Eine richtige Gastaktik hatte sich entwickelt. –

* * * * *

Mit einem leichten dumpfen Knall explodierten ununterbrochen in der

Stadt die Gasgeschosse.

Es roch nur ein wenig in den Straßen wie nach bitteren Mandeln. Man sah

kaum Menschen, einige nur, einen Bausch vor Nase und Mund, der mit einer

besonderen Flüssigkeit getränkt war.

Verwundete zwar, die hier von der Front durchkamen, erzählten kaum

Glaubliches:

„Die Deutschen verfeuern Geschosse, die geheimnisvolle Flüssigkeiten

enthalten, die verdampften und in gasförmigem Zustand die Fähigkeit

haben, Leder, Haut, Gemäuer zu durchdringen, und die, selbst in den

minimalsten Dosen eingeatmet, absolut tödlich sind. Und welch ein Tod!

Ja, erzählte man, sie wirkten auch durch die Haut selbst hindurch sofort

tödlich, starke Erregungen der Atmung, eine eigentümliche psychische

Unruhe machte sich sofort bemerkbar, Erbrechen, Magenstörungen,

Verlangsamung des Herzschlags, Bewußtlosigkeit. Geschmack und Geruch

gehen oft völlig verloren. Das aber sind nur die Nebenwirkungen.

Kennzeichnend ist der schleichende Verlauf. Zuerst etwa das Bild eines

Gletscherbrandes: erst nach mehreren Stunden eine Rötung, hierauf oft

beträchtliche Schwellungen der Haut. Blasen bilden sich, nicht selten

von unförmiger Größe, sie sind mit einer klaren, leicht gerinnenden

Flüssigkeit gefüllt, leicht eiternd. Das Sehvermögen wird durch eine

schmerzhafte Bindehautentzündung beeinträchtigt. Ja, das Auge kann

völlig zuschwellen und eiterigen Ausfluß absondern. Dann kommt das

Lungenödem: in den Lungen bilden sich überall kleine Herde von

angesammelter Flüssigkeit, die rasch wachsen und sich vereinigen können,

um schließlich den größten Teil des Lungenraumes auszufüllen und durch

zunehmende Beschränkung der Luftzufuhr tödliche Erstickung

herbeizuführen ... Nun, Luftgeschwader seien bereitgestellt, diese

Flüssigkeiten, die in die Fliegerbomben gefüllt sind, weit hinter der

Front über die Städte auszugießen ... Auch hätten die Deutschen jetzt

zudem Apparate, aus denen sie Flammen spritzten, und das alles

verwendeten sie zusammen, das eine nicht ohne das andere ... es sei

unmöglich, den Krieg noch länger zu führen, es sei einfach

menschenunmöglich sowas auszuhalten ...“

* * * * *

Weiter fielen unterdeß die Bomben auf die Stadt.

Ein dunkler schwerfälliger Regen, mit großen eisernen Tropfen ...

Bald nah, bald fern: aber die Geschosse hatten nur eine geringe

Sprengwirkung. Die Einwohner fühlten sich mehr als bei früheren

Beschießungen geborgen. Auch Brandwirkung war keine zu beobachten. Es

war volle Frühlingssonne, die Straßen waren aufgeweicht, hoch oben

surrten die Fliegergeschwader in der blauen Märzluft.

Aber trotzdem: nach Verlauf von einigen Stunden begann es.

Die Einwohner hockten wie immer in den Kellern.

Es war unheimlich. Es war noch nie dagewesen. Es war, um völlig den

Verstand zu verlieren.

Irgendwer stürzte die Treppen herunter. Die Nase dieses „Irgendwer“ war

ein einziger blutiger Knollen. Er hatte sie sich vollkommen aufgejuckt.

Aus seinen Augen troff das Tränenwasser und dabei schrie er immer mit

heiserer Stimme: „Das ist das Wahnsinnsgas ... das Wahnsinnsgas ...“ Er

taumelte unten noch einige Schritte vor, dann stürzte er wo nieder,

fetzte sich die Kleider vom Leib, knirschte mit den Zähnen, kratzte und

knetete sich, ganz leise wimmerte er jetzt nur noch: „Die Boches. Die

ver...“

Wie auf Kommando begann jetzt auch schon der ganze Raum zu husten.

Einige zündeten sich die Pfeifen an, pafften wie toll, behaupteten, das

wäre ein Mittel dagegen.

Acht Menschen saßen da im Keller, fünf Frauen, drei Männer. Die Frauen

in mittlerem Alter, die Männer alle über fünfzig alt. Man hatte auch

Matratzen nach unten geschafft, man lag und stand da jeden Tag seine

fünf Stunden herum, das war einem schon so zur Gewohnheit geworden. Die

Kinder nahmen Spielzeug mit, einen Teddybär, der gar keine Angst hatte

und aus seinen Glaskugelaugen nach wie vor fröhlich in die Welt blickte.

Jeder sah jetzt auf den andern.

Einige nur stierten teilnahmslos vor sich hin.

Die Beschießung hatte aufgehört.

Oben klimperten Schritte.

Der „Irgendwer“ jammerte in seinem Winkel ganz erbärmlich.

André, kriegsinvalid, Feldzugsteilnehmer von 70/71, stieß ihn:

„Na Junge, schwere Brocken was ...“

* * * * *

Eine gespenstische Verwandlung bereitete sich vor.

Die Gesichter der im Keller eingepferchten Menschen wurden plötzlich

schwammig, klößig, auch die Hände dunsen auf.

Die Weiber fingen zu plärren an.

Ein Hustenkrampf erstickte ihre Stimme.

Seltsame Bewegungen machten sie mit Armen und Fingern, wie in einem

Traumzustand, ganz schwer, langsam, schleichend.

Die Gesichter hatten nun eine Farbe wie Lehm.

Der Körper fleckte sich.

Die Schleimhäute bissen.

Schüttelfieber jagte daher, Augen schwollen, unter den Fingernägeln war

es, als krabbelten dort lebendiggewordene widerhakichte Eisenspäne. Der

Kellerraum drückte wie ein unendliches Gewicht auf die Lunge herein. Wie

flüssiges Blei kochte es in der Brust ... Da wurde alles auch schon

schleierig, fadenscheinig, der ganze Raum wogte, alles floß auseinander

in Millionen unsichtbaren Wellen, merkwürdig summend ...

Der Todeskampf der Gasvergifteten dauerte so einige Stunden lang ...

* * * * *

Es entspricht aber keineswegs den Tatsachen, was man sich späterhin oft

erzählt hat. Es ist nicht richtig, daß die von der Gasvergiftung

betroffenen Menschen sich im letzten Stadium der Vergiftung gegenseitig

noch angefallen haben, sich mit dem Messer bearbeitet oder gegenseitig

sich gebissen und gewürgt haben. Solche Ausbrüche wahnsinniger

Verzweiflung wurden nicht bekannt. Ganz das Gegenteil. Ohne daß sie

etwas dagegen unternommen hätten, trockneten diese Unglücklichen einfach

inwendig aus. Ein allgemeiner lähmender Zustand ging dem Endstadium

voraus.

Keiner bewegte sich vom Platz. Sie blieben wie festgenagelt, wo sie

gerade saßen oder standen. –

* * * * *

Eine unsichtbare Gasdecke lagerte über der Stadt.

Langsam drang das Gas überall ein.

Es wehte daher durch Wasserleitungsrohre, durch Türritzen und

Fensterspalten, durch Mauern, durch Glas, durch Stein, durch Eisen.

Es war völlige Windstille. Das Gas verflüchtigte sich nicht.

Hunde, Hühner, Pferde lagen auf den Trottoiren, Klumpen, Fetzen von

Haut, auch das Leben der Bäume und Gräser schien restlos getilgt.

Absolut tödliche Gase waren mit sogenannten Reizgasen gemischt: man

mußte vor Augen-, Nasen- und Mundschmerzen die Masken abreißen, das

absolut tödliche Gas fand durch die Luftröhre in die Lunge Eingang, und

man war rettungslos geliefert.

Dann wieder setzte eine Gasbombenbeschießung ein, kombiniert mit

Brisanzgeschossen: so erreichte man außerdem noch eine hübsche

Sprengwirkung: durch die aufgerissenen Löcher flutete nun das Giftgas in

vollkommener Dichtigkeit.

Vorne an der Front wurden die Bewegungen der nachstoßenden Infanterie

langsamer und unsicherer. Gewisse Gassumpfgebiete waren für sie

überhaupt nicht mehr passierbar. In Masken standen sich von nun an die

Bajonettfechter, die Handgranatenwerfer gegenüber.

In die gasverseuchten Grabensysteme stürzten sich die Stoßtrupps hinein,

wie die Frettchen in einen Kaninchenbau. Mit Bajonetten und Handgranaten

kitzelten sie die letzten noch Ueberlebenden heraus. Zweifüßige

gespenstische Larven jagten in den Grabengängen hintereinander her, die

Büchse mit dem Filtereinsatz hing vom Mund herab wie ein kurzer Rüssel.

„So ein Krieg –

„Kotzbrocken –

„Klamottenkrieg ...“

Und Max Herse fand eben in einem Unterstand, der zur Nachbardivision

gehörte, folgendes Flugblatt an einem Balken angeheftet:

„Helft mit allen Mitteln, die ihr zur Verfügung habt, zur schnellsten

Beendigung des Menschenmordens. Verlangt das sofortige Ende des Krieges.

Erhebt euch zum Kampfe, getretene und hingemordete Völker! Es naht die

Stunde des Völkerfriedens. Nieder mit dem Krieg ...“

Quatsch.

Was war das!?

Wie ein Herzschlag pochte es in der Erde. Jeden Moment konnte man

auffliegen.

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 71 / 229 题