und das waren die Tage, an denen ich schwer zu finden war. Ich weiß,
der Kutscher wurde dann in den Park geschickt, wenn es Vater einfiel,
nach mir zu fragen, und ich war nicht da. Ich konnte oben von einem
der Gastzimmer aus sehen, wie er hinauslief und am Anfang der langen
Allee nach mir rief. Diese Gastzimmer befanden sich, eines neben dem
anderen, im Giebel von Ulsgaard und standen, da wir in dieser Zeit
sehr selten Hausbesuch hatten, fast immer leer. Anschließend an sie
aber war jener große Eckraum, der eine so starke Verlockung für mich
hatte. Es war nichts darin zu finden als eine alte Büste, die, ich
glaube, den Admiral Juel darstellte, aber die Wände waren ringsum mit
tiefen grauen Wandschränken verschalt, derart, daß sogar das Fenster
erst über den Schränken angebracht war in der leeren, geweißten Wand.
Den Schlüssel hatte ich an einer der Schranktüren entdeckt, und er
schloß alle anderen. So hatte ich in kurzem alles untersucht: die
Kammerherrenfräcke aus dem achtzehnten Jahrhundert, die ganz kalt
waren von den eingewebten Silberfäden, und die schön gestickten Westen
dazu; die Trachten des Dannebrog--und des Elefantenordens, die man
erst für Frauenkleider hielt, so reich und umständlich waren sie und
so sanft im Futter anzufühlen. Dann wirkliche Roben, die, von ihren
Unterlagen auseinander gehalten, steif dahingen wie die Marionetten
eines zu großen Stückes, das so endgültig aus der Mode war, daß man
ihre Köpfe anders verwendet hatte. Daneben aber waren Schränke, in
denen es dunkel war, wenn man sie aufmachte, dunkel von
hochgeschlossenen Uniformen, die viel gebrauchter aussahen als alles
das andere und die eigentlich wünschten, nicht erhalten zu sein.
Niemand wird es verwunderlich finden, daß ich das alles herauszog und
ins Licht neigte; daß ich das und jenes an mich hielt oder umnahm; daß
ich ein Kostüm, welches etwa passen konnte, hastig anzog und darin,
neugierig und aufgeregt, in das nächste Fremdenzimmer lief, vor den
schmalen Pfeilerspiegel, der aus einzelnen ungleich grünen Glasstücken
zusammengesetzt war. Ach, wie man zitterte, drin zu sein, und wie
hinreißend war es, wenn man es war. Wenn da etwas aus dem Trüben
heraus sich näherte, langsamer als man selbst, denn der Spiegel
glaubte es gleichsam nicht und wollte, schläfrig wie er war, nicht
gleich nachsprechen, was man ihm vorsagte. Aber schließlich mußte er
natürlich. Und nun war es etwas sehr Überraschendes, Fremdes, ganz
anders, als man es sich gedacht hatte, etwas Plötzliches,
Selbständiges, das man rasch überblickte, um sich im nächsten
Augenblick doch zu erkennen, nicht ohne eine gewisse Ironie, die um
ein Haar das ganze Vergnügen zerstören konnte. Wenn man aber sofort
zu reden begann, sich zu verbeugen, wenn man sich zuwinkte, sich,
fortwährend zurückblickend, entfernte und dann entschlossen und
angeregt wiederkam, so hatte man die Einbildung auf seiner Seite,
solang es einem gefiel.
Ich lernte damals den Einfluß kennen, der unmittelbar von einer
bestimmten Tracht ausgehen kann. Kaum hatte ich einen dieser Anzüge
angelegt, mußte ich mir eingestehen, daß er mich in seine Macht bekam;
daß er mir meine Bewegungen, meinen Gesichtsausdruck, ja sogar meine
Einfälle vorschrieb; meine Hand, über die die Spitzenmanschette fiel
und wieder fiel, war durchaus nicht meine gewöhnliche Hand; sie
bewegte sich wie ein Akteur, ja, ich möchte sagen, sie sah sich selber
zu, so übertrieben das auch klingt. Diese Verstellungen gingen
indessen nie so weit, daß ich mich mir selber entfremdet fühlte; im
Gegenteil, je vielfältiger ich mich abwandelte, desto überzeugter
wurde ich von mir selbst. Ich wurde kühner und kühner; ich warf mich
immer höher; denn meine Geschicklichkeit im Auffangen war über allen
Zweifel. Ich merkte nicht die Versuchung in dieser rasch wachsenden
Sicherheit. Zu meinem Verhängnis fehlte nur noch, daß der letzte
Schrank, den ich bisher meinte nicht öffnen zu können, eines Tages
nachgab, um mir, statt bestimmter Trachten, allerhand vages Maskenzeug
auszuliefern, dessen phantastisches Ungefähr mir das Blut in die
Wangen trieb. Es läßt sich nicht aufzählen, was da alles war. Außer
einer Bautta, deren ich mich entsinne, gab es Dominos in verschiedenen
Farben, es gab Frauenröcke, die hell läuteten von den Münzen, mit
denen sie benäht waren; es gab Pierrots, die mir albern vorkamen, und
faltige, türkische Hosen und persische Mützen, aus denen kleine
Kampfersäckchen herausglitten, und Kronreifen mit dummen,
ausdruckslosen Steinen. Dies alles verachtete ich ein wenig; es war
von so dürftiger Unwirklichkeit und hing so abgebalgt und armsälig da
und schlappte willenlos zusammen, wenn man es herauszerrte ans Licht.
Was mich aber in eine Art von Rausch versetzte, das waren die
geräumigen Mäntel, die Tücher, die Schals, die Schleier, alle diese
nachgiebigen, großen, unverwendeten Stoffe, die weich und schmeichelnd
waren oder so gleitend, daß man sie kaum zu fassen bekam, oder so
leicht, daß sie wie ein Wind an einem vorbeiflogen, oder einfach
schwer mit ihrer ganzen Last. In ihnen erst sah ich wirklich freie
und unendlich bewegliche Möglichkeiten: eine Sklavin zu sein, die
verkauft wird, oder Jeanne d'Arc zu sein oder ein alter König oder ein
Zauberer; das alles hatte man jetzt in der Hand, besonders da auch
Masken da waren, große drohende oder erstaunte Gesichter mit echten
Bärten und vollen oder hochgezogenen Augenbrauen. Ich hatte nie
Masken gesehen vorher, aber ich sah sofort ein, daß es Masken geben
müsse. Ich mußte lachen, als mir einfiel, daß wir einen Hund hatten,
der sich ausnahm, als trüge er eine. Ich stellte mir seine herzlichen
Augen vor, die immer wie von hinten hineinsahen in das behaarte
Gesicht. Ich lachte noch, während ich mich verkleidete, und ich
vergaß darüber völlig, was ich eigentlich vorstellen wollte. Nun, es
war neu und spannend, das erst nachträglich vor dem Spiegel zu
entscheiden. Das Gesicht, das ich vorband, roch eigentümlich hohl, es
legte sich fest über meines, aber ich konnte bequem durchsehen, und
ich wählte erst, als die Maske schon saß, allerhand Tücher, die ich in
der Art eines Turbans um den Kopf wand, so daß der Rand der Maske, der
unten in einen riesigen gelben Mantel hineinreichte, auch oben und
seitlich fast ganz verdeckt war. Schließlich, als ich nicht mehr
konnte, hielt ich mich für hinreichend vermummt. Ich ergriff noch
einen großen Stab, den ich, soweit der Arm reichte, neben mir hergehen
ließ, und schleppte so, nicht ohne Mühe, aber, wie mir vorkam, voller
Würde, in das Fremdenzimmer hinein auf den Spiegel zu.
Das war nun wirklich großartig, über alle Erwartung. Der Spiegel gab
es auch augenblicklich wieder, es war zu überzeugend. Es wäre gar
nicht nötig gewesen, sich viel zu bewegen; diese Erscheinung war
vollkommen, auch wenn sie nichts tat. Aber es galt zu erfahren, was
ich eigentlich sei, und so drehte ich mich ein wenig und erhob
schließlich die beiden Arme: große, gleichsam beschwörende Bewegungen,
das war, wie ich schon merkte, das einzig Richtige. Doch gerade in
diesem feierlichen Moment vernahm ich, gedämpft durch meine Vermummung,
ganz in meiner Nähe einen vielfach zusammengesetzten Lärm; sehr
erschreckt, verlor ich das Wesen da drüben aus den Augen und war arg
verstimmt, zu gewahren, daß ich einen kleinen, runden Tisch umgeworfen
hatte mit weiß der Himmel was für, wahrscheinlich sehr zerbrechlichen
Gegenständen. Ich bückte mich so gut ich konnte und fand meine
schlimmste Erwartung bestätigt: es sah aus, als sei alles entzwei.
Die beiden überflüssigen, grün-violetten Porzellanpapageien waren
natürlich, jeder auf eine andere boshafte Art, zerschlagen. Eine Dose,
aus der Bonbons rollten, die aussahen wie seidig eingepuppte Insekten,
hatte ihren Deckel weit von sich geworfen, man sah nur seine eine
Hälfte, die andere war überhaupt fort. Das Ärgerlichste aber war ein
in tausend winzige Scherben zerschellter Flacon, aus dem der Rest
irgendeiner alten Essenz herausgespritzt war, der nun einen Fleck von
sehr widerlicher Physiognomie auf dem klaren Parkett bildete. Ich
trocknete ihn schnell mit irgendwas auf, das an mir herunterhing, aber
er wurde nur schwärzer und unangenehmer. Ich war recht verzweifelt.
Ich erhob mich und suchte nach irgendeinem Gegenstand, mit dem ich das
alles gutmachen konnte. Aber es fand sich keiner. Auch war ich so
behindert im Sehen und in jeder Bewegung, daß die Wut in mir aufstieg
gegen meinen unsinnigen Zustand, den ich nicht mehr begriff. Ich
zerrte an allem, aber es schloß sich nur noch enger an. Die Schnüre
des Mantels würgten mich, und das Zeug auf meinem Kopfe drückte, als
käme immer noch mehr hinzu. Dabei war die Luft trübe geworden und wie
beschlagen mit dem ältlichen Dunst der verschütteten Flüssigkeit.
Heiß und zornig stürzte ich vor den Spiegel und sah mühsam durch die
Maske durch, wie meine Hände arbeiteten. Aber darauf hatte er nur
gewartet. Der Augenblick der Vergeltung war für ihn gekommen.
Während ich in maßlos zunehmender Beklemmung mich anstrengte, mich
irgendwie aus meiner Vermummung hinauszuzwängen, nötigte er mich, ich
weiß nicht womit, aufzusehen und diktierte mir ein Bild, nein, eine
Wirklichkeit, eine fremde, unbegreifliche monströse Wirklichkeit, mit
der ich durchtränkt wurde gegen meinen Willen: denn jetzt war er der
Stärkere, und ich war der Spiegel. Ich starrte diesen großen,
schrecklichen Unbekannten vor mir an, und es schien mir ungeheuerlich,
mit ihm allein zu sein. Aber in demselben Moment, da ich dies dachte,
geschah das Äußerste: ich verlor allen Sinn, ich fiel einfach aus.
Eine Sekunde lang hatte ich eine unbeschreibliche, wehe und
vergebliche Sehnsucht nach mir, dann war nur noch er: es war nichts
außer ihm.
Ich rannte davon, aber nun war er es, der rannte. Er stieß überall an,
er kannte das Haus nicht, er wußte nicht wohin; er geriet eine Treppe
hinunter, er fiel auf dem Gange über eine Person her, die sich
schreiend freimachte. Eine Tür ging auf, es traten mehrere Menschen
heraus: Ach, ach, was war das gut, sie zu kennen. Das war Sieversen,
die gute Sieversen, und das Hausmädchen und der Silberdiener: nun
mußte es sich entscheiden. Aber sie sprangen nicht herzu und retteten;
ihre Grausamkeit war ohne Grenzen. Sie standen da und lachten, mein
Gott, sie konnten dastehn und lachen. Ich weinte, aber die Maske ließ
die Tränen nicht hinaus, sie rannen innen über mein Gesicht und
trockneten gleich und rannen wieder und trockneten. Und endlich
kniete ich hin vor ihnen, wie nie ein Mensch gekniet hat; ich kniete
und hob meine Hände zu ihnen auf und flehte: "Herausnehmen, wenn es
noch geht, und behalten", aber sie hörten es nicht; ich hatte keine
Stimme mehr.
Sieversen erzählte bis an ihr Ende, wie ich umgesunken wäre und wie
sie immer noch weitergelacht hätten in der Meinung, das gehöre dazu.
Sie waren es so gewöhnt bei mir. Aber dann wäre ich doch immerzu
liegengeblieben und hätte nicht geantwortet. Und der Schrecken, als
sie endlich entdeckten, daß ich ohne Besinnung sei und dalag wie ein
Stück in allen den Tüchern, rein wie ein Stück.
Die Zeit ging unberechenbar schnell, und auf einmal war es schon
wieder so weit, daß der Prediger Dr. Jespersen geladen werden mußte.
Das war dann für alle Teile ein mühsames und langwieriges Frühstück.
Gewohnt an die sehr fromme Nachbarschaft, die sich jedesmal ganz
auflöste um seinetwillen, war er bei uns durchaus nicht an seinem
Platz; er lag sozusagen auf dem Land und schnappte. Die Kiemenatmung,
die er an sich ausgebildet hatte, ging beschwerlich vor sich, es
bildeten sich Blasen, und das Ganze war nicht ohne Gefahr.
Gesprächsstoff war, wenn man genau sein will, überhaupt keiner da; es
wurden Reste veräußert zu unglaublichen Preisen, es war eine
Liquidation aller Bestände. Dr. Jespersen mußte sich bei uns darauf
beschränken, eine Art von Privatmann zu sein; das gerade aber war er
nie gewesen. Er war, soweit er denken konnte, im Seelenfach
angestellt. Die Seele war eine öffentliche Institution für ihn, die
er vertrat, und er brachte es zuwege, niemals außer Dienst zu sein,
selbst nicht im Umgang mit seiner Frau, "seiner bescheidenen, treuen,
durch Kindergebären seligwerdenden Rebekka", wie Lavater sich in einem
anderen Fall ausdrückte.
(Was übrigens meinen Vater betraf, so war seine Haltung Gott gegenüber
vollkommen korrekt und von tadelloser Höflichkeit. In der Kirche
schien es mir manchmal, als wäre er geradezu Jägermeister bei Gott,
wenn er dastand und abwartete und sich verneigte. Maman dagegen
erschien es fast verletzend, daß jemand zu Gott in einem höflichen
Verhältnis stehen konnte. Wäre sie in eine Religion mit deutlichen
und ausführlichen Gebräuchen geraten, es wäre eine Seligkeit für sie
gewesen, stundenlang zu knien und sich hinzuwerfen und sich recht mit
dem großen Kreuz zu gebärden vor der Brust und um die Schultern herum.
Sie lehrte mich nicht eigentlich beten, aber es war ihr eine
Beruhigung, daß ich gerne kniete und die Hände bald gekrümmt und bald
aufrecht faltete, wie es mir gerade ausdrucksvoller schien. Ziemlich
in Ruhe gelassen, machte ich frühzeitig eine Reihe von Entwicklungen
durch, die ich erst viel später in einer Zeit der Verzweiflung auf
Gott bezog, und zwar mit solcher Heftigkeit, daß er sich bildete und
zersprang, fast in demselben Augenblick. Es ist klar, daß ich ganz
von vorn anfangen mußte hernach. Und bei diesem Anfang meinte ich
manchmal, Maman nötig zu haben, obwohl es ja natürlich richtiger war,
ihn allein durchzumachen. Und da war sie ja auch schon lange tot.)
Dr. Jespersen gegenüber konnte Maman beinah ausgelassen sein. Sie
ließ sich in Gespräche mit ihm ein, die er ernst nahm, und wenn er
dann sich reden hörte, meinte sie, das genüge, und vergaß ihn
plötzlich, als wäre er schon fort. "Wie kann er nur", sagte sie
manchmal von ihm, "herumfahren und hineingehen zu den Leuten, wenn sie
gerade sterben."
Er kam auch zu ihr bei dieser Gelegenheit, aber sie hat ihn sicher
nicht mehr gesehen. Ihre Sinne gingen ein, einer nach dem andern,
zuerst das Gesicht. Es war im Herbst, man sollte schon in die Stadt
ziehen, aber da erkrankte sie gerade, oder vielmehr, sie fing gleich
an zu sterben, langsam und trostlos abzusterben an der ganzen
Oberfläche. Die Ärzte kamen, und an einem bestimmten Tag waren sie
alle zusammen da und beherrschten das ganze Haus. Es war ein paar
Stunden lang, als gehörte es nun dem Geheimrat und seinen Assistenten
und als hätten wir nichts mehr zu sagen. Aber gleich danach verloren
sie alles Interesse, kamen nur noch einzeln, wie aus purer Höflichkeit,
um eine Zigarre anzunehmen und ein Glas Portwein. Und Maman starb
indessen.
Man wartete nur noch auf Mamans einzigen Bruder, den Grafen Christian
Brahe, der, wie man sich noch erinnern wird, eine Zeitlang in
türkischen Diensten gestanden hatte, wo er, wie es immer hieß, sehr
ausgezeichnet worden war. Er kam eines Morgens an in Begleitung eines
fremdartigen Dieners, und es überraschte mich, zu sehen, daß er größer
war als Vater und scheinbar auch älter. Die beiden Herren wechselten
sofort einige Worte, die sich, wie ich vermutete, auf Maman bezogen.
Es entstand eine Pause. Dann sagte mein Vater: "Sie ist sehr
entstellt." Ich begriff diesen Ausdruck nicht, aber es fröstelte mich,
da ich ihn hörte. Ich hatte den Eindruck, als ob auch mein Vater
sich hätte überwinden müssen, ehe er ihn aussprach. Aber es war wohl
vor allem sein Stolz, der litt, indem er dies zugab.
Mehrere Jahre später erst hörte ich wieder von dem Grafen Christian
reden. Es war auf Urnekloster, und Mathilde Brahe war es, die mit
Vorliebe von ihm sprach. Ich bin indessen sicher, daß sie die
einzelnen Episoden ziemlich eigenmächtig ausgestaltete, denn das Leben
meines Onkels, von dem immer nur Gerüchte in die Öffentlichkeit und
selbst in die Familie drangen, Gerüchte, die er nie widerlegte, war
geradezu grenzenlos auslegbar. Urnekloster ist jetzt in seinem Besitz.
Aber niemand weiß, ob er es bewohnt. Vielleicht reist er immer noch,
wie es seine Gewohnheit war; vielleicht ist die Nachricht seines
Todes aus irgendeinem äußersten Erdteil unterwegs, von der Hand des
fremden Dieners geschrieben in schlechtem Englisch oder in irgendeiner
unbekannten Sprache. Vielleicht auch giebt dieser Mensch kein Zeichen
von sich, wenn er eines Tages allein zurückbleibt. Vielleicht sind
sie beide längst verschwunden und stehen nur noch auf der Schiffsliste
eines verschollenen Schiffes unter Namen, die nicht die ihren waren.
Freilich, wenn damals auf Urnekloster ein Wagen einfuhr, so erwartete
ich immer, ihn eintreten zu sehen, und mein Herz klopfte auf eine
besondere Art. Mathilde Brahe behauptete: so käme er, das wäre so
seine Eigenheit, plötzlich da zu sein, wenn man es am wenigsten für
möglich hielte. Er kam nie, aber meine Einbildungskraft beschäftigte
sich wochenlang mit ihm, ich hatte das Gefühl, als wären wir einander
eine Beziehung schuldig, und ich hätte gern etwas Wirkliches von ihm
gewußt.
Als indessen bald darauf mein Interesse umschlug und infolge gewisser
Begebenheiten ganz auf Christine Brahe überging, bemühte ich mich
eigentümlicherweise nicht, etwas von ihren Lebensumständen zu erfahren.
Dagegen beunruhigte mich der Gedanke, ob ihr Bildnis wohl in der
Galerie vorhanden sei. Und der Wunsch, das festzustellen, nahm so
einseitig und quälend zu, daß ich mehrere Nächte nicht schlief, bis,
ganz unvermutet, diejenige da war, in der ich, weiß Gott, aufstand und
hinaufging mit meinem Licht, das sich zu fürchten schien.
Was mich angeht, so dachte ich nicht an Furcht. Ich dachte überhaupt
nicht; ich ging. Die hohen Türen gaben so spielend nach vor mir und
über mir, die Zimmer, durch die ich kam, hielten sich ruhig. Und
endlich merkte ich an der Tiefe, die mich anwehte, daß ich in die
Galerie getreten sei. Ich fühlte auf der rechten Seite die Fenster
mit der Nacht, und links mußten die Bilder sein. Ich hob mein Licht
so hoch ich konnte. Ja: da waren die Bilder.
Erst nahm ich mir vor, nur nach den Frauen zu sehen, aber dann
erkannte ich eines und ein anderes, das ähnlich in Ulsgaard hing, und
wenn ich sie so von unten beschien, so rührten sie sich und wollten
ans Licht, und es schien mir herzlos, das nicht wenigstens abzuwarten.
Da war immer wieder Christian der Vierte mit der schön geflochtenen
Cadenette neben der breiten, langsam gewölbten Wange. Da waren
vermutlich seine Frauen, von denen ich nur Kirstine Munk kannte; und
plötzlich sah mich Frau Ellen Marsvin an, argwöhnisch in ihrer
Witwentracht und mit derselben Perlenschnur auf der Krempe des hohen
Huts. Da waren König Christians Kinder: immer wieder frische aus
neuen Frauen, die 'unvergleichliche' Eleonore auf einem weißen
Paßgänger in ihrer glänzendsten Zeit, vor der Heimsuchung. Die
Gyldenlöves: Hans Ulrik, von dem die Frauen in Spanien meinten, daß er
sich das Antlitz male, so voller Blut war er, und Ulrik Christian, den
man nicht wieder vergaß. Und beinahe alle Ulfelds. Und dieser da,
mit dem einen schwarzübermalten Auge, konnte wohl Henrik Holck sein,
der mit dreiunddreißig Jahren Reichsgraf war und Feldmarschall, und
das kam so: ihm träumte auf dem Wege zu Jungfrau Hilleborg Krafse, es
würde ihm statt der Braut ein bloßes Schwert gegeben: und er nahm
sichs zu Herzen und kehrte um und begann sein kurzes, verwegenes Leben,
das mit der Pest endete. Die kannte ich alle. Auch die Gesandten
vom Kongreß zu Nimwegen hatten wir auf Ulsgaard, die einander ein
wenig glichen, weil sie alle auf einmal gemalt worden waren, jeder mit
der schmalen, gestutzten Bartbraue über dem sinnlichen, fast
schauenden Munde. Daß ich Herzog Ulrich erkannte, ist
selbstverständlich, und Otte Brahe und Claus Daa und Sten Rosensparre,
den Letzten seines Geschlechts; denn von ihnen allen hatte ich Bilder
im Saal zu Ulsgaard gesehen, oder ich hatte in alten Mappen
Kupferstiche gefunden, die sie darstellten.
Aber dann waren viele da, die ich nie gesehen hatte; wenige Frauen,
aber es waren Kinder da. Mein Arm war längst müde geworden und
zitterte, aber ich hob doch immer wieder das Licht, um die Kinder zu
sehen. Ich begriff sie, diese kleinen Mädchen, die einen Vogel auf
der Hand trugen und ihn vergaßen. Manchmal saß ein kleiner Hund bei
ihnen unten, ein Ball lag da, und auf dem Tisch nebenan gab es Früchte
und Blumen; und dahinter an der Säule hing, klein und vorläufig, das
Wappen der Grubbe oder der Bille oder der Rosenkrantz. So viel hatte
man um sie zusammengetragen, als ob eine Menge gutzumachen wäre. Sie
aber standen einfach in ihren Kleidern und warteten; man sah, daß sie
warteten. Und da mußte ich wieder an die Frauen denken und an
Christine Brahe, und ob ich sie erkennen würde.
Ich wollte rasch bis ganz ans Ende laufen und von dort zurückgehen und
suchen, aber da stieß ich an etwas. Ich drehte mich so jäh herum, daß
der kleine Erik zurücksprang und flüsterte: "Gieb acht mit deinem
Licht."
"Du bist da?" sagte ich atemlos, und ich war nicht im klaren, ob das
gut sei oder ganz und gar schlimm. Er lachte nur, und ich wußte nicht,
was weiter. Mein Licht flackerte, und ich konnte den Ausdruck seines
Gesichts nicht recht erkennen. Es war doch wohl schlimm, daß er da
war. Aber da sagte er, indem er näher kam: "Ihr Bild ist nicht da,
wir suchen es immer noch oben." Mit seiner halben Stimme und dem
einen beweglichen Auge wies er irgendwie hinauf. Und ich begriff, daß
er den Boden meinte. Aber auf einmal kam mir ein merkwürdiger Gedanke.
"Wir?" fragte ich, "ist sie denn oben?"
"Ja", nickte er und stand dicht neben mir.
"Sie sucht selber mit?" "Ja, wir suchen."
"Man hat es also fortgestellt, das Bild?"
"Ja, denk nur", sagte er empört. Aber ich begriff nicht recht, was
sie damit wollte.
"Sie will sich sehen", flüsterte er ganz nah.
"Ja so", machte ich, als ob ich verstünde. Da blies er mir das Licht
aus. Ich sah, wie er sich vorstreckte, ins Helle hinein, mit ganz
hochgezogenen Augenbrauen. Dann wars dunkel. Ich trat unwillkürlich
zurück.
"Was machst du denn?" rief ich unterdrückt und war ganz trocken im
Halse. Er sprang mir nach und hängte sich an meinen Arm und kicherte.
"Was denn?" fuhr ich ihn an und wollte ihn abschütteln, aber er hing
fest. Ich konnte es nicht hindern, daß er den Arm um meinen Hals
legte.
"Soll ich es sagen?" zischte er, und ein wenig Speichel spritzte mir
ins Ohr.
"Ja, ja, schnell."
Ich wußte nicht, was ich redete. Er umarmte mich nun völlig und
streckte sich dabei.
"Ich hab ihr einen Spiegel gebracht", sagte er und kicherte wieder.
"Einen Spiegel?"
"Ja, weil doch das Bild nicht da ist."
"Nein, nein", machte ich.
Er zog mich auf einmal etwas weiter nach dem Fenster hin und kniff
mich so scharf in den Oberarm, daß ich schrie.
"Sie ist nicht drin", blies er mir ins Ohr.
Ich stieß ihn unwillkürlich von mir weg, etwas knackte an ihm, mir war,
als hätte ich ihn zerbrochen.
"Geh, geh", und jetzt mußte ich selber lachen, "nicht drin, wieso denn
nicht drin?"
"Du bist dumm", gab er böse zurück und flüsterte nicht mehr. Seine
Stimme war umgeschlagen, als begänne er nun ein neues, noch
ungebrauchtes Stück. "Man ist entweder drin", diktierte er altklug
und streng, "dann ist man nicht hier; oder wenn man hier ist, kann man
nicht drin sein."
"Natürlich", antwortete ich schnell, ohne nachzudenken. Ich hatte
Angst, er könnte sonst fortgehen und mich allein lassen. Ich griff
sogar nach ihm.
"Wollen wir Freunde sein?" schlug ich vor. Er ließ sich bitten. "Mir
ists gleich", sagte er keck.
Ich versuchte unsere Freundschaft zu beginnen, aber ich wagte nicht,
ihn zu umarmen. "Lieber Erik", brachte ich nur heraus und rührte ihn
irgendwo ein bißchen an. Ich war auf einmal sehr müde. Ich sah mich
um; ich verstand nicht mehr, wie ich hierher gekommen war und daß ich
mich nicht gefürchtet hatte. Ich wußte nicht recht, wo die Fenster
waren und wo die Bilder. Und als wir gingen, mußte er mich führen.
"Sie tun dir nichts", versicherte er großmütig und kicherte wieder.