Max beobachtete den Referenten, der soeben das Schlußwort ergriff.
Wie vertrauenerweckend allein schon seine Gestalt war! Breit und
behäbig, prall gefüllt mit Wohlüberlegtheit und kugelrund vor
Verantwortlichkeit! Rotbackig, mit schwärzlich buschigem Schnurrbart.
Ganz im Gegensatz zu dem Kommunisten, einem jungen und aufgeregten
Bürschlein ... Sachlich, wenn es sachlich zu sein galt, voll von
Entrüstung und gewitterschwangerem Pathos, wenn er auf die Umtriebe der
Reaktion oder auf die schändlichen Machenschaften und Spaltungsversuche
der Kommunisten zu sprechen kam. Ausgeglichen, männlich-reif ... Der hat
Kenntnisse, der versteht was vom Handwerk, der läßt sich nicht so leicht
unterkriegen, der hat Erfahrungen. Nun, schau nur einmal! ... Kurz
gesagt: es war, als spreche hier der gesunde Menschenverstand selbst.
Wie fieberig erhitzt dagegen der Kommunist wirkte! Ueberspitzt in allen
seinen Gesten und Aeußerungen, jedes Wort maßlos übertrieben. Vor
solchen Menschen muß man sich in Acht nehmen, wie das in ihren Augen
flackert, in ihren Fäusten zuckt, in ihrem Brustkasten rumort ...! Die
sind nicht schlecht verrückt! ... Donnerwetter ...
„Nun, Genossen und Genossinnen, werte Versammlung! Dieser allem Anschein
nach systematisch vorbereitete Sprengungsversuch der Kommunisten ist
dank dem wirksamen Eingreifen unseres Reichsbanners –“
„Bravo! Frei Heil!“
„– mißglückt. Da haben Sie es! Aber der deutsche Arbeiter ist
schließlich gerechtigkeitsliebend genug, um auch den Gegner so zu sehen,
wie er ist. Ich spreche jetzt von der besitzenden Klasse. Lassen wir uns
bei deren Beurteilung nicht von blindwütigem Haß hinreißen, ich gebe zu,
mancher von uns, muß, um zu einem objektiven Urteil über seinen Gegner
zu kommen, noch viel an sich arbeiten, denn die Theorie vom Klassenkampf
hat viel an uns verdorben. Wir Sozialdemokraten vertreten die Gesamtheit
der Nation, wir vertreten die Interessen aller Bevölkerungskreise, das
Wort „Klassenkampf“ ist überhaupt veraltet und wissenschaftlich bereits
längst überholt ... Also: mit dieser kommunistischen infamierenden
Klassenhetze haben wir Sozialdemokraten nichts gemein. Von
Kriegsgewinnlern und Inflationsschiebern abgesehen, was haben uns
schließlich die Reichen getan, die in den Palästen wohnen? Sie sind dem
Nestbautrieb gefolgt, sage ich, nichts weiter. Und dieser Tatsache
müssen wir Verständnis entgegenbringen. Dafür wollen wir ihnen, bei
Gott, nicht allzu gram sein ... Nun, zur Frage der Amnestie! Wer hat
sich für die Amnestie eingesetzt!? Die Sozialdemokratie ... Ich brauche
euch wohl nicht den Brief Max Hoelzens zu verlesen. Ihr kennt ihn ja aus
dem „Vorwärts“. Aber es ist schließlich nicht ganz so leicht, immer
gleich ebensoviel aus den Zuchthäusern herauszubringen, wie die Zentrale
der Kommunistischen Partei jeden Tag durch ihre putschistische Taktik
wieder hineinschafft. Eine Beharrlichkeit zeigen darin die Herrschaften,
daß man sie beinahe bewundern möchte ... Wer aber knebelt, knechtet,
verfolgt und verrät die Arbeiterschaft schlimmer als die dunkelste
Reaktion!? Die Bolschewisten. Werft einen Blick in die russischen
Gefängnisse, in die sibirischen Oeden! Denkt an die Greueltaten und an
die Folterkammern der Tscheka! Und wer, frage ich euch, stellt immer
wieder eigene Kandidaten auf, auch dort, wo gar keine Aussicht auf
Erfolg ist, wer spaltet durch diese Manöver die Arbeiterschaft und wird
so objektiv zum Steigbügelhalter der Reaktion? Wieder die Kommunisten.
Ja, die Kommunisten sind an allem schuld. Und ich sage, lebte Rosa
Luxemburg heute noch, sie stünde bestimmt in unseren Reihen ...
„Bravo! Sehr richtig!“
„Die Kommunisten aber treiben mit ihr Leichenschändung. Also darum! Auf
an die Wahlurne! Abrechnung mit den Hetzern! Abrechnung mit jenen
Kanaillen der Arbeiterschaft, den kommunistischen Berufsrevolutionären!
Nieder mit der kommunistischen Bewegung, nieder mit den Kommunisten,
dieser reaktionären Masse! ... Es lebe – – –“