Langsam und schleppend wurde jetzt die letzte Strophe der
„Internationale“ gesungen.
Wie ein Trauermarsch.
„Diese Welt muß unser sein!“
Ja, so ist es. Aber wer glaubte noch daran!?
Wie ein muskelloser, schlaffer, erschöpfter Körper: so war dieser
Gesang. Tausend Münder schnappten automatisch auf und zu ... Kein
Schwung, keine Kraft. Es zog nicht durch ...
„Erst wenn wir sie vertrieben haben –
Dann scheint die Sonn’ ohn’ Unterlaß ...“
Auch viele kannten den Text nicht ...
Aber ein Proletariermädchen sang mit, es war klein und schmal, es
hustete oft dazwischen, die Haut war durchsichtig, die Augen groß
aufgerissen: es sang mit einer hohen schönen Stimme, diese Stimme
schwang sich im Gesang hell empor aus Elend, Lebensnot und
Alltagseinerlei, diese Stimme war wie klares Eiswasser: die Hände
ballten sich, schneller sang sie die Strophen wie die andern, aber sie
wurde auch immer wieder unwiderstehlich in den zähen, trüben, kleberigen
Strom des Massengesanges zurückgerissen ...
Die Versammlung war zu Ende.
Polizeimannschaften mit umgehängtem Karabiner patrouillierten.
Das Wetter war umgeschlagen. Das Nebeldickicht verdampft. Es wehte ein
scharfer Wind ... Die Nacht war eisig.