Aber die Gegner Langes gaben sich damit nicht zufrieden. Nun fuhren sie,
wenigstens ihrer Meinung nach, ein besonders schweres Geschütz auf.
„Und Bazillen, Cholerabazillen, Giftgase und Fälscherzentralen ... So
lies doch die Zeitung! ... Auch eine deutsche Tscheka gibt es und
Terrorgruppen ... Ich will nichts zu tun haben mit diesen Bombenwerfern
und Gurgelabschneidern ... Jeder ehrliche Prolet ... Ich meine nur: Pfui
Teufel ...“
„Wir haben doch das denkbar größte Interesse daran, daß der Kapitalismus
sich entwickelt. Und solange außerdem noch zwei Drittel der Bevölkerung
für den Kapitalismus stimmen ... Nein, Wilhelm, so eine Putschtaktik
mache auch ich meinerseits nicht mit ... Und kannst du vielleicht
bestreiten, daß gerade die Kommunisten es sind, die am meisten unserem
„Reichsbanner“ zu schaffen machen. Da, wie wars denn neulich im
„Sportpalast“. Glaubt ihr denn im Ernst: Radau, Zwischenrufe,
Gummiknüppel und Schlagringe sind ein ausreichendes Beweismittel. Gerade
das Gegenteil erreicht ihr! Das müßt ihr schon anders anfangen! ... Wie
wollt ihr das alles vom Arbeiterstandpunkt, vom Standpunkt der
proletarischen Revolution aus rechtfertigen. Aber Befehl ist eben
Befehl. Und Moskau ist für euch schon der liebe rote Gott. Ja, wenn der
Rubel rollt, so war es schon immer in der Weltgeschichte, und wo der
hinfällt, da wächst keine Vernunft mehr. Heute ist die 3. Internationale
nichts weiter mehr als ein Instrument der russischen Außenpolitik ...
Mit Arbeiterinteressen hat das verflucht wenig zu tun ... Und
„Reichsbanner“ oder „Stahlhelm“, was ist da das kleinere Uebel ...?
Außerdem, so schlimm ist es ja nun, Gott sei Dank, mit dem Kapitalismus
doch nicht. Wer arbeiten will und etwas kann, etwas kann vor allem, der
bekommt auch Arbeit und hat zu essen. Aber schau dir nur einmal im
Betrieb die Herren Genossen Kommunisten-Kollegen an: verstehn die
vielleicht was vom Handwerk!? ... Bengels, freche Bengels sind sie, die
große Schnauze haben sie, können sie vielleicht auf sachliche Einwände
etwas wirklich Ernstzunehmendes erwidern ... zurückgeblieben und
stehngeblieben mit ihren Anschauungen sind sie, weiter nichts ... Hie
und da, das gebe ich gern zu, ist auch so ein Ehrlicher, so ein
Fanatiker darunter ... So verbohrt, so verdreht ... Ich sage mir: man
muß sich halt durchboxen ... Leben und Leben lassen ... Wird schon
werden. Und die Auswüchse des Kapitalismus, die muß man bekämpfen. Habe
nichts dagegen, wenn man die Wucherer und Schieber und mögen sie
Minister und Kaiser und Könige und weiß Gott wie heißen, daß man die vor
das Gericht stellt. Gerechtigkeit muß sein. Und die allzu große
Ungleichheit zwischen Löhnen und Profit, die allerdings sollte auch
beseitigt werden. Und wenn wir erst einmal die Mehrheit im Reichstag
haben, dann wirst du sehen: wie ein Hagelwetter prasseln die Steuern auf
den Rücken der Besitzenden nieder ... Du hast es doch heute abend selbst
gehört ...“
„Illusionen! Illusionen! Merkwürdig, wie ein Prolet sich heute noch
solche Illusionen machen kann ... Ja, was ein jeder sich wünscht, daran
glaubt er ... So arbeitet die SPD ... Es ist wirklich zum Verzweifeln.
Zum Tieftraurigwerden ...“
Wilhelm Lange pfiff leise vor sich hin.
„Ruhe und Ordnung!“
Auch der Kollege Stilling von der AEG war der gleichen Ansicht wie
Herse.
„Wir brauchen einen Linksblock, meinte der, mit Einschluß der
Kommunisten meinetwegen, wenn, ja wenn sie positive Arbeit,
Wiederaufbauarbeit leisten wollen. So etwas wie in England oder in
Frankreich. Da sieh dir nur einmal das Leben eines Arbeiters in England
an! In Amerika. Hast du nichts von Ford gehört. Es gibt eben zweierlei
Kapitalisten. Solche und solche ... Jeder hat da bald schon sein eigenes
Auto. Ganz bestimmt, so wird es bald auch noch bei uns kommen ... Und
ich sehe gar nicht ein, warum wir uns nicht friedlich weiterentwickeln
sollen. Die Kapitalisten haben gar kein Interesse mehr am Kriege. Ein
viel zu großes Risiko. Viel zu viel Angst vor einer Niederlage, die
immer mit Revolutionsgefahr verbunden ist ... Für den Kommunismus aber
sind wir noch nicht im entferntesten reif ... Hast du denn keine Augen
und Ohren, Wilhelm, und siehst und hörst nichts in den Betrieben!? Diese
Schweinereien! Diese Schmierereien! Wie der eine gegen den andern
stänkert! Denunziert! Den Lohn drückt! Sich zu Ueberstunden drängt! Um
den Meister herumschwänzelt! Streik bricht! Da ist es mit dem
Klassenbewußtsein nicht weit her ... Und die Kommunisten sage ich, die
haben, sage ich, durch ihr Maulaufreißertum ein für allemal
abgewirtschaftet. Revolutionsgewäsch, überradikales Geschwätz, weiter
nichts. Ich meine halt schon, auf das eine kommt es jetzt an – Frieden
auf Erden ...“
Endlich kam auch der Kommunist wieder zu Wort.
„Schau, Max, neulich bei dem Grubenunglück, da hast du ganz anders
gesprochen. Da bist auch du aus deiner SPD.-Haut gefahren. Und heut!?
... Es ist viel zu viel von Frieden die Rede, als daß es wahr sein
könnte. Glaub mirs. Und haben wir nicht eigentlich noch immer Krieg: in
Indien, in Aegypten, in China, bei den Türken, bei den Rifkabylen ...
Bei uns selbst: ein trockener Krieg, wenn du willst ... Jeder Tag bringt
doch neue Verluste ... Erwerbslose, Verhungernde, solche, denen die
tödlichen Krankheiten direkt aufgezwungen werden ... Da war ich neulich
dabei bei einer Armenkommission und habe einige Wohnungen besucht ...
Na, sage ich dir: oft neun, zwölf Menschen in einem Raum, in einem
Stalloch, und das war längst noch nicht das schlimmste ... Hundert
Wohnungen gehören da einem, der vielleicht in Czernowitz sitzt. Heute
ist _der_ Besitzer, morgen der ... So einer wechselt die Häuser wie die
Wäsche. Reine Spekulationsobjekte sind solche Wohnhäuser ... Dabei
verfaulen sie, verfallen sie ... Wer kümmert sich um sie. Der Staat
vielleicht!? Na, der hat andere Sorgen ... Die Bettstellen waren halb
durch die verfaulten Bodenbretter in den Keller heruntergebrochen, ein
Gestank darin ... nein sowas kann man nicht schildern ... Ich sage dir,
so eine Wohnung ist weiter nichts als ein langsam sich vollstreckender
Lebensmord ... Und außerdem, sag ich euch, schaut euch nur einmal die
Kriegsrüstungen an, das ist jetzt nur eine Atempause und alles spricht
dafür, daß es bald wieder losgeht ...“
„Nachtigall, ick hör dir tapsen ... Das ja eben ist’s, was ihr braucht.
Natürlich! Natürlich! Aufstieg und Gesundung unseres wirtschaftlichen
und politischen Lebens dürft ihr ja nicht wahrhaben wollen. Ihr müßt im
Trüben fischen. Wo reine helle Luft ist, da ist keine Atmosphäre für
euch, da ist für euch nichts herauszuholen ... Je schlimmer aber die
Verelendung ist, je größere kriegerische Konflikte ausbrechen, desto
mehr Wasser, glaubt ihr, bekommt ihr auf eure Mühle ... Ich könnte mir
denken, daß ihr von diesem Standpunkt aus, wenn Ebert mal tot ist, auch
dem Hindenburg noch zur Präsidentschaft verhelft ... Doch wartet nur!
... Vielleicht läuft der Hase doch anders ...“
„Ach, laß mich aus jetzt mit der leidigen Politik, darüber werden wir
uns doch nicht einig werden, warten wir die Zeit ab, aber so, wie es
heute ist, sind die Kommunisten nichts weiter als ein Agentenklub der
russischen Außenpolitik. Lenin, das war schon ein Mann, Trotzki,
meinetwegen auch, aber alle anderen, diese Berufsfeldwebel der
Revolution, sind von Uebel ... Da schaut euch nur die deutschen
Kommunisten an! ... Reaktionäre Masse ... Jüngelchen in kurzen Hosen,
noch nicht trocken hinter den Ohren, Novembersozialisten, Dienstzeit:
insgesamt drei Jahre Arbeiterbewegung höchstens. Aber das Maul umso
voller mit Phrasen, mit revolutionären Scheinparolen, und wenn es mal
losgeht, ebenso die Hosen voll ... Nur ein Lastkraftwagen mit Schupo ...
und, heidi, heida, verschwunden schon sind sie ... Hast du nicht neulich
gesehn, wie am Alexanderplatz von zehn Schupos eine ganze Demonstration
dieser Lausbuben auseinandergesäbelt wurde ... Dieses Grünzeug. Recht
geschieht ihm ... Immer mal festedruff ... Kein ehrlicher deutscher
Prolet ...“
Wilhelm haute jetzt nur noch die Sätze hin:
„Aber die sozialdemokratischen Führer haben die Arbeiterschaft
entwaffnet, wehrlos gemacht, verraten, dem Klassenfeind ausgeliefert ...
Das haben sie ... Und fahnenflüchtig seid ihr allesamt geworden. Rot
aber habt ihr mit schwarzrotschwefelgelb vertauscht. Fahnenflüchtige
Mostrichbrüder! ... Aber es hat ja doch keinen Sinn ... Wir Kommunisten
waren die einzigen, die gegen die Monarchisten wirklich mit der Waffe in
der Hand gekämpft haben: siehe Kapp-Putsch ... Und das werden wir auch
weiterhin tun ... Jetzt aber Schluß damit ...“
* * * * *
In der Debatte setzte es jetzt wieder Schlag auf Schlag.
Der Genosse Wilhelm stand in einem richtigen Kreuzfeuer ...
„Kindertrompeten im Reichstag. Höllenmaschinen in Kathedralen.
Explosivstoffe. Vor nichts Respekt ...“
„Wir haben eben eine andere Auffassung vom Staat, wie ihr. – Wir, wir
Proleten, wir sind die wirklichen Legitimen, wenn du so willst ... Und
was die Gewinnung der Mehrheit innerhalb des kapitalistischen
Systems betrifft, so ist das auch so ein utopischer Unfug. Der
Mehrheitsgewinnung steht immer der mächtige Propagandaapparat der
Bourgeoisie gegenüber, schau dir nur jetzt einmal den Rundfunk an,
zu was allem der herhalten muß – und außerdem durch die
Verschiedenartigkeit des Arbeitsplatzes, den jeder im Produktionsprozeß
einnimmt ... Während des Kampfes erst, im Feuer des bewaffneten
Aufstandes _wird_ die Mehrheit. Ihr solltet endlich euch über den
statistischen Unsinn klar geworden sein ...“
„Schon gut. Aber arbeiten, arbeiten, die Revolution wirklich
vorbereiten, organisieren: das könnt ihr nicht ... Nur Terrorgruppen,
und niederbomben ...“
„Mag richtig sein, was das erste betrifft. Darin müssen wir gewaltig
viel noch zulernen. Warum sollen wir eine vernünftige Kritik nicht
ertragen. Und das ist das erste Gescheite, was ihr gesagt habt ... Was
die Spitzel anbetrifft, so solltet ihr euch als Proleten schämen, so
einen ausgemachten bürgerlichen Schwindel nachzuschwätzen ... Habt es ja
selbst neulich erlebt: wie diese gekauften Subjekte provozieren ... um
dann uns Kommunisten etwas anzuhängen ... Ja immer, das sind wir schon
gewohnt, sind es die Kommunisten. Die sind an allem schuld ...
Vielleicht auch die Sonne, das rote Biest!? ... Die Bourgeoisie verzapft
schon einen Mist, wäre ja alles zum Lachen, wenn die Arbeiterschaft sich
doch nicht immer wieder von ihr ein x für u vormachen ließe. So ist’s
zum Heulen ...“
Wilhelm verschnaufte sich.
Der eine oder der andere brummte noch etwas.
„Nichts für ungut“, knurrte der AEG-Kollege.
„’s ist schon so, die Hemdärmel möchte man sich hochkrempeln, wenn man
mit euch diskutiert“, gab Wilhelm zurück.
Schwieg.