VI

Berühmte Herrenreiter, Tennisspieler, Tänzerinnen, ein Arzt,

monokelblitzende Herren vom demokratischen Yachtklub promenierten

schon auf und ab, eine Filmdiva zirpte am Arm des berühmten

Relativitätstheoretikers vorüber, eine parfümierte Duftwolke

durchschütterte die Luft. Die Kinoschauspielerin war raffiniert einfach

gekleidet, ein goldenes Kreuz im weiten Halsausschnitt, schwarze Seide.

Sie hatte merkwürdigerweise den Spitznamen „Lola, das Känguruh“. Eine

andere hieß „Das Sardellenbrötchen“, eine dritte „Der Vampir“.

„Unterseeboote –“

Grunzte ein hoher Geistlicher sehr bedächtig:

„... sind gewiß lieblos, unchristlich. Sie sind genau so ungerecht wie

der Mammon. Gerade darum entsagen wir ihnen nimmer. Wir brauchen sie,

wie wir ja auch nach Jesu eigenem Wort den Mammon brauchen sollen. Das

ist eben das Schöne, daß wir bei dem allen das Wort Jesu für uns haben

... Unsere Schuld wahrlich ist es nicht, wenn wir in der Blutarbeit des

Krieges auch die des Henkers zugleich mit verrichten müssen ...“

„Meine Herren! In der Tat! Der Mensch wurde über sich selbst

hinausgehoben! Wenn ich mich an die Jahre des Krieges zurückerinnere: in

der Tat: wir durften unsere Bilder dorther nehmen, wo die ewigen Sterne

hangen ... Wir sahen keine Vergangenheit mehr: wir waren das Schicksal

selbst ... Wie das Wehen einer neuen Zeit, so ging ein Geist des

gegenseitigen Verstehens und der gegenseitigen Hilfsbereitschaft durch

die Menschenherzen. Und die vaterlandslosen Gesellen haben ihre Pflicht

erfüllt und sich darin in keiner Weise von den Patrioten übertreffen

lassen ... Ein jubelnder Aufschrei hat die Herzen des Volkes durchglüht,

ein versöhnender Hauch hat sich über die Herzen des Volkes gebreitet.

Darüber sind sich doch alle meine Freunde klar, ohne den Krieg wären die

vielen demokratischen Freiheiten in den USA. noch lange nicht erreicht

worden. Ein solcher Sieges- und Friedenspreis ist der Opfer würdig ...

Das sage ich, trotzdem oder besser eben weil ich Sozialist bin ...“

„Ja, wirklich, es war aber auch ein heißes Bad in schwarzem Blut nach so

viel feuchten Lauheiten von Muttermilch und Brudertränen dringend

notwendig. Es war eine ordentliche Begießung mit Blut nötig. Vor allen

Dingen: wir sind unserer zuviel geworden. Und der Krieg nimmt allemal

eine Unmenge von Menschen weg, die nur lebten, weil sie eben geboren

waren. Unter den Tausenden von Leichen, die im Tode vereinigt sind und

sich nur noch durch die Farbe der Uniform unterscheiden, wie viele sind

denn darunter, die man zu beweinen oder deren wir uns auch nur zu

erinnern brauchten!? Ich wette meinen Kopf, daß sie nicht an die Zahl

der Finger und der Zehen heranreichen. – Man halte uns nicht zur

Gemütserschütterung die Tränen der Mütter vor! Zu was aber sind auch

nach einem gewissen Alter die Mütter überhaupt noch zu gebrauchen als

zum Heulen!? Der Krieg nutzt außerdem der Landwirtschaft und der

Neuzeitlichkeit. Die Schlachtfelder liefern für viele Jahre einen

erheblich höheren Ertrag als zuvor ohne irgendwelche Düngemittel. Was

für schöne Kohlköpfe werden wir essen, wo die Leichen sich aufhäufen,

und welche dicken Kartoffeln wird man einige Jahre später in den

Gegenden ernten, wo die Leichenmassen der deutschen Infanteristen

liegen. Wir wollen den Krieg lieben und ihn, solange er dauert, als

Feinschmecker auskosten ...“

So dozierte ein Aesthet. Er war bekannt durch den Besitz einer

reichhaltigen Porzellansammlung. Er selbst galt als Kraftnatur und

bevorzugte von allen anderen Kunstrichtungen den Futurismus.

Gegen einige Einwände, die namentlich von weiblicher Seite gemacht

wurden, erhob sich sofort der Psychiater:

„Sie müssen einsehen lernen, die Kriegskassandren beiderlei Geschlechts,

daß es Demenz verrät, die Modefrage nach dem Frieden stoßzubeten. Krieg

lernt man nicht an einem Tag. Der Krieg, bisher Reaktion auf Reiz,

Ehrensache, Mittel zum Zweck: im Moment der Kriegserklärung wird er

Selbstzweck. Und von da an, hoffe ich dringend, werden auch alle jene

noch unerlösten amerikanischen Seelen, möglicherweise sogar die letzten

Pazifisten, ihren Sündenfall erkennen, werden erkennen, daß ihre Ideale

keine Reliquien sondern Relikte sind. Und die ganze Nation wird wie ein

Mann den ewigen Krieg wiederfordern ... Im übrigen: wenn es Sie

interessiert: ich bin jetzt gerade bei einer Psychoanalyse der

Arbeiterbewegung: die ununterbrochenen Klagen über die Unterdrückung der

Arbeiterklasse durch die Bourgeoisie sind nichts weiter als die

Sublimierung des Verfolgungswahns, und was die Losung „Proletarier aller

Länder vereinigt euch“ betrifft: so ist sie nichts anderes als der

Klassenausdruck der Homosexualität ...“

„Nein, was Sie sagen!“

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 87 / 229 题