Die Diskussion in den „Frankfurter Festsälen“ begann.
„Natürlich wieder so ein Kommunist“, knurrten einige, als der
Versammlungsleiter bekanntgab:
„Herr Schnetter hat das Wort.“
Einige Zwischenrufe knallten.
Der Referent schmunzelte.
„Man glaubt schon einen gewaltig kühnen Schritt getan zu haben, wenn man
sich freimacht vom Glauben an die erbliche Monarchie und auf die
demokratische Republik schwört. In Wirklichkeit aber ist der Staat
nichts als eine Maschine zur Unterdrückung einer Klasse durch eine
andere, und zwar in der demokratischen Republik nicht minder als in der
Monarchie. – Der Feind aber, der uns die Hand zum Wahlbündnis hinstreckt
und sich als Freund und Bruder uns aufdrängt – ihn und nur ihn allein
haben wir zu fürchten. Wie können die Massen noch an uns glauben, wenn
die Männer des Zentrums, des Fortschritts und anderer bürgerlicher
Parteien unsere Bundesgenossen sind – wozu dann der Kampf gegen die
bürgerliche Gesellschaft, deren Vertreter und Verfechter sie allesamt
sind? ... Ist einmal die Grenzlinie des Klassengegensatzes verwischt,
sind wir einmal auf der schiefen Ebene des Kompromisses, dann gibt es
kein Halten. Dann geht es weiter und weiter abwärts, bis es kein Tiefer
mehr gibt ... Mit der Bewilligung der Kriegskredite 1914 hat die
Sozialdemokratische Partei Deutschlands diesen Tiefpunkt erreicht.“
Hier schon wurde der Diskussionsredner unterbrochen.
„Reden Sie nicht in Zitaten und besonders nicht in solchen, die Sie
nicht verstehen!“
„Das habe nicht ich, sondern Karl Marx in seiner Einleitung zum
„Bürgerkrieg in Frankreich“ gesagt, und das zweite Zitat ist von Wilhelm
Liebknecht. Sie zeigen durch Ihre Zwischenrufe nur, daß sie mit diesen
beiden Männern nichts mehr gemein haben ...“ erwiderte der
Diskussionsredner.
„Na, also da haben wir’s ja. Weiter habe ich ja auch nichts gesagt.“
Der Zwischenrufer hatte Beifall.
„Der Arbeiterverrat, den Sie heute vertreten“, fuhr Genosse Schnetter
fort, „ist schon von langer Hand vorbereitet worden. Schon Kautsky, der
Historiker ... in seinen Vorläufern des Sozialismus ... Welche
internationale Bedeutung aber die Zustimmung zu den Kriegskrediten 1914
hatte, das kann nur der ermessen, der die ungeheure Ausnahmestellung,
die die Deutsche Sozialdemokratie innerhalb der 2. Internationale damals
innehatte, kennt, die Deutsche Sozialdemokratie war die Perle der ...“
„Wirf sie jetzt nicht vor die Säue, Hund ...“
„Theoretischer Quatsch!“
„Schluß damit!“
„Erledigt! Raus! Abtreten! Zur Sache!“
Der Ordnerdienst schob sich unauffällig nach vorn. Hielt im Saal Umschau
und stellte die Positionen derer fest, die dem kommunistischen Redner
zustimmten.
Eine kurze Unruhe entstand.
Der Versammlungsleiter klingelte.
„Holt doch einfach die Schupo ...“
Der Diskussionsredner hatte sich dem Referenten halb zugewendet.
„Lauter!“ brüllte jemand.
„Keine Dialoge! Sprechen Sie zur Versammlung!“
„Ihr seid an der Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht
schuld! Wollt ihr das noch immer nicht wahrhaben ... Ihr, ihr ...“
Und unter einem brüllenden Gelächter zog der Kommunist eine Broschüre
hervor.
„Pfui! Pfui! Pfui! Schurke! Halunke! Schuft! Verleumdung! Elender
Lügner! Von Moskau bezahlt! Erbärmliche Niedertracht! Brenn’ ihm eins!
Jib ihm Saures ...“
„Zehn Jahre SPD!“
Einen Augenblick wurde es ganz still.
„Blamieren Sie sich, so gut Sie können!“ schmunzelte jovial der
Referent!
„Arbeiter! Genossen! Seht Euch Euere Führer an! Wir Kommunisten würden
doch nicht immer wieder auf die Haltung der SPD. während des Krieges
zurückkommen, wenn nicht die Politik der SPD. nach dem Krieg, in jeder
Epoche der Nachkriegszeit, denselben Arbeiterverrat darstellen würde ...
Dieser Herr, der Herr Referent, der Euch heute abend noch soeben das
Sachverständigengutachten so wohlschmeckend zubereitet hat, ist er nicht
derselbe, der einstmals begeistert ausgerufen hat: „Ich geh zum
Hindenburg!“ und der damals folgendes geschrieben hat: „Nur im Zeichen
dieser Ströme von Blut, nur im Zeichen des zermalmenden Eisens, das
diese Ströme hervorbrechen macht, können wir davon sprechen, daß das
Ziel nahe ist. Wir müssen den Kriegswillen der Gegner im Blut ersticken
...“ Das ist das eine. Das andere lautet – paßt gut auf! –: „Um alles in
der Welt möchte ich jene Tage inneren Kampfes nicht noch einmal erleben!
Dies drängend heiße Sehnen, sich hineinzustürzen in den gewaltigen Strom
der allgemeinen nationalen Hochflut, und von der anderen Seite her die
furchtbare seelische Angst, diesem Sehnen rückhaltlos zu folgen, der
Stimmung ganz sich hinzugeben, die rings um einen herum brauste und
brandete, und die, sah man sich ganz tief ins Herz hinein, auch vom
eigenen Inneren ja schon Besitz ergriffen hatte. Diese Angst: Wirst du
auch nicht zum Halunken an dir selbst und deiner Sache!? Darfst du auch
so fühlen, wie dir ums Herz ist? Bis dann – ich vergesse den Tag und die
Stunde nicht – plötzlich die furchtbare Spannung sich löste, bis man
wagte das zu sein, was man doch war, bis man – allen erstarrten
Prinzipien und hölzernen Theorien zum Trotz – zum erstenmal (zum
erstenmal seit fast einem Vierteljahrhundert wieder!) aus vollem Herzen,
mit gutem Gewissen und ohne jede Angst dadurch zum Verräter zu werden,
einstimmen durfte in den brausenden Sturmgesang: Deutschland,
Deutschland über alles! ...“
Die Versammlung atmete kaum noch ...
„Nun, Arbeiter-Genossen, und sehr verehrte „Herren“ Zwischenrufer von
vorhin, ich frage Euch jetzt, urteilt selbst: ist das die Sprache eines
Sozialisten!? Wem von Euch noch ein Funke proletarischen Ehrgefühls
innewohnt, wer noch ein klein wenig proletarischen Klasseninstinkts sein
eigen nennt, der wird nicht umhin können, eine solche Auffassung zu
brandmarken als das, was sie in der Tat ist: als Ausdruck der
schamlosesten, hundsföttischsten Korruption. Das ist zwar nicht
Landesverrat, auch nicht Hochverrat, jeder dieser ehrenwerten Spießer
ist würdig, mit dem _Pour le mérite_ dekoriert zu werden ... aber dafür
ist es Arbeiterverrat, Arbeiterverrat und nochmals Arbeiterverrat! ...“
Viele Arbeiter sahen bei diesen Worten sich unschlüssig an.
Manche schüttelten mit den Köpfen.
„Hat der wirklich so was geschrieben?!“
„Kann’s gar nicht glauben ...“
„Ja, bei der Stimmung, die damals gewesen ist ...“
Vieler Augen öffneten sich jetzt weit, viele Ohren horchten gespannt.
„Rasch! Mach schnell!“ flüsterte der Versammlungsleiter einem Funktionär
zu, „sonst geht uns am Ende noch die ganze Versammlung aus dem Leim.
Lieber noch sie hochfliegen lassen ...“
Und der Funktionär gab unauffällig ein Zeichen.
Vier oder fünf unter den Tausenden schrieen plötzlich los:
„Unsinn! Blödsinn! Schuft! Neue Lügen! Kein Wort ist wahr! Alles
gefälscht! ...“
Die Arbeiter sahen sich wieder an.
„Siehst du, das hab ich doch gleich gedacht, daß das so eine Lüge ist.
Das wäre doch schon ... Da dürfte der ja gleich einpacken ... Aber was
die Kommunisten sich nicht alles aus den Fingern saugen ... Pfui, Teufel
...“
„Das haben Sie, das haben Sie, Sie, Sie, Herr Genosse Bauer geschrieben,
damals, und jetzt, jetzt schämen Sie sich nicht, jetzt wagen Sie es ...“
„Schluß! Schluß! Schluß!“
Der Versammlungsleiter klingelte.
„... und so entziehe ich dem Redner wegen grober Verleumdungen
persönlicher Art und wegen vollkommenen Mangels an Objektivität und
Sachlichkeit das Wort ... Da kein Redner mehr gemeldet ist, hat unser
Genosse Bauer das Schlußwort.“
„Recht so!“
„Bravo! Bravo! Raus mit ihm!“