VIII

Die Diskussion in den „Frankfurter Festsälen“ begann.

„Natürlich wieder so ein Kommunist“, knurrten einige, als der

Versammlungsleiter bekanntgab:

„Herr Schnetter hat das Wort.“

Einige Zwischenrufe knallten.

Der Referent schmunzelte.

„Man glaubt schon einen gewaltig kühnen Schritt getan zu haben, wenn man

sich freimacht vom Glauben an die erbliche Monarchie und auf die

demokratische Republik schwört. In Wirklichkeit aber ist der Staat

nichts als eine Maschine zur Unterdrückung einer Klasse durch eine

andere, und zwar in der demokratischen Republik nicht minder als in der

Monarchie. – Der Feind aber, der uns die Hand zum Wahlbündnis hinstreckt

und sich als Freund und Bruder uns aufdrängt – ihn und nur ihn allein

haben wir zu fürchten. Wie können die Massen noch an uns glauben, wenn

die Männer des Zentrums, des Fortschritts und anderer bürgerlicher

Parteien unsere Bundesgenossen sind – wozu dann der Kampf gegen die

bürgerliche Gesellschaft, deren Vertreter und Verfechter sie allesamt

sind? ... Ist einmal die Grenzlinie des Klassengegensatzes verwischt,

sind wir einmal auf der schiefen Ebene des Kompromisses, dann gibt es

kein Halten. Dann geht es weiter und weiter abwärts, bis es kein Tiefer

mehr gibt ... Mit der Bewilligung der Kriegskredite 1914 hat die

Sozialdemokratische Partei Deutschlands diesen Tiefpunkt erreicht.“

Hier schon wurde der Diskussionsredner unterbrochen.

„Reden Sie nicht in Zitaten und besonders nicht in solchen, die Sie

nicht verstehen!“

„Das habe nicht ich, sondern Karl Marx in seiner Einleitung zum

„Bürgerkrieg in Frankreich“ gesagt, und das zweite Zitat ist von Wilhelm

Liebknecht. Sie zeigen durch Ihre Zwischenrufe nur, daß sie mit diesen

beiden Männern nichts mehr gemein haben ...“ erwiderte der

Diskussionsredner.

„Na, also da haben wir’s ja. Weiter habe ich ja auch nichts gesagt.“

Der Zwischenrufer hatte Beifall.

„Der Arbeiterverrat, den Sie heute vertreten“, fuhr Genosse Schnetter

fort, „ist schon von langer Hand vorbereitet worden. Schon Kautsky, der

Historiker ... in seinen Vorläufern des Sozialismus ... Welche

internationale Bedeutung aber die Zustimmung zu den Kriegskrediten 1914

hatte, das kann nur der ermessen, der die ungeheure Ausnahmestellung,

die die Deutsche Sozialdemokratie innerhalb der 2. Internationale damals

innehatte, kennt, die Deutsche Sozialdemokratie war die Perle der ...“

„Wirf sie jetzt nicht vor die Säue, Hund ...“

„Theoretischer Quatsch!“

„Schluß damit!“

„Erledigt! Raus! Abtreten! Zur Sache!“

Der Ordnerdienst schob sich unauffällig nach vorn. Hielt im Saal Umschau

und stellte die Positionen derer fest, die dem kommunistischen Redner

zustimmten.

Eine kurze Unruhe entstand.

Der Versammlungsleiter klingelte.

„Holt doch einfach die Schupo ...“

Der Diskussionsredner hatte sich dem Referenten halb zugewendet.

„Lauter!“ brüllte jemand.

„Keine Dialoge! Sprechen Sie zur Versammlung!“

„Ihr seid an der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht

schuld! Wollt ihr das noch immer nicht wahrhaben ... Ihr, ihr ...“

Und unter einem brüllenden Gelächter zog der Kommunist eine Broschüre

hervor.

„Pfui! Pfui! Pfui! Schurke! Halunke! Schuft! Verleumdung! Elender

Lügner! Von Moskau bezahlt! Erbärmliche Niedertracht! Brenn’ ihm eins!

Jib ihm Saures ...“

„Zehn Jahre SPD!“

Einen Augenblick wurde es ganz still.

„Blamieren Sie sich, so gut Sie können!“ schmunzelte jovial der

Referent!

„Arbeiter! Genossen! Seht Euch Euere Führer an! Wir Kommunisten würden

doch nicht immer wieder auf die Haltung der SPD. während des Krieges

zurückkommen, wenn nicht die Politik der SPD. nach dem Krieg, in jeder

Epoche der Nachkriegszeit, denselben Arbeiterverrat darstellen würde ...

Dieser Herr, der Herr Referent, der Euch heute abend noch soeben das

Sachverständigengutachten so wohlschmeckend zubereitet hat, ist er nicht

derselbe, der einstmals begeistert ausgerufen hat: „Ich geh zum

Hindenburg!“ und der damals folgendes geschrieben hat: „Nur im Zeichen

dieser Ströme von Blut, nur im Zeichen des zermalmenden Eisens, das

diese Ströme hervorbrechen macht, können wir davon sprechen, daß das

Ziel nahe ist. Wir müssen den Kriegswillen der Gegner im Blut ersticken

...“ Das ist das eine. Das andere lautet – paßt gut auf! –: „Um alles in

der Welt möchte ich jene Tage inneren Kampfes nicht noch einmal erleben!

Dies drängend heiße Sehnen, sich hineinzustürzen in den gewaltigen Strom

der allgemeinen nationalen Hochflut, und von der anderen Seite her die

furchtbare seelische Angst, diesem Sehnen rückhaltlos zu folgen, der

Stimmung ganz sich hinzugeben, die rings um einen herum brauste und

brandete, und die, sah man sich ganz tief ins Herz hinein, auch vom

eigenen Inneren ja schon Besitz ergriffen hatte. Diese Angst: Wirst du

auch nicht zum Halunken an dir selbst und deiner Sache!? Darfst du auch

so fühlen, wie dir ums Herz ist? Bis dann – ich vergesse den Tag und die

Stunde nicht – plötzlich die furchtbare Spannung sich löste, bis man

wagte das zu sein, was man doch war, bis man – allen erstarrten

Prinzipien und hölzernen Theorien zum Trotz – zum erstenmal (zum

erstenmal seit fast einem Vierteljahrhundert wieder!) aus vollem Herzen,

mit gutem Gewissen und ohne jede Angst dadurch zum Verräter zu werden,

einstimmen durfte in den brausenden Sturmgesang: Deutschland,

Deutschland über alles! ...“

Die Versammlung atmete kaum noch ...

„Nun, Arbeiter-Genossen, und sehr verehrte „Herren“ Zwischenrufer von

vorhin, ich frage Euch jetzt, urteilt selbst: ist das die Sprache eines

Sozialisten!? Wem von Euch noch ein Funke proletarischen Ehrgefühls

innewohnt, wer noch ein klein wenig proletarischen Klasseninstinkts sein

eigen nennt, der wird nicht umhin können, eine solche Auffassung zu

brandmarken als das, was sie in der Tat ist: als Ausdruck der

schamlosesten, hundsföttischsten Korruption. Das ist zwar nicht

Landesverrat, auch nicht Hochverrat, jeder dieser ehrenwerten Spießer

ist würdig, mit dem _Pour le mérite_ dekoriert zu werden ... aber dafür

ist es Arbeiterverrat, Arbeiterverrat und nochmals Arbeiterverrat! ...“

Viele Arbeiter sahen bei diesen Worten sich unschlüssig an.

Manche schüttelten mit den Köpfen.

„Hat der wirklich so was geschrieben?!“

„Kann’s gar nicht glauben ...“

„Ja, bei der Stimmung, die damals gewesen ist ...“

Vieler Augen öffneten sich jetzt weit, viele Ohren horchten gespannt.

„Rasch! Mach schnell!“ flüsterte der Versammlungsleiter einem Funktionär

zu, „sonst geht uns am Ende noch die ganze Versammlung aus dem Leim.

Lieber noch sie hochfliegen lassen ...“

Und der Funktionär gab unauffällig ein Zeichen.

Vier oder fünf unter den Tausenden schrieen plötzlich los:

„Unsinn! Blödsinn! Schuft! Neue Lügen! Kein Wort ist wahr! Alles

gefälscht! ...“

Die Arbeiter sahen sich wieder an.

„Siehst du, das hab ich doch gleich gedacht, daß das so eine Lüge ist.

Das wäre doch schon ... Da dürfte der ja gleich einpacken ... Aber was

die Kommunisten sich nicht alles aus den Fingern saugen ... Pfui, Teufel

...“

„Das haben Sie, das haben Sie, Sie, Sie, Herr Genosse Bauer geschrieben,

damals, und jetzt, jetzt schämen Sie sich nicht, jetzt wagen Sie es ...“

„Schluß! Schluß! Schluß!“

Der Versammlungsleiter klingelte.

„... und so entziehe ich dem Redner wegen grober Verleumdungen

persönlicher Art und wegen vollkommenen Mangels an Objektivität und

Sachlichkeit das Wort ... Da kein Redner mehr gemeldet ist, hat unser

Genosse Bauer das Schlußwort.“

„Recht so!“

„Bravo! Bravo! Raus mit ihm!“

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 48 / 229 题