IV

Max Herse war damals knapp 19 Jahre alt. Aber er hatte alles

darangesetzt, als Kriegsfreiwilliger mitzukommen. Sein Schulkamerad

Franke war sogar von jenseits des Ozeans zu den Waffen geeilt.

Das waren Tage! Das Leben flaumleicht. Der Körper ging wunderbar, wie

mit Elektrizität geladen.

* * * * *

Es war am 22. April 1915 in Flandern.

Frontabschnitt Bixschote-Langemarck.

Gegen englische Stellungen.

Windstärke 2 bis 4 Sekundenmeter. Witterung kalt und trocken.

Zerfetzte Bäume am Horizont wie Drahtgespinste. Vereinzelte Vogelrufe

durchschwirrten die Weltöde.

Geheimnisvolles munkelte man. Von einem Ueberläufer war die Rede, der

alles an die Engländer verraten hatte. Gerüchte. Gegengerüchte.

Jedenfalls etwas Neues. Man ahnte nicht was, wußte nicht, wie ...

Es war 5 Uhr nachmittags.

Auf der Brustwehr des vordersten englischen Grabens erschienen jetzt

Tafeln mit der Aufschrift:

„Ihr könnt lange warten, bis der richtige Wind weht!“

Hie und da knackte ein Schuß. Ein MG ratterte sich heiß am linken

Flügel. Knäuel deutscher Stoßtrupps lagen weit hinten im Trichterfeld.

Endlich: „Gas“.

Das Gas kommt. Irgendwer hatte es aufgeschnappt.

Also:

Nachts waren an die dreihundert Gasbatterien vortransportiert und

eingebaut worden. Eine Batterie bestand aus 20 Gaszylindern.

Sechstausend Gaszylinder standen demnach zur Verfügung. Auf einen

Kilometer Frontbreite rechnete man damals fünfzig Batterien. Tausend

Flaschen. Zwanzigtausend Kilo Gas.

Das alles wußte man plötzlich.

Auch das:

Um das Klirren des Metalls zu vermeiden, waren sämtliche Gaszylinder mit

Decken und Stroh umwickelt.

* * * * *

Erhöhte Gefechtsbereitschaft war angeordnet.

Die Infanterie in die zweite Stellung zurückgenommen.

Nur technische Truppen und MGs blieben vorne ...

Fliegergeschwader summten wieder den ganzen Tag über.

Pst! Ein Pfiff ...

Alles wurde plötzlich so mäuschenstill ...

Das Abblasen einer eigens dazu markierten Stammbatterie galt als Signal.

Die Ventile von sechstausend Flaschen öffneten sich gleichzeitig.

Es war ein brodelndes und zischendes Geräusch, es prickelte, fauchte,

als man das Gas aus den Mannesmann-Stahlröhren abblies.

Jeder hielt die Nase hin, jeder schnupperte.

Man merkte aber eigentlich noch so gar nichts.

Ein graugrüner Schwaden zog jetzt schon auf die englischen Stellungen

zu. Mannshoch. Einen Kilometer tief.

Die deutschen Batterien hämmerten wieder.

An einigen Stellen biegen die den Zylindern aufgeschraubten meterlangen

Bleirohre unter dem Druck des ausströmenden Gases um. Knicken, krümmen

sich hin und her ...

Das Gas fließt in die eigenen Gräben.

Einen Trupp von acht Mann trifft das Gas mit voller Kraft. Man sieht,

sie halten krampfhaft den Atem an. Können nicht mehr. Legen sich einfach

um ... Andere schlagen mit den Händen dagegen, klemmen sich die Nase zu,

beißen sich die Lippen dicht: auch das hilft nichts ...

Sanitätsmannschaften eilen heran mit Sauerstoffapparaten.

In drei Wellen auf einer Strecke von insgesamt sechs Kilometern trieb

eine riesige Chlorwolke.

Dicke weißliche Nebelballen schieden sich ab.

Teile flüssigen Chlors verdampften ...

Max kniet sich auf den Rand eines Trichters herauf.

Der Leutnant neben ihm beobachtet, die Stoppuhr in der Hand, den Verlauf

des Angriffs. Noch zwanzig Sekunden: dann aber hieß es nachstoßen.

Die englischen Gräben standen jetzt mitten im Gasnebel.

Und plötzlich wurde es dort lebendig. Wie aufgefegt wurden sie. Ein

unsichtbarer Besen kehrte das unterste zu oberst. Leute rannten mit

erhobenen Armen querfeldein. Hilferufe gellten. Einzeln, in Rudeln

flüchtete es dahin. Einer dreht sich immerfort um sich selbst. Er sprang

federnd hinweg wie ein Kreisel. Röcke schottischer Hochländer flogen.

Ein monotones heiseres Bellen: das Gebrüll der Turkos ...

Ein leichter erstickender Geruch wurde nun bemerkbar.

Augen tränten. Einige husteten. Nieskrämpfe. Spuckten aus.

* * * * *

Die deutsche Artillerie hämmerte, hämmerte.

Der Leutnant zählte jetzt laut:

15 –

18 –

19 – – –

Eine Leuchtrakete zerstäubte hoch.

Graue Knäuel bewegten sich, lockerten sich heraus aus den metertiefen

Poren der Erdlöcher, lösten sich auf. Kettenglieder. Ausschreitend,

hüpfend, dahinstolpernd. Schwarmlinie.

Die deutsche Sturminfanterie stieß nach.

Aexte. Scheren. Leitern.

Verhaue wurden umgelegt.

Ueber die ersten feindlichen Gräben hinweg ...

Offiziere mit Karten: das feindliche Gräbensystem wurde gleich

korrigiert. Neu eingezeichnet.

Kolbenschläge. Bajonettstöße.

In einem Unterstand poltert eine Handgranate.

„Vorwärts.“

* * * * *

Die zweite feindliche Stellung kam in Bewegung.

Auch die dritte Linie flog auf.

Die Sturmabteilung zerschnitt sich das Schuhwerk an Flaschenresten und

Haufen von Konservenbüchsen.

Gelblich-grün trieb die Gaswolke weiter.

Es war wie eine Gespensterlandschaft, durch die man jetzt schritt.

Merkwürdig verfärbte Menschengesichter glotzten einem entgegen. Bis zum

Hals im Schlamm getunkt. Die Augen doppelt so groß wie bei Lebenden. Die

Stahlhelme weit ins Genick zurückgeschoben oder tief im Gesicht. Schaum

um die Münder. Einer rutschte aus einem nach rückwärts ein wenig

abgeflachten Granattrichter auf den Knieen herauf, er machte mit den

Armen Schwimmbewegungen. Ein ihm von einem stämmigen pommerschen

Landwehrmann in die Brust gestoßenes Bajonett brach ab ...

Die feindliche Front war aufgerissen.

Ein tiefes zackichtes Loch klaffte.

* * * * *

Es wurde Nacht.

Scheinwerfer. Leuchtraketen.

Erdfontänen schossen in die Luft. Die feindlichen Batterien kamen wieder

in Schwung. Es trommelte, hackte, wirbelte. Manchmal wie Platzregen. Man

verschanzte sich rasch hinter Fleischfetzen, Körperstümpfen,

Schlammhaufen.

Pioniere wickelten wieder Stacheldraht ab. MG-Gruppen schoben sich vor.

Munitionstransporte im Laufschritt. Lebensmittellager waren genug

erbeutet. Man konnte sich also zwischendurch sattessen. Alles hatte aber

einen widerlich beizenden Geschmack.

Und schon knackte es wieder im Vorfeld.

Geduckt kroch es an. Ein rasender Schnitt durch die Luft: Pfiffe: hinter

einem, vor einem krümmte es sich ... Der Nebenmann links stürzte

vornüber; der rechte ächzte noch einen halben Fluch.

Etwas sprang vor. Etwas sprang zurück.

Es knisterte. Ein Messer zuckte. Körper schnellten gegen Körper. Wie

gespannte Federn.

Man kam mit dem Gegner bis in Tuchfühlung.

„Das ist Ursprache des Volkes. Aus dem Blut heraus wird bejaht: Dieser

Krieg muß sein ...“, fieberphantasierte irgendwo ein Leutnant herum. Max

juckte der Zeigefinger: „Brenn’ ihm eins!“

„Der ganze Krieg soll mich ...“, fluchte ein Soldat-Prolet und riß einem

„Pardon“ wimmernden Hochländer mit einem Ruck das Messer durch die

Gurgel.

Pfui Teufel.

Viele kotzten.

Wieder andere hatten die Hosen voll.

In den Kehlen steckte wie ein würgender Pfropf ein unwiderstehlicher

Brechreiz.

Man watete schon wieder bis über die Knie in einem richtigen

Leichenmorast. Menschenmüll. Ueberall Pfützen voll Blutwasser. Hie und

da entlud sich wieder einmal eine Sprengmine zur Abwechslung. Es roch

süßlich, ranzig. Wie angebranntes Fett.

Dort schüttete die explodierende Erde ein Massengrab hoch.

„Offensiv-Parfüm“, meckerte einer.

Eine MG-Mannschaft füllte den Kühlkasten ihrer Kugelspritze mit Urin

auf.

* * * * *

Max Herse bekam kaum noch Luft. Er lechzte nach einem Schluck Wasser.

Die Glieder, die Arme und die Beine, schlenkerten an ihm herum wie etwas

Fremdes. Er fühlte, daß sein ganzer Körper nur noch aus Knochen bestand.

Die Haut wurde ganz straff, spannte. Die Gelenke gingen ihm beinahe aus

dem Leim ... Das war die Todesangst ...

Menschenleiche, Stein, Baum: das ist ein und dasselbe. Gleich wahr,

gleich unwirklich. Nur nicht lange Federlesens machen. Das lohnt sich

nicht. Irgendwo spaziert ein Irrsinniggewordener im Tanzschritt über das

Schlachtfeld.

Gefangene wurden abgeknallt.

Man sah kaum mehr aus den Augen vor Blutrausch.

Zu einem wüsten Grinsen war das Gesicht einer Ordonnanz verzerrt, die

immer wieder von neuem ihre zweiunddreißigschüssige Repetierpistole lud

und damit einen Gefangenentransport nach dem andern umlegte.

Der Zeigefinger der Ordonnanz war schwarz gefärbt von Pulverrauch.

Die Menschen funktionierten wie Automaten.

Wie auf dem Exerzierplatz.

Stoß: Gegenstoß.

Schlag: Hieb.

Hart gegen hart.

Ruck-zuck ...

„Alte preußische Garde ... hahaha ... Prost Mahlzeit, altes Frontschwein

... Einen Kuß, Max Bruderherz. Hier einen Schluck Sturmschnaps ...“

Max kroch auf allen Vieren.

Ein sinnlos Betrunkener torkelte ohne jede Deckung an, umarmte ihn,

tapste vorüber, rief noch:

„Fünfe hab’ ich heute schon hinter mir. Knorke. Nun aber für heute

Feierabend und Schluß damit ...“

Ein Feldwebelleutnant knurrte herüber:

„Stopf ihm die Schnauze ...“

Schwuppdich. Ein leichter Klaps vor die Stirn. Und der Feldwebelleutnant

schnappte mit einem Purzelbaum hintüber. Er kauerte sich noch zurecht.

Er wimmerte „Mami, Mami“, bis eine genügende Menge Blutes aus ihm

ausgequetscht war.

Es gab fast keine Nuancen mehr in den Bewegungen. Mit dem ganzen

Lebenstrieb dahinter wurde so ein Bajonettstoß geführt. Manchmal glitten

die Messer mit einem spitzen Geräusch elastisch aneinander ab. Eines

stieß senkrecht auf die Verschlußschnalle der Koppel auf, bog sich zu

einem Halbkreis. Zuckte ab, sprang links vorbei mitten hindurch durch

die Niere.

Man fraß sich mit aufgesperrten Augen, mit vibrierenden Nasenflügeln,

man fraß sich förmlich mit seiner ganzen Existenz in den Gegner hinein.

Waren es noch Menschen oder mechanische Puppen? Mit dicken Mänteln waren

sie behängt. Mit einem wattigen Stoff, der bei einem Stich Ströme Blutes

sickern lassen konnte, waren sie ausgestopft. So haute es sich,

anscheinend ziel- und planlos, jetzt im Niemandsland herum.

Reserven stürzten sich auf Reserven.

Qualmend dunstete die Erde aus.

Darüber Vollmond ...

* * * * *

Die feindlichen Bataillone hatten noch in der Nacht zum Gegenstoß

ausgeholt. –

V

Weiter zogen die Jahre. Tag für Tag erschienen die Zeitungen mit

spaltenlangen Verlustlisten gefüllt. Alle Viere von sich gestreckt lagen

sie auf der Erde da: Männer, die Schädel zerfetzt, die Brust

aufgetrieben, die Gedärme brachen aus den geborstenen Uniformen heraus,

Millionen Männer lagen so, über der Erde, unter der Erde ...

Noch immer kein Ende ...

Tag und Nacht experimentierten Tausende von Chemikern. Wunderbare

Gasgemische entstanden in den Laboratorien. Zentner-Mengen Kampfstoff

schickten die deutschen Farbstoffindustrien in die Welt. Die in diesen

Fabriken beschäftigten Arbeiter wußten nicht, was sie produzierten. Die

organische Verbindung zwischen den Kriegsmaterialien und der friedlichen

Industrie ist im Kriegsgaswesen besonders eng. Fast alle Kampfgase

finden auch im friedlichen Leben Anwendung. Sie dienen entweder

unmittelbar für verschiedene friedliche Zwecke z. B. zur Desinfektion

des Getreides, von Wohnräumen und dergleichen, oder aber sie bilden

Zwischenprodukte für andere im friedlichen Leben unentbehrliche

Produkte. Vor allem stehen die Kampfgase mit der Farbindustrie in

Verbindung, zugleich aber sind sie auch für die Herstellung von

Medikamenten und photographischen Artikeln zu benutzen.

Es marschierte auf das Chlor.

Chlorphosgengemische. Chlorpikrinsulfuryl. 20000 Zentner Gaskampfstoffe

wälzten sich daher als Giftflut.

Es marschierte auf Phosgen.

Diente es einstmals nicht zur Herstellung einer ganzen Reihe hellroter,

blauer und violetter Farben?!

Es marschierten auf die Arsine, aus dem gleichen Rohstoff hergestellt

wie die Arsen-Präparate.

Acht deutsche Fabriken befaßten sich mit der Herstellung dieser

Kampfgase ... –

* * * * *

Und gegen 4 Uhr morgens begann wieder die Artillerieschlacht mit einem

gewaltigen Feuerschlage auf 70 Kilometer Breite.

7000 Geschütze waren es, riesenkalibrige und großkalibrige, die die

Bekämpfung des feindlichen Grabensystems aufnahmen, gegen das auch eine

Unmasse an Minenwerfern und Gaswerfern eingesetzt wurde.

Die feindliche Artillerie war durch das reichliche Infektionsschießen am

vorhergegangenen Tage schon zum Schweigen gebracht.

Das feindliche Gelände war in dichte Gassümpfe verwandelt worden.

Eine Doppelwalze lief vor der stürmenden Infanterie einher: eine Walze

mit Splittermunition dicht vor, die andere mit Gasmunition weit

vorauswandernd.

Alle Truppen waren mit Gasmasken versehen.

Pferde trugen Gasschuhe.

Es gab schon Entseuchungskommandos in richtigen taucherähnlichen

Gasschutzanzügen. Riesige Mengen Chlorkalk, das entgiftend wirkte,

wurden auf Feldbahnen herangefahren.

Man legte Gassperren, blaue Räume, gelbe Räume, bunte Räume, man

unterschied bereits zwischen Gasüberfall, Schwadenschießen,

Gasbrisanzschießen, Verseuchungsschießen.

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 70 / 229 题