IX

Max beobachtete den Referenten, der soeben das Schlußwort ergriff.

Wie vertrauenerweckend allein schon seine Gestalt war! Breit und

behäbig, prall gefüllt mit Wohlüberlegtheit und kugelrund vor

Verantwortlichkeit! Rotbackig, mit schwärzlich buschigem Schnurrbart.

Ganz im Gegensatz zu dem Kommunisten, einem jungen und aufgeregten

Bürschlein ... Sachlich, wenn es sachlich zu sein galt, voll von

Entrüstung und gewitterschwangerem Pathos, wenn er auf die Umtriebe der

Reaktion oder auf die schändlichen Machenschaften und Spaltungsversuche

der Kommunisten zu sprechen kam. Ausgeglichen, männlich-reif ... Der hat

Kenntnisse, der versteht was vom Handwerk, der läßt sich nicht so leicht

unterkriegen, der hat Erfahrungen. Nun, schau nur einmal! ... Kurz

gesagt: es war, als spreche hier der gesunde Menschenverstand selbst.

Wie fieberig erhitzt dagegen der Kommunist wirkte! Ueberspitzt in allen

seinen Gesten und Aeußerungen, jedes Wort maßlos übertrieben. Vor

solchen Menschen muß man sich in Acht nehmen, wie das in ihren Augen

flackert, in ihren Fäusten zuckt, in ihrem Brustkasten rumort ...! Die

sind nicht schlecht verrückt! ... Donnerwetter ...

„Nun, Genossen und Genossinnen, werte Versammlung! Dieser allem Anschein

nach systematisch vorbereitete Sprengungsversuch der Kommunisten ist

dank dem wirksamen Eingreifen unseres Reichsbanners –“

„Bravo! Frei Heil!“

„– mißglückt. Da haben Sie es! Aber der deutsche Arbeiter ist

schließlich gerechtigkeitsliebend genug, um auch den Gegner so zu sehen,

wie er ist. Ich spreche jetzt von der besitzenden Klasse. Lassen wir uns

bei deren Beurteilung nicht von blindwütigem Haß hinreißen, ich gebe zu,

mancher von uns, muß, um zu einem objektiven Urteil über seinen Gegner

zu kommen, noch viel an sich arbeiten, denn die Theorie vom Klassenkampf

hat viel an uns verdorben. Wir Sozialdemokraten vertreten die Gesamtheit

der Nation, wir vertreten die Interessen aller Bevölkerungskreise, das

Wort „Klassenkampf“ ist überhaupt veraltet und wissenschaftlich bereits

längst überholt ... Also: mit dieser kommunistischen infamierenden

Klassenhetze haben wir Sozialdemokraten nichts gemein. Von

Kriegsgewinnlern und Inflationsschiebern abgesehen, was haben uns

schließlich die Reichen getan, die in den Palästen wohnen? Sie sind dem

Nestbautrieb gefolgt, sage ich, nichts weiter. Und dieser Tatsache

müssen wir Verständnis entgegenbringen. Dafür wollen wir ihnen, bei

Gott, nicht allzu gram sein ... Nun, zur Frage der Amnestie! Wer hat

sich für die Amnestie eingesetzt!? Die Sozialdemokratie ... Ich brauche

euch wohl nicht den Brief Max Hoelzens zu verlesen. Ihr kennt ihn ja aus

dem „Vorwärts“. Aber es ist schließlich nicht ganz so leicht, immer

gleich ebensoviel aus den Zuchthäusern herauszubringen, wie die Zentrale

der Kommunistischen Partei jeden Tag durch ihre putschistische Taktik

wieder hineinschafft. Eine Beharrlichkeit zeigen darin die Herrschaften,

daß man sie beinahe bewundern möchte ... Wer aber knebelt, knechtet,

verfolgt und verrät die Arbeiterschaft schlimmer als die dunkelste

Reaktion!? Die Bolschewisten. Werft einen Blick in die russischen

Gefängnisse, in die sibirischen Oeden! Denkt an die Greueltaten und an

die Folterkammern der Tscheka! Und wer, frage ich euch, stellt immer

wieder eigene Kandidaten auf, auch dort, wo gar keine Aussicht auf

Erfolg ist, wer spaltet durch diese Manöver die Arbeiterschaft und wird

so objektiv zum Steigbügelhalter der Reaktion? Wieder die Kommunisten.

Ja, die Kommunisten sind an allem schuld. Und ich sage, lebte Rosa

Luxemburg heute noch, sie stünde bestimmt in unseren Reihen ...

„Bravo! Sehr richtig!“

„Die Kommunisten aber treiben mit ihr Leichenschändung. Also darum! Auf

an die Wahlurne! Abrechnung mit den Hetzern! Abrechnung mit jenen

Kanaillen der Arbeiterschaft, den kommunistischen Berufsrevolutionären!

Nieder mit der kommunistischen Bewegung, nieder mit den Kommunisten,

dieser reaktionären Masse! ... Es lebe – – –“

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 51 / 229 题