Der Student Peter Friedjung und der Arbeiter Max Herse waren beinahe zu
gleicher Zeit in die Partei eingetreten.
Lene arbeitete sogar seit einem halben Jahr schon in einer
Parteistellung.
Peter verrichtete ganz selbstverständlich die Parteikleinarbeit wie
jeder andere. So hatte er auch binnen kurzem das Mißtrauen, das die
Proleten zuerst ihm als einem Intellektuellen gegenüber hatten,
überwunden. Man hatte ihn herzlich gern, er sprach immer nur ganz kurz
in der Diskussion, aber alles, was er sagte, hatte Hand und Fuß und war
nicht aus dem Abstrakten her oder aus dem Lichtblauen gesogen.
Zu berechtigt war dieses Mißtrauen gegenüber den Intellektuellen, sah
Peter immer mehr ein, die Intellektuellen sind zu schwach, zu
beeinflußbar, treten häufig nur in die Partei ein, um dort unter einem
anderen Vorzeichen die große Rolle zu spielen, und wenn man auf ihren
verfluchten, meistens noch dazu eingebildeten Individualismus und ihre
läppischen Eitelkeiten keine Rücksicht nimmt, dann ist es kaum mit ihnen
auszuhalten. Immer heißt es da ihrem seelischen Differenzierungsquark
Reverenz erweisen, die Empfindlichkeit ihrer feinen Seelenplatte ist
aufs höchste übersteigert, und bestimmt ist mindestens jeder dritte in
diesem Augenblick eine gekränkte Leberwurst. Aber für das alles ist kein
Raum in einer bolschewistischen Partei. Man muß ihnen den Schädel
ordentlich einboxen ...
Unzuverlässig. Unpünktlich ...
Mit solchen Menschen läßt sich eben rein schon gar nichts anfangen ...
* * * * *
Da begann wieder einmal einer jener Menschenart mit Peter anzubinden,
einer der an der Peripherie der Partei Herumwimmelnden, für gewöhnlich
„Sympathisierender“ genannt, einer, der in alles hineinschmeckte, von
außen her sich alles zu beurteilen anmaßte, und zu dessen einträglichem
Berufe es gehörte, alles, was es auch sein mag, an der Partei zu
bemäkeln. Ein Groß-Nörgler, ein sympathisierender Gernegroß, einer, der
die gesamte kommunistische Bewegung am liebsten zur Deckung seines
Größenwahnbedarfs für alle Ewigkeit gepachtet hätte ... Ebenso, wie er
für sich selbst einen fanatischen Persönlichkeitskult beanspruchte,
ebenso hinterhältig griff er mit Verleumdungen in der oder in jener
Person die Gesamtpartei an, ging immer mit alarmierenden Gerüchten
krebsen, trug jeder einmal aufkommenden Panikstimmung gewissenhaft
Rechnung und erwies sich so in weitesten Intellektuellenkreisen als ein
zugkräftiger Miesmacher. Er selbst rührte natürlich, mit den
verwegensten Projekten zwar immerdar schwanger, in der praktischen
Arbeit keinen Finger.
„Und was sagst du nun, Peter, zu der Genossin Kramer! ... Diese
aufgeplusterte Kröte! Aber Geld hat sie immer, niemand weiß woher, und
eine Villa hat sie sich auch gebaut und sie trieft nur so von
französischem Puder und Schminke ... Sie lebt offenbar mit drei Genossen
zugleich zusammen ... Da gibt es Sowjetsterne bei ihr aus Schlagsahne,
hörst du, auf Kuchen, zum Geburtstag ... Aber wenn sie nur den Mund
auftut: das raspelt herunter wie aus einer Blechtrommel ... Das ist ein
richtiges antibolschewistisches Greuel ... Wenn ich die schon sehe, da
vergeht mir schon wieder die ganze Lust an der Bewegung ... Schau dir
nur diese Feldwebelin an, wie aufdringlich die herumquatscht, Phrasen,
nichts als Phrasen ... Man müßte ihr einmal ordentlich den Hintern ...
Aber daß so etwas auch die Partei duldet ...
„Na, überhaupt die Partei! Sieh dir, Peter, einmal die Führer an!
Hochwürden! Marx-Pfaffen! Euer organisatorischer Leiter, dieser
verknöcherte Bonze, bezieht er nicht zusammen mit seiner Frau ein
doppeltes Gehalt? ... Ja, euere Führer verstehen sich zwar fürtrefflich
aufs Kuhhandeln, aber nicht aufs Kämpfen. Haben sie _die_ Situation
vielleicht ausgenützt!? Und die, und die ... Und da soll wieder das und
dort wieder jenes vorgekommen sein. Hast du nicht gehört, daß ... Und
übrigens neulich habe ich den Genossen Bittermann getroffen, sieht sehr
schlecht aus, der mir erzählt hat, daß ... und auch im Bezirk soll es
oberfaul stehn ... und R. und A. sollen aus der Partei bereits wieder
ausgeschlossen sein, und von G. sagt man, daß er ein Spitzel sei, und L.
soll zur SPD übergetreten sein ... Auch hab ich gehört, daß die
Arbeiterkorrespondenzen von Intellektuellen geschrieben seien, stimmt
daran nicht was, und schau nur die Berichterstattung unserer Presse an
... Im übrigen bitt ich dich, Peter, mach keinen Gebrauch von dem, was
ich dir soeben vertraulich mitgeteilt habe. Ich möchte nicht haben, daß
...“
Am liebsten hätte Peter gleich dem Stänker den Rücken gekehrt. Aber er
hatte Geduld gelernt und blieb ruhig. Sagte jetzt nur ganz sachlich:
„Nun aber stopp, Stänker! Mach Schluß! Mich interessiert nicht, wessen
Nase dir nicht gefällt!“
Der Stänker platzte jetzt beinahe vor Erbitterung. Spie Gift und Galle.
Nichts war ihm radikal genug, aber auf einmal schlug er wieder ins
Gegenteil um, stülpte sich um, völlig haltlos warf es ihn von einem
Extrem ins andere ... Vom Abkillen und mißverstandenen Reformvorschlägen
sprach er im selben Augenblick.
„Eine heilige Sache fürwahr, für die sichs zu sterben lohnte, war
vormals der Kommunismus! Was habt ihr aus dem schönen Kommunismus
gemacht? Einen der Idee feindlichen Kloakenhaufen ...“
So schloß der Stänker seinen Wutausbruch.
„Daß du jetzt nur keinen Anfall bekommst, Stänker! Dir scheint ja eine
Riesenlaus über die Leber gelaufen zu sein ... Aber, du entschuldigst
schon, das, was du hier verzapfst, ist Quatsch mit Sauerkohl. Mir ist
schon ganz speiübel ...“
Und ein schöner Misthaufen ist das, dachte sich Peter, was da alles ins
Zeug schießt: Utopien, Ueberradikalismus, Versöhnlertum, Menschenliebe,
dummdreiste Gehässigkeit: alles hübsch einträchtiglich chaotisch sprießt
da beieinander.
„Ist das wirklich, Stänker, deiner Weisheit letzter Schluß? Du tust mir
ordentlich leid ...“
„Und was ist das mit der Kaltstellung Trotzkis? ...“, kläffte der
Stänker noch ...
Während Peter versuchte, trotzdem dem Stänker noch einmal klarzulegen,
was eigentlich eine Partei sei und wie er sie von seinem individuellen
Standpunkt aus vollkommen schief sehe, ja sie auch, da er ihr inneres
Leben und ihre innere Gesetzmäßigkeit nicht kenne, völlig daneben
beurteilen und sie aus seinem ganzen blödsinnigen Egozentrismus heraus
kindisch verzerren müsse.
„Wenn sich einer wie du immer um sich selbst dreht, glaubst du, der
bekommt eine richtige Uebersicht ...? Die Umgebung erscheint dann
natürlich unter einer individuell willkürlich verzogenen Perspektive.“
Und weiter erläuterte Peter, daß die Partei mit einer gewaltigen
Filtriermaschine vergleichbar sei, in der jeder einzelne, ohne Rücksicht
auf seine Funktion, ordentlich durchtrainiert und durchgeknetet werde
und sicher in kürzester Frist bald auf einen Platz zu stehen komme, wo
er letzten Endes seiner Begabung und Veranlagung nach hingehöre.
„Sicher, es gibt Reibungen, muß solche geben, es geht nicht immer alles
so glatt ab, aber wozu diese Verweichlichung, lernen wir nur ein wenig
den Ellenbogen gebrauchen, man muß es dem anderen deswegen nicht gleich
so krummnehmen. Die Korruption wird nie ganz auszuschalten sein,
trotzdem, natürlich, sie muß aufs Aeußerste reduziert und darum auf das
Heftigste, überall dort, wo sie auftritt, bekämpft werden: aber, die
revolutionäre Bewegung, aus dem Schoß der kapitalistischen Gesellschaft
geboren, trägt deutlich die Zeichen ihres Ursprungs an sich ... Das
nicht begreifen heißt, von Dialektik auch nicht das geringste verstanden
zu haben ... Und nun, mein lieber Gottlieb Jeremias Stänker, treib es
mit deinen Anschuldigungen nicht allzu toll, kühle dich ein wenig ab,
verordne dir selbst eine kalte Abreibung, ich kann dir zum Schluß nur
sagen: die Partei leistet heute wirklich, magst du es anpacken, wo du
willst, positive Arbeit und daß es keine bessere Zentrale gibt als die,
die wir heute haben, das ist gewisser als gewiß ... Es gibt aber immer
zweierlei Kritik ... Na, Freundchen Stänker, du verstehst, was ich meine
...
„Und nun, mein Lieber, will ich dir noch sagen, was ich für eine
Auffassung von einem Kommunisten, der diesen Namen zu recht trägt, habe.
Schreib dirs, wenn dus kapiert hast, hinter die Ohren. Jeder Kommunist
muß wissen, daß er, wo auch immer: im Betriebe, in der Gewerkschaft, in
der Genossenschaft, nur dann voll seine Pflicht tun kann, wenn er in
jeder Beziehung den Arbeitern ein Vorbild ist: der aufgeklärteste,
gebildetste, geschickteste Arbeiter in der Betriebsversammlung, der
energischste, mutigste, klassenbewußteste dem Unternehmer, Direktor,
Antreiber gegenüber; der eifrigste, aufopferndste Gewerkschafts- und
Genossenschaftsarbeiter, der sachlichste, positivste, kampfbereiteste
als Betriebs-, Gewerkschafts-, Genossenschaftsfunktionär, kurz, überall
dort, wo er Arbeiter vertritt. Jeder Kommunist muß sich der
Verantwortung für jede Aeußerung bewußt sein. Sachlichkeit, Positivität,
kritische Schärfe, Unerschrockenheit, glühender Haß und kalter Verstand
allen Bonzen gegenüber, Geduld, große Geduld allen andersdenkenden
Arbeitern gegenüber, organisatorische Fähigkeiten, Werben unter den
Unorganisierten für die Gewerkschaften zur Verstärkung des
kommunistischen Einflusses, Fähigkeit mit der Feder einfach, präzis,
wirklichkeitsgetreu umzugehen, Abstreifen jedes zünftlerischen,
spießbürgerlichen, individualistisch verseuchten Geistes, jeder Art von
luxuriöser Gehirnfatzkerei – das muß die Partei von jedem ihrer
Mitglieder verlangen, und nur der, der diesen Anforderungen voll
gewachsen ist, verdient den Ehrentitel eines Kommunisten.“
Und Peter verabschiedete sich mit einem kurzen Ruck vom Stänker.
Der rief ihm noch nach:
„Bei Philippi sehen wir uns wieder! Denk an mich! Mit der Parole
„Diktatur des Proletariats!“ gewinnt ihr keinen Blumentopf ...“
Und hopste verbissen von dannen.
* * * * *
Peter widerte es an.
„Wozu nun diese lange Auseinandersetzung? Ein hoffnungsloser Fall. So
einer wird aus seinen Komplizierungen und seelischen Verkrümmungen
heraus eines Tages noch zum Spitzel ... Das Besondere, das Originale,
das Interessante, das ist bei diesen sensationslüsternen,
pseudodämonischen Individual-Säuen die Hauptsache! Nervenkitzel und
Seelenschleim, mit einem tüchtigen Schuß „Gottes-Rummel“ gemischt: diese
Welt liegt hinter uns ...
„Komische Käuze!
„Der eine lebt nach dem Motto: „Ich trinke nicht, ich rauche nicht, ich
lebe vegetarisch: mein Kopf ward schon zum Kohlkopf ...“ Ein anderer hat
schon den Zustand des reinen Wurzelkauertums erreicht und ein dritter
endlich, ein biederer Schmock von Stinnes Gnaden, wittert rote
Morgenluft, stellt sich um und fristet sein Dasein als feiste
Revolutionswanze ... Lebendige Leichname sind am schwersten
totzukriegen.“ –
Auch der Inhaber eines kleinen Kramladens, Eugen Brennessel, der
„Heringsbändiger“ genannt, erkundigt sich neulich eingehend bei Peter,
meinte aber am Schluß ganz treuherzig: „Nur glaub ich nicht, daß Sie auf
diese Weise es zu etwas bringen werden ...“
V
Max und Lene saßen beieinander.
„Und morgen ist der 1. Mai ... Ach, Max, wenn ich an die Maifeiern bei
der SPD denke, mir wird bei der Erinnerung noch ganz übel ... Die
vielstimmigen schmalzigen Männerchöre und die Reigentänze ... Dieses
ganze „Jupeidi Jupeida“. Einmal haben wir sogar aufgeführt: „Sah ein
Knab ein Röslein stehn ...“ Und dann die Umzüge: im Gehrock, die
Angströhre aufgestülpt, den Zylinder, mit roter Schärpe um und die
Blechmusik an der Spitze: Tschindarassa ... Es war wirklich ein
schöner gemütlich-biederer sozialdemokratischer Bußbrüder- und
Betschwesternverein ... Ich bin froh, daß es jetzt gründlich aus ist mit
diesen Spießbürgerparaden ... Weißt du was, morgen wird es großartig
werden. Der Aufmarsch! Der große Sprechchor! Die roten Frontkämpfer! ...
Aber es ist jetzt auch eine Zeit! In der ganzen Welt wird morgen das
Proletariat aufstehen, wir sind wieder gewaltig mächtig und selbstbewußt
geworden ... Es ist freilich eine Lust zu leben! ...“
„Ja, Lene, auch ich, wenn ich zurückdenke ... Damals, bei den
Sozialdemokraten ... Eine abscheuliche Erinnerung! ... Wir haben uns
einfach verlaufen. Jetzt erst weiß ich richtig, wozu ich in der Welt
eigentlich da bin ...“
„Ach, Max, ich bin ja auch so sehr glücklich ...“
Nun kam auch schon der Genosse Lange.
„Na, ihr beiden! ... Und du, Max, du Dr. Unblutig des Klassenkampfs!
...“
„Gut gehts, Wilhelm ... Wir haben gerade von früher gesprochen ... Was
den Dr. Unblutig anbelangt: laß mich aus damit, mit dem, was gewesen
ist, bin ich fertig ... Strich darunter: und ich glaub, ich hab in den
letzten Monaten meine Parteivergangenheit nachgeholt ...“
„Also: nichts für ungut, Max. Ich widme dir hiermit – wie es so schön in
dem Bericht über eine SPD.-Bonzenzusammenkunft heißt – einen
Anerkennungsschluck! Prost! ... Ja, Max, an den Heimweg von damals hab
ich noch oft gedacht! ... Halsstarrig wart ihr, dickschädelig ... mich
hats oft recht gewurmt und dabei in der Hand gejuckt. Hätt aber damals
auch nicht viel geholfen ... Na, und was sagst du zu den Nachrichten
über China, über die amerikanischen Manöver, zu dem intensiven
Wettrüsten!? ... Und hast du den Artikel über den Gaskrieg von den
amerikanischen Genossen gelesen?! ... Ich glaub halt immer, wir müssen
schleunigst unsere Arbeit verdoppeln ... Ganz gewaltig scharf auf der
Hut sein! ...“
„Was ich dazu meine!? ... Wenn man bedenkt, wie wir 1914 ausgezogen
sind: mit blanken Knöpfen an den Uniformen, mit der Pickelhaube auf,
meist noch ohne Ueberzug, und wenn man sich jetzt klarmacht, wie rapid
schnell die ganze Kriegstechnik während des Krieges selbst sich
entwickelt hat, und daß man sich allem Anschein nach auch nach
Kriegsschluß nicht auf die faule Bärenhaut gelegt hat, sondern
weitergearbeitet und weiterexperimentiert hat, so muß man meines
Erachtens schon ein ganz phantasieloses und borniert verblendetes
Rindvieh sein, um nicht einzusehen, daß ein kommender Krieg eine ganz
höllische Sache sein wird, mit der verglichen der vorhergegangene Krieg
sich noch wie eine harmlose Holzerei ausnehmen wird ... Und daß wir
Proleten dabei eine wesentlich andere Rolle spielen werden, die Regie
hat uns gleichsam die Statistenrolle übertragen, nur haben diesmal eben
die Statisten ganz und gar allein den Hauptdreck auszufressen ...“
„Das weißt du ja auch schon, daß morgen die vaterländischen Verbände
aufmarschieren wollen. Da wirds wieder ein „Gloria! Gloria! Victoria!“
gröhlen, wenn wir Proleten ihnen nicht ordentlich diesmal das Maul
verstopfen ... Auch die Polizei liegt in erhöhter Alarmbereitschaft.
Truppen sind um Berlin konzentriert. Man wird uns provozieren wollen ...
Also: Vorsicht! ... Es sind auch von der Zentrale dahingehend
entsprechende Vorkehrungen getroffen worden ... Na, wir sprechen uns ja
morgen früh im Lokal noch ... Gute Nacht beieinander! ...“