Peter hielt es zu Hause nicht mehr länger aus.
Das Gehalt seines Vaters reichte gerade, ihn auswärts studieren zu
lassen. Er suchte sich Berlin aus. Auch einige Kameraden waren dort, für
die erste Zeit war es gut, nicht ganz allein zu sein. –
* * * * *
Einige Tage vor seiner Abreise besuchte er den Abiturientenstammtisch.
Alle Monate einmal fanden sich immer noch einige frühere Schulkameraden
in einer Bräustube zusammen. Diesmal waren fünf da. Dreiviertel der
Klasse war gefallen.
Rainer Feck, ein dummdreister und oberflächlicher Bursche, der
prinzipiell nur die modernsten Schlipse trug, erzählte Kriegserlebnisse,
schnitt ungeheuer dabei auf und schwelgte voll Entzücken, daß ihm der
Mund troff, in der Schilderung, wie er eines Nachts ganz allein von der
Flanke aus einen feindlichen Graben aufgerollt habe.
„Stücker fünfzig haben daran glauben müssen.“
Aber auch Fritz Kunz, der frühere Primus, ein schmächtiges Kerlchen mit
einem großen Kneifer auf der kleinen käsig glänzenden Stupsnase, riß
Witze und Zoten, mitten daraus hervor wurde angestoßen, ein
vaterländisches Lied gesummt und mit betrunkenen heiseren Stimmen
gegröhlt:
„Deutschland über alles!“
„Peter! Los! Gib Dein deutsches Ehrenwort, verpfände uns deine
Männerehre, daß Du, wenn Du nach Berlin kommst es den Sausozialisten
ordentlich einbrocken wirst ... Hast Du gehört von der widerlichen Hure,
der Rosa Luxemburg ... Feste druff, allemal, sage ich ... Hoch! Laßt uns
gleich im Voraus die kommenden Heldentaten des großen Sozialistentöters
Peter Friedjung begießen! Heil! Prost!“
„Bravo, Peter!“ so ist’s recht, schnarrte Kunz, als Feck die Hand Peters
packte und sie kräftig schüttelte.
„Noch können wir uns nicht rühren! Aber der Tag kommt! Blutige Rache!
... Der scheißige Volksstaat Bayern! Na wartet nur ... Ruhe im Puff,
wenn Ebert ...“
„Bravo! Dufte Nummer! Viechs-Kerl!“ applaudierte Kunz wieder ...
Augenblicklich war Stille, als eine Patrouille dreier roter Matrosen ins
Lokal trat.
Alle hatten angstgeschwollene Köpfe.
Auch Peter, der sich von ganzem Herzen seiner Kumpane schämte.
Haßerfüllte Blicke von allen Tischen geisterten an den drei Matrosen
empor, die ruhig und sachlich die Ausweise der Anwesenden
kontrollierten, ironisch lächelten, als ein dicker Spießer vor Angst
zusammenzuckte.
Zwei waren schon hinausgegangen, der dritte stopfte sich noch eine
Pfeife, dann ging auch er, höflich und gemütlich „Guten Abend“
wünschend.
Das ganze Lokal brodelte auf.
„So ein Saupack! So eine Gemeinheit! Was nicht die sich alles
herausnehmen. Polizeibefugnisse, Strafvollzug. Die ganze Welt ist ja auf
den Kopf gestellt! Bevor die nicht an der Laterne ...“
„Ja, wißt ihr was,“ kreischte Feck, „Agenten müßte man denen auf den
Hals schicken, Aufstände inszenieren lassen, die Massen, wenn sie
hungern, zu Plünderungen provozieren, Bomben und Waffen in
Versammlungslokale einschmuggeln, einen Führer, wenn er sich allzu
aufsässig erweist, unauffällig um die Ecke bringen ... kurzum die Leute
aus ihrer Passivität heraus vor die Gewehre locken ... Viele von uns
haben jetzt solche Stellungen. Das ist auch eine Wissenschaft, eine
Kunst, das will gelernt sein. Das erfordert täglich Uebung,
Geistesgegenwart, einen ganzen Mann, so jemand darf keine Gefahr kennen.
So einer bekommt bestimmte Aufträge. Führt sie aus. Steht selbst unter
Kontrolle ... Spitzel, auf Horchposten Tag und Nacht, Gift einspritzen
und immer wieder Gift einspritzen, das macht sich bezahlt. Seine Wohnung
hat man, sein Essen hat man, auch Weiber in Hülle und Fülle: und da
fällt auch hie und da so was wie ein Anzug ab, Kopfprämien,
Extraprovisionen in erregteren Zeiten, und daß die nie ausgehen, dafür
sorgt man schon: damit läßt sich also schon trefflich auskommen ... Was
meint ihr zu meinem Vorschlag! Wollen wir nicht gescheiter statt
irgendein windiges Kolleg dieses Fach belegen!?“
„Selbstverständlich“, meinte Kunz, „eine ehrliche Kugel ist für dieses
Gesindel zu gut ... Ja, einem solchen Kanaillenpack gegenüber kann man
schon frei seine bestialischen Instinkte schießen lassen. Der Zweck
heiligt die Mittel.“
„Na, Peter!?“
„Ihr entschuldigt schon, aber ich versteh’ Euch einfach nicht mehr. Ich
kenn diese Sprache nicht ...“
Alle lachten.
„Lange Leitung ... oder ein wenig plemplem im Felde geworden, nanu, Du
Affenschwanz! Hämorrhoiden im Hirn?! ...“
Man brach auf.
„Und jetzt feste druff! Jetzt gehen wir noch ins Puff ... Müssen doch
Peters Wiederkehr feiern ...!?“
An einer Straßenecke drückte sich Peter wortlos davon ...
„Fotzendreck und Hurenschleim!“ johlte ihm Feck nach. –
* * * * *
Und Peters Gott zertrümmerte.
Wie ein tausendjähriger Eichstamm, von der Axt der Holzknechte gefällt,
im Waldgrund niederrauscht, so lag, durch Ereignisse und Erlebnisse
zerspalten, eines Tages im Zeitabgrund „Stamm“ und „Wipfel“ Gott da, der
Wipfel, der hoch im Aether wie ein Baldachin die Erde überschattete, der
Stamm, der in der Sehnsucht des Menschenherzens Wurzel schlug und
erschütternd inbrünstige Gebete wie Säfte aufwärtsleitete ... Welk waren
die goldenen Blätter geworden, ein Geruch von Morast und Fäulnis schlug
Peter aus dem gefallenen Wipfelwerk entgegen, er staunte noch und
wunderte sich: „das war doch Gott ...“ Und zu gleicher Zeit drang, von
einem Haufen wesenloser Schemen gesungen, das Lied „Deutschland über
alles“ zu ihm, die Gesichter der Singenden verzerrten sich zu
blutrünstigen Grimassen, es war wie ein feister laut gröhlender
Grabgesang, vollkommen gedankenlos von denen, die ihn sangen,
hergeleiert, und immer kräftiger dagegen tönte aus den Schluchten und
Dickicht-Labyrinthen einer kommenden Zeit herauf, begleitet von dem
sausenden Takt der Maschinenhämmer und der mit elektrischen Motoren und
Turbinen betriebenen flitzenden Treibriemen:
„Wacht auf ...“
Peter erinnerte sich des Rückmarsches, des Rheinübergangs, des
„Deutschlandliedes“, als die Sonne voll durch die Nebelpest durchbrach
...
„Deutschland über alles ...“
„Das Deutschland, das Ihr meint, das ist das meine nicht ...“
* * * * *
Zwei Männer in Arbeiterkleidung standen da unter einer Toreinfahrt und
Peter hörte gerade noch:
„Jedes deutsche Arbeiterherz wird unter der Wucht solcher Ereignisse zur
Zündmasse ... Großes geht in der Welt vor ... Blick nur nach dem Osten
... Revolutionsjahrzehnte ... Bis alles Alte und Faule und Morsche
gestürzt ist ...!“
* * * * *
Als Peter am andern Morgen in die weite Welt fuhr, sagte ihm der Vater
zum Abschied:
„Und nun, Peter, werde der, der du bist! Halte dich weiter rein! Nichts
ist von Blutschande oder Rassenunreinheit an dir. Werde ein
kerndeutscher Männercharakter! Gedenke, daß du ein Deutscher bist ...“
Auf dem Nachhauseweg herrschte der Vater die Mutter an:
„Aber das eine bitte ich mir aus, wenn du ihm schreibst: ich wünsche mir
keinen zweiten Fall Reuchlin junior.“
„Sei ohne Sorge“, erwiderte ihm die Mutter sanft und siegesgewiss,
„Peter wird schon ganz allein den rechten Weg machen!“ –