VI

Noch in derselben Nacht wurde in den Bureaus der Korrespondenzen und der

Zeitungen die Katastrophe gründlichst bearbeitet.

Und schon früh am Morgen stürzte sich die große Welt wie eine gierige

Meute, die Blut zu schmecken bekommen wird, auf dieses neueste Ereignis.

Die letzten Wochen war es schon so: abwechslungsreich in jeder Beziehung

kann man sagen: zugleich mit dem Frühstück wurde einem im Morgenblatt

jeden Tag ein anderer Skandal serviert.

Nun, eine Grubenexplosion: das war eine delikate Abwechslung in dem öden

Grau und allmählich langweilig werdenden Einerlei ganzer Serien von

Skandalaffären.

Man selbst fern vom Schuß ... Nur hie und da ein Kolonialkriegchen,

nicht sonderlich aufregend ... Bolschewistengreuel ziehen zwar immer

noch ... Auch Waffenlager, Bombenfunde, geplante Dynamitattentate,

Tscheka-Abenteuer ... Cholerabazillen. Tagebücher berühmter

Scharfrichter ... Doppelt so gut schmeckt einem dabei so ein Kännchen

Mokka ...

Aber auch eine Katastrophe, und ginge die Hälfte des Volkes dabei

zugrunde, muß leicht verdaulich und schmackhaft zubereitet werden. Flink

wirbelten herum in den Redaktionsküchen die Presseköche. Die an das

Papiergift ziemlich gewöhnten Gehirne der Zeitungsleser vibrierten

wieder mal heftig unter dem Nervengewitter dieser schaurigen Sensation.

„Erinnert das nicht an Zolas „Germinal“?“ „Gewiß, Schatz, auch in der

Literatur ist solch ein Stoff schon des öfteren und man kann sagen

ziemlich erfolgreich behandelt worden. Ein lohnender Vorwurf, in der

Tat. Auch Sinclairs „König Kohle“, lies mal nach, auch nicht übel ...“

Und die bis zur Unerträglichkeit gesteigerte Spannung entlud sich. Die

Journalisten schoben Artikel um Artikel. Sentimentale und schmalzige

Nachrufe waren sofort lieferbar in Hülle und Fülle. Theoretische

gelehrte Abhandlungen über das „Wesen von Grubenexplosionen“ standen in

Menge zur Verfügung. „Grubenexplosionen in alter und neuer Zeit“ mit

Bildermaterial reichlich versehen oder „Der Kampf des Menschen mit der

Natur“ oder „Die Rache der Elemente“. „Katastrophe im unterirdischen

Reich der aufgespeicherten Sonnenenergien.“ Der Apparat funktionierte

wieder mal ausgezeichnet; alles lief wie am Schnürchen. So oder so:

Professoren, Historiker, technische Sachverständige, Dichter: sie alle

waren eifrig dabei, unermüdlich tätig waren sie, um das von den allein

schuldigen Industriemagnaten groß angelegte Ablenkungsmanöver

ideologisch zu stützen. Wobei es sich erübrigt zu bemerken, daß die

professionellen Arbeiterverräter auch in diesem Fall getreulich ihre

Pflicht taten. Und man blieb, was in einem gewissen Moment doch recht

zweifelhaft schien, Herr der Situation. Auch dieser Situation.

Eine Wohltätigkeitsaktion wurde eingeleitet.

Berühmteste Namen, Größen der Nation, stellten sich uneigennützig an die

Spitze. –

* * * * *

Der Reichstag trat zusammen.

Die Abgeordneten erhoben sich zum Zeichen der Trauer von ihren Plätzen.

Als die Kommunisten den Antrag stellten, aus den von diesem Unglücksfall

betroffenen Betrieben heraus sofort eine Untersuchungskommission wählen

zu lassen, um gründlich und wirklich wahrheitsgemäß die ganze Sachlage

nachprüfen zu lassen, da erhob sich der Präsident.

Die Regierungsvertreter tuschelten miteinander.

Der Präsident rückte sich die Krawatte zurecht. Pathetisch schlüpften

ihm die Hände bei seiner Rede aus den Rockärmeln.

„Vor der Majestät des Todes mögen für heute alle Parteistreitigkeiten

schweigen ... Burgfrieden ...!“

Gegen die Stimmen der Kommunisten wurde der Antrag abgelehnt. Als

agitatorische Nutznießer dieser Katastrophe wurden die Kommunisten

außerdem noch gebührend gebrandmarkt.

In einem schwarzen Gehrock wandelt die „Majestät des Todes“ geschäftig

hin und her zwischen den Bankreihen der Herren Abgeordneten hindurch:

man kondolierte, man beglückwünschte sich aber auch, bei dem gerüttelten

Maß von Schuld, das ein jeder der hier Anwesenden für sich buchen

konnte, so unerwarteterweise glimpflich dabei weggekommen zu sein.

„Gerne geschehen ... Bitte sehr ... Meinen allerverbindlichsten Dank ...

Und die allerbesten Empfehlungen, wenn ich bitten darf, an Ihre Frau

Gemahlin ...“

„Nichts für ungut ... Sie wissen schon, wir nehmen nichts so leicht

krumm ... Ganz gut so, ein bißchen hie und da Opposition mimen, Herr

Levi ... Nur im entscheidenden Augenblick zur Stange halten ... Darauf

kommt’s an ... Und darauf, na darauf können wir uns ja wohl verlassen

...“

Und die „Majestät des Todes“ betonte nochmals nachdrücklich den Herren

Abgeordneten gegenüber ihre stete Bereitwilligkeit zu jeder Art von

Gegendienstleistung ... „Wir lassen Sie nicht im Stich ... Verlassen Sie

sich darauf ...“ Die „Majestät des Todes“ versprach es außerdem noch

jedem Einzelnen in die Hand hinein. „Ueber die Frage der Unkosten, die

Sie eventuell dabei haben sollten, verständigen wir uns schon. Aktien

oder direkt. Daß dabei was ganz Hübsches herausspringt, das ist ja ganz

selbstverständlich.“

Man schmunzelte schon wieder. Zwinkerte verteufelt-listig mit den

Blau-Aeuglein nach allen Seiten, blinzelte ein Dankstoßgebet zum Himmel

hinauf, und die „Majestät des Todes“ entfernte sich, eine dick gestopfte

Aktentasche unter dem Arm, um bei den Gewerkschaften und anderen

Organisationen noch rasch Almosen und Liebesgaben, nach bewährtem Muster

von 1914 bis 1918 Anno dazumal, für die Opfer der Hinterbliebenen

zusammenzubetteln. Die „Majestät des Todes“ ging dabei recht

geschäftstüchtig vor, auch nahm sie es dabei nicht allzugenau. –

* * * * *

An den Bahren der Ermordeten aber standen sie mit entblößten Häuptern;

der Reichskanzler und die Abordnungen der Behörden, die Herren der

Industrie, die Abgesandten der Großbanken. Auch die Herren Sozialisten

standen wie immer mit ihnen. Wohlangesehene Bürger. Ein Bürgermeister.

Noch einer. Und ein Oberbürgermeister.

„Leichenschändung. Nichts weiter als Leichenschändung treiben diese da,

wenn sie so herumstehen ... Jeder ehrliche Prolet muß das so empfinden

...“

Sonderzüge in das vom Unglück betroffene Gebiet waren auch sofort von

der Eisenbahnverwaltung in bereitwilligster und anerkennendster Weise

für die Herren der Regierung usw. eingelegt worden. –

„Gut so, aber dachte auch mancher der Angehörigen der tödlich

Verunglückten, gut, daß er wenigstens noch bei einem Massenunglück

umgekommen ist ... Kommt einer als Einzelner um, so kümmert man sich um

uns schon überhaupt nicht ... Da muß man sich eben hübsch brav mit der

Bettelrente, die die Unfallversicherung einem gewährt, abfinden ... In

einem Jahr sind es über 6000 solcher Unfälle, mindestens 600 davon

tödlich ...“

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 31 / 229 题