Lenin

I

Noch einmal ein letzter Appell vor dem Sturm, ein Manifest an alle, die

menschenwürdig leben wollen, vor dem Generalangriff!

_Kameraden!_

Die Transmissionsriemen knattern, die Schleifräder spritzen Funken,

10000-PS-Motoren knurren ... Und das ist ein Maschinenraum: an Millionen

Hebeln zucken Millionen Händepaare herum, wie abgeschlagen vom Körper

sind sie, aber an den Händen pulst noch ein Herz, eine Lunge atmet noch,

ein Gehirn will denken: noch ist der Mensch nicht ganz tot, zwar ists

schon nicht mehr viel, was hier noch um das gütigst gewährte

Existenzminimum ringt ... Und die elektrischen Bogenlampen flimmern, die

Expreßluxuszüge knüpfen Weltende an Weltende, Riesendampfer schrauben

sich wohlig und sicher herauf durch den Ozean: der eine Teil der

Menschheit verlängert tausendkilometerlang seine Glieder, dem anderen

Teil der Menschheit schrumpfen sie, sterben sie ab ... Phantastisch von

kristallischen Lüstern erhellt überblüht die Luxuskabine das armselige

Schattendasein der vier Wände des Lohnarbeiters, aber – sind nicht aus

seinem Herzblut, aus Schweiß und Herzblut des Lohnarbeiters die Paläste

gegossen? Maschinen, Licht, Lebensluft, Wärme: ist es nicht sein Werk!?

Und haben demnach diese anonymen Schöpfer jeder Lebenskraft nicht das

Recht, nein, nicht die heilige Verpflichtung, sich im Fall, daß sie

gewaltsam im Interesse einiger weniger, die schon im Urteil der

Geschichte als Gesellschaftsverbrecher gebrandmarkt sind, aus dem

Lebensprozeß ausgeschaltet werden, hat diese Menschenmehrheit demnach

nicht die Pflicht, die ihr zur Verfügung stehenden Notwehrmaßnahmen zu

ergreifen, um der Verelendung, der sicheren Katastrophe, dem

Lebensuntergang zu entgehen!

Das Natürlichste vom Natürlichen wäre es. Das

Menschen-Selbstverständlichste ...

Und die Trusts, die Kartelle, die Syndikate bewegen sich, bewegen sich

gegeneinander und jede ihrer Bewegungen schafft Kollisionen, zeugt

Krisen, schaufelt das Grab für Hunderttausende. Und hört Ihr den Chor

der Menschheitsvampire, zunächst noch als ein konspiratives Flüstern:

„O heilige pazifistische Aera!

Der ganze Weltraum trieft ja von Friedensgeläuten!

Halleluja donnern hinweg über den Ozean

Die Kanonenschlünde der Dreadnoughts:

„Friede auf Erden!“

Ach, nur in den stillen Kämmerlein

Unserer Staatslaboratorien

Fabrizieren wir gutes Giftgas.

Seht: den Staat haben wir uns geschaffen

Als unsere beste Waffe –

Und wenn es wieder mal losgeht:

Diesmal wird der Konkurrenzkampf geführt

Als chemischer Krieg ...

(Sachbeschädigung ausgeschlossen.)

Phosphorbomben. Flugtorpedos. Elektrische Wellen –

Fünf Minuten –

Und (jede Pore exakt durchgiftet)

Liegt leblos so ein Riese

Wie z. B. Chikago da ...

Und wer bezahlt dann die Zeche!?

Zuviel Menschen sind ja so wie so auf der Welt.

Darüber sind wir uns einig ...

Tastet inzwischen die Erde ab:

Wo riechts nach Petroleum?!

Schade nur,

Daß der Mars noch nicht zu kolonisieren ist!“

Eine gespenstische Polonaise wandert indeß hindurch durch den Weltraum

die Millionen-Kolonne der körperlich und geistig Verhungerten, Mann an

Mann, Weib an Weib, Kind an Kind ... Warum!? ... Genügt euch wirklich

als Antwort darauf nur ein Achselzucken!? Ist das Grundgesetz der

Gesellschaft für euch immer noch eine geheimnisvolle mystische Chiffre,

ohne Schlüssel!? Rutscht ihr immer noch die Kniee euch wund vor dem

erbärmlichsten gesellschaftlichen Aberglauben: „Es ist immer so gewesen,

es wird immer so sein ...“

* * * * *

Ein Fünfsekunden-Querschnitt durch Zeitungskioske, Theater, Verlage: es

ist zum ... Es gleicht wohl einem Sprung durch eine Papierhölle. Alles

was einmal groß, echt, gewaltig, lebendig war: verkauft, verwässert,

entwertet, verraten ... Alles ursprünglich Edle, Wahre, Heroische und

Schöne in eine schleimige Korruptionstunke eingetaucht, jeder lautere

Ton überkeift von einem zotigen Gemecker ...

Aufgeplustert bis zum hysterischen Exzeß, widerlich zerschminkt, bis zum

Brechreiz bengalisch illuminiert: so stolzieren die modernen Revuen an,

und desto erfolgreicher sind sie, desto inhaltsloser sie sind und desto

nichtssagender und leerer ihre bedauernswerten Akteure daherplappern:

prächtig maskierte Volksseuchen ...

Magazine, Journale, Sumpfliteratur, Auflageziffern bis 300000 ...

Und wer sind sie, die armseligen Opfer dieser typischen

Misthaufenerzeugnisse!? Im Café, in den Wartezimmern des Arztes: dort

strömen sie ihren pestilenzartigen Geruch aus.

Der Film, in sich bergend ungeahnte Möglichkeiten, was ist aus ihm,

eingespannt in den Rahmen der bürgerlichen Gesellschaft, geworden!? Man

braucht, glauben wir, nicht mehr darüber zu sprechen. Film, Radio,

Presse, Theater, Literatur: das sind nur die verschiedenen Ressorts

jenes gewaltigen, immer mehr sich amerikanisierenden Propagandainstituts

zur Weiterzüchtung der menschlichen Dummheit. Hier sind die staatlich

konzessionierten Fälscherzentralen und geistigen Bazillenfabriken, sie

arbeiten so wundertätig wie unter der Aufsicht des lieben Gottes selbst,

sie hebt kein Polizeikommando aus, aber sie produzieren ja auch so

verflucht erfolgreich in nächster Nähe des Regierungsviertels und nicht

in proletarischen Kellerwohnungen ...

* * * * *

Aber bei klarer und nüchterner Ueberprüfung der Geschichte der Menschen

und der Geschichte der Natur müßtet auch ihr eines Tages zu der

Ueberzeugung kommen – nehmt alle Erfahrungen der letzten Jahrzehnte

hinzu, euere Erlebnisse – zu der Ueberzeugung, daß die heutige

bürgerliche Gesellschaft samt ihrer sogenannten Kultur rettungslos dem

Untergang in die Zivilisationsbarbarei verfallen ist, und daß sie nicht

mehr dazu berufen sein kann, die wirtschaftlichen und geistigen

Weltprobleme in einem wirklich schöpferischen Sinne zu lösen, daß sie

nicht mehr dazu berufen sein kann, aus sich heraus das einzige Bollwerk

gegen die herannahende Phase modernster chemischer Weltkriege zu

errichten: die planmäßig organisierte Weltgemeinschaft aller

Werktätigen.

Millionenmenschenmassen kreisen indeß lautlos nieder auf den Grund in

dem riesigen kapitalistischen Krisen-Wirbel ...

Den Befreiungskampf des Menschen aus seinem gespenstischen Warendasein,

den Befreiungskampf der Menschheit aus allen ökonomischen Zwangsformen,

den Krieg gegen den Krieg – und damit auch eueren Befreiungskampf,

Kopfarbeiter, aus den Fesseln geistiger Lohnsklaverei kämpft heute die

Klasse der Unterdrückten: das Proletariat. Seine geschichtliche Mission,

als einzige an der Verewigung dieses Gesellschaftszustandes nicht

interessierte Klasse, ist es, die Hinfälligkeit und die barbarische

Verlogenheit des heute noch herrschenden Systems zu erkennen und

ihm den organisierten Widerspruch entgegenzustellen, die

einheitlich geschlossene Kampffront aller Ausgebeuteten gegen die

Ausbeuterwirtschaft und ihre Helfershelfer: den Massenterror aller

Werktätigen, den Klassenkrieg auf Leben und Tod.

Diktatur der Bourgeoisie. Diktatur des Proletariats ...

Ein Drittes, wie ihr es vielleicht gerne wahrhaben möchtet, gibt es

nicht.

Kameraden! Welcher Front schließt ihr euch an? Entscheidet euch!

Verfallt dabei nicht in den dünkelhaften Fehler euerer Berufsschicht,

dessen Quelle auf Grund des besonderen Arbeitsplatzes, den die meisten

von euch auch heute noch im Produktionsprozeß einnehmen, leicht

auszuspüren ist, in den Fehler, daß ihr euch selbst vormacht,

selbständig, unabhängig zu sein, euer eigener Herr zu sein, niemandem

verpflichtet, keinem Rechenschaft oder Tribut schuldig ... Ja, zu

handeln wähnt ihr, aber um so besser werdet ihr, von der Illusion euerer

Freiheit gut eingedeckt, gehandelt und verhandelt ... Euere geistigen

Positionen sind mehr, als ihr euch gewöhnlich zugeben wollt, recht

kräftig materiell unterzementiert: drum, Augen auf, seht zu, wie alles,

was ihr tut, sich heute notgezwungenermaßen objektiv, das heißt, von der

Perspektive der Geschichte aus gesehen, auswirken muß! Macht euch gefeit

gegen idealistischen Aberglauben, Jenseitstaumel und gegen jede Art von

noch so interessanten Mystifikationsversuchen, gegen Nervenzauber und

Seelenschmierereien, die gerade auf Grund der Tatsache heutzutage

Kurswert erhalten können, als die Grundgesetze des Gesellschaftssystems

und damit auch die Lehre von dessen Ueberwindung, die revolutionäre

Theorie, nur verstandesmäßig zu erfassen sind. „Blickverschleierung tut

not“ aber orakeln, und sie wissen nur zu gut warum, die

Menschheitshyänen ... Habt acht auf die offizielle, mit allen Kräften

geförderte Fabrikation von Gehirnvergasungsapparaten und auf die weit

verbreitete Produktion von mystischen Gehirnnebeln!

Helft mit! Entlarvt das pazifistische Gesabber von angeblich zukünftig

humaneren Methoden im Austrag der Völkerkonflikte, das beinahe

blutrünstige Gekeife von der „pazifistischen Aera“ als das, was es ist:

als ein verruchtes Ablenkungsmanöver, als den bewußten Betrugsversuch,

„Atempause“ und „Schonzeit“ ideologisch als eine ewige Kategorie zu

stabilisieren ... Erkennt den Unterschied zwischen der Phraseologie

einer Sache und dem Inhalt einer Sache! Acht gehabt nicht auf das, was

der Mund spricht, sondern auf die Bewegung der Fäuste! Statt daß ihr

Worte, Papierform, Verfassungsparagraphen ernst nehmt, stürzt euch, wenn

ihr mit euerem Entschluß fertig werden wollt, auf das spezifische

Gewicht einer Handlung, auf Berechnungen, auf Tatsachen!

So laßt aus den Arsenalen der jährlichen Statistiken die Millionenarmeen

der Selbstmörder, der Verhungerten, der Tuberkulösen, der Skrophulösen,

jenen Millionenhaufen der in diesem Gesellschaftszustand der

Wirklichkeit nach völlig Entrechteten vor euch aufmarschieren, die

Kriegsopfer der Kolonialkriege und die Tausende von Jahren zählenden

Zuchthausstrafen der politischen Gefangenen, und ihr werdet einwandfrei

feststellen können, was es auf sich hat, wenn die Regierer aller Länder

zynisch von den Parlamentstribünen meckern: „Friede auf Erden!“

* * * * *

Seht die Kommunistische Partei, die weit mehr als Partei ist, die die

Vorhut einer neuen kommenden Weltordnung, die das gestaltgewordene neue

Welt-Bewußtsein, die der Stoßtrupp der Zukunft ist! Deren Mitglieder von

den nur allzu getreuen Hütern der Menschheitsverwesung in allen Reichen

der Erde über alle Maßen grausam verfolgt und verleumdet sind, zu

Tausenden und Abertausenden ermordet oder lebenslänglich in Zuchthäusern

eingesperrt, aber in deren Reihen, trotz alledem, noch immer

wach erhalten ist und wach erhalten bleiben wird: Opfermut,

Solidaritätsgefühl, wahre Lebendigkeit, Disziplin, Kampfgeist! ...

Heraus mit euch aus euerer Knechtseligkeit, aus euerem von mörderischen

Ketten umstrickten Todesschlaf, aus euerer Indifferenz, aus euerer

stupiden, verantwortungslosen Eigenbrödelei! Heraus mit euch aus euerer

abstrakten Atelier- und Studierstubenluft: wir beschwören euch:

informiert euch endlich darüber, was konkret in der Welt vor sich geht!

Folgt unseren Parolen: „Heran an den Feind! Nieder mit Phantomen und

Schemen! Herunter von den Thronen mit den lebendigen gekrönten und

ungekrönten Leichnamen! Der Mensch muß endlich zu sich selbst den Mut

haben! Erobert euch die Wirklichkeit! ...“

Kämpft gegen den Welt-Unsinn, gegen den Welt-Wahnsinn, gegen

den Menschenmarkt, gegen das Menschen-Zuchthaus, gegen das

Menschen-Schlachthaus! Kämpft gegen die im Interesse der

Profitwirtschaft künstlich gezüchtete Menschendummheit, kämpft für

Menschenfreiheit! Kämpft für die Wiedergeburt des Menschen aus der

Menschen-Gemeinschaft!

* * * * *

„Meine Pflicht ist zu reden, ich will nicht mitschuldig werden!“ Dieses

stolze Wort Zolas haben unsere intellektuellen Hampelmänner,

kautschuk-elastisch, wie sie nun einmal sind, und eingedenk der

Tatsache, daß Zivilcourage in diesen bösartigen Zeiten unter Umständen

zu einer recht brenzlichen Sache werden kann – dieses kühne Wort des

französischen Sozialisten hat also unsere offizielle Intelligenz dahin

abgewandelt, daß sie prinzipiell nur, wie nach einem geheimen Abkommen,

über _die_ Dinge redet, die nicht der Rede wert sind.

Es gibt aber auch eine Lebensstrategie und damit auch fundamentale

Grundsätze dieser Lebensstrategie. Und die Grundlage für jeden Erfolg

beruht eben bekanntlich in der Fähigkeit, den Gegner mit überlegenen

Kräften am entscheidenden Punkt im richtigen Augenblick zu schlagen.

Ueber überlegene Kräfte aber einmal verfügen zu können, das verlangt

schon heute: den vollen Lebenseinsatz jedes Einzelnen. Der entscheidende

Punkt der gegnerischen Stellung, der springende Punkt, auf den zu alle

Kräfte unserer Zeit sich bewegen werden, ist: das Problem der

Ausbeutung. („Wer alles verteidigen will, verteidigt nichts.“ Dies für

Wesensschauer und reine Seelenmenschen!)

Was aber treiben objektiv unsere Intellektuellen?!

Sie treiben „Tarnung“. (Oder Camouflage, wie es in Amerika heißt, und

woraus man bereits eine ganze Wissenschaft gemacht hat ... Popularisiert

diesen Begriff!) Was ist Tarnung? Unter Tarnung versteht man die Kunst,

den Gegner über die wahren Absichten, die man hegt, im Unklaren zu

lassen. Unter Tarnung verstand man z. B. den Grasbüschel am Stahlhelm

des MG-Schützen, und da bekanntlich auch der imperialistische Frieden

die Fortsetzung der Politik des imperialistischen Krieges mit besonderen

Mitteln ist, so versteht man unter Tarnung in der sogenannten

pazifistischen Aera: die serienweise Fabrikation von Ideologien und

Illusionen (Parlament, Demokratie, Völkerbund, Ableugnung des

Klassencharakters des Staates, der Justiz, des Heeres, der Polizeigewalt

usw. usw.), die dazu geeignet sind, den Gegner, d. h. den Klassengegner,

das Proletariat, über die wahren Absichten der Volksverbrecher und der

Massenblutsauger im Unklaren zu lassen. Die Spitzen der

Klassenkampfbewegung womöglich schon ideologisch und psychologisch

abzubiegen und auf diese Weise sich die Profitrate bzw. die höhere

Profitrate zu sichern ...

Selbstverständlich, so denken instinktsicher die Gewalthyänen, man kann

es sich schon was kosten lassen, den verwesungstriefenden

kapitalistischen Leichnam mit Girlanden zu umwickeln, wer wird auch

seinen eigenen Gestank und seinen Totenschädel offen auf der Straße

umhertragen! Ideologische Parfümeriefabriken tun bei dem allgemeinen

Verwesungsgestank dringend not: man muß die Verwesung wenigstens

wohlriechend machen! Kulissen her! Man kann sich doch nicht so

jämmerlich, wie man in Wirklichkeit ist, zeigen! Ja, denn es geht hart

auf hart. Alle Kräfte mobilisiert zum Endkampf heißt es da; hungern

lassen heißt es da, ausbeuten! Nur die Massen nicht in revolutionären

Schwung kommen lassen, nur die Haltung nicht verlieren. Nur jetzt nicht

... Verflucht, bleibt bald für das internationale Weltkapital nur noch

China übrig, immer spärlicher werden die Akkumulationsreste ... und wenn

man sich nicht mehr um Absatzgebiete hinmorden kann, was dann ... Wie

soll man weiterhin den Mehrwert realisieren!? ... Die Welt

ist aufgeteilt: nun muß man wohl bald dem Konkurrenten den

Produktionsapparat selbst zerschlagen ...

Und Worte sind in solchen Zeiten nicht mehr dazu da, um die Wahrheit zu

sagen, sondern: um sie zu verdecken ...

Nun, gut! Wir werden ihnen aber, wie man so sagt, mörderisch in ihr

verruchtes Handwerk pfuschen. Wir werden reden, nicht um die Gegensätze

zu verdecken, sondern um sie aufzureißen. Damit alle sie sehen können,

werden wir die Wirklichkeit, nackt und brutal wie sie ist, in einen

Kegel von Blendlicht stellen ...

Ja, euere Pflicht wäre es zu reden, Intellektuelle, um die Klassenkräfte

mit in Bewegung zu bringen, euere Pflicht wäre es, den Motor an der

Kampfmaschine des Klassenwiderstreites mit anzukurbeln, für den nötigen

Brennstoff mit zu sorgen, mit zu sorgen dafür, daß die Zündkerze intakt

bleibt. Euere Pflicht wäre es, die proletarischen Klassenenergien mit zu

entwickeln. Euere Pflicht wäre es, zu reden, um nicht an der drohenden

Versackung ganzer Geschlechter im „absoluten Krieg“, d. h. im

„Gassumpf“, mitschuldig zu werden.

Euere Pflicht wäre es, nicht nur zu reden, um nicht an dem stündlichen

ungeheueren Menschheitsverbrechen mitschuldig zu werden, sondern – – –

Und wenn es euch auch den Kopf kostete!

* * * * *

Aber auch im Fall, daß euere Entscheidung für die Revolution ausfällt,

auch in diesem Fall gilt es, mit einem festeingewurzelten Aberglauben

gründlich aufzuräumen.

Denn Revolution bedeutet nicht nur gefühlsmäßige, begeisterungsflammende

Hingabe an das revolutionäre Ideal. Damit ist bei weitem noch nicht

alles getan. Revolution ist nicht nur der bewaffnete Aufstand, ist nicht

nur das Stadium des Emporflammens der Massen-Empörung, Revolution

bedeutet auch kleine zermürbende Parteiarbeit. Revolution ist auch die

Klebekolonne. Revolution sind auch leere Versammlungen. Revolution ist

Legalität und Illegalität. Die Kampfmaschine der Revolution: sie treibt

einen ungeheueren Verschleiß an Menschenzahl und Menschenkraft.

Revolution ist gründlichstes, exaktestes Wissen; sie ist das härteste,

gewagteste und furchtbarste Lebenstraining dieser Welt; sie fordert

deine Disziplin, deine Ausdauer, sie fordert dich hinein bis auf die

letzte Nervenfaser; sie fordert dich ganz. Aber, es ist unschwer, wie

Lenin sagt, revolutionär zu sein, wenn die Revolution schon ausgebrochen

ist und in Flammen steht. „Nicht der ist revolutionär, der beim Eintritt

der Revolution revolutionär wird, sondern der, der auch zur Zeit des

stärksten Wütens der Reaktion die Grundsätze und die Losungen der

Revolution verficht ...“

* * * * *

Wir möchten es für euch wünschen, Kameraden, wir möchten es herzlichst

für euch, in euerem eigenen Interesse wünschen: lernt wieder kennen

Heroismus, Aufopferung, Kameradschaftlichkeit. Lernt wieder kennen, was

es heißt, daß der Mensch nicht nur eine Ware ist, daß der Mensch nicht

nur ein über alle Maßen gedemütigtes Ausbeutungs- und Spekulationsobjekt

ist, sondern daß der Mensch vor allen Dingen noch ein Wesen ist, das aus

einem Herzen besteht, das schlagen will, aus einem Gehirn, das denken

will, aus Fleisch und aus Blutteilen. Lernt wieder kennen, nachdem ein

Ideal nach dem andern euch zertrümmert worden ist, lernt wieder kennen

das Gefühl, einer Bewegung anzugehören, der die Zukunft gewiß ist und

deren Sieg gleichbedeutend ist mit Menschenwürde und Menschenfreiheit.

Hier findet ihr hoch hinaus über alle spielerische Formelfexerei und

geheimnisgeile Spekulationskrämerei wieder einen kräftigen Lebensinhalt.

Unser Leben hat einen wesentlichen, das heißt einen zukunftszeugenden

Inhalt: das ist das einfachste und wunderbarste zugleich, was ein Mensch

von sich aussagen kann. Ein Lebensinhalt, um den es sich zu leben und zu

kämpfen lohnt, und ein Lebensinhalt, um den es sich, wenn es sein muß,

auch zu sterben lohnt. Mehr als das, etwas Schöneres, Herrlicheres,

Gewaltigeres gibt es nicht, was der Mensch dem Leben abzugewinnen vermag

...

Kämpft mit uns, wenn ihr wirklich ernsthaft gewillt seid, daß endlich

Schluß gemacht wird mit jenen uniformierten Folterbestien, kämpft mit

uns, wenn ihr wirklich ernsthaft gewillt seid, daß endlich Schluß

gemacht wird mit jener Minderheit von Mehrwertshyänen in

Menschengestalt, die Glück, Freude, Leben, Gesundheit von Millionen und

Abermillionen Menschen täglich, ja stündlich auf dem Gewissen haben!

Kämpft mit, Kameraden, wenn ihr die Wiedergeburt des Menschen aus der

Menschengemeinschaft wollt, kämpft mit uns, Schulter an Schulter mit dem

klassenbewußtesten Teil des Proletariats, Schulter an Schulter mit der

Kommunistischen Partei: für die Grundsätze und für die Losungen der

Revolution ...“

* * * * *

Solche und ähnliche Aufrufe erschienen damals in allen Universitäten,

Hochschulen ... Und die idealgesinntesten und aktivsten Elemente der

bürgerlichen Gesellschaft traten unter die rote Fahne. Es geschah, daß

mancher Chemiker, Techniker, Künstler, Gelehrte, Arzt plötzlich wie aus

einem Lebensschlaf erwachend, die Augen sich rieb, staunte: „Ja, die

Kommunisten sind ja gar nicht so ... Die hab ich mir immer ganz anders

vorgestellt!“ Und mit einer ungeheueren Ueberzeugungswucht und einem

fanatischen Bekennermut sich die gefährlichsten Kampflagen aussuchte.

Zahl, Kampfstärke der beiden Fronten änderten sich Tag für Tag.

An manchen Stellen war ein großes Ueberlaufen ...

Zwischenstufen, Mischungen, seltsamste Kombinationen, Uebergänge: die

ganze Welt erschien in einem strudelnd flüssigen Zustand, und

gespensterhaft phosphoreszierend. –

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 203 / 229 题