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Auch Peter hatte man die Mittel gleich nach seiner Einlieferung
aufgedrängt.
„Herrlich! Sie dürfen sich die Sensation nicht entgehen lassen. Einfach:
Nirwana ...“
So hatte ihm die Krankenschwester, süßlich lächelnd, die Drogen
angepriesen.
„Eine unheilbare Krankheit ist der ganze Mensch, eine Seuche, die mit
Stumpf und Stiel ausgerottet werden muß,“ dachte damals Peter zuerst.
Weiter dachte er noch nicht ...
Er schlug die Mittel nicht aus: eine lange, angenehm lau-warme
Flüssigkeit war es, die sich durch seinen Körper erstreckte, alle
Blutbahnen hindurch sich verrieselnd und verzweigend ...
Und eines Tages bemerkte er: er konnte das Mittel nicht mehr lassen.
Ließ er nur eine Spritze aus: sofort fiel er schlapp in sich zusammen
wie ein leerer Sack, ganz ausgelaugt und geleert war er, zitterig, bis
in die feinsten Nervenspitzen flimmernd, und nur immer mit dem einen
Gedanken, der zur Zwangsvorstellung wurde: „Die Spritze ...“
Die Schwester kam wieder:
„Na, ich hab’ es Ihnen doch gleich gesagt. Machen Sie sich kein
Gewissen. Ist ja gar nicht so schlimm ...“
Da half ihm gar mächtig die Erinnerung an Tage seiner Kindheit, die sich
ihm plötzlich als die festeste Ankerkette seines Lebens erwies.
Dort gab es Berge und Märsche durch Gebirgstäler, Wiesenflächen, flaumig
und flockig; Wälder am Horizont, wie zu fleischigem Oelgrün geronnene
Wellen; enzianübersäte, mit Zwergholz bewachsene Alpwiesen; Wildbäche,
die so munter die Schluchten herabstolperten; auch ein uralter
Bergführer, ein origineller Kauz, war da, ein ganzes Bündel von
Hirschzähnen und Silbertalern an seiner Riesenuhrkette; Sonnenaufgang
war: Gletscherebenen und Gipfelzacken: flüssig feueriges Eis; dann unten
wieder im Tal die Volkstänze und derben Volksbelustigungen, ja das war
noch von einem gesunden Menschenschlag, die sträubten sich mit Händen
und Füßen gegen die monokel-, lorgnettglotzenden Fremden ... Und
Gewitter zogen auf und platzten mitten am Himmel auseinander über dem
Bergdorf: alle Kapellen des Tals wimmerten Wetterläuten und die
Flammenwolke trieb den Berghang entlang, Blitz auf Blitz, Donnerschlag
auf Donnerschlag: jeden Augenblick flammte vom Blitz entzündet eine
andere Tanne auf, und das vielfache Echo der Donnerschläge prallte und
knallte von den Felswänden. Nun knatterte der Regen, der Sturm surrte:
da reckte sich der Mensch auf, die Muskeln strafften sich: ja das
Ereignis solch eines elementaren Gewittersturzes hatte noch etwas von
der Sprache des Welten-Anfangs, der Vorzeit ... Auch im Vorfrühling war
Peter einmal im Gebirg: da aber donnerten die Lawinen, überall lag noch
Schnee und der Schnee begann zu fließen ... Da stellte sich Peter
breitbeinig gegen den Wind, wie ein Torwächter gegen den Ball beim
Fußballspiel: und der Sturm drückte ihn mit einem heftigen Faustschlag
von der Stelle, so gewaltig, herrlich, übermenschlich war der Sturm ...
An die Erinnerung an diese Landschaft klammerte sich Peter in seiner
tiefsten Not in Gedanken an, eine kristallharte eisklare Kraft sog er
aus ihr und er lachte eines Tages überlegen:
„Was, ich soll mit diesem Dreck da nicht fertig werden ...“
Und er wurde eines Tages fertig damit, ein marternder Heißhunger
überfiel ihn, er stahl den Sterbenden das Essen, trotzdem es schon mit
Speichel versabbert war, aus den Näpfen weg, es war zwar ein
entsetzlicher Fraß, aber er wurde gerade doch noch kräftig und gesund
damit. –
* * * * *
Die Operationswagen rollten in den Gängen, eine Rippenresektion folgte
wieder auf die andere, draußen stand Sanitätsautomobil an
Sanitätsautomobil: die ersten Blutzeugen der soeben begonnenen
Riesenmassenschlacht.
„Meine Kindheit hat mich diesmal gerettet, ein Erbgut, an dem die Kinder
gut gestellter Leute unendlich lang zu zehren haben ... Und die
anderen?! ... Was der Mensch in solchen vier Jahren durchmachen muß, das
geht schon auf keine Kuhhaut ... Und was der Mensch aushalten kann ...
Und wofür und warum dies alles?!“
Peters Antwort war:
„Deutschland.“
* * * * *
Bereits drei Tage nach seiner Entlassung wurde Peter mit seiner
Kompagnie zu einem Sturmangriff eingesetzt. –