Ich erwartete, sobald mein Auge Raum hatte, irgendeine ungewöhnliche

und auffallende Figur zu sehen, aber es zeigte sich, daß vor mir

niemand ging, als ein großer hagerer Mann in einem dunklen Überzieher

und mit einem weichen, schwarzen Hut auf dem kurzen, fahlblonden Haar.

Ich vergewisserte mich, daß weder an der Kleidung, noch in dem

Benehmen dieses Mannes etwas Lächerliches sei, und versuchte schon, an

ihm vorüber den Boulevard hinunter zu schauen, als er über irgend

etwas stolperte. Da ich nahe hinter ihm folgte, nahm ich mich in acht,

aber als die Stelle kam, war da nichts, rein nichts. Wir gingen

beide weiter, er und ich, der Abstand zwischen uns blieb derselbe.

Jetzt kam ein Straßenübergang, und da geschah es, daß der Mann vor mir

mit ungleichen Beinen die Stufen des Gangsteigs hinunterhüpfte in der

Art etwa, wie Kinder manchmal während des Gehens aufhüpfen oder

springen, wenn sie sich freuen. Auf den jenseitigen Gangsteig kam er

einfach mit einem langen Schritt hinauf. Aber kaum war er oben, zog

er das eine Bein ein wenig an und hüpfte auf dem anderen einmal hoch

und gleich darauf wieder und wieder. Jetzt konnte man diese

plötzliche Bewegung wieder ganz gut für ein Stolpern halten, wenn man

sich einredete, es wäre da eine Kleinigkeit gewesen, ein Kern, die

glitschige Schale einer Frucht, irgend etwas; und das Seltsame war,

daß der Mann selbst an das Vorhandensein eines Hindernisses zu glauben

schien, denn er sah sich jedesmal mit jenem halb ärgerlichen, halb

vorwurfsvollen Blick, den die Leute in solchen Augenblicken haben,

nach der lästigen Stelle um. Noch einmal rief mich etwas Warnendes

auf die andere Seite der Straße, aber ich folgte nicht und blieb

immerfort hinter diesem Manne, indem ich meine ganze Aufmerksamkeit

auf seine Beine richtete. Ich muß gestehen, daß ich mich merkwürdig

erleichtert fühlte, als etwa zwanzig Schritte lang jenes Hüpfen nicht

wiederkam, aber da ich nun meine Äugen aufhob, bemerkte ich, daß dem

Manne ein anderes Ärgernis entstanden war. Der Kragen seines

Überziehers hatte sich aufgestellt; und wie er sich auch, bald mit

einer Hand, bald mit beiden umständlich bemühte, ihn niederzulegen, es

wollte nicht gelingen. Das kam vor. Es beunruhigte mich nicht. Aber

gleich darauf gewahrte ich mit grenzenloser Verwunderung, daß in den

beschäftigten Händen dieses Menschen zwei Bewegungen waren: eine

heimliche, rasche, mit welcher er den Kragen unmerklich hochklappte,

und jene andere ausführliche, anhaltende, gleichsam übertrieben

buchstabierte Bewegung, die das Umlegen des Kragens bewerkstelligen

sollte. Diese Beobachtung verwirrte mich so sehr, daß zwei Minuten

vergingen, ehe ich erkannte, daß im Halse des Mannes, hinter dem

hochgeschobenen Überzieher und den nervös agierenden Händen dasselbe

schreckliche, zweisilbige Hüpfen war, das seine Beine eben verlassen

hatte. Von diesem Augenblick an war ich an ihn gebunden. Ich begriff,

daß dieses Hüpfen in seinem Körper herumirrte, daß es versuchte, hier

und da auszubrechen. Ich verstand seine Angst vor den Leuten, und ich

begann selber vorsichtig zu prüfen, ob die Vorübergehenden etwas

merkten. Ein kalter Stich fuhr mir durch den Rücken, als seine Beine

plötzlich einen kleinen, zuckenden Sprung machten, aber niemand hatte

es gesehen, und ich dachte mir aus, daß auch ich ein wenig stolpern

wollte, im Falle jemand aufmerksam wurde. Das wäre gewiß ein Mittel,

Neugierige glauben zu machen, es hätte da doch ein kleines,

unscheinbares Hindernis im Wege gelegen, auf das wir zufällig beide

getreten hätten. Aber während ich so auf Hülfe sann, hatte er selbst

einen neuen, ausgezeichneten Ausweg gefunden. Ich habe vergessen zu

sagen, daß er einen Stock trug, nun, es war ein einfacher Stock, aus

dunklem Holze mit einem schlichten, rund gebogenen Handgriff. Und es

war ihm in seiner suchenden Angst in den Sinn gekommen, diesen Stock

zunächst mit einer Hand (denn wer weiß, wozu die zweite noch nötig

sein würde) auf den Rücken zu halten, gerade über die Wirbelsäule, ihn

fest ins Kreuz zu drücken und das Ende der runden Krücke in den Kragen

zu schieben, so daß man es hart und wie einen Halt hinter dem

Halswirbel und dem ersten Rückenwirbel spürte. Das war eine Haltung,

die nicht auffällig, höchstens ein wenig übermütig war; der

unerwartete Frühlingstag konnte das entschuldigen. Niemandem fiel es

ein, sich umzusehen, und nun ging es. Es ging vortrefflich. Freilich

beim nächsten Straßenübergange kamen zwei Hüpfer aus, zwei kleine,

halbunterdrückte Hüpfer, die vollkommen belanglos waren; und der eine,

wirklich sichtbare Sprung war so geschickt angebracht (es lag gerade

ein Spritzschlauch quer über dem Weg), daß nichts zu befürchten war.

Ja, noch ging alles gut; von Zeit zu Zeit griff auch die zweite Hand

an den Stock und preßte ihn fester an, und die Gefahr war gleich

wieder überstanden. Ich konnte nichts dagegen tun, daß meine Angst

dennoch wuchs. Ich wußte, daß, während er ging und mit unendlicher

Anstrengung versuchte, gleichgültig und zerstreut auszusehen, das

furchtbare Zucken in seinem Körper sich anhäufte; auch in mir war die

Angst, mit der er es wachsen und wachsen fühlte, und ich sah, wie er

sich an den Stock klammerte, wenn es innen in ihm zu rütteln begann.

Dann war der Ausdruck dieser Hände so unerbittlich und streng, daß ich

alle Hoffnung in seinen Willen setzte, der groß sein mußte. Aber was

war da ein Wille. Der Augenblick mußte kommen, da seine Kraft zu Ende

war, er konnte nicht weit sein. Und ich, der ich hinter ihm herging

mit stark schlagendem Herzen, ich legte mein bißchen Kraft zusammen

wie Geld, und indem ich auf seine Hände sah, bat ich ihn, er möchte

nehmen, wenn er es brauchte.

Ich glaube, daß er es genommen hat; was konnte ich dafür, daß es nicht

mehr war.

Auf der Place St-Michel waren viele Fahrzeuge und hin und her eilende

Leute, wir waren oft zwischen zwei Wagen und dann holte er Atem und

ließ sich ein wenig gehen, wie um auszuruhen, und ein wenig hüpfte es

und nickte ein wenig. Vielleicht war das die List, mit der die

gefangene Krankheit ihn überwinden wollte. Der Wille war an zwei

Stellen durchbrochen, und das Nachgeben hatte in den besessenen

Muskeln einen leisen, lockenden Reiz zurückgelassen und den zwingenden

Zweitakt. Aber der Stock war noch an seinem Platz, und die Hände

sahen böse und zornig aus; so betraten wir die Brücke, und es ging.

Es ging. Nun kam etwas Unsicheres in den Gang, nun lief er zwei

Schritte, und nun stand er. Stand. Die linke Hand löste sich leise

vom Stock ab und hob sich so langsam empor, daß ich sie vor der Luft

zittern sah; er schob den Hut ein wenig zurück und strich sich über

die Stirn. Er wandte ein wenig den Kopf, und sein Blick schwankte

über Himmel, Häuser und Wasser hin, ohne zu fassen, und dann gab er

nach. Der Stock war fort, er spannte die Arme aus, als ob er

auffliegen wollte, und es brach aus ihm aus wie eine Naturkraft und

bog ihn vor und riß ihn zurück und ließ ihn nicken und neigen und

schleuderte Tanzkraft aus ihm heraus unter die Menge. Denn schon

waren viele Leute um ihn, und ich sah ihn nicht mehr.

Was hätte es für einen Sinn gehabt, noch irgendwohin zu gehen, ich war

leer. Wie ein leeres Papier trieb ich an den Häusern entlang, den

Boulevard wieder hinauf.

Ein Briefentwurf.

Ich versuche es, Dir zu schreiben, obwohl es eigentlich nichts giebt

nach einem notwendigen Abschied. Ich versuche es dennoch, ich glaube,

ich muß es tun, weil ich die Heilige gesehen habe im Pantheon, die

einsame, heilige Frau und das Dach und die Tür und drin die Lampe mit

dem bescheidnen Lichtkreis und drüben die schlafende Stadt und den

Fluß und die Ferne im Mondschein. Die Heilige wacht über der

schlafenden Stadt. Ich habe geweint. Ich habe geweint, weil das

alles auf einmal so unerwartet da war. Ich habe davor geweint, ich

wußte mir nicht zu helfen.

Ich bin in Paris, die es hören freuen sich, die meisten beneiden mich.

Sie haben recht. Es ist eine große Stadt, groß, voll merkwürdiger

Versuchungen. Was mich betrifft, ich muß zugeben, daß ich ihnen in

gewisser Beziehung erlegen bin. Ich glaube, es läßt sich nicht anders

sagen. Ich bin diesen Versuchungen erlegen, und das hat gewisse

Veränderungen zur Folge gehabt, wenn nicht in meinem Charakter, so

doch in meiner Weltanschauung, jedenfalls in meinem Leben. Eine

vollkommen andere Auffassung aller Dinge hat sich unter diesen

Einflüssen in mir herausgebildet, und es sind gewisse Unterschiede da,

die mich von den Menschen mehr als alles Bisherige abtrennen. Eine

veränderte Welt. Ein neues Leben voll neuer Bedeutungen. Ich habe es

augenblicklich etwas schwer, weil alles zu neu ist. Ich bin ein

Anfänger in meinen eigenen Verhältnissen.

Ob es nicht möglich wäre, einmal das Meer zu sehen?

Ja, aber denke nur, ich bildete mir ein, Du könntest kommen. Hättest

Du mir vielleicht sagen können, ob es einen Arzt giebt? Ich habe

vergessen, mich danach zu erkundigen. Übrigens brauche ich es jetzt

nicht mehr.

Erinnerst Du Dich an Baudelaires unglaubliches Gedicht 'Une Charogne'?

Es kann sein, daß ich es jetzt verstehe. Abgesehen von der letzten

Strophe war er im Recht. Was sollte er tun, da ihm das widerfuhr? Es

war seine Aufgabe, in diesem Schrecklichen, scheinbar nur

Widerwärtigen das Seiende zu sehen, das unter allem Seienden gilt.

Auswahl und Ablehnung giebt es nicht. Hältst Du es für einen Zufall,

daß Flaubert seinen Saint-Julien-l'Hospitalier geschrieben hat? Es

kommt mir vor, als wäre das das Entscheidende: ob einer es über sich

bringt, sich zu dem Aussätzigen zu legen und ihn zu erwärmen mit der

Herzwärme der Liebesnächte, das kann nicht anders als gut ausgehen.

Glaube nur nicht, daß ich hier an Enttäuschungen leide, im Gegenteil.

Es wundert mich manchmal, wie bereit ich alles Erwartete aufgebe für

das Wirkliche, selbst wenn es arg ist.

Mein Gott, wenn etwas davon sich teilen ließe. Aber wäre es dann,

wäre es dann? Nein, es ist nur um den Preis des Alleinseins.

Die Existenz des Entsetzlichen in jedem Bestandteil der Luft. Du

atmest es ein mit Durchsichtigem; in dir aber schlägt es sich nieder,

wird hart, nimmt spitze, geometrische Formen an zwischen den Organen;

denn alles, was sich an Qual und Grauen begeben hat auf den Richt

plätzen, in den Folterstuben, den Tollhäusern, den Operationssälen,

unter den Brückenbögen im Nachherbst: alles das ist von einer zähen

Unvergänglichkeit, alles das besteht auf sich und hängt, eifersüchtig

auf alles Seiende, an seiner schrecklichen Wirklichkeit. Die Menschen

möchten vieles davon vergessen dürfen; ihr Schlaf feilt sanft über

solche Furchen im Gehirn, aber Träume drängen ihn ab und ziehen die

Zeichnungen nach. Und sie wachen auf und keuchen und lassen einer

Kerze Schein sich auflösen in der Finsternis und trinken, wie

gezuckertes Wasser, die halbhelle Beruhigung. Aber, ach, auf welcher

Kante hält sich diese Sicherheit. Nur eine geringste Wendung, und

schon wieder steht der Blick über Bekanntes und Freundliches hinaus,

und der eben noch so tröstliche Kontur wird deutlicher als ein Rand

von Grauen. Hüte dich vor dem Licht, das den Raum hohler macht; sieh

dich nicht um, ob nicht vielleicht ein Schatten hinter deinem

Aufsitzen aufsteht wie dein Herr. Besser vielleicht, du wärest in der

Dunkelheit geblieben und dein unabgegrenztes Herz hätte versucht, all

des Ununterscheidbaren schweres Herz zu sein. Nun hast du dich

zusammengenommen in dich, siehst dich vor dir aufhören in deinen

Händen, ziehst von Zeit zu Zeit mit einer ungenauen Bewegung dein

Gesicht nach. Und in dir ist beinah kein Raum; und fast stillt es

dich, daß in dieser Engheit in dir unmöglich sehr Großes sich

aufhalten kann; daß auch das Unerhörte binnen werden muß und sich

beschränken den Verhältnissen nach. Aber draußen, draußen ist es ohne

Absehen; und wenn es da draußen steigt, so füllt es sich auch in dir,

nicht in den Gefäßen, die teilweise in deiner Macht sind, oder im

Phlegma deiner gleichmütigen Organe: im Kapillaren nimmt es zu, röhrig

aufwärts gesaugt in die äußersten Verästelungen deines

zahlloszweigigen Daseins. Dort hebt es sich, dort übersteigt es dich,

kommt höher als dein Atem, auf den du dich hinaufflüchtest wie auf

deine letzte Stelle. Ach, und wohin dann, wohin dann? Dein Herz

treibt dich aus dir hinaus, dein Herz ist hinter dir her, und du

stehst fast schon außer dir und kannst nicht mehr zurück. Wie ein

Käfer, auf den man tritt, so quillst du aus dir hinaus, und dein

bißchen obere Härte und Anpassung ist ohne Sinn.

O Nacht ohne Gegenstände. O stumpfes Fenster hinaus, O sorgsam

verschlossene Türen; Einrichtungen von alters her, übernommen,

beglaubigt, nie ganz verstanden. O Stille im Stiegenhaus. Stille aus

den Nebenzimmern, Stille hoch oben an der Decke. O Mutter: o du

Einzige, die alle diese Stille verstellt hat, einst in der Kindheit.

Die sie auf sich nimmt, sagt: erschrick nicht, ich bin es. Die den

Mut hat, ganz in der Nacht diese Stille zu sein für das, was sich

fürchtet, was verkommt vor Furcht. Du zündest ein Licht an, und schon

das Geräusch bist du. Und du hälst es vor dich und sagst: ich bin es,

erschrick nicht. Und du stellst es hin, langsam, und es ist kein

Zweifel: du bist es, du bist das Licht um die gewohnten herzlichen

Dinge, die ohne Hintersinn da sind, gut, einfältig, eindeutig. Und

wenn es unruhigt in der Wand irgendwo, oder einen Schritt macht in den

Dielen: so lächelst du nur, lächelst, lächelst durchsichtig auf hellem

Grund in das bangsame Gesicht, das an dir forscht, als wärst du eins

und unterm Geheimnis mit jedem Halblaut, abgeredet mit ihm und

einverstanden. Gleicht eine Macht deiner Macht in der irdischen

Herrschaft? Sieh, Könige liegen und starren, und der

Geschichtenerzähler kann sie nicht ablenken. An den seligen Brüsten

ihrer Lieblingin überkriecht sie das Grauen und macht sie schlottrig

und lustlos. Du aber kommst und hältst das Ungeheuere hinter dir und

bist ganz und gar vor ihm; nicht wie ein Vorhang, den es da oder da

aufschlagen kann. Nein, als hättest du es überholt auf den Ruf hin,

der dich bedurfte. Als wärest du weit allem zuvorgekommen, was kommen

kann, und hättest im Rücken nur dein Hereilen, deinen ewigen Weg, den

Flug deiner Liebe.

Der Mouleur, an dem ich jeden Tag vorüberkomme, hat zwei Masken neben

seiner Tür ausgehängt. Das Gesicht der jungen Ertränkten, das man in

der Morgue abnahm, weil es schön war, weil es lächelte, weil es so

täuschend lächelte, als wüßte es. Und darunter sein wissendes Gesicht.

Diesen harten Knoten aus fest zusammengezogenen Sinnen. Diese

unerbittliche Selbstverdichtung fortwährend ausdampfen wollender Musik.

Das Antlitz dessen, dem ein Gott das Gehör verschlossen hat, damit

es keine Klänge gäbe, außer seinen. Damit er nicht beirrt würde durch

das Trübe und Hinfällige der Geräusche. Er, in dem ihre Klarheit und

Dauer war; damit nur die tonlosen Sinne ihm Welt eintrügen, lautlos,

eine gespannte, wartende Welt, unfertig, vor der Erschaffung des

Klanges.

Weltvollendender: wie, was als Regen fällt über die Erde und an die

Gewässer, nachlässig niederfällt, zufällig fallend,--unsichtbarer und

froh von Gesetz wieder aufstehend aus allem und steigt und schwebt und

die Himmel bildet: so erhob sich aus dir der Aufstieg unserer

Niederschläge und umwölbte die Welt mit Musik.

Deine Musik: daß sie hätte um die Welt sein dürfen; nicht um uns. Daß

man dir ein Hammerklavier erbaut hätte in der Thebaïs; und ein Engel

hätte dich hingeführt vor das einsame Instrument, durch die Reihen der

Wüstengebirge, in denen Könige ruhen und Hetären und Anachoreten. Und

er hätte sich hoch geworfen und fort, ängstlich, daß du begännest.

Und dann hättest du ausgeströmt, Strömender, ungehört; an das All

zurückgebend, was nur das All erträgt. Die Beduinen wären in der

Ferne vorbeigejagt, abergläubisch; die Kaufleute aber hätten sich

hingeworfen am Rande deiner Musik, als wärst du der Sturm. Einzelne

Löwen nur hätten dich weit bei Nacht umkreist, erschrocken vor sich

selbst, von ihrem bewegten Blute bedroht.

Denn wer holt dich jetzt aus den Ohren zurück, die lüstern sind? Wer

treibt sie aus den Musiksälen, die Käuflichen mit dem unfruchtbaren

Gehör, das hurt und niemals empfängt? Da strahlt Samen aus, und sie

halten sich unter wie Dirnen und spielen damit, oder er fällt, während

sie daliegen in ihren ungetanen Befriedigungen, wie Samen Onans

zwischen sie alle.

Wo aber, Herr, ein Jungfräulicher unbeschlafenen Ohrs läge bei deinem

Klang: er stürbe an Seligkeit oder er trüge Unendliches aus und sein

befruchtetes Hirn müßte bersten an lauter Geburt.

Ich unterschätze es nicht. Ich weiß, es gehört Mut dazu. Aber nehmen

wir für einen Augenblick an, es hätte ihn einer, diesen Courage de

luxe, ihnen nachzugehen, um dann für immer (denn wer könnte das wieder

vergessen oder verwechseln?) zu wissen, wo sie hernach hineinkriechen

und was sie den vielen übrigen Tag beginnen und ob sie schlafen bei

Nacht. Dies ganz besonders wäre festzustellen: ob sie schlafen. Aber

mit dem Mut ist es noch nicht getan. Denn sie kommen und gehen nicht

wie die übrigen Leute, denen zu folgen eine Kleinigkeit wäre. Sie

sind da und wieder fort, hingestellt und weggenommen wie Bleisoldaten.

Es sind ein wenig abgelegene Stellen, wo man sie findet, aber

durchaus nicht versteckte. Die Büsche treten zurück, der Weg wendet

sich ein wenig um den Rasenplatz herum: da stehen sie und haben eine

Menge durchsichtigen Raumes um sich, als ob sie unter einem Glassturz

stünden. Du könntest sie für nachdenkliche Spaziergänger halten,

diese unscheinbaren Männer von kleiner, in jeder Beziehung

bescheidener Gestalt. Aber du irrst. Siehst du die linke Hand, wie

sie nach etwas greift in der schiefen Tasche des alten Überziehers;

wie sie es findet und herausholt und den kleinen Gegenstand linkisch

und auffällig in die Luft hält? Es dauert keine Minute, so sind zwei,

drei Vögel da, Spatzen, die neugierig heranhüpfen. Und wenn es dem

Manne gelingt, ihrer sehr genauen Auffassung von Unbeweglichkeit zu

entsprechen, so ist kein Grund, warum sie nicht noch näher kommen

sollen. Und schließlich steigt der erste und schwirrt eine Weile

nervös in der Höhe jener Hand, die (weiß Gott) ein kleines Stück

abgenutzten süßen Brotes mit anspruchslosen, ausdrücklich

verzichtenden Fingern hinbietet. Und je mehr Menschen sich um ihn

sammeln, in entsprechendem Abstand natürlich, desto weniger hat er mit

ihnen gemein. Wie ein Leuchter steht er da, der ausbrennt, und

leuchtet mit dem Rest von Docht und ist ganz warm davon und hat sich

nie gerührt. Und wie er lockt, wie er anlockt, das können die vielen,

kleinen, dummen Vögel gar nicht beurteilen. Wenn die Zuschauer nicht

wären und man ließe ihn lange genug dastehen, ich bin sicher, daß auf

einmal ein Engel käme und überwände sich und äße den alten, süßlichen

Bissen aus der verkümmerten Hand. Dem sind nun, wie immer, die Leute

im Wege. Sie sorgen dafür, daß nur Vögel kommen; sie finden das

reichlich, und sie behaupten, er erwarte sich nichts anderes. Was

sollte sie auch erwarten, diese alte, verregnete Puppe, die ein wenig

schräg in der Erde steckt wie die Schiffsfiguren in den kleinen Gärten

zuhause; kommt auch bei ihr diese Haltung davon her, daß sie einmal

irgendwo vorne gestanden hat auf ihrem Leben, wo die Bewegung am

größten ist? Ist sie nun so verwaschen, weil sie einmal bunt war?

Willst du sie fragen?

Nur die Frauen frag nichts, wenn du eine füttern siehst. Denen könnte

man sogar folgen; sie tun es so im Vorbeigehen; es wäre ein Leichtes.

Aber laß sie. Sie wissen nicht, wie es kam. Sie haben auf einmal

eine Menge Brot in ihrem Handsack, und sie halten große Stücke hinaus

aus ihrer dünnen Mantille, Stücke, die ein bißchen gekaut sind und

feucht. Das tut ihnen wohl, daß ihr Speichel ein wenig in die Welt

kommt, daß die kleinen Vögel mit diesem Beigeschmack herumfliegen,

wenn sie ihn natürlich auch gleich wieder vergessen.

Da saß ich an deinen Büchern, Eigensinniger, und versuchte sie zu

meinen wie die andern, die dich nicht beisammen lassen und sich ihren

Anteil genommen haben, befriedigt. Denn da begriff ich noch nicht den

Ruhm, diesen öffentlichen Abbruch eines Werdenden, in dessen Bauplatz

die Menge einbricht, ihm die Steine verschiebend.

Junger Mensch irgendwo, in dem etwas aufsteigt, was ihn erschauern

macht, nütz es, daß dich keiner kennt. Und wenn sie dir widersprechen,

die dich für nichts nehmen, und wenn sie dich ganz aufgeben, die, mit

denen du umgehst, und wenn sie dich ausrotten wollen, um deiner lieben

Gedanken willen, was ist diese deutliche Gefahr, die dich zusammenhält

in dir, gegen die listige Feindschaft später des Ruhms, die dich

unschädlich macht, indem sie dich ausstreut.

Bitte keinen, daß er von dir spräche, nicht einmal verächtlich. Und

wenn die Zeit geht und du merkst, wie dein Name herumkommt unter den

Leuten, nimm ihn nicht ernster als alles, was du in ihrem Munde

findest. Denk: er ist schlecht geworden, und tu ihn ab. Nimm einen

andern an, irgendeinen, damit Gott dich rufen kann in der Nacht. Und

verbirg ihn vor allen.

Du Einsamster, Abseitiger, wie haben sie dich eingeholt auf deinem

Ruhm. Wie lang ist es her, da waren sie wider dich von Grund aus, und

jetzt gehen sie mit dir um, wie mit ihresgleichen. Und deine Worte

führen sie mit sich in den Käfigen ihres Dünkels und zeigen sie auf

den Plätzen und reizen sie ein wenig von ihrer Sicherheit aus. Alle

deine schrecklichen Raubtiere.

Da las ich dich erst, da sie mir ausbrachen und mich anfielen in

meiner Wüste, die Verzweifelten. Verzweifelt, wie du selber warst am

Schluß, du, dessen Bahn falsch eingezeichnet steht in allen Karten.

Wie ein Sprung geht sie durch die Himmel, diese hoffnungslose Hyperbel

deines Weges, die sich nur einmal heranbiegt an uns und sich entfernt

voll Entsetzen. Was lag dir daran, ob eine Frau bleibt oder fortgeht

und ob einen der Schwindel ergreift und einen der Wahnsinn und ob Tote

lebendig sind und Lebendige scheintot: was lag dir daran? Dies alles

war so natürlich für dich; da gingst du durch, wie man durch einen

Vorraum geht, und hieltst dich nicht auf. Aber dort weiltest du und

warst gebückt, wo unser Geschehen kocht und sich niederschlägt und die

Farbe verändert, innen. Innerer als dort, wo je einer war; eine Tür

war dir aufgesprungen, und nun warst du bei den Kolben im Feuerschein.

Dort, wohin du nie einen mitnahmst, Mißtrauischer, dort saßest du und

unterschiedest Übergänge. Und dort, weil das Aufzeigen dir im Blute

war und nicht das Bilden oder das Sagen, dort faßtest du den

ungeheuren Entschluß, dieses Winzige, das du selber zuerst nur durch

Gläser gewahrtest, ganz allein gleich so zu vergrößern, daß es vor

Tausenden sei, riesig, vor allen. Dein Theater entstand. Du konntest

nicht warten, daß dieses fast raumlose von den Jahrhunderten zu

Tropfen zusammengepreßte Leben von den anderen Künsten gefunden und

allmählich versichtbart werde für einzelne, die sich nach und nach

zusammenfinden zur Einsicht und die endlich verlangen, gemeinsam die

erlauchten Gerüchte bestätigt zu sehen im Gleichnis der vor ihnen

aufgeschlagenen Szene. Dies konntest du nicht abwarten, du warst da,

du mußtest das kaum Meßbare: ein Gefühl, das um einen halben Grad

stieg, den Ausschlagswinkel eines von fast nichts beschwerten Willens,

den du ablasest von ganz nah, die leichte Trübung in einem Tropfen

Sehnsucht und dieses Nichts von Farbenwechsel in einem Atom von

Zutrauen: dieses mußtest du feststellen und aufbehalten; denn in

solchen Vorgängen war jetzt das Leben, unser Leben, das in uns

hineingeglitten war, das sich nach innen zurückgezogen hatte, so tief,

daß es kaum noch Vermutungen darüber gab.

So wie du warst, auf das Zeigen angelegt, ein zeitlos tragischer

Dichter, mußtest du dieses Kapillare mit einem Schlag umsetzen in die

überzeugendsten Gebärden, in die vorhandensten Dinge. Da gingst du an

die beispiellose Gewalttat deines Werkes, das immer ungeduldiger,

immer verzweifelter unter dem Sichtbaren nach den Äquivalenten suchte

für das innen Gesehene. Da war ein Kaninchen, ein Bodenraum, ein Saal,

in dem einer auf und nieder geht: da war ein Glasklirren im

Nebenzimmer, ein Brand vor den Fenstern, da war die Sonne. Da war

eine Kirche und ein Felsental, das einer Kirche glich. Aber das

reichte nicht aus; schließlich mußten die Türme herein und die ganzen

Gebirge; und die Lawinen, die die Landschaften begraben, verschütteten

die mit Greifbarem überladene Bühne um des Unfaßlichen willen. Da

konntst du nicht mehr. Die beiden Enden, die du zusammengebogen

hattest, schnellten aus einander; deine wahnsinnige Kraft entsprang

aus dem elastischen Stab, und dein Werk war wie nicht.

Wer begriffe es sonst, daß du zum Schluß nicht vom Fenster

fortwolltest, eigensinnig wie du immer warst. Die Vorübergehenden

wolltest du sehen; denn es war dir der Gedanke gekommen, ob man nicht

eines Tages etwas machen könnte aus ihnen, wenn man sich entschlösse

anzufangen.

Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge · 第 4 / 15 段