„Die Vöglein im Walde ...“ „Das Flaggenlied.“
Die Gesichter unter den Stahlhelmen sind hartkantig, erdig. Zum
Aeußersten entschlossen. –
* * * * *
Die Kasernen der Schutzpolizei und des Militärs werden durch
Stacheldrahtverhaue abgesperrt.
An der Bannmeile ist eine mechanische Barrikade aus einem Geschwader
Panzerwagen und gepanzerter Lastkraftwagen errichtet.
Festen Schritts marschieren dort stundenlang die roten Bataillone
vorüber.
Es wird gegen 3 Uhr nachmittags.
Zu Zusammenstößen ist es nicht gekommen. Kleine Zwischenfälle, nicht der
Rede wert.
Auch von den „Vaterländischen“ ist weit und breit nichts zu sehen.
Wie es heißt: sie sind wieder in ihre Quartiere abgerückt.
Und so findet das Arbeiter-Riesen-Meeting auf einem Platz mitten im
Stadtzentrum statt.
* * * * *
Es sind über Hunderttausende.
Aus allen Straßenmündungen preßt es sich schwer herein.
Die Roten Frontkämpfer halten den Ordnerdienst.
Die ungeheure Anzahl der roten Fahnen: sie flattern in der Luft wie
glühende Flammenzungen.
Jeder Betrieb hat seine Fahne.
Ein langgezogener Trommelwirbel ...
Von den Dächern widerhallt es.
Ueber die ganze Innenstadt hin fluten die Trommelwellen.
Ein Trompetenstoß.
Elektrisch zuckts in den Gliedern ...
Das Meeting beginnt.
* * * * *
Ein Sprechchor, tausend Genossen und Genossinnen, donnert empor.
„Der erste Mai!“
Dann:
Alle singen.
Ist dies ein Gesang noch!? Es ist ein Stimmenstrom, eine
Riesenklangwoge, die sich hebt und senkt, die aufsteigt, anschwillt, in
Millionen von Stimmenlichtern blinkend, jäh und steil sich überschlägt,
dann ruhig wieder und gewaltig ihres Weges dahinzieht ... Nur die letzte
Strophe: die Stimmen verstärken sich, es schlägt auf: hart, gehackt,
rhythmisch: als eine eiserne Brandung.
Durch einen Schalltrichter wird verkündet:
„Ein amerikanischer Genosse spricht!“
Zwei Arme schwingen, zwei Fäuste ballen sich: jetzt wächst die
Menschengestalt übermenschengroß heraus aus der Tribüne.
„Wir amerikanischen Genossen, wir grüßen dich, deutsches Proletariat!
Wir stehen vor der Entscheidung ... Die Kriegsrüstungen ... Der Krieg
gegen Rußland. Gegen Japan ... Und euere Regierung: wißt ihr von den
Geheimverträgen, den geheimen militärischen Bündnissen ... Deutschland,
das Aufmarschgebiet gegen Rußland ...“
Ein tosender Millionenschrei stieß in diesem Moment hoch:
„Nein! Niemehr! Nimmermehr! Bürgerkrieg!“
Der amerikanische Genosse fuhr fort:
„Der Völkerbund hat den Krieg gegen Russland gefordert! Ueberall
Kommunistenverfolgungen, Hinrichtungen, Pogrome, Massakres ... Es lebe
die Diktatur des Proletariats! Sie allein vermag diesem
menschenmörderischen, niederträchtigen Spuk ein für alle Mal ein Ende zu
machen! ...“
„Die amerikanische Kommunistische Partei! Sie lebe –“
„Hoch! Hoch! Hoch!“
Nur: Wortbrocken, Sprachfetzen.
Aber den Sinn verstand jeder.
Und schon spricht der japanische Genosse, der russische, ein
bulgarischer Genosse spricht.
„Genossen! Deutsche Kommunisten! Deutsche Arbeiter! Deutsche
Proletarier! Die Stunde zum Handeln ist da! Der Tag der Abrechnung ist
gekommen, der Tag der Abrechnung mit den Volkspeinigern und Volksmördern
...“
Wieder ein Zwischenschrei:
„Nieder mit den Verrätern des Volks ... verrecken ...
„Genug jetzt der Foltern und Bestialitäten! Wir setzen dieser
vergangenen Zeit den Grabstein ... Heute, am ersten Mai: überall, bei
den kleinen japanischen Maisbauern, bis hoch hinauf in die einsamsten
Bergdörfer Chinas: der Sturm bricht los, der Sturm erfaßt Höhen und
Tiefen, über Deutschland hinweg, über Europa hinweg, von Asien über
Afrika; in allen fünf Erdteilen: die große rote Sturmglocke läutet: das
werktätige Volk, das Proletariat steht auf ...“
Für die Frauen spricht Genossin Martha, eine alte erfahrene
Bolschewistin, zehn Jahre Zuchthaus hat sie hinter sich, sie hat auch
mit der Waffe in der Hand gekämpft, sie ist lungenkrank, jedes Wort
preßt sie aus sich heraus, immer wieder von begeisterungsflammenden
Zurufen unterbrochen: „Auch wir Frauen, das geloben wir, werden unsere
Pflicht tun. Wir Genossinnen werden nicht hinter euch, Genossen,
zurückstehen! Verlaßt euch darauf!“
Ein deutscher Genosse erhält noch das Wort:
„Erster Mai! Tag der Heerschau des Weltproletariats! Tag du des
Aufmarschs der Proletariermassen in allen fünf Erdteilen! Erster Mai:
Kampftag: laß uns bereit sein! Laß stahlhart uns werden, ausfüllen die
letzte Lücke in unserer Front! Laß denken unsere Gedanken nur dies eine:
Kampf! Unsere Herzen nur dies eine fühlen, unsere Willen nur dies eine
wollen: Kampf ...“
Ein Jugendgenosse tritt vor, er ballt die Faust zum Schwur:
„Unermüdlich wollen wir kämpfen! Unsere Muskeln spannen, unsere Gehirne
stählen, mit unserem Herztakt euch alle, die ihr in Ketten noch schlaft,
wachhämmern! In uns schüren den Willensbrand, bis diese Welt von uns
erobert ist, bis du, erster Mai, du Weltkampftag, der Weltfeiertag aller
werktätig Schaffenden geworden bist!“
Ein Sprechchor von Jungpionieren antwortet im Chor:
„Nicht eher werden ruhen wir! Nicht eher werden die Hände wir falten!
Das schwören wir! ...“
Hunderttausende von Stimmen fallen jetzt wieder ein:
„Das schwören wir. Schwören wir. Schwören wir ...“
Ein Trompetensignal.
Ein Genosse in der Roten-Frontkämpfer-Uniform steht auf der Tribüne.
Der Fahneneid ...
Eine große und dunkle Stimme spricht vor:
„Frontkämpfer auf! Die Faust gereckt! Wir schwören rot: Sieg oder Tod!“
„Sieg oder Tod!“ jauchzt die Menschenmasse.
„Wir schwören: beim Blut der Brüder, das zur Erde rinnt –
„Wir schwören: am Riesenstrom der Tränen, die vergossen sind –
„Frontkämpfer auf! Die Faust gereckt! Wir schwören rot: Sieg oder Tod!“
„Dem großen Klassenkrieg sind wir geweiht.
„Wir sind der Sturmschritt einer Neuen Zeit!“ –
Wieder waren Hunderttausende von Menschenstimmen eine Felswand
lebendigen Echos.
„Dem großen Klassenkrieg sind wir geweiht.
„Wir sind der Sturmschritt einer Neuen Zeit ...“
* * * * *
Die „Internationale“ erscholl.