nicht, was die Leute bedeutend nennen oder vornehm: es waren immer
Vornehmere neben ihm. Er war reich: aber das war bei ihm nur wie ein
Einfall, daran konnte man sich nicht halten. Er war gut gewachsen,
obzwar andere hielten sich besser. Ich konnte damals natürlich nicht
beurteilen, ob er geistreich war und das und dies, worauf Wert gelegt
wird--: aber er war."
Der Graf, bebend, stand und machte eine Bewegung, als stellte er etwas
in den Raum hinein, was blieb.
In diesem Moment gewahrte er Abelone.
"Siehst du ihn?" herrschte er sie an. Und plötzlich ergriff er den
einen silbernen Armleuchter und leuchtete ihr blendend ins Gesicht.
Abelone erinnerte sich, daß sie ihn gesehen habe.
In den nächsten Tagen wurde Abelone regelmäßig gerufen, und das
Diktieren ging nach diesem Zwischenfall viel ruhiger weiter. Der Graf
stellte nach allerhand Papieren seine frühesten Erinnerungen an den
Bernstorffschen Kreis zusammen, in dem sein Vater eine gewisse Rolle
spielte. Abelone war jetzt so gut auf die Besonderheiten ihrer Arbeit
eingestellt, daß, wer die beiden sah, ihre zweckdienliche
Gemeinsamkeit leicht für ein wirkliches Vertrautsein nehmen konnte.
Einmal, als Abelone sich schon zurückziehen wollte, trat der alte Herr
auf sie zu, und es war, als hielte er die Hände mit einer Überraschung
hinter sich: "Morgen schreiben wir von Julie Reventlow", sagte er und
kostete seine Worte: "das war eine Heilige."
Wahrscheinlich sah Abelone ihn ungläubig an.
"Ja, ja, das giebt es alles noch", bestand er in befehlendem Tone, "es
giebt alles, Komtesse Abel."
Er nahm Abelonens Hände und schlug sie auf wie ein Buch.
"Sie hatte die Stigmata", sagte er, "hier und hier." Und er tippte
mit seinem kalten Finger hart und kurz in ihre beiden Handflächen.
Den Ausdruck Stigmata kannte Abelone nicht. Es wird sich zeigen,
dachte sie; sie war recht ungeduldig, von der Heiligen zu hören, die
ihr Vater noch gesehen hatte. Aber sie wurde nicht mehr geholt, nicht
am nächsten Morgen und auch später nicht.-"Von der Gräfin Reventlow
ist ja dann oft bei euch gesprochen worden", schloß Abelone kurz, als
ich sie bat, mehr zu erzählen. Sie sah müde aus; auch behauptete sie,
das Meiste vergessen zu haben. "Aber die Stellen fühl ich noch
manchmal", lächelte sie und konnte es nicht lassen und schaute beinah
neugierig in ihre leeren Hände.
Noch vor meines Vaters Tod war alles anders geworden. Ulsgaard war
nicht mehr in unserm Besitz. Mein Vater starb in der Stadt, in einer
Etagenwohnung, die mir feindsälig und befremdlich schien. Ich war
damals schon im Ausland und kam zu spät.
Er war aufgebahrt in einem Hofzimmer zwischen zwei Reihen hoher Kerzen.
Der Geruch der Blumen war unverständlich wie viele gleichzeitige
Stimmen. Sein schönes Gesicht, darin die Augen geschlossen worden
waren, hatte einen Ausdruck höflichen Erinnerns. Er war eingekleidet
in die Jägermeisters-Uniform, aber aus irgendeinem Grunde hatte man
das weiße Band aufgelegt, statt des blauen. Die Hände waren nicht
gefaltet, sie lagen schräg übereinander und sahen nachgemacht und
sinnlos aus. Man hatte mir rasch erzählt, daß er viel gelitten habe:
es war nichts davon zu sehen. Seine Züge waren aufgeräumt wie die
Möbel in einem Fremdenzimmer, aus dem jemand abgereist war. Mir war
zumute, als hätte ich ihn schon öfter tot gesehen: so gut kannte ich
das alles.
Neu war nur die Umgebung, auf eine unangenehme Art. Neu war dieses
bedrückende Zimmer, das Fenster gegenüber hatte, wahrscheinlich die
Fenster anderer Leute. Neu war es, daß Sieversen von Zeit zu Zeit
hereinkam und nichts tat. Sieversen war alt geworden. Dann sollte
ich frühstücken. Mehrmals wurde mir das Frühstück gemeldet. Mir lag
durchaus nichts daran, zu frühstücken an diesem Tage. Ich merkte
nicht, daß man mich forthaben wollte; schließlich, da ich nicht ging,
brachte Sieversen es irgendwie heraus, daß die Ärzte da wären. Ich
begriff nicht, wozu. Es wäre da noch etwas zu tun, sagte Sieversen
und sah mich mit ihren roten Augen angestrengt an. Dann traten, etwas
überstürzt, zwei Herren herein: das waren die Ärzte. Der vordere
senkte seinen Kopf mit einem Ruck, als hätte er Hörner und wollte
stoßen, um uns über seine Gläser fort anzusehen: erst Sieversen, dann
mich.
Er verbeugte sich mit studentischer Förmlichkeit. "Der Herr
Jägermeister hatte noch einen Wunsch", sagte er genau so, wie er
eingetreten war; man hatte wieder das Gefühl, daß er sich überstürzte.
Ich nötigte ihn irgendwie, seinen Blick durch seine Gläser zu richten.
Sein Kollege war ein voller, dünnschaliger, blonder Mensch; es fiel
mir ein, daß man ihn leicht zum Erröten bringen könnte. Darüber
entstand eine Pause. Es war seltsam, daß der Jägermeister jetzt noch
Wünsche hatte.
Ich blickte unwillkürlich wieder hin in das schöne, gleichmäßige
Gesicht. Und da wußte ich, daß er Sicherheit wollte. Die hatte er im
Grunde immer gewünscht. Nun sollte er sie bekommen.
"Sie sind wegen des Herzstichs da: bitte."
Ich verneigte mich und trat zurück. Die beiden Ärzte verbeugten sich
gleichzeitig und begannen sofort sich über ihre Arbeit zu verständigen.
Jemand rückte auch schon die Kerzen beiseite. Aber der Ältere
machte nochmals ein paar Schritte auf mich zu. Aus einer gewissen
Nähe streckte er sich vor, um das letzte Stück Weg zu ersparen, und
sah mich böse an.
"Es ist nicht nötig", sagte er, "das heißt, ich meine, es ist
vielleicht besser, wenn Sie... "
Er kam mir vernachlässigt und abgenutzt vor in seiner sparsamen und
eiligen Haltung. Ich verneigte mich abermals; es machte sich so, daß
ich mich schon wieder verneigte.
"Danke", sagte ich knapp. "Ich werde nicht stören."
Ich wußte, daß ich dieses ertragen würde und daß kein Grund da war,
sich dieser Sache zu entziehen. Das hatte so kommen müssen. Das war
vielleicht der Sinn von dem Ganzen. Auch hatte ich nie gesehen, wie
es ist, wenn jemand durch die Brust gestochen wird. Es schien mir in
der Ordnung, eine so merkwürdige Erfahrung nicht abzulehnen, wo sie
sich zwanglos und unbedingt einstellte. An Enttäuschungen glaubte ich
damals eigentlich schon nicht mehr; also war nichts zu befürchten.
Nein, nein, vorstellen kann man sich nichts auf der Welt, nicht das
Geringste. Es ist alles aus so viel einzigen Einzelheiten
zusammengesetzt, die sich nicht absehen lassen. Im Einbilden geht man
über sie weg und merkt nicht, daß sie fehlen, schnell wie man ist.
Die Wirklichkeiten aber sind langsam und unbeschreiblich ausführlich.
Wer hätte zum Beispiel an diesen Widerstand gedacht. Kaum war die
breite, hohe Brust bloßgelegt, so hatte der eilige kleine Mann schon
die Stelle heraus, um die es sich handelte. Aber das rasch angesetzte
Instrument drang nicht ein. Ich hatte das Gefühl, als wäre plötzlich
alle Zeit fort aus dem Zimmer. Wir befanden uns wie in einem Bilde.
Aber dann stürzte die Zeit nach mit einem kleinen, gleitenden Geräusch,
und es war mehr da, als verbraucht wurde. Auf einmal klopfte es
irgendwo. Ich hatte noch nie so klopfen hören: ein warmes,
verschlossenes, doppeltes Klopfen. Mein Gehör gab es weiter, und ich
sah zugleich, daß der Arzt auf Grund gestoßen war. Aber es dauerte
eine Weile, bevor die beiden Eindrücke in mir zusammenkamen. So, so,
dachte ich, nun ist es also durch. Das Klopfen war, was das Tempo
betrifft, beinah schadenfroh.
Ich sah mir den Mann an, den ich nun schon so lange kannte. Nein, er
war völlig beherrscht: ein rasch und sachlich arbeitender Herr, der
gleich weiter mußte. Es war keine Spur von Genuß oder Genugtuung
dabei. Nur an seiner linken Schläfe hatten sich ein paar Haare
aufgestellt aus irgendeinem alten Instinkt. Er zog das Instrument
vorsichtig zurück, und es war etwas wie ein Mund da, aus dem zweimal
hintereinander Blut austrat, als sagte er etwas Zweisilbiges. Der
junge, blonde Arzt nahm es schnell mit einer eleganten Bewegung in
seine Watte auf. Und nun blieb die Wunde ruhig, wie ein geschlossenes
Auge.
Es ist anzunehmen, daß ich mich noch einmal verneigte, ohne diesmal
recht bei der Sache zu sein. Wenigstens war ich erstaunt, mich allein
zu finden. Jemand hatte die Uniform wieder in Ordnung gebracht, und
das weiße Band lag darüber wie vorher. Aber nun war der Jägermeister
tot, und nicht er allein. Nun war das Herz durchbohrt, unser Herz,
das Herz unseres Geschlechts. Nun war es vorbei. Das war also das
Helmzerbrechen: "Heute Brigge und nimmermehr", sagte etwas in mir.
An mein Herz dachte ich nicht. Und als es mir später einfiel, wußte
ich zum erstenmal ganz gewiß, daß es hierfür nicht in Betracht kam.
Es war ein einzelnes Herz. Es war schon dabei, von Anfang anzufangen.
Ich weiß, daß ich mir einbildete, nicht sofort wieder abreisen zu
können. Erst muß alles geordnet sein, wiederholte ich mir. Was
geordnet sein wollte, war mir nicht klar. Es war so gut wie nichts zu
tun. Ich ging in der Stadt umher und konstatierte, daß sie sich
verändert hatte. Es war mir angenehm, aus dem Hotel hinauszutreten,
in dem ich abgestiegen war, und zu sehen, daß es nun eine Stadt für
Erwachsene war, die sich für einen zusammennahm, fast wie für einen
Fremden. Ein bißchen klein war alles geworden, und ich promenierte
die Langelinie hinaus bis an den Leuchtturm und wieder zurück. Wenn
ich in die Gegend der Amaliengade kam, so konnte es freilich geschehen,
daß von irgendwo etwas ausging, was man jahrelang anerkannt hatte und
was seine Macht noch einmal versuchte. Es gab da gewisse Eckfenster
oder Torbogen oder Laternen, die viel von einem wußten und damit
drohten. Ich sah ihnen ins Gesicht und ließ sie fühlen, daß ich im
Hotel 'Phönix' wohnte und jeden Augenblick wieder reisen konnte. Aber
mein Gewissen war nicht ruhig dabei. Der Verdacht stieg in mir auf,
daß noch keiner dieser Einflüsse und Zusammenhänge wirklich bewältigt
worden war. Man hatte sie eines Tages heimlich verlassen, unfertig
wie sie waren. Auch die Kindheit würde also gewissermaßen noch zu
leisten sein, wenn man sie nicht für immer verloren geben wollte. Und
während ich begriff, wie ich sie verlor, empfand ich zugleich, daß ich
nie etwas anderes haben würde, mich darauf zu berufen.
Ein paar Stunden täglich brachte ich in Dronningens Tværgade zu, in
den engen Zimmern, die beleidigt aussahen wie alle Mietswohnungen, in
denen jemand gestorben ist. Ich ging zwischen dem Schreibtisch und
dem großen weißen Kachelofen hin und her und verbrannte die Papiere
des Jägermeisters. Ich hatte begonnen, die Briefschaften, so wie sie
zusammengebunden waren, ins Feuer zu werfen, aber die kleinen Pakete
waren zu fest verschnürt und verkohlten nur an den Rändern. Es
kostete mich Überwindung, sie zu lockern. Die meisten hatten einen
starken, überzeugenden Duft, der auf mich eindrang, als wollte er auch
in mir Erinnerungen aufregen. Ich hatte keine. Dann konnte es
geschehen, daß Photographien herausglitten, die schwerer waren als das
andere; diese Photographien verbrannten unglaublich langsam. Ich weiß
nicht, wie es kam, plötzlich bildete ich mir ein, es könnte Ingeborgs
Bild darunter sein. Aber sooft ich hinsah, waren es reife, großartige,
deutlich schöne Frauen, die mich auf andere Gedanken brachten. Es
erwies sich nämlich, daß ich doch nicht ganz ohne Erinnerungen war.
Genau solche Augen waren es, in denen ich mich manchmal fand, wenn ich,
zur Zeit da ich heranwuchs, mit meinem Vater über die Straße ging.
Dann konnten sie von einem Wageninnern aus mich mit einem Blick
umgeben, aus dem kaum hinauszukommen war. Nun wußte ich, daß sie mich
damals mit ihm verglichen und daß der Vergleich nicht zu meinen
Gunsten ausfiel. Gewiß nicht, Vergleiche hatte der Jägermeister nicht
zu fürchten.
Es kann sein, daß ich nun etwas weiß, was er gefürchtet hat. Ich will
sagen, wie ich zu dieser Annahme komme. Ganz innen in seiner
Brieftasche befand sich ein Papier, seit lange gefaltet, mürbe,
gebrochen in den Bügen. Ich habe es gelesen, bevor ich es verbrannte.
Es war von seiner besten Hand, sicher und gleichmäßig geschrieben,
aber ich merkte gleich, daß es nur eine Abschrift war.
"Drei Stunden vor seinem Tod", so begann es und handelte von Christian
dem Vierten. Ich kann den Inhalt natürlich nicht wörtlich wiederholen.
Drei Stunden vor seinem Tod begehrte er aufzustehen. Der Arzt und
der Kammerdiener Wormius halfen ihm auf die Füße. Er stand ein wenig
unsicher, aber er stand, und sie zogen ihm das gesteppte Nachtkleid an.
Dann setzte er sich plötzlich vorn an das Bettende und sagte etwas.
Es war nicht zu verstehen. Der Arzt behielt immerzu seine linke Hand,
damit der König nicht auf das Bett zurücksinke. So saßen sie, und der
König sagte von Zeit zu Zeit mühsam und trübe das Unverständliche.
Schließlich begann der Arzt ihm zuzusprechen; er hoffte allmählich zu
erraten, was der König meinte. Nach einer Weile unterbrach ihn der
König und sagte auf einmal ganz klar: "O, Doktor, Doktor, wie heißt
er?" Der Arzt hatte Mühe, sich zu besinnen.
"Sperling, Allergnädigster König."
Aber darauf kam es nun wirklich nicht an. Der König, sobald er hörte,
daß man ihn verstand, riß das rechte Auge, das ihm geblieben war, weit
auf und sagte mit dem ganzen Gesicht das eine Wort, das seine Zunge
seit Stunden formte, das einzige, das es noch gab: "Döden", sagte er,
"Döden." (Der Tod, der Tod)
Mehr stand nicht auf dem Blatt. Ich las es mehrere Male, ehe ich es
verbrannte. Und es fiel mir ein, daß mein Vater viel gelitten hatte
zuletzt. So hatte man mir erzählt.
Seitdem habe ich viel über die Todesfurcht nachgedacht, nicht ohne
gewisse eigene Erfahrungen dabei zu berücksichtigen. Ich glaube, ich
kann wohl sagen, ich habe sie gefühlt. Sie überfiel mich in der
vollen Stadt, mitten unter den Leuten, oft ganz ohne Grund. Oft
allerdings häuften sich die Ursachen; wenn zum Beispiel jemand auf
einer Bank verging und alle standen herum und sahen ihm zu, und er war
schon über das Fürchten hinaus: dann hatte ich seine Furcht. Oder in
Neapel damals: da saß diese junge Person mir gegenüber in der
Elektrischen Bahn und starb. Erst sah es wie eine Ohnmacht aus, wir
fuhren sogar noch eine Weile. Aber dann war kein Zweifel, daß wir
stehenbleiben mußten. Und hinter uns standen die Wagen und stauten
sich, als ginge es in dieser Richtung nie mehr weiter. Das blasse,
dicke Mädchen hätte so, angelehnt an ihre Nachbarin, ruhig sterben
können. Aber ihre Mutter gab das nicht zu. Sie bereitete ihr alle
möglichen Schwierigkeiten. Sie brachte ihre Kleider in Unordnung und
goß ihr etwas in den Mund, der nichts mehr behielt. Sie verrieb auf
ihrer Stirn eine Flüssigkeit, die jemand gebracht hatte, und wenn die
Augen dann ein wenig verrollten, so begann sie an ihr zu rütteln,
damit der Blick wieder nach vorne käme. Sie schrie in diese Augen
hinein, die nicht hörten, sie zerrte und zog das Ganze wie eine Puppe
hin und her, und schließlich holte sie aus und schlug mit aller Kraft
in das dicke Gesicht, damit es nicht stürbe. Damals fürchtete ich
mich.
Aber ich fürchtete mich auch schon früher. Zum Beispiel, als mein
Hund starb. Derselbe, der mich ein- für allemal beschuldigte. Er war
sehr krank. Ich kniete bei ihm schon den ganzen Tag, da plötzlich
bellte er auf, ruckweise und kurz, wie er zu tun pflegte, wenn ein
Fremder ins Zimmer trat. Ein solches Bellen war für diesen Fall
zwischen uns gleichsam verabredet worden, und ich sah unwillkürlich
nach der Tür. Aber es war schon in ihm. Beunruhigt suchte ich seinen
Blick, und auch er suchte den meinen; aber nicht um Abschied zu nehmen.
Er sah mich hart und befremdet an. Er warf mir vor, daß ich es
hereingelassen hatte. Er war überzeugt, ich hätte es hindern können.
Nun zeigte es sich, daß er mich immer überschätzt hatte. Und es war
keine Zeit mehr, ihn aufzuklären. Er sah mich befremdet und einsam an,
bis es zu Ende war.
Oder ich fürchtete mich, wenn im Herbst nach den ersten Nachtfrösten
die Fliegen in die Stuben kamen und sich noch einmal in der Wärme
erholten. Sie waren merkwürdig vertrocknet und erschraken bei ihrem
eigenen Summen; man konnte sehen, daß sie nicht mehr recht wußten, was
sie taten. Sie saßen stundenlang da und ließen sich gehen, bis es
ihnen einfiel, daß sie noch lebten; dann warfen sie sich blindlings
irgendwohin und begriffen nicht, was sie dort sollten, und man hörte
sie weiterhin niederfallen und drüben und anderswo. Und endlich
krochen sie überall und bestarben langsam das ganze Zimmer.
Aber sogar wenn ich allein war, konnte ich mich fürchten. Warum soll
ich tun, als wären jene Nächte nicht gewesen, da ich aufsaß vor
Todesangst und mich daran klammerte, daß das Sitzen wenigstens noch
etwas Lebendiges sei: daß Tote nicht saßen. Das war immer in einem
von diesen zufälligen Zimmern, die mich sofort im Stich ließen, wenn
es mir schlecht ging, als fürchteten sie, verhört und in meine argen
Sachen verwickelt zu werden. Da saß ich, und wahrscheinlich sah ich
so schrecklich aus, daß nichts den Mut hatte, sich zu mir zu bekennen.
Nicht einmal das Licht, dem ich doch eben den Dienst erwiesen hatte,
es anzuzünden, wollte von mir wissen. Es brannte so vor sich hin, wie
in einem leeren Zimmer. Meine letzte Hoffnung war dann immer das
Fenster. Ich bildete mir ein, dort draußen könnte noch etwas sein,
was zu mir gehörte, auch jetzt, auch in dieser plötzlichen Armut des
Sterbens. Aber kaum hatte ich hingesehen, so wünschte ich, das
Fenster wäre verrammelt gewesen, zu, wie die Wand. Denn nun wußte ich,
daß es dort hinaus immer gleich teilnahmslos weiterging, daß auch
draußen nichts als meine Einsamkeit war. Die Einsamkeit, die ich über
mich gebracht hatte und zu deren Größe mein Herz in keinem Verhältnis
mehr stand. Menschen fielen mir ein, von denen ich einmal
fortgegangen war, und ich begriff nicht, wie man Menschen verlassen
konnte.
Mein Gott, mein Gott, wenn mir noch solche Nächte bevorstehen, laß mir
doch wenigstens einen von den Gedanken, die ich zuweilen denken konnte.
Es ist nicht so unvernünftig, was ich da verlange; denn ich weiß,
daß sie gerade aus der Furcht gekommen sind, weil meine Furcht so groß
war. Da ich ein Knabe war, schlugen sie mich ins Gesicht und sagten
mir, daß ich feige sei. Das war, weil ich mich noch schlecht
fürchtete. Aber seitdem habe ich mich fürchten gelernt mit der
wirklichen Furcht, die nur zunimmt, wenn die Kraft zunimmt, die sie
erzeugt. Wir haben keine Vorstellung von dieser Kraft, außer in
unserer Furcht. Denn so ganz unbegreiflich ist sie, so völlig gegen
uns, daß unser Gehirn sich zersetzt an der Stelle, wo wir uns
anstrengen, sie zu denken. Und dennoch, seit einer Weile glaube ich,
daß es unsere Kraft ist, alle unsere Kraft, die noch zu stark ist für
uns. Es ist wahr, wir kennen sie nicht, aber ist es nicht gerade
unser Eigenstes, wovon wir am wenigsten wissen? Manchmal denke ich
mir, wie der Himmel entstanden ist und der Tod: dadurch, daß wir unser
Kostbarstes von uns fortgerückt haben, weil noch so viel anderes zu
tun war vorher und weil es bei uns Beschäftigten nicht in Sicherheit
war. Nun sind Zeiten darüber vergangen, und wir haben uns an
Geringeres gewöhnt. Wir erkennen unser Eigentum nicht mehr und
entsetzen uns vor seiner äußersten Großheit. Kann das nicht sein?
Ich begreife übrigens jetzt gut, daß man ganz innen in der Brieftasche
die Beschreibung einer Sterbestunde bei sich trägt durch alle die
Jahre. Es müßte nicht einmal eine besonders gesuchte sein; sie haben
alle etwas fast Seltenes. Kann man sich zum Beispiel nicht jemanden
vorstellen, der sich abschreibt, wie Felix Arvers gestorben ist. Es
war im Hospital. Er starb auf eine sanfte und gelassene Weise, und
die Nonne meinte vielleicht, daß er damit schon weiter sei, als er in
Wirklichkeit war. Sie rief ganz laut irgend eine Weisung hinaus, wo
das und das zu finden wäre. Es war eine ziemlich ungebildete Nonne;
sie hatte das Wort Korridor, das im Augenblick nicht zu vermeiden war,
nie geschrieben gesehen; so konnte es geschehen, daß sie 'Kollidor'
sagte in der Meinung, es hieße so. Da schob Arvers das Sterben hinaus.
Es schien ihm nötig, dieses erst aufzuklären. Er wurde ganz klar
und setzte ihr auseinander, daß es 'Korridor' hieße. Dann starb er.
Er war ein Dichter und haßte das Ungefähre; oder vielleicht war es ihm
nur um die Wahrheit zu tun; oder es störte ihn, als letzten Eindruck
mitzunehmen, daß die Welt so nachlässig weiterginge. Das wird nicht
mehr zu entscheiden sein. Nur soll man nicht glauben, daß es
Pedanterie war. Sonst träfe derselbe Vorwurf den heiligen Jean de
Dieu, der in seinem Sterben aufsprang und gerade noch zurechtkam, im
Garten den eben Erhängten abzuschneiden, von dem auf wunderbare Art
Kunde in die verschlossene Spannung seiner Agonie gedrungen war. Auch
ihm war es nur um die Wahrheit zu tun.
Es giebt ein Wesen, das vollkommen unschädlich ist, wenn es dir in die
Augen kommt, du merkst es kaum und hast es gleich wieder vergessen.
Sobald es dir aber unsichtbar auf irgendeine Weise ins Gehör gerät, so
entwickelt es sich dort, es kriecht gleichsam aus, und man hat Fälle
gesehen, wo es bis ins Gehirn vordrang und in diesem Organ verheerend
gedieh, ähnlich den Pneumokokken des Hundes, die durch die Nase
eindringen.
Dieses Wesen ist der Nachbar.
Nun, ich habe, seit ich so vereinzelt herumkomme, unzählige Nachbaren
gehabt; obere und untere, rechte und linke, manchmal alle vier Arten
zugleich. Ich könnte einfach die Geschichte meiner Nachbaren
schreiben; das wäre ein Lebenswerk. Es wäre freilich mehr die
Geschichte der Krankheitserscheinungen, die sie in mir erzeugt haben;
aber das teilen sie mit allen derartigen Wesen, daß sie nur in den
Störungen nachzuweisen sind, die sie in gewissen Geweben hervorrufen.
Ich habe unberechenbare Nachbaren gehabt und sehr regelmäßige. Ich
habe gesessen und das Gesetz der ersten herauszufinden versucht; denn
es war klar, daß auch sie eines hatten. Und wenn die pünktlichen
einmal am Abend ausblieben, so hab ich mir ausgemalt, was ihnen könnte
zugestoßen sein, und habe mein Licht brennen lassen und mich
geängstigt wie eine junge Frau. Ich habe Nachbaren gehabt, die gerade
haßten, und Nachbaren, die in eine heftige Liebe verwickelt waren;
oder ich erlebte es, daß bei ihnen eines in das andere umsprang mitten
in der Nacht, und dann war natürlich an Schlafen nicht zu denken. Da
konnte man überhaupt beobachten, daß der Schlaf durchaus nicht so
häufig ist, wie man meint. Meine beiden Petersburger Nachbaren zum
Beispiel gaben nicht viel auf Schlaf. Der eine stand und spielte die
Geige, und ich bin sicher, daß er dabei hinübersah in die überwachen
Häuser, die nicht aufhörten hell zu sein in den unwahrscheinlichen
Augustnächten. Von dem anderen zur Rechten weiß ich allerdings, daß
er lag; er stand zu meiner Zeit überhaupt nicht mehr auf. Er hatte
sogar die Augen geschlossen; aber man konnte nicht sagen, daß er
schlief. Er lag und sagte lange Gedichte her, Gedichte von Puschkin
und Nekrassow, in dem Tonfall, in dem Kinder Gedichte hersagen, wenn
man es von ihnen verlangt. Und trotz der Musik meines linken Nachbars,
war es dieser mit seinen Gedichten, der sich in meinem Kopfe
einpuppte, und Gott weiß, was da ausgekrochen wäre, wenn nicht der
Student, der ihn zuweilen besuchte, sich eines Tages in der Tür geirrt
hätte. Er erzählte mir die Geschichte seines Bekannten, und es ergab
sich, daß sie gewissermaßen beruhigend war. Jedenfalls war es eine
wörtliche, eindeutige Geschichte, an der die vielen Würmer meiner
Vermutungen zugrunde gingen.