VI

Max überlegte sich noch einmal den Artikel über den kommenden Krieg.

Keine Uebertreibungen, sagte er immer wieder zu sich selbst. „Natürlich,

es ist wahrscheinlich: zuerst geht es schon noch mit Tanks und mit

Brisanz und mit Dreadnoughts los. Die Bombenflugzeuggeschwader mit

Gasmunition: das ist sozusagen der Clou. Der neue Krieg wird kein

hundertprozentig reiner chemischer Krieg sein, auch hier gibt es

Uebergänge, Variationen, Kombinationen wie überall, Vergangenheit,

Gegenwart und Zukunft ist tief miteinander verfilzt, das ist knorpelig

ineinander verwachsen und löst sich nicht so abrupt von einander los ...

Ganze Industriegebiete werden zwar gegen die Sicht der Flieger

eingenebelt werden. Aber andererseits gibt es auch bereits Apparate, mit

denen man von über 3000 Meter hoch genaueste Standortfeststellungen

machen kann. Die Einnebelung wird also wenig Zweck haben. Nur als

Vertröstung, als Beruhigungsmittel im ersten Augenblick ... Und die, die

das Geld dazu haben, werden natürlich die Gefahrenzone schleunigst

verlassen und sich auf dem Land in Sicherheit bringen ... Ja, wenn es in

der Macht der einzelnen imperialistischen Gruppen läge, ich glaube ihren

flennenden Versicherungen gern, der Krieg ist heute bei dem hohen Stand

des Klassenbewußtseins des Proletariats ein großes Risiko und sie

möchten natürlich am liebsten den Krieg vermeiden ... Aber das System,

dessen Gesetzmäßigkeit sie treibt und zum Handeln zwingt, ist stärker

als ihr Wille ... Sie müssen, ob sie wollen oder nicht ... Und für die

Arbeiterschaft heißt es diesmal endgültig: verrecken oder kämpfen. Etwas

anderes gibt es gar nicht ... Ich glaube aber auch nicht mehr, daß einer

der unseren noch auf die pazifistischen Schwindeleien hereinfällt ... An

diesem Schmus hat sich heute die Mehrzahl der Menschheit bereits

ordentlich überfressen ... Ein deutlich hörbares Bauchgrimmen geht

durchs Land ...“

* * * * *

Es war am Vorabend des ersten Mai.

Wie ein gewaltiger atmosphärischer Druck so drückte es auf die Stadt

herein.

Alles war noch „verdeckt“, da und dort an den Straßenecken sah man

Gruppen von Menschen, die debattierten, die einen oder anderen begrüßten

sich mit „Rot Front!“ oder mit „Heil!“, die Läden waren überfüllt, vor

Lebensmittelgeschäften stand man Polonaise, in langen Windungen kroch

vor den Brotgeschäften die Schlange der Hausfrauen. „Wie einst im Mai

... In unserer herrlich großen Weltkriegszeit nämlich ...“

Eine Abteilung Motorradfahrer der Schutzpolizei durchknatterte jetzt die

Straße, ein Tank manövrierte quer über einen Platz ...

Die ganze Stadt rüstete ...

Sie war wie ein unsichtbares Kriegslager ...

* * * * *

„Au Backe!“ entfuhr es Max beim Anblick eines Kampfwagens. Der trug in

weißen ungelenken Buchstaben den Namen „Totila“, vorne an der

Motor-Haube einen Totenkopf. „Eine geballte Ladung Handgranaten

darunter, und wie ein Kartengehäuse klappt diese ganze Stahlschachtel

auseinander. Auch abblocken oder, was schon vorgekommen sein soll, ein

wohlgezielter Schuß eines Scharfschützen durch den Sehschlitz: auch

damit wird der Bursche zu erledigen sein. Aber trotzdem: so ein Kerl

schlaucht einem gewaltig ... Das psychische Moment dabei ist das

Wichtigste ...“

Die Nachricht kam:

Eine Erwerbslosendemonstration ist in der Linienstraße von der

berittenen Hundertschaft zur besonderen Verwendung zusammengehauen

worden. Tote. Viele Verletzte ... Auch Plünderung von

Lebensmittelgeschäften im Norden der Stadt. Offenbar: Provokateure an

der Arbeit. Ein Aufruf der Regierung kam heraus mit Amnestieversprechen,

Ankündigung ausreichender Lebensmittelzufuhr im Lauf der nächsten Tage,

mit einem ausführlichen Dementi aller Kriegs- und Krisengerüchte.

„Einigkeit macht stark. Unsere Stärke beruht in unserer Einigkeit.“

Solche und ähnlich bereits historisch sattsam bekannte Flausen, von

denen kaum noch jemand Notiz nahm, wenn nicht mit einem bissigen Witz,

ließ der damalige Reichspräsident tagaus tagein wieder durch die Presse

austrompeten ...

Die ganze Wirtschaftslast lag auf den Knochen der Arbeiter. Mit den

Knochen der Arbeiter wurde gezahlt, die Knochen der Arbeiter selbst

wurden zu einem Spottpreis an ausländische Finanzcliquen verschachert,

an allen Ecken und Enden händerangen und feilschten kreischend die

Finanzmagnaten: „Knochen her! Wir brauchen Knochen! Knochen!“

Alle Klassenkräfte befanden sich damals in einer ununterbrochenen

Bewegung, ein steter Fluß, jeder Tag brachte eine neue Situation, ganze

Gesellschaftsschichten tauchten plötzlich unter in einem jener

gespenstischen Krisenwirbel, wie sie damals an der Tagesordnung waren;

das alles wechselte und veränderte sich im Laufe einer Stunde.

„Nichts steht fest. Nicht einmal das.“

Aus dieser Stimmung heraus kam es oft genug zu Selbstmord und Wahnsinn.

Lohnkämpfe. Teilstreiks. Ueberall Ansätze zu einer Massenaktion.

Ueberall Ausbrüche der Volkswut. Eine elementare Verzweiflungswelle

fegte über ganze Landesteile.

Die Frontlinien des bevorstehenden Kampfes zeichneten sich immer

deutlicher ab. Es drängte an vielen Orten bereits stürmisch zur

Entscheidung. Die einzelnen Führungen hielten noch zurück ...

Die meisten Menschen blieben in dieser Nacht zusammen.

Viele gingen, trotzdem die Regierung teils pathetisch-beschwörend, teils

energisch drohend dazu aufforderte, nicht von der Straße –

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 107 / 229 题