Max überlegte sich noch einmal den Artikel über den kommenden Krieg.
Keine Uebertreibungen, sagte er immer wieder zu sich selbst. „Natürlich,
es ist wahrscheinlich: zuerst geht es schon noch mit Tanks und mit
Brisanz und mit Dreadnoughts los. Die Bombenflugzeuggeschwader mit
Gasmunition: das ist sozusagen der Clou. Der neue Krieg wird kein
hundertprozentig reiner chemischer Krieg sein, auch hier gibt es
Uebergänge, Variationen, Kombinationen wie überall, Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft ist tief miteinander verfilzt, das ist knorpelig
ineinander verwachsen und löst sich nicht so abrupt von einander los ...
Ganze Industriegebiete werden zwar gegen die Sicht der Flieger
eingenebelt werden. Aber andererseits gibt es auch bereits Apparate, mit
denen man von über 3000 Meter hoch genaueste Standortfeststellungen
machen kann. Die Einnebelung wird also wenig Zweck haben. Nur als
Vertröstung, als Beruhigungsmittel im ersten Augenblick ... Und die, die
das Geld dazu haben, werden natürlich die Gefahrenzone schleunigst
verlassen und sich auf dem Land in Sicherheit bringen ... Ja, wenn es in
der Macht der einzelnen imperialistischen Gruppen läge, ich glaube ihren
flennenden Versicherungen gern, der Krieg ist heute bei dem hohen Stand
des Klassenbewußtseins des Proletariats ein großes Risiko und sie
möchten natürlich am liebsten den Krieg vermeiden ... Aber das System,
dessen Gesetzmäßigkeit sie treibt und zum Handeln zwingt, ist stärker
als ihr Wille ... Sie müssen, ob sie wollen oder nicht ... Und für die
Arbeiterschaft heißt es diesmal endgültig: verrecken oder kämpfen. Etwas
anderes gibt es gar nicht ... Ich glaube aber auch nicht mehr, daß einer
der unseren noch auf die pazifistischen Schwindeleien hereinfällt ... An
diesem Schmus hat sich heute die Mehrzahl der Menschheit bereits
ordentlich überfressen ... Ein deutlich hörbares Bauchgrimmen geht
durchs Land ...“
* * * * *
Es war am Vorabend des ersten Mai.
Wie ein gewaltiger atmosphärischer Druck so drückte es auf die Stadt
herein.
Alles war noch „verdeckt“, da und dort an den Straßenecken sah man
Gruppen von Menschen, die debattierten, die einen oder anderen begrüßten
sich mit „Rot Front!“ oder mit „Heil!“, die Läden waren überfüllt, vor
Lebensmittelgeschäften stand man Polonaise, in langen Windungen kroch
vor den Brotgeschäften die Schlange der Hausfrauen. „Wie einst im Mai
... In unserer herrlich großen Weltkriegszeit nämlich ...“
Eine Abteilung Motorradfahrer der Schutzpolizei durchknatterte jetzt die
Straße, ein Tank manövrierte quer über einen Platz ...
Die ganze Stadt rüstete ...
Sie war wie ein unsichtbares Kriegslager ...
* * * * *
„Au Backe!“ entfuhr es Max beim Anblick eines Kampfwagens. Der trug in
weißen ungelenken Buchstaben den Namen „Totila“, vorne an der
Motor-Haube einen Totenkopf. „Eine geballte Ladung Handgranaten
darunter, und wie ein Kartengehäuse klappt diese ganze Stahlschachtel
auseinander. Auch abblocken oder, was schon vorgekommen sein soll, ein
wohlgezielter Schuß eines Scharfschützen durch den Sehschlitz: auch
damit wird der Bursche zu erledigen sein. Aber trotzdem: so ein Kerl
schlaucht einem gewaltig ... Das psychische Moment dabei ist das
Wichtigste ...“
Die Nachricht kam:
Eine Erwerbslosendemonstration ist in der Linienstraße von der
berittenen Hundertschaft zur besonderen Verwendung zusammengehauen
worden. Tote. Viele Verletzte ... Auch Plünderung von
Lebensmittelgeschäften im Norden der Stadt. Offenbar: Provokateure an
der Arbeit. Ein Aufruf der Regierung kam heraus mit Amnestieversprechen,
Ankündigung ausreichender Lebensmittelzufuhr im Lauf der nächsten Tage,
mit einem ausführlichen Dementi aller Kriegs- und Krisengerüchte.
„Einigkeit macht stark. Unsere Stärke beruht in unserer Einigkeit.“
Solche und ähnlich bereits historisch sattsam bekannte Flausen, von
denen kaum noch jemand Notiz nahm, wenn nicht mit einem bissigen Witz,
ließ der damalige Reichspräsident tagaus tagein wieder durch die Presse
austrompeten ...
Die ganze Wirtschaftslast lag auf den Knochen der Arbeiter. Mit den
Knochen der Arbeiter wurde gezahlt, die Knochen der Arbeiter selbst
wurden zu einem Spottpreis an ausländische Finanzcliquen verschachert,
an allen Ecken und Enden händerangen und feilschten kreischend die
Finanzmagnaten: „Knochen her! Wir brauchen Knochen! Knochen!“
Alle Klassenkräfte befanden sich damals in einer ununterbrochenen
Bewegung, ein steter Fluß, jeder Tag brachte eine neue Situation, ganze
Gesellschaftsschichten tauchten plötzlich unter in einem jener
gespenstischen Krisenwirbel, wie sie damals an der Tagesordnung waren;
das alles wechselte und veränderte sich im Laufe einer Stunde.
„Nichts steht fest. Nicht einmal das.“
Aus dieser Stimmung heraus kam es oft genug zu Selbstmord und Wahnsinn.
Lohnkämpfe. Teilstreiks. Ueberall Ansätze zu einer Massenaktion.
Ueberall Ausbrüche der Volkswut. Eine elementare Verzweiflungswelle
fegte über ganze Landesteile.
Die Frontlinien des bevorstehenden Kampfes zeichneten sich immer
deutlicher ab. Es drängte an vielen Orten bereits stürmisch zur
Entscheidung. Die einzelnen Führungen hielten noch zurück ...
Die meisten Menschen blieben in dieser Nacht zusammen.
Viele gingen, trotzdem die Regierung teils pathetisch-beschwörend, teils
energisch drohend dazu aufforderte, nicht von der Straße –