Noch in derselben Nacht wurde in den Bureaus der Korrespondenzen und der
Zeitungen die Katastrophe gründlichst bearbeitet.
Und schon früh am Morgen stürzte sich die große Welt wie eine gierige
Meute, die Blut zu schmecken bekommen wird, auf dieses neueste Ereignis.
Die letzten Wochen war es schon so: abwechslungsreich in jeder Beziehung
kann man sagen: zugleich mit dem Frühstück wurde einem im Morgenblatt
jeden Tag ein anderer Skandal serviert.
Nun, eine Grubenexplosion: das war eine delikate Abwechslung in dem öden
Grau und allmählich langweilig werdenden Einerlei ganzer Serien von
Skandalaffären.
Man selbst fern vom Schuß ... Nur hie und da ein Kolonialkriegchen,
nicht sonderlich aufregend ... Bolschewistengreuel ziehen zwar immer
noch ... Auch Waffenlager, Bombenfunde, geplante Dynamitattentate,
Tscheka-Abenteuer ... Cholerabazillen. Tagebücher berühmter
Scharfrichter ... Doppelt so gut schmeckt einem dabei so ein Kännchen
Mokka ...
Aber auch eine Katastrophe, und ginge die Hälfte des Volkes dabei
zugrunde, muß leicht verdaulich und schmackhaft zubereitet werden. Flink
wirbelten herum in den Redaktionsküchen die Presseköche. Die an das
Papiergift ziemlich gewöhnten Gehirne der Zeitungsleser vibrierten
wieder mal heftig unter dem Nervengewitter dieser schaurigen Sensation.
„Erinnert das nicht an Zolas „Germinal“?“ „Gewiß, Schatz, auch in der
Literatur ist solch ein Stoff schon des öfteren und man kann sagen
ziemlich erfolgreich behandelt worden. Ein lohnender Vorwurf, in der
Tat. Auch Sinclairs „König Kohle“, lies mal nach, auch nicht übel ...“
Und die bis zur Unerträglichkeit gesteigerte Spannung entlud sich. Die
Journalisten schoben Artikel um Artikel. Sentimentale und schmalzige
Nachrufe waren sofort lieferbar in Hülle und Fülle. Theoretische
gelehrte Abhandlungen über das „Wesen von Grubenexplosionen“ standen in
Menge zur Verfügung. „Grubenexplosionen in alter und neuer Zeit“ mit
Bildermaterial reichlich versehen oder „Der Kampf des Menschen mit der
Natur“ oder „Die Rache der Elemente“. „Katastrophe im unterirdischen
Reich der aufgespeicherten Sonnenenergien.“ Der Apparat funktionierte
wieder mal ausgezeichnet; alles lief wie am Schnürchen. So oder so:
Professoren, Historiker, technische Sachverständige, Dichter: sie alle
waren eifrig dabei, unermüdlich tätig waren sie, um das von den allein
schuldigen Industriemagnaten groß angelegte Ablenkungsmanöver
ideologisch zu stützen. Wobei es sich erübrigt zu bemerken, daß die
professionellen Arbeiterverräter auch in diesem Fall getreulich ihre
Pflicht taten. Und man blieb, was in einem gewissen Moment doch recht
zweifelhaft schien, Herr der Situation. Auch dieser Situation.
Eine Wohltätigkeitsaktion wurde eingeleitet.
Berühmteste Namen, Größen der Nation, stellten sich uneigennützig an die
Spitze. –
* * * * *
Der Reichstag trat zusammen.
Die Abgeordneten erhoben sich zum Zeichen der Trauer von ihren Plätzen.
Als die Kommunisten den Antrag stellten, aus den von diesem Unglücksfall
betroffenen Betrieben heraus sofort eine Untersuchungskommission wählen
zu lassen, um gründlich und wirklich wahrheitsgemäß die ganze Sachlage
nachprüfen zu lassen, da erhob sich der Präsident.
Die Regierungsvertreter tuschelten miteinander.
Der Präsident rückte sich die Krawatte zurecht. Pathetisch schlüpften
ihm die Hände bei seiner Rede aus den Rockärmeln.
„Vor der Majestät des Todes mögen für heute alle Parteistreitigkeiten
schweigen ... Burgfrieden ...!“
Gegen die Stimmen der Kommunisten wurde der Antrag abgelehnt. Als
agitatorische Nutznießer dieser Katastrophe wurden die Kommunisten
außerdem noch gebührend gebrandmarkt.
In einem schwarzen Gehrock wandelt die „Majestät des Todes“ geschäftig
hin und her zwischen den Bankreihen der Herren Abgeordneten hindurch:
man kondolierte, man beglückwünschte sich aber auch, bei dem gerüttelten
Maß von Schuld, das ein jeder der hier Anwesenden für sich buchen
konnte, so unerwarteterweise glimpflich dabei weggekommen zu sein.
„Gerne geschehen ... Bitte sehr ... Meinen allerverbindlichsten Dank ...
Und die allerbesten Empfehlungen, wenn ich bitten darf, an Ihre Frau
Gemahlin ...“
„Nichts für ungut ... Sie wissen schon, wir nehmen nichts so leicht
krumm ... Ganz gut so, ein bißchen hie und da Opposition mimen, Herr
Levi ... Nur im entscheidenden Augenblick zur Stange halten ... Darauf
kommt’s an ... Und darauf, na darauf können wir uns ja wohl verlassen
...“
Und die „Majestät des Todes“ betonte nochmals nachdrücklich den Herren
Abgeordneten gegenüber ihre stete Bereitwilligkeit zu jeder Art von
Gegendienstleistung ... „Wir lassen Sie nicht im Stich ... Verlassen Sie
sich darauf ...“ Die „Majestät des Todes“ versprach es außerdem noch
jedem Einzelnen in die Hand hinein. „Ueber die Frage der Unkosten, die
Sie eventuell dabei haben sollten, verständigen wir uns schon. Aktien
oder direkt. Daß dabei was ganz Hübsches herausspringt, das ist ja ganz
selbstverständlich.“
Man schmunzelte schon wieder. Zwinkerte verteufelt-listig mit den
Blau-Aeuglein nach allen Seiten, blinzelte ein Dankstoßgebet zum Himmel
hinauf, und die „Majestät des Todes“ entfernte sich, eine dick gestopfte
Aktentasche unter dem Arm, um bei den Gewerkschaften und anderen
Organisationen noch rasch Almosen und Liebesgaben, nach bewährtem Muster
von 1914 bis 1918 Anno dazumal, für die Opfer der Hinterbliebenen
zusammenzubetteln. Die „Majestät des Todes“ ging dabei recht
geschäftstüchtig vor, auch nahm sie es dabei nicht allzugenau. –
* * * * *
An den Bahren der Ermordeten aber standen sie mit entblößten Häuptern;
der Reichskanzler und die Abordnungen der Behörden, die Herren der
Industrie, die Abgesandten der Großbanken. Auch die Herren Sozialisten
standen wie immer mit ihnen. Wohlangesehene Bürger. Ein Bürgermeister.
Noch einer. Und ein Oberbürgermeister.
„Leichenschändung. Nichts weiter als Leichenschändung treiben diese da,
wenn sie so herumstehen ... Jeder ehrliche Prolet muß das so empfinden
...“
Sonderzüge in das vom Unglück betroffene Gebiet waren auch sofort von
der Eisenbahnverwaltung in bereitwilligster und anerkennendster Weise
für die Herren der Regierung usw. eingelegt worden. –
„Gut so, aber dachte auch mancher der Angehörigen der tödlich
Verunglückten, gut, daß er wenigstens noch bei einem Massenunglück
umgekommen ist ... Kommt einer als Einzelner um, so kümmert man sich um
uns schon überhaupt nicht ... Da muß man sich eben hübsch brav mit der
Bettelrente, die die Unfallversicherung einem gewährt, abfinden ... In
einem Jahr sind es über 6000 solcher Unfälle, mindestens 600 davon
tödlich ...“