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Lange Autoreihen vor den Hotels: betreßte Diener öffneten, die Hand an
der Mütze, den Verschlag. Damen in Pelzmänteln, Herren in
hochgeschlossenen schwarzen Mänteln, den Zylinder auf, dahinschreitend,
beinahe akkurat so wie die Göttergestalten aus dem Altertum. Oder wie
die Ritter meinetwegen ... Läden: aus denen wunderbar lackierte
Autokarosserien hervorleuchteten ... Und wirklich schöne Frauen waren
das vorhin, radikal mit den Augen einen zerschmeißen konnten die;
duftiges Fleisch, ohne Fehl und Makel, irdische Göttinnen, gelenkig und
geschmeidig. Wie sicher sie sich bewegen! Man mußte schon genau
hinhören, wenn man ihre Sprache verstehen wollte. Gleichnisse, Tonfall:
alles war anders.
„Während unsereinem zu Hause die Frauen vor lauter Haushaltungsarbeit
und Nahrungssorgen wurmstichig werden.“
An den drei von der Versammlung heimkehrenden Proleten glitt das alles
vorüber, wie eine unwirkliche Erscheinung.
Das war wie das „Jenseits“.
Einmal stieß der Metalldreher Lange den Max Herse in die Seite, man
sprach aber dazu kein Wort: eine Gruppe von übergeschminkten Kokotten
zwitscherte an einer Straßenecke herum, stürzte sich auf einen
dicklichen angetrunkenen Herrn, der leicht schlingernd seines Weges
daherzog: der dickliche Herr stoppte auch, nicht ohne Mühe,
gestikulierte eifrig, nickte am Ende der Unterhandlung jovial und
verschwand auch schon in der Nebenstraße, auf der einen Seite eingehakt
von einer Spindeldürren, auf der anderen von einer Fetten.
„Was so ein Späßchen bloß wieder mal kosten mag!“
„Da schau nur mal an: so ein vollgefressenes Schweinchen das ... Na, dem
gehört auch von seiner Alten der Buckel voll ...“
Die Proleten lachten nur dazu. Schüttelten die Köpfe.
* * * * *
„Nein, Wilhelm, wenn ich seh, wie die im Betrieb arbeiten! So eine
Pfuscherei ... Ich sag dir ... laß mich aus damit ...“
„Rin in die Kartoffeln, raus aus den Kartoffeln ... und das nennen sie
dann Arbeit im Konsum, Gewerkschaftsarbeit ... Ist schon richtig: Fehler
werden alleweil gemacht, Fehler müssen sogar gemacht werden, nur einer,
der nichts tut, macht keine, aber absolut sich nun darauf zu versteifen,
aus den Fehlern ausgerechnet nichts zu lernen ...“
Der einzige von den dreien, der eben noch etwas für die Kommunisten
übrig hatte, war Lange, Lange Wilhelm. Er war in einem Großbetrieb
Metalldreher. Der Kollege Stilling von der AEG und Herse Max drangen nun
auf ihren Arbeitskollegen Lange energischer ein.
„Beim Streik bei der Turbine haben wir es wieder gesehen. Schön hübsch
zuwarten, bis alles von selbst losgeht ... Dann sich hinten anhängen und
das große Maul haben, aber nur, nur nichts organisieren ... was kommt’s
denn auf drei oder vier Pfennig mehr Lohn an, sagen sich die vornehmen
Herrschaften ... und doch kommt’s darauf an, sag ich, der hat auch für
große Kämpfe nicht das Vertrauen der Arbeiter, der nicht ihre kleinen
und kleinsten Alltagsschmerzen mit ihnen teilt ... Auf ein mehr oder
minder gutes Klosett kommt’s an, und wer das nicht begreift ... Eine
richtige Schwanzpolitik ist das ... Na, ihr werdet euch noch gewaltig
die Finger verbrennen ...“
„Und damals Wilhelm, wie wars denn im Oktober! ... Ich geb dir die Hand
darauf, ich hab gewartet, daß es endlich losgeht. Kaum heimgeh’n hab ich
noch können, immer war ich wie auf dem Sprung, und dann ... so in den
Dreck gekrochen ... Pfui Teufel ...“
Die beiden überschütteten Wilhelm mit einem Trommelfeuer von Vorwürfen.
„Mag sein. Mag alles sein. Wir, wir vor allem in den Betrieben, müssen
eben jetzt diese Fehler wieder herauswirtschaften ... Aber, wenn man so
wie ihr auf der Seite steht ... Und seht da: 7000. Hunderte von Jahren
Zuchthaus und Gefängnis sind es, Kollegen. Und 15000 haben sie allein in
Deutschland unter die Erde geschossen. Und von Rechts wegen müßtet ihr
auch die Kriegsverluste noch dazu zählen: 13 Millionen insgesamt gibt
das ... Und diese Proleten, Kollegen, haben doch mit bestem Wissen, mit
bestem Glauben, voll und ganz für uns gekämpft. Das könnt ihr doch,
trotz alldem, nicht ableugnen ... Ist doch unser Blut! ...“
„Mag sein. Die Führer sind schuld daran. Die haben sie hereingebracht.
Die sind allesamt durch die Bank faul ... Moskau ...“
„Nein, Kollegen, daran liegts nicht. Daran liegts, daß wir bisher noch
keine richtige Partei gehabt haben. Die müssen wir uns erst schaffen.
Ohne Partei keine Führer ... So ists. Und die SPD. ist eine bürgerliche
Partei ... Wir brauchen jetzt eine wirkliche Arbeiterpartei. Das ist
keine geringe Aufgabe ...“
Der Kollege Lange wurde sich eigentlich erst während er sprach selbst
klar darüber, was er jetzt vorbrachte.
„Gut. Mag vieles davon stimmen, was ihr angeführt habt, du Herse und du
Stilling. Aber auf das Ganze kommt es an, und da, das weiß ich, haben
wir wohl recht ...“
„Na, und stimmt das oder nicht, daß ihr Kommunisten auch immer dort
eigene Kandidaten aufstellt, wo ihr gar keine Aussicht auf einen
Wahlerfolg habt. Dadurch schwächt ihr nur die Arbeiterstimmen und
leistet der Reaktion Vorschub. Wie heute abend auch richtig der Redner
auseinandergesetzt hat ...“
„Ein schöner politischer Schmierölfabrikant das ... Da erteilt euch aber
Karl Marx eine ordentliche Abfuhr. Bei dem heißt es nämlich klipp und
klar: „Selbst da, wo gar keine Aussicht zu ihrer Durchführung vorhanden
ist, müssen die Arbeiter ihre eigenen Kandidaten aufstellen, um ihre
Selbständigkeit zu bewahren, ihre Kräfte zu zählen, ihre revolutionäre
Stellung und Parteistandpunkte vor die Oeffentlichkeit zu bringen. Sie
dürfen sich hierbei nicht durch die Redensarten der Demokraten bestechen
lassen, wie z. B. dadurch spalte man die Demokratische Partei und gebe
der Reaktion die Möglichkeit zum Siege. Bei allen diesen Phrasen kommt
es schließlich darauf hinaus, daß das Proletariat geprellt werden soll.
Die Fortschritte, die die proletarische Partei durch ein solches
unabhängiges Auftreten machen muß, sind unendlich wichtiger als der
Nachteil, den die Gegenwart einiger Reaktionäre in der Vertretung
erzeugen könnte ...“ So, da habt ihrs, schwarz auf weiß, wie damals, so
heute ...“