gekommen, eine merkwürdige Aufgabe zu lösen. Er nahm an, daß er recht
lange leben würde, sagen wir noch fünfzig Jahre. Die Großmütigkeit,
die er sich damit erwies, versetzte ihn in eine glänzende Stimmung.
Aber nun wollte er sich selber übertreffen. Er überlegte, daß man
diese Jahre in Tage, in Stunden, in Minuten, ja, wenn man es aushielt,
in Sekunden umwechseln könne, und er rechnete und rechnete, und es kam
eine Summe heraus, wie er noch nie eine gesehen hatte. Ihn
schwindelte. Er mußte sich ein wenig erholen. Zeit war kostbar,
hatte er immer sagen hören, und es wunderte ihn, daß man einen
Menschen, der eine solche Menge Zeit besaß, nicht geradezu bewachte.
Wie leicht konnte er bestohlen werden. Dann aber kam seine gute,
beinah ausgelassene Laune wieder, er zog seinen Pelz an, um etwas
breiter und stattlicher auszusehen, und machte sich das ganze
fabelhafte Kapital zum Geschenk, indem er sich ein bißchen
herablassend anredete:
"Nikolaj Kusmitsch", sagte er wohlwollend und stellte sich vor, daß er
außerdem noch, ohne Pelz, dünn und dürftig auf dem Roßhaarsofa säße,
"ich hoffe, Nikolaj Kusmitsch", sagte er, "Sie werden sich nichts auf
Ihren Reichtum einbilden. Bedenken Sie immer, daß das nicht die
Hauptsache ist, es giebt arme Leute, die durchaus respektabel sind; es
giebt sogar verarmte Edelleute und Generalstöchter, die auf der Straße
herumgehen und etwas verkaufen." Und der Wohltäter führte noch
allerlei in der ganzen Stadt bekannte Beispiele an.
Der andere Nikolaj Kusmitsch, der auf dem Roßhaarsofa, der Beschenkte,
sah durchaus noch nicht übermütig aus, man durfte annehmen, daß er
vernünftig sein würde. Er änderte in der Tat nichts an seiner
bescheidenen, regelmäßigen Lebensführung, und die Sonntage brachte er
nun damit zu, seine Rechnung in Ordnung zu bringen. Aber schon nach
ein paar Wochen fiel es ihm auf, daß er unglaublich viel ausgäbe. Ich
werde mich einschränken, dachte er. Er stand früher auf, er wusch
sich weniger ausführlich, er trank stehend seinen Tee, er lief ins
Bureau und kam viel zu früh. Er ersparte überall ein bißchen Zeit.
Aber am Sonntag war nichts Erspartes da. Da begriff er, daß er
betrogen sei. Ich hätte nicht wechseln dürfen, sagte er sich. Wie
lange hat man an so einem Jahr. Aber da, dieses infame Kleingeld, das
geht hin, man weiß nicht wie. Und es wurde ein häßlicher Nachmittag,
als er in der Sofaecke saß und auf den Herrn im Pelz wartete, von dem
er seine Zeit zurückverlangen wollte. Er wollte die Tür verriegeln
und ihn nicht fortlassen, bevor er nicht damit herausgerückt war. "In
Scheinen", wollte er sagen, "meinetwegen zu zehn Jahren." Vier
Scheine zu zehn und einer zu fünf, und den Rest sollte er behalten, in
des Teufels Namen. Ja, er war bereit, ihm den Rest zu schenken, nur
damit keine Schwierigkeiten entstünden. Gereizt saß er im Roßhaarsofa
und wartete, aber der Herr kam nicht. Und er, Nikolaj Kusmitsch, der
sich vor ein paar Wochen mit Leichtigkeit so hatte dasitzen sehen, er
konnte sich jetzt, da er wirklich saß, den andern Nikolaj Kusmitsch,
den im Pelz, den Großmütigen, nicht vorstellen. Weiß der Himmel, was
aus ihm geworden war, wahrscheinlich war man seinen Betrügereien auf
die Spur gekommen, und er saß nun schon irgendwo fest. Sicher hatte
er nicht ihn allein ins Unglück gebracht. Solche Hochstapler arbeiten
immer im großen.
Es fiel ihm ein, daß es eine staatliche Behörde geben müsse, eine Art
Zeitbank, wo er wenigstens einen Teil seiner lumpigen Sekunden
umwechseln könne. Echt waren sie doch schließlich. Er hatte nie von
einer solchen Anstalt gehört, aber im Adreßbuch würde gewiß etwas
Derartiges zu finden sein, unter Z, oder vielleicht auch hieß es 'Bank
für Zeit'; man konnte leicht unter B nachsehen. Eventuell war auch
der Buchstabe K zu berücksichtigen, denn es war anzunehmen, daß es ein
kaiserliches Institut war; das entsprach seiner Wichtigkeit.
Später versicherte Nikolaj Kusmitsch immer, daß er an jenem Sonntag
Abend, obwohl er sich begreiflicherweise in recht gedrückter Stimmung
befand, nichts getrunken habe. Er war also völlig nüchtern, als das
Folgende passierte, soweit man überhaupt sagen kann, was da geschah.
Vielleicht, daß er ein bißchen in seiner Ecke eingeschlummert war, das
ließe sich immerhin denken. Dieser kleine Schlaf verschaffte ihm
zunächst lauter Erleichterung. Ich habe mich mit den Zahlen
eingelassen, redete er sich zu. Nun, ich verstehe nichts von Zahlen.
Aber es ist klar, daß man ihnen keine zu große Bedeutung einräumen
darf; sie sind doch sozusagen nur eine Einrichtung von Staats wegen,
um der Ordnung willen. Niemand hatte doch je anderswo als auf dem
Papier eine gesehen. Es war ausgeschlossen, daß einem zum Beispiel in
einer Gesellschaft eine Sieben oder eine Fünfundzwanzig begegnete. Da
gab es die einfach nicht. Und dann war da diese kleine Verwechslung
vorgefallen, aus purer Zerstreutheit: Zeit und Geld, als ob sich das
nicht auseinanderhalten ließe. Nikolaj Kusmitsch lachte beinah. Es
war doch gut, wenn man sich so auf die Schliche kam, und rechtzeitig,
das war das Wichtige, rechtzeitig. Nun sollte es anders werden. Die
Zeit, ja, das war eine peinliche Sache. Aber betraf es etwa ihn
allein, ging sie nicht auch den andern so, wie er es herausgefunden
hatte, in Sekunden, auch wenn sie es nicht wußten?
Nikolaj Kusmitsch war nicht ganz frei von Schadenfreude: Mag sie
immerhin--, wollte er eben denken, aber da geschah etwas
Eigentümliches. Es wehte plötzlich an seinem Gesicht, es zog ihm an
den Ohren vorbei, er fühlte es an den Händen. Er riß die Augen auf.
Das Fenster war fest verschlossen. Und wie er da so mit weiten Augen
im dunkeln Zimmer saß, da begann er zu verstehen, daß das, was er nun
verspürte, die wirkliche Zeit sei, die vorüberzog. Er erkannte sie
förmlich, alle diese Sekündchen, gleich lau, eine wie die andere, aber
schnell, aber schnell. Weiß der Himmel, was sie noch vorhatten. Daß
gerade ihm das widerfahren mußte, der jede Art von Wind als
Beleidigung empfand. Nun würde man dasitzen, und es würde immer so
weiterziehen, das ganze Leben lang. Er sah alle die Neuralgien voraus,
die man sich dabei holen würde, er war außer sich vor Wut. Er sprang
auf, aber die Uberraschungen waren noch nicht zu Ende. Auch unter
seinen Füßen war etwas wie eine Bewegung, nicht nur eine, mehrere,
merkwürdig durcheinanderschwankende Bewegungen. Er erstarrte vor
Entsetzen: konnte das die Erde sein? Gewiß, das war die Erde. Sie
bewegte sich ja doch. In der Schule war davon gesprochen worden, man
war etwas eilig darüber weggegangen, und später wurde es gern
vertuscht; es galt nicht für passend, davon zu sprechen. Aber nun, da
er einmal empfindlich geworden war, bekam er auch das zu fühlen. Ob
die anderen es fühlten? Vielleicht, aber sie zeigten es nicht.
Wahrscheinlich machte es ihnen nichts aus, diesen Seeleuten. Nikolaj
Kusmitsch aber war ausgerechnet in diesem Punkt etwas delikat, er
vermied sogar die Straßenbahnen. Er taumelte im Zimmer umher wie auf
Deck und mußte sich rechts und links halten. Zum Unglück fiel ihm
noch etwas von der schiefen Stellung der Erdachse ein. Nein, er
konnte alle diese Bewegungen nicht vertragen. Er fühlte sich elend.
Liegen und ruhig halten, hatte er einmal irgendwo gelesen. Und
seither lag Nikolaj Kusmitsch.
Er lag und hatte die Augen geschlossen. Und es gab Zeiten, weniger
bewegte Tage sozusagen, wo es ganz erträglich war. Und dann hatte er
sich das ausgedacht mit den Gedichten. Man sollte nicht glauben, wie
das half. Wenn man so ein Gedicht langsam hersagte, mit gleichmäßiger
Betonung der Endreime, dann war gewissermaßen etwas Stabiles da,
worauf man sehen konnte, innerlich versteht sich. Ein Glück, daß er
alle diese Gedichte wußte. Aber er hatte sich immer ganz besonders
für Literatur interessiert. Er beklagte sich nicht über seinen
Zustand, versicherte mir der Student, der ihn lange kannte. Nur hatte
sich mit der Zeit eine übertriebene Bewunderung für die in ihm
herausgebildet, die, wie der Student, herumgingen und die Bewegung der
Erde vertrugen.
Ich erinnere mich dieser Geschichte so genau, weil sie mich ungemein
beruhigte. Ich kann wohl sagen, ich habe nie wieder einen so
angenehmen Nachbar gehabt, wie diesen Nikolaj Kusmitsch, der sicher
auch mich bewundert hätte.
Ich nahm mir nach dieser Erfahrung vor, in ähnlichen Fällen immer
gleich auf die Tatsachen loszugehen. Ich merkte, wie einfach und
erleichternd sie waren, den Vermutungen gegenüber. Als ob ich nicht
gewußt hätte, daß alle unsere Einsichten nachträglich sind, Abschlüsse,
nichts weiter. Gleich dahinter fängt eine neue Seite an mit etwas
ganz anderem, ohne Übertrag. Was halfen mir jetzt im gegenwärtigen
Falle die paar Tatsachen, die sich spielend feststellen ließen. Ich
will sie gleich aufzählen, wenn ich gesagt haben werde, was mich
augenblicklich beschäftigt: daß sie eher dazu beigetragen haben, meine
Lage, die (wie ich jetzt eingestehe) recht schwierig war, noch
lästiger zu gestalten.
Es sei zu meiner Ehre gesagt, daß ich viel geschrieben habe in diesen
Tagen; ich habe krampfhaft geschrieben. Allerdings, wenn ich
ausgegangen war, so dachte ich nicht gerne an das Nachhausekommen.
Ich machte sogar kleine Umwege und verlor auf diese Art eine halbe
Stunde, während welcher ich hätte schreiben können. Ich gebe zu, daß
dies eine Schwäche war. War ich aber einmal in meinem Zimmer, so
hatte ich mir nichts vorzuwerfen. Ich schrieb, ich hatte mein Leben,
und das da nebenan war ein ganz anderes Leben, mit dem ich nichts
teilte: das Leben eines Studenten der Medizin, der für sein Examen
studierte. Ich hatte nichts Ähnliches vor mir, schon das war ein
entscheidender Unterschied. Und auch sonst waren unsere Umstände so
verschieden wie möglich. Das alles leuchtete mir ein. Bis zu dem
Moment, da ich wußte, daß es kommen würde; da vergaß ich, daß es
zwischen uns keine Gemeinsamkeit gab. Ich horchte so, daß mein Herz
ganz laut wurde. Ich ließ alles und horchte. Und dann kam es: ich
habe mich nie geirrt.
Beinah jeder kennt den Lärm, den irgendein blechernes, rundes Ding,
nehmen wir an, der Deckel einer Blechbüchse, verursacht, wenn er einem
entglitten ist. Gewöhnlich kommt er gar nicht einmal sehr laut unten
an, er fällt kurz auf, rollt auf dem Rande weiter und wird eigentlich
erst unangenehm, wenn der Schwung zu Ende geht und er nach allen
Seiten taumelnd aufschlägt, eh er ins Liegen kommt. Nun also: das ist
das Ganze; so ein blecherner Gegenstand fiel nebenan, rollte, blieb
liegen, und dazwischen, in gewissen Abständen, stampfte es. Wie alle
Geräusche, die sich wiederholt durchsetzen, hatte auch dieses sich
innerlich organisiert; es wandelte sich ab, es war niemals genau
dasselbe. Aber gerade das sprach für seine Gesetzmäßigkeit. Es
konnte heftig sein oder milde oder melancholisch; es konnte gleichsam
überstürzt vorübergehen oder unendlich lange hingleiten, eh es zur
Ruhe kam. Und das letzte Schwanken war immer überraschend. Dagegen
hatte das Aufstampfen, das hinzukam, etwas fast Mechanisches. Aber es
teilte den Lärm immer anders ab, das schien seine Aufgabe zu sein.
Ich kann diese Einzelheiten jetzt viel besser übersehen; das Zimmer
neben mir ist leer. Er ist nach Hause gereist, in die Provinz. Er
sollte sich erholen. Ich wohne im obersten Stockwerk. Rechts ist ein
anderes Haus, unter mir ist noch niemand eingezogen: ich bin ohne
Nachbar.
In dieser Verfassung wundert es mich beinah, daß ich die Sache nicht
leichter nahm. Obwohl ich doch jedesmal im voraus gewarnt war durch
mein Gefühl. Das wäre auszunutzen gewesen. Erschrick nicht, hätte
ich mir sagen müssen, jetzt kommt es; ich wußte ja, daß ich mich
niemals täuschte. Aber das lag vielleicht gerade an den Tatsachen,
die ich mir hatte sagen lassen; seit ich sie wußte, war ich noch
schreckhafter geworden. Es berührte mich fast gespenstisch, daß das,
was diesen Lärm auslöste, jene kleine, langsame, lautlose Bewegung war,
mit der sein Augenlid sich eigenmächtig über sein rechtes Auge senkte
und schloß, während er las. Dies war das Wesentliche an seiner
Geschichte, eine Kleinigkeit. Er hatte schon ein paar Mal die Examen
vorbeigehen lassen müssen, sein Ehrgeiz war empfindlich geworden, und
die Leute daheim drängten wahrscheinlich, sooft sie schrieben. Was
blieb also übrig, als sich zusammenzunehmen. Aber da hatte sich, ein
paar Monate vor der Entscheidung, diese Schwäche eingestellt; diese
kleine, unmögliche Ermüdung, die so lächerlich war, wie wenn ein
Fenstervorhang nicht oben bleiben will. Ich bin sicher, daß er
wochenlang der Meinung war, man müßte das beherrschen können. Sonst
wäre ich nicht auf die Idee verfallen, ihm meinen Willen anzubieten.
Eines Tages begriff ich nämlich, daß der seine zu Ende sei. Und
seither, wenn ich es kommen fühlte, stand ich da auf meiner Seite der
Wand und bat ihn, sich zu bedienen. Und mit der Zeit wurde mir klar,
daß er darauf einging. Vielleicht hätte er das nicht tun dürfen,
besonders wenn man bedenkt, daß es eigentlich nichts half. Angenommen
sogar, daß wir die Sache ein wenig hinhielten, so bleibt es doch
fraglich, ob er wirklich imstande war, die Augenblicke, die wir so
gewannen, auszunutzen. Und was meine Ausgaben betrifft, so begann ich
sie zu fühlen. Ich weiß, ich fragte mich, ob das so weitergehen dürfe,
gerade an dem Nachmittag, als jemand in unserer Etage ankam. Dies
ergab bei dem engen Aufgang immer viel Unruhe in dem kleinen Hotel.
Eine Weile später schien es mir, als trete man bei meinem Nachbar ein.
Unsere Türen waren die letzten im Gang, die seine quer und dicht
neben der meinen. Ich wußte indessen, daß er zuweilen Freunde bei
sich sah, und, wie gesagt, ich interessierte mich durchaus nicht für
seine Verhältnisse. Es ist möglich, daß seine Tür noch mehrmals
geöffnet wurde, daß man draußen kam und ging. Dafür war ich wirklich
nicht verantwortlich.
Nun an diesem selben Abend war es ärger denn je. Es war noch nicht
sehr spät, aber ich war aus Müdigkeit schon zu Bett gegangen; ich
hielt es für wahrscheinlich, daß ich schlafen würde. Da fuhr ich auf,
als hätte man mich berührt. Gleich darauf brach es los. Es sprang
und rollte und rannte irgendwo an und schwankte und klappte. Das
Stampfen war fürchterlich. Dazwischen klopfte man unten, einen Stock
tiefer, deutlich und böse gegen die Decke. Auch der neue Mieter war
natürlich gestört. Jetzt: das mußte seine Türe sein. Ich war so wach,
daß ich seine Türe zu hören meinte, obwohl er erstaunlich vorsichtig
damit umging. Es kam mir vor, als nähere er sich. Sicher wollte er
wissen, in welchem Zimmer es sei. Was mich befremdete, war seine
wirklich übertriebene Rücksicht. Er hatte doch eben bemerken können,
daß es auf Ruhe nicht ankam in diesem Hause. Warum in aller Welt
unterdrückte er seinen Schritt? Eine Weile glaubte ich ihn an meiner
Tür; und dann vernahm ich, darüber war kein Zweifel, daß er nebenan
eintrat. Er trat ohne weiteres nebenan ein.
Und nun (ja, wie soll ich das beschreiben?), nun wurde es still.
Still, wie wenn ein Schmerz aufhört. Eine eigentümlich fühlbare,
prickelnde Stille, als ob eine Wunde heilte. Ich hätte sofort
schlafen können; ich hätte Atem holen können und einschlafen. Nur
mein Erstaunen hielt mich wach. Jemand sprach nebenan, aber auch das
gehörte mit in die Stille. Das muß man erlebt haben, wie diese Stille
war, wiedergeben läßt es sich nicht. Auch draußen war alles wie
ausgeglichen. Ich saß auf, ich horchte, es war wie auf dem Lande.
Lieber Gott, dachte ich, seine Mutter ist da. Sie saß neben dem Licht,
sie redete ihm zu, vielleicht hatte er den Kopf ein wenig gegen ihre
Schulter gelegt. Gleich würde sie ihn zu Bett bringen. Nun begriff
ich das leise Gehen draußen auf dem Gang. Ach, daß es das gab. So
ein Wesen, vor dem die Türen ganz anders nachgeben als vor uns. Ja,
nun konnten wir schlafen.
Ich habe meinen Nachbar fast schon vergessen. Ich sehe wohl, daß es
keine richtige Teilnahme war, was ich für ihn hatte. Unten frage ich
zwar zuweilen im Vorübergehen, ob Nachrichten von ihm da sind und
welche. Und ich freue mich, wenn sie gut sind. Aber ich übertreibe.
Ich habe eigentlich nicht nötig, das zu wissen. Das hängt gar nicht
mehr mit ihm zusammen, daß ich manchmal einen plötzlichen Reiz
verspüre, nebenan einzutreten. Es ist nur ein Schritt von meiner Tür
zu der anderen, und das Zimmer ist nicht verschlossen. Es würde mich
interessieren, wie dieses Zimmer eigentlich beschaffen ist. Man kann
sich mit Leichtigkeit ein beliebiges Zimmer vorstellen, und oft stimmt
es dann ungefähr. Nur das Zimmer, das man neben sich hat, ist immer
ganz anders, als man es sich denkt.
Ich sage mir, daß es dieser Umstand ist, der mich reizt. Aber ich
weiß ganz gut, daß es ein gewisser blecherner Gegenstand ist, der auf
mich wartet. Ich habe angenommen, daß es sich wirklich um einen
Büchsendeckel handelt, obwohl ich mich natürlich irren kann. Das
beunruhigt mich nicht. Es entspricht nun einmal meiner Anlage, die
Sache auf einen Büchsendeckel zu schieben. Man kann denken, daß er
ihn nicht mitgenommen hat. Wahrscheinlich hat man aufgeräumt, man hat
den Deckel auf seine Büchse gesetzt, wie es sich gehört. Und nun
bilden die beiden zusammen den Begriff Büchse, runde Büchse, genau
ausgedrückt, einen einfachen, sehr bekannten Begriff. Mir ist, als
entsänne ich mich, daß sie auf dem Kamin stehn, die beiden, die die
Büchse ausmachen. Ja, sie stehn sogar vor dem Spiegel, so daß
dahinter noch eine Büchse entsteht, eine täuschend ähnliche, imaginäre.
Eine Büchse, auf die wir gar keinen Wert legen, nach der aber zum
Beispiel ein Affe greifen würde. Richtig, es würden sogar zwei Affen
danach greifen, denn auch der Affe wäre doppelt, sobald er auf dem
Kaminrand ankäme. Nun also, es ist der Deckel dieser Büchse, der es
auf mich abgesehen hat.
Einigen wir uns darüber: der Deckel einer Büchse, einer gesunden
Büchse, deren Rand nicht anders gebogen ist, als sein eigener, so ein
Deckel müßte kein anderes Verlangen kennen, als sich auf seiner Büchse
zu befinden; dies müßte das äußerste sein, was er sich vorzustellen
vermag; eine nicht zu übertreffende Befriedigung, die Erfüllung aller
seiner Wünsche. Es ist ja auch etwas geradezu Ideales, geduldig und
sanft eingedreht auf der kleinen Gegenwulst gleichmäßig aufzuruhen und
die eingreifende Kante in sich zu fühlen, elastisch und gerade so
scharf, wie man selber am Rande ist, wenn man einzeln daliegt. Ach,
aber wie wenige Deckel giebt es, die das noch zu schätzen wissen.
Hier zeigt es sich so recht, wie verwirrend der Umgang mit den
Menschen auf die Dinge gewirkt hat. Die Menschen nämlich, wenn es
angeht, sie ganz vorübergehend mit solchen Deckeln zu vergleichen,
sitzen höchst ungern und schlecht auf ihren Beschäftigungen. Teils
weil sie nicht auf die richtigen gekommen sind in der Eile, teils weil
man sie schief und zornig aufgesetzt hat, teils weil die Ränder, die
aufeinander gehören, verbogen sind, jeder auf eine andere Art. Sagen
wir es nur ganz aufrichtig: sie denken im Grunde nur daran, sobald es
sich irgend tun läßt, hinunterzuspringen, zu rollen und zu blechern.
Wo kämen sonst alle diese sogenannten Zerstreuungen her und der Lärm,
den sie verursachen?
Die Dinge sehen das nun schon seit Jahrhunderten an. Es ist kein
Wunder, wenn sie verdorben sind, wenn sie den Geschmack verlieren an
ihrem natürlichen, stillen Zweck und das Dasein so ausnutzen möchten,
wie sie es rings um sich ausgenutzt sehen. Sie machen Versuche, sich
ihren Anwendungen zu entziehen, sie werden unlustig und nachlässig,
und die Leute sind gar nicht erstaunt, wenn sie sie auf einer
Ausschweifung ertappen. Sie kennen das so gut von sich selbst. Sie
ärgern sich, weil sie die Stärkeren sind, weil sie mehr Recht auf
Abwechslung zu haben meinen, weil sie sich nachgeäfft fühlen; aber sie
lassen die Sache gehen, wie sie sich selber gehen lassen. Wo aber
einer ist, der sich zusammennimmt, ein Einsamer etwa, der so recht
rund auf sich beruhen wollte Tag und Nacht, da fordert er geradezu den
Widerspruch, den Hohn, den Haß der entarteten Geräte heraus, die, in
ihrem argen Gewissen, nicht mehr vertragen können, daß etwas sich
zusammenhält und nach seinem Sinne strebt. Da verbinden sie sich, um
ihn zu stören, zu schrecken, zu beirren, und wissen, daß sie es können.
Da fangen sie, einander zuzwinkernd, die Verführung an, die dann ins
Unermessene weiter wächst und alle Wesen und Gott selber hinreißt
gegen den Einen, der vielleicht übersteht: den Heiligen.
Wie begreif ich jetzt die wunderlichen Bilder, darinnen Dinge von
beschränkten und regelmäßigen Gebrauchen sich ausspannen und sich
lüstern und neugierig aneinander versuchen, zuckend in der ungefähren
Unzucht der Zerstreuung. Diese Kessel, die kochend herumgehen, diese
Kolben, die auf Gedanken kommen, und die müßigen Trichter, die sich in
ein Loch drängen zu ihrem Vergnügen. Und da sind auch schon, vom
eifersüchtigen Nichts heraufgeworfen, Gliedmaßen und Glieder unter
ihnen und Gesichter, die warm in sie hineinvomieren, und blasende
Gesäße, die ihnen den Gefallen tun.
Und der Heilige krümmt sich und zieht sich zusammen; aber in seinen
Augen war noch ein Blick, der dies für möglich hielt: er hat
hingesehen. Und schon schlagen sich seine Sinne nieder aus der hellen
Lösung seiner Seele. Schon entblättert sein Gebet und steht ihm aus
dem Mund wie ein eingegangener Strauch. Sein Herz ist umgefallen und
ausgeflossen ins Trübe hinein. Seine Geißel trifft ihn schwach wie
ein Schwanz, der Fliegen verjagt. Sein Geschlecht ist wieder nur an
einer Stelle, und wenn eine Frau aufrecht durch das Gehudel kommt, den
offenen Busen voll Brüste, so zeigt es auf sie wie ein Finger.
Es gab Zeiten, da ich diese Bilder für veraltet hielt. Nicht, als ob
ich an ihnen zweifelte. Ich konnte mir denken, daß dies den Heiligen
geschah, damals, den eifernden Voreiligen, die gleich mit Gott
anfangen wollten um jeden Preis. Wir muten uns dies nicht mehr zu.
Wir ahnen, daß er zu schwer ist für uns, daß wir ihn hinausschieben
müssen, um langsam die lange Arbeit zu tun, die uns von ihm trennt.
Nun aber weiß ich, daß diese Arbeit genau so bestritten ist wie das
Heiligsein; daß dies da um jeden entsteht, der um ihretwillen einsam
ist, wie es sich bildete um die Einsamen Gottes in ihren Höhlen und
leeren Herbergen, einst.
Wenn man von den Einsamen spricht, setzt man immer zuviel voraus. Man
meint, die Leute wüßten, um was es sich handelt. Nein, sie wissen es
nicht. Sie haben nie einen Einsamen gesehen, sie haben ihn nur gehaßt,
ohne ihn zu kennen. Sie sind seine Nachbaren gewesen, die ihn
aufbrauchten, und die Stimmen im Nebenzimmer, die ihn versuchten. Sie
haben die Dinge aufgereizt gegen ihn, daß sie lärmten und ihn
übertönten. Die Kinder verbanden sich wider ihn, da er zart und ein
Kind war, und mit jedem Wachsen wuchs er gegen die Erwachsenen an.
Sie spürten ihn auf in seinem Versteck wie ein jagdbares Tier, und
seine lange Jugend war ohne Schonzeit. Und wenn er sich nicht
erschöpfen ließ und davonkam, so schrieen sie über das, was von ihm
ausging, und nannten es häßlich und verdächtigten es. Und hörte er
nicht darauf, so wurden sie deutlicher und aßen ihm sein Essen weg und
atmeten ihm seine Luft aus und spieen in seine Armut, daß sie ihm
widerwärtig würde. Sie brachten Verruf über ihn wie über einen
Ansteckenden und warfen ihm Steine nach, damit er sich rascher
entfernte. Und sie hatten recht in ihrem alten Instinkt: denn er war
wirklich ihr Feind.
Aber dann, wenn er nicht aufsah, besannen sie sich. Sie ahnten, daß
sie ihm mit alledem seinen Willen taten; daß sie ihn in seinem
Alleinsein bestärkten und ihm halfen, sich abzuscheiden von ihnen für
immer. Und nun schlugen sie um und wandten das Letzte an, das
Äußerste, den anderen Widerstand: den Ruhm. Und bei diesem Lärmen
blickte fast jeder auf und wurde zerstreut.