„Das chemische Kampfmittel ist gekommen, um zu bleiben. Mit dieser
Tatsache wird sich die Welt abfinden müssen.“
Mit diesen Worten begann Professor Snowden seinen Vortrag vor Offizieren
der amerikanischen Marine, des Heers und der Luftflotte. Auch Vertreter
der Zivilbehörden und der Industrie waren dazu erschienen.
Professor Snowden gab zunächst einen kurzen geschichtlichen Rückblick.
„Jahrtausende liegen die Anfänge des Gaskriegs zurück, künstliche
Staubwolken, raucherzeugende Brennstoffe, Vernebeln der feindlichen
Stellungen und Ausräuchern: das war schon im Altertum und im Mittelalter
bekannt. Und schon im Jahre 1854 wurden dem englischen Kriegsministerium
Gasbomben vorgelegt. Ein deutscher Apotheker war es, der während des
deutsch-französischen Krieges 1870-71 eine Füllung der Granaten mit
Veratrin empfahl, einem lediglich stark zum Niesen reizenden Stoff. Sein
Vorschlag kam damals jedoch nicht zur Durchführung.
„In den 500 Jahren, die vergangen waren, seit die Feuerwaffe Harnisch
und Lanze überwand, hat man anfangs langsam, dann in den letzten 50
Jahren in außerordentlich gesteigertem Tempo gelernt, die
Feuergeschwindigkeit, die Durchschlagkraft und die Rasanz der fliegenden
Eisenteile zu erhöhen, mit denen man den Gegner bekämpfte. Dabei war man
zu einem Punkte gelangt, der die bisherige Kriegsführung praktisch
umwarf. Denn alle diese fliegenden Eisenteile waren von größter Wirkung
im freien Feld, aber durch Erdwälle von mäßiger Stärke verhältnismäßig
bequem aufzuhalten. Das gab dem Verteidiger eine grundsätzliche
technische Ueberlegenheit über den Angreifer. Der menschliche Körper mit
seinen zwei Quadratmeter Oberfläche stellte eine Zielscheibe dar, die
gegen den Eisenstrudel von Maschinengewehr und Feldkanone nicht mehr
unbeschädigt an die verteidigte Stellung heranzubringen war. Der
Verteidiger konnte nicht vor dem Sturme in seiner Erddeckung
niedergekämpft werden, weil ihn die fliegenden Eisenteile nicht genügend
erreichten. Es war eine Sache der naturwissenschaftlichen Phantasie,
diesen Zustand voraussehen und auf die Abhilfe zu verfallen, die der
Stand der Technik möglich machte. Diese Abhilfe ist der Gaskrieg.“
Während Professor Snowden exakt die drei verschiedenen Etappen der
Gasexperimente im Weltkrieg schilderte, das Gasblasen, das Gasschießen,
das Gaswerfen – wobei er unablässig betonte, daß es sich damals
lediglich um Experimente handelte und sozusagen der Gaskampf noch in den
Kinderschuhen steckte – überlegt sich Frank sprunghaft die neuesten
Arbeiten des „Gasdienstes“ in den Laboratorien und auf den
Uebungsplätzen von Edgewood.
„Ja, in der Tat, man kann sagen, das Problem der Fernlenkung ist gelöst.
Eine Kommandotafel, ein Druck: automatischer Start: und das mechanische
Flugzeug, durch keinerlei atmosphärische Verhältnisse behindert, schießt
– 500 Kilometer Stundengeschwindigkeit – seinem Ziel zu ...
Phantastische Gedanken, allein der Technik ist kein Ding unmöglich ...
Sehen wir nur unsere modernen Tanks an. Wie wendig sie sind, wie
schnell. 70 Kilometer machen wir heute schon mit ihnen pro Stunde. Eine
ideale Verbindung von Feuer und Bewegung! ... Wie war es nur bei den
letzten Manövern? Da sah man schon keinen Menschen mehr. Auch die
Munitions- und Proviantübernahme, sowie Mannschaftswechsel erfolgten
vollkommen automatisch, durch Reservekampfwagen ... Nun besteht das
Problem noch darin, die Tanks gasdicht zu machen. Dann durchqueren wir
mit ihnen wie mit Unterseebooten die Gassümpfe. Der Krieg hat nun einmal
die feste ungepanzerte Feuerlinie durch die gepanzerte bewegte
Feuerlinie ersetzt ...“
„So ist also, dachte Frank zu Ende, der kommende Krieg wieder ein
Bewegungskrieg. Das Massenheer wird durch das Spezialistenheer ersetzt.
Uebergänge sind möglich. Genaue Prophezeiungen lassen sich natürlich
nicht anstellen. Aber das Ueberraschungsmoment gewinnt ungeheuer an
Bedeutung ...“
Das sprach auch soeben Professor Snowden aus:
„Die chemische Kriegsführung stellt zur Zeit die letzte
Entwicklungsstufe der Kriegskunst dar. Sie ist die bisher
wissenschaftlichste aller Kampfmethoden. Vom ökonomischen Standpunkt ist
die chemische Waffe billiger als alle anderen. Sie ist aber auch die
humanste. Meine Herren! Man hat die Verwendung von Giftgasen als
Kampfmittel grausam und unnatürlich genannt, unzweifelhaft ist dies auch
im Anfang so empfunden worden. Aber man muß dabei doch bedenken, daß man
jede neue Methode der Kriegführung, so auch die Einführung des
Schießpulvers als grausam bezeichnet hat, erst allmählich hat es seine
Schrecken verloren.
„So stehen alle Weltmächte demnach sichtlich unter dem Eindruck, daß die
Ueberlegenheit in einem kommenden Krieg dem gehören wird, der
überraschend einen unparierbaren Hieb mit der chemischen Waffe führen
kann. Erstrebenswert darum ist die Herstellung geheimgehaltener
Gaskampfstoffe, die kein anderer hat. Es ist ohne weiteres also
selbstverständlich, daß geheimgehaltene Fortschritte in dieser Richtung
einen militärischen Vorsprung bedeuten würden, der vom Gegner im Verlauf
des Krieges wohl kaum eingeholt werden könnte. Denn Schutz gegen
Kampfgase ist nur möglich, wenn ihre Zusammensetzung bekannt ist. Neue
Gase wirken also meistens vernichtend ...“
Mit einem Aufruf zur Zusammenarbeit von Offizieren,
Naturwissenschaftlern, Chemikern und Technikern schloß der Professor
seinen Vortrag.
V
Es entspann sich sofort eine lebhafte Diskussion.
Man debattierte in Gruppen.
„So und nicht anders muß es kommen, auf diese Art und Weise macht sich
der Krieg selbst unmöglich. Das Kriegsungeheuer beißt sich selbst den
Kopf ab. Sehen Sie nicht ein, meine Herrn, daß nach den interessanten
Ausführungen des Professor Snowden das Kriegführen eine unmögliche Sache
geworden ist? Ein solcher Zukunftskrieg, würdig von einem Jules Verne
beschrieben zu werden, er ist ein Angstprodukt verhetzter Gehirne, eine
Wahngeburt, nicht mehr, das ist unmöglich, sage ich Ihnen, die
Menschheit in ihrer Gesamtheit wird sich nicht in so frivoler Weise der
Barbarei überantworten lassen. Jules Vernsche Phantasien, Mondfahrten,
Abenteuer im Uferlosen ... nichts mehr.“
Es war ein Wilsonianer, der so sprach. Ein gealtertes, elegantes
Männchen, ein Monokel im Auge. Professor der Medizin an der Universität.
„Und der Völkerbund!?“ wisperte er erregt weiter, „und das Washingtoner
Abkommen! Ziehen Sie, bitte, in Betracht, meine Herren, den Artikel 5
des Vertrages ... Schreiten wir weiter fort auf dem Weg der Abrüstung,
die Befriedung der Welt ist sichergestellt. Ich sage Ihnen, meine
Herren, der vergangene Krieg ist und bleibt der letzte ... Mögen auch
kleine Konflikte noch entstehen, Krisen, Empörung und Streit aufwirbeln,
mögen auch die Kolonialvölker, uneinsichtig wie sie sind, gegen Kultur
und Gesittung randalieren ... ein Krieg von dem Ausmaß und in den
Formen, wie Sie ihn uns beschrieben haben, ist eine glatte
Unmöglichkeit. Aberglauben einfach, nichts weiter ... Die Zivilisation,
meine Herren, marschiert. Ich meinerseits schwöre in dieser Beziehung
absolut auf den Völkerbund ...“
„Aber, lieber Arthur, welche Töne!“ grinste ihm gummikauend ganz jovial
ein chemischer Sachverständiger entgegen. „Sie gütiger Apostel der
Aufklärungszeit. Gewiß, gewiß. Ihr Pazifismus ist mir psychologisch gut
erklärlich aus der Katerstimmung nach dem Weltkrieg heraus. Aber, ich
denke, wir haben das heute, nach 5 Jahren doch wohl schon gründlich
überwunden. Ueberall, wohin Sie sehen in der Welt, erteilen wir doch mit
Bajonetten etc. bereits wieder gründliche Lektionen im praktischen
Pazifismus, wie Sie das nennen. Nun zum Thema. Dazu wäre kurz folgendes
zu sagen: solange das Gas von anderen Militärmächten in ihre Bewaffnung
eingereiht ist, können und werden wir es nicht fallen lassen. Chemische
Kriegsabteilungen bilden jetzt einen wesentlichen Teil der militärischen
Organisationen Frankreichs, Italiens und der USA., und in jedem dieser
Länder sind Experimente im Gange, wirksame Methoden für Gasangriffe
auszuarbeiten. Auf die Verwendung von Gasen verzichten, hieße die
Sicherung unserer Kampfeinrichtung auf das Spiel setzen, und im Hinblick
auf die Erfahrungen, die wir im Krieg gemacht haben, würde es glatten
Irrsinn bedeuten, solch ein Risiko zu laufen. Im übrigen ist es sehr
töricht den Gaskampf als Kampfart zu verdammen und jemandem Vorwürfe zu
machen, ihn aufgebracht zu haben. In Wirklichkeit ist es keine
Kampfmethode, die man nicht etwa hätte voraussehen können. Die ehemalige
Entrüstung gilt nicht dem Gaskampf selbst, sondern nur dem Bruch der
Vereinbarungen. Kindliche Einfalt und unberechtigte Bedenken haben
Frankreich bei Kriegsbeginn abgehalten, sich einer so vorzüglichen Waffe
zu bedienen. Die französischen Chemiker haben sie sofort vorgeschlagen.
Ein gänzlich falsch angebrachtes Schamgefühl hat Frankreich um den
Prioritätsanspruch gebracht ... Kurz: wir alle betrachten den Gaskrieg
als den Krieg der Zukunft und bereiten uns emsig auf die chemische
Kriegsführung vor. Und das sind keine Märchen, keine Legenden, liebes
Professorchen, sondern Tatsachen. Es wäre klug, wenn Sie im Zusammenhang
damit einmal bei sich erwägen würden, ob das hier Gehörte auch nicht für
Ihr Fach bedeutende Gewinne bringen könnte ...“
„Ich verstehe Sie nicht, meine Herren, Sie setzen sich über die
Abrüstungskonferenz und über den Friedenswillen der Völker einfach
hinweg, als wäre das alles etwas, was man im entscheidenden Moment mit
dem kleinen Finger umstößt. Dem ist nun doch nicht so ...“
„Der Beschluß der Abrüstungskonferenz, den Gaskampf zu verbieten, steht
nur auf dem Papier, denn in Wirklichkeit kann er den Gebrauch von
Giftgasen in einem neuen Krieg nicht verhindern. Deshalb war es auch ein
Fehler, nicht auf die Ansichten der Sachverständigen zu hören, sondern
auf die Ansicht von Nichtfachleuten, die aus allgemein menschlichen
Erwägungen heraus den Gaskampf als grausame, ungehörige Anwendung der
Wissenschaft verurteilen. Die Vorbereitung für die chemische
Kriegführung muß weiter betrieben werden ... Es dürfte wenig Zweifel
darüber herrschen, daß das chemische Kampfmittel gegebenenfalls in sehr
viel größeren Mengen und in anderer Weise verwandt werden dürfte, als im
letzten Krieg. Daraus ergibt sich trotz der Washingtoner Beschlüsse die
Notwendigkeit für unser Land, die chemische Kriegführung weiter
auszubauen. Die demoralisierende Wirkung von Gas auf einen in seinem
Gebrauch ungeübten Gegner ist so groß, daß kein Führer es verantworten
kann, wenn er daraus nicht vollen Nutzen zieht. Eine Nation mit größeren
wissenschaftlichen Kenntnissen wird unzweifelhaft im nächsten Krieg von
dieser Wissenschaft vollsten Gebrauch machen, wenn sie der Ansicht ist,
daß sie dadurch den Krieg gewinnt.“
Aber auch ein Professor der Soziologie war vorhanden:
„Und da sehen Sie, meine Herrschaften, auch auf ein anderes Problem
möchte ich beiläufig aufmerksam machen. Die neue Kriegstechnik gibt uns
wieder die Waffe in die Hand. Wie ein Bumerang kehrt die Waffe, die wir
notgedrungen eine Zeit lang aus der Hand geben mußten, wieder an ihr
ursprüngliches Ziel zurück. Lassen Sie mich das erklären. Im letzten
Krieg war das Klassenbewußtsein des Proletariats noch nicht allzu
entwickelt. Die 2. Internationale spielte ihre Rolle gut: sie ist
Schulter an Schulter mit uns rechtzeitig allen Versuchen den Krieg in
den Bürgerkrieg umzuleiten entgegengetreten. In einem kommenden Krieg
dürfte ihr das vermutlich nicht mehr gelingen. Rußland ist da. Die
Kommunistischen Parteien haben in allen Kontinenten tief in der
Arbeiterschaft Wurzel geschlagen. Eine Volksbewaffnung, ein
Massenaufgebot: bedenken Sie, welch ein Risiko, welch eine Gefahr für
uns! Da aber trennt die neue Kriegstechnik das Proletariat von der
Waffe, die Waffe bleibt in unserer Hand, nur an den Produktionsstätten
haben wir die Arbeiterkadres noch nötig, die nichts mehr und nichts
weniger nur mehr Arbeitskadres sind. Wir, die Bourgeoisie an der Front:
das Proletariat im Hinterland, in der Etappe, das Proletariat in der
Gefahrzone. Wir: in Tanks, in Flugzeugen, in durch Kollektivschutz
gesicherten Laboratorien, so sieht in einer schroffen Wendung der
Verhältnisse der neue Krieg aus.“
Der Pazifist machte wieder Einwendungen. Streik, Generalstreik,
Kriegsdienstverweigerung, Sabotage in den Munitionsfabriken usw.
Dutzendweise prasselten da Gegenargumente auf ihn nieder.
„Ja, aber lieber Professor! Munitionsarbeiterstreik. Glauben Sie denn,
daß unsere guten Proleten überhaupt wissen, was sie herstellen. Gas,
Giftgas: muß ich Ihnen, naives Gemüt, denn erklären, daß dies alles in
Arzneien, Parfümerien, in Düngemitteln, in den Seifenfabrikaten
enthalten ist? Wo fängt die Munitionsherstellung an und wo hört sie auf?
Sehen Sie, die Raupenschlepper der Tanks, werden sie nicht auch zu
Traktoren verwendet? Haben Sie nie etwas von den Normungstendenzen der
Industrie gehört ... O, das ist alles organisiert ...“
Ein anderer spottete:
„Streik, Dienstverweigerer. Sie rechnen nicht mit der Atmosphäre beim
Ausbruch eines bewaffneten Konflikts. Sie rechnen nicht mit der Macht
der Presse, mit der Erschütterung, die wir in neun Zehntel aller
Menschen mit Schauergeschichten und Greuelmärchen bewirken können, mögen
sie noch so absurd und noch so schamlos dumm erlogen sein. Sie rechnen
nicht mit der Spaltung der Arbeiterschaft. Die revolutionären Elemente
haben bestimmt im Anfang des Krieges keinen großen Einfluß, erst unter
den direkten Wirkungen ... und dann: entweder – oder! Wir siegen oder –
das andere ist Sache der feindlichen Besatzungstruppen. Wir werden uns
auch hier zur rechten Zeit verständigen. Hundertprozentige
Irrsinns-Atmosphäre, mein Herr! ... Das verdient in Rechnung gestellt,
einkalkuliert zu werden, mein Herr! ... Nur wir, die Arrangeure, ein
Prozent der Gesamtmenschheit, behält klar den Kopf. Denn wir sind darauf
eingestellt, wir kennen die Vorbereitungen, für uns allein ist die
Kriegserklärung kein Ueberraschungsmoment, wir allein wissen nur allzu
genau – im Gegensatz zu gewissen Sozialisten, Sie entschuldigen schon –
daß die Produktionsmethode, die wir heute betreiben, und Krieg unbedingt
zusammengehören, in ihrem Wesensgrund eins sind, und daß der sogenannte
Friede nur eine Atempause ist ... Wie lange eine solche dauert, das kann
man nicht sicher prophezeihen ... Wir geben für einen kommenden Krieg
kein Datum an ... Kurz gesagt: Träumen wir nicht den Frieden, sondern
_para bellum_! Bereite den Krieg vor ...
„Hat schon Nietzsche gesagt: nur im Schatten des Schwertes –“
„... Wir dürfen ja wohl hoffen, Herr Professor, daß Sie nur außerhalb
ihres Geschäfts so pazifistisch sich gerieren ... Wenn der Krieg einmal
da ist, verlassen wir uns darauf: Sie schreiben alles, was noch aus dem
letzten Loch pfeift, k. v. ...“
„Eingeschlagen!“
„Nun, das ja ... Wir sind doch schließlich allzumal Patrioten.
Kern-amerikanisch.“
Eine Pause trat ein ...