Max wurde in besonderem Auftrag ins Reich geschickt.
Die Bahnhöfe, noch in den Händen der Regierungstruppen, waren gesperrt.
Nur Munitionszüge und Truppentransporte verkehrten. Viele Brücken waren
gesprengt, auf weite Strecken die Schienen aufgerissen, Züge flogen
jeden Tag in die Luft.
Max fuhr mit dem Motorrad.
Serien von Landschaften zogen an ihm vorüber, kaleidoskopartig, wie ein
Filmstreifen.
Die Aufträge, die er zu übermitteln hatte, waren in den verschiedenen
Hohlteilen der Maschine gut untergebracht. Auch besaß er verschiedene
Ausweise, darunter auch einen „schwarzweißroten“ ...
* * * * *
So flog er an dunkelgrünen Wiesengründen vorbei, auf denen noch
friedlich die Kühe weideten, an Aeckern, die leicht gekräuselten
Wellenbeeten glichen: so lag das Heu in Reihen ... Durch Dörfer
hindurch, wo ihm Bittgebete leiernd eine gebrechliche Prozession
entgegenhinkte. Unbewegt stand noch so ein Dorf, wie ein träger
zähflüssiger Tümpel, inmitten der gewaltigen Wirbelbewegung, die die
Industriegebiete bereits längst ergriffen hatte.
Andere Orte wieder durchfuhr er, lange Autoreihen hielten vor prächtig
und amerikanisch aufgemachten Hotels: die ausgewanderten Reichen waren
hierher geflüchtet, hier hatten sie sich wie die Ratten bei einer
Feuersbrunst in die Schlupflöcher verkrochen. Landhäuser, Villen mit
Laubgängen und herrlichen Gartenanlagen grenzten an den See: wie viele
Tausende von Menschen werden einst in diesen Erholungsheimen ihr Leben
feiern! Schwer und solid gebaute Klöster standen vierschrötig auf
Bergkuppen: auch hier, das ganze Land in dieser Gegend war ein tief
wieder Lebensatem schöpfendes Ausruhen.
Auch Siedlungen: mit Freideutschen, Christussen und „Wandervögeln“
darin, die sich selbst auf den Aussterbeetat gesetzt hatten, in die
seltsamsten metaphysisch-verschrullten Gedankengänge verstrickt, dabei
vegetierend und wurzelkauend. Eine zwanglose Selbstausschaltung dauernd
Lebensuntüchtiger aus dem Gesellschaftsprozeß, ein Ersatz für
Irrenanstalten bei harmloseren Fällen von Geisteserkrankungen.
In der Nähe befanden sich einige ausgedehnte Konzentrationslager, in
denen neue Armeen gebildet wurden, Büros zur Anwerbung von Freiwilligen
waren fast in jeder Gemeinde untergebracht, die Pfaffen warben eifrig
für diese Verbände im Beichtstuhl und von der Kanzel herab bei ihrer
Predigt.
Weiter gings.
Hier und dort hatten es die Regierer allerdings schon gründlich mit den
Bauern verscherzt, die ihre Dörfer verlassen hatten und sich, wie das
Gerücht ging, in einer bestimmten Gegend zu einem Heerhaufen sammelten.
Manchmal waren Flammenschein und Rauchsäulen am Himmel: Gutshöfe und
Kirchen brannten: die Bauernschaft war aufgestanden und hatte ihre
Peiniger zu Paaren getrieben. Unbewegt wie holzgeschnitzte Figuren
standen an Wegkreuzungen, rote Binden um den Arm, die bäuerlichen
Wachtposten, und oft, durch einen kurzen Durchblick durch einen Wald
hindurch, sah man: auf geschlungenen Feldpfaden Züge von Marschierenden.
An einer Stelle war es zum Zusammenstoß gekommen. Max mußte einen Umweg
machen, alle Straßen lagen unter einem schweren Feuerdruck.
An dem berüchtigten Zuchthaus kam Max vorbei, in dem ein halbes Tausend
von politischen Gefangenen elend ihr Leben fristete, über zweitausend
Jahre Gefangenschaft saßen darin; dort in dem Mauerwinkel, über den
großen Lindenbaum hinweg, war die Stelle, wo die Hinrichtungen mit dem
Fallbeil stattfanden.
Kein Gefangener war hinter den Gittern zu erblicken.
Schlafen sie noch oder haben sie ihren Zwingkäfig bereits verlassen?
Der Nächstbeste unten im Dorf konnte ihn darüber aufklären.
Vor zwei Tagen, da war es, da hätten die Gefangenen gemeutert, seien
unruhig geworden, man hätte es bis ins Dorf herunter gehört. Da habe die
Gefängnisleitung die einzelnen Zellen mit Matratzen abdichten lassen,
die Zellenräume vergast, in jede eine Giftgasflasche hineingelegt ...
Drei Minuten hat es gedauert und der Lärm, der in diesem Stadium dem
Gebrüll von Tobsüchtigen glich, war zuende.
Es wird die Zeit kommen, knirschte Max grimmig, da man wieder dazu
zurückkehren wird, Galgen öffentlich auf den Plätzen zu errichten, eine
Hinrichtung zur Volksbelustigung zu machen, und wo man Torturen
rücksichtslos anwenden wird. Da werden Reihen von Märtyrern auf den
Tischen unter dem Strang stehen, eine weiße Kapuze über, um den Hals die
Bulle des Todesurteils ... und man wird den Tisch unter ihren Füßen
hinwegziehen, fest strafft sich der Strick, und die zwei oder drei
Henkersgesellen hängen sich mit ihrem Gewicht noch an den Leib des
Verurteilten ... und die Sache ist erledigt. Man wird Menschen bis oben
hin in Watte einwickeln, mit leicht brennbarem Oel begießen, anzünden
und sie laufen lassen. Wir sind im Anfang einer Zeit von Grausamkeiten,
Barbareien, Greueln ohnegleichen und bei all dem wird man verlogen, wie
man ist, verächtlich und human aufgeklärt auf die Geschichtsepoche der
Inquisition und der Hexenprozesse herabblicken ... Unsere Gerichte sind
Fabriken, weiter nichts als Fabriken, in denen nach einem bestimmten
Schema, Gesetz genannt, serienweise Urteile fabriziert werden. Wer in
dem Besitz dieser Fabriken ist!? Na, wir werden dafür sorgen müssen, daß
diese Betriebe möglichst bald betriebsunfähig gemacht werden! ...
* * * * *
So kam Max bis ins Ruhrgebiet.
Eine gelbliche Nebelschicht lag in der Luft. Es war still, wie ein
Feiertag. Max erinnerte sich an jene Bergwerkskatastrophe, die damals
den ersten Anstoß zu seiner proletarischen Bewußtwerdung und zu seinem
neuen Leben gegeben hatte. Was der Kollege Straßenbahner jetzt wohl
machen mag!? ... Und Wilhelm!? Ein jeder von denen stand auf seinem
Posten, ein jeder hatte im großen Schlachtfeld seinen bestimmten
Kampfplatz.
Auch Lene ... Sie war seit der Ausrufung des bewaffneten Aufstands als
Sanitäterin bei einer neu sich bildenden roten Armee in Ostpreußen ...
* * * * *
Das gesamte Ruhrgebiet war ein einziges rotes Riesenbollwerk.
Fieberhaft wurde gearbeitet.
Ueberall Patrouillen, Sicherungen, Motorradfahrerabteilungen ...
Die Erde war geplatzt: nicht eine Armee nur, nein drei, vier rote Armeen
waren aus dieser mit Proletarierblut überreichlich gedüngten Erde
herausgestampft.
* * * * *
Nach heftigsten und für beide Seiten verlustreichsten Kämpfen war die
weiße Armee geschlagen worden, sie löste sich auf dem Rückzug vollends
auf, und die rote Armeeleitung war eben dabei, einen großangelegten
Aufmarschplan gegen Norden, über Hannover, gegen Berlin auszuarbeiten.
Hier sah Max zum erstenmal einen roten Panzerzug. Pfeifend und
schnaubend, unter dem Gesang „Völker, hört die Signale“ schob er sich
ins grüne Land hinein.
„Glänzend organisiert“, mußte Max anerkennen. „Und was für eine
Disziplin!“
„Kein Fall von Plünderung oder ähnlichem ist bei uns vorgekommen, ja ja,
wir haben eben eine revolutionäre Tradition ... Die vielen Kämpfe in den
vorhergegangenen Jahren sind nicht umsonst gewesen ...“ Wurde ihm im
Hauptquartier berichtet. Und Heldentaten wurden erzählt, ohne
Namensnennung, jeder hatte sie vollbracht, sie gehörten allen zusammen
...
Hier erfuhr Max weiter:
Generalstreik in USA. Bewaffnete Demonstrationen gegen den
imperialistischen Krieg in USA. Die Negervölker in den Kolonien stehen
auf ... Bis über Afrika, in Aegypten und Indien. Streik der chinesischen
Arbeiter in den japanischen Spinnereien in Tsingtau. Sympathiestreik des
japanischen Proletariats. Bewaffnete Zusammenstöße. Japans werktätige
Massen sind in Aktion; Massen-Mobilisation; brechen ihr Sklavenjoch ...
Den Nachrichten von Amerika gegenüber verhielt sich Max von Anfang an
skeptisch.
Die Partei ist noch schwach. Und das kann einer revolutionären Bewegung
immer das Genick brechen. Wie viel Schutt spült eine Revolution herauf:
Desperados, Hochstapler, Hasardeure: wenn da nicht fest zugegriffen
wird, und die Mießmacherschweine dazu und die Flautegeier ...! Spitzel
und Provokateure ...! Nur eine starke Organisation ... sonst geht das
Spiel blutig verloren ... Alle gescheiterten Aufstände lassen sich auf
den Mangel einer führenden Rolle der Partei zurückführen ...
So 1919 zum Beispiel!
Vom Roland bis zur Viktoria standen die Massen Kopf an Kopf. Bis weit
hinein in den Tiergarten standen sie. Sie hatten ihre Waffen
mitgebracht, sie ließen ihre roten Banner wehen. Sie waren bereit, alles
zu tun, alles zu geben, das Leben selbst. Eine Armee von 200000 Mann.
Und da geschah das Unerhörte. Die Massen standen von 9 Uhr früh an in
Kälte und Nebel. Und irgendwo saßen die Führer und berieten. Der Nebel
stieg, und die Massen standen weiter. Aber die Führer berieten. Der
Mittag kam, und dazu die Kälte, der Hunger. Und die Führer berieten. Die
Massen fieberten vor Erregung: sie wollten eine Tat, auch nur ein Wort,
das ihre Erregung besänftigte. Doch keiner wußte, welches. Denn die
Führer berieten. Der Nebel fiel weiter, und mit ihm die Dämmerung.
Traurig gingen die Massen nach Hause: sie hatten Großes gewollt und
nichts getan. Denn die Führer berieten. Im Marstall hatten sie beraten,
dann gingen sie weiter ins Polizeipräsidium und berieten weiter. Draußen
die Proletarier auf dem leeren Alexanderplatz, die Knarre in der Hand,
mit leichten und schweren Maschinengewehren. Und drinnen berieten die
Führer. Im Präsidium wurden die Geschütze klargemacht, Matrosen standen
an jeder Ecke der Gänge, im Vorderzimmer ein Gewimmel, Soldaten,
Matrosen, Proletarier. Und drinnen saßen die Führer und berieten. Sie
saßen den ganzen Abend und saßen die ganze Nacht und berieten, sie saßen
am nächsten Morgen, als der Tag graute, teils noch, teils wieder, und
berieten. Und wieder zogen die Scharen in die Siegesallee, und noch
saßen die Führer und berieten ...
Nur war es mehr eine Frage der Führung als der einzelnen Führer, es war
die Partei, die fehlte.
Die Konterrevolution aber arbeitete indessen nach einem einheitlichen
Plan. Sie rechnete nicht nur mit Berlin, sondern mit dem ganzen Reiche.
Ein Werbebüro nach dem andern wird eingerichtet, auf Lastautomobilen
werden Waffen herbeigefahren. Kraftwagen aus Kasernen und Depots, ein
ganzer Park von Fuhrwerken wird in Dahlem zusammengestellt, wohin
inzwischen Noske und Oberst Reinhard aus Berlin geflüchtet sind. Nach
drei Tagen schon glich die Gegend einem Kriegslager. Es wurde mit
fabelhaftem Eifer und großer Schnelligkeit gearbeitet. Auffüllung von
Restbeständen der Gardekavallerieschützendivision in Berlin –
Zusammenfassung kleiner Truppenteile in den märkischen Dörfern – eine
letzte Besprechung und nach schleuniger Zusammenstellung von
Einwohnerwehren in den Berliner Bourgeoisievierteln: Einmarsch, Sturm
auf die von den Arbeitern besetzten Gebäude und fünf Tage darauf:
Berlin, die stärkste Festung der deutschen Revolution, war gefallen.
– – –
„Und nun Glück auf die Reise, Max, wie ungeheuer wichtig das ist, was du
durchzuführen hast, weißt du ja selbst ...“
Und schon lag das Ruhrgebiet hinter ihm. Weiter gings.
Max traute seinen Augen nicht:
Da bewegte sich durch die Straßen eines Provinzstädtchens ein großer
Festzug, Militärvereine und Musikkapellen waren in dem Zug, den
verschiedene historische Gruppen „verschönerten“. Auf zwei Wagen zogen
die Pfahlbauern mit ihren Häusern daher. Ihnen folgte Hermann, der
Cherusker, mit einem bewaffneten Gefolge. In Tierfelle gekleidet zeigten
sich die Alemannen. Die Kreuzfahrer, ein gewisser Graf Eberhard im Bart,
Landsknechte zu Fuß und zu Pferd. Stolz marschierte Theodor Körner in
lebenswahrer Nachahmung, hinter ihm ritten die Schillschen Offiziere.
Und gar welch ein erinnerungsvolles Bild bot die Kolonialtruppe, bei der
ein mit acht Ochsen bespannter Wagen schwarze und weiße Bewohner der
Kolonien mit sich führte ...
Was war das nur!?
Max lachte aus vollen Kräften.
Es war ein Bezirkskriegertag.
Eine tragigroteske Illustration dafür, wie die Vorstellungen und die
Ideen der Menschen noch lange an Zuständen haften bleiben, die bereits
durch die tatsächliche materielle Entwicklung der Geschichte längst
überholt sind ...
Und schon tobten mit bärtigen Stimmen kerndeutsche Männerchöre
gegeneinander, vielstimmig, und mit tremolierenden Gefühlsschnörkeln am
Ende gesungen, ein Sängermassenwettstreit, ein echt arisches Wettsingen
...
„Die Wacht am Rhein“. „Heil dir im Siegerkranz“. „Wer hat dich, du
schöner Wald!“ ...
Fern schluchzte ein altmodisches Grammophönlein ganz blechern
erbärmlich, und mollige Katzen schnurrten hinter den mit Geranien
bewachsenen Fenstersimsen ...
Die Zuschauer im Bratenrock und Zylinder mit gestickten Fahnen bildeten
zu beiden Straßenseiten Spalier, wie schwarz anlackierte Menschenpuppen.
Auch die Bordellmutter Susanne stand mitten drin, notierte in Gedanken
eine Bestellung auf Flaschenbier, leckte sich mit der Zunge die Lippen,
faltete die Hände und schmunzelte ...
* * * * *
Und dann wieder:
Violine, Cello, Klavier ...
„Dabei läßt es sich zwar bis zum Schmelzen butterweich träumen,
behaglich seelen-schmatzen, liebkosen, plauschen, schweifwedeln und wenn
es hochkommt, bestenfalls noch ein „guter Mensch“ werden ... Nichts
mehr. Also: Schluß damit!“
Max gab Vollgas und flitzte, sich immer noch vor Lachen schüttelnd, aus
diesem gespenstischen Idyll von dannen ...
* * * * *
Es kam noch eine Irren- und Siechenanstalt, im Pavillonsystem erbaut:
die Blöden tappten mit eckig ungelenken Bewegungen schwerfällig hinter
den Zäunen entlang, nickten und grinsten, manche waren ein gleichmäßiges
ewiges Wandeln auf und ab, andere wieder wie zu einer Säule erstarrt.
Das Heim der idiotischen Kinder war bei weitem das Grauenhafteste,
Säufergeburten lagen in den Windeln da, mit unförmigen klumpigen Köpfen,
die glanzlosen, wirr in sich verschlungenen Augen schrien stumm eine
entsetzliche Anklage ...
Einmal, mit einer Krankenkassenkommission, hatte auch Max schon einen
Gang durch ein städtisches Krankenhaus gemacht. Gewiß, es war sauber,
hygienisch, die Gänge, die Bettreihen blitzblank, die Aerzte, die
Schwestern in ihren weißen Mänteln und Schürzen: dagegen war nichts zu
sagen. Welch ein Widerspruch: die Reinlichkeit, die Pflege, die
Barmherzigkeit: sie beginnt erst, wenn der Mensch durch die
skandalösesten unsaubersten Verhältnisse draußen, durch Gemeinheit,
Profitjägerei und Menschenniedertracht unheilbar auf das Totenbett
gestreckt ist! Wie viele dieser hier liegenden Gangräne,
Lungenvereiterungen, innerer Verletzungen hätte eine richtige Behandlung
des betreffenden Menschen am Arbeitsplatz unmöglich gemacht. Zu neun
Zehntel bestimmt sind alle diese Krankheiten unnötig: diese
durchjauchten Verbände, diese Kübel stinkenden Eiters, diese
verstümmelten Menschenkadaver im Leichenschauhaus: eine technisch besser
angelegte Gesellschaftsordnung wird auch im Laufe der Jahre diesen
ganzen kostspieligen und mit so ungeheuerlichen Leiden verbundenen
Menschheitsaussatz hinwegfegen ... Und heute: die Mehrzahl der Menschen
lebt nicht, sondern wird durchs Leben gehetzt; stirbt nicht, sondern
verreckt ...
Noch am Abend traf Max am Ziel seiner Fahrt ein.
* * * * *
Es war ein gewaltiger Komplex von Farbstoff-Fabriken, der sich über eine
Fläche von mehreren Quadratkilometern erstreckte.
Bei einem Genossen fand Max Unterkunft.
In einem schäbigen Anzug meldete er sich am nächsten Morgen auf dem
Arbeitsnachweis, zeigte seine Papiere vor und wurde auf Grund seiner
„schwarzweißroten“ Empfehlung sofort genommen.
Am Tage darauf sollte die Arbeit in der Giftbude beginnen.
Wahrscheinlich, so erfuhr er durch die Genossen, werde er als Neuling
gleich ins Gift gestellt ...
Max trieb sich noch ein wenig in der Umgegend herum.
Einige Holzfabriken in der Nähe streikten. In Gruppen standen die
Menschen vor den Telegraphenbüros.
Die Farbstoffindustrie, durch eine besonders zuverlässige Belegschaft
ausgezeichnet, arbeitete nach wie vor mit Hochdruck.
Die Konzentration des Militärs war in dieser Gegend besonders stark. Zu
Zusammenstößen war es bisher noch nicht gekommen. Ueberall war die
Meldung verbreitet: „Aufstandsbewegung in Berlin niedergeworfen. Ruhe
und Ordnung wieder hergestellt.“
Die Farbstoffindustriearbeiter waren sofort an der gelblich fahlen
Hautfarbe zu erkennen. Die Zähne waren auffallend schlecht, manche
Münder wiesen mit eiterigen Geschwüren behaftete klaffende Lücken auf.
Die Augen waren durchwegs entzündet.
Viele Arbeiter litten dazu noch an inneren Nasengeschwüren, an einer
sogenannten Stinknase ...
Der größte Teil der Arbeiterschaft der chemischen Industrie war im
Fabrikkomplex selbst in kleinen Backsteinhäuschen mit einem spärlichen
Gemüsegarten davor angesiedelt. Sie durften augenblicklich nur mit
besonderer Genehmigung der Fabrikverwaltung das Areal verlassen ...
Es war ein älterer, gutmütig aussehender Genosse, mit dem Max ein
längeres Gespräch anknüpfte.
„Mehr als höchstens ein viertel Jahr, Freundchen, hält es darin keiner
aus. Wenn du an den Bottichen mit der Gifttunke zu arbeiten hast oder
beim Umfüllen in die Flaschen ... in drei Monaten spätestens bist du
eine Leiche ... da heißt es rasch Karriere machen oder aber ... Hier
leiden sie alle an Lungenkrebs, das ist sozusagen unsere Berufskrankheit
... Und die vielen Fälle von Verbrennungen und Erblindungen ... Na,
richtige Krepierer sind das ... Und überhaupt jetzt: täglich kommen
fünfzig neue herein, täglich haben wir an die fünfzig Mann Abgang!
Siehst du die Baracken da drüben: das sind die Hoffnungslosen, unser
Sterbesalon ... Ist eben auch die gefährlichste Industrie ... Und grad
gegenwärtig: Hochbetrieb, Saison, Hochkonjunktur! Lohnzuschlag!
Ueberstunden, daß es nur so kracht! Gewaltige Aufträge aus Amerika,
sagte man. Heilmittelaufträge. Aber man munkelt allerlei. Ist eben alles
noch ungewiß. Keiner weiß was genaueres darüber ...“
Max ließ den nichtsahnenden Genossen wiederholen:
„Aufträge aus Amerika ... Heilmittel ...“
Dabei sah er ihn prüfend von unten an.
„Glaubst du eigentlich selbst, was du sagst? ...“
„Ja, wir werden ja vermutlich auch streiken ... Soll aber bereits alles
abgewürgt und eine aussichtslose Sache sein ...“
„Eine bestochene, eine korrumpierte Bande seid ihr!“ fuhr es Max heraus.
„Was ihr produziert, na, vorerst Schwamm darüber ...!“
Und Max klärte den Genossen zunächst über Berlin auf.
Dem Proleten standen dabei die Tränen in den Augen.
„Nein, was du nicht sagst ... Diese Erzgauner ... So eine Lumperei ...“
„Verlaß dich drauf ... Auch hier, wir werden schon Trieb dahinter
setzen. Auf euch vor allem kommt es jetzt an. Ihr habt das Schicksal der
ganzen Bewegung in der Hand. Jetzt oder nie! ... Morgen wird die Arbeit
losgehn! ... Parole: auf der ganzen Front ganze Arbeit!“