Ein kurzer, schlagartig einsetzender Generalstreik: das war das Vorspiel
zum bewaffneten Aufstand. Nicht überall lösten sich gleich bewaffnete
Kämpfe aus, wie denn überhaupt die ganze Lage nicht schematisch zu
beurteilen war. Ueber manchen Landesteilen lagerte eine unheimliche
Stille; war es Stille vor dem Sturm oder Grabesstille!? Es war Stille
vor dem Sturm, wie sich bald herausstellte. Und jene Führer der
Arbeiterbewegung hatten wieder einmal damit bitter Unrecht behalten, die
auch damals von der Kampfmüdigkeit und von der Gelähmtheit der
proletarischen Energien unkten. Wurde auch die Generalstreikparole nicht
überall gleich restlos befolgt, beim Ruf zum bewaffneten Aufstand
zögerten nur noch wenige ...
* * * * *
Um diese Zeit starb auch plötzlich der hochbetagte Präsident der
Republik am Schlagfluß.
„Berufsmörder!“ „Mit Orden ausgezeichneter Funktionär des
Menschenmassenmords“, fluchten die einen ihm ins Grab nach.
„Deutschlands letzte Stütze!“ „Unsere letzte Hoffnung!“ flennten die
anderen.
„Deutschland über alles“, hörte man damals das letzte Mal.
* * * * *
Deutschland war in den letzten Jahren immer mehr zur Bedeutungslosigkeit
eines reinen Vasallenstaates, einer Industriekolonie, herabgesunken. Die
nationalen Kreise, die mit der Parole „Nichterfüllung“ ans Ruder kamen,
wurden im Moment der Regierungsübernahme zu Vollstreckern der
Verschacherung des deutschen Nationalguts. Immer raffiniertere Methoden
im Volksbetrug wurden ausgebildet, bis diese eines Tages in einen ganz
gemeinen offensichtlichen und plumpen Schwindel umschlugen. Dann wurde
künstlich sofort das patriotische Delirium aufs höchste gesteigert,
„Deutschland über alles“ ertönte, wie immer, wenn ein ganz gerissenes
Schiebermanöver im Gang war ...
Die hin und wieder unter Ausbrüchen heilig-flammender Empörung gegen
Deutschlands Vergewaltigung erhobenen Proteste wie auch das ganze
Gefasel von der Wiedergutmachung der Schuldlüge usw., war ein vorher
genau mit den einzelnen Staatengruppen abgekartetes Spiel, damit sich
den gutgläubigen Kleinbürgern gegenüber die nationale Farbe der
Regierungsträger nicht verwischen sollte. Ja, diese hatten sich durch
die Bank so brav und ordentlich gehalten, daß der Völkerbund ihnen sogar
ihre einstigen Kolonien als Mandat übergab. –
* * * * *
Wie Hammerschläge zum Sarge des Reichsoberhauptes dröhnten jetzt die
Geschütze in das Stadtinnere aus den Vororten herein, wo Militär und
bewaffnete Arbeiterschaft miteinander im Kampfe lagen.
Von Stacheldrahtverhauen geschützt bewegte sich der Leichenzug dem Dom
zu, wo die Beisetzung stattfand. Auf Paraden und feierliches Gepränge
hatte man, wie man öffentlich kundtat, in Anbetracht der traurigen Lage
der deutschen Volksgemeinschaft verzichtet.
Vor dem Dom machte sich eine Gruppe von Provokateuren ans Werk,
schleuderte eine Bombe ins Publikum, die fehlging, aber immerhin eine
ungeheuere Panik hervorrief, bei der viele umkamen und es Hunderte von
Verletzten gab; und eine viertel Stunde darauf ließ die Regierung
bereits die Nachricht von einem kommunistischen Bombenanschlag
verbreiten.
Man erklärte die Kommunisten für vogelfrei. Die „Schwarzweißroten“ zogen
auf Kommunistenjagd. –
* * * * *
Draußen in einem Arbeiterviertel auf einem weiten Platz waren in roten
Särgen die ersten Revolutionsopfer aufgebahrt.
Als die KPD-Truppen anmarschierten: das klang hart, exakt, schneidend.
Schlagartig, metallisch, knallend.
Der Revolutionsgesang war ein kräftiges, in Rhythmen gefaßtes
Klassenkampfbekenntnis, ein Schwur, eine Bürgerkriegsfanfare, eine
unerbittliche Kampfansage.
Dieser Trauermarsch war ein Kriegsmarsch.
Ein Genosse sprach.
Er sprach von der roten Blutmauer der Föderierten: „Die Mauer der
Föderierten auf dem Kirchhof Père Lachaise, wo damals der Massenmord
vollzogen wurde, steht noch heute, ein stummberedtes Zeugnis, welcher
Raserei die herrschende Klasse fähig ist, sobald das Proletariat wagt,
für sein Recht einzutreten. Dann kamen die Massenverhaftungen, als die
Abschlachtung aller sich als unmöglich erwies, die Erschießung von
willkürlich aus den Reihen der Gefangenen herausgesuchten
Schlachtopfern, die Abführung des Restes in große Lager, wo sie der
Vorführung vor die Kriegsgerichte harrten ...“ Und der Genosse
schilderte weiter, wie diese Mauer durch alle Länder hindurch, über alle
Meere hinweg sich hinzieht, wie sie mit Strömen Proletarierblut getränkt
ist, und wie diese Mauer auch heute wieder auferrichtet ist, turmhoch,
wie an ihr das gesamte Proletariat steht, ausgesucht von der weißen
Menschenbestie dazu, wehrlos niedergemetzelt zu werden ... Aber wie das
Proletariat nun selbst zur Mauer wird, jede Brust ein Stein, jede Gruppe
von Proleten ein scharfkantiger Quader, und wie plötzlich sich diese
proletarische Menschenmauer in Bewegung setzt, stampfend über die Leiber
der Mörder sich hinwegwälzt ... und das vergossene Blut in der Mauer zu
leuchten beginnt, rotes Siegesblut und rotes Opferblut eins wird,
glühend rot ...
Und schloß mit den Worten Lenins:
„Auf je hundert unserer Fehler, die die Bourgeoisie und ihre
Speichellecker in die Welt hinausschreien, kommen zehntausend große
Heldenakte, die umso größer und heldenhafter sind, als sie einfach und
unscheinbar sind, sich im Alltag des Fabrikviertels oder des entlegenen
Dorfes abspielen und von Menschen begangen werden, die nicht gewohnt
sind und auch keine Möglichkeit dazu haben, ihren Erfolg in die Welt
hinauszutrompeten ...“
... Unsterbliche Opfer ...
* * * * *
Weiter ging der Kampf.
Maschinengewehrfeuer knatterte aus Flugzeugen, die dicht über die Dächer
hinwegflogen. Proletarische Scharfschützen aber schossen in einem
Stadtviertel aus Dachluken und hinter Kaminen hervor ein ganzes
Geschwader ab. Ungemein beweglich war die Kampfesart, die sich im
Verlauf der bewaffneten Aktion die Arbeiter zueigen machten. In kleinen
elastisch hin und her manövrierenden Trupps wurde gekämpft, die sich
trennten, blitzschnell sich wieder vereinigten und beinahe ohne Kommando
sofort entschlossen zu einem Angriffsstoß ausholten. Polizeiwachen
wurden erstürmt, niemand aber beging mehr den Fehler, sich darin
festzusetzen und die anrückenden feindlichen Truppenteile aus der
Verteidigungsstellung heraus zu bekämpfen. Jede erstürmte Stellung wurde
sofort geräumt, geschickt maskiert, tagelang blockierte dann oft unter
ungeheueren Verlusten der Feind solche Masken. Der Kampfgeist der
„Weißen“ wurde dadurch bedenklich zermürbt. Schweres Artilleriematerial,
Flammenwerfer, Phosphor-Brandspritzen wurden mühsam herangeschafft, denn
nur nach gründlichster Vorbereitung konnten die weißen Kommandos noch
einen Sturm wagen. Bei übermäßigen Verlusten oder Rückschlägen ergab
sich sofort eine Unzahl von Insubordinationen und Desertionen, nur die
technische Ueberlegenheit verhinderte in diesem Moment noch den völligen
Auflösungsprozeß ...
* * * * *
So bewegte sich auch auf einer Erkundungsfahrt ein Geschwader von
Kampfwagen mitten in das Zentrum des Arbeiterviertels hinein.
Die Kampfwagen waren gasdicht abschließbar und mit Sauerstoffapparaten
ausgerüstet.
Glühend heiß war es im Innern des Panzerwagens. Die Fünf-Mann-Besatzung
schwitzte, und das eiserne Ungetüm holperte polternd über die
aufgerissenen Straßenpflaster. Der Leutnant stand am Sehschlitz, brüllt
die Kommandos. Wie ein Unterseeboot schwankt der Tank im hellen Gewässer
des Tages einher.
Nichts ist zu sehen. Nur kurz und hart schlagen außen die Geschosse
unsichtbarer Schützen auf dem Stahlpanzer auf.
„Hagelwetter bei heiterem Himmel.“
Doch die Fünf-Mann-Besatzung ist nervös, es wird heiß und immer heißer
bis zum Ersticken, man ist halbnackt und feuert, was die Kugelspritze
hält, drauf los. Man stößt mit voller Kraft über die Straßenecken vor,
vermeidet jeden toten Winkel, wendet kurz und schlenkert weiter im
Zickzack straßeneinwärts. Hinter allen Fenstern spürt man Augen, Augen
die wie sengende Strahlen in das Wageninnere hineinbrennen, vorwärts,
rückwärts, oben und unten: überall lauert der Feind. Und die Antenne ist
schon kaputt geschossen. Man ist abgeschnitten ... Nur der Motor rauscht
und summt.
Wieder um eine Ecke.
Haustüren weit offen ... Man funkt hinein ...
Der Leutnant sieht sich um: die vier Soldaten, Bauernjungens, machen
giftige Gesichter. Reißen mit Wut an den Hebeln, ihre Bewegungen sind
Stoß und Faustschlag ...
Eine Leiche liegt mitten auf der Straße.
„Volle Fahrt!“
Drüber hinweg ...
War es eine Leiche!?
Oder hat es sich im Tuch bewegt?!
Und der Leutnant schreit noch:
„Jetzt Kinder, seid doch vernünftig, eine geballte Ladung! Achtung ...“
Und während die vier Soldaten ihm an die Kehle springen, einer ihm das
Messer zwischen die Rippen stößt, die Pistole ihm zwischen den Fingern
hindurchfällt, flutet auch schon eine Feuerwelle durch den Panzerraum;
zwei, drei kurze Detonationen ... und die fünf Menschen hocken am Boden:
in sich verkrümmt, wie verkohlte Baumstümpfe.
Auch die vier anderen Wagen des Geschwaders waren abgefangen. Die
Mannschaften hatten sich bedingungslos ergeben.
Die Schäden waren leicht auszureparieren.
Genosse Max Herse gehörte zur Besatzung des Wagens „Roter Blitz“, der
auf Patrouille ausfuhr ...
* * * * *
Wunderbare Dinge geschahen.
So kam einer die Straße herunter, ein gutgekleideter Mensch, mit dem
Taschentuch winkend, auf den Wagen zu, meldet sich mit einer
tränenerstickten Stimme: „Helft mir! Ich will wieder ein Mensch werden.
Ich war es nur einmal in meinem Leben, drei Tage lang ... Seitdem, ach
...“ Der sonderbare Ueberläufer wird im Wagen mitgenommen, kämpft später
bei einer roten Sturmabteilung, fällt, ist schwerverwundet und sein
letztes Wort ist: „Ich kann euch nicht sagen, wie glücklich ich bin ...
nun ist ja alles gut so ...“ –
* * * * *
Das Kampfgebiet wurde mehr und mehr von den Arbeitervierteln weg in den
Westen der Stadt verlegt, wo sich die Villenquartiere und die vornehmen
Geschäftshäuser befanden.
Gemeinsam mit den roten Partisanen operieren die roten Kampfwagen.
„Nicht verbarrikadieren!“ so heißt es immer wieder ...
Da trifft die Nachricht ein:
„Die Funkstation ist besetzt.“
„Der Generalsturm bricht los!“
„Ueberall in ganz Deutschland!“
„Rußland mobilisiert. Rußland marschiert.“
„Ueber der polnischen Grenze steht schon das Rote Gewitter.“
So stark wirkte die Nachricht, daß zwei weitere Stadtviertel in dieser
Nacht von den Arbeitern erstürmt wurden.
* * * * *
Die Arbeiter sind ihrer Sache sicher und siegesbewußt. „Die Welt wird
unser sein!“ „Wir haben es lange genug nur gesungen.“
Erwischt man einen von den „Schwarzweißroten“, so haut man ihm die Jacke
voll, läßt ihn laufen ...
Bis eines Tages ein „Roter“ den „Weißen“ entkommt, der Leib ist über und
über mit Peitschen- und Säbelstriemen bedeckt, über zwanzig
Bajonettstiche, das eine Auge ausgerissen ... und er erzählt: an den
Laternenpfählen ... unmenschliche Martern ... Spießrutenlaufen ...
Vergewaltigung von Arbeiterfrauen ... Hinschlachtung von politischen
Gefangenen in den Gefängnissen ... und Gas, Giftgas ... die
Vorbereitungen sind getroffen ... Nehmt euch in Acht! ... Dicke Luft ...
Die Hauptsache, die kommt erst ...“
Von mehreren Seiten werden jetzt kurz hintereinander diese Aussagen
bestätigt.
Der Prolet beißt die Zähne fester zusammen:
„Gut so, wenn sie es haben wollen ... Von nun an wird kurzer Prozeß
gemacht! ...“