gewesen. Denn ich habe nie einen gehabt. Es ist schade, daß du auf
Freundschaft nichts gabst. Ich hätte dir manches erzählen mögen.
Vielleicht hätten wir uns vertragen. Man kann nicht wissen. Ich
erinnere mich, daß damals dein Bild gemalt wurde. Der Großvater hatte
jemanden kommen lassen, der dich malte. Jeden Morgen eine Stunde.
Ich kann mich nicht besinnen, wie der Maler aussah, sein Name ist mir
entfallen, obwohl Mathilde Brahe ihn jeden Augenblick wiederholte.
Ob er dich gesehen hat, wie ich dich seh? Du trugst einen Anzug von
heliotropfarbenem Samt. Mathilde Brahe schwärmte für diesen Anzug.
Aber das ist nun gleichgültig. Nur ob er dich gesehen hat, möchte ich
wissen. Nehmen wir an, daß es ein wirklicher Maler war.Nehmen wir an,
daß er nicht daran dachte, daß du sterben könntest, ehe er fertig
würde; daß er die Sache gar nicht sentimental ansah; daß er einfach
arbeitete. Daß die Ungleichheit deiner beiden braunen Augen ihn
entzückte; daß er keinen Moment sich schämte für das unbewegliche; daß
er den Takt hatte, nichts hinzuzulegen auf den Tisch zu deiner Hand,
die sich vielleicht ein wenig stützte--. Nehmen wir sonst noch alles
Nötige an und lassen es gelten: so ist ein Bild da, dein Bild, in der
Galerie auf Urnekloster das letzte.
(Und wenn man geht, und man hat sie alle gesehen, so ist da noch ein
Knabe. Einen Augenblick: wer ist das? Ein Brahe. Siehst du den
silbernen Pfahl im schwarzen Feld und die Pfauenfedern? Da steht auch
der Name: Erik Brahe. War das nicht ein Erik Brahe, der hingerichtet
worden ist? Natürlich, das ist bekannt genug. Aber um den kann es
sich nicht handeln. Dieser Knabe ist als Knabe gestorben, gleichviel
wann. Kannst du das nicht sehen?)
Wenn Besuch da war und Erik wurde gerufen, so versicherte das Fräulein
Mathilde Brahe jedesmal, es sei geradezu unglaublich, wie sehr er der
alten Gräfin Brahe gliche, meiner Großmutter. Sie soll eine sehr
große Dame gewesen sein. Ich habe sie nicht gekannt. Dagegen
erinnere ich mich sehr gut an die Mutter meines Vaters, die
eigentliche Herrin auf Ulsgaard. Das war sie wohl immer geblieben,
wie sehr sie es auch Maman übelnahm, daß sie als des Jägermeisters
Frau ins Haus gekommen war. Seither tat sie beständig, als zöge sie
sich zurück, und schickte die Dienstleute mit jeder Kleinigkeit weiter
zu Maman hinein, während sie in wichtigen Angelegenheiten ruhig
entschied und verfügte, ohne irgend jemandem Rechenschaft abzulegen.
Maman, glaube ich, wünschte es gar nicht anders. Sie war so wenig
gemacht, ein großes Haus zu übersehen, ihr fehlte völlig die
Einteilung der Dinge in nebensächliche und wichtige. Alles, wovon man
ihr sprach, schien ihr immer das Ganze zu sein, und sie vergaß darüber
das andere, das doch auch noch da war. Sie beklagte sich nie über
ihre Schwiegermutter. Und bei wem hätte sie sich auch beklagen
sollen? Vater war ein äußerst respektvoller Sohn, und Großvater hatte
wenig zu sagen.
Frau Margarete Brigge war immer schon, soweit ich denken kann, eine
hochgewachsene, unzugängliche Greisin. Ich kann mir nicht anders
vorstellen, als daß sie viel älter gewesen sei, als der Kammerherr.
Sie lebte mitten unter uns ihr Leben, ohne auf jemanden Rücksicht zu
nehmen. Sie war auf keinen von uns angewiesen und hatte immer eine
Art Gesellschafterin, eine alternde Komtesse Oxe, um sich, die sie
sich durch ihrgendeine Wohltat unbegrenzt verpflichtet hatte. Dies
mußte eine einzelne Ausnahme gewesen sein, denn wohltun war sonst
nicht ihre Art. Sie liebte keine Kinder, und Tiere durften nicht in
ihre Nähe. Ich weiß nicht, ob sie sonst etwas liebte. Es wurde
erzählt, daß sie als ganz junges Mädchen dem schönen Felix Lichnowski
verlobt gewesen sei, der dann in Frankfurt so grausam ums Leben kam.
Und in der Tat war nach ihrem Tode ein Bildnis des Fürsten da, das,
wenn ich nicht irre, an die Familie zurückgegeben worden ist.
Vielleicht, denke ich mir jetzt, versäumte sie über diesem
eingezogenen ländlichen Leben, das das Leben auf Ulsgaard von Jahr zu
Jahr mehr geworden war, ein anderes, glänzendes: ihr natürliches. Es
ist schwer zu sagen, ob sie es betrauerte. Vielleicht verachtete sie
es dafür, daß es nicht gekommen war, daß es die Gelegenheit verfehlt
hatte, mit Geschick und Talent gelebt worden zu sein. Sie hatte alles
dies so weit in sich hineingenommen und hatte darüber Schalen
angesetzt, viele, spröde, ein wenig metallisch glänzende Schalen,
deren jeweilig oberste sich neu und kühl ausnahm. Bisweilen freilich
verriet sie sich doch durch eine naive Ungeduld, nicht genügend
beachtet zu sein; zu meiner Zeit konnte sie sich dann bei Tische
plötzlich verschlucken auf irgendeine deutliche und komplizierte Art,
die ihr die Teilnahme aller sicherte und sie, für einen Augenblick
wenigstens, so sensationell und spannend erscheinen ließ, wie sie es
im Großen hätte sein mögen. Indessen vermute ich, daß mein Vater der
einzige war, der diese viel zu häufigen Zufälle ernst nahm. Er sah
ihr, höflich vorübergeneigt, zu, man konnte merken, wie er ihr in
Gedanken seine eigene, ordentliche Luftröhre gleichsam anbot und ganz
zur Verfügung stellte. Der Kammerherr hatte natürlich gleichfalls zu
essen aufgehört; er nahm einen kleinen Schluck Wein und enthielt sich
jeder Meinung.
Er hatte bei Tische ein einziges Mal die seinige seiner Gemahlin
gegenüber aufrechterhalten. Das war lange her; aber die Geschichte
wurde doch noch boshaft und heimlich weitergegeben; es gab fast
überall jemanden, der sie noch nicht gehört hatte. Es hieß, daß die
Kammerherrin zu einer gewissen Zeit sich sehr über Weinfieckeereifern
konnte, die durch Ungeschicklichkeit ins Tischzeug gerieten; daß ein
solcher Fleck, bei welchem Anlaß er auch passieren mochte, von ihr
bemerkt und unter dem heftigsten Tadel sozusagen bloßgestellt wurde.
Dazu wäre es auch einmal gekommen, als man mehrere und namhafte Gäste
hatte. Ein paar unschuldige Flecke, die sie übertrieb, wurden der
Gegenstand ihrer höhnischen Anschuldigungen, und wie sehr der
Großvater sich auch bemühte, sie durch kleine Zeichen und scherzhafte
Zurufe zu ermahnen, so wäre sie doch eigensinnig bei ihren Vorwürfen
geblieben, die sie dann allerdings mitten im Satze stehen lassen mußte.
Es geschah nämlich etwas nie Dagewesenes und völlig Unbegreifliches.
Der Kammerherr hatte sich den Rotwein geben lassen, der gerade
herumgereicht worden war, und war nun in aller Aufmerksamkeit dabei,
sein Glas selber zu füllen. Nur daß er, wunderbarerweise, einzugießen
nicht aufhörte, als es längst voll war, sondern unter zunehmender
Stille langsam und vorsichtig weitergoß, bis Maman, die nie an sich
halten konnte, auflachte und damit die ganze Angelegenheit nach dem
Lachen hin in Ordnung brachte. Denn nun stimmten alle erleichtert ein,
und der Kammerherr sah auf und reichte dem Diener die Flasche.
Später gewann eine andere Eigenheit die Oberhand bei meiner Großmutter.
Sie konnte es nicht ertragen, daß jemand im Hause erkrankte. Einmal,
als die Köchin sich verletzt hatte und sie sah sie zufällig mit der
eingebundenen Hand, behauptete sie, das Jodoform im ganzen Hause zu
riechen, und war schwer zu überzeugen, daß man die Person daraufhin
nicht entlassen könne. Sie wollte nicht an das Kranksein erinnert
werden. Hatte jemand die Unvorsichtigkeit, vor ihr irgendein kleines
Unbehagen zu äußern, so war das nichts anderes als eine persönliche
Kränkung für sie, und sie trug sie ihm lange nach.
In jenem Herbst, als Maman starb, schloß sich die Kammerherrin mit
Sophie Oxe ganz in ihren Zimmern ein und brach allen Verkehr mit uns
ab. Nicht einmal ihr Sohn wurde angenommen. Es ist ja wahr, dieses
Sterben fiel recht unpassend. Die Zimmer waren kalt, die Öfen
rauchten, und die Mäuse waren ins Haus gedrungen; man war nirgends
sicher vor ihnen. Aber das allein war es nicht, Frau Margarete Brigge
war empört, daß Maman starb; daß da eine Sache auf der Tagesordnung
stand, von der zu sprechen sie ablehnte; daß die junge Frau sich den
Vortritt anmaßte vor ihr, die einmal zu sterben gedachte zu einem
durchaus noch nicht festgesetzten Termin. Denn daran, daß sie würde
sterben müssen, dachte sie oft. Aber sie wollte nicht gedrängt sein.
Sie würde sterben, gewiß, wann es ihr gefiel, und dann konnten sie ja
alle ruhig sterben, hinterher, wenn sie es so eilig hatten.
Mamans Tod verzieh sie uns niemals ganz. Sie alterte übrigens rasch
während des folgenden Winters. Im Gehen war sie immer noch hoch, aber
im Sessel sank sie zusammen, und ihr Gehör wurde schwieriger. Man
konnte sitzen und sie groß ansehen, stundenlang, sie fühlte es nicht.
Sie war irgendwo drinnen; sie kam nur noch selten und nur für
Augenblicke in ihre Sinne, die leer waren, die sie nicht mehr bewohnte.
Dann sagte sie etwas zu der Komtesse, die ihr die Mantille richtete,
und nahm mit den großen, frisch gewaschenen Händen ihr Kleid an sich,
als wäre Wasser vergossen oder als wären wir nicht ganz reinlich.
Sie starb gegen den Frühling zu, in der Stadt, eines Nachts. Sophie
Oxe, deren Tür offenstand, hatte nichts gehört. Da man sie am Morgen
fand, war sie kalt wie Glas.
Gleich darauf begann des Kammerherrn große und schreckliche Krankheit.
Es war, als hätte er ihr Ende abgewartet, um so rücksichtslos sterben
zu können, wie er mußte.
Es war in dem Jahr nach Mamans Tode, daß ich Abelone zuerst bemerkte.
Abelone war immer da. Das tat ihr großen Eintrag. Und dann war
Abelone unsympathisch, das hatte ich ganz früher einmal bei
irgendeinem Anlaß festgestellt, und es war nie zu einer ernstlichen
Durchsicht dieser Meinung gekommen. Zu fragen, was es mit Abelone für
eine Bewandtnis habe, das wäre mir bis dahin beinah lächerlich
erschienen. Abelone war da, und man nutzte sie ab, wie man eben
konnte. Aber auf einmal fragte ich mich: Warum ist Abelone da? Jeder
bei uns hatte einen bestimmten Sinn da zu sein, wenn er auch
keineswegs immer so augenscheinlich war, wie zum Beispiel die
Anwendung des Fräuleins Oxe. Aber weshalb war Abelone da? Eine
Zeitlang war davon die Rede gewesen, daß sie sich zerstreuen solle.
Aber das geriet in Vergessenheit. Niemand trug etwas zu Abelones
Zerstreuung bei. Es machte durchaus nicht den Eindruck, daß sie sich
zerstreue.
Übrigens hatte Abelone ein Gutes: sie sang. Das heißt, es gab Zeiten,
wo sie sang. Es war eine starke, unbeirrbare Musik in ihr. Wenn es
wahr ist, daß die Engel männlich sind, so kann man wohl sagen, daß
etwas Männliches in ihrer Stimme war: eine strahlende, himmlische
Männlichkeit. Ich, der ich schon als Kind der Musik gegenüber so
mißtrauisch war (nicht, weil sie mich stärker als alles forthob aus
mir, sondern, weil ich gemerkt hatte, daß sie mich nicht wieder dort
ablegte, wo sie mich gefunden hatte, sondern tiefer, irgendwo ganz ins
Unfertige hinein), ich ertrug diese Musik, auf der man aufrecht
aufwärtssteigen konnte, höher und höher, bis man meinte, dies müßte
ungefähr schon der Himmel sein seit einer Weile. Ich ahnte nicht, daß
Abelone mir noch andere Himmel öffnen sollte.
Zunächst bestand unsere Beziehung darin, daß sie mir von Mamans
Mädchenzeit erzählte. Sie hielt viel darauf, mich zu überzeugen, wie
mutig und jung Maman gewesen wäre. Es gab damals niemanden nach ihrer
Versicherung, der sich im Tanzen oder im Reiten mir ihr messen konnte.
"Sie war die Kühnste und unermüdlich, und dann heiratete sie auf
einmal", sagte Abelone, immer noch erstaunt nach so vielen Jahren.
"Es kam so unerwartet, niemand konnte es recht begreifen."
Ich interessierte mich dafür, weshalb Abelone nicht geheiratet hatte.
Sie kam mir alt vor verhältnismäßig, und daß sie es noch könnte, daran
dachte ich nicht.
"Es war niemand da", antwortete sie einfach und wurde richtig schön
dabei. Ist Abelone schön? fragte ich mich überrascht. Dann kam ich
fort von Hause, auf die Adels-Akademie, und es begann eine widerliche
und arge Zeit. Aber wenn ich dort zu Sorö, abseits von den andern, im
Fenster stand, und sie ließen mich ein wenig in Ruh, so sah ich hinaus
in die Bäume, und in solchen Augenblicken und nachts wuchs in mir die
Sicherheit, daß Abelone schön sei. Und ich fing an, ihr alle jene
Briefe zu schreiben, lange und kurze, viele heimliche Briefe, darin
ich von Ulsgaard zu handeln meinte und davon, daß ich unglücklich sei.
Aber es werden doch wohl, so wie ich es jetzt sehe, Liebesbriefe
gewesen sein. Denn schließlich kamen die Ferien, die erst gar nicht
kommen wollten, und da war es wie auf Verabredung, daß wir uns nicht
vor den anderen wiedersahen.
Es war durchaus nichts vereinbart zwischen uns, aber da der Wagen
einbog in den Park, konnte ich es nicht lassen, auszusteigen,
vielleicht nur, weil ich nicht anfahren wollte, wie irgendein Fremder.
Es war schon voller Sommer. Ich lief in einen der Wege hinein und
auf einen Goldregen zu. Und da war Abelone. Schöne, schöne Abelone.
Ich wills nie vergessen, wie das war, wenn du mich anschautest. Wie
du dein Schauen trugst, gleichsam wie etwas nicht Befestigtes es
aufhaltend auf zurückgeneigtem Gesicht.
Ach, ob das Klima sich gar nicht verändert hat? Ob es nicht milder
geworden ist um Ulsgaard herum von all unserer Wärme? Ob einzelne
Rosen nicht länger blühen jetzt im Park, bis in den Dezember hinein?
Ich will nichts erzählen von dir, Abelone. Nicht deshalb, weil wir
einander täuschten: weil du Einen liebtest, auch damals, den du nie
vergessen hast, Liebende, und ich: alle Frauen; sondern weil mit dem
Sagen nur unrecht geschieht.
Es giebt Teppiche hier, Abelone, Wandteppiche. Ich bilde mir ein, du
bist da, sechs Teppiche sinds, komm, laß uns langsam vorübergehen.
Aber erst tritt zurück und sieh alle zugleich. Wie ruhig sie sind,
nicht? Es ist wenig Abwechslung darin. Da ist immer diese ovale
blaue Insel, schwebend im zurückhaltend roten Grund, der blumig ist
und von kleinen, mit sich beschäftigten Tieren bewohnt. Nur dort, im
letzten Teppich, steigt die Insel ein wenig auf, als ob sie leichter
geworden sei. Sie trägt immer eine Gestalt, eine Frau in
verschiedener Tracht, aber immer dieselbe. Zuweilen ist eine kleinere
Figur neben ihr, eine Dienerin, und immer sind die wappentragenden
Tiere da, groß, mit auf der Insel, mit in der Handlung. Links ein
Löwe, und rechts, hell, das Einhorn; sie halten die gleichen Banner,
die hoch über ihnen zeigen: drei silberne Monde, steigend, in blauer
Binde auf rotem Feld.--Hast du gesehen, willst du beim ersten
beginnen?
Sie füttert den Falken. Wie herrlich ihr Anzug ist. Der Vogel ist
auf der gekleideten Hand und rührt sich. Sie sieht ihm zu und langt
dabei in die Schale, die ihr die Dienerin bringt, um ihm etwas zu
reichen. Rechts unten auf der Schleppe hält sich ein kleiner,
seidenhaariger Hund, der aufsieht und hofft, man werde sich seiner
erinnern. Und, hast du bemerkt, ein niederes Rosengitter schließt
hinten die Insel ab. Die Wappentiere steigen heraldisch hochmütig.
Das Wappen ist ihnen noch einmal als Mantel umgegeben. Eine schöne
Agraffe hält es zusammen. Es weht.
Geht man nicht unwillkürlich leiser zu dem nächsten Teppich hin,
sobald man gewahrt, wie versunken sie ist: sie bindet einen Kranz,
eine kleine, runde Krone aus Blumen. Nachdenklich wählt sie die Farbe
der nächsten Nelke in dem flachen Becken, das ihr die Dienerin hält,
während sie die vorige anreiht. Hinten auf einer Bank steht unbenutzt
ein Korb voller Rosen, den ein Affe entdeckt hat. Diesmal sollten es
Nelken sein. Der Löwe nimmt nicht mehr teil; aber rechts das Einhorn
begreift.
Mußte nicht Musik kommen in diese Stille, war sie nicht schon
verhalten da? Schwer und still geschmückt, ist sie (wie langsam,
nicht?) an die tragbare Orgel getreten und spielt, stehend, durch das
Pfeifenwerk abgetrennt von der Dienerin, die jenseits die Bälge bewegt.
So schön war sie noch nie. Wunderlich ist das Haar in zwei Flechten
nach vorn genommen und über dem Kopfputz oben zusammengefaßt, so daß
es mit seinen Enden aus dem Bund aufsteigt wie ein kurzer Helmbusch.
Verstimmt erträgt der Löwe die Töne, ungern, Geheul verbeißend. Das
Einhorn aber ist schön, wie in Wellen bewegt.
Die Insel wird breit. Ein Zelt ist errichtet. Aus blauem Damast und
goldgeflammt. Die Tiere raffen es auf, und schlicht beinah in ihrem
fürstlichen Kleid tritt sie vor. Denn was sind ihre Perlen gegen sie
selbst. Die Dienerin hat eine kleine Truhe geöffnet, und sie hebt nun
eine Kette heraus, ein schweres, herrliches Kleinod, das immer
verschlossen war. Der kleine Hund sitzt bei ihr, erhöht, auf
bereitetem Platz und sieht es an. Und hast du den Spruch entdeckt auf
dem Zeltrand oben? Da steht: 'A mon seul désir.'
Was ist geschehen, warum springt das kleine Kaninchen da unten, warum
sieht man gleich, daß es springt? Alles ist so befangen. Der Löwe
hat nichts zu tun. Sie selbst hält das Banner. Oder hält sie sich
dran? Sie hat mit der anderen Hand nach dem Horn des Einhorns gefaßt.
Ist das Trauer, kann Trauer so aufrecht sein, und ein Trauerkleid so
verschwiegen wie dieser grünschwarze Samt mit den welken Stellen?
Aber es kommt noch ein Fest, niemand ist geladen dazu. Erwartung
spielt dabei keine Rolle. Es ist alles da. Alles für immer. Der
Löwe sieht sich fast drohend um: es darf niemand kommen. Wir haben
sie noch nie müde gesehen; ist sie müde? Oder hat sie sich nur
niedergelassen, weil sie etwas Schweres hält? Man könnte meinen, eine
Monstranz. Aber sie neigt den andern Arm gegen das Einhorn hin, und
das Tier bäumt sich geschmeichelt auf und steigt und stützt sich auf
ihren Schooß. Es ist ein Spiegel, was sie hält. Siehst du: sie zeigt
dem Einhorn sein Bild--.
Abelone, ich bilde mir ein, du bist da. Begreifst du, Abelone? Ich
denke, du mußt begreifen.
Nun sind auch die Teppiche der Dame à la Licorne nicht mehr in
dem alten Schloß von Boussac. Die Zeit ist da, wo alles aus den
Häusern fortkommt, sie können nichts mehr behalten. Die Gefahr ist
sicherer geworden als die Sicherheit. Niemand aus dem Geschlecht der
Delle Viste geht neben einem her und hat das im Blut. Sie sind alle
vorbei. Niemand spricht deinen Namen aus, Pierre d'Aubusson, großer
Großmeister aus uraltem Hause, auf dessen Willen hin vielleicht diese
Bilder gewebt wurden, die alles preisen und nichts preisgeben. (Ach,
daß die Dichter je anders von Frauen geschrieben haben, wörtlicher,
wie sie meinten. Es ist sicher, wir durften nichts wissen als das.)
Nun kommt man zufällig davor unter Zufälligen und erschrickt fast,
nicht geladen zu sein. Aber da sind andere und gehen vorüber, wenn es
auch nie viele sind. Die jungen Leute halten sich kaum auf, es sei
denn, daß das irgendwie in ihr Fach gehört, diese Dinge einmal gesehen
zu haben, auf die oder jene bestimmte Eigenschaft hin.
Junge Mädchen allerdings findet man zuweilen davor. Denn es giebt
eine Menge junger Mädchen in den Museen, die fortgegangen sind
irgendwo aus den Häusern, die nichts mehr behalten. Sie finden sich
vor diesen Teppichen und vergessen sich ein wenig. Sie haben immer
gefühlt, daß es dies gegeben hat, solch ein leises Leben langsamer,
nie ganz aufgeklärter Gebärden, und sie erinnern sich dunkel, daß sie
sogar eine Zeitlang meinten, es würde ihr Leben sein. Aber dann
ziehen sie rasch ein Heft hervor und beginnen zu zeichnen, gleichviel
was, eine von den Blumen oder ein kleines, vergnügtes Tier. Darauf
käme es nicht an, hat man ihnen vorgesagt, was es gerade wäre. Und
darauf kommt es wirklich nicht an. Nur daß gezeichnet wird, das ist
die Hauptsache; denn dazu sind sie fortgegangen eines Tages, ziemlich
gewaltsam. Sie sind aus guter Familie. Aber wenn sie jetzt beim
Zeichnen die Arme heben, so ergiebt sich, daß ihr Kleid hinten nicht
zugeknöpft ist oder doch nicht ganz. Es sind da ein paar Knöpfe, die
man nicht erreichen kann. Denn als dieses Kleid gemacht wurde, war
noch nicht davon die Rede gewesen, daß sie plötzlich allein weggehen
würden. In der Familie ist immer jemand für solche Knöpfe. Aber hier,
lieber Gott, wer sollte sich damit abgeben in einer so großen Stadt.
Man müßte schon eine Freundin haben; Freundinnen sind aber in
derselben Lage, und da kommt es doch darauf hinaus, daß man sich
gegenseitig die Kleider schließt. Das ist lächerlich und erinnert an
die Familie, an die man nicht erinnert sein will.
Es läßt sich ja nicht vermeiden, daß man während des Zeichnens
zuweilen überlegt, ob es nicht doch möglich gewesen wäre zu bleiben.
Wenn man hätte fromm sein können, herzhaft fromm im gleichen Tempo mit
den andern. Aber das nahm sich so unsinnig aus, das gemeinsam zu
versuchen. Der Weg ist irgendwie enger geworden: Familien können
nicht mehr zu Gott. Es blieben also nur verschiedene andere Dinge,
die man zur Not teilen konnte. Da kam dann aber, wenn man ehrlich
teilte, so wenig auf den einzelnen, daß es eine Schande war. Und
betrog man beim Teilen, so entstanden Auseinandersetzungen. Nein, es
ist wirklich besser zu zeichnen, gleichviel was. Mit der Zeit stellt
sich die Ähnlichkeit schon ein. Und die Kunst, wenn man sie so
allmählich hat, ist doch etwas recht Beneidenswertes.
Und über der angestrengten Beschäftigung mit dem, was sie sich
vorgenommen haben, diese jungen Mädchen, kommen sie nicht mehr dazu,
aufzusehen. Sie merken nicht, wie sie bei allem Zeichnen doch nichts
tun, als das unabänderliche Leben in sich unterdrücken, das in diesen
gewebten Bildern strahlend vor ihnen aufgeschlagen ist in seiner
unendlichen Unsäglichkeit. Sie wollen es nicht glauben. Jetzt, da so
vieles anders wird, wollen sie sich verändern. Sie sind ganz nahe
daran, sich aufzugeben und so von sich zu denken, wie Männer etwa von
ihnen reden könnten, wenn sie nicht da sind. Das scheint ihnen ihr
Fortschritt. Sie sind fast schon überzeugt, daß man einen Genuß sucht
und wieder einen und einen noch stärkeren Genuß: daß darin das Leben
besteht, wenn man es nicht auf eine alberne Art verlieren will. Sie
haben schon angefangen, sich umzusehen, zu suchen; sie, deren Stärke
immer darin bestanden hat, gefunden zu werden.
Das kommt, glaube ich, weil sie müde sind. Sie haben Jahrhunderte
lang die ganze Liebe geleistet, sie haben immer den vollen Dialog
gespielt, beide Teile. Denn der Mann hat nur nachgesprochen und
schlecht. Und hat ihnen das Erlernen schwer gemacht mit seiner
Zerstreutheit, mit seiner Nachlässigkeit, mit seiner Eifersucht, die
auch eine Art Nachlässigkeit war. Und sie haben trotzdem ausgeharrt
Tag und Nacht und haben zugenommen an Liebe und Elend. Und aus ihnen
sind, unter dem Druck endloser Nöte, die gewaltigen Liebenden
hervorgegangen, die, während sie ihn riefen, den Mann überstanden; die
über ihn hinauswuchsen, wenn er nicht wiederkam, wie Gaspara Stampa
oder wie die Portugiesin, die nicht abließen, bis ihre Qual umschlug
in eine herbe, eisige Herrlichkeit, die nicht mehr zu halten war. Wir
wissen von der und der, weil Briefe da sind, die wie durch ein Wunder
sich erhielten, oder Bücher mit anklagenden oder klagenden Gedichten,
oder Bilder, die uns anschauen in einer Galerie durch ein Weinen durch,
das dem Maler gelang, weil er nicht wußte, was es war. Aber es sind
ihrer zahllos mehr gewesen; solche, die ihre Briefe verbrannt haben,
und andere, die keine Kraft mehr hatten, sie zu schreiben. Greisinnen,
die verhärtet waren, mit einem Kern von Köstlichkeit in sich, den sie
verbargen. Formlose, stark gewordene Frauen, die, stark geworden aus
Erschöpfung, sich ihren Männern ähnlich werden ließen und die doch
innen ganz anders waren, dort, wo ihre Liebe gearbeitet hatte, im
Dunkel. Gebärende, die nie gebären wollten, und wenn sie endlich
starben an der achten Geburt, so hatten sie die Gesten und das Leichte
von Mädchen, die sich auf die Liebe freuen. Und die, die blieben
neben Tobenden und Trinkern, weil sie das Mittel gefunden hatten, in
sich so weit von ihnen zu sein wie nirgend sonst; und kamen sie unter
die Leute, so konnten sies nicht verhalten und schimmerten, als gingen
sie immer mit Seligen um. Wer kann sagen, wie viele es waren und
welche. Es ist, als hätten sie im voraus die Worte vernichtet, mit
denen man sie fassen könnte.