verändern? Könnten wir nicht versuchen, uns ein wenig zu entwickeln,
und unseren Anteil Arbeit in der Liebe langsam auf uns nehmen nach und
nach? Man hat uns alle ihre Mühsal erspart, und so ist sie uns unter
die Zerstreuungen geglitten, wie in eines Kindes Spiellade manchmal
ein Stück echter Spitze fällt und freut und nicht mehr freut und
endlich daliegt unter Zerbrochenem und Auseinandergenommenem,
schlechter als alles. Wir sind verdorben vom leichten Genuß wie alle
Dilettanten und stehen im Geruch der Meisterschaft. Wie aber, wenn
wir unsere Erfolge verachteten, wie, wenn wir ganz von vorne begännen
die Arbeit der Liebe zu lernen, die immer für uns getan worden ist?
Wie, wenn wir hingingen und Anfänger würden, nun, da sich vieles
verändert.
O weiß ich auch, wie es war, wenn Maman die kleinen Spitzenstücke
aufrollte. Sie hatte nämlich ein einziges von den Schubfächern in
Ingeborgs Sekretär für sich in Gebrauch genommen.
"Wollen wir sie sehen, Malte", sagte sie und freute sich, als sollte
sie eben alles geschenkt bekommen, was in der kleinen gelblackierten
Lade war. Und dann konnte sie vor lauter Erwartung das Seidenpapier
gar nicht auseinanderschlagen. Ich mußte es tun jedesmal. Aber ich
wurde auch ganz aufgeregt, wenn die Spitzen zum Vorschein kamen. Sie
waren aufgewunden um eine Holzwelle, die gar nicht zu sehen war vor
lauter Spitzen. Und nun wickelten wir sie langsam ab und sahen den
Mustern zu, wie sie sich abspielten, und erschraken jedesmal ein wenig,
wenn eines zu Ende war. Sie hörten so plötzlich auf.
Da kamen erst Kanten italienischer Arbeit, zähe Stücke mit
ausgezogenen Fäden, in denen sich alles immerzu wiederholte, deutlich
wie in einem Bauerngarten. Dann war auf einmal eine ganze Reihe
unserer Blicke vergittert mit venezianischer Nadelspitze, als ob wir
Klöster wären oder Gefängnisse. Aber es wurde wieder frei, und man
sah weit in Gärten hinein, die immer künstlicher wurden, bis es dicht
und lau an den Augen war wie in einem Treibhaus: prunkvolle Pflanzen,
die wir nicht kannten, schlugen riesige Blätter auf, Ranken griffen
nacheinander, als ob ihnen schwindelte, und die großen offenen Blüten
der Points d'Alençon trübten alles mit ihren Pollen. Plötzlich, ganz
müde und wirr, trat man hinaus in die lange Bahn der Valenciennes, und
es war Winter und früh am Tag und Reif. Und man drängte sich durch
das verschneite Gebüsch der Binche und kam an Plätze, wo noch keiner
gegangen war; die Zweige hingen so merkwürdig abwärts, es konnte wohl
ein Grab darunter sein, aber das verbargen wir voreinander. Die Kälte
drang immer dichter an uns heran, und schließlich sagte Maman, wenn
die kleinen, ganz feinen Klöppelspitzen kamen: "Öh, jetzt bekommen wir
Eisblumen an den Augen", und so war es auch, denn es war innen sehr
warm in uns.
Über dem Wiederaufrollen seufzten wir beide, das war eine lange Arbeit,
aber wir mochten es niemandem überlassen.
"Denk nun erst, wenn wir sie machen müßten", sagte Maman und sah
förmlich erschrocken aus. Das konnte ich mir gar nicht vorstellen.
Ich ertappte mich darauf, daß ich an kleine Tiere gedacht hatte, die
das immerzu spinnen und die man dafür in Ruhe läßt. Nein, es waren ja
natürlich Frauen.
"Die sind gewiß in den Himmel gekommen, die das gemacht haben", meinte
ich bewundernd. Ich erinnere, es fiel mir auf, daß ich lange nicht
nach dem Himmel gefragt hatte. Maman atmete auf, die Spitzen waren
wieder beisammen.
Nach einer Weile, als ich es schon wieder vergessen hatte, sagte sie
ganz langsam: "In den Himmel? Ich glaube, sie sind ganz und gar da
drin. Wenn man das so sieht: das kann gut eine ewige Seligkeit sein.
Man weiß ja so wenig darüber."
Oft, wenn Besuch dawar, hieß es, daß Schulins sich einschränkten. Das
große, alte Schloß war abgebrannt vor ein paar Jahren, und nun wohnten
sie in den beiden engen Seitenflügeln und schränkten sich ein. Aber
das Gästehaben lag ihnen nun einmal im Blut. Das konnten sie nicht
aufgeben. Kam jemand unerwartet zu uns, so kam er wahrscheinlich von
Schulins; und sah jemand plötzlich nach der Uhr und mußte ganz
erschrocken fort, so wurde er sicher auf Lystager erwartet.
Maman ging eigentlich schon nirgends mehr hin, aber so etwas konnten
Schulins nicht begreifen; es blieb nichts übrig, man mußte einmal
hinüberfahren. Es war im Dezember nach ein paar frühen Schneefällen;
der Schlitten war auf drei Uhr befohlen, ich sollte mit. Man fuhr
indessen nie pünktlich bei uns. Maman, die es nicht liebte, daß der
Wagen gemeldet wurde, kam meistens viel zu früh herunter, und wenn sie
niemanden fand, so fiel ihr immer etwas ein, was schon längst hätte
getan sein sollen, und sie begann irgendwo oben zu suchen oder zu
ordnen, so daß sie kaum wieder zu erreichen war. Schließlich standen
alle und warteten. Und saß sie endlich und war eingepackt, so zeigte
es sich, daß etwas vergessen sei, und Sieversen mußte geholt werden;
denn nur Sieversen wußte, wo es war. Aber dann fuhr man plötzlich los,
eh Sieversen wiederkam.
An diesem Tag war es überhaupt nicht recht hell geworden. Die Bäume
standen da, als wüßten sie nicht weiter im Nebel, und es hatte etwas
Rechthaberisches, dahinein zu fahren. Zwischendurch fing es an, still
weiterzuschneien, und nun wars, als würde auch noch das Letzte
ausradiert und als führe man in ein weißes Blatt. Es gab nichts als
das Geläut, und man konnte nicht sagen, wo es eigentlich war. Es kam
ein Moment, da es einhielt, als wäre nun die letzte Schelle ausgegeben;
aber dann sammelte es sich wieder und war beisammen und streute sich
wieder aus dem Vollen aus. Den Kirchturm links konnte man sich
eingebildet haben. Aber der Parkkontur war plötzlich da, hoch,
beinahe über einem, und man befand sich in der langen Allee. Das
Geläut fiel nicht mehr ganz ab; es war, als hängte es sich in Trauben
rechts und links an die Bäume. Dann schwenkte man und fuhr rund um
etwas herum und rechts an etwas vorbei und hielt in der Mitte.
Georg hatte ganz vergessen, daß das Haus nicht da war, und für uns
alle war es in diesem Augenblick da. Wir stiegen die Freitreppe
hinauf, die auf die alte Terrasse führte, und wunderten uns nur, daß
es ganz dunkel sei. Auf einmal ging eine Tür, links unten hinter uns,
und jemand rief: "Hierher!" und hob und schwenkte ein dunstiges Licht.
Mein Vater lachte: "Wir steigen hier herum wie die Gespenster", und
er half uns wieder die Stufen zurück.
"Aber es war doch eben ein Haus da", sagte Maman und konnte sich gar
nicht so rasch an Wjera Schulin gewöhnen, die warm und lachend
herausgelaufen war. Nun mußte man natürlich schnell hinein, und an
das Haus war nicht mehr zu denken. In einem engen Vorzimmer wurde man
ausgezogen, und dann war man gleich mitten drin unter den Lampen und
der Wärme gegenüber.
Diese Schulins waren ein mächtiges Geschlecht selbständiger Frauen.
Ich weiß nicht, ob es Söhne gab. Ich erinnere mich nur dreier
Schwestern; der ältesten, die an einen Marchese in Neapel verheiratet
gewesen war, von dem sie sich nun langsam unter vielen Prozessen
schied. Dann kam Zoë, von der es hieß, daß es nichts gab, was sie
nicht wußte. Und vor allem war Wjera da, diese warme Wjera; Gott weiß,
was aus ihr geworden ist. Die Gräfin, eine Narischkin, war
eigentlich die vierte Schwester und in gewisser Beziehung die jüngste.
Sie wußte von nichts und mußte in einem fort von ihren Kindern
unterrichtet werden. Und der gute Graf Schulin fühlte sich, als ob er
mit allen diesen Frauen verheiratet sei, und ging herum und küßte sie,
wie es eben kam.
Vor der Hand lachte er laut und begrüßte uns eingehend. Ich wurde
unter den Frauen weitergegeben und befühlt und befragt. Aber ich
hatte mir fest vorgenommen, wenn das vorüber sei, irgendwie
hinauszugleiten und mich nach dem Haus umzusehen. Ich war überzeugt,
daß es heute da sei. Das Hinauskommen war nicht so schwierig;
zwischen allen den Kleidern kam man unten durch wie ein Hund, und die
Tür nach dem Vorraum zu war noch angelehnt. Aber draußen die äußere
wollte nicht nachgeben. Da waren mehrere Vorrichtungen, Ketten und
Riegel, die ich nicht richtig behandelte in der Eile. Plötzlich ging
sie doch auf, aber mit lautem Geräusch, und eh ich draußen war, wurde
ich festgehalten und zurückgezogen.
"Halt, hier wird nicht ausgekniffen", sagte Wjera Schulin belustigt.
Sie beugte sich zu mir, und ich war entschlossen, dieser warmen Person
nichts zu verraten. Sie aber, als ich nichts sagte, nahm ohne weiters
an, eine Nötigung meiner Natur hätte mich an die Tür getrieben; sie
ergriff meine Hand und fing schon an zu gehen und wollte mich, halb
vertraulich, halb hochmütig, irgendwohin mitziehen. Dieses intime
Mißverständnis kränkte mich über die Maßen. Ich riß mich los und sah
sie böse an. "Das Haus will ich sehen", sagte ich stolz. Sie begriff
nicht.
"Das große Haus draußen an der Treppe."
"Schaf", machte sie und haschte nach mir, "da ist doch gar kein Haus
mehr." Ich bestand darauf.
"Wir gehen einmal bei Tage hin", schlug sie einlenkend vor, "jetzt
kann man da nicht herumkriechen. Es sind Löcher da, und gleich
dahinter sind Papas Fischteiche, die nicht zufrieren dürfen. Da
fällst du hinein und wirst ein Fisch."
Damit schob sie mich vor sich her wieder in die hellen Stuben. Da
saßen sie alle und sprachen, und ich sah sie mir der Reihe nach an:
die gehen natürlich nur hin, wenn es nicht da ist, dachte ich
verächtlich; wenn Maman und ich hier wohnten, so wäre es immer da.
Maman sah zerstreut aus, während alle zugleich redeten. Sie dachte
gewiß an das Haus.
Zoë setzte sich zu mir und stellte mir Fragen. Sie hatte ein
gutgeordnetes Gesicht, in dem sich das Einsehen von Zeit zu Zeit
erneute, als sähe sie beständig etwas ein. Mein Vater saß etwas nach
rechts geneigt und hörte der Marchesin zu, die lachte. Graf Schulin
stand zwischen Maman und seiner Frau und erzählte etwas. Aber die
Gräfin unterbrach ihn, sah ich, mitten im Satze.
"Nein, Kind, das bildest du dir ein", sagte der Graf gutmütig, aber er
hatte auf einmal dasselbe beunruhigte Gesicht, das er vorstreckte über
den beiden Damen. Die Gräfin war von ihrer sogenannten Einbildung
nicht abzubringen. Sie sah ganz angestrengt aus, wie jemand, der
nicht gestört sein will. Sie machte kleine, abwinkende Bewegungen mit
ihren weichen Ringhänden, jemand sagte "sst", und es wurde plötzlich
ganz still.
Hinter den Menschen drängten sich die großen Gegenstände aus dem alten
Hause, viel zu nah. Das schwere Familiensilber glänzte und wölbte
sich, als sähe man es durch Vergrößerungsgläser. Mein Vater sah sich
befremdet um.
"Mama riecht", sagte Wjera Schulin hinter ihm, "da müssen wir immer
alle still sein, sie riecht mit den Ohren", dabei aber stand sie
selbst mit hochgezogenen Augenbrauen da, aufmerksam und ganz Nase.
Die Schulins waren in dieser Beziehung ein bißchen eigen seit dem
Brande. In den engen, überheizten Stuben kam jeden Augenblick ein
Geruch auf, und dann untersuchte man ihn, und jeder gab seine Meinung
ab. Zoë machte sich am Ofen zu tun, sachlich und gewissenhaft, der
Graf ging umher und stand ein wenig in jeder Ecke und wartete; "hier
ist es nicht", sagte er dann. Die Gräfin war aufgestanden und wußte
nicht, wo sie suchen sollte. Mein Vater drehte sich langsam um sich
selbst, als hätte er den Geruch hinter sich. Die Marchesin, die
sofort angenommen hatte, daß es ein garstiger Geruch sei, hielt ihr
Taschentuch vor und sah von einem zum andern, ob es vorüber wäre.
"Hier, hier", rief Wjera von Zeit zu Zeit, als hätte sie ihn. Und um
jedes Wort herum war es merkwürdig still. Was mich angeht, so hatte
ich fleißig mitgerochen. Aber auf einmal (war es die Hitze in den
Zimmern oder das viele nahe Licht) überfiel mich zum erstenmal in
meinem Leben etwas wie Gespensterfurcht. Es wurde mir klar, daß alle
die deutlichen großen Menschen, die eben noch gesprochen und gelacht
hatten, gebückt herumgingen und sich mit etwas Unsichtbarem
beschäftigten; daß sie zugaben, daß da etwas war, was sie nicht sahen.
Und es war schrecklich, daß es stärker war als sie alle.
Meine Angst steigerte sich. Mir war, als könnte das, was sie suchten,
plötzlich aus mir ausbrechen wie ein Ausschlag; und dann würden sie es
sehen und nach mir zeigen. Ganz verzweifelt sah ich nach Maman
hinüber. Sie saß eigentümlich gerade da, mir kam vor, daß sie auf
mich wartete. Kaum war ich bei ihr und fühlte, daß sie innen zitterte,
so wußte ich, daß das Haus jetzt erst wieder verging.
"Malte, Feigling", lachte es irgendwo. Es war Wjeras Stimme. Aber
wir ließen einander nicht los und ertrugen es zusammen; und wir
blieben so, Maman und ich, bis das Haus wieder ganz vergangen war.
Am reichsten an beinah unfaßbaren Erfahrungen waren aber doch die
Geburtstage. Man wußte ja schon, daß das Leben sich darin gefiel,
keine Unterschiede zu machen; aber zu diesem Tage stand man mit einem
Recht auf Freude auf, an dem nicht zu zweifeln war. Wahrscheinlich
war das Gefühl dieses Rechts ganz früh in einem ausgebildet worden, zu
der Zeit, da man nach allem greift und rein alles bekommt und da man
die Dinge, die man gerade festhält, mit unbeirrbarer Einbildungskraft
zu der grundfarbigen Intensität des gerade herrschenden Verlangens
steigert.
Dann aber kommen auf einmal jene merkwürdigen Geburtstage, da man, im
Bewußtsein dieses Rechtes völlig befestigt, die anderen unsicher
werden sieht. Man möchte wohl noch wie früher angekleidet werden und
dann alles Weitere entgegennehmen. Aber kaum ist man wach, so ruft
jemand draußen, die Torte sei noch nicht da; oder man hört, daß etwas
zerbricht, während nebenan der Geschenktisch geordnet wird; oder es
kommt jemand herein und läßt die Türe offen, und man sieht alles, ehe
man es hätte sehen dürfen. Das ist der Augenblick, wo etwas wie eine
Operation an einem geschieht. Ein kurzer, wahnsinnig schmerzhafter
Eingriff. Aber die Hand, die ihn tut, ist geübt und fest. Es ist
gleich vorbei. Und kaum ist es überstanden, so denkt man nicht mehr
an sich; es gilt, den Geburtstag zu retten, die anderen zu beobachten,
ihren Fehlern zuvorzukommen, sie in ihrer Einbildung zu bestärken, daß
sie alles trefflich bewältigen. Sie machen es einem nicht leicht. Es
erweist sich, daß sie von einer beispiellosen Ungeschicklichkeit sind,
beinahe stupide. Sie bringen es zuwege, mit irgendwelchen Paketen
hereinzukommen, die für andere Leute bestimmt sind; man läuft ihnen
entgegen und muß hernach tun, als liefe man überhaupt in der Stube
herum, um sich Bewegung zu schaffen, auf nichts Bestimmtes zu. Sie
wollen einen überraschen und heben mit oberflächlich nachgeahmter
Erwartung die unterste Lage in den Spielzeugschachteln auf, wo weiter
nichts ist als Holzwolle; da muß man ihnen ihre Verlegenheit
erleichtern. Oder wenn es etwas Mechanisches war, so überdrehen sie
das, was sie einem geschenkt haben, beim ersten Aufziehen. Es ist
deshalb gut, wenn man sich beizeiten übt, eine überdrehte Maus oder
dergleichen unauffällig mit dem Fuß weiterzustoßen: auf diese Weise
kann man sie oft täuschen und ihnen über die Beschämung forthelfen.
Das alles leistete man schließlich, wie es verlangt wurde, auch ohne
besondere Begabung. Talent war eigentlich nur nötig, wenn sich einer
Mühe gegeben hatte, und brachte, wichtig und gutmütig, eine Freude,
und man sah schon von weitem, daß es eine Freude für einen ganz
anderen war, eine vollkommen fremde Freude; man wußte nicht einmal
jemanden, dem sie gepaßt hätte: so fremd war sie.
Daß man erzählte, wirklich erzählte, das muß vor meiner Zeit gewesen
sein. Ich habe nie jemanden erzählen hören. Damals, als Abelone mir
von Mamans Jugend sprach, zeigte es sich, daß sie nicht erzählen könne.
Der alte Graf Brahe soll es noch gekonnt haben. Ich will
aufschreiben, was sie davon wußte.
Abelone muß als ganz junges Mädchen eine Zeit gehabt haben, da sie von
einer eigenen, weiten Bewegtheit war. Brahes wohnten damals in der
Stadt, in der Bredgade, unter ziemlicher Geselligkeit. Wenn sie
abends spät hinauf in ihr Zimmer kam, so meinte sie müde zu sein wie
die anderen. Aber dann fühlte sie auf einmal das Fenster und, wenn
ich recht verstanden habe, so konnte sie vor der Nacht stehn,
stundenlang, und denken: das geht mich an. "Wie ein Gefangener stand
ich da", sagte sie, "und die Sterne waren die Freiheit." Sie konnte
damals einschlafen, ohne sich schwer zu machen. Der Ausdruck
In-den-Schlaf-fallen paßt nicht für dieses Mädchenjahr. Schlaf war
etwas, was mit einem stieg, und von Zeit zu Zeit hatte man die Augen
offen und lag auf einer neuen Oberfläche, die noch lang nicht die
oberste war. Und dann war man auf vor Tag; selbst im Winter, wenn die
anderen schläfrig und spät zum späten Frühstück kamen. Abends, wenn
es dunkel wurde, gab es ja immer nur Lichter für alle, gemeinsame
Lichter. Aber diese beiden Kerzen ganz früh in der neuen Dunkelheit,
mit der alles wieder anfing, die hatte man für sich. Sie standen in
ihrem niederen Doppelleuchter und schienen ruhig durch die kleinen,
ovalen, mit Rosen bemalten Tüllschirme, die von Zeit zu Zeit
nachgerückt werden mußten. Das hatte nichts Störendes; denn einmal
war man durchaus nicht eilig, und dann kam es doch so, daß man
manchmal aufsehen mußte und nachdenken, wenn man an einem Brief
schrieb oder in das Tagebuch, das früher einmal mit ganz anderer
Schrift, ängstlich und schön, begonnen war.
Der Graf Brahe lebte ganz abseits von seinen Töchtern. Er hielt es
für Einbildung, wenn jemand behauptete, das Leben mit andern zu teilen.
("Ja, teilen--", sagte er.) Aber es war ihm nicht unlieb, wenn die
Leute ihm von seinen Töchtern erzählten; er hörte aufmerksam zu, als
wohnten sie in einer anderen Stadt.
Es war deshalb etwas ganz Außerordentliches, daß er einmal nach dem
Frühstück Abelone zu sich winkte: "Wir haben die gleichen Gewohnheiten,
wie es scheint, ich schreibe auch ganz früh. Du kannst mir helfen."
Abelone wußte es noch wie gestern.
Schon am anderen Morgen wurde sie in ihres Vaters Kabinett geführt,
das im Rufe der Unzugänglichkeit stand. Sie hatte nicht Zeit, es in
Augenschein zu nehmen, denn man setzte sie sofort gegen dem Grafen
über an den Schreibtisch, der ihr wie eine Ebene schien mit Büchern
und Schriftstößen als Ortschaften.
Der Graf diktierte. Diejenigen, die behaupteten, daß Graf Brahe seine
Memoiren schriebe, hatten nicht völlig unrecht. Nur daß es sich nicht
um politische oder militärische Erinnerungen handelte, wie man mit
Spannung erwartete. "Die vergesse ich", sagte der alte Herr kurz wenn
ihn jemand auf solche Tatsachen hin anredete. Was er aber nicht
vergessen wollte, das war seine Kindheit. Auf die hielt er. Und es
war ganz in der Ordnung, seiner Meinung nach, daß jene sehr entfernte
Zeit nun in ihm die Oberhand gewann, daß sie, wenn er seinen Blick
nach innen kehrte, dalag wie in einer hellen nordischen Sommernacht,
gesteigert und schlaflos.
Manchmal sprang er auf und redete in die Kerzen hinein, daß sie
flackerten. Oder ganze Sätze mußten wieder durchgestrichen werden,
und dann ging er heftig hin und her und wehte mit seinem nilgrünen,
seidenen Schlafrock. Während alledem war noch eine Person zugegen,
Sten, des Grafen alter, jütländischer Kammerdiener, dessen Aufgabe es
war, wenn der Großvater aufsprang, die Hände schnell über die
einzelnen losen Blätter zu legen, die, mit Notizen bedeckt, auf dem
Tische herumlagen. Seine Gnaden hatten die Vorstellung, daß das
heutige Papier nichts tauge, daß es viel zu leicht sei und davonfliege
bei der geringsten Gelegenheit. Und Sten, von dem man nur die lange
obere Hälfte sah, teilte diesen Verdacht und saß gleichsam auf seinen
Händen, lichtblind und ernst wie ein Nachtvogel.
Dieser Sten verbrachte die Sonntag-Nachmittage damit, Swedenborg zu
lesen, und niemand von der Dienerschaft hätte je sein Zimmer betreten
mögen, weil es hieß, daß er zitiere. Die Familie Stens hatte seit je
Umgang mit Geistern gehabt, und Sten war für diesen Verkehr ganz
besonders vorausbestimmt. Seiner Mutter war etwas erschienen in der
Nacht, da sie ihn gebar. Er hatte große, runde Augen, und das andere
Ende seines Blicks kam hinter jeden zu liegen, den er damit ansah.
Abelonens Vater fragte ihn oft nach den Geistern, wie man sonst
jemanden nach seinen Angehörigen fragt: "Kommen sie, Sten?" sagte er
wohlwollend. "Es ist gut, wenn sie kommen."
Ein paar Tage ging das Diktieren seinen Gang. Aber dann konnte
Abelone 'Eckernförde' nicht schreiben. Es war ein Eigenname, und sie
hatte ihn nie gehört. Der Graf, der im Grunde schon lange einen
Vorwand suchte, das Schreiben aufzugeben, das zu langsam war für seine
Erinnerungen stellte sich unwillig.
"Sie kann es nicht schreiben", sagte er scharf, "und andere werden es
nicht lesen können. Und werden sie es überhaupt sehen, was ich da
sage?" fuhr er böse fort und ließ Abelone nicht aus den Augen.
"Werden sie ihn sehen, diesen Saint-Germain?" schrie er sie an.
"Haben wir Saint-Germain gesagt? streich es durch. Schreib: der
Marquis von Belmare."
Abelone strich durch und schrieb. Aber der Graf sprach so schnell
weiter, daß man nicht mitkonnte.
"Er mochte Kinder nicht leiden, dieser vortreffliche Belmare, aber
mich nahm er auf sein Knie, so klein ich war, und mir kam die Idee, in
seine Diamantknöpfe zu beißen. Das freute ihn. Er lachte und hob mir
den Kopf, bis wir einander in die Augen sahen: 'Du hast ausgezeichnete
Zähne', sagte er, 'Zähne, die etwas unternehmen...'--Ich aber merkte
mir seine Augen. Ich bin später da und dort herumgekommen. Ich habe
allerhand Augen gesehen, kannst du mir glauben: solche nicht wieder.
Für diese Augen hätte nichts da sein müssen, die hattens in sich. Du
hast von Venedig gehört? Gut. Ich sage dir, die hätten Venedig hier
hereingesehen in dieses Zimmer, daß es da gewesen wäre, wie der Tisch.
Ich saß in der Ecke einmal und hörte, wie er meinem Vater von Persien
erzählte, manchmal mein ich noch, mir riechen die Hände davon. Mein
Vater schätzte ihn, und Seine Hoheit, der Landgraf, war so etwas wie
sein Schüler. Aber es gab natürlich genug, die ihm übelnahmen, daß er
an die Vergangenheit nur glaubte, wenn sie in ihm war. Das konnten
sie nicht begreifen, daß der Kram nur Sinn hat, wenn man damit geboren
wird."
"Die Bücher sind leer", schrie der Graf mit einer wütenden Gebärde
nach den Wänden hin, "das Blut, darauf kommt es an, da muß man drin
lesen können. Er hatte wunderliche Geschichten drin und merkwürdige
Abbildungen, dieser Belmare; er konnte aufschlagen, wo er wollte, da
war immer was beschrieben; keine Seite in seinem Blut war überschlagen
worden. Und wenn er sich einschloß von Zeit zu Zeit und allein drin
blätterte, dann kam er zu den Stellen über das Goldmachen und über die
Steine und über die Farben. Warum soll das nicht darin gestanden
haben? Es steht sicher irgendwo."
"Er hätte gut mit einer Wahrheit leben können, dieser Mensch, wenn er
allein gewesen wäre. Aber es war keine Kleinigkeit, allein zu sein
mit einer solchen. Und er war nicht so geschmacklos, die Leute
einzuladen, daß sie ihn bei seiner Wahrheit besuchten; die sollte
nicht ins Gerede kommen: dazu war er viel zu sehr Orientale. 'Adieu,
Madame', sagte er ihr wahrheitsgemäß, 'auf ein anderes Mal.
Vielleicht ist man in tausend Jahren etwas kräftiger und ungestörter.
Ihre Schönheit ist ja doch erst im Werden, Madame', sagte er, und das
war keine bloße Höflichkeit. Damit ging er fort und legte draußen für
die Leute seinen Tierpark an, eine Art Jardin d'Acclimatation für die
größeren Arten von Lügen, die man bei uns noch nie gesehen hatte, und
ein Palmenhaus von Übertreibungen und eine kleine, gepflegte Figuerie
falscher Geheimnisse. Da kamen sie von allen Seiten, und er ging
herum mit Diamantschnallen an den Schuhen und war ganz für seine Gäste
da."
"Eine oberflächliche Existenz: wie? Im Grunde wars doch eine
Ritterlichkeit gegen seine Dame, und er hat sich ziemlich dabei
konserviert."
Seit einer Weile schon redete der Alte nicht mehr auf Abelone ein, die
er vergessen hatte. Er ging wie rasend auf und ab und warf
herausfordernde Blicke auf Sten, als sollte Sten in einem gewissen
Augenblicke sich in den verwandeln, an den er dachte. Aber Sten
verwandelte sich noch nicht.
"Man müßte ihn sehen," fuhr Graf Brahe versessen fort. "Es gab eine
Zeit, wo er durchaus sichtbar war, obwohl in manchen Städten die
Briefe, die er empfing, an niemanden gerichtet waren: es stand nur der
Ort darauf, sonst nichts. Aber ich hab ihn gesehen."