IV

Der Student Peter Friedjung und der Arbeiter Max Herse waren beinahe zu

gleicher Zeit in die Partei eingetreten.

Lene arbeitete sogar seit einem halben Jahr schon in einer

Parteistellung.

Peter verrichtete ganz selbstverständlich die Parteikleinarbeit wie

jeder andere. So hatte er auch binnen kurzem das Mißtrauen, das die

Proleten zuerst ihm als einem Intellektuellen gegenüber hatten,

überwunden. Man hatte ihn herzlich gern, er sprach immer nur ganz kurz

in der Diskussion, aber alles, was er sagte, hatte Hand und Fuß und war

nicht aus dem Abstrakten her oder aus dem Lichtblauen gesogen.

Zu berechtigt war dieses Mißtrauen gegenüber den Intellektuellen, sah

Peter immer mehr ein, die Intellektuellen sind zu schwach, zu

beeinflußbar, treten häufig nur in die Partei ein, um dort unter einem

anderen Vorzeichen die große Rolle zu spielen, und wenn man auf ihren

verfluchten, meistens noch dazu eingebildeten Individualismus und ihre

läppischen Eitelkeiten keine Rücksicht nimmt, dann ist es kaum mit ihnen

auszuhalten. Immer heißt es da ihrem seelischen Differenzierungsquark

Reverenz erweisen, die Empfindlichkeit ihrer feinen Seelenplatte ist

aufs höchste übersteigert, und bestimmt ist mindestens jeder dritte in

diesem Augenblick eine gekränkte Leberwurst. Aber für das alles ist kein

Raum in einer bolschewistischen Partei. Man muß ihnen den Schädel

ordentlich einboxen ...

Unzuverlässig. Unpünktlich ...

Mit solchen Menschen läßt sich eben rein schon gar nichts anfangen ...

* * * * *

Da begann wieder einmal einer jener Menschenart mit Peter anzubinden,

einer der an der Peripherie der Partei Herumwimmelnden, für gewöhnlich

„Sympathisierender“ genannt, einer, der in alles hineinschmeckte, von

außen her sich alles zu beurteilen anmaßte, und zu dessen einträglichem

Berufe es gehörte, alles, was es auch sein mag, an der Partei zu

bemäkeln. Ein Groß-Nörgler, ein sympathisierender Gernegroß, einer, der

die gesamte kommunistische Bewegung am liebsten zur Deckung seines

Größenwahnbedarfs für alle Ewigkeit gepachtet hätte ... Ebenso, wie er

für sich selbst einen fanatischen Persönlichkeitskult beanspruchte,

ebenso hinterhältig griff er mit Verleumdungen in der oder in jener

Person die Gesamtpartei an, ging immer mit alarmierenden Gerüchten

krebsen, trug jeder einmal aufkommenden Panikstimmung gewissenhaft

Rechnung und erwies sich so in weitesten Intellektuellenkreisen als ein

zugkräftiger Miesmacher. Er selbst rührte natürlich, mit den

verwegensten Projekten zwar immerdar schwanger, in der praktischen

Arbeit keinen Finger.

„Und was sagst du nun, Peter, zu der Genossin Kramer! ... Diese

aufgeplusterte Kröte! Aber Geld hat sie immer, niemand weiß woher, und

eine Villa hat sie sich auch gebaut und sie trieft nur so von

französischem Puder und Schminke ... Sie lebt offenbar mit drei Genossen

zugleich zusammen ... Da gibt es Sowjetsterne bei ihr aus Schlagsahne,

hörst du, auf Kuchen, zum Geburtstag ... Aber wenn sie nur den Mund

auftut: das raspelt herunter wie aus einer Blechtrommel ... Das ist ein

richtiges antibolschewistisches Greuel ... Wenn ich die schon sehe, da

vergeht mir schon wieder die ganze Lust an der Bewegung ... Schau dir

nur diese Feldwebelin an, wie aufdringlich die herumquatscht, Phrasen,

nichts als Phrasen ... Man müßte ihr einmal ordentlich den Hintern ...

Aber daß so etwas auch die Partei duldet ...

„Na, überhaupt die Partei! Sieh dir, Peter, einmal die Führer an!

Hochwürden! Marx-Pfaffen! Euer organisatorischer Leiter, dieser

verknöcherte Bonze, bezieht er nicht zusammen mit seiner Frau ein

doppeltes Gehalt? ... Ja, euere Führer verstehen sich zwar fürtrefflich

aufs Kuhhandeln, aber nicht aufs Kämpfen. Haben sie _die_ Situation

vielleicht ausgenützt!? Und die, und die ... Und da soll wieder das und

dort wieder jenes vorgekommen sein. Hast du nicht gehört, daß ... Und

übrigens neulich habe ich den Genossen Bittermann getroffen, sieht sehr

schlecht aus, der mir erzählt hat, daß ... und auch im Bezirk soll es

oberfaul stehn ... und R. und A. sollen aus der Partei bereits wieder

ausgeschlossen sein, und von G. sagt man, daß er ein Spitzel sei, und L.

soll zur SPD übergetreten sein ... Auch hab ich gehört, daß die

Arbeiterkorrespondenzen von Intellektuellen geschrieben seien, stimmt

daran nicht was, und schau nur die Berichterstattung unserer Presse an

... Im übrigen bitt ich dich, Peter, mach keinen Gebrauch von dem, was

ich dir soeben vertraulich mitgeteilt habe. Ich möchte nicht haben, daß

...“

Am liebsten hätte Peter gleich dem Stänker den Rücken gekehrt. Aber er

hatte Geduld gelernt und blieb ruhig. Sagte jetzt nur ganz sachlich:

„Nun aber stopp, Stänker! Mach Schluß! Mich interessiert nicht, wessen

Nase dir nicht gefällt!“

Der Stänker platzte jetzt beinahe vor Erbitterung. Spie Gift und Galle.

Nichts war ihm radikal genug, aber auf einmal schlug er wieder ins

Gegenteil um, stülpte sich um, völlig haltlos warf es ihn von einem

Extrem ins andere ... Vom Abkillen und mißverstandenen Reformvorschlägen

sprach er im selben Augenblick.

„Eine heilige Sache fürwahr, für die sichs zu sterben lohnte, war

vormals der Kommunismus! Was habt ihr aus dem schönen Kommunismus

gemacht? Einen der Idee feindlichen Kloakenhaufen ...“

So schloß der Stänker seinen Wutausbruch.

„Daß du jetzt nur keinen Anfall bekommst, Stänker! Dir scheint ja eine

Riesenlaus über die Leber gelaufen zu sein ... Aber, du entschuldigst

schon, das, was du hier verzapfst, ist Quatsch mit Sauerkohl. Mir ist

schon ganz speiübel ...“

Und ein schöner Misthaufen ist das, dachte sich Peter, was da alles ins

Zeug schießt: Utopien, Ueberradikalismus, Versöhnlertum, Menschenliebe,

dummdreiste Gehässigkeit: alles hübsch einträchtiglich chaotisch sprießt

da beieinander.

„Ist das wirklich, Stänker, deiner Weisheit letzter Schluß? Du tust mir

ordentlich leid ...“

„Und was ist das mit der Kaltstellung Trotzkis? ...“, kläffte der

Stänker noch ...

Während Peter versuchte, trotzdem dem Stänker noch einmal klarzulegen,

was eigentlich eine Partei sei und wie er sie von seinem individuellen

Standpunkt aus vollkommen schief sehe, ja sie auch, da er ihr inneres

Leben und ihre innere Gesetzmäßigkeit nicht kenne, völlig daneben

beurteilen und sie aus seinem ganzen blödsinnigen Egozentrismus heraus

kindisch verzerren müsse.

„Wenn sich einer wie du immer um sich selbst dreht, glaubst du, der

bekommt eine richtige Uebersicht ...? Die Umgebung erscheint dann

natürlich unter einer individuell willkürlich verzogenen Perspektive.“

Und weiter erläuterte Peter, daß die Partei mit einer gewaltigen

Filtriermaschine vergleichbar sei, in der jeder einzelne, ohne Rücksicht

auf seine Funktion, ordentlich durchtrainiert und durchgeknetet werde

und sicher in kürzester Frist bald auf einen Platz zu stehen komme, wo

er letzten Endes seiner Begabung und Veranlagung nach hingehöre.

„Sicher, es gibt Reibungen, muß solche geben, es geht nicht immer alles

so glatt ab, aber wozu diese Verweichlichung, lernen wir nur ein wenig

den Ellenbogen gebrauchen, man muß es dem anderen deswegen nicht gleich

so krummnehmen. Die Korruption wird nie ganz auszuschalten sein,

trotzdem, natürlich, sie muß aufs Aeußerste reduziert und darum auf das

Heftigste, überall dort, wo sie auftritt, bekämpft werden: aber, die

revolutionäre Bewegung, aus dem Schoß der kapitalistischen Gesellschaft

geboren, trägt deutlich die Zeichen ihres Ursprungs an sich ... Das

nicht begreifen heißt, von Dialektik auch nicht das geringste verstanden

zu haben ... Und nun, mein lieber Gottlieb Jeremias Stänker, treib es

mit deinen Anschuldigungen nicht allzu toll, kühle dich ein wenig ab,

verordne dir selbst eine kalte Abreibung, ich kann dir zum Schluß nur

sagen: die Partei leistet heute wirklich, magst du es anpacken, wo du

willst, positive Arbeit und daß es keine bessere Zentrale gibt als die,

die wir heute haben, das ist gewisser als gewiß ... Es gibt aber immer

zweierlei Kritik ... Na, Freundchen Stänker, du verstehst, was ich meine

...

„Und nun, mein Lieber, will ich dir noch sagen, was ich für eine

Auffassung von einem Kommunisten, der diesen Namen zu recht trägt, habe.

Schreib dirs, wenn dus kapiert hast, hinter die Ohren. Jeder Kommunist

muß wissen, daß er, wo auch immer: im Betriebe, in der Gewerkschaft, in

der Genossenschaft, nur dann voll seine Pflicht tun kann, wenn er in

jeder Beziehung den Arbeitern ein Vorbild ist: der aufgeklärteste,

gebildetste, geschickteste Arbeiter in der Betriebsversammlung, der

energischste, mutigste, klassenbewußteste dem Unternehmer, Direktor,

Antreiber gegenüber; der eifrigste, aufopferndste Gewerkschafts- und

Genossenschaftsarbeiter, der sachlichste, positivste, kampfbereiteste

als Betriebs-, Gewerkschafts-, Genossenschaftsfunktionär, kurz, überall

dort, wo er Arbeiter vertritt. Jeder Kommunist muß sich der

Verantwortung für jede Aeußerung bewußt sein. Sachlichkeit, Positivität,

kritische Schärfe, Unerschrockenheit, glühender Haß und kalter Verstand

allen Bonzen gegenüber, Geduld, große Geduld allen andersdenkenden

Arbeitern gegenüber, organisatorische Fähigkeiten, Werben unter den

Unorganisierten für die Gewerkschaften zur Verstärkung des

kommunistischen Einflusses, Fähigkeit mit der Feder einfach, präzis,

wirklichkeitsgetreu umzugehen, Abstreifen jedes zünftlerischen,

spießbürgerlichen, individualistisch verseuchten Geistes, jeder Art von

luxuriöser Gehirnfatzkerei – das muß die Partei von jedem ihrer

Mitglieder verlangen, und nur der, der diesen Anforderungen voll

gewachsen ist, verdient den Ehrentitel eines Kommunisten.“

Und Peter verabschiedete sich mit einem kurzen Ruck vom Stänker.

Der rief ihm noch nach:

„Bei Philippi sehen wir uns wieder! Denk an mich! Mit der Parole

„Diktatur des Proletariats!“ gewinnt ihr keinen Blumentopf ...“

Und hopste verbissen von dannen.

* * * * *

Peter widerte es an.

„Wozu nun diese lange Auseinandersetzung? Ein hoffnungsloser Fall. So

einer wird aus seinen Komplizierungen und seelischen Verkrümmungen

heraus eines Tages noch zum Spitzel ... Das Besondere, das Originale,

das Interessante, das ist bei diesen sensationslüsternen,

pseudodämonischen Individual-Säuen die Hauptsache! Nervenkitzel und

Seelenschleim, mit einem tüchtigen Schuß „Gottes-Rummel“ gemischt: diese

Welt liegt hinter uns ...

„Komische Käuze!

„Der eine lebt nach dem Motto: „Ich trinke nicht, ich rauche nicht, ich

lebe vegetarisch: mein Kopf ward schon zum Kohlkopf ...“ Ein anderer hat

schon den Zustand des reinen Wurzelkauertums erreicht und ein dritter

endlich, ein biederer Schmock von Stinnes Gnaden, wittert rote

Morgenluft, stellt sich um und fristet sein Dasein als feiste

Revolutionswanze ... Lebendige Leichname sind am schwersten

totzukriegen.“ –

Auch der Inhaber eines kleinen Kramladens, Eugen Brennessel, der

„Heringsbändiger“ genannt, erkundigt sich neulich eingehend bei Peter,

meinte aber am Schluß ganz treuherzig: „Nur glaub ich nicht, daß Sie auf

diese Weise es zu etwas bringen werden ...“

V

Max und Lene saßen beieinander.

„Und morgen ist der 1. Mai ... Ach, Max, wenn ich an die Maifeiern bei

der SPD denke, mir wird bei der Erinnerung noch ganz übel ... Die

vielstimmigen schmalzigen Männerchöre und die Reigentänze ... Dieses

ganze „Jupeidi Jupeida“. Einmal haben wir sogar aufgeführt: „Sah ein

Knab ein Röslein stehn ...“ Und dann die Umzüge: im Gehrock, die

Angströhre aufgestülpt, den Zylinder, mit roter Schärpe um und die

Blechmusik an der Spitze: Tschindarassa ... Es war wirklich ein

schöner gemütlich-biederer sozialdemokratischer Bußbrüder- und

Betschwesternverein ... Ich bin froh, daß es jetzt gründlich aus ist mit

diesen Spießbürgerparaden ... Weißt du was, morgen wird es großartig

werden. Der Aufmarsch! Der große Sprechchor! Die roten Frontkämpfer! ...

Aber es ist jetzt auch eine Zeit! In der ganzen Welt wird morgen das

Proletariat aufstehen, wir sind wieder gewaltig mächtig und selbstbewußt

geworden ... Es ist freilich eine Lust zu leben! ...“

„Ja, Lene, auch ich, wenn ich zurückdenke ... Damals, bei den

Sozialdemokraten ... Eine abscheuliche Erinnerung! ... Wir haben uns

einfach verlaufen. Jetzt erst weiß ich richtig, wozu ich in der Welt

eigentlich da bin ...“

„Ach, Max, ich bin ja auch so sehr glücklich ...“

Nun kam auch schon der Genosse Lange.

„Na, ihr beiden! ... Und du, Max, du Dr. Unblutig des Klassenkampfs!

...“

„Gut gehts, Wilhelm ... Wir haben gerade von früher gesprochen ... Was

den Dr. Unblutig anbelangt: laß mich aus damit, mit dem, was gewesen

ist, bin ich fertig ... Strich darunter: und ich glaub, ich hab in den

letzten Monaten meine Parteivergangenheit nachgeholt ...“

„Also: nichts für ungut, Max. Ich widme dir hiermit – wie es so schön in

dem Bericht über eine SPD.-Bonzenzusammenkunft heißt – einen

Anerkennungsschluck! Prost! ... Ja, Max, an den Heimweg von damals hab

ich noch oft gedacht! ... Halsstarrig wart ihr, dickschädelig ... mich

hats oft recht gewurmt und dabei in der Hand gejuckt. Hätt aber damals

auch nicht viel geholfen ... Na, und was sagst du zu den Nachrichten

über China, über die amerikanischen Manöver, zu dem intensiven

Wettrüsten!? ... Und hast du den Artikel über den Gaskrieg von den

amerikanischen Genossen gelesen?! ... Ich glaub halt immer, wir müssen

schleunigst unsere Arbeit verdoppeln ... Ganz gewaltig scharf auf der

Hut sein! ...“

„Was ich dazu meine!? ... Wenn man bedenkt, wie wir 1914 ausgezogen

sind: mit blanken Knöpfen an den Uniformen, mit der Pickelhaube auf,

meist noch ohne Ueberzug, und wenn man sich jetzt klarmacht, wie rapid

schnell die ganze Kriegstechnik während des Krieges selbst sich

entwickelt hat, und daß man sich allem Anschein nach auch nach

Kriegsschluß nicht auf die faule Bärenhaut gelegt hat, sondern

weitergearbeitet und weiterexperimentiert hat, so muß man meines

Erachtens schon ein ganz phantasieloses und borniert verblendetes

Rindvieh sein, um nicht einzusehen, daß ein kommender Krieg eine ganz

höllische Sache sein wird, mit der verglichen der vorhergegangene Krieg

sich noch wie eine harmlose Holzerei ausnehmen wird ... Und daß wir

Proleten dabei eine wesentlich andere Rolle spielen werden, die Regie

hat uns gleichsam die Statistenrolle übertragen, nur haben diesmal eben

die Statisten ganz und gar allein den Hauptdreck auszufressen ...“

„Das weißt du ja auch schon, daß morgen die vaterländischen Verbände

aufmarschieren wollen. Da wirds wieder ein „Gloria! Gloria! Victoria!“

gröhlen, wenn wir Proleten ihnen nicht ordentlich diesmal das Maul

verstopfen ... Auch die Polizei liegt in erhöhter Alarmbereitschaft.

Truppen sind um Berlin konzentriert. Man wird uns provozieren wollen ...

Also: Vorsicht! ... Es sind auch von der Zentrale dahingehend

entsprechende Vorkehrungen getroffen worden ... Na, wir sprechen uns ja

morgen früh im Lokal noch ... Gute Nacht beieinander! ...“

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 106 / 229 题