Im Musik-Salon wurde inzwischen über Kunst debattiert.
Ein Bücherschrank öffnete sich.
Zuerst liebkoste man mit den Fingerspitzen die Einbände.
Ein berühmter Kritiker drehte sich hin und her in der Mitte eines
Kreises, wie ein Pfau, zwei sehr fett geratene Schauspielerinnen
umwogten ihn, endlich schaufelte er sich durch die Fleischmassen
hindurch, elastisch wippend. Den mit ihm Sprechenden ließ er nur sein
Profil sehen.
„Auch Sie hier, Herr Doktor!? ... Ein wenig herausgeflogen aus der
Studierstube?! ... Nun, was macht Ihre Arbeit!?“
„Ja, ganz richtig, was die Kriegsschuldfrage anbetrifft: mir fehlt in
meinen Untersuchungen nur noch eine Minute im damaligen Leben des leider
verewigten Zaren ... Dann ist der Kreis lückenlos geschlossen ... Jeden
Staatsmann habe ich wissenschaftlich gewissenhaft unter die Lupe
genommen ... Ich kann aber heute schon Ihnen vertraulich versichern, die
Unschuld der Entente wird einwandfrei bewiesen ...“
„Und korrespondieren Sie noch mit ... na, ich meine den Verfasser von
diesem Buch „Untergang des Abendlandes“ oder so ähnlich ...“
„Gewiß. Gewiß. Eine renaissancehafte Cäsarennatur, gemästet an den von
ihm selbst gezeugten Kadavern ... Hat übrigens die Absicht über das
„Große Wasser“ zu kommen ... Würde sich lohnen ... Jemand, der es
finanziell arrangieren würde, würde bestimmt, bei der großen Aussicht
auf Erfolg, zu finden sein.“
„Das so wie so. Ist ja ganz nach dem Geschmack unseres Publikums ...“
„Man muß dem Volk die Wege zu Kraft und Schönheit weisen. Sport. Sport:
das ist das in unserem Zeitalter gegebene Mittel dazu ...“ unterbrach
jetzt die Beiden ein dritter.
* * * * *
„Vom Leben nach dem Tode“ wurde jetzt gesprochen.
„Ein aktuelles Thema sozusagen“, schnauzte jemand.
Einige lächelten zwar skeptisch, sie erklärten sich für Agnostiker und
Relativisten, aber die Jenseitsgläubigen gewannen unschwer die Oberhand.
„Religiös zu sein ist modern. Außerdem liebe ich prinzipiell nur
religiöse Menschen. Haben Sie neulich nicht das Bild des Kardinals im
Journal gesehen! Ein feiner Kopf! Totschick.“
Die Filmdiva erinnerte sich daran genau.
„Ueberwundener Standpunkt!“ höhnte der Kunstmaler, der fest an einen
persönlichen Gott glaubte, zu einem der Ungläubigen hinüber und
entwickelte eine exakte Topographie des Jenseits. Er ging zur
Beschreibung der Hölle über, und kicherte satanisch, als er jedem
Ungläubigen dort bereitwilligst sein Plätzchen zuwies.
Der Kunstmaler bekannte gleich darauf dem interessiert aufhorchenden
Zuhörerkreis nicht unbescheiden, er selbst befinde sich im Zustand der
Gnade, das regelmäßig gepflogene Gebet erwirke in ihm eine magische
Kraft, Gottes Stimme sei auch heute noch ganz reell zu hören ... Verlor
sich aber gleich darauf in einem langwierig ausgesponnenen Traktat über
das Wesen des Sündenreizes und über Luthers „Fortiter peccare“ und
schloß damit, daß dem Gläubigen alles erlaubt sei. Auf die Reue
lediglich komme es an.
Ein neukatholischer Universitätsprofessor wiederholte dabei monoton:
„Man muß sein Leben opfern ... Für mich persönlich allerdings, das muß
ich gestehen, wäre der Heldentod keine besondere Sache. Wer, wie ich, in
der Entspannung lebt, wem, wie mir, das Leben leicht ist ... Das Problem
der Opferung umfaßt bei mir nicht solche materielle Bezirke ...“
Wieder war ein Wortstreit ausgebrochen.
Ein Theosoph schlug sich mit einem Mystiker, ein Protestant mit einem
Neukatholiken, ein Monist griff taktlos ein, und alles hielt sich
plötzlich die Ohren zu und kreischte:
„Ausgerechnet Darwin!“
Und die Gesellschaft schlug unter Anleitung eines bekannten
Schauspielers jetzt einige prächtig gelungene Saltomortales in
Geistreichigkeiten ... Die Witze hüpften ...
Aber schon ließ sich ein Sekretär des Auswärtigen Amtes hören:
„Soll ich Ihnen, meine sehr verehrten Herrschaften, vielleicht einmal
schildern, wie das Volk in Wirklichkeit fühlt und denkt!? Ja!?
Vielleicht jage ich damit auch den letzten Restspuk ihrer pazifistischen
Illusiönchen zum Teufel!
„Es handelt sich um die Lynchjustiz an Negern im Staate Ohio.
„Stellen Sie sich bitte vor: eine Menge von 10000 Personen. Geballte
Fäuste, blutunterlaufene Augen, Fluchen und Schimpfen. Mit Stöcken,
Pechfackeln, Revolvern, Besen, Stricken, Messern, Scheren, Schirmen,
Vitriol bewaffnet. Inmitten dieser entfesselten und immer wachsenden
Truppe ein schwarzer Klumpen, einmal nach links, einmal nach rechts
gestoßen, geschlagen, niedergetreten, zerrissen, blutbedeckt, beinahe
tot ... Die lynchende Menge schleppt ihr Opfer, den Neger, mit sich. In
einen Wald oder auf einen öffentlichen Platz. Dort wird er an einen Baum
gebunden, mit Petroleum oder sonstigem Brennstoff begossen. Bevor das
Feuer angezündet wird und seinen Körper erfaßt, wird ihm ein Zahn nach
dem andern ausgeschlagen, werden ihm die Augen ausgerissen, wird ihm das
Haar in Büscheln vom Kopf gerissen, wobei ganze Hautfetzen mitgehen und
ein blutiger Schädel zurückgelassen wird. Der Körper wird derart
geschlagen, daß kleine Fleischstücke herumfliegen ... Der Neger atmet
noch; aber er schreit nicht mehr. Denn man hat ihm seine Zunge mit
glühendem Eisen verbrannt. Der ganze Körper krampft sich zusammen wie
eine Schlange, die halb zertreten wird, wenn man ihn von zwei oder drei
Seiten zugleich mit glühendem Eisen versengt. Mit einem Messer wird ihm
sein Ohr abgeschnitten ... „Oh, wie schwarz er ist! Wie häßlich er ist!“
kreischen die Damen, die ihm das Gesicht zerfleischen. „Man soll ihn
anzünden!“ schreit einer. „Nur langsam“, fügt ein anderer hinzu, „nur
hübsch langsam braten lassen, damit er nicht zu rasch stirbt, sonst hat
die Sache keinen Witz.“ Der Schwarze wird geröstet, gebraten, bis der
Körper schließlich fast verkohlt ist. Aber _ein_ Tod ist zu wenig. Darum
hängt man den Körper noch auf, genauer gesagt, man hängt das auf, was
von seinem Leichnam übrig ist, und alle Zuschauer klatschen Beifall und
rufen „Hurra“! Wenn die Menge sich an dem Schauspiel genügend satt
gesehen hat, läßt man den Leichnam zur Erde fallen. Man schneidet die
Stricke, mit denen er angebunden und gehenkt worden ist, in kleine
Stücke, von denen jedes um drei oder fünf Dollar verkauft wird. Das sind
Andenken, die Glück bringen, und um die sich die Frauen reißen ...“
Man schwieg auf diese Erzählung hin nicht lange.
„Schauderhaft ... Furchtbar ...“
„Das Urböse im Menschen, die Bestie, der Satan ...“
„Ob es nun wahr ist, was Sie uns erzählt haben oder nicht ... es war
spannend erzählt, es prägte sich einem deutlich ein ...“
„Nun, wir sind keine Nervenbündel ... und wenn die Frauen sich
ängstigen: _mulier taceat in ecclesia_! Uebrigens: auch Weiber werden zu
Hyänen, und wie der Krieg gezeigt hat, oft zu sehr brauchbaren ...
„Ja, du meine süße Hyäne ...“
Man scherzte schon wieder.
Der Neger war rasch vergessen.