III

Die beiden Freunde hatten sich wieder in Newyork getroffen.

„Und wie stehts in Edgewood! ...“

„Nicht gleich mit der Türe ins Haus fallen, Thomas ... Darüber später

...“

„Wir gehen gleich in den Klub!?“ ...

„Ja, und morgen treffen wir uns mit Mary ... Es wird allerlei

Interessantes zu berichten geben ... Auch Bolleff ist hier, ein

bulgarischer Genosse ... Aber man muß auf die Detektivs acht geben ...

Die Luft wird immer dicker ...“

Ein gewaltiger Menschenstrom begann.

„Ah, die Weltmeisterschaft ...“

Und schon schwirrten die Gesprächsfetzen:

„Ich setze auf Dempsey!“

„Dempsey?! ... Ja, man weiß nicht, was wahr ist. Aber man hat sich ganz

erstaunliches von dem Argentinier erzählt ...“

„Ach, diese Stierhelden und Pampasbullen, meist ist’s nicht viel gerade,

was dahinter steckt ... Ein schwerer mörderischer Schlag, der kein Gras

mehr wachsen läßt, wo er hintrifft ... Aber Technik, meist keine Ahnung;

... Auch keine Luft, höchstens über drei Runden Stehvermögen ... Alles

Reklame, Maulaufreißertum, Profitgier ... Da, sieh’ nur ...“

Und der ununterbrochen sich dahinwälzende Menschenstrom erfaßte die

beiden Offiziere, schob sie mit von Straße zu Straße, Hunderttausende

trieben so vorwärts, der Riesensportarena zu, in der heute die

Weltmeisterschaft im Schwergewicht zwischen Dempsey und Firpo

ausgetragen werden sollte. Das Geschrei der Straßenhändler, das

blitzende Rauschen von Lichtkegeln in der Luft, gleitende Trottoirs,

fünfzigstöckige Wolkenkratzer, bengalisch illuminiert, unübersehbare

Reihen von Automobilen, die im Menschenstrom steckengeblieben waren,

Absperrungsketten der Polizeimannschaften, Billethändler dazwischen,

alles erdrückt, gequetscht, manchmal wieder vor dem Eingang ganze

Menschengruppen um sich selbst kreisend, wie Menschenwirbel, und dort

hingen wohl zehn Meter große Plakate mit den beiden Boxergestalten, da

sprach irgend jemand vom Balkon durch einen Schalltrichter, eine zweite

Stimme gegenüber aus einem Lautsprecher, dort glitten die Hochbahnen

vorüber, Lichtpunkte flimmerten hinauf in die Nacht, Lichtbänder rollten

wieder hoch oben vorüber, leuchtende Buchstaben, „Persil bleibt Persil“,

„Die Zarin ist soeben in Washington eingetroffen“, Aufzüge sah man

strahlend aufwärtsgehoben in gläsernen Warenhäusern, die Asphaltböden,

über denen diese Menschenmasse wogte, waren unterhöhlt, das merkte man;

ein langhingezogener Donner: das waren die Untergrundbahnen, ausgedehnte

Zementröhrensysteme unterflochten die Erde ... Dempsey – Firpo: ein

einziger Gedanke, ein einziger Wille war diesen Hunderttausenden

aufsuggeriert, dieser Gedanke trieb sie, packte sie, peitschte sie,

flammte sie vorwärts, dieser tausendgliederige Massenkörper war nur von

der Sucht nach diesem einen Erlebnis durchschüttert ...

„Wie am Tag der Kriegserklärung ...“

„Erhebend! Gewaltig!“

Den beiden Offizieren war es gelungen, die Menschenmassen zu

durchkreuzen und in eine leere Seitenstraße einzubiegen. Diese

Seitenstraße war wie ein vom Wellenschlag unberührtes Bassin.

„Und denkst du eigentlich noch oft an den Krieg?“

„Dann ragten sie empor zu brutaler Größe, geschmeidige Tiger der Gräben,

Meister des Sprengstoffs.“ So habe ich neulich im Gedicht eines

Deutschen gelesen. Ob ich noch an den Krieg denke? An den, der gewesen

ist, nicht mehr. An den, der kommen wird. Ich bin doch schließlich zum

Gasdienst abkommandiert.“

„Ich bin gespannt auf heute abend. Man müßte öfter solche Vorträge hören

können. Immerhin, gegen früher, es wird jetzt in der Armee doch mehr für

politische und kriegswissenschaftliche Bildung getan ...“

„Die Deutschen waren uns darin bei weitem überlegen. Doch wir haben den

Vorsprung eingeholt ... Die Welt gehört USA. Ich sage das

nicht unbegründet. Ich gehöre gewiß nicht zur Gattung jener

Hornochsenpatrioten, die nicht weiter als ihre eigene Nasenspitze

reicht, zu blicken vermögen. Ich sage das, na ... auf Grund meiner

Erfahrungen in Edgewood. Verstehst du mich ... Vom militärpolitischen

Standpunkt aus, meine ich das.“

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 85 / 229 题