Die Erde platzt!
Schlagwetterkatastrophe auf der Zeche
„Königin Luise“. – Die „Majestät des
Todes“. – Was tut not!? – „Lieber im
Feuer der Revolution verbrennen, als ...“
I
Die Menschen waren nicht mehr in den Häusern zu halten.
Es trieb sie heraus auf die Straße. Sie hetzten zunächst einzeln, ein
jeder für sich, dann in Gruppen dahin, hunderte ballten sich an: in
einer Masse von Tausenden schon schwemmte es die Straße hinunter.
Mit eckig aus den Schultern geschleuderten Armen. Manche halbnackt, nur
mit einem Lumpen um.
Sie kletterten über Zäune. Gitter und Schranken wurden niedergetreten.
Dazu läuteten die Glocken auf allen Türmen der Stadt.
Keinen Betrunkenen sah man mehr. Keine Kneipe lärmte mehr.
Maschinen stampften in den Kesselhäusern, von keiner Menschenhand mehr
bedient, in einem unregelmäßigen Rhythmus weiter.
Die Straßenbahnen hatten ihren Betrieb eingestellt.
Ueberall standen auf den Gleisen wie leblose Klötze die verlassenen
Wagen. –
* * * * *
Es war gegen 5 Uhr nachmittags, als ein langgezogener Donner unter der
Erde hinrollte. Ueber der Erde war es wie ein elektrischer Stoß, der in
alle Winkel, auch in die kleinsten Häuserwinkel der Stadt hineinzuckte.
Die Telephone schrillten noch einmal auf. Die Telegraphenapparate
knatterten drauf los ... Und es warf sich von Mund zu Mund: eine
unheimliche Erschütterung: sie sprang von Nerv zu Nerv über, jedes
Menschenherz krampfte sich zusammen, dann stieß es wieder um so
gewaltiger einen Strom von Blut aus. Abwechselnd färbten sich die Wangen
der Menschen kreideweiß, schwarzrot ... Automatisch schnappten Münder
auf und zu. Wie im Starrkrampf blieben sie weit offen ... Der Boden
schien plötzlich unter den Füßen weggezogen. Man tappte wie im Finstern,
trotzdem es noch hellichter Tag war. Wie in einem Hohlraum. Man tastete
sich wie im Leeren ... Ja, wie ein riesiges unsichtbares Fragezeichen
stand es plötzlich mitten im Raum. Das ganze Leben, das Menschendasein
selbst war in einem Sekundenaugenblick, mit einem jähen Ruck zu einer
Frage geworden.
* * * * *
Die Läden waren im Nu geschlossen.
Niemand zeigte sich an den Fenstern.
In den Stadtteilen der Reichen kehrten die Autos schleunigst in die
Garagen zurück. Auch dort, in den vornehmen Villenvierteln, war der
Druck spürbar. Man sprach halblaut: „Was wird wohl daraus wieder
werden?!“
Die Fabriksirenen heulten.
Rudel von Kindern krallten sich kreischend in die Röcke der Mütter fest,
die, wie vom Irrsinn gehetzt, dahinfegten.
Auch die Polizeimannschaften, auf Lastkraftwagen heraneilend, vermochten
diesem Menschensturm keinen Einhalt zu tun. Dazwischen klingelten die
Löschfahrzeuge der städtischen Feuerwehr. Sanitätskolonnen sputeten
vorüber.
Wahnwitzige schrille Schreie gellten jetzt über diese Flut fliegender
Menschenhäupter hinweg.
Da rannten auch welche querfeldein. Einige stürzten. Andere packten sie
wieder hoch. Ohne daß sie ihre zerschlagenen Beine bewegen mußten, trug
der über die holperigen Trottoire sich dumpf dahinwälzende Menschenstrom
unwiderstehlich sie mit vorwärts. –
* * * * *
Es war im Februar. Aber es war wie ein Frühlingstag.
Durch die Rauchschicht, die in dieser Gegend ewig in der Luft lagerte,
waren Fetzen blauen Himmels sichtbar. Die Sonne dampfte, und spärliche
Reste schmutzigen Grases fingen an den Böschungen, die die
Schlackenhalden dort von der Straße abgrenzten, bereits dürftig zu
grünen an.
Es roch nach Blut, Schweiß, Pulver.