Am anderen Morgen wurde Max auch wirklich gleich mitten ins Gift
gestellt.
Er hatte sich schon beizeiten auf den Weg gemacht, setzte sich noch vor
Beginn der Arbeit mit den roten Zellenobleuten in Verbindung, ermittelte
genau die Struktur der Belegschaft: wieviel Sozialdemokraten,
Schwarzweißrote, Persönliches usw., und besprach mit den Genossen kurz
die Situation im Reich, besonders in den großen Industriestädten,
worüber die Proleten, da die Regierung noch den gesamten
Nachrichtenapparat besaß, völlig uninformiert waren. Dann ging er dazu
über, ihnen klipp und klar das Wesen und die Bedeutung ihrer Tätigkeit
zu erklären. Einige Flugschriften unterstützten das, doch im allgemeinen
konnte man sagen, was das Gebiet der Technik des kommenden Krieges
anbetraf, so war darin vom proletarischen Standpunkt aus nur recht wenig
Brauchbares geleistet worden. Die Artikel der amerikanischen Genossen,
die Resolution, hie und da Aufsätze in den revolutionären
Tageszeitungen: aber mit Propaganda allein war eben nicht alles zu
machen und Erfahrung – die Genossen in der chemischen Industrie waren
auf dem besten Wege dazu, sich diese möglichst teuer zu erkaufen.
Immer wieder kamen sie mit den Einwänden: „Stimmt ja gar nicht, was du
sagst, diese Säuren braucht man zu Seife und daraus werden Parfümerien
gemacht, darüber besteht doch gar kein Zweifel, sind doch genaueste
Kontrollen da, lies doch das Buch der Schweizer Chemikerin, die erstens
Kanone in ihrem Fach und zweitens noch dazu eine Pazifistin ist, die
läßt sich doch sicher nicht so leicht was vormachen, ihre
Kontrollvorschläge hat doch der Völkerbund einstimmig angenommen, und
die ganze öffentliche Meinung der Welt ist gegen den Gaskrieg, na und
überhaupt ... Der Chemische Krieg ist doch verboten und alle Nationen
haben unter Abgabe feierlichster Versicherungen sich dagegen erklärt ...
Siehst du, Genosse, du magst es ja recht ehrlich meinen, aber wir, die
wir jahrelang in der Bude stecken, wir müssen doch schließlich am Ende
auch noch was davon verstehn: was wir zum Beispiel in letzter Zeit
fabrizieren, sind lediglich Heilmittel, Aufträge nach Amerika,
Salvarsan, davon wirst du ja gewiß auch schon gehört haben ... Nicht
wahr? ... Und deshalb auch der Lohnzuschlag.“
Man behandelte Max beinahe etwas herablassend wie einen Laien.
„Einen Vorschlag, Genosse Max! Alles, was du uns da sagst, hat weder
Hand noch Fuß! Komm erst einmal in unseren Betrieb, schau dich einige
Tage gründlich darin um und informiere dich! ... Wir wollen dir gern
dabei behilflich sein ...“
„Gut so!“ Max schlug ein.
„Verschrobene Vorstellungen! Inhaltsleere, blödsinnige Phantastereien,
alles ein hahnebüchener Schwindel, wenn man ihm ernsthaft auf den Grund
geht. Ein Kinderschreck! Für alte Weiber und Flennbrüder! Da sieh nur
mal her, Max, Märchenerzähler!“ Und immer noch schüttelten sie ungläubig
die Köpfe. Sie schleppten bürgerliche illustrierte Zeitungen an mit
Beschreibungen mechanischer Polizeimänner, die gar gruselig anzusehen
waren, mit Todesstrahlen, die mörderisch in den Lüften nach Fliegern
herumstocherten und mit anderem ähnlichen Mumpitz.
Dann begannen aber doch einige der Genossen die Artikel der Amerikaner
zu lesen, langsam und schwerfällig lasen sie, als ob sie buchstabierten.
Einer dachte schon nach.
Sah lang dabei in die Ferne.
Schüttelte wieder den Kopf, las wieder.
„So meinst du also, Genosse Max, das ganze so großartig ethisch und
human aufgezogene Verbot des Gaskriegs durch den Völkerbund soll nichts
weiter als nur ein ganz elendiglicher Bluff gewesen sein. Eine
Beruhigungspille sozusagen ... Um uns Proleten vor allem in Sicherheit
zu wiegen ... Und damit man um so ungestörter sich der Vorbereitung
einer gewaltigen Massenhenkerarbeit widmen kann.“
„Das allerdings meine ich“, entgegnete Genosse Max.
Und fuhr fort:
„Und die Bestätigung dieser Meinung wird nicht lange mehr auf sich
warten lassen. Aber wir müssen unseren Gegnern zuvorkommen. Wir können
nicht warten bis es soweit ist, da es dann unter Umständen auch bereits
zu spät sein kann ...“
Wieder kam ein anderer gelaufen:
„Also, das ... wir, wir Farbindustriearbeiter ... Nein, das kann nicht
möglich sein ... das wäre ja ...“
Er machte eine Bewegung, als ob er sich krümmte.
Langsam und hartnäckig, mit viel Geduld, arbeitete sich Max in diese
Schädel hinein, er gab nicht nach, hielt sie wie mit einer eisernen
Umklammerung an ihrem eigenen Gedankengang fest, bohrte weiter und
führte sie sicher aus ihren Illusionen heraus.
„Schwierigkeiten sind nur dazu da, um überwunden zu werden.
Schwierigkeiten lechzen geradezu nach ihrer Ueberwindung.“ Das war sein
Leitspruch bei dieser Tätigkeit.
Immer nachdenklicher wurden die anderen.
Max gab ihnen ungeschminkte Wahrheit. Dadurch gewann er ihr volles
Vertrauen. So schilderte er ihnen eindringlich, wie die Revolution ein
langwieriger Prozeß sei, voll von Aufopferung, Martern, Blut und Wunden,
und daß gar nicht daran zu denken sei, daß die Lage der Arbeiterschaft
bei der Machtübernahme sich gleich von heute auf morgen bessere. Im
Gegenteil ... „Wir Kommunisten gaukeln euch nichts vor. Wer die Wahrheit
nicht ertragen kann, bitte sehr ... Aber es gibt für euch Proleten gar
keine andere Wahl. Entweder – oder. Ihr müßt kämpfen oder – untergehn.“
„Nein, wir wollen nicht untergehn. Gewiß nicht ... Und wenn, wie du uns
mitgeteilt hast, unsere Brüder jetzt kämpfen ...“
Max bemerkte schon: mit geschärften Augen beobachteten sie alles, was im
Betrieb vor sich ging, oft verschwand der eine oder der andere für eine
Weile, bis plötzlich eines Vormittags, grün vor Schrecken, einer der
Obleute zurückkam und Max leise ins Ohr flüsterte:
„Max, ich habs, es stimmt, was du sagst ... Hier ist die genaue
Aufstellung ... Eine ganze Liste ... Also es ist festgestellt: seit drei
Monaten fabrizieren wir weiter nichts als Giftgas.“
* * * * *
Max beobachtete genau die Herstellungsverfahren.
Die Arbeiter hier in den Betrieben machten lediglich Vorarbeiten. Erst
im letzten Stadium vollzog sich die Umwandlung der Produkte in chemische
Kampfstoffe. Diese Arbeit geschah in einem besonderen Gebäude, zu dem
niemand Zutritt hatte. Die Arbeiter dort waren vertragsgemäß unkündbar
auf mindestens 12 Jahre verpflichtet. Vor dieser Zeit verließ auch
keiner seinen Arbeitsplatz. Sie wohnten dort. Nur Unverheiratete wurden
aufgenommen. Dieser Teil des Farbstoffwerkes hieß „Die Falle“ oder auch
„Die feste Burg“. Die meisten Arbeiter betrachteten die „Falle“ als eine
Art freiwilliger Quarantäne, da gewisse Arbeiten mit Ansteckungsgefahr
verbunden waren. Nur besonders zuverlässige Leute, am liebsten aus den
„Vaterländischen Verbänden“, wurden hier aufgenommen. Auch frühere
Angehörige des Heeres, entlassene Unteroffiziere, Soldaten wurden mit
Vorliebe eingestellt. Nach allen vier Himmelsrichtungen hin war die
„Falle“ von der übrigen Welt abgemauert, über die Mauer selbst aber zog
sich noch ein zwei Meter hoher Stacheldraht, wie man vermutete,
elektrisch geladen. „Versuche, das isolierte Gebiet zu betreten, mit
Lebensgefahr verbunden!“ warnten überall Tafeln. Durch ein doppeltes
Geleise war dieser mysteriöse Teil des Farbstoffwerks direkt mit der
Staatsbahn verbunden. Ununterbrochen rollten nachts Güterzüge ein und
aus.
Was dort vor sich ging, darüber erfuhr man im übrigen Betrieb nichts.
Die Arbeiter kümmerten sich nur wenig um die „Falle“.
Sie war beinahe von einer Legende umwoben und atmete ein geheimnisvolles
Schweigen.
Nur einmal: da soll es zu einem Zwischenfall gekommen sein, als sich
einer der Insassen aus dem Fenster stürzte im Wahnsinn, wie es hieß, der
durch die unsachgemäße Behandlung von chemischen Mischungen erzeugt
worden sei.
Dieser Vorfall kam damals auch in den Betrieben zur Sprache und wurde in
Zusammenhang gebracht mit einer Meldung aus Amerika, die über ein neues
sogenanntes „Wahnsinnsgas“ berichtete.
Die Diskussion darüber dauerte vielleicht eine Woche.
Es kam nichts dabei heraus.
Man wollte zuerst eine Untersuchungskommission einsetzen.
Doch wie gesagt: eine Woche lang, und die erregten Gemüter beruhigten
sich. –
* * * * *
Der Fabrikraum, in dem Max arbeitete, war bis aufs äußerste ausgenützt.
Es war genau berechnet, wieviel Platz jeder Arbeiter brauchte, jede
Arbeitsbewegung war kinematographisch festgestellt: ein elektrisch
betriebenes Band rollte und führte dem Arbeiter die einzelnen
Arbeitsprodukte zu, an denen jeder Arbeiter nur mit einem Handgriff eine
bestimmte Prozedur vorzunehmen hatte. Zeit, Arbeitstempo waren bis auf
die Sekunde geregelt. Und immer wieder wurden von den zu diesem Zweck
besonders angestellten Arbeitstechnikern neue Methoden herausgefunden,
die Arbeitsintensität zu steigern.
Sämtliche Arbeiter trugen zum Schutz gegen die giftigen Dämpfe
haubenähnliche Masken, die Gläser der Sehschlitze waren gegen den
Beschlag durch ätzende Säuren besonders eingefettet.
Trotzdem waren die Schutzmaßnahmen, hauptsächlich die an den in einem
rasenden Tempo wirbelnden Maschinen, recht mangelhaft.
Die schönste Erholung war schließlich der „Sauerstoffraum“, der nach je
drei Stunden Arbeitszeit auf drei Minuten aufgesucht werden konnte.
* * * * *
Ein dunkles Zischen und Surren schwebte in der Luft, ein knatternder,
gedämpfter Orkan, Eisenarme drehten sich und neigten sich vielgelenkig
über; Bottiche, gefüllt mit dickklebrigen Brühen, schwenkten sich dicht
unter der Decke dahin, ein harziger Brei schwemmte selbsttätig von Kübel
zu Kübel, Wunderwerke von Präzisionsmaschinen nahmen die
kompliziertesten Mischungen vor. Durch andere Räume hindurch, die großen
Hallen glichen, sah man Kessel an Kessel, zwei- und dreistöckige Kessel
sozusagen, an denen auf langen Leitern die Arbeiter herumstiegen.
Mehrere Plattformen teilten so einen Kessel nach oben ab, Max schien es,
als glichen sie ganz den gotischen Kirchen.
* * * * *
Mitten in der Arbeit hatte Max einmal die Vision:
Alles gast, dampft, spritzt; der ganze Raum ist mit fliegenden,
spritzenden Säuren durchspannt; es knistert und flackert
phosphoreszierend an den Böden, die krautig und haarig bewachsen sind,
als Steinbrocken darin klotzige Knochenschädel, und das Ganze brennt
tropisch glühend, eine morastige Landschaft, so heiß, daß die Haut
unempfindlich wird und die Augen aus den Stirnhöhlen heraustropfen,
dicke, perlenähnliche, weißlich-festgeronnene Blasen. Wesen hausen in
auszementierten Schlupflöchern und in Gräbern als Unterständen, in
schwere Gummianzüge gepreßt, Masken-Helme aufgestülpt, durch die Worte
nur noch als dumpfes Gurgeln und Röcheln vernehmbar sind. „Der neue
Mensch!“ dozierte jemand, und immer dichter und dichter ward das gasige
Dickicht. „Jetzt endlich haben wir es!“ dröhnte pathetisch und wohlig
schnalzend eine Stimme: „eine hochkonzentrierte Gaswolke, die die
Möglichkeit bietet, den Gegner zu überrumpeln und dabei doch die
Eigenschaft hat, von topographischen und meteorologischen Einflüssen
völlig unabhängig zu sein ... Dies Problem zu lösen war in der Tat nicht
ganz einfach ...“ Das Besondere an dieser visionären Landschaft war, daß
sie geometrisch exakt und sauber aufgeteilt war, ja daß die zahllosen
Einzelteile und Figuren in ihr aufs feinste ausgebildet und aufs
strengste sich organisiert erwiesen, das Ganze aber durchaus chaotisch
und einem mittelalterlichen Spuk und Hexensabbath vergleichbar. Alles
drängte nach Auflösung, ein in Strudeln sich um und um drehender Abgrund
schwamm, voll von Algen, Lurchen, Schnecken und Quallen.
Gestaltgewordene eitertriefende Geschwüre wandelten dazwischen, Gewürme
und stachlichte Riesenkletten: alles fabriziert, saugt, atmet Gas:
verfärbt sich und verwandelt sich jeden Augenblick, Muscheltiere und
Mollusken kommen hoch, ganze Haufen exotischer, mit schlingenden
Fangarmen bewehrter fleischfressender Pflanzen, und darüber schillert
und brennt es wieder magisch hinweg, man hört beinahe nichts: die
Gashölle ist geruchlos und lautlos, und die Sonne in diesem modernen
Inferno glüht eisern, roh ausgezackt und völlig unbewegt, schmettert
sengend Strahl auf Strahl nieder, jede Luftschicht wirkt wieder, die
Hitzgrade vervielfachend, als eine besondere Art atmosphärischen
Brennspiegels: und darunter dickt die Luft sich von selbst ein, wird
milchig, flockig und schwimmt, schleimige Fäden lassend, über dem
Erdsumpf dahin als eine molkige Riesenwolke ... Alle Völker, alle
Erdwesen sind durch die Giftgasschwemme hindurchgegangen. Ein neues
Wüstengebiet entsteht: alles wie unter einer Bleiche gefleckt, und
knöcherig überkrustet. –
– – – –
* * * * *
Max studierte die tabellarische Uebersicht der wichtigsten chemischen
Kampfstoffe. Es war klar, die neuesten Verfahren waren darunter nicht
aufgezählt. Chemische Bezeichnung, chemische Formel, militärische
Bezeichnung, militärisch-technischer Deckname, physiologische Wirkung,
physikalische Beschaffenheit, Siedepunkt, Flüchtigkeit,
Wasserbeständigkeit, das alles galt es gründlich durchzuarbeiten und zu
erforschen.
Da erfuhr er, wie in der Geschichte der Entwicklung des Gaskampfes die
Gase selbst wechselten. Das Chlor wurde vom Phosgen, einem Gase mit
stärkerer Erstickungs- und Giftwirkung als Chlor, abgelöst. Phosgen
verdichtet sich bereits bei 8 Grad zur Flüssigkeit und war daher vom
physikalischen Standpunkt aus kaum mehr als Gas anzusprechen. Auch waren
fast alle Stoffe, die im Gaskampf künftighin zur Anwendung gelangten,
unter gewöhnlicher Temperatur und Druck entweder Flüssigkeiten oder
feste Körper. Die Bezeichnung „Gase“ wurde nur beibehalten, weil diese
Stoffe im Augenblick der Aktion sich entweder im dampfförmigen Zustande
befanden oder dünn als Rauch oder Nebel zerstäubt wurden. Feste Stoffe,
wie z. B. einzelne Arsine, wurden bei der Explosion in feine Partikel
zerstäubt und verharrten lange Zeit schwebend in der Luft ...
Die chemischen Formeln schwankten ihm zunächst in langen, sich immer
wieder zersetzenden und sich wieder verdichtenden abstrakten
Reihen durch den Kopf. Endlich erreichte er dabei eine klare,
konkret-lebendige, sachlich-nüchterne Vorstellung.
Was bedeutete zum Beispiel:
(CHCl=CH)3As!?
Es war die Formel für Chlorovinyldichlorarsin, eine Arsenverbindung, und
die Bezeichnung für eine der drei Arten der vielgenannten amerikanischen
Levisite.
Das Verfahren zu dessen Herstellung war zwar ungeheuer kompliziert, aber
trotzdem mit den technischen Mitteln, die damals in jeder Farbstoffabrik
vorhanden waren, unbedingt auszuführen.
Ebenso klar war: man konnte sich aber auch darauf nicht festlegen. Im
Gegenteil: alles sprach dafür, daß auch dieser Kampfstoff überholt war.
Doch diese Formel war ein Programm, ein Warnungssignal, ein
Ausrufungszeichen, ein proletarischer Imperativ: „Wacht auf, Verdammte
...“
Sie war sozusagen das Symbol des Nullpunktes, des Gefrierpunktes, auf
dem jetzt die bürgerliche Kultur angelangt war. –
* * * * *
Dabei stieß Max auch auf die ungeheure Bedeutung des Normenwesens.
Die moderne Industrie, eingestellt auf Normisierung und
Massenherstellung, ermöglichte es nämlich, in verhältnismäßig rascher
Zeit anfangs experimentelle Erfolge bald auf Massenverarbeitung
umzustellen, so daß bis zu einem gewissen Grade infolge der kolossalen
Erweiterungsmöglichkeiten, die dann zu einer rein mechanischen
Fortführung des gelungenen Experimentes werden, bei manchen
Kriegsmitteln im Frieden die Ausgaben ohne Gefährdung für die
militärische Schlagkraft beschränkt werden konnten. Daher legten schon
seit langem sämtliche Staaten ein so starkes Gewicht, auch aus
militärischen Gründen, auf die Durchführung einer strengen Normisierung
innerhalb der verschiedenen Kriegsindustrien und der Industrie
überhaupt, die die erhöhte militärische Schlagkraft gewährleistete. Die
deutsche Industrie hatte gegenüber allen anderen Industrien schon vor
dem Kriege 1914-1918 ein verhältnismäßig stark entwickeltes Normenwesen
gehabt. Trotzdem herrschte damals bei Kriegsbeginn in Deutschland auf
den verschiedensten Gebieten ein wirres Neben- und Durcheinander von
Modellen. Jede Truppengattung hatte beispielsweise Spaten und sonstiges
Schanzzeug, aber kaum zwei hatten gleiche Modelle. Es gab unzählige
Fahrzeuge, Fahrzeugteile, Beschläge, Beschirrung, optisches und
Fernsprechgerät und noch vieles andere, was bei allen Waffengattungen
hätte gleich sein können, aber doch nicht gleich war. Verschlimmert
wurde diese Buntscheckigkeit durch die Zustände in der Industrie. Jede
Fabrik hatte an ihren Erzeugnissen kleine Besonderheiten, die, an
sich oft ziemlich belanglos, doch den Austausch und die
Durcheinanderverwendung mit den Erzeugnissen anderer Fabriken
ausschlossen. Um die Kriegsindustrie und auch die übrigen Industrien auf
Massenproduktion von Kriegsmaterial vorzubereiten, wurden in
verschiedenen Staaten ähnlich wie längst in Deutschland,
Normenausschüsse der Industrien, die natürlich mit den Generalstäben in
enger Verbindung standen, geschaffen. –