Berühmte Herrenreiter, Tennisspieler, Tänzerinnen, ein Arzt,
monokelblitzende Herren vom demokratischen Yachtklub promenierten
schon auf und ab, eine Filmdiva zirpte am Arm des berühmten
Relativitätstheoretikers vorüber, eine parfümierte Duftwolke
durchschütterte die Luft. Die Kinoschauspielerin war raffiniert einfach
gekleidet, ein goldenes Kreuz im weiten Halsausschnitt, schwarze Seide.
Sie hatte merkwürdigerweise den Spitznamen „Lola, das Känguruh“. Eine
andere hieß „Das Sardellenbrötchen“, eine dritte „Der Vampir“.
„Unterseeboote –“
Grunzte ein hoher Geistlicher sehr bedächtig:
„... sind gewiß lieblos, unchristlich. Sie sind genau so ungerecht wie
der Mammon. Gerade darum entsagen wir ihnen nimmer. Wir brauchen sie,
wie wir ja auch nach Jesu eigenem Wort den Mammon brauchen sollen. Das
ist eben das Schöne, daß wir bei dem allen das Wort Jesu für uns haben
... Unsere Schuld wahrlich ist es nicht, wenn wir in der Blutarbeit des
Krieges auch die des Henkers zugleich mit verrichten müssen ...“
„Meine Herren! In der Tat! Der Mensch wurde über sich selbst
hinausgehoben! Wenn ich mich an die Jahre des Krieges zurückerinnere: in
der Tat: wir durften unsere Bilder dorther nehmen, wo die ewigen Sterne
hangen ... Wir sahen keine Vergangenheit mehr: wir waren das Schicksal
selbst ... Wie das Wehen einer neuen Zeit, so ging ein Geist des
gegenseitigen Verstehens und der gegenseitigen Hilfsbereitschaft durch
die Menschenherzen. Und die vaterlandslosen Gesellen haben ihre Pflicht
erfüllt und sich darin in keiner Weise von den Patrioten übertreffen
lassen ... Ein jubelnder Aufschrei hat die Herzen des Volkes durchglüht,
ein versöhnender Hauch hat sich über die Herzen des Volkes gebreitet.
Darüber sind sich doch alle meine Freunde klar, ohne den Krieg wären die
vielen demokratischen Freiheiten in den USA. noch lange nicht erreicht
worden. Ein solcher Sieges- und Friedenspreis ist der Opfer würdig ...
Das sage ich, trotzdem oder besser eben weil ich Sozialist bin ...“
„Ja, wirklich, es war aber auch ein heißes Bad in schwarzem Blut nach so
viel feuchten Lauheiten von Muttermilch und Brudertränen dringend
notwendig. Es war eine ordentliche Begießung mit Blut nötig. Vor allen
Dingen: wir sind unserer zuviel geworden. Und der Krieg nimmt allemal
eine Unmenge von Menschen weg, die nur lebten, weil sie eben geboren
waren. Unter den Tausenden von Leichen, die im Tode vereinigt sind und
sich nur noch durch die Farbe der Uniform unterscheiden, wie viele sind
denn darunter, die man zu beweinen oder deren wir uns auch nur zu
erinnern brauchten!? Ich wette meinen Kopf, daß sie nicht an die Zahl
der Finger und der Zehen heranreichen. – Man halte uns nicht zur
Gemütserschütterung die Tränen der Mütter vor! Zu was aber sind auch
nach einem gewissen Alter die Mütter überhaupt noch zu gebrauchen als
zum Heulen!? Der Krieg nutzt außerdem der Landwirtschaft und der
Neuzeitlichkeit. Die Schlachtfelder liefern für viele Jahre einen
erheblich höheren Ertrag als zuvor ohne irgendwelche Düngemittel. Was
für schöne Kohlköpfe werden wir essen, wo die Leichen sich aufhäufen,
und welche dicken Kartoffeln wird man einige Jahre später in den
Gegenden ernten, wo die Leichenmassen der deutschen Infanteristen
liegen. Wir wollen den Krieg lieben und ihn, solange er dauert, als
Feinschmecker auskosten ...“
So dozierte ein Aesthet. Er war bekannt durch den Besitz einer
reichhaltigen Porzellansammlung. Er selbst galt als Kraftnatur und
bevorzugte von allen anderen Kunstrichtungen den Futurismus.
Gegen einige Einwände, die namentlich von weiblicher Seite gemacht
wurden, erhob sich sofort der Psychiater:
„Sie müssen einsehen lernen, die Kriegskassandren beiderlei Geschlechts,
daß es Demenz verrät, die Modefrage nach dem Frieden stoßzubeten. Krieg
lernt man nicht an einem Tag. Der Krieg, bisher Reaktion auf Reiz,
Ehrensache, Mittel zum Zweck: im Moment der Kriegserklärung wird er
Selbstzweck. Und von da an, hoffe ich dringend, werden auch alle jene
noch unerlösten amerikanischen Seelen, möglicherweise sogar die letzten
Pazifisten, ihren Sündenfall erkennen, werden erkennen, daß ihre Ideale
keine Reliquien sondern Relikte sind. Und die ganze Nation wird wie ein
Mann den ewigen Krieg wiederfordern ... Im übrigen: wenn es Sie
interessiert: ich bin jetzt gerade bei einer Psychoanalyse der
Arbeiterbewegung: die ununterbrochenen Klagen über die Unterdrückung der
Arbeiterklasse durch die Bourgeoisie sind nichts weiter als die
Sublimierung des Verfolgungswahns, und was die Losung „Proletarier aller
Länder vereinigt euch“ betrifft: so ist sie nichts anderes als der
Klassenausdruck der Homosexualität ...“
„Nein, was Sie sagen!“