XI

Aber die Gegner Langes gaben sich damit nicht zufrieden. Nun fuhren sie,

wenigstens ihrer Meinung nach, ein besonders schweres Geschütz auf.

„Und Bazillen, Cholerabazillen, Giftgase und Fälscherzentralen ... So

lies doch die Zeitung! ... Auch eine deutsche Tscheka gibt es und

Terrorgruppen ... Ich will nichts zu tun haben mit diesen Bombenwerfern

und Gurgelabschneidern ... Jeder ehrliche Prolet ... Ich meine nur: Pfui

Teufel ...“

„Wir haben doch das denkbar größte Interesse daran, daß der Kapitalismus

sich entwickelt. Und solange außerdem noch zwei Drittel der Bevölkerung

für den Kapitalismus stimmen ... Nein, Wilhelm, so eine Putschtaktik

mache auch ich meinerseits nicht mit ... Und kannst du vielleicht

bestreiten, daß gerade die Kommunisten es sind, die am meisten unserem

„Reichsbanner“ zu schaffen machen. Da, wie wars denn neulich im

„Sportpalast“. Glaubt ihr denn im Ernst: Radau, Zwischenrufe,

Gummiknüppel und Schlagringe sind ein ausreichendes Beweismittel. Gerade

das Gegenteil erreicht ihr! Das müßt ihr schon anders anfangen! ... Wie

wollt ihr das alles vom Arbeiterstandpunkt, vom Standpunkt der

proletarischen Revolution aus rechtfertigen. Aber Befehl ist eben

Befehl. Und Moskau ist für euch schon der liebe rote Gott. Ja, wenn der

Rubel rollt, so war es schon immer in der Weltgeschichte, und wo der

hinfällt, da wächst keine Vernunft mehr. Heute ist die 3. Internationale

nichts weiter mehr als ein Instrument der russischen Außenpolitik ...

Mit Arbeiterinteressen hat das verflucht wenig zu tun ... Und

„Reichsbanner“ oder „Stahlhelm“, was ist da das kleinere Uebel ...?

Außerdem, so schlimm ist es ja nun, Gott sei Dank, mit dem Kapitalismus

doch nicht. Wer arbeiten will und etwas kann, etwas kann vor allem, der

bekommt auch Arbeit und hat zu essen. Aber schau dir nur einmal im

Betrieb die Herren Genossen Kommunisten-Kollegen an: verstehn die

vielleicht was vom Handwerk!? ... Bengels, freche Bengels sind sie, die

große Schnauze haben sie, können sie vielleicht auf sachliche Einwände

etwas wirklich Ernstzunehmendes erwidern ... zurückgeblieben und

stehngeblieben mit ihren Anschauungen sind sie, weiter nichts ... Hie

und da, das gebe ich gern zu, ist auch so ein Ehrlicher, so ein

Fanatiker darunter ... So verbohrt, so verdreht ... Ich sage mir: man

muß sich halt durchboxen ... Leben und Leben lassen ... Wird schon

werden. Und die Auswüchse des Kapitalismus, die muß man bekämpfen. Habe

nichts dagegen, wenn man die Wucherer und Schieber und mögen sie

Minister und Kaiser und Könige und weiß Gott wie heißen, daß man die vor

das Gericht stellt. Gerechtigkeit muß sein. Und die allzu große

Ungleichheit zwischen Löhnen und Profit, die allerdings sollte auch

beseitigt werden. Und wenn wir erst einmal die Mehrheit im Reichstag

haben, dann wirst du sehen: wie ein Hagelwetter prasseln die Steuern auf

den Rücken der Besitzenden nieder ... Du hast es doch heute abend selbst

gehört ...“

„Illusionen! Illusionen! Merkwürdig, wie ein Prolet sich heute noch

solche Illusionen machen kann ... Ja, was ein jeder sich wünscht, daran

glaubt er ... So arbeitet die SPD ... Es ist wirklich zum Verzweifeln.

Zum Tieftraurigwerden ...“

Wilhelm Lange pfiff leise vor sich hin.

„Ruhe und Ordnung!“

Auch der Kollege Stilling von der AEG war der gleichen Ansicht wie

Herse.

„Wir brauchen einen Linksblock, meinte der, mit Einschluß der

Kommunisten meinetwegen, wenn, ja wenn sie positive Arbeit,

Wiederaufbauarbeit leisten wollen. So etwas wie in England oder in

Frankreich. Da sieh dir nur einmal das Leben eines Arbeiters in England

an! In Amerika. Hast du nichts von Ford gehört. Es gibt eben zweierlei

Kapitalisten. Solche und solche ... Jeder hat da bald schon sein eigenes

Auto. Ganz bestimmt, so wird es bald auch noch bei uns kommen ... Und

ich sehe gar nicht ein, warum wir uns nicht friedlich weiterentwickeln

sollen. Die Kapitalisten haben gar kein Interesse mehr am Kriege. Ein

viel zu großes Risiko. Viel zu viel Angst vor einer Niederlage, die

immer mit Revolutionsgefahr verbunden ist ... Für den Kommunismus aber

sind wir noch nicht im entferntesten reif ... Hast du denn keine Augen

und Ohren, Wilhelm, und siehst und hörst nichts in den Betrieben!? Diese

Schweinereien! Diese Schmierereien! Wie der eine gegen den andern

stänkert! Denunziert! Den Lohn drückt! Sich zu Ueberstunden drängt! Um

den Meister herumschwänzelt! Streik bricht! Da ist es mit dem

Klassenbewußtsein nicht weit her ... Und die Kommunisten sage ich, die

haben, sage ich, durch ihr Maulaufreißertum ein für allemal

abgewirtschaftet. Revolutionsgewäsch, überradikales Geschwätz, weiter

nichts. Ich meine halt schon, auf das eine kommt es jetzt an – Frieden

auf Erden ...“

Endlich kam auch der Kommunist wieder zu Wort.

„Schau, Max, neulich bei dem Grubenunglück, da hast du ganz anders

gesprochen. Da bist auch du aus deiner SPD.-Haut gefahren. Und heut!?

... Es ist viel zu viel von Frieden die Rede, als daß es wahr sein

könnte. Glaub mirs. Und haben wir nicht eigentlich noch immer Krieg: in

Indien, in Aegypten, in China, bei den Türken, bei den Rifkabylen ...

Bei uns selbst: ein trockener Krieg, wenn du willst ... Jeder Tag bringt

doch neue Verluste ... Erwerbslose, Verhungernde, solche, denen die

tödlichen Krankheiten direkt aufgezwungen werden ... Da war ich neulich

dabei bei einer Armenkommission und habe einige Wohnungen besucht ...

Na, sage ich dir: oft neun, zwölf Menschen in einem Raum, in einem

Stalloch, und das war längst noch nicht das schlimmste ... Hundert

Wohnungen gehören da einem, der vielleicht in Czernowitz sitzt. Heute

ist _der_ Besitzer, morgen der ... So einer wechselt die Häuser wie die

Wäsche. Reine Spekulationsobjekte sind solche Wohnhäuser ... Dabei

verfaulen sie, verfallen sie ... Wer kümmert sich um sie. Der Staat

vielleicht!? Na, der hat andere Sorgen ... Die Bettstellen waren halb

durch die verfaulten Bodenbretter in den Keller heruntergebrochen, ein

Gestank darin ... nein sowas kann man nicht schildern ... Ich sage dir,

so eine Wohnung ist weiter nichts als ein langsam sich vollstreckender

Lebensmord ... Und außerdem, sag ich euch, schaut euch nur einmal die

Kriegsrüstungen an, das ist jetzt nur eine Atempause und alles spricht

dafür, daß es bald wieder losgeht ...“

„Nachtigall, ick hör dir tapsen ... Das ja eben ist’s, was ihr braucht.

Natürlich! Natürlich! Aufstieg und Gesundung unseres wirtschaftlichen

und politischen Lebens dürft ihr ja nicht wahrhaben wollen. Ihr müßt im

Trüben fischen. Wo reine helle Luft ist, da ist keine Atmosphäre für

euch, da ist für euch nichts herauszuholen ... Je schlimmer aber die

Verelendung ist, je größere kriegerische Konflikte ausbrechen, desto

mehr Wasser, glaubt ihr, bekommt ihr auf eure Mühle ... Ich könnte mir

denken, daß ihr von diesem Standpunkt aus, wenn Ebert mal tot ist, auch

dem Hindenburg noch zur Präsidentschaft verhelft ... Doch wartet nur!

... Vielleicht läuft der Hase doch anders ...“

„Ach, laß mich aus jetzt mit der leidigen Politik, darüber werden wir

uns doch nicht einig werden, warten wir die Zeit ab, aber so, wie es

heute ist, sind die Kommunisten nichts weiter als ein Agentenklub der

russischen Außenpolitik. Lenin, das war schon ein Mann, Trotzki,

meinetwegen auch, aber alle anderen, diese Berufsfeldwebel der

Revolution, sind von Uebel ... Da schaut euch nur die deutschen

Kommunisten an! ... Reaktionäre Masse ... Jüngelchen in kurzen Hosen,

noch nicht trocken hinter den Ohren, Novembersozialisten, Dienstzeit:

insgesamt drei Jahre Arbeiterbewegung höchstens. Aber das Maul umso

voller mit Phrasen, mit revolutionären Scheinparolen, und wenn es mal

losgeht, ebenso die Hosen voll ... Nur ein Lastkraftwagen mit Schupo ...

und, heidi, heida, verschwunden schon sind sie ... Hast du nicht neulich

gesehn, wie am Alexanderplatz von zehn Schupos eine ganze Demonstration

dieser Lausbuben auseinandergesäbelt wurde ... Dieses Grünzeug. Recht

geschieht ihm ... Immer mal festedruff ... Kein ehrlicher deutscher

Prolet ...“

Wilhelm haute jetzt nur noch die Sätze hin:

„Aber die sozialdemokratischen Führer haben die Arbeiterschaft

entwaffnet, wehrlos gemacht, verraten, dem Klassenfeind ausgeliefert ...

Das haben sie ... Und fahnenflüchtig seid ihr allesamt geworden. Rot

aber habt ihr mit schwarzrotschwefelgelb vertauscht. Fahnenflüchtige

Mostrichbrüder! ... Aber es hat ja doch keinen Sinn ... Wir Kommunisten

waren die einzigen, die gegen die Monarchisten wirklich mit der Waffe in

der Hand gekämpft haben: siehe Kapp-Putsch ... Und das werden wir auch

weiterhin tun ... Jetzt aber Schluß damit ...“

* * * * *

In der Debatte setzte es jetzt wieder Schlag auf Schlag.

Der Genosse Wilhelm stand in einem richtigen Kreuzfeuer ...

„Kindertrompeten im Reichstag. Höllenmaschinen in Kathedralen.

Explosivstoffe. Vor nichts Respekt ...“

„Wir haben eben eine andere Auffassung vom Staat, wie ihr. – Wir, wir

Proleten, wir sind die wirklichen Legitimen, wenn du so willst ... Und

was die Gewinnung der Mehrheit innerhalb des kapitalistischen

Systems betrifft, so ist das auch so ein utopischer Unfug. Der

Mehrheitsgewinnung steht immer der mächtige Propagandaapparat der

Bourgeoisie gegenüber, schau dir nur jetzt einmal den Rundfunk an,

zu was allem der herhalten muß – und außerdem durch die

Verschiedenartigkeit des Arbeitsplatzes, den jeder im Produktionsprozeß

einnimmt ... Während des Kampfes erst, im Feuer des bewaffneten

Aufstandes _wird_ die Mehrheit. Ihr solltet endlich euch über den

statistischen Unsinn klar geworden sein ...“

„Schon gut. Aber arbeiten, arbeiten, die Revolution wirklich

vorbereiten, organisieren: das könnt ihr nicht ... Nur Terrorgruppen,

und niederbomben ...“

„Mag richtig sein, was das erste betrifft. Darin müssen wir gewaltig

viel noch zulernen. Warum sollen wir eine vernünftige Kritik nicht

ertragen. Und das ist das erste Gescheite, was ihr gesagt habt ... Was

die Spitzel anbetrifft, so solltet ihr euch als Proleten schämen, so

einen ausgemachten bürgerlichen Schwindel nachzuschwätzen ... Habt es ja

selbst neulich erlebt: wie diese gekauften Subjekte provozieren ... um

dann uns Kommunisten etwas anzuhängen ... Ja immer, das sind wir schon

gewohnt, sind es die Kommunisten. Die sind an allem schuld ...

Vielleicht auch die Sonne, das rote Biest!? ... Die Bourgeoisie verzapft

schon einen Mist, wäre ja alles zum Lachen, wenn die Arbeiterschaft sich

doch nicht immer wieder von ihr ein x für u vormachen ließe. So ist’s

zum Heulen ...“

Wilhelm verschnaufte sich.

Der eine oder der andere brummte noch etwas.

„Nichts für ungut“, knurrte der AEG-Kollege.

„’s ist schon so, die Hemdärmel möchte man sich hochkrempeln, wenn man

mit euch diskutiert“, gab Wilhelm zurück.

Schwieg.

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 54 / 229 题