Und ich wehre mich noch. Ich wehre mich, obwohl ich weiß, daß mir das

Herz schon heraushängt und daß ich doch nicht mehr leben kann, auch

wenn meine Quäler jetzt von mir abließen. Ich sage mir: es ist nichts

geschehen, und doch habe ich jenen Mann nur begreifen können, weil

auch in mir etwas vor sich geht, das anfängt, mich von allem zu

entfernen und abzutrennen. Wie graute mir immer, wenn ich von einem

Sterbenden sagen hörte: er konnte schon niemanden mehr erkennen. Dann

stellte ich mir ein einsames Gesicht vor, das sich aufhob aus Kissen

und suchte, nach etwas Bekanntem suchte, nach etwas schon einmal

Gesehenem suchte, aber es war nichts da. Wenn meine Furcht nicht so

groß wäre, so würde ich mich damit trösten, daß es nicht unmöglich ist,

alles anders zu sehen und doch zu leben. Aber ich fürchte mich, ich

fürchte mich namenlos vor dieser Veränderung. Ich bin ja noch gar

nicht in dieser Welt eingewöhnt gewesen, die mir gut scheint. Was

soll ich in einer anderen? Ich würde so gerne unter den Bedeutungen

bleiben, die mir lieb geworden sind, und wenn schon etwas sich

verändern muß, so möchte ich doch wenigstens unter den Hunden leben

dürfen, die eine verwandte Welt haben und dieselben Dinge.

Noch eine Weile kann ich das alles aufschreiben und sagen. Aber es

wird ein Tag kommen, da meine Hand weit von mir sein wird, und wenn

ich sie schreiben heißen werde, wird sie Worte schreiben, die ich

nicht meine. Die Zeit der anderen Auslegung wird anbrechen, und es

wird kein Wort auf dem anderen bleiben, und jeder Sinn wird wie Wolken

sich auflösen und wie Wasser niedergehen. Bei aller Furcht bin ich

schließlich doch wie einer, der vor etwas Großem steht, und ich

erinnere mich, daß es früher oft ähnlich in mir war, eh ich zu

schreiben begann. Aber diesmal werde ich geschrieben werden. Ich bin

der Eindruck, der sich verwandeln wird. Oh, es fehlt nur ein kleines,

und ich könnte das alles begreifen und gutheißen. Nur ein Schritt,

und mein tiefes Elend würde Seligkeit sein. Aber ich kann diesen

Schritt nicht tun, ich bin gefallen und kann mich nicht mehr aufheben,

weil ich zerbrochen bin. Ich habe ja immer noch geglaubt, es könnte

eine Hülfe kommen. Da liegt es vor mir in meiner eigenen Schrift, was

ich gebetet habe, Abend für Abend. Ich habe es mir aus den Büchern,

in denen ich es fand, abgeschrieben, damit es mir ganz nahe wäre und

aus meiner Hand entsprungen wie Eigenes. Und ich will es jetzt noch

einmal schreiben, hier vor meinem Tisch kniend will ich es schreiben;

denn so habe ich es länger, als wenn ich es lese, und jedes Wort

dauert an und hat Zeit zu verhallen.

'Mécontent de tous et mécontent de moi, je voudrais bien me racheter

et m'enorgueillir un peu dans le silence et la solitude de la nuit.

Âmes de ceux que j'ai aimés, âmes de ceux que j'ai chantés,

fortifiez-moi, soutenez-moi, éloignez de moi le mensonge et les

vapeurs corruptrices du monde; et vous, Seigneur mon Dieu!

accordez-moi la grâce de produire quelques beaux vers qui me prouvent

à moi-même que je ne suis pas le dernier des hommes, que je ne suis

pas inférieur à ceux que je méprise.'

'Die Kinder loser und verachteter Leute, die die Geringsten im Lande

waren. Nun bin ich ihr Saitenspiel worden und muß ihr Märlein sein.

... sie haben über mich einen Weg gemacht...

... es war ihnen so leicht, mich zu beschädigen, daß sie keiner Hülfe

dazu durften.

... nun aber geußet sich aus meiner Seele über mich, und mich hat

ergriffen die elende Zeit.

Des Nachts wird mein Gebein durchbohret allenthalben; und die mich

jagen, legen sich nicht schlafen.

Durch die Menge der Kraft werde ich anders und anders gekleidet; und

man gürtet mich damit wie mit dem Loch meines Rocks...

Meine Eingeweide sieden und hören nicht auf; mich hat überfallen die

elende Zeit...

Meine Harfe ist eine Klage worden, und meine Pfeife ein Weinen.'

Der Arzt hat mich nicht verstanden. Nichts. Es war ja auch schwer zu

erzählen. Man wollte einen Versuch machen mit dem Elektrisieren. Gut.

Ich bekam einen Zettel: ich sollte um ein Uhr in der Salpêtrère sein.

Ich war dort. Ich mußte lange an verschiedenen Baracken vorüber,

durch mehrere Höfe gehen, in denen da und dort Leute mit weißen Hauben

wie Sträflinge unter den leeren Bäumen standen. Endlich kam ich in

einen langen, dunklen, gangartigen Raum, der auf der einen Seite vier

Fenster aus mattem, grünlichem Glase hatte, eines vom anderen durch

eine breite, schwarze Zwischenwand getrennt. Davor lief eine Holzbank

hin, an allem vorbei, und auf dieser Bank saßen sie, die mich kannten,

und warteten. Ja, sie waren alle da. Als ich mich an die Dämmerung

des Raumes gewöhnt hatte, merkte ich, daß unter denen, welche Schulter

an Schulter in endloser Reihe dasaßen, auch einige andere Leute sein

konnten, kleine Leute, Handwerker, Bedienernnen und Lastkutscher.

Unten an der Schmalseite des Ganges auf besonderen Stühlen hatten sich

zwei dicke Frauen ausgebreitet, die sich unterhielten, vermutlich

Conciergen. Ich sah nach der Uhr; es war fünf Minuten vor Eins. Nun

in fünf, sagen wir in zehn Minuten, mußte ich drankommen; es war also

nicht so schlimm. Die Luft war schlecht, schwer, voll Kleider und

Atem. An einer gewissen Stelle schlug die starke, steigernde Kühle

von Äther aus einer Türspalte. Ich begann auf und ab zu gehen. Es

kam mir in den Sinn, daß man mich hierher gewiesen hatte, unter diese

Leute, in diese überfüllte, allgemeine Sprechstunde. Es war sozusagen

die erste öffentliche Bestätigung, daß ich zu den Fortgeworfenen

gehörte; hatte der Arzt es mir angesehen? Aber ich hatte meinen

Besuch in einem leidlich guten Anzuge gemacht, ich hatte meine Karte

hineingeschickt. Trotzdem, er mußte es irgendwie erfahren haben,

vielleicht hatte ich mich selbst verraten. Nun, da es einmal Tatsache

war, fand ich es auch gar nicht so arg; die Leute saßen still und

achteten nicht auf mich. Einige hatten Schmerzen und schwenkten ein

wenig das eine Bein, um sie leichter auszuhalten. Verschiedene Männer

hatten den Kopf in die flachen Hände gelegt, andere schliefen tief mit

schweren, verschütteten Gesichtern. Ein dicker Mann mit rotem,

angeschwollenem Halse saß vorübergebeugt da, stierte auf den Fußboden

und spie von Zeit zu Zeit klatschend auf einen Fleck, der ihm dazu

passend schien. Ein Kind schluchzte in einer Ecke; die langen magern

Beine hatte es zu sich auf die Bank gezogen, und nun hielt es sie

umfaßt und an sich gepreßt, als müßte es von ihnen Abschied nehmen.

Eine kleine, blasse Frau, der ein mit runden, schwarzen Blumen

geputzter Krepphut schief auf den Haaren saß, hatte die Grimasse eines

Lächelns um die dürftigen Lippen, aber ihre wunden Lider gingen

beständig über. Nicht weit von ihr hatte man ein Mädchen hingesetzt

mit rundem glatten Gesicht und herausgedrängten Augen, die ohne

Ausdruck waren; sein Mund stand offen, so daß man das weiße,

schleimige Zahnfleisch sah mit den alten, verkümmerten Zähnen. Und

viele Verbände gab es. Verbände, die den ganzen Kopf Schichte um

Schichte umzogen, bis nur noch ein einziges Auge da war, das niemandem

mehr gehörte. Verbände, die verbargen, und Verbände, die zeigten, was

darunter war. Verbände, die man geöffnet hatte und in denen nun, wie

in einem schmutzigen Bett, eine Hand lag, die keine mehr war; und ein

eingebundenes Bein, das aus der Reihe herausstand, groß wie ein ganzer

Mensch. Ich ging auf und ab und gab mir Mühe, ruhig zu sein. Ich

beschäftigte mich viel mit der gegenüberliegenden Wand. Ich bemerkte,

daß sie eine Anzahl einflügeliger Türen enthielt und nicht bis an die

Decke reichte, so daß dieser Gang von den Räumen, die daneben liegen

mußten, nicht ganz abgetrennt war. Ich sah nach der Uhr; ich war eine

Stunde auf und ab gegangen. Eine Weile später kamen die Ärzte.

Zuerst ein paar junge Leute, die mit gleichgültigen Gesichtern

vorbeigingen, schließlich der, bei dem ich gewesen war, in lichten

Handschuhen, Chapeau ähuit reflets, tadellosem Überzieher. Als er

mich sah, hob er ein wenig den Hut und lächelte zerstreut. Ich hatte

nun Hoffnung, gleich gerufen zu werden, aber es verging wieder eine

Stunde. Ich kann mich nicht erinnern, womit ich sie verbrachte. Sie

verging. Ein alter Mann kam in einer fleckigen Schürze, eine Art

Wärter, und berührte mich an der Schulter. Ich trat in eines der

Nebenzimmer. Der Arzt und die jungen Leute saßen um einen Tisch und

sahen mich an, man gab mir einen Stuhl. So. Und nun sollte ich

erzählen, wie das eigentlich mit mir wäre. Möglichst kurz, s'il vous

plaît. Denn viel Zeit hätten die Herren nicht. Mir war seltsam zumut.

Die jungen Leute saßen und sahen mich an mit jener überlegenen,

fachlichen Neugier, die sie gelernt hatten. Der Arzt, den ich kannte,

strich seinen schwarzen Spitzbart und lächelte zerstreut. Ich dachte,

daß ich in Weinen ausbrechen würde, aber ich hörte mich französisch

sagen: "Ich hatte bereits die Ehre, Ihnen, mein Herr, alle Auskünfte

zu geben, die ich geben kann. Halten Sie es für nötig, daß diese

Herren eingeweiht werden, so sind Sie nach unserer Unterredung gewiß

imstande, dies mit einigen Worten zu tun, während es mir sehr schwer

fällt." Der Arzt erhob sich mit höflichem Lächeln, trat mit den

Assistenten ans Fenster und sagte ein paar Worte, die er mit einer

waagerechten, schwankenden Handbewegung begleitete. Nach drei Minuten

kam einer von den jungen Leuten, kurzsichtig und fahrig, an den Tisch

zurück und sagte, indem er versuchte, mich strenge anzusehen: "Sie

schlafen gut, mein Herr?" "Nein, schlecht." Worauf er wieder zu der

Gruppe zurück sprang. Dort verhandelte man noch eine Weile, dann

wandte sich der Arzt an mich und teilte mir mit, daß man mich rufen

lassen würde. Ich erinnerte ihn, daß ich auf ein Uhr bestellt worden

sei. Er lächelte und machte ein paar schnelle, sprunghafte Bewegungen

mit seinen kleinen weißen Händen, die bedeuten wollten, daß er

ungemein beschäftigt sei. Ich kehrte also in meinen Gang zurück, in

dem die Luft viel lastender geworden war, und fing wieder an, hin und

her zu gehen, obwohl ich mich todmüde fühlte. Schließlich machte der

feuchte, angehäufte Geruch mich schwindlig; ich blieb an der

Eingangstür stehen und öffnete sie ein wenig. Ich sah, daß draußen

noch Nachmittag und etwas Sonne war, und das tat mir unsagbar wohl.

Aber ich hatte kaum eine Minute so gestanden, da hörte ich, daß man

mich rief. Eine Frauenperson, die zwei Schritte entfernt bei einem

kleinen Tische saß, zischte mir etwas zu. Wer mich geheißen hätte,

die Türe öffnen. Ich sagte, ich könnte die Luft nicht vertragen. Gut,

das sei meine Sache, aber die Türe müsse geschlossen bleiben. Ob es

denn nicht anginge, ein Fenster aufzumachen. Nein, das sei verboten.

Ich beschloß, das Aufundabgehen wieder aufzunehmen, weil es

schließlich eine Art Betäubung war und niemanden kränkte. Aber der

Frau an dem kleinen Tische mißfiel jetzt auch das. Ob ich denn keinen

Platz hätte. Nein, den hätte ich nicht. Das Herumgehen sei aber

nicht gestattet; ich müßte mir einen Platz suchen. Es würde schon

noch einer da sein. Die Frau hatte recht. Es fand sich wirklich

sogleich ein Platz neben dem Mädchen mit den herausdrängenden Augen.

Da saß ich nun in dem Gefühle, daß dieser Zustand unbedingt auf etwas

Fürchterliches vorbereiten müsse. Links war also das Mädchen mit dem

faulenden Zahnfleisch; was rechts von mir war, konnte ich erst nach

einer Weile erkennen. Es war eine ungeheuere, unbewegliche Masse, die

ein Gesicht hatte und eine große, schwere, reglose Hand. Die Seite

des Gesichtes, die ich sah, war leer, ganz ohne Züge und ohne

Erinnerungen, und es war un heimlich, daß der Anzug wie der einer

Leiche war, die man für den Sarg angekleidet hatte. Die schmale,

schwarze Halsbinde war in derselben losen unpersönlichen Weise um den

Kragen geschnallt, und dem Rock sah man es an, daß er von anderen über

diesen willenlosen Körper gezogen worden war. Die Hand hatte man auf

diese Hose gelegt, dorthin wo sie lag, und sogar das Haar war wie von

Leichenwäscherinnen gekämmt und war, wie das Haar ausgestopfter Tiere,

steif geordnet. Ich betrachtete das alles mit Aufmerksamkeit, und es

fiel mir ein, daß dies also der Platz sei, der für mich bestimmt

gewesen war, denn ich glaubte nun endlich an diejenige Stelle meines

Lebens gekommen zu sein, an der ich bleiben würde. Ja, das Schicksal

geht wunderbare Wege.

Plötzlich erhoben sich ganz in der Nähe rasch hintereinander die

erschreckten, abwehrenden Schreie eines Kindes, denen ein leises,

zugehaltenes Weinen folgte. Während ich mich anstrengte,

herauszufinden, wo das könnte gewesen sein, verzitterte wieder ein

kleiner, unterdrückter Schrei, und ich hörte Stimmen, die fragten,

eine Stimme, die halblaut befahl, und dann schnurrte irgend eine

gleichgültige Maschine los und kümmerte sich um nichts. Jetzt

erinnerte ich mich jener halben Wand, und es war mir klar, daß das

alles von jenseits der Türen kam und daß man dort an der Arbeit war.

Wirklich erschien von Zeit zu Zeit der Wärter mit der fleckigen

Schürze und winkte. Ich dachte gar nicht mehr daran, daß er mich

meinen könnte. Galt es mir? Nein. Zwei Männer waren da mit einem

Rollstuhl; sie hoben die Masse hinein, und ich sah jetzt, daß es ein

alter, lahmer Mann war, der noch eine andere, kleinere, vom Leben

abgenutzte Seite hatte mit einem offenen, trüben, traurigen Auge. Sie

fuhren ihn hinein, und neben mir entstand eine Menge Platz. Und ich

saß und dachte, was sie wohl dem blöden Mädchen tun wollten und ob es

auch schreien würde. Die Maschinen dahinten schnurrten so angenehm

fabrikmäßig, es hatte gar nichts Beunruhigendes.

Plötzlich aber war alles still, und in die Stille sagte eine

überlegene, selbstgefällige Stimme, die ich zu kennen glaubte:

"Riez!" Pause. "Riez. Mais riez, riez." Ich lachte schon. Es war

unerklärlich, weshalb der Mann da drüben nicht lachen wollte. Eine

Maschine ratterte los, verstummte aber sofort wieder, Worte wurden

gewechselt, dann erhob sich wieder dieselbe energische Stimme und

befahl: "Dites-nous le mot: avant." Buchstabierend: "a-v-a-n-t"...

Stille. "On n'entend rien. Encore une fois:... "

Und da, als es drüben so warm und schwammig lallte: da zum erstenmal

seit vielen, vielen Jahren war es wieder da. Das, was mir das erste,

tiefe Entsetzen eingejagt hatte, wenn ich als Kind im Fieber lag: das

Große. Ja, so hatte ich immer gesagt, wenn sie alle um mein Bett

standen und mir den Puls fühlten und mich fragten, was mich erschreckt

habe: Das Große. Und wenn sie den Doktor holten und er war da und

redete mir zu, so bat ich ihn, er möchte nur machen, daß das Große

wegginge, alles andere wäre nichts. Aber er war wie die andern. Er

konnte es nicht fortnehmen, obwohl ich damals doch klein war und mir

leicht zu helfen gewesen wäre. Und jetzt war es wieder da. Es war

später einfach ausgeblieben, auch in Fiebernächten war es nicht

wiedergekommen, aber jetzt war es da, obwohl ich kein Fieber hatte.

Jetzt war es da. Jetzt wuchs es aus mir heraus wie eine Geschwulst,

wie ein zweiter Kopf, und war ein Teil von mir, obwohl es doch gar

nicht zu mir gehören konnte, weil es so groß war. Es war da, wie ein

großes totes Tier, das einmal, als es noch lebte, meine Hand gewesen

war oder mein Arm. Und mein Blut ging durch mich und durch es, wie

durch einen und denselben Körper. Und mein Herz mußte sich sehr

anstrengen, um das Blut in das Große zu treiben: es war fast nicht

genug Blut da. Und das Blut trat ungern ein in das Große und kam

krank und schlecht zurück. Aber das Große schwoll an und wuchs mir

vor das Gesicht wie eine warme bläuliche Beule und wuchs mir vor den

Mund, und über meinem letzten Auge war schon der Schatten von seinem

Rande.

Ich kann mich nicht erinnern, wie ich durch die vielen Höfe

hinausgekommen war. Es war Abend, und ich verirrte mich in der

fremden Gegend und ging Boulevards mit endlosen Mauern in einer

Richtung hinauf und, wenn dann kein Ende da war, in der

entgegengesetzten Richtung zurück bis an irgendeinen Platz. Dort

begann ich eine Straße zu gehen, und es kamen andere Straßen, die ich

nie gesehen hatte, und wieder andere. Elektrische Bahnen rasten

manchmal überhell und mit hartem, klopfendem Geläute heran und vorbei.

Aber auf ihren Tafeln standen Namen, die ich nicht kannte. Ich wußte

nicht, in welcher Stadt ich war und ob ich hier irgendwo eine Wohnung

hatte und was ich tun mußte, um nicht mehr gehen zu müssen.

Und jetzt auch noch diese Krankheit, die mich immer schon so

eigentümlich berührt hat. Ich bin sicher, daß man sie unterschätzt.

Genau wie man die Bedeutung anderer Krankheiten übertreibt. Diese

Krankheit hat keine bestimmten Eigenheiten, sie nimmt die Eigenheiten

dessen an, den sie ergreift. Mit einer somnambulen Sicherheit holt

sie aus einem jeden seine tiefste Gefahr heraus, die vergangen schien,

und stellt sie wieder vor ihn hin, ganz nah, in die nächste Stunde.

Männer, die einmal in der Schulzeit das hülflose Laster versucht haben,

dessen betrogene Vertraute die armen, harten Knabenhände sind, finden

sich wieder darüber, oder es fängt eine Krankheit, die sie als Kinder

überwunden haben, wieder in ihnen an; oder eine verlorene Gewohnheit

ist wieder da, ein gewisses zögerndes Wenden des Kopfes, das ihnen vor

Jahren eigen war. Und mit dem, was kommt, hebt sich ein ganzes Gewirr

irrer Erinnerungen, das daranhängt wie nasser Tang an einer

versunkenen Sache. Leben, von denen man nie erfahren hätte, tauchen

empor und mischen sich unter das, was wirklich gewesen ist, und

verdrängen Vergangenes, das man zu kennen glaubte: denn in dem, was

aufsteigt, ist eine ausgeruhte, neue Kraft, das aber, was immer da war,

ist müde von zu oftem Erinnern.

Ich liege in meinem Bett, fünf Treppen hoch, und mein Tag, den nichts

unterbricht, ist wie ein Zifferblatt ohne Zeiger. Wie ein Ding, das

lange verloren war, eines Morgens auf seiner Stelle liegt, geschont

und gut, neuer fast als zur Zeit des Verlustes, ganz als ob es bei

irgend jemandem in Pflege gewesen wäre--: so liegt da und da auf

meiner Bettdecke Verlorenes aus der Kindheit und ist wie neu. Alle

verlorenen Ängste sind wieder da.

Die Angst, daß ein kleiner Wollfaden, der auf dem Saum der Decke

heraussteht, hart sei, hart und scharf wie eine stählerne Nadel; die

Angst, daß dieser kleine Knopf meines Nachthemdes größer sei als mein

Kopf, groß und schwer; die Angst, daß dieses Krümchen Brot, das jetzt

von meinem Bette fällt, gläsern und zerschlagen unten ankommen würde,

und die drückende Sorge, daß damit eigentlich alles zerbrochen sei,

alles für immer; die Angst, daß der Streifen Rand eines aufgerissenen

Briefes etwas Verbotenes sei, das niemand sehen dürfe, etwas

unbeschreiblich Kostbares, für das keine Stelle in der Stube sicher

genug sei; die Angst, daß ich, wenn ich einschliefe, das Stück Kohle

verschlucken würde, das vor dem Ofen liegt; die Angst, daß irgendeine

Zahl in meinem Gehirn zu wachsen beginnt, bis sie nicht mehr Raum hat

in mir; die Angst, daß das Granit sei, worauf ich liege, grauer Granit;

die Angst, daß ich schreien könnte und daß man vor meiner Türe

zusammenliefe und sie schließlich aufbräche, die Angst, daß ich mich

verraten könnte und alles das sagen, wovor ich mich fürchte, und die

Angst, daß ich nichts sagen könnte, weil alles unsagbar ist,--und die

anderen Ängste... die Ängste.

Ich habe um meine Kindheit gebeten, und sie ist wiedergekommen, und

ich fühle, daß sie immer noch so schwer ist wie damals und daß es

nichts genützt hat, älter zu werden.

Gestern war mein Fieber besser, und heute fängt der Tag wie Frühling

an, wie Frühling in Bildern. Ich will versuchen, auszugehen in die

Bibliothèque Nationale zu meinem Dichter, den ich so lange nicht

gelesen habe, und vielleicht kann ich später langsam durch die Gärten

gehen. Vielleicht ist Wind über dem großen Teich, der so wirkliches

Wasser hat, und es kommen Kinder, die ihre Schiffe mit den roten

Segeln hineinlassen und zuschauen.

Heute habe ich es nicht erwartet, ich bin so mutig ausgegangen, als

wäre das das Natürlichste und Einfachste. Und doch, es war wieder

etwas da, das mich nahm wie Papier, mich zusammenknüllte und fortwarf,

es war etwas Unerhörtes da.

Der Boulevard St-Michel war leer und weit, und es ging sich leicht auf

seiner leisen Neigung. Fensterflügel oben öffneten sich mit gläsernem

Aufklang, und ihr Glänzen flog wie ein weißer Vogel über die Straße.

Ein Wagen mit hellroten Rädern kam vorüber, und weiter unten trug

jemand etwas Lichtgrünes. Pferde liefen in blinkernden Geschirren auf

dem dunkel gespritzten Fahrdamm, der rein war. Der Wind war erregt,

neu, mild, und alles stieg auf: Gerüche, Rufe, Glocken.

Ich kam an einem der Caféhäuser vorbei, in denen am Abend die falschen

roten Zigeuner spielen. Aus den offenen Fenstern kroch mit schlechtem

Gewissen die übernächtige Luft. Glattgekämmte Kellner waren dabei,

vor der Türe zu scheuern. Der eine stand gebückt und warf, handvoll

nach handvoll, gelblichen Sand unter die Tische. Da stieß ihn einer

von den Vorübergehenden an und zeigte die Straße hinunter. Der

Kellner, der ganz rot im Gesicht war, schaute eine Weile scharf hin,

dann verbreitete sich ein Lachen auf seinen bartlosen Wangen, als wäre

es darauf verschüttet worden. Er winkte den andern Kellnern, drehte

das lachende Gesicht ein paarmal schnell von rechts nach links, um

alle herbeizurufen und selbst nichts zu versäumen. Nun standen alle

und blickten hinuntersehend oder -suchend, lächelnd oder ärgerlich,

daß sie noch nicht entdeckt hatten, was Lächerliches es gäbe.

Ich fühlte, daß ein wenig Angst in mir anfing. Etwas drängte mich auf

die andere Seite hinüber; aber ich begann nur schneller zu gehen und

überblickte unwillkürlich die wenigen Leute vor mir, an denen ich

nichts Besonderes bemerkte. Doch ich sah, daß der eine, ein

Laufbursche mit einer blauen Schürze und einem leeren Henkelkorb über

der einen Schulter, jemandem nachschaute. Als er genug hatte, drehte

er sich auf derselben Stelle nach den Häusern um und machte zu einem

lachenden Kommis hinüber die schwankende Bewegung vor der Stirne, die

allen geläufig ist. Dann blitzte er mit den schwarzen Äugen und kam

mir befriedigt und sich wiegend entgegen.

Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge · 第 3 / 15 段