III

Max wurde in besonderem Auftrag ins Reich geschickt.

Die Bahnhöfe, noch in den Händen der Regierungstruppen, waren gesperrt.

Nur Munitionszüge und Truppentransporte verkehrten. Viele Brücken waren

gesprengt, auf weite Strecken die Schienen aufgerissen, Züge flogen

jeden Tag in die Luft.

Max fuhr mit dem Motorrad.

Serien von Landschaften zogen an ihm vorüber, kaleidoskopartig, wie ein

Filmstreifen.

Die Aufträge, die er zu übermitteln hatte, waren in den verschiedenen

Hohlteilen der Maschine gut untergebracht. Auch besaß er verschiedene

Ausweise, darunter auch einen „schwarzweißroten“ ...

* * * * *

So flog er an dunkelgrünen Wiesengründen vorbei, auf denen noch

friedlich die Kühe weideten, an Aeckern, die leicht gekräuselten

Wellenbeeten glichen: so lag das Heu in Reihen ... Durch Dörfer

hindurch, wo ihm Bittgebete leiernd eine gebrechliche Prozession

entgegenhinkte. Unbewegt stand noch so ein Dorf, wie ein träger

zähflüssiger Tümpel, inmitten der gewaltigen Wirbelbewegung, die die

Industriegebiete bereits längst ergriffen hatte.

Andere Orte wieder durchfuhr er, lange Autoreihen hielten vor prächtig

und amerikanisch aufgemachten Hotels: die ausgewanderten Reichen waren

hierher geflüchtet, hier hatten sie sich wie die Ratten bei einer

Feuersbrunst in die Schlupflöcher verkrochen. Landhäuser, Villen mit

Laubgängen und herrlichen Gartenanlagen grenzten an den See: wie viele

Tausende von Menschen werden einst in diesen Erholungsheimen ihr Leben

feiern! Schwer und solid gebaute Klöster standen vierschrötig auf

Bergkuppen: auch hier, das ganze Land in dieser Gegend war ein tief

wieder Lebensatem schöpfendes Ausruhen.

Auch Siedlungen: mit Freideutschen, Christussen und „Wandervögeln“

darin, die sich selbst auf den Aussterbeetat gesetzt hatten, in die

seltsamsten metaphysisch-verschrullten Gedankengänge verstrickt, dabei

vegetierend und wurzelkauend. Eine zwanglose Selbstausschaltung dauernd

Lebensuntüchtiger aus dem Gesellschaftsprozeß, ein Ersatz für

Irrenanstalten bei harmloseren Fällen von Geisteserkrankungen.

In der Nähe befanden sich einige ausgedehnte Konzentrationslager, in

denen neue Armeen gebildet wurden, Büros zur Anwerbung von Freiwilligen

waren fast in jeder Gemeinde untergebracht, die Pfaffen warben eifrig

für diese Verbände im Beichtstuhl und von der Kanzel herab bei ihrer

Predigt.

Weiter gings.

Hier und dort hatten es die Regierer allerdings schon gründlich mit den

Bauern verscherzt, die ihre Dörfer verlassen hatten und sich, wie das

Gerücht ging, in einer bestimmten Gegend zu einem Heerhaufen sammelten.

Manchmal waren Flammenschein und Rauchsäulen am Himmel: Gutshöfe und

Kirchen brannten: die Bauernschaft war aufgestanden und hatte ihre

Peiniger zu Paaren getrieben. Unbewegt wie holzgeschnitzte Figuren

standen an Wegkreuzungen, rote Binden um den Arm, die bäuerlichen

Wachtposten, und oft, durch einen kurzen Durchblick durch einen Wald

hindurch, sah man: auf geschlungenen Feldpfaden Züge von Marschierenden.

An einer Stelle war es zum Zusammenstoß gekommen. Max mußte einen Umweg

machen, alle Straßen lagen unter einem schweren Feuerdruck.

An dem berüchtigten Zuchthaus kam Max vorbei, in dem ein halbes Tausend

von politischen Gefangenen elend ihr Leben fristete, über zweitausend

Jahre Gefangenschaft saßen darin; dort in dem Mauerwinkel, über den

großen Lindenbaum hinweg, war die Stelle, wo die Hinrichtungen mit dem

Fallbeil stattfanden.

Kein Gefangener war hinter den Gittern zu erblicken.

Schlafen sie noch oder haben sie ihren Zwingkäfig bereits verlassen?

Der Nächstbeste unten im Dorf konnte ihn darüber aufklären.

Vor zwei Tagen, da war es, da hätten die Gefangenen gemeutert, seien

unruhig geworden, man hätte es bis ins Dorf herunter gehört. Da habe die

Gefängnisleitung die einzelnen Zellen mit Matratzen abdichten lassen,

die Zellenräume vergast, in jede eine Giftgasflasche hineingelegt ...

Drei Minuten hat es gedauert und der Lärm, der in diesem Stadium dem

Gebrüll von Tobsüchtigen glich, war zuende.

Es wird die Zeit kommen, knirschte Max grimmig, da man wieder dazu

zurückkehren wird, Galgen öffentlich auf den Plätzen zu errichten, eine

Hinrichtung zur Volksbelustigung zu machen, und wo man Torturen

rücksichtslos anwenden wird. Da werden Reihen von Märtyrern auf den

Tischen unter dem Strang stehen, eine weiße Kapuze über, um den Hals die

Bulle des Todesurteils ... und man wird den Tisch unter ihren Füßen

hinwegziehen, fest strafft sich der Strick, und die zwei oder drei

Henkersgesellen hängen sich mit ihrem Gewicht noch an den Leib des

Verurteilten ... und die Sache ist erledigt. Man wird Menschen bis oben

hin in Watte einwickeln, mit leicht brennbarem Oel begießen, anzünden

und sie laufen lassen. Wir sind im Anfang einer Zeit von Grausamkeiten,

Barbareien, Greueln ohnegleichen und bei all dem wird man verlogen, wie

man ist, verächtlich und human aufgeklärt auf die Geschichtsepoche der

Inquisition und der Hexenprozesse herabblicken ... Unsere Gerichte sind

Fabriken, weiter nichts als Fabriken, in denen nach einem bestimmten

Schema, Gesetz genannt, serienweise Urteile fabriziert werden. Wer in

dem Besitz dieser Fabriken ist!? Na, wir werden dafür sorgen müssen, daß

diese Betriebe möglichst bald betriebsunfähig gemacht werden! ...

* * * * *

So kam Max bis ins Ruhrgebiet.

Eine gelbliche Nebelschicht lag in der Luft. Es war still, wie ein

Feiertag. Max erinnerte sich an jene Bergwerkskatastrophe, die damals

den ersten Anstoß zu seiner proletarischen Bewußtwerdung und zu seinem

neuen Leben gegeben hatte. Was der Kollege Straßenbahner jetzt wohl

machen mag!? ... Und Wilhelm!? Ein jeder von denen stand auf seinem

Posten, ein jeder hatte im großen Schlachtfeld seinen bestimmten

Kampfplatz.

Auch Lene ... Sie war seit der Ausrufung des bewaffneten Aufstands als

Sanitäterin bei einer neu sich bildenden roten Armee in Ostpreußen ...

* * * * *

Das gesamte Ruhrgebiet war ein einziges rotes Riesenbollwerk.

Fieberhaft wurde gearbeitet.

Ueberall Patrouillen, Sicherungen, Motorradfahrerabteilungen ...

Die Erde war geplatzt: nicht eine Armee nur, nein drei, vier rote Armeen

waren aus dieser mit Proletarierblut überreichlich gedüngten Erde

herausgestampft.

* * * * *

Nach heftigsten und für beide Seiten verlustreichsten Kämpfen war die

weiße Armee geschlagen worden, sie löste sich auf dem Rückzug vollends

auf, und die rote Armeeleitung war eben dabei, einen großangelegten

Aufmarschplan gegen Norden, über Hannover, gegen Berlin auszuarbeiten.

Hier sah Max zum erstenmal einen roten Panzerzug. Pfeifend und

schnaubend, unter dem Gesang „Völker, hört die Signale“ schob er sich

ins grüne Land hinein.

„Glänzend organisiert“, mußte Max anerkennen. „Und was für eine

Disziplin!“

„Kein Fall von Plünderung oder ähnlichem ist bei uns vorgekommen, ja ja,

wir haben eben eine revolutionäre Tradition ... Die vielen Kämpfe in den

vorhergegangenen Jahren sind nicht umsonst gewesen ...“ Wurde ihm im

Hauptquartier berichtet. Und Heldentaten wurden erzählt, ohne

Namensnennung, jeder hatte sie vollbracht, sie gehörten allen zusammen

...

Hier erfuhr Max weiter:

Generalstreik in USA. Bewaffnete Demonstrationen gegen den

imperialistischen Krieg in USA. Die Negervölker in den Kolonien stehen

auf ... Bis über Afrika, in Aegypten und Indien. Streik der chinesischen

Arbeiter in den japanischen Spinnereien in Tsingtau. Sympathiestreik des

japanischen Proletariats. Bewaffnete Zusammenstöße. Japans werktätige

Massen sind in Aktion; Massen-Mobilisation; brechen ihr Sklavenjoch ...

Den Nachrichten von Amerika gegenüber verhielt sich Max von Anfang an

skeptisch.

Die Partei ist noch schwach. Und das kann einer revolutionären Bewegung

immer das Genick brechen. Wie viel Schutt spült eine Revolution herauf:

Desperados, Hochstapler, Hasardeure: wenn da nicht fest zugegriffen

wird, und die Mießmacherschweine dazu und die Flautegeier ...! Spitzel

und Provokateure ...! Nur eine starke Organisation ... sonst geht das

Spiel blutig verloren ... Alle gescheiterten Aufstände lassen sich auf

den Mangel einer führenden Rolle der Partei zurückführen ...

So 1919 zum Beispiel!

Vom Roland bis zur Viktoria standen die Massen Kopf an Kopf. Bis weit

hinein in den Tiergarten standen sie. Sie hatten ihre Waffen

mitgebracht, sie ließen ihre roten Banner wehen. Sie waren bereit, alles

zu tun, alles zu geben, das Leben selbst. Eine Armee von 200000 Mann.

Und da geschah das Unerhörte. Die Massen standen von 9 Uhr früh an in

Kälte und Nebel. Und irgendwo saßen die Führer und berieten. Der Nebel

stieg, und die Massen standen weiter. Aber die Führer berieten. Der

Mittag kam, und dazu die Kälte, der Hunger. Und die Führer berieten. Die

Massen fieberten vor Erregung: sie wollten eine Tat, auch nur ein Wort,

das ihre Erregung besänftigte. Doch keiner wußte, welches. Denn die

Führer berieten. Der Nebel fiel weiter, und mit ihm die Dämmerung.

Traurig gingen die Massen nach Hause: sie hatten Großes gewollt und

nichts getan. Denn die Führer berieten. Im Marstall hatten sie beraten,

dann gingen sie weiter ins Polizeipräsidium und berieten weiter. Draußen

die Proletarier auf dem leeren Alexanderplatz, die Knarre in der Hand,

mit leichten und schweren Maschinengewehren. Und drinnen berieten die

Führer. Im Präsidium wurden die Geschütze klargemacht, Matrosen standen

an jeder Ecke der Gänge, im Vorderzimmer ein Gewimmel, Soldaten,

Matrosen, Proletarier. Und drinnen saßen die Führer und berieten. Sie

saßen den ganzen Abend und saßen die ganze Nacht und berieten, sie saßen

am nächsten Morgen, als der Tag graute, teils noch, teils wieder, und

berieten. Und wieder zogen die Scharen in die Siegesallee, und noch

saßen die Führer und berieten ...

Nur war es mehr eine Frage der Führung als der einzelnen Führer, es war

die Partei, die fehlte.

Die Konterrevolution aber arbeitete indessen nach einem einheitlichen

Plan. Sie rechnete nicht nur mit Berlin, sondern mit dem ganzen Reiche.

Ein Werbebüro nach dem andern wird eingerichtet, auf Lastautomobilen

werden Waffen herbeigefahren. Kraftwagen aus Kasernen und Depots, ein

ganzer Park von Fuhrwerken wird in Dahlem zusammengestellt, wohin

inzwischen Noske und Oberst Reinhard aus Berlin geflüchtet sind. Nach

drei Tagen schon glich die Gegend einem Kriegslager. Es wurde mit

fabelhaftem Eifer und großer Schnelligkeit gearbeitet. Auffüllung von

Restbeständen der Gardekavallerieschützendivision in Berlin –

Zusammenfassung kleiner Truppenteile in den märkischen Dörfern – eine

letzte Besprechung und nach schleuniger Zusammenstellung von

Einwohnerwehren in den Berliner Bourgeoisievierteln: Einmarsch, Sturm

auf die von den Arbeitern besetzten Gebäude und fünf Tage darauf:

Berlin, die stärkste Festung der deutschen Revolution, war gefallen.

– – –

„Und nun Glück auf die Reise, Max, wie ungeheuer wichtig das ist, was du

durchzuführen hast, weißt du ja selbst ...“

Und schon lag das Ruhrgebiet hinter ihm. Weiter gings.

Max traute seinen Augen nicht:

Da bewegte sich durch die Straßen eines Provinzstädtchens ein großer

Festzug, Militärvereine und Musikkapellen waren in dem Zug, den

verschiedene historische Gruppen „verschönerten“. Auf zwei Wagen zogen

die Pfahlbauern mit ihren Häusern daher. Ihnen folgte Hermann, der

Cherusker, mit einem bewaffneten Gefolge. In Tierfelle gekleidet zeigten

sich die Alemannen. Die Kreuzfahrer, ein gewisser Graf Eberhard im Bart,

Landsknechte zu Fuß und zu Pferd. Stolz marschierte Theodor Körner in

lebenswahrer Nachahmung, hinter ihm ritten die Schillschen Offiziere.

Und gar welch ein erinnerungsvolles Bild bot die Kolonialtruppe, bei der

ein mit acht Ochsen bespannter Wagen schwarze und weiße Bewohner der

Kolonien mit sich führte ...

Was war das nur!?

Max lachte aus vollen Kräften.

Es war ein Bezirkskriegertag.

Eine tragigroteske Illustration dafür, wie die Vorstellungen und die

Ideen der Menschen noch lange an Zuständen haften bleiben, die bereits

durch die tatsächliche materielle Entwicklung der Geschichte längst

überholt sind ...

Und schon tobten mit bärtigen Stimmen kerndeutsche Männerchöre

gegeneinander, vielstimmig, und mit tremolierenden Gefühlsschnörkeln am

Ende gesungen, ein Sängermassenwettstreit, ein echt arisches Wettsingen

...

„Die Wacht am Rhein“. „Heil dir im Siegerkranz“. „Wer hat dich, du

schöner Wald!“ ...

Fern schluchzte ein altmodisches Grammophönlein ganz blechern

erbärmlich, und mollige Katzen schnurrten hinter den mit Geranien

bewachsenen Fenstersimsen ...

Die Zuschauer im Bratenrock und Zylinder mit gestickten Fahnen bildeten

zu beiden Straßenseiten Spalier, wie schwarz anlackierte Menschenpuppen.

Auch die Bordellmutter Susanne stand mitten drin, notierte in Gedanken

eine Bestellung auf Flaschenbier, leckte sich mit der Zunge die Lippen,

faltete die Hände und schmunzelte ...

* * * * *

Und dann wieder:

Violine, Cello, Klavier ...

„Dabei läßt es sich zwar bis zum Schmelzen butterweich träumen,

behaglich seelen-schmatzen, liebkosen, plauschen, schweifwedeln und wenn

es hochkommt, bestenfalls noch ein „guter Mensch“ werden ... Nichts

mehr. Also: Schluß damit!“

Max gab Vollgas und flitzte, sich immer noch vor Lachen schüttelnd, aus

diesem gespenstischen Idyll von dannen ...

* * * * *

Es kam noch eine Irren- und Siechenanstalt, im Pavillonsystem erbaut:

die Blöden tappten mit eckig ungelenken Bewegungen schwerfällig hinter

den Zäunen entlang, nickten und grinsten, manche waren ein gleichmäßiges

ewiges Wandeln auf und ab, andere wieder wie zu einer Säule erstarrt.

Das Heim der idiotischen Kinder war bei weitem das Grauenhafteste,

Säufergeburten lagen in den Windeln da, mit unförmigen klumpigen Köpfen,

die glanzlosen, wirr in sich verschlungenen Augen schrien stumm eine

entsetzliche Anklage ...

Einmal, mit einer Krankenkassenkommission, hatte auch Max schon einen

Gang durch ein städtisches Krankenhaus gemacht. Gewiß, es war sauber,

hygienisch, die Gänge, die Bettreihen blitzblank, die Aerzte, die

Schwestern in ihren weißen Mänteln und Schürzen: dagegen war nichts zu

sagen. Welch ein Widerspruch: die Reinlichkeit, die Pflege, die

Barmherzigkeit: sie beginnt erst, wenn der Mensch durch die

skandalösesten unsaubersten Verhältnisse draußen, durch Gemeinheit,

Profitjägerei und Menschenniedertracht unheilbar auf das Totenbett

gestreckt ist! Wie viele dieser hier liegenden Gangräne,

Lungenvereiterungen, innerer Verletzungen hätte eine richtige Behandlung

des betreffenden Menschen am Arbeitsplatz unmöglich gemacht. Zu neun

Zehntel bestimmt sind alle diese Krankheiten unnötig: diese

durchjauchten Verbände, diese Kübel stinkenden Eiters, diese

verstümmelten Menschenkadaver im Leichenschauhaus: eine technisch besser

angelegte Gesellschaftsordnung wird auch im Laufe der Jahre diesen

ganzen kostspieligen und mit so ungeheuerlichen Leiden verbundenen

Menschheitsaussatz hinwegfegen ... Und heute: die Mehrzahl der Menschen

lebt nicht, sondern wird durchs Leben gehetzt; stirbt nicht, sondern

verreckt ...

Noch am Abend traf Max am Ziel seiner Fahrt ein.

* * * * *

Es war ein gewaltiger Komplex von Farbstoff-Fabriken, der sich über eine

Fläche von mehreren Quadratkilometern erstreckte.

Bei einem Genossen fand Max Unterkunft.

In einem schäbigen Anzug meldete er sich am nächsten Morgen auf dem

Arbeitsnachweis, zeigte seine Papiere vor und wurde auf Grund seiner

„schwarzweißroten“ Empfehlung sofort genommen.

Am Tage darauf sollte die Arbeit in der Giftbude beginnen.

Wahrscheinlich, so erfuhr er durch die Genossen, werde er als Neuling

gleich ins Gift gestellt ...

Max trieb sich noch ein wenig in der Umgegend herum.

Einige Holzfabriken in der Nähe streikten. In Gruppen standen die

Menschen vor den Telegraphenbüros.

Die Farbstoffindustrie, durch eine besonders zuverlässige Belegschaft

ausgezeichnet, arbeitete nach wie vor mit Hochdruck.

Die Konzentration des Militärs war in dieser Gegend besonders stark. Zu

Zusammenstößen war es bisher noch nicht gekommen. Ueberall war die

Meldung verbreitet: „Aufstandsbewegung in Berlin niedergeworfen. Ruhe

und Ordnung wieder hergestellt.“

Die Farbstoffindustriearbeiter waren sofort an der gelblich fahlen

Hautfarbe zu erkennen. Die Zähne waren auffallend schlecht, manche

Münder wiesen mit eiterigen Geschwüren behaftete klaffende Lücken auf.

Die Augen waren durchwegs entzündet.

Viele Arbeiter litten dazu noch an inneren Nasengeschwüren, an einer

sogenannten Stinknase ...

Der größte Teil der Arbeiterschaft der chemischen Industrie war im

Fabrikkomplex selbst in kleinen Backsteinhäuschen mit einem spärlichen

Gemüsegarten davor angesiedelt. Sie durften augenblicklich nur mit

besonderer Genehmigung der Fabrikverwaltung das Areal verlassen ...

Es war ein älterer, gutmütig aussehender Genosse, mit dem Max ein

längeres Gespräch anknüpfte.

„Mehr als höchstens ein viertel Jahr, Freundchen, hält es darin keiner

aus. Wenn du an den Bottichen mit der Gifttunke zu arbeiten hast oder

beim Umfüllen in die Flaschen ... in drei Monaten spätestens bist du

eine Leiche ... da heißt es rasch Karriere machen oder aber ... Hier

leiden sie alle an Lungenkrebs, das ist sozusagen unsere Berufskrankheit

... Und die vielen Fälle von Verbrennungen und Erblindungen ... Na,

richtige Krepierer sind das ... Und überhaupt jetzt: täglich kommen

fünfzig neue herein, täglich haben wir an die fünfzig Mann Abgang!

Siehst du die Baracken da drüben: das sind die Hoffnungslosen, unser

Sterbesalon ... Ist eben auch die gefährlichste Industrie ... Und grad

gegenwärtig: Hochbetrieb, Saison, Hochkonjunktur! Lohnzuschlag!

Ueberstunden, daß es nur so kracht! Gewaltige Aufträge aus Amerika,

sagte man. Heilmittelaufträge. Aber man munkelt allerlei. Ist eben alles

noch ungewiß. Keiner weiß was genaueres darüber ...“

Max ließ den nichtsahnenden Genossen wiederholen:

„Aufträge aus Amerika ... Heilmittel ...“

Dabei sah er ihn prüfend von unten an.

„Glaubst du eigentlich selbst, was du sagst? ...“

„Ja, wir werden ja vermutlich auch streiken ... Soll aber bereits alles

abgewürgt und eine aussichtslose Sache sein ...“

„Eine bestochene, eine korrumpierte Bande seid ihr!“ fuhr es Max heraus.

„Was ihr produziert, na, vorerst Schwamm darüber ...!“

Und Max klärte den Genossen zunächst über Berlin auf.

Dem Proleten standen dabei die Tränen in den Augen.

„Nein, was du nicht sagst ... Diese Erzgauner ... So eine Lumperei ...“

„Verlaß dich drauf ... Auch hier, wir werden schon Trieb dahinter

setzen. Auf euch vor allem kommt es jetzt an. Ihr habt das Schicksal der

ganzen Bewegung in der Hand. Jetzt oder nie! ... Morgen wird die Arbeit

losgehn! ... Parole: auf der ganzen Front ganze Arbeit!“

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 205 / 229 题