Bevor der Straßenbahnschaffner in den Dienst gegangen war, hatte er Max
noch eine Zeitung zugesteckt ...
„Da lies!“
„Ein groß angelegter Betrug. Was geschieht mit den Spenden für die
Hinterbliebenen der 136 ermordeten Kumpels der Zeche „Königin Luise“
...? Kaum hatten sich die Erdhügel über den 136 Opfern geschlossen, da
hatte man vergessen, was man gestern noch zum Ausdruck gebracht hatte.
Alle die schönen Worte erwiesen sich als leerer Schall ...“
Max wusch sich eben.
„Und was war gestern abend los ...?“
Max wich aus:
„Ach, wie immer dasselbe. Man kennt sich überhaupt nicht mehr aus.“ –
Max war in den letzten Tagen bedeutend vorsichtiger mit seinen
Aeußerungen geworden. Eine tiefe innere Unruhe trieb ihn. Er versuchte
neben dem „Vorwärts“ auch die „Rote Fahne“ zu bekommen. Auch die
Betriebszeitungen las er gründlich durch. Er begann von neuem seine
Kollegen im Betrieb zu studieren, war selbst sehr zurückhaltend, er
lauerte auf jede Antwort, er selbst fragte nur, um zu lernen. Bei allen
Debatten, die sich immer aus Anlaß einer scheinbar ganz nebensächlichen
Betriebsangelegenheit zuerst entspannen und sich sofort zu
Zusammenstößen zwischen SPD und Kommunisten entwickelten, bei allen
derartigen Auseinandersetzungen ergriff Max nicht mehr Partei.
Kinos, Vergnügungslokale, Kneipen mied er, er holte sich bei Kollegen
einige Bücher, fraß sich mit Müh’ und Not durch. Er wollte unbedingt
dahinter kommen. –
* * * * *
Was gewesen ist, ist gewesen. Oder: keiner denkt mehr daran. Aber
plötzlich eines Tages überfällt dich ein Teil deiner Vergangenheit,
stürzt sich auf dich, wälzt sich auf dir herum, man biegt und krümmt
sich unter der Last: bis das drückende Gewicht solch einer Erscheinung
zu schweben beginnt, kampflos von einem abläßt, und man plötzlich
wieder, so wie man ist, mit sich selbst da steht, ohne noch über das
Wesen dieser Bedrückung und den Zusammenhang, in dem sie erschienen ist,
sich klar geworden zu sein.
So geschah es auch Max, als ihn die folgenden Erinnerungen aus dem
Weltkrieg heimsuchten. –