Damals zuerst fiel es mir auf, daß man von einer Frau nichts sagen

könne; ich merkte, wenn sie von ihr erzählten, wie sie sie aussparten,

wie sie die anderen nannten und beschrieben, die Umgebungen, die

Örtlichkeiten, die Gegenstände bis an eine bestimmte Stelle heran, wo

das alles aufhörte, sanft und gleichsam vorsichtig aufhörte mit dem

leichten, niemals nachgezogenen Kontur, der sie einschloß. Wie war

sie? fragte ich dann. "Blond, ungefähr wie du", sagten sie und

zählten allerhand auf, was sie sonst noch wußten; aber darüber wurde

sie wieder ganz ungenau, und ich konnte mir nichts mehr vorstellen.

Sehen eigentlich konnte ich sie nur, wenn Maman mir die Geschichte

erzählte, die ich immer wieder verlangte--.--Dann pflegte sie

jedesmal, wenn sie zu der Szene mit dem Hunde kam, die Augen zu

schließen und das ganz verschlossene, aber überall durchscheinende

Gesicht irgendwie inständig zwischen ihre beiden Hände zu halten, die

es kalt an den Schläfen berührten. "Ich hab es gesehen, Malte",

beschwor sie: "Ich hab es gesehen." Das war schon in ihren letzten

Jahren, da ich dies von ihr gehört habe. In der Zeit, wo sie

niemanden mehr sehen wollte und wo sie immer, auch auf Reisen, das

kleine, dichte, silberne Sieb bei sich hatte, durch das sie alle

Getränke seihte. Speisen von fester Form nahm sie nie mehr zu sich,

es sei denn etwas Biskuit oder Brot, das sie, wenn sie allein war,

zerbröckelte und Krümel für Krümel aß, wie Kinder Krümel essen. Ihre

Angst vor Nadeln beherrschte sie damals schon völlig. Zu den anderen

sagte sie nur, um sich zu entschuldigen: "Ich vertrage rein nichts

mehr, aber es muß euch nicht stören, ich befinde mich ausgezeichnet

dabei." Zu mir aber konnte sie sich plötzlich hinwenden (denn ich war

schon ein bißchen erwachsen) und mit einem Lächeln, das sie sehr

anstrengte, sagen: "Was es doch für viele Nadeln giebt, Malte, und wo

sie überall herumliegen, und wenn man bedenkt, wie leicht sie

herausfallen..." Sie hielt darauf, es recht scherzend zu sagen; aber

das Entsetzen schüttelte sie bei dem Gedanken an alle die schlecht

befestigten Nadeln, die jeden Augenblick irgendwo hineinfallen konnten.

Wenn sie aber von Ingeborg erzählte, dann konnte ihr nichts geschehen;

dann schonte sie sich nicht; dann sprach sie lauter, dann lachte sie

in der Erinnerung an Ingeborgs Lachen, dann sollte man sehen, wie

schön Ingeborg gewesen war. "Sie machte uns alle froh", sagte sie,

"deinen Vater auch, Malte, buchstäblich froh. Aber dann, als es hieß,

daß sie sterben würde, obwohl sie doch nur ein wenig krank schien, und

wir gingen alle herum und verbargen es, da setzte sie sich einmal im

Bette auf und sagte so vor sich hin, wie einer, der hören will, wie

etwas klingt: 'Ihr müßt euch nicht so zusammennehmen; wir wissen es

alle, und ich kann euch beruhigen, es ist gut so wie es kommt, ich mag

nicht mehr.' Stell dir vor, sie sagte: 'Ich mag nicht mehr'; sie, die

uns alle froh machte. Ob du das einmal verstehen wirst, wenn du groß

bist, Malte? Denk daran später, vielleicht fällt es dir ein. Es wäre

ganz gut, wenn es jemanden gäbe, der solche Sachen versteht."

'Solche Sachen' beschäftigten Maman, wenn sie allein war, und sie war

immer allein diese letzten Jahre.

"Ich werde ja nie darauf kommen, Malte", sagte sie manchmal mit ihrem

eigentümlich kühnen Lächeln, das von niemandem gesehen sein wollte und

seinen Zweck ganz erfüllte, indem es gelächelt ward. "Aber daß es

keinen reizt, das herauszufinden; wenn ich ein Mann wäre, ja gerade

wenn ich ein Mann wäre, würde ich darüber nachdenken, richtig der

Reihe und Ordnung nach und von Anfang an. Denn einen Anfang muß es

doch geben, und wenn man ihn zu fassen bekäme, das wäre immer schon

etwas. Ach Malte, wir gehen so hin, und mir kommt vor, daß alle

zerstreut sind und beschäftigt und nicht recht achtgeben, wenn wir

hingehen. Als ob eine Sternschnuppe fiele und es sieht sie keiner und

keiner hat sich etwas gewünscht. Vergiß nie, dir etwas zu wünschen,

Malte. Wünschen, das soll man nicht aufgeben. Ich glaube, es giebt

keine Erfüllung, aber es giebt Wünsche, die lange vorhalten, das ganze

Leben lang, so daß man die Erfüllung doch gar nicht abwarten könnte."

Maman hatte Ingeborgs kleinen Sekretär hinauf in ihr Zimmer stellen

lassen, davor fand ich sie oft, denn ich durfte ohne weiteres bei ihr

eintreten. Mein Schritt verging völlig in dem Teppich, aber sie

fühlte mich und hielt mir eine ihrer Hände über die andere Schulter

hin. Diese Hand war ganz ohne Gewicht, und sie küßte sich fast wie

das elfenbeinerne Kruzifix, das man mir abends vor dem Einschlafen

reichte. An diesem niederen Schreibschrank, der mit einer Platte sich

vor ihr aufschlug, saß sie wie an einem Instrument. "Es ist so viel

Sonne drin", sagte sie, und wirklich, das Innere war merkwürdig hell,

von altem, gelbem Lack, auf dem Blumen gemalt waren, immer eine rote

und eine blaue. Und wo drei nebeneinanderstanden, gab es eine

violette zwischen ihnen, die die beiden anderen trennte. Diese Farben

und das Grün des schmalen, waagerechten Rankenwerks waren ebenso

verdunkelt in sich, wie der Grund strahlend war, ohne eigentlich klar

zu sein. Das ergab ein seltsam gedämpftes Verhältnis von Tönen, die

in innerlichen gegenseitigen Beziehungen standen, ohne sich über sie

auszusprechen.

Maman zog die kleinen Laden heraus, die alle leer waren.

"Ach, Rosen", sagte sie und hielt sich ein wenig vor in den trüben

Geruch hinein, der nicht alle wurde. Sie hatte dabei immer die

Vorstellung, es könnte sich plötzlich noch etwas finden in einem

geheimen Fach, an das niemand gedacht hatte und das nur dem Druck

irgendeiner versteckten Feder nachgab. "Auf einmal springt es vor, du

sollst sehen", sagte sie ernst und ängstlich und zog eilig an allen

Laden. Was aber wirklich an Papieren in den Fächern zurückgeblieben

war, das hatte sie sorgfältig zusammengelegt und eingeschlossen, ohne

es zu lesen. "Ich verstünde es doch nicht, Malte, es wäre sicher zu

schwer für mich." Sie hatte die Überzeugung, daß alles zu kompliziert

für sie sei. "Es giebt keine Klassen im Leben für Anfänger, es ist

immer gleich das Schwierigste, was von einem verlangt wird." Man

versicherte mir, daß sie erst seit dem schrecklichen Tode ihrer

Schwester so geworden sei, der Gräfin Öllegaard Skeel, die verbrannte,

da sie sich vor einem Balle am Leuchterspiegel die Blumen im Haar

anders anstecken wollte. Aber in letzter Zeit schien ihr doch

Ingeborg das, was am schwersten zu begreifen war.

Und nun will ich die Geschichte aufschreiben, so wie Maman sie erzählte,

wenn ich darum bat.

Es war mitten im Sommer, am Donnerstag nach Ingeborgs Beisetzung. Von

dem Platze auf der Terrasse, wo der Tee genommen wurde, konnte man den

Giebel des Erbbegräbnisses sehen zwischen den riesigen Ulmen hin. Es

war so gedeckt worden, als ob nie eine Person mehr an diesem Tisch

gesessen hätte, und wir saßen auch alle recht ausgebreitet herum. Und

jeder hatte etwas mitgebracht, ein Buch oder einen Arbeitskorb, so daß

wir sogar ein wenig beengt waren. Abelone (Mamans jüngste Schwester)

verteilte den Tee, und alle waren beschäftigt, etwas herumzureichen,

nur dein Großvater sah von seinem Sessel aus nach dem Hause hin. Es

war die Stunde, da man die Post erwartete, und es fügte sich meistens

so, daß Ingeborg sie brachte, die mit den Anordnungen für das Essen

länger drin zurückgehalten war. In den Wochen ihrer Krankheit hatten

wir nun reichlich Zeit gehabt, uns ihres Kommens zu entwöhnen; denn

wir wußten ja, daß sie nicht kommen könne. Aber an diesem Nachmittag,

Malte, da sie wirklich nicht mehr kommen konnte--: da kam sie.

Vielleicht war es unsere Schuld; vielleicht haben wir sie gerufen.

Denn ich erinnere mich, daß ich auf einmal dasaß und angestrengt war,

mich zu besinnen, was denn eigentlich nun anders sei. Es war mir

plötzlich nicht möglich zu sagen, was; ich hatte es völlig vergessen.

Ich blickte auf und sah alle andern dem Hause zugewendet, nicht etwa

auf eine besondere, auffällige Weise, sondern so recht ruhig und

alltäglich in ihrer Erwartung. Und da war ich daran--(mir wird ganz

kalt, Malte, wenn ich es denke) aber, Gott behüt mich, ich war daran

zu sagen: "Wo bleibt nur--" Da schoß schon Cavalier, wie er immer tat,

unter dem Tisch hervor und lief ihr entgegen. Ich hab es gesehen,

Malte, ich hab es gesehen. Er lief ihr entgegen, obwohl sie nicht kam;

für ihn kam sie. Wir begriffen, daß er ihr entgegenlief. Zweimal

sah er sich nach uns um, als ob er fragte. Dann raste er auf sie zu,

wie immer, Malte, genau wie immer, und erreichte sie; denn er begann

rund herum zu springen, Malte, um etwas, was nicht da war, und dann

hinauf an ihr, um sie zu lecken, gerade hinauf. Wir hörten ihn

winseln vor Freude, und wie er so in die Höhe schnellte, mehrmals

rasch hintereinander, hätte man wirklich meinen können, er verdecke

sie uns mit seinen Sprüngen. Aber da heulte es auf einmal, und er

drehte sich von seinem eigenen Schwunge in der Luft um und stürzte

zurück, merkwürdig ungeschickt, und lag ganz eigentümlich flach da und

rührte sich nicht. Von der andern Seite trat der Diener aus dem Hause

mit den Briefen. Er zögerte eine Weile; offenbar war es nicht ganz

leicht, auf unsere Gesichter zuzugehen. Und dein Vater winkte ihm

auch schon, zu bleiben. Dein Vater, Malte, liebte keine Tiere; aber

nun ging er doch hin, langsam wie mir schien, und bückte sich über den

Hund. Er sagte etwas zu dem Diener, irgend etwas Kurzes, Einsilbiges.

Ich sah, wie der Diener hinzusprang, um Cavalier aufzuheben. Aber da

nahm dein Vater selbst das Tier und ging damit, als wüßte er genau

wohin, ins Haus hinein.

Einmal, als es über dieser Erzählung fast dunkel geworden war, war ich

nahe daran, Maman von der 'Hand' zu erzählen: in diesem Augenblick

hätte ich es gekonnt. Ich atmete schon auf, um anzufangen, aber da

fiel mir ein, wie gut ich den Diener begriffen hatte, daß er nicht

hatte kommen können auf ihre Gesichter zu. Und ich fürchtete mich

trotz der Dunkelheit vor Mamans Gesicht, wenn es sehen würde, was ich

gesehen habe. Ich holte rasch noch einmal Atem, damit es den Anschein

habe, als hätte ich nichts anderes gewollt. Ein paar Jahre hernach,

nach der merkwürdigen Nacht in der Galerie auf Urnekloster, ging ich

tagelang damit um, mich dem kleinen Erik anzuvertrauen. Aber er hatte

sich nach unserem nächtlichen Gespräch wieder ganz vor mir

zugeschlossen, er vermied mich; ich glaube, daß er mich verachtete.

Und gerade deshalb wollte ich ihm von der 'Hand' erzählen. Ich

bildete mir ein, ich würde in seiner Meinung gewinnen (und das

wünschte ich dringend aus irgendeinem Grunde), wenn ich ihm

begreiflich machen könnte, daß ich das wirklich erlebt hatte. Erik

aber war so geschickt im Ausweichen, daß es nicht dazu kam. Und dann

reisten wir ja auch gleich. So ist es, wunderlich genug, das erstemal,

daß ich (und schließlich auch nur mir selber) eine Begebenheit

erzähle, die nun weit zurückliegt in meiner Kindheit.

Wie klein ich damals noch gewesen sein muß, sehe ich daran, daß ich

auf dem Sessel kniete, um bequem auf den Tisch hinaufzureichen, auf

dem ich zeichnete. Es war am Abend, im Winter, wenn ich nicht irre,

in der Stadtwohnung. Der Tisch stand in meinem Zimmer, zwischen den

Fenstern, und es war keine Lampe im Zimmer, als die, die auf meine

Blätter schien und auf Mademoiselles Buch; denn Mademoiselle saß neben

mir, etwas zurückgerückt, und las. Sie war weit weg, wenn sie las,

ich weiß nicht, ob sie im Buche war; sie konnte lesen, stundenlang,

sie blätterte selten um, und ich hatte den Eindruck, als würden die

Seiten immer voller unter ihr, als schaute sie Worte hinzu, bestimmte

Worte, die sie nötig hatte und die nicht da waren. Das kam mir so vor,

während ich zeichnete. Ich zeichnete langsam, ohne sehr entschiedene

Absicht, und sah alles, wenn ich nicht weiter wußte, mit ein wenig

nach rechts geneigtem Kopfe an; so fiel mir immer am raschesten ein,

was noch fehlte. Es waren Offiziere zu Pferd, die in die Schlacht

ritten, oder sie waren mitten drin, und das war viel einfacher, weil

dann fast nur der Rauch zu machen war, der alles einhüllte. Maman

freilich behauptet nun immer, daß es Inseln gewesen waren, was ich

malte; Inseln mit großen Bäumen und einem Schloß und einer Treppe und

Blumen am Rand, die sich spiegeln sollten im Wasser. Aber ich glaube,

das erfindet sie, oder es muß später gewesen sein.

Es ist ausgemacht, daß ich an jenem Abend einen Ritter zeichnete,

einen einzelnen, sehr deutlichen Ritter auf einem merkwürdig

bekleideten Pferd. Er wurde so bunt, daß ich oft die Stifte wechseln

mußte, aber vor allem kam doch der rote in Betracht, nach dem ich

immer wieder griff. Nun hatte ich ihn noch einmal nötig; da rollte er

(ich sehe ihn noch) quer über das beschienene Blatt an den Rand und

fiel, ehe ichs verhindern konnte, an mir vorbei hinunter und war fort.

Ich brauchte ihn wirklich dringend, und es war recht ärgerlich, ihm

nun nachzuklettern. Ungeschickt, wie ich war, kostete es mich

allerhand Veranstaltungen, hinunterzukommen; meine Beine schienen mir

viel zu lang, ich konnte sie nicht unter mir hervorziehen; die zu

lange ein gehaltene knieende Stellung hatte meine Glieder dumpf

gemacht; ich wußte nicht, was zu mir und was zum Sessel gehörte.

Endlich kam ich doch, etwas konfus, unten an und befand mich auf einem

Fell, das sich unter dem Tisch bis gegen die Wand hinzog. Aber da

ergab sich eine neue Schwierigkeit. Eingestellt auf die Helligkeit da

oben und noch ganz begeistert für die Farben auf dem weißen Papier,

vermochten meine Augen nicht das geringste unter dem Tisch zu erkennen,

wo mir das Schwarze so zugeschlossen schien, daß ich bange war, daran

zu stoßen. Ich verließ mich also auf mein Gefühl und kämmte, knieend

und auf die linke gestützt, mit der andern Hand in dem kühlen,

langhaarigen Teppich herum, der sich recht vertraulich anfühlte; nur

daß kein Bleistift zu spüren war. Ich bildete mir ein, eine Menge

Zeit zu verlieren, und wollte eben schon Mademoiselle anrufen und sie

bitten, mir die Lampe zu halten, als ich merkte, daß für meine

unwillkürlich angestrengten Augen das Dunkel nach und nach

durchsichtiger wurde. Ich konnte schon hinten die Wand unterscheiden,

die mit einer hellen Leiste abschloß; ich orientierte mich über die

Beine des Tisches; ich erkannte vor allem meine eigene, ausgespreizte

Hand, die sich ganz allein, ein bißchen wie ein Wassertier, da unten

bewegte und den Grund untersuchte. Ich sah ihr, weiß ich noch, fast

neugierig zu; es kam mir vor, als könnte sie Dinge, die ich sie nicht

gelehrt hatte, wie sie da unten so eigenmächtig herumtastete mit

Bewegungen, die ich nie an ihr beobachtet hatte. Ich verfolgte sie,

wie sie vordrang, es interessierte mich, ich war auf allerhand

vorbereitet. Aber wie hätte ich darauf gefaßt sein sollen, daß ihr

mit einem Male aus der Wand eine andere Hand entgegenkam, eine größere,

ungewöhnlich magere Hand, wie ich noch nie eine gesehen hatte. Sie

suchte in ähnlicher Weise von der anderen Seite her, und die beiden

gespreizten Hände bewegten sich blind aufeinander zu. Meine Neugierde

war noch nicht aufgebraucht, aber plötzlich war sie zu Ende, und es

war nur Grauen da. Ich fühlte, daß die eine von den Händen mir

gehörte und daß sie sich da in etwas einließ, was nicht wieder

gutzumachen war. Mit allem Recht, das ich auf sie hatte, hielt ich

sie an und zog sie flach und langsam zurück, indem ich die andere

nicht aus den Augen ließ, die weitersuchte. Ich begriff, daß sie es

nicht aufgeben würde, ich kann nicht sagen, wie ich wieder hinaufkam.

Ich saß ganz tief im Sessel, die Zähne schlugen mir aufeinander, und

ich hatte so wenig Blut im Gesicht, daß mir schien, es wäre kein Blau

mehr in meinen Augen. Mademoiselle--, wollte ich sagen und konnte es

nicht, aber da erschrak sie von selbst, sie warf ihr Buch hin und

kniete sich neben den Sessel und rief meinen Namen; ich glaube, daß

sie mich rüttelte. Aber ich war ganz bei Bewußtsein. Ich schluckte

ein paarmal; denn nun wollte ich es erzählen.

Aber wie? Ich nahm mich unbeschreiblich zusammen, aber es war nicht

auszudrücken, so daß es einer begriff. Gab es Worte für dieses

Ereignis, so war ich zu klein, welche zu finden. Und plötzlich

ergriff mich die Angst, sie könnten doch, über mein Alter hinaus, auf

einmal da sein, diese Worte, und es schien mir fürchterlicher als

alles, sie dann sagen zu müssen. Das Wirkliche da unten noch einmal

durchzumachen, anders, abgewandelt, von Anfang an; zu hören, wie ich

es zugebe, dazu hatte ich keine Kraft mehr.

Es ist natürlich Einbildung, wenn ich nun behaupte, ich hätte in jener

Zeit schon gefühlt, daß da etwas in mein Leben gekommen sei, geradeaus

in meines, womit ich allein würde herumgehen müssen, immer und immer.

Ich sehe mich in meinem kleinen Gitterbett liegen und nicht schlafen

und irgendwie ungenau voraussehen, daß so das Leben sein würde: voll

lauter besonderer Dinge, die nur für Einen gemeint sind und die sich

nicht sagen lassen. Sicher ist, daß sich nach und nach ein trauriger

und schwerer Stolz in mir erhob. Ich stellte mir vor, wie man

herumgehen würde, voll von Innerem und schweigsam. Ich empfand eine

ungestüme Sympathie für die Erwachsenen; ich bewunderte sie, und ich

nahm mir vor, ihnen zu sagen, daß ich sie bewunderte. Ich nahm mir

vor, es Mademoiselle zu sagen bei der nächsten Gelegenheit.

Und dann kam eine von diesen Krankheiten, die darauf ausgingen, mir zu

beweisen, daß dies nicht das erste eigene Erlebnis war. Das Fieber

wühlte in mir und holte von ganz unten Erfahrungen, Bilder, Tatsachen

heraus, von denen ich nicht gewußt hatte; ich lag da, überhäuft mit

mir, und wartete auf den Augenblick, da mir befohlen würde, dies alles

wieder in mich hineinzuschichten, ordentlich, der Reihe nach. Ich

begann, aber es wuchs mir unter den Händen, es sträubte sich, es war

viel zu viel. Dann packte mich die Wut, und ich warf alles in Haufen

in mich hinein und preßte es zusammen; aber ich ging nicht wieder

darüber zu. Und da schrie ich, halb offen wie ich war, schrie ich und

schrie. Und wenn ich anfing hinauszusehen aus mir, so standen sie

seit lange um mein Bett und hielten mir die Hände, und eine Kerze war

da, und ihre großen Schatten rührten sich hinter ihnen. Und mein

Vater befahl mir, zu sagen, was es gäbe. Es war ein freundlicher,

gedämpfter Befehl, aber ein Befehl war es immerhin. Und er wurde

ungeduldig, wenn ich nicht antwortete.

Maman kam nie in der Nacht--, oder doch, einmal kam sie. Ich hatte

geschrieen und geschrieen, und Mademoiselle war gekommen und Sieversen,

die Haushälterin, und Georg, der Kutscher; aber das hatte nichts

genutzt. Und da hatten sie endlich den Wagen nach den Eltern

geschickt, die auf einem großen Balle waren, ich glaube beim

Kronprinzen. Und auf einmal hörte ich ihn hereinfahren in den Hof,

und ich wurde still, saß und sah nach der Tür. Und da rauschte es ein

wenig in den anderen Zimmern, und Maman kam herein in der großen

Hofrobe, die sie gar nicht in acht nahm, und lief beinah und ließ

ihren weißen Pelz hinter sich fallen und nahm mich in die bloßen Arme.

Und ich befühlte, erstaunt und entzückt wie nie, ihr Haar und ihr

kleines, gepflegtes Gesicht und die kalten Steine an ihren Ohren und

die Seide am Rand ihrer Schultern, die nach Blumen dufteten. Und wir

blieben so und weinten zärtlich und küßten uns, bis wir fühlten, daß

der Vater da war und daß wir uns trennen mußten. "Er hat hohes

Fieber", hörte ich Maman schüchtern sagen, und der Vater griff nach

meiner Hand und zählte den Puls. Er war in der Jägermeisteruniform

mit dem schönen, breiten, gewässerten blauen Band des Elefanten. "Was

für ein Unsinn, uns zu rufen", sagte er ins Zimmer hinein, ohne mich

anzusehen. Sie hatten versprochen, zurückzukehren, wenn es nichts

Ernstliches wäre. Und Ernstliches war es ja nichts. Auf meiner Decke

aber fand ich Mamans Tanzkarte und weiße Kamelien, die ich noch nie

gesehen hatte und die ich mir auf die Augen legte, als ich merkte, wie

kühl sie waren.

Aber was lang war, das waren die Nachmittage in solchen Krankheiten.

Am Morgen nach der schlechten Nacht kam man immer in Schlaf, und wenn

man erwachte und meinte, nun wäre es wieder früh, so war es Nachmittag

und blieb Nachmittag und hörte nicht auf Nachtmittag zu sein. Da lag

man so in dem aufgeräumten Bett und wuchs vielleicht ein wenig in den

Gelenken und war viel zu müde, um sich irgend etwas vorzustellen. Der

Geschmack vom Apfelmus hielt lange vor, und das war schon alles

mögliche, wenn man ihn irgendwie auslegte, unwillkürlich, und die

reinliche Säure an Stelle von Gedanken in sich herumgehen ließ.

Später, wenn die Kräfte wiederkamen, wurden die Kissen hinter einem

aufgebaut, und man konnte aufsitzen und mit Soldaten spielen; aber sie

fielen so leicht um auf dem schiefen Bett-Tisch und dann immer gleich

die ganze Reihe; und man war doch noch nicht so ganz im Leben drin, um

immer wieder von vorn anzufangen. Plötzlich war es zuviel, und man

bat, alles recht rasch fortzunehmen, und es tat wohl, wieder nur die

zwei Hände zu sehen, ein bißchen weiter hin auf der leeren Decke.

Wenn Maman mal eine halbe Stunde kam und Märchen vorlas (zum richtigen,

langen Vorlesen war Sieversen da), so war das nicht um der Märchen

willen. Denn wir waren einig darüber, daß wir Märchen nicht liebten.

Wir hatten einen anderen Begriff vom Wunderbaren. Wir fanden, wenn

alles mit natürlichen Dingen zuginge, so wäre das immer am

wunderbarsten. Wir gaben nicht viel darauf, durch die Luft zu fliegen,

die Feen enttäuschten uns, und von den Verwandlungen in etwas anderes

erwarteten wir uns nur eine sehr oberflächliche Abwechslung. Aber wir

lasen doch ein bißchen, um beschäftigt auszusehen; es war uns nicht

angenehm, wenn irgend jemand eintrat, erst erklären zu müssen, was wir

gerade taten; besonders Vater gegenüber waren wir von einer

übertriebenen Deutlichkeit.

Nur wenn wir ganz sicher waren, nicht gestört zu sein, und es dämmerte

draußen, konnte es geschehen, daß wir uns Erinnerungen hingaben,

gemeinsamen Erinnerungen, die uns beiden alt schienen und über die wir

lächelten; denn wir waren beide groß geworden seither. Es fiel uns

ein, daß es eine Zeit gab, wo Maman wünschte, daß ich ein kleines

Mädchen wäre und nicht dieser Junge, der ich nun einmal war. Ich

hatte das irgendwie erraten, und ich war auf den Gedanken gekommen,

manchmal nachmittags an Mamans Türe zu klopfen. Wenn sie dann fragte,

wer da wäre, so war ich glücklich, draußen "Sophie" zu rufen, wobei

ich meine kleine Stimme so zierlich machte, daß sie mich in der Kehle

kitzelte. Und wenn ich dann eintrat (in dem kleinen, mädchenhaften

Hauskleid, das ich ohnehin trug, mit ganz hinaufgerollten Armeln), so

war ich einfach Sophie, Mamans kleine Sophie, die sich häuslich

beschäftigte und der Maman einen Zopf flechten mußte, damit keine

Verwechslung stattfinde mit dem bösen Malte, wenn er je wiederkäme.

Erwünscht war dies durchaus nicht; es war sowohl Maman wie Sophie

angenehm, daß er fort war, und ihre Unterhaltungen (die Sophie immerzu

mit der gleichen, hohen Stimme fortsetzte) bestanden meistens darin,

daß sie Maltes Unarten aufzählten und sich über ihn beklagten. "Ach

ja, dieser Malte", seufzte Maman. Und Sophie wußte eine Menge über

die Schlechtigkeiten der Jungen im allgemeinen, als kennte sie einen

ganzen Haufen.

"Ich möchte wohl wissen, was aus Sophie geworden ist", sagte Maman

dann plötzlich bei solchen Erinnerungen. Darüber konnte nun Malte

freilich keine Auskunft geben. Aber wenn Maman vorschlug, daß sie

gewiß gestorben sei, dann widersprach er eigensinnig und beschwor sie,

dies nicht zu glauben, so wenig sich sonst auch beweisen ließe.

Mich das jetzt überdenke, kann ich mich wundern, daß ich aus der Welt

dieser Fieber doch immer wieder ganz zurückkam und mich hineinfand in

das überaus gemeinsame Leben, wo jeder im Gefühl unterstützt sein

wollte, bei Bekanntem zu sein, und wo man sich so vorsichtig im

Verständlichen vertrug. Da wurde etwas erwartet, und es kam oder es

kam nicht, ein Drittes war ausgeschlossen. Da gab es Dinge, die

traurig waren, ein--für allemal, es gab angenehme Dinge und eine ganze

Menge nebensächlicher. Wurde aber einem eine Freude bereitet, so war

es eine Freude, und er hatte sich danach zu benehmen. Im Grunde war

das alles sehr einfach, und wenn man es erst heraus hatte, so machte

es sich wie von selbst. In diese verabredeten Grenzen ging denn auch

alles hinein; die langen, gleichmäßigen Schulstunden, wenn draußen der

Sommer war; die Spaziergänge, von denen man französisch erzählen mußte;

die Besuche, für die man hereingerufen wurde und die einen drollig

fanden, wenn man gerade traurig war, und sich an einem belustigten wie

an dem betrübten Gesicht gewisser Vögel, die kein anderes haben. Und

die Geburtstage natürlich, zu denen man Kinder eingeladen bekam, die

man kaum kannte, verlegene Kinder, die einen verlegen machten, oder

dreiste, die einem das Gesicht zerkratzten, und zerbrachen, was man

gerade bekommen hatte, und die dann plötzlich fortfuhren, wenn alles

aus Kästen und Laden herausgerissen war und zu Haufen lag. Wenn man

aber allein spielte, wie immer,so konnte es doch geschehen, daß man

diese vereinbarte, im ganzen harmlose Welt unversehens überschritt und

unter Verhältnisse geriet, die völlig verschieden waren und gar nicht

abzusehen.

Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge · 第 5 / 15 段