Diese Nacht ist mir das kleine grüne Buch wieder eingefallen, das ich

als Knabe einmal besessen haben muß; und ich weiß nicht, warum ich mir

einbilde, daß es von Mathilde Brahe stammte. Es interessierte mich

nicht, da ich es bekam, und ich las es erst mehrere Jahre später, ich

glaube in der Ferienzeit auf Ulsgaard. Aber wichtig war es mir vom

ersten Augenblick an. Es war durch und durch voller Bezug, auch

äußerlich betrachtet. Das Grün des Einbandes bedeutete etwas, und man

sah sofort ein, daß es innen so sein mußte, wie es war. Als ob das

verabredet worden wäre, kam zuerst dieses glatte, weiß in weiß

gewässerte Vorsatzblatt und dann die Titelseite, die man für

geheimnisvoll hielt. Es hätten wohl Bilder drin sein können, so sah

es aus; aber es waren keine, und man mußte, fast wider Willen, zugeben,

daß auch das in der Ordnung sei. Es entschädigte einen irgendwie, an

einer bestimmten Stelle das schmale Leseband zu finden, das, mürbe und

ein wenig schräg, rührend in seinem Vertrauen, noch rosa zu sein, seit

Gott weiß wann immer zwischen den gleichen Seiten lag. Vielleicht war

es nie benutzt worden, und der Buchbinder hatte es rasch und fleißig

da hineingebogen, ohne recht hinzusehen. Möglicherweise aber war es

kein Zufall. Es konnte sein, daß jemand dort zu lesen aufgehört hatte,

der nie wieder las; daß das Schicksal in diesem Moment an seiner Türe

klopfte, um ihn zu beschäftigen, daß er weit von allen Büchern

weggeriet, die doch schließlich nicht das Leben sind. Das war nicht

zu erkennen, ob das Buch weitergelesen worden war. Man konnte sich

auch denken, daß es sich einfach darum handelte, diese Stelle

aufzuschlagen wieder und wieder, und daß es dazu gekommen war, wenn

auch manchmal erst spät in der Nacht. Jedenfalls hatte ich eine Scheu

vor den beiden Seiten, wie vor einem Spiegel, vor dem jemand steht.

Ich habe sie nie gelesen. Ich weiß überhaupt nicht, ob ich das ganze

Buch gelesen habe. Es war nicht sehr stark, aber es standen eine

Menge Geschichten drin, besonders am Nachmittag; dann war immer eine

da, die man noch nicht kannte.

Ich erinnere nur noch zwei. Ich will sagen, welche: Das Ende des

Grischa Otrepjow und Karls des Kühnen Untergang.

Gott weiß, ob es mir damals Eindruck machte. Aber jetzt, nach so viel

Jahren, entsinne ich mich der Beschreibung, wie der Leichnam des

falschen Zaren unter die Menge geworfen worden war und dalag drei Tage,

zerfetzt und zerstochen und eine Maske vor dem Gesicht. Es ist

natürlich gar keine Aussicht, daß mir das kleine Buch je wieder in die

Hände kommt. Aber diese Stelle muß merkwürdig gewesen sein. Ich

hätte auch Lust, nachzulesen, wie die Begegnung mit der Mutter verlief.

Er mag sich sehr sicher gefühlt haben, da er sie nach Moskau kommen

ließ; ich bin sogar überzeugt, daß er zu jener Zeit so stark an sich

glaubte, daß er in der Tat seine Mutter zu berufen meinte. Und diese

Marie Nagoi, die in schnellen Tagreisen aus ihrem dürftigen Kloster

kam, gewann ja auch alles, wenn sie zustimmte. Ob aber seine

Unsicherheit nicht gerade damit begann, daß sie ihn anerkannte? Ich

bin nicht abgeneigt zu glauben, die Kraft seiner Verwandlung hätte

darin beruht, niemandes Sohn mehr zu sein.

(Das ist schließlich die Kraft aller jungen Leute, die fortgegangen

sind.)

Das Volk, das sich ihn erwünschte, ohne sich einen vorzustellen,

machte ihn nur noch freier und unbegrenzter in seinen Möglichkeiten.

Aber die Erklärung der Mutter hatte, selbst als bewußter Betrug, noch

die Macht, ihn zu verringern; sie hob ihn aus der Fülle seiner

Erfindung; sie beschränkte ihn auf ein müdes Nachahmen; sie setzte ihn

auf den Einzelnen herab, der er nicht war: sie machte ihn zum Betrüger.

Und nun kam, leiser auflösend, diese Marina Mniczek hinzu, die ihn

auf ihre Art leugnete, indem sie, wie sich später erwies, nicht an ihn

glaubte, sondern an jeden. Ich kann natürlich nicht dafür einstehen,

wie weit das alles in jener Geschichte berücksichtigt war. Dies,

scheint mir, wäre zu erzählen gewesen.

Aber auch abgesehen davon, ist diese Begebenheit durchaus nicht

veraltet. Es wäre jetzt ein Erzähler denkbar, der viel Sorgfalt an

die letzten Augenblicke wendete; er hätte nicht unrecht. Es geht eine

Menge in ihnen vor: Wie er aus dem innersten Schlaf ans Fenster

springt und über das Fenster hinaus in den Hof zwischen die Wachen.

Er kann allein nicht auf; sie müssen ihm helfen. Wahrscheinlich ist

der Fuß gebrochen. An zwei von den Männern gelehnt, fühlt er, daß sie

an ihn glauben. Er sieht sich um: auch die andern glauben an ihn.

Sie dauern ihn fast, diese riesigen Strelitzen, es muß weit gekommen

sein: sie haben Iwan Grosnij gekannt in all seiner Wirklichkeit, und

glauben an ihn. Er hätte Lust, sie aufzuklären, aber den Mund öffnen,

hieße einfach schreien. Der Schmerz im Fuß ist rasend, und er hält so

wenig von sich in diesem Moment, daß er nichts weiß als den Schmerz.

Und dann ist keine Zeit. Sie drängen heran, er sieht den Schuiskij

und hinter ihm alle. Gleich wird es vorüber sein. Aber da schließen

sich seine Wachen. Sie geben ihn nicht auf. Und ein Wunder geschieht.

Der Glauben dieser alten Männer pflanzt sich fort, auf einmal will

niemand mehr vor. Schuiskij, dicht vor ihm, ruft verzweifelt nach

einem Fenster hinauf. Er sieht sich nicht um. Er weiß, wer dort

steht; er begreift, daß es still wird, ganz ohne Übergang still.

Jetzt wird die Stimme kommen, die er von damals her kennt; die hohe,

falsche Stimme, die sich überanstrengt. Und da hört er die

Zarinmutter, die ihn verleugnet.

Bis hierher geht die Sache von selbst, aber nun, bitte, einen Erzähler,

einen Erzähler: denn von den paar Zeilen, die noch bleiben, muß

Gewalt ausgehen über jeden Widerspruch hinaus. Ob es gesagt wird oder

nicht, man muß darauf schwören, daß zwischen Stimme und Pistolenschuß,

unendlich zusammengedrängt, noch einmal Wille und Macht in ihm war,

alles zu sein. Sonst versteht man nicht, wie glänzend konsequent es

ist, daß sie sein Nachtkleid durchbohrten und in ihm herumstachen, ob

sie auf das Harte einer Person stoßen würden. Und daß er im Tode doch

noch die Maske trug, drei Tage lang, auf die er fast schon verzichtet

hatte.

Wenn ichs nun bedenke, so scheint es mir seltsam, daß in demselben

Buche der Ausgang dessen erzählt wurde, der sein ganzes Leben lang

Einer war, der Gleiche, hart und nicht zu ändern wie ein Granit und

immer schwerer auf allen, die ihn ertrugen. Es giebt ein Bild von ihm

in Dijon. Aber man weiß es auch so, daß er kurz, quer, trotzig war

und verzweifelt. Nur an die Hände hätte man vielleicht nicht gedacht.

Es sind arg warme Hände, die sich immerfort kühlen möchten und sich

unwillkürlich auf Kaltes legen, gespreizt, mit Luft zwischen allen

Fingern. In diese Hände konnte das Blut hineinschießen, wie es einem

zu Kopf steigt, und geballt waren sie wirklich wie die Köpfe von

Tollen, tobend von Einfällen.

Es gehörte unglaubliche Vorsicht dazu, mit diesem Blute zu leben. Der

Herzog war damit eingeschlossen in sich selbst, und zuzeiten fürchtete

ers, wenn es um ihn herumging, geduckt und dunkel. Es konnte ihm

selber grauenhaft fremd sein, dieses behende, halbportugiesische Blut,

das er kaum kannte. Oft ängstigte es ihn, daß es ihn im Schlafe

anfallen könnte und zerreißen. Er tat, als bändigte ers, aber er

stand immer in seiner Furcht. Er wagte nie eine Frau zu lieben, damit

es nicht eifersüchtig würde, und so reißend war es, daß Wein nie über

seine Lippen kam; statt zu trinken, sänftigte ers mit Rosenmus. Doch,

einmal trank er, im Lager vor Lausanne, als Granson verloren war; da

war er krank und abgeschieden und trank viel puren Wein. Aber damals

schlief sein Blut. In seinen sinnlosen letzten Jahren verfiel es

manchmal in diesen schweren, tierischen Schlaf. Dann zeigte es sich,

wie sehr er in seiner Gewalt war; denn wenn es schlief, war er nichts.

Dann durfte keiner von seiner Umgebung herein; er begriff nicht, was

sie redeten. Den fremden Gesandten konnte er sich nicht zeigen, öd

wie er war. Dann saß er und wartete, daß es aufwachte. Und meistens

fuhr es mit einem Sprunge auf und brach aus dem Herzen aus und brüllte.

Für dieses Blut schleppte er alle die Dinge mit, auf die er nichts gab.

Die drei großen Diamanten und alle die Steine; die flandrischen

Spitzen und die Teppiche von Arros, haufenweis. Sein seidenes Gezelt

mit den aus Gold gedrehten Schnüren und vierhundert Zelte für sein

Gefolg. Und Bilder, auf Holz gemalt, und die zwölf Apostel aus vollem

Silber. Und den Prinzen von Tarent und den Herzog von Cleve und

Philipp von Baden und den Herrn von Château-Guyon. Denn er wollte

seinem Blut einreden, daß er Kaiser sei und nichts über ihm: damit es

ihn fürchte. Aber sein Blut glaubte ihm nicht, trotz solcher Beweise,

es war ein mißtrauisches Blut. Vielleicht erhielt er es noch eine

Weile im Zweifel. Aber die Hörner von Uri verrieten ihn. Seither

wußte sein Blut, daß es in einem Verlorenen war: und wollte heraus.

So seh ich es jetzt, damals aber machte es mir vor allem Eindruck, von

dem Dreikönigstag zu lesen, da man ihn suchte.

Der junge lothringische Fürst, der tags vorher, gleich nach der

merkwürdig hastigen Schlacht in seiner elenden Stadt Nancy eingeritten

war, hatte ganz früh seine Umgebung geweckt und nach dem Herzog

gefragt. Bote um Bote wurde ausgesandt, und er selbst erschien von

Zeit zu Zeit am Fenster, unruhig und besorgt. Er erkannte nicht immer,

wen sie da brachten auf ihren Wagen und Tragbahren, er sah nur, daß

es nicht der Herzog war. Und auch unter den Verwundeten war er nicht,

und von den Gefangenen, die man fortwährend noch einbrachte, hatte ihn

keiner gesehen. Die Flüchtlinge aber trugen nach allen Seiten

verschiedene Nachrichten und waren wirr und schreckhaft, als

fürchteten sie, auf ihn zuzulaufen. Es dunkelte schon, und man hatte

nichts von ihm gehört. Die Kunde, daß er verschwunden sei, hatte Zeit

herumzukommen an dem langen Winterabend. Und wohin sie kam, da

erzeugte sie in allen eine jähe, übertriebene Sicherheit, daß er lebte.

Nie vielleicht war der Herzog so wirklich in jeder Einbildung wie in

dieser Nacht. Es gab kein Haus, wo man nicht wachte und auf ihn

wartete und sich sein Klopfen vorstellte. Und wenn er nicht kam, so

wars, weil er schon vorüber war.

Es fror diese Nacht, und es war, als fröre auch die Idee, daß er sei;

so hart wurde sie. Und Jahre und Jahre vergingen, eh sie sich

auflöste. Alle diese Menschen, ohne es recht zu wissen, bestanden

jetzt auf ihm. Das Schicksal, das er über sie gebracht hatte, war nur

erträglich durch seine Gestalt. Sie hatten so schwer erlernt, daß er

war; nun aber, da sie ihn konnten, fanden sie, daß er gut zu merken

sei und nicht zu vergessen.

Aber am nächsten Morgen, dem siebenten Januar, einem Dienstag, fing

das Suchen doch wieder an. Und diesmal war ein Führer da. Es war ein

Page des Herzogs, und es hieß, er habe seinen Herrn von ferne stürzen

sehen; nun sollte er die Stelle zeigen. Er selbst hatte nichts

erzählt, der Graf von Campobasso hatte ihn gebracht und hatte für ihn

gesprochen. Nun ging er voran, und die anderen hielten sich dicht

hinter ihm. Wer ihn so sah, vermummt und eigentümlich unsicher, der

hatte Mühe zu glauben, daß es wirklich Gian-Battista Colonna sei, der

schön wie ein Mädchen war und schmal in den Gelenken. Er zitterte vor

Kälte; die Luft war steif vom Nachtfrost, es klang wie Zähneknirschen

unter den Schritten. Übrigens froren sie alle. Nur des Herzogs Narr,

Louis-Onze zubenannt, machte sich Bewegung. Er spielte den Hund, lief

voraus, kam wieder und trollte eine Weile auf allen Vieren neben dem

Knaben her; wo er aber von fern eine Leiche sah, da sprang er hin und

verbeugte sich und redete ihr zu, sie möchte sich zusammennehmen und

der sein, den man suchte. Er ließ ihr ein wenig Bedenkzeit, aber dann

kam er mürrisch zu den andern zurück und drohte und fluchte und

beklagte sich uber den Eigensinn und die Trägheit der Toten. Und man

ging immerzu, und es nahm kein Ende. Die Stadt war kaum mehr zu sehen;

denn das Wetter hatte sich inzwischen geschlossen, trotz der Kälte,

und war grau und undurchsichtig geworden. Das Land lag flach und

gleichgültig da, und die kleine, dichte Gruppe sah immer verirrter aus,

je weiter sie sich bewegte. Niemand sprach, nur ein altes Weib, das

mitgelaufen war, malmte etwas und schüttelte den Kopf dabei;

vielleicht betete sie.

Auf einmal blieb der Vorderste stehen und sah um sich. Dann wandte er

sich kurz zu Lupi, dem portugiesischen Arzt des Herzogs, und zeigte

nach vorn. Ein paar Schritte weiterhin war eine Eisfläche, eine Art

Tümpel oder Teich, und da lagen, halb eingebrochen, zehn oder zwölf

Leichen. Sie waren fast ganz entblößt und ausgeraubt. Lupi ging

gebückt und aufmerksam von einem zum andern. Und nun erkannte man

Olivier de la Marche und den Geistlichen, wie sie so einzeln

herumgingen. Die Alte aber kniete schon im Schnee und winselte und

bückte sich über eine große Hand, deren Finger ihr gespreizt

entgegenstarrten. Alle eilten herbei. Lupi mit einigen Dienern

versuchte den Leichnam zu wenden, denn er lag vornüber. Aber das

Gesicht war eingefroren, und da man es aus dem Eis herauszerrte,

schälte sich die eine Wange dünn und spröde ab, und es zeigte sich,

daß die andere von Hunden oder Wölfen herausgerissen war; und das

Ganze war von einer großen Wunde gespalten, die am Ohr begann, so daß

von einem Gesicht keine Rede sein konnte.

Einer nach dem anderen blickte sich um; jeder meinte den Römer hinter

sich zu finden. Aber sie sahen nur den Narren, der herbeigelaufen kam,

böse und blutig. Er hielt einen Mantel von sich ab und schüttelte

ihn, als sollte etwas herausfallen; aber der Mantel war leer. So ging

man daran, nach Kennzeichen zu suchen, und es fanden sich einige. Man

hatte ein Feuer gemacht und wusch den Körper mit warmem Wasser und

Wein. Die Narbe am Halse kam zum Vorschein und die Stellen der beiden

großen Abszesse. Der Arzt zweifelte nicht mehr. Aber man verglich

noch anderes. Louis-Onze hatte ein paar Schritte weiter den Kadaver

des großen schwarzen Pferdes Moreau gefunden, das der Herzog am Tage

von Nancy geritten hatte. Er saß darauf und ließ die kurzen Beine

hängen. Das Blut rann ihm noch immer aus der Nase in den Mund, und

man sah ihm an, daß er es schmeckte. Einer der Diener drüben

erinnerte, daß ein Nagel an des Herzogs linkem Fuß eingewachsen

gewesen wäre; nun suchten alle den Nagel. Der Narr aber zappelte, als

würde er gekitzelt, und schrie: "Ach, Monseigneur, verzeih ihnen, daß

sie deine groben Fehler aufdecken, die Dummköpfe, und dich nicht

erkennen an meinem langen Gesicht, in dem deine Tugenden stehn."

(Des Herzogs Narr war auch der erste, der eintrat, als die Leiche

gebettet war. Es war im Hause eines gewissen Georg Marquis, niemand

konnte sagen, wieso. Das Bahrtuch war noch nicht übergelegt, und so

hatte er den ganzen Eindruck. Das Weiß des Kamisols und das Karmesin

vom Mantel sonderten sich schroff und unfreundlich voneinander ab

zwischen den beiden Schwarz von Baldachin und Lager. Vorne standen

scharlachne Schaftstiefel ihm entgegen mit großen, vergoldeten Sporen.

Und daß das dort oben ein Kopf war, darüber konnte kein Streit

entstehen, sobald man die Krone sah. Es war eine große Herzogs-Krone

mit irgendwelchen Steinen. Louis-Onze ging umher und besah alles

genau. Er befühlte sogar den Atlas, obwohl er wenig davon verstand.

Es mochte guter Atlas sein, vielleicht ein bißchen billig für das Haus

Burgund. Er trat noch einmal zurück um des Überblicks willen. Die

Farben waren merkwürdig unzusammenhängend im Schneelicht. Er prägte

sich jede einzeln ein. "Gut angekleidet", sagte er schließlich

anerkennend, "vielleicht eine Spur zu deutlich." Der Tod kam ihm vor

wie ein Puppenspieler, der rasch einen Herzog braucht.)

Man tut gut, gewisse Dinge, die sich nicht mehr ändern werden, einfach

festzustellen, ohne die Tatsachen zu bedauern oder auch nur zu

beurteilen. So ist mir klar geworden, daß ich nie ein richtiger Leser

war. In der Kindheit kam mir das Lesen vor wie ein Beruf, den man auf

sich nehmen würde, später einmal, wenn alle die Berufe kamen, einer

nach dem andern. Ich hatte, aufrichtig gesagt, keine bestimmte

Vorstellung, wann das sein könnte. Ich verließ mich darauf, daß man

es merken würde, wenn das Leben gewissermaßen umschlug und nur noch

von außen kam, so wie früher von innen. Ich bildete mir ein, es würde

dann deutlich und eindeutig sein und gar nicht mißzuverstehn.

Durchaus nicht einfach, im Gegenteil recht anspruchsvoll, verwickelt

und schwer meinetwegen, aber immerhin sichtbar. Das eigentümlich

Unbegrenzte der Kindheit, das Unverhältnismäßige, das

Nie-recht-Absehbare, das würde dann überstanden sein. Es war freilich

nicht einzusehen, wieso. Im Grunde nahm es immer noch zu und schloß

sich auf allen Seiten, und je mehr man hinaussah, desto mehr Inneres

rührte man in sich auf: Gott weiß, wo es herkam. Aber wahrscheinlich

wuchs es zu einem Äußersten an und brach dann mit einem Schlage ab.

Es war leicht zu beobachten, daß die Erwachsenen sehr wenig davon

beunruhigt wurden; sie gingen herum und urteilten und handelten, und

wenn sie je in Schwierigkeiten waren, so lag das an äußeren

Verhältnissen.

An den Anfang solcher Veränderungen verlegte ich auch das Lesen. Dann

würde man mit Büchern umgehen wie mit Bekannten, es würde Zeit dafür

da sein, eine bestimmte, gleichmäßig und gefällig vergehende Zeit,

gerade so viel, als einem eben paßte. Natürlich würden einzelne einem

näher stehen, und es ist nicht gesagt, daß man davor sicher sein würde,

ab und zu eine halbe Stunde über ihnen zu versäumen: einen

Spaziergang, eine Verabredung, den Anfang im Theater oder einen

dringenden Brief. Daß sich einem aber das Haar verbog und verwirrte,

als ob man darauf gelegen hätte, daß man glühende Ohren bekam und

Hände kalt wie Metall, daß eine lange Kerze neben einem

herunterbrannte und in den Leuchter hinein, das würde dann, Gott sei

Dank, völlig ausgeschlossen sein.

Ich führe diese Erscheinungen an, weil ich sie ziemlich auffällig an

mir erfuhr, damals in jenen Ferien auf Ulsgaard, als ich so plötzlich

ins Lesen geriet. Da zeigte es sich gleich, daß ich es nicht konnte.

Ich hatte es freilich vor der Zeit begonnen, die ich mir dafür in

Aussicht gestellt hatte. Aber dieses Jahr in Sorö unter lauter andern

ungefähr Altersgleichen hatte mich mißtrauisch gemacht gegen solche

Berechnungen. Dort waren rasche, unerwartete Erfahrungen an mich

herangekommen, und es war deutlich zu sehen, daß sie mich wie einen

Erwachsenen behandelten. Es waren lebensgroße Erfahrungen, die sich

so schwer machten, wie sie waren. In demselben Maße aber, als ich

ihre Wirklichkeit begriff, gingen mir auch für die unendliche Realität

meines Kindseins die Augen auf. Ich wußte, daß es nicht aufhören

würde, so wenig wie das andere erst begann. Ich sagte mir, daß es

natürlich jedem freistand, Abschnitte zu machen, aber sie waren

erfunden. Und es erwies sich, daß ich zu ungeschickt war, mir welche

auszudenken. Sooft ich es versuchte, gab mir das Leben zu verstehen,

daß es nichts von ihnen wußte. Bestand ich aber darauf, daß meine

Kindheit vorüber sei, so war in demselben Augenblick auch alles

Kommende fort, und mir blieb nur genau so viel, wie ein Bleisoldat

unter sich hat, um stehen zu können.

Diese Entdeckung sonderte mich begreiflicherweise noch mehr ab. Sie

beschäftigte mich in mir und erfüllte mich mit einer Art endgültiger

Frohheit, die ich für Kümmernis nahm, weil sie weit über mein Alter

hinausging. Es beunruhigte mich auch, wie ich mich entsinne, daß man

nun, da nichts für eine bestimmte Frist vorgesehen war, manches

überhaupt versäumen könne. Und als ich so nach Ulsgaard zurückkehrte

und alle die Bücher sah, machte ich mich darüber her; recht in Eile,

mit fast schlechtem Gewissen. Was ich später so oft empfunden habe,

das ahnte ich damals irgendwie voraus: daß man nicht das Recht hatte,

ein Buch aufzuschlagen, wenn man sich nicht verpflichtete, alle zu

lesen. Mit jeder Zeile brach man die Welt an. Von den Büchern war

sie heil und vielleicht wieder ganz dahinter. Wie aber sollte ich,

der nicht lesen konnte, es mit allen aufnehmen? Da standen sie,

selbst in diesem bescheidenen Bücherzimmer, in so aussichtsloser

Überzahl und hielten zusammen. Ich stürzte mich trotzig und

verzweifelt von Buch zu Buch und schlug mich durch die Seiten durch

wie einer, der etwas Unverhältnismäßiges zu leisten hat. Damals las

ich Schiller und Baggesen, Öhlenschläger und Schack-Staffeldt, was von

Walter Scott da war und Calderon. Manches kam mir in die Hände, was

gleichsam schon hätte gelesen sein müssen, für anderes war es viel zu

früh; fällig war fast nichts für meine damalige Gegenwart. Und

trotzdem las ich.

In späteren Jahren geschah es mir zuweilen nachts, daß ich aufwachte,

und die Sterne standen so wirklich da und gingen so bedeutend vor, und

ich konnte nicht begreifen, wie man es über sich brachte, so viel Welt

zu versäumen. So ähnlich war mir, glaub ich, zumut, sooft ich von den

Büchern aufsah und hinaus, wo der Sommer war, wo Abelone rief. Es kam

uns sehr unerwartet, daß sie rufen mußte und daß ich nicht einmal

antwortete. Es fiel mitten in unsere seligste Zeit. Aber da es mich

nun einmal erfaßt hatte, hielt ich mich krampfhaft ans Lesen und

verbarg mich, wichtig und eigensinnig, vor unseren täglichen

Feiertagen. Ungeschickt wie ich war, die vielen, oft unscheinbaren

Gelegenheiten eines natürlichen Glücks auszunutzen, ließ ich mir nicht

ungern von dem anwachsenden Zerwürfnis künftige Versöhnungen

versprechen, die desto reizender wurden, je weiter man sie hinausschob.

Übrigens war mein Leseschlaf eines Tages so plötzlich zu Ende, wie er

begonnen hatte; und da erzürnten wir einander gründlich. Denn Abelone

ersparte mir nun keinerlei Spott und Überlegenheit, und wenn ich sie

in der Laube traf, behauptete sie zu lesen. An dem einen

Sonntagmorgen lag das Buch zwar geschlossen neben ihr, aber sie schien

mehr als genug mit den Johannisbeeren beschäftigt, die sie vorsichtig

mittels einer Gabel aus ihren kleinen Trauben streifte.

Es muß dies eine von jenen Tagesfrühen gewesen sein, wie es solche im

Juli giebt, neue, ausgeruhte Stunden, in denen überall etwas frohes

Unüberlegtes geschieht. Aus Millionen kleinen ununterdrückbaren

Bewegungen setzt sich ein Mosaik überzeugtesten Daseins zusammen; die

Dinge schwingen ineinander hinüber und hinaus in die Luft, und ihre

Kühle macht den Schatten klar und die Sonne zu einem leichten,

geistigen Schein. Da giebt es im Garten keine Hauptsache; alles ist

überall, und man müßte in allem sein, um nichts zu versäumen.

In Abelonens kleiner Handlung aber war das Ganze nochmal. Es war so

glücklich erfunden, gerade dies zu tun und genau so, wie sie es tat.

Ihre im Schattigen hellen Hände arbeiteten einander so leicht und

einig zu, und vor der Gabel sprangen mutwillig die runden Beeren her,

in die mit tauduffem Weinblatt ausgelegte Schale hinein, wo schon

andere sich häuften, rote und blonde, glanzlichternd, mit gesunden

Kernen im herben Innern. Ich wünschte unter diesen Umständen nichts

als zuzusehen, aber, da es wahrscheinlich war, daß man mirs verwies,

ergriff ich, auch um mich unbefangen zu geben, das Buch, setzte mich

an die andere Seite des Tisches und ließ mich, ohne lange zu blättern,

irgendwo damit ein.

"Wenn du doch wenigstens laut läsest, Leserich", sagte Abelone nach

einer Weile. Das klang lange nicht mehr so streitsüchtig, und da es,

meiner Meinung nach, ernstlich Zeit war, sich auszugleichen, las ich

sofort laut, immerzu bis zu einem Abschnitt und weiter, die nächste

Überschrift: An Bettine.

"Nein, nicht die Antworten", unterbrach mich Abelone und legte auf

einmal wie erschöpft die kleine Gabel nieder. Gleich darauf lachte

sie über das Gesicht, mit dem ich sie ansah.

"Mein Gott, was hast du schlecht gelesen, Malte."

Da mußte ich nun zugeben, daß ich keinen Augenblick bei der Sache

gewesen sei. "Ich las nur, damit du mich unterbrichst", gestand ich

und wurde heiß und blätterte zurück nach dem Titel des Buches. Nun

wußte ich erst, was es war. "Warum denn nicht die Antworten?" fragte

ich neugierig.

Es war, als hätte Abelone mich nicht gehört. Sie saß da in ihrem

lichten Kleid, als ob sie überall innen ganz dunkel würde, wie ihre

Augen wurden.

"Gieb her", sagte sie plötzlich wie im Zorn und nahm mir das Buch aus

der Hand und schlug es richtig dort auf, wo sie es wollte. Und dann

las sie einen von Bettinens Briefen.

Ich weiß nicht, was ich davon verstand, aber es war, als würde mir

feierlich versprochen, dieses alles einmal einzusehen. Und während

ihre Stimme zunahm und endlich fast jener glich, die ich vom Gesang

her kannte, schämte ich mich, daß ich mir unsere Versöhnung so gering

vorgestellt hatte. Denn ich begriff wohl, daß sie das war. Aber nun

geschah sie irgendwo ganz im Großen, weit über mir, wo ich nicht

hinreichte.

Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge · 第 11 / 15 段