Die beiden Freunde hatten sich wieder in Newyork getroffen.
„Und wie stehts in Edgewood! ...“
„Nicht gleich mit der Türe ins Haus fallen, Thomas ... Darüber später
...“
„Wir gehen gleich in den Klub!?“ ...
„Ja, und morgen treffen wir uns mit Mary ... Es wird allerlei
Interessantes zu berichten geben ... Auch Bolleff ist hier, ein
bulgarischer Genosse ... Aber man muß auf die Detektivs acht geben ...
Die Luft wird immer dicker ...“
Ein gewaltiger Menschenstrom begann.
„Ah, die Weltmeisterschaft ...“
Und schon schwirrten die Gesprächsfetzen:
„Ich setze auf Dempsey!“
„Dempsey?! ... Ja, man weiß nicht, was wahr ist. Aber man hat sich ganz
erstaunliches von dem Argentinier erzählt ...“
„Ach, diese Stierhelden und Pampasbullen, meist ist’s nicht viel gerade,
was dahinter steckt ... Ein schwerer mörderischer Schlag, der kein Gras
mehr wachsen läßt, wo er hintrifft ... Aber Technik, meist keine Ahnung;
... Auch keine Luft, höchstens über drei Runden Stehvermögen ... Alles
Reklame, Maulaufreißertum, Profitgier ... Da, sieh’ nur ...“
Und der ununterbrochen sich dahinwälzende Menschenstrom erfaßte die
beiden Offiziere, schob sie mit von Straße zu Straße, Hunderttausende
trieben so vorwärts, der Riesensportarena zu, in der heute die
Weltmeisterschaft im Schwergewicht zwischen Dempsey und Firpo
ausgetragen werden sollte. Das Geschrei der Straßenhändler, das
blitzende Rauschen von Lichtkegeln in der Luft, gleitende Trottoirs,
fünfzigstöckige Wolkenkratzer, bengalisch illuminiert, unübersehbare
Reihen von Automobilen, die im Menschenstrom steckengeblieben waren,
Absperrungsketten der Polizeimannschaften, Billethändler dazwischen,
alles erdrückt, gequetscht, manchmal wieder vor dem Eingang ganze
Menschengruppen um sich selbst kreisend, wie Menschenwirbel, und dort
hingen wohl zehn Meter große Plakate mit den beiden Boxergestalten, da
sprach irgend jemand vom Balkon durch einen Schalltrichter, eine zweite
Stimme gegenüber aus einem Lautsprecher, dort glitten die Hochbahnen
vorüber, Lichtpunkte flimmerten hinauf in die Nacht, Lichtbänder rollten
wieder hoch oben vorüber, leuchtende Buchstaben, „Persil bleibt Persil“,
„Die Zarin ist soeben in Washington eingetroffen“, Aufzüge sah man
strahlend aufwärtsgehoben in gläsernen Warenhäusern, die Asphaltböden,
über denen diese Menschenmasse wogte, waren unterhöhlt, das merkte man;
ein langhingezogener Donner: das waren die Untergrundbahnen, ausgedehnte
Zementröhrensysteme unterflochten die Erde ... Dempsey – Firpo: ein
einziger Gedanke, ein einziger Wille war diesen Hunderttausenden
aufsuggeriert, dieser Gedanke trieb sie, packte sie, peitschte sie,
flammte sie vorwärts, dieser tausendgliederige Massenkörper war nur von
der Sucht nach diesem einen Erlebnis durchschüttert ...
„Wie am Tag der Kriegserklärung ...“
„Erhebend! Gewaltig!“
Den beiden Offizieren war es gelungen, die Menschenmassen zu
durchkreuzen und in eine leere Seitenstraße einzubiegen. Diese
Seitenstraße war wie ein vom Wellenschlag unberührtes Bassin.
„Und denkst du eigentlich noch oft an den Krieg?“
„Dann ragten sie empor zu brutaler Größe, geschmeidige Tiger der Gräben,
Meister des Sprengstoffs.“ So habe ich neulich im Gedicht eines
Deutschen gelesen. Ob ich noch an den Krieg denke? An den, der gewesen
ist, nicht mehr. An den, der kommen wird. Ich bin doch schließlich zum
Gasdienst abkommandiert.“
„Ich bin gespannt auf heute abend. Man müßte öfter solche Vorträge hören
können. Immerhin, gegen früher, es wird jetzt in der Armee doch mehr für
politische und kriegswissenschaftliche Bildung getan ...“
„Die Deutschen waren uns darin bei weitem überlegen. Doch wir haben den
Vorsprung eingeholt ... Die Welt gehört USA. Ich sage das
nicht unbegründet. Ich gehöre gewiß nicht zur Gattung jener
Hornochsenpatrioten, die nicht weiter als ihre eigene Nasenspitze
reicht, zu blicken vermögen. Ich sage das, na ... auf Grund meiner
Erfahrungen in Edgewood. Verstehst du mich ... Vom militärpolitischen
Standpunkt aus, meine ich das.“