Ich wußte damals nichts von ihrer Geschichte. Ich wußte nicht, daß

sie vor langer, langer Zeit in ihrem zweiten Kindbett gestorben war,

einen Knaben gebährend, der zu einem bangen und grausamen Schicksal

heranwuchs,--ich wußte nicht, daß sie eine Gestorbene war. Aber mein

Vater wußte es. Hatte er, der leidenschaftlich war und auf Konsequenz

und Klarheit angelegt, sich zwingen wollen, in Fassung und ohne zu

fragen, dieses Abenteuer auszuhalten? Ich sah, ohne zu begreifen, wie

er mit sich kämpfte, ich erlebte es, ohne zu verstehen, wie er sich

endlich bezwang.

Das war, als wir Christine Brahe zum letztenmal sahen. Dieses Mal war

auch Fräulein Mathilde zu Tische erschienen; aber sie war anders als

sonst. Wie in den ersten Tagen nach unserer Ankunft sprach sie

unaufhörlich ohne bestimmten Zusammenhang und fortwährend sich

verwirrend, und dabei war eine körperliche Unruhe in ihr, die sie

nötigte, sich beständig etwas am Haar oder am Kleide zu richten,--bis

sie unvermutet mit einem hohen klagenden Schrei aufsprang und

verschwand.

In demselben Augenblick wandten sich meine Blicke unwillkürlich nach

der gewissen Türe, und wirklich: Christine Brahe trat ein. Mein

Nachbar, der Major, machte eine heftige, kurze Bewegung, die sich in

meinen Körper fortpflanzte, aber er hatte offenbar keine Kraft mehr,

sich zu erheben. Sein braunes, altes, fleckiges Gesicht wendete sich

von einem zum andern, sein Mund stand offen, und die Zunge wand sich

hinter den verdorbenen Zähnen; dann auf einmal war dieses Gesicht fort,

und sein grauer Kopf lag auf dem Tische, und seine Arme lagen wie in

Stücken darüber und darunter, und irgendwo kam eine welke, fleckige

Hand hervor und bebte.

Und nun ging Christine Brahe vorbei, Schritt für Schritt, langsam wie

eine Kranke, durch unbeschreibliche Stille, in die nur ein einziger

wimmernder Laut hineinklang wie eines alten Hundes. Aber da schob

sich links von dem großen silbernen Schwan, der mit Narzissen gefüllt

war, die große Maske des Alten hervor mit ihrem grauen Lächeln. Er

hob sein Weinglas meinem Vater zu. Und nun sah ich, wie mein Vater,

gerade als Christine Brahe hinter seinem Sessel vorüberkam, nach

seinem Glase griff und es wie etwas sehr Schweres eine Handbreit über

den Tisch hob. Und noch in dieser Nacht reisten wir.

Bibliothèque Nationale.

Ich sitze und lese einen Dichter. Es sind viele Leute im Saal aber

man spürt sie nicht. Sie sind in den Büchern. Manchmal bewegen sie

sich in den Blättern, wie Menschen, die schlafen und sich umwenden

zwischen zwei Träumen. Ach, wie gut ist es doch, unter lesenden

Menschen zu sein. Warum sind sie nicht immer so? Du kannst hingehen

zu einem und ihn leise anrühren: er fühlt nichts. Und stößt du einen

Nachbar beim Aufstehen ein wenig an und entschuldigst dich, so nickt

er nach der Seite, auf der er deine Stimme hört, sein Gesicht wendet

sich dir zu und sieht dich nicht, und sein Haar ist wie das Haar eines

Schlafenden. Wie wohl das tut. Und ich sitze und habe einen Dichter.

Was für ein Schicksal. Es sind jetzt vielleicht dreihundert Leute im

Saale, die lesen; aber es ist unmöglich, daß sie jeder einzelne einen

Dichter haben. (Weiß Gott, was sie haben.) Dreihundert Dichter giebt

es nicht. Aber sieh nur, was für ein Schicksal, ich, vielleicht der

armsäligste von diesen Lesenden, ein Ausländer: ich habe einen Dichter.

Obwohl ich arm bin. Obwohl mein Anzug, den ich täglich trage,

anfängt, gewisse Stellen zu bekommen, obwohl gegen meine Schuhe sich

das und jenes einwenden ließe. Zwar mein Kragen ist rein, meine

Wäsche auch, und ich könnte, wie ich bin, in eine beliebige Konditorei

gehen, womöglich auf den großen Boulevards, und könnte mit meiner Hand

getrost in einen Kuchenteller greifen und etwas nehmen. Man würde

nichts Auffälliges darin finden und mich nicht schelten und

hinausweisen, denn es ist immerhin eine Hand aus den guten Kreisen,

eine Hand, die vier- bis fünfmal täglich gewaschen wird. Ja, es ist

nichts hinter den Nägeln, der Schreibfinger ist ohne Tinte, und

besonders die Gelenke sind tadellos. Bis dorthin waschen arme Leute

sich nicht, das ist eine bekannte Tatsache. Man kann also aus ihrer

Reinlichkeit gewisse Schlüsse ziehen. Man zieht sie auch. In den

Geschäften zieht man sie. Aber es giebt doch ein paar Existenzen, auf

dem Boulevard Saint-Michel zum Beispiel und in der rue Racine, die

lassen sich nicht irremachen, die pfeifen auf die Gelenke. Die sehen

mich an und wissen es. Die wissen, daß ich eigentlich zu ihnen gehöre,

daß ich nur ein bißchen Komödie spiele. Es ist ja Fasching. Und sie

wollen mir den Spaß nicht verderben; sie grinsen nur so ein bißchen

und zwinkern mit den Augen. Kein Mensch hats gesehen. Im übrigen

behandeln sie mich wie einen Herrn. Es muß nur jemand in der Nähe

sein, dann tun sie sogar untertänig. Tun, als ob ich einen Pelz

anhätte und mein Wagen hinter mir herführe. Manchmal gebe ich ihnen

zwei Sous und zittere, sie könnten sie abweisen; aber sie nehmen sie

an. Und es wäre alles in Ordnung, wenn sie nicht wieder ein wenig

gegrinst und gezwinkert hätten. Wer sind diese Leute? Was wollen sie

von mir? Warten sie auf mich? Woran erkennen sie mich? Es ist wahr,

mein Bart sieht etwas vernachlässigt aus, ein ganz, ganz klein wenig

erinnert er an ihre kranken, alten, verblichenen Bärte, die mir immer

Eindruck gemacht haben. Aber habe ich nicht das Recht, meinen Bart zu

vernachlässigen? Viele beschäftigte Menschen tun das, und es fällt

doch niemandem ein, sie deshalb gleich zu den Fortgeworfenen zu zählen.

Denn das ist mir klar, daß das die Fortgeworfenen sind, nicht nur

Bettler; nein, es sind eigentlich keine Bettler, man muß Unterschiede

machen. Es sind Abfälle, Schalen von Menschen, die das Schicksal

ausgespieen hat. Feucht vom Speichel des Schicksals kleben sie an

einer Mauer, an einer Laterne, an einer Plakatsäule, oder sie rinnen

langsam die Gasse herunter mit einer dunklen, schmutzigen Spur hinter

sich her. Was in aller Welt wollte diese Alte von mir, die, mit einer

Nachttischschublade, in der einige Knöpfe und Nadeln herumrollten, aus

irgendeinem Loch herausgekrochen war? Weshalb ging sie immer neben

mir und beobachtete mich? Als ob sie versuchte, mich zu erkennen mit

ihren Triefaugen, die aussahen, als hätte ihr ein Kranker grünen

Schleim in die blutigen Lider gespuckt. Und wie kam damals jene graue,

kleine Frau dazu, eine Viertelstunde lang vor einem Schaufenster an

meiner Seite zu stehen, während sie mir einen alten, langen Bleistift

zeigte, der unendlich langsam aus ihren schlechten, geschlossenen

Händen sich herausschob. Ich tat, als betrachtete ich die ausgelegten

Sachen und merkte nichts. Sie aber wußte, daß ich sie gesehen hatte,

sie wußte, daß ich stand und nachdachte, was sie eigentlich täte.

Denn daß es sich nicht um den Bleistift handeln konnte, begriff ich

wohl: ich fühlte, daß das ein Zeichen war, ein Zeichen für Eingeweihte,

ein Zeichen, das die Fortgeworfenen kennen; ich ahnte, sie bedeutete

mir, ich müßte irgendwohin kommen oder etwas tun. Und das Seltsamste

war, daß ich immerfort das Gefühl nicht los wurde, es bestünde

tatsächlich eine gewisse Verabredung, zu der dieses Zeichen gehörte,

und diese Szene wäre im Grunde etwas, was ich hätte erwarten müssen.

Das war vor zwei Wochen. Aber nun vergeht fast kein Tag ohne eine

solche Begegnung. Nicht nur in der Dämmerung, am Mittag in den

dichtesten Straßen geschieht es, daß plötzlich ein kleiner Mann oder

eine alte Frau da ist, nickt, mir etwas zeigt und wieder verschwindet,

als wäre nun alles Nötige getan. Es ist möglich, daß es ihnen eines

Tages einfällt, bis in meine Stube zu kommen, sie wissen bestimmt, wo

ich wohne, und sie werden es schon einrichten, daß der Concierge sie

nicht aufhält. Aber hier, meine Lieben, hier bin ich sicher vor euch.

Man muß eine besondere Karte haben, um in diesen Saal eintreten zu

können. Diese Karte habe ich vor euch voraus. Ich gehe ein wenig

scheu, wie man sich denken kann, durch die Straßen, aber schließlich

stehe ich vor einer Glastür, öffne sie, als ob ich zuhause wäre, weise

an der nächsten Tür meine Karte vor (ganz genau wie ihr mir eure Dinge

zeigt, nur mit dem Unterschiede, daß man mich versteht und begreift,

was ich meine--), und dann bin ich zwischen diesen Büchern, bin euch

weggenommen, als ob ich gestorben wäre, und sitze und lese einen

Dichter.

Ihr wißt nicht, was das ist, ein Dichter?--Verlaine... Nichts? Keine

Erinnerung? Nein. Ihr habt ihn nicht unterschieden unter denen, die

ihr kanntet? Unterschiede macht ihr keine, ich weiß. Aber es ist ein

anderer Dichter, den ich lese, einer, der nicht in Paris wohnt, ein

ganz anderer. Einer, der ein stilles Haus hat im Gebirge. Der klingt

wie eine Glocke in reiner Luft. Ein glücklicher Dichter, der von

seinem Fenster erzählt und von den Glastüren seines Bücherschrankes,

die eine liebe, einsame Weite nachdenklich spiegeln. Gerade der

Dichter ist es, der ich hätte werden wollen; denn er weiß von den

Mädchen so viel, und ich hätte auch viel von ihnen gewußt. Er weiß

von Mädchen, die vor hundert Jahren gelebt haben; es tut nichts mehr,

daß sie tot sind, denn er weiß alles. Und das ist die Hauptsache. Er

spricht ihre Namen aus, diese leisen, schlankgeschriebenen Namen mit

den altmodischen Schleifen in den langen Buchstaben und die

erwachsenen Namen ihrer älteren Freundinnen, in denen schon ein klein

wenig Schicksal mitklingt, ein klein wenig Enttäuschung und Tod.

Vielleicht liegen in einem Fach seines Mahagonischreibtisches ihre

verblichenen Briefe und die gelösten Blätter ihrer Tagebücher, in

denen Geburtstage stehen, Sommerpartien, Geburtstage. Oder es kann

sein, daß es in der bauchigen Kommode im Hintergrunde seines

Schlafzimmers eine Schublade giebt, in der ihre Frühjahrskleider

aufgehoben sind; weiße Kleider, die um Ostern zum erstenmal angezogen

wurden, Kleider aus getupftem Tüll, die eigentlich in den Sommer

gehören, den man nicht erwarten konnte. O was für ein glückliches

Schicksal, in der stillen Stube eines ererbten Hauses zu sitzen unter

lauter ruhigen, seßhaften Dingen und draußen im leichten, lichtgrünen

Garten die ersten Meisen zu hören, die sich versuchen, und in der

Ferne die Dorfuhr. Zu sitzen und auf einen warmen Streifen

Nachmittagssonne zu sehen und vieles von vergangenen Mädchen zu wissen

und ein Dichter zu sein. Und zu denken, daß ich auch so ein Dichter

geworden wäre, wenn ich irgendwo hätte wohnen dürfen, irgendwo auf der

Welt, in einem von den vielen verschlossenen Landhäusern, um die sich

niemand bekümmert. Ich hätte ein einziges Zimmer gebraucht (das

lichte Zimmer im Giebel). Da hätte ich drinnen gelebt mit meinen

alten Dingen, den Familienbildern, den Büchern. Und einen Lehnstuhl

hätte ich gehabt und Blumen und Hunde und einen starken Stock für die

steinigen Wege. Und nichts sonst. Nur ein Buch in gelbliches,

elfenbeinfarbiges Leder gebunden mit einem alten blumigen Muster als

Vorsatz: dahinein hätte ich geschrieben. Ich hätte viel geschrieben,

denn ich hätte viele Gedanken gehabt und Erinnerungen von Vielen.

Aber es ist anders gekommen, Gott wird wissen, warum. Meine alten

Möbel faulen in einer Scheune, in die ich sie habe stellen dürfen, und

ich selbst, ja, mein Gott, ich habe kein Dach über mir, und es regnet

mir in die Augen.

Manchmal gehe ich an kleinen Läden vorbei in der rue de Seine etwa.

Händler mit Altsachen oder kleine Buchantiquare oder

Kupferstichverkäufer mit überfüllten Schaufenstern. Nie tritt jemand

bei ihnen ein, sie machen offenbar keine Geschäfte. Sieht man aber

hinein, so sitzen sie, sitzen und lesen, unbesorgt; sorgen nicht um

morgen, ängstigen sich nicht um ein Gelingen, haben einen Hund, der

vor ihnen sitzt, gut aufgelegt, oder eine Katze, die die Stille noch

größer macht, indem sie die Bücherreihen entlang streicht, als wischte

sie die Namen von den Rücken.

Ach, wenn das genügte: ich wünschte manchmal, mir so ein volles

Schaufenster zu kaufen und mich mit einem Hund dahinterzusetzen für

zwanzig Jahre.

Es ist gut, es laut zu sagen: "Es ist nichts geschehen." Noch einmal:

"Es ist nichts geschehen." Hilft es?

Daß mein Ofen wieder einmal geraucht hat und ich ausgehen mußte, das

ist doch wirklich kein Unglück. Daß ich mich matt und erkältet fühle,

hat nichts zu bedeuten. Daß ich den ganzen Tag in den Gassen

umhergelaufen bin, ist meine eigene Schuld. Ich hätte ebensogut im

Louvre sitzen können. Oder nein, das hätte ich nicht. Dort sind

gewisse Leute, die sich wärmen wollen. Sie sitzen auf den Samtbänken,

und ihre Füße stehen wie große leere Stiefel nebeneinander auf den

Gittern der Heizungen. Es sind äußerst bescheidene Männer, die

dankbar sind, wenn die Diener in den dunklen Uniformen mit den vielen

Orden sie dulden. Aber wenn ich eintrete, so grinsen sie. Grinsen

und nicken ein wenig. Und dann, wenn ich vor den Bildern hin und her

gehe, behalten sie mich im Auge, immer im Auge, immer in diesem

umgerührten, zusammengeflossenen Auge. Es war also gut, daß ich nicht

ins Louvre gegangen bin. Ich bin immer unterwegs gewesen. Weiß der

Himmel in wie vielen Städten, Stadtteilen, Friedhöfen, Brücken und

Durchgängen. Irgendwo habe ich einen Mann gesehen, der einen

Gemüsewagen vor sich herschob. Er schrie: Choufleur, Chou-fleur, das

fleur mit eigentümlich trübem eu. Neben ihm ging eine eckige,

häßliche Frau, die ihn von Zeit zu Zeit anstieß. Und wenn sie ihn

anstieß, so schrie er. Manchmal schrie er auch von selbst, aber dann

war es umsonst gewesen, und er mußte gleich darauf wieder schreien,

weil man vor einem Hause war, welches kaufte. Habe ich schon gesagt,

daß er blind war? Nein? Also er war blind. Er war blind und schrie.

Ich fälsche, wenn ich das sage, ich unterschlage den Wagen, den er

schob, ich tue, als hätte ich nicht bemerkt, daß er Blumenkohl ausrief.

Aber ist das wesentlich? Und wenn es auch wesentlich wäre, kommt es

nicht darauf an, was die ganze Sache für mich gewesen ist? Ich habe

einen alten Mann gesehen, der blind war und schrie. Das habe ich

gesehen. Gesehen.

Wird man es glauben, daß es solche Häuser giebt? Nein, man wird sagen,

ich fälsche. Diesmal ist es Wahrheit, nichts weggelassen, natürlich

auch nichts hinzugetan. Woher sollte ich es nehmen? Man weiß, daß

ich arm bin. Man weiß es. Häuser? Aber, um genau zu sein, es waren

Häuser, die nicht mehr da waren. Häuser, die man abgebrochen hatte

von oben bis unten. Was da war, das waren die anderen Häuser, die

danebengestanden hatten, hohe Nachbarhäuser. Offenbar waren sie in

Gefahr, umzufallen, seit man nebenan alles weggenommen hatte; denn ein

ganzes Gerüst von langen, geteerten Mastbäumen war schräg zwischen den

Grund des Schuttplatzes und die bloßgelegte Mauer gerammt. Ich weiß

nicht, ob ich schon gesagt habe, daß ich diese Mauer meine. Aber es

war sozusagen nicht die erste Mauer der vorhandenen Häuser (was man

doch hätte annehmen müssen), sondern die letzte der früheren. Man sah

ihre Innenseite. Man sah in den verschiedenen Stockwerken Zimmerwände,

an denen noch die Tapeten klebten, da und dort den Ansatz des

Fußbodens oder der Decke. Neben den Zimmerwänden blieb die ganze

Mauer entlang noch ein schmutzigweißer Raum, und durch diesen kroch in

unsäglich widerlichen, wurmweichen, gleichsam verdauenden Bewegungen

die offene, rostfleckige Rinne der Abortröhre. Von den Wegen, die das

Leuchtgas gegangen war, waren graue, staubige Spuren am Rande der

Decken geblieben, und sie bogen da und dort, ganz unerwartet, rund um

und kamen in die farbige Wand hineingelaufen und in ein Loch hinein,

das schwarz und rücksichtslos ausgerissen war. Am unvergeßlichsten

aber waren die Wände selbst. Das zähe Leben dieser Zimmer hatte sich

nicht zertreten lassen. Es war noch da, es hielt sich an den Nägeln,

die geblieben waren, es stand auf dem bandbreiten Rest der Fußböden,

es war unter den Ansätzen der Ecken, wo es noch ein klein wenig

Innenraum gab, zusammengekrochen. Man konnte sehen, daß es in der

Farbe war, die es langsam, Jahr um Jahr, verwandelt hatte: Blau in

schimmliches Grün, Grün in Grau und Gelb in ein altes, abgestandenes

Weiß, das fault. Aber es war auch in den frischeren Stellen, die sich

hinter Spiegeln, Bildern und Schränken erhalten hatten; denn es hatte

ihre Umrisse gezogen und nachgezogen und war mit Spinnen und Staub

auch auf diesen versteckten Plätzen gewesen, die jetzt bloßlagen. Es

war in jedem Streifen, der abgeschunden war, es war in den feuchten

Blasen am unteren Rande der Tapeten, es schwankte in den abgerissenen

Fetzen, und aus den garstigen Flecken, die vor langer Zeit entstanden

waren, schwitzte es aus. Und aus diesen blau, grün und gelb gewesenen

Wänden, die eingerahmt waren von den Bruchbahnen der zerstörten

Zwischenmauern, stand die Luft dieser Leben heraus, die zähe, träge,

stockige Luft, die kein Wind noch zerstreut hatte. Da standen die

Mittage und die Krankheiten und das Ausgeatmete und der jahrealte

Rauch und der Schweiß, der unter den Schultern ausbricht und die

Kleider schwer macht, und das Fade aus den Munden und der Fuselgeruch

gärender Füße. Da stand das Scharfe vom Urin und das Brennen vom Ruß

und grauer Kartoffeldunst und der schwere, glatte Gestank von

alterndem Schmalze. Der süße, lange Geruch von vernachlässigten

Säuglingen war da und der Angstgeruch der Kinder, die in die Schule

gehen, und das Schwüle aus den Betten mannbarer Knaben. Und vieles

hatte sich dazugesellt, was von unten gekommen war, aus dem Abgrund

der Gasse, die verdunstete, und anderes war von oben herabgesickert

mit dem Regen, der über den Städten nicht rein ist. Und manches hatte

die schwachen, zahm gewordenen Hauswinde, die immer in derselben

Straße bleiben, zugetragen, und es war noch vieles da, wovon man den

Ursprung nicht wußte. Ich habe doch gesagt, daß man alle Mauern

abgebrochen hatte bis auf die letzte--? Nun von dieser Mauer spreche

ich fortwährend. Man wird sagen, ich hätte lange davorgestanden; aber

ich will einen Eid geben dafür, daß ich zu laufen begann, sobald ich

die Mauer erkannt hatte. Denn das ist das Schreckliche, daß ich sie

erkannt habe. Ich erkenne das alles hier, und darum geht es so ohne

weiteres in mich ein: es ist zu Hause in mir.

Ich war etwas erschöpft nach alledem, man kann wohl sagen angegriffen,

und darum war es zuviel für mich, daß auch er noch auf mich warten

mußte. Er wartete in der kleinen Crémerie, wo ich zwei Spiegeleier

essen wollte; ich war hungrig, ich war den ganzen Tag nicht dazu

gekommen zu essen. Aber ich konnte auch jetzt nichts zu mir nehmen;

ehe die Eier noch fertig waren, trieb es mich wieder hinaus in die

Straßen, die ganz dickflüssig von Menschen mir entgegenrannen. Denn

es war Fasching und Abend, und die Leute hatten alle Zeit und trieben

umher und rieben sich einer am andern. Und ihre Gesichter waren voll

von dem Licht, das aus den Schaubuden kam, und das Lachen quoll aus

ihren Munden wie Eiter aus offenen Stellen. Sie lachten immer mehr

und drängten sich immer enger zusammen, je ungeduldiger ich versuchte

vorwärts zu kommen. Das Tuch eines Frauenzimmers hakte sich irgendwie

an mir fest, ich zog sie hinter mir her, und die Leute hielten mich

auf und lachten, und ich fühlte, daß ich auch lachen sollte, aber ich

konnte es nicht. Jemand warf mir eine Hand Confetti in die Augen, und

es brannte wie eine Peitsche. An den Ecken waren die Menschen

festgekeilt, einer in den andern geschoben, und es war keine

Weiterbewegung in ihnen, nur ein leises, weiches Auf und Ab, als ob

sie sich stehend paarten. Aber obwohl sie standen und ich am Rande

der Fahrbahn, wo es Risse im Gedränge gab, hinlief wie ein Rasender,

war es in Wahrheit doch so, daß sie sich bewegten und ich mich nicht

rührte. Denn es veränderte sich nichts; wenn ich aufsah, gewahrte ich

immer noch dieselben Häuser auf der einen Seite und auf der anderen

die Schaubuden. Vielleicht auch stand alles fest, und es war nur ein

Schwindel in mir und ihnen, der alles zu drehen schien. Ich hatte

keine Zeit, darüber nachzudenken, ich war schwer von Schweiß, und es

kreiste ein betäubender Schmerz in mir, als ob in meinem Blute etwas

zu Großes mittriebe, das die Adern ausdehnte, wohin es kam. Und dabei

fühlte ich, daß die Luft längst zu Ende war und daß ich nur mehr

Ausgeatmetes einzog, das meine Lungen stehen ließen.

Aber nun ist es vorbei; ich habe es überstanden. Ich sitze in meinem

Zimmer bei der Lampe; es ist ein wenig kalt, denn ich wage es nicht,

den Ofen zu versuchen; was, wenn er rauchte und ich müßte wieder

hinaus? Ich sitze und denke: wenn ich nicht arm wäre, würde ich mir

ein anderes Zimmer mieten, ein Zimmer mit Möbeln, die nicht so

aufgebraucht sind, nicht so voll von früheren Mietern wie diese hier.

Zuerst war es mir wirklich schwer, den Kopf in diesen Lehnstuhl zu

legen; es ist da nämlich eine gewisse schmierig-graue Mulde in seinem

grünen Bezug, in die alle Köpfe zu passen scheinen. Längere Zeit

gebrauchte ich die Vorsicht, ein Taschentuch unter meine Haare zu

legen, aber jetzt bin ich zu müde dazu; ich habe gefunden, daß es auch

so geht und daß die kleine Vertiefung genau für meinen Hinterkopf

gemacht ist, wie nach Maß. Aber ich würde mir, wenn ich nicht arm

wäre, vor allem einen guten Ofen kaufen, und ich würde das reine,

starke Holz heizen, welches aus dem Gebirge kommt, und nicht diese

trostlosen têtes-de-moineau, deren Dunst das Atmen so bang macht und

den Kopf so wirr. Und dann müßte jemand da sein, der ohne grobes

Geräusch aufräumt und der das Feuer besorgt, wie ich es brauche; denn

oft, wenn ich eine Viertelstunde vor dem Ofen knien muß und rütteln,

die Stirnhaut gespannt von der nahen Glut und mit Hitze in den offenen

Augen, gebe ich alles aus, was ich für den Tag an Kraft habe, und wenn

ich dann unter die Leute komme, haben sie es natürlich leicht. Ich

würde manchmal, wenn großes Gedränge ist, einen Wagen nehmen,

vorbeifahren, ich würde täglich in einem Duval essen... und nicht mehr

in die Crémerien kriechen... Ob er wohl auch in einem Duval gewesen

wäre? Nein. Dort hätte er nicht auf mich warten dürfen. Sterbende

läßt man nicht hinein. Sterbende? Ich sitze ja jetzt in meiner Stube;

ich kann ja versuchen, ruhig über das nachzudenken, was mir begegnet

ist. Es ist gut, nichts im Ungewissen zu lassen. Also ich trat ein

und sah zuerst nur, daß der Tisch, an dem ich öfters zu sitzen pflegte,

von jemandem anderen eingenommen war. Ich grüßte nach dem kleinen

Buffet hin, bestellte und setzte mich nebenan. Aber da fühlte ich ihn,

obwohl er sich nicht rührte. Gerade seine Regungslosigkeit fühlte

ich und begriff sie mit einem Schlage. Die Verbindung zwischen uns

war hergestellt, und ich wußte, daß er erstarrt war vor Entsetzen.

Ich wußte, daß das Entsetzen ihn gelähmt hatte, Entsetzen über etwas,

was in ihm geschah. Vielleicht brach ein Gefäß in ihm, vielleicht

trat ein Gift, das er lange gefürchtet hatte, gerade jetzt in seine

Herzkammer ein, vielleicht ging ein großes Geschwür auf in seinem

Gehirn wie eine Sonne, die ihm die Welt verwandelte. Mit

unbeschreiblicher Anstrengung zwang ich mich, nach ihm hinzusehen,

denn ich hoffte noch, daß alles Einbildung sei. Aber es geschah, daß

ich aufsprang und hinausstürzte; denn ich hatte mich nicht geirrt. Er

saß da in einem dicken, schwarzen Wintermantel, und sein graues,

gespanntes Gesicht hing tief in ein wollenes Halstuch. Sein Mund war

geschlossen, als wäre er mit großer Wucht zugefallen, aber es war

nicht möglich zu sagen, ob seine Augen noch schauten: beschlagene,

rauchgraue Brillengläser lagen davor und zitterten ein wenig. Seine

Nasenflügel waren aufgerissen, und das lange Haar über seinen Schläfen,

aus denen alles weggenommen war, welkte wie in zu großer Hitze.

Seine Ohren waren lang, gelb, mit großen Schatten hinter sich. Ja, er

wußte, daß er sich jetzt von allem entfernte, nicht nur von den

Menschen. Ein Augenblick noch, und alles wird seinen Sinn verloren

haben, und dieser Tisch und die Tasse und der Stuhl, an den er sich

klammert, alles Tägliche und Nächste wird unverständlich geworden sein,

fremd und schwer. So saß er da und wartete, bis es geschehen sein

würde. Und wehrte sich nicht mehr.

Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge · 第 2 / 15 段