild dieses Mannes sich schließlich oft auch ohne Anlaß stark und
schmerzhaft in mir zusammenzog zu so hartem Elend, daß ich mich, davon
bedrängt, entschloß, die zunehmende Fertigkeit meiner Einbildung durch
die auswärtige Tatsache einzuschüchtern und aufzuheben. Es war gegen
Abend. Ich nahm mir vor, sofort aufmerksam an ihm vorbeizugehen.
Nun muß man wissen: es ging auf den Frühling zu. Der Tagwind hatte
sich gelegt, die Gassen waren lang und befriedigt; an ihrem Ausgang
schimmerten Häuser, neu wie frische Bruchstellen eines weißen Metalls.
Aber es war ein Metall, das einen überraschte durch seine
Leichtigkeit. In den breiten, fortlaufenden Straßen zogen viele Leute
durcheinander, fast ohne die Wagen zu fürchten, die selten waren. Es
mußte ein Sonntag sein. Die Turmaufsätze von Saint-Sulpice zeigten
sich heiter und unerwartet hoch in der Windstille, und durch die
schmalen, beinah römischen Gassen sah man unwillkürlich hinaus in die
Jahreszeit. Im Garten und davor war so viel Bewegung von Menschen,
daß ich ihn nicht gleich sah. Oder erkannte ich ihn zuerst nicht
zwischen der Menge durch?
Ich wußte sofort, daß meine Vorstellung wertlos war. Die durch keine
Vorsicht oder Verstellung eingeschränkte Hingegebenheit seines Elends
übertraf meine Mittel. Ich hatte weder den Neigungswinkel seiner
Haltung begriffen gehabt noch das Entsetzen, mit dem die Innenseite
seiner Lider ihn fortwährend zu erfüllen schien. Ich hatte nie an
seinen Mund gedacht, der eingezogen war wie die Öffnung eines Ablaufs.
Möglicherweise hatte er Erinnerungen; jetzt aber kam nie mehr etwas
zu seiner Seele hinzu als täglich das amorphe Gefühl des Steinrands
hinter ihm, an dem seine Hand sich abnutzte. Ich war stehngeblieben,
und während ich das alles fast gleichzeitig sah, fühlte ich, daß er
einen anderen Hut hatte und eine ohne Zweifel sonntägliche Halsbinde;
sie war schräg in gelben und violetten Vierecken gemustert, und was
den Hut angeht, so war es ein billiger neuer Strohhut mit einem grünen
Band. Es liegt natürlich nichts an diesen Farben, und es ist
kleinlich, daß ich sie behalten habe. Ich will nur sagen, daß sie an
ihm waren wie das Weicheste auf eines Vogels Unterseite. Er selbst
hatte keine Lust daran, und wer von allen (ich sah mich um) durfte
meinen, dieser Staat wäre um seinetwillen?
Mein Gott, fiel es mir mit Ungestüm ein, so bist du also. Es giebt
Beweise für deine Existenz. Ich habe sie alle vergessen und habe
keinen je verlangt, denn welche unge heuere Verpflichtung läge in
deiner Gewißheit. Und doch, nun wird mirs gezeigt. Dieses ist dein
Geschmack, hier hast du Wohlgefallen. Daß wir doch lernten, vor allem
aushalten und nicht urteilen. Welche sind die schweren Dinge? Welche
die gnädigen? Du allein weißt es.
Wenn es wieder Winter wird und ich muß einen neuen Mantel haben,--gieb
mir, daß ich ihn so trage, solang er neu ist.
Es ist nicht, daß ich mich von ihnen unterscheiden will, wenn ich in
besseren, von Anfang an meinigen Kleidern herumgehe und darauf halte,
irgendwo zu wohnen. Ich bin nicht so weit. Ich habe nicht das Herz
zu ihrem Leben. Wenn mir der Arm einginge, ich glaube, ich versteckte
ihn. Sie aber (ich weiß nicht, wer sie sonst war), sie erschien jeden
Tag vor den Terrassen der Caféhäuser, und obwohl es sehr schwer war
für sie, den Mantel abzutun und sich aus dem unklaren Zeug und
Unterzeug herauszuziehen, sie scheute der Mühe nicht und tat ab und
zog aus so lange, daß mans kaum mehr erwarten konnte. Und dann stand
sie vor uns, bescheiden, mit ihrem dürren, verkümmerten Stück, und man
sah, daß es rar war.
Nein, es ist nicht, daß ich mich von ihnen unterscheiden will; aber
ich überhübe mich, wollte ich ihnen gleich sein. Ich bin es nicht.
Ich hätte weder ihre Stärke noch ihr Maß. Ich ernähre mich, und so
bin ich von Mahlzeit zu Mahlzeit, völlig geheimnislos; sie aber
erhalten sich fast wie Ewige. Sie stehen an ihren täglichen Ecken,
auch im November, und schreien nicht vor Winter. Der Nebel kommt und
macht sie undeutlich und ungewiß: sie sind gleichwohl. Ich war
verreist, ich war krank, vieles ist mir vergangen: sie aber sind nicht
gestorben.
(Ich weiß ja nicht einmal, wie es möglich ist, daß die Schulkinder
aufstehn in den Kammern voll grauriechender Kälte; wer sie bestärkt,
die überstürzten Skelettchen, daß sie hinauslaufen in die erwachsene
Stadt, in die trübe Neige der Nacht, in den ewigen Schultag, immer
noch klein, immer voll Vorgefühl, immer verspätet. Ich habe keine
Vorstellung von der Menge Beistand, die fortwährend verbraucht wird.)
Diese Stadt ist voll von solchen, die langsam zu ihnen hinabgleiten.
Die meisten sträuben sich erst; aber dann giebt es diese verblichenen,
alternden Mädchen, die sich fortwährend ohne Widerstand hinüberlassen,
starke, im Innersten ungebrauchte, die nie geliebt worden sind.
Vielleicht meinst du, mein Gott, daß ich alles lassen soll und sie
lieben. Oder warum wird es mir so schwer, ihnen nicht nachzugehen,
wenn sie mich überholen? Warum erfind ich auf einmal die süßesten,
nächtlichsten Worte, und meine Stimme steht sanft in mir zwischen
Kehle und Herz. Warum stell ich mir vor, wie ich sie unsäglich
vorsichtig an meinen Atem halten würde, diese Puppen, mit denen das
Leben gespielt hat, ihnen Frühling um Frühling für nichts und wieder
nichts die Arme auseinanderschlagend bis sie locker wurden in den
Schultern. Sie sind nie sehr hoch von einer Hoffnung gefallen, so
sind sie nicht zerbrochen; aber abgeschlagen sind sie und schon dem
Leben zu schlecht. Nur verlorene Katzen kommen abends zu ihnen in die
Kammer und zerkratzen sie heimlich und schlafen auf ihnen. Manchmal
folge ich einer zwei Gassen weit. Sie gehen an den Häusern hin,
fortwährend kommen Menschen, die sie verdecken, sie schwinden hinter
ihnen weiter wie nichts.
Und doch, ich weiß, wenn einer nun versuchte, sie liebzuhaben, so
wären sie schwer an ihm wie Zuweitgegangene, die aufhören zu gehn.
Ich glaube, nur Jesus ertrüge sie, der noch das Auferstehen in allen
Gliedern hat; aber ihm liegt nichts an ihnen. Nur die Liebenden
verführen ihn, nicht die, die warten mit einem kleinen Talent zur
Geliebten wie mit einer kalten Lampe.
Ich weiß, wenn ich zum Äußersten bestimmt bin, so wird es mir nichts
helfen, daß ich mich verstelle in meinen besseren Kleidern. Glitt er
nicht mitten im Königtum unter die Letzten? Er, der statt
aufzusteigen hinabsank bis auf den Grund. Es ist wahr, ich habe
zuzeiten an die anderen Könige geglaubt, obwohl die Parke nichts mehr
beweisen. Aber es ist Nacht, es ist Winter, ich friere, ich glaube an
ihn. Denn die Herrlichkeit ist nur ein Augenblick, und wir haben nie
etwas Längeres gesehen als das Elend. Der König aber soll dauern.
Ist nicht dieser der Einzige, der sich erhielt unter seinem Wahnsinn
wie Wachsblumen unter einem Glassturz? Für die anderen beteten sie in
den Kirchen um langes Leben, von ihm aber verlangte der Kanzler Jean
Charlier Gerson, daß er ewig sei, und das war damals, als er schon der
Dürftigste war, schlecht und von schierer Armut trotz seiner Krone.
Das war damals, als von Zeit zu Zeit Männer fremdlings, mit
geschwärztem Gesicht, ihn in seinem Bette überfielen, um ihm das in
die Schwären hineingefaulte Hemde abzureißen, das er schon längst für
sich selber hielt. Es war verdunkelt im Zimmer, und sie zerrten unter
seinen steifen Armen die mürben Fetzen weg, wie sie sie griffen. Dann
leuchtete einer vor, und da erst entdeckten sie die jäsige Wunde auf
seiner Brust, in die das eiserne Amulett eingesunken war, weil er es
jede Nacht an sich preßte mit aller Kraft seiner Inbrunst; nun stand
es tief in ihm, fürchterlich kostbar, in einem Perlensaum von Eiter
wie ein wundertuender Rest in der Mulde eines Reliquärs. Man hatte
harte Handlanger ausgesucht, aber sie waren nicht ekelfest, wenn die
Würmer, gestört, nach ihnen herüberstanden aus dem flandrischen
Barchent und, aus den Falten abgefallen, sich irgendwo an ihren Ärmeln
aufzogen. Es war ohne Zweifel schlimmer geworden mit ihm seit den
Tagen der parva regina; denn sie hatte doch noch bei ihm liegen mögen,
jung und klar wie sie war. Dann war sie gestorben. Und nun hatte
keiner mehr gewagt, eine Beischläferin an dieses Aas anzubetten. Sie
hatte die Worte und Zärtlichkeiten nicht hinterlassen, mit denen der
König zu mildern war. So drang niemand mehr durch dieses Geistes
Verwilderung; niemand half ihm aus den Schluchten seiner Seele;
niemand begriff es, wenn er selbst plötzlich heraustrat mit dem runden
Blick eines Tiers, das auf die Weide geht. Wenn er dann das
beschäftigte Gesicht Juvenals erkannte, so fiel ihm das Reich ein, wie
es zuletzt gewesen war. Und er wollte nachholen, was er versäumt
hatte.
Aber es lag an den Ereignissen jener Zeitläufte, daß sie nicht
schonend beizubringen waren. Wo etwas geschah, da geschah es mit
seiner ganzen Schwere, und war wie aus einem Stück, wenn man es sagte.
Oder was war davon abzuziehen, daß sein Bruder ermordet war, daß
gestern Valentina Visconti, die er immer seine liebe Schwester nannte,
vor ihm gekniet hatte, lauter Witwenschwarz weghebend von des
entstellten Antlitzes Klage und Anklage? Und heute stand stundenlang
ein zäher, rediger Anwalt da und bewies das Recht des fürstlichen
Mordgebers, solange bis das Verbrechen durchscheinend wurde und als
wollte es licht in den Himmel fahren. Und gerecht sein hieß, allen
recht geben; denn Valentina von Orléans starb Kummers, obwohl man ihr
Rache versprach. Und was half es, dem burgundischen Herzog zu
verzeihen und wieder zu verzeihen; über den war die finstere Brunst
der Verzweiflung gekommen, so daß er schon seit Wochen tief im Walde
von Argilly wohnte in einem Zelt und behauptete, nachts die Hirsche
schreien hören zu müssen zu seiner Erleichterung.
Wenn man dann das alles bedacht hatte, immer wieder bis ans Ende, kurz
wie es war, so begehrte das Volk einen zu sehen, und es sah einen:
ratlos. Aber das Volk freute sich des Anblicks; es begriff, daß dies
der König sei: dieser Stille, dieser Geduldige, der nur da war, um es
zuzulassen, daß Gott über ihn weg handelte in seiner späten Ungeduld.
In diesen aufgeklärten Augenblicken auf dem Balkon seines Hôtels von
Saint-Pol ahnte der König vielleicht seinen heimlichen Fortschritt;
der Tag von Roosbecke fiel ihm ein, als sein Oheim von Berry ihn an
der Hand genommen hatte, um ihn hinzuführen vor seinen ersten fertigen
Sieg; da überschaute er in dem merkwürdig langhellen Novembertag die
Massen der Genter, so wie sie sich erwürgt hatten mit ihrer eigenen
Enge, da man gegen sie angeritten war von allen Seiten.
Ineinandergewunden wie ein unge heueres Gehirn, lagen sie da in den
Haufen, zu denen sie sich selber zusammengebunden hatten, um dicht zu
sein. Die Luft ging einem weg, wenn man da und dort ihre erstickten
Gesichter sah; man konnte es nicht lassen, sich vorzustellen, daß sie
weit über diesen vor Gedränge noch stehenden Leichen verdrängt worden
sei durch den plötzlichen Austritt so vieler verzweifelter Seelen.
Dies hatte man ihm eingeprägt als den Anfang seines Ruhms. Und er
hatte es behalten. Aber, wenn das damals der Triumph des Todes war,
so war dieses, daß er hier stand auf seinen schwachen Knieen, aufrecht
in allen diesen Augen: das Mysterium der Liebe. An den anderen hatte
er gesehen, daß man jenes Schlachtfeld begreifen konnte, so ungeheuer
es war. Dies hier wollte nicht begriffen sein; es war genau so
wunderbar wie einst der Hirsch mit dem goldenen Halsband im Wald von
Senlis. Nur daß er jetzt selber die Erscheinung war, und andere waren
versunken in Anschauen. Und er zweifelte nicht, daß sie atemlos waren
und von derselben weiten Erwartung, wie sie einmal ihn an jenem
jünglinglichen Jagdtag überfiel, als das stille Gesicht, äugend, aus
den Zweigen trat. Das Geheimnis seiner Sichtbarkeit verbreitete sich
über seine sanfte Gestalt; er rührte sich nicht, aus Scheu, zu
vergehen, das dünne Lächeln auf seinem breiten, einfachen Gesicht nahm
eine natürliche Dauer an wie bei steinernen Heiligen und bemühte ihn
nicht. So hielt er sich hin, und es war einer jener Augenblicke, die
die Ewigkeit sind, in Verkürzung gesehen. Die Menge ertrug es kaum.
Gestärkt, von unerschöpflich vermehrter Tröstung gespeist, durchbrach
sie die Stille mit dem Aufschrei der Freude. Aber oben auf dem Balkon
war nur noch Juvenal des Ursins, und er rief in die nächste Beruhigung
hinein, daß der König rue Saint-Denis kommen würde zu der
Passionsbrüderschaft, die Mysterien sehen.
Zu solchen Tagen war der König voll milden Bewußtseins. Hätte ein
Maler jener Zeit einen Anhalt gesucht für das Dasein im Paradiese, er
hätte kein vollkommeneres Vorbild finden können als des Königs
gestillte Figur, wie sie in einem der hohen Fenster des Louvre stand
unter dem Sturz ihrer Schultern. Er blätterte in dem kleinen Buch der
Christine de Pisan, das "Der Weg des langen Lernens" heißt und das ihm
gewidmet war. Er las nicht die gelehrten Streitreden jenes
allegorischen Parlaments, das sich vorgesetzt hatte, den Fürsten
ausfindig zu machen, der würdig sei, über die Welt zu herrschen. Das
Buch schlug sich ihm immer an den einfachsten Stellen auf: wo von dem
Herzen die Rede war, das dreizehn Jahre lang wie ein Kolben über dem
Schmerzfeuer nur dazu gedient hatte, das Wasser der Bitternis für die
Augen zu destillieren; er begriff, daß die wahre Konsolation erst
begann, wenn das Glück vergangen genug und für immer vorüber war.
Nichts war ihm näher, als dieser Trost. Und während sein Blick
scheinbar die Brücke drüben umfaßte, liebte er es, durch dieses von
der starken Cumäa zu großen Wegen ergriffene Herz die Welt zu sehen,
die damalige: die gewagten Meere, fremdtürmige Städte, zugehalten vom
Ausdruck der Weiten; der gesammelten Gebirge ekstatische Einsamkeit
und die in fürchtigem Zweifel erforschten Himmel, die sich erst
schlossen wie eines Saugkindes Hirnschale.
Aber wenn jemand eintrat, so erschrak er, und langsam beschlug sich
sein Geist. Er gab zu, daß man ihn vom Fenster fortführte und ihn
beschäftigte. Sie hatten ihm die Gewohnheit beigebracht, stundenlang
über Abbildungen zu verweilen, und er war es zufrieden, nur kränkte es
ihn, daß man im Blättern niemals mehrere Bilder vor sich behielt und
daß sie in den Folianten festsaßen, so daß man sie nicht untereinander
bewegen konnte. Da hatte sich jemand eines Spiels Karten erinnert,
das völlig in Vergessenheit geraten war, und der König nahm den in
Gunst, der es ihm brachte; so sehr waren diese Kartons nach seinem
Herzen, die bunt waren und einzeln beweglich und voller Figur. Und
während das Kartenspielen unter den Hofleuten in Mode kam, saß der
König in seiner Bibliothek und spielte allein. Genau wie er nun zwei
Könige nebeneinander aufschlug, so hatte Gott neulich ihn und den
Kaiser Wenzel zusammengetan; manchmal starb eine Königin, dann legte
er ein Herz-Aß auf sie, das war wie ein Grabstein. Es wunderte ihn
nicht, daß es in diesem Spiel mehrere Päpste gab; er richtete Rom ein
drüben am Rande des Tisches, und hier, unter seiner Rechten, war
Avignon. Rom war ihm gleichgültig, er stellte es sich aus irgendeinem
Grunde rund vor und bestand nicht weiter darauf. Aber Avignon kannte
er. Und kaum dachte er es, so wiederholte seine Erinnerung den hohen
hermetischen Palast und überanstrengte sich. Er schloß die Augen und
mußte tief Atem holen. Er fürchtete bös zu träumen nächste Nacht.
Im ganzen aber war es wirklich eine beruhigende Beschäftigung, und sie
hatten recht, ihn immer wieder darauf zu bringen. Solche Stunden
befestigten ihn in der Ansicht, daß er der König sei, König Karl der
Sechste. Das will nicht sagen, daß er sich übertrieb; weit von ihm
war die Meinung, mehr zu sein als so ein Blatt, aber die Gewißheit
bestärkte sich in ihm, daß auch er eine bestimmte Karte sei,
vielleicht eine schlechte, eine zornig ausgespielte, die immer verlor:
aber immer die gleiche: aber nie eine andere. Und doch, wenn eine
Woche so hingegangen war in gleichmäßiger Selbstbestätigung, so wurde
ihm enge in ihm. Die Haut spannte ihn um die Stirn und im Nacken, als
empfände er auf einmal seinen zu deutlichen Kontur. Niemand wußte,
welcher Versuchung er nachgab, wenn er dann nach den Mysterien fragte
und nicht erwarten konnte, daß sie begännen. Und war es einmal so
weit, so wohnte er mehr rue Saint-Denis als in seinem Hötel von
Saint-Pol.
Es war das Verhängnisvolle dieser dargestellten Gedichte, daß sie sich
immerfort ergänzten und erweiterten und zu Zehntausenden von Versen
anwuchsen, so daß die Zeit in ihnen schließlich die wirkliche war;
etwa so, als machte man einen Globus im Maßstab der Erde. Die hohle
Estrade, unter der die Hölle war und über der, an einen Pfeiler
angebaut, das geländerlose Gerüst eines Balkons das Niveau des
Paradieses bedeutete, trug nur noch dazu bei, die Täuschung zu
verringern. Denn dieses Jahr hundert hatte in der Tat Himmel und
Hölle irdisch gemacht: es lebte aus den Kräften beider, um sich zu
überstehen.