Dieses Kriegslazarett war eine ausgesprochene Morphium- und Kokainhölle.
Nicht nur der Chefarzt spritzte und schnupfte, sämtliche Assistenzärzte
und das ganze Pflegepersonal waren verseucht.
Dazu lag das Lazarett ständig in stärkstem Feuerbereich, kaum eine Woche
verging, daß nicht ein schwerer Brocken auf eine der Baracken
herunterhagelte und unter dem wahnwitzigen Geheul aller Kranken
krepierte.
In der Zeit, als Peter dort lag – es waren insgesamt drei Monate – kamen
noch täglich nervenzerrüttende Fliegerüberfälle hinzu.
* * * * *
Das Lazarett hieß im Soldatenmund „Giftschaukel“ und war hauptsächlich
mit Gaskranken belegt.
Daneben bestand noch eine eigene Irrenabteilung, doch unterschieden sich
die Kranken nicht wesentlich von einander.
Hier lagen vor allem die Paralytiker, die Silbenschmierer und die
Silbenstotterer. Bei all diesen hatte erst die Erschütterung ihres
Nervensystems durch den Krieg den paralytischen Anfall ausgelöst.
Remissionen kamen auf Grund der Ungunst der Verhältnisse und der sehr
mäßigen Behandlung nur selten vor. Wie ein Katarakt galoppierten sie dem
Grabe zu. –
Aber Kokain wurde nicht nur geschnupft, es wurde bei denen, die sich
daran gewöhnt hatten, auch in ungeheuren Quanten verspritzt.
Zuerst behandelte man die Gaserkrankten mit Salben und Sauerstoff, dann,
wenn, was wenig häufig genug vorkam, die akute Gefahr vorüber war, griff
der Unglückliche zum Morphium, später zum Kokain. Offene nekrotisierende
und bis tief auf die Knochen sich einfressende Wunden hatte bei den
meisten das blasenziehende Agens, d. h. das chemische Kampfmittel
zurückgelassen, mit Verbänden und Schmierkuren war nur wenig dagegen
auszurichten. Der Zustand der Lunge war mehr als trostlos, überhaupt
hatte das Gas bei den meisten tiefgreifende Veränderungen des Blutbildes
hervorgebracht. Die weißen Blutkörperchen nahmen rapid ab, kernhaltige
Blutkörperchen treten auf, die roten Blutkörperchen ändern ihre Form,
nehmen Stechapfelform an und gehen massenhaft zugrunde. Umfangreiche
Pigmentierungen der Haut erscheinen, die durch den freiwerdenden
Blutfarbstoff ein gelb- und graubräunliches bis broncefarbenes Aussehen
erhalten. Auch Eisenablagerungen in verschiedenen Organen, namentlich in
Leber und Milz wurden beobachtet.
Und zu alledem blieb einem Entlassenen noch die angenehme Hoffnung auf
einen sogenannten „Spättod“, der oft genug überraschenderweise erst nach
Jahren eintrat ...
Der Saal, in dem Peter lag, war der „septische“, der Saal, in dem die
„Eiterigen“ untergebracht waren, vor allem die Lungenemphyseme.
Vierzehn Mann kauerten in halb aufrechter Stellung in den Feldbetten,
mit dicken Papierverbänden um den Leib, einen Gummidrain zwischen den
geöffneten Rippen, durch den der jauchige Eiter aus der entzündeten
Lunge herauseiterte. Das Fieberthermometer kreiste beständig im Saal,
die Temperaturen der einzelnen waren das Hauptgesprächsthema.
Ununterbrochen wurde gegen den beizenden Fäulnisgestank „Tannenduft“
gestäubt und die Aerzte kamen nur mit der Zigarre im Munde.
Jeder war mißtrauisch, hinterhältig gegen den andern, belauerte
eifersüchtig jeden Temperaturunterschied, eine ungeheuere Schadenfreude
entstand, wenn bei einem das Thermometer wieder einmal um einige Grad
höherschnellte. Ein jeder rettungslos seiner eigenen Fieberkurve
versklavt: nach ihr schwang der Weltrhythmus. Ja, es kamen auch einige
Prügeleien bei der Essenverteilung vor: die, die sich benachteiligt
glaubten, stürzten sich mit ihren Krückstöcken aus dem Bett, schlugen
auf die ihrer Meinung nach von der Schwester mehr Begünstigten ein, bis
einem der Verband sich auflöste und der jauchige Eiter sich dick auf dem
Fußboden herumschmierte ... War wieder einer „an der Reihe“, wurde er
auf den Gang hinausgefahren, nicht ohne daß ihm einige höhnisch „Gute
Besserung!“ nachriefen ...
Dann die Folterqualen des Dekubitus! Nach kurzer Zeit hatten sich
beinahe alle aufgelegen, hauptsächlich am Steißbein, wo sich trotz
sorgfältiger und häufiger Waschungen mit Spiritus, trotz Salben und
Puders bald faustgroße Löcher bildeten; den Aermsten wurde dann ein
Luft- oder Wasserkissen untergeschoben, aber die Wundlöcher eiterten,
der Kranke faulte jetzt nicht nur von innen und oben, sondern auch von
unten an. Dem also Gefolterten war es, als ob er an den mit dem
Dekubitus behafteten Stellen bei lebendigem Leib auf einer glühenden
Eisenplatte briete.
Dazu tat noch ein übriges die Wirkung der verschiedensten Narkotika.
Es war unmöglich, ohne diese bei den Erstickungsanfällen und
Schmerzkrämpfen auszukommen.
Beim ersten Gebrauch: eine übermütige, durch nichts begründete
Heiterkeit, die Patienten plapperten unermüdlich Tag und Nacht
Sinnvolles und völlig Sinnloses wirr durcheinander, Pläne wurden
geschmiedet, das Modell eines gegen jede Gasart undurchdringlichen
Asbestanzuges mit viel Liebe und Hingabe entworfen, Ideen, phantastische
Vorstellungen jagten und hetzten sich, ein jeder war eigentlich
plötzlich mit seinem Zustande ganz zufrieden, nur, wenn die Schwester
einmal länger als gewöhnlich mit der Spritze ausblieb, dann gab es
förmlich eine Revolte, man heulte und läutete: der ganze Saal krampfte
sich zusammen wie unter einem Tobsuchtsanfall ...
Diesem Uebel wurde bald abgeholfen dadurch, daß man jedem eine
ausreichend große Giftportion zuwies und er sich die Spritzen selbst
machte.
Nun gab es jeden Tag einen neuen Abszeß, es wurde geschnitten, man saß
halbe Tage lang im Warmbad, bis sich der eine oder der andere zuerst
eine weit ausgedehnte Furunkulose, dann eine Phlegmone holte, die sich
über den ganzen Körper ausbreitete, so, daß wo man auch mit der
Injektionsnadel einstach, eitrig-wässerige Flüssigkeit einem
entgegenspritzte.
Einige gingen dabei an Thrombosen zugrunde.
Dann kam zur Abwechslung Kokain in Mode.
Die Kranken hatten das Mittel schon mehrere Wochen gebraucht, als sie
plötzlich Stimmen zu hören vorgaben, Gestalten sahen, die sie bei ihrem
Namen nannten und sie bedrohten, zu wüsten sexuellen Ausschweifungen zu
verleiten suchten, elektrische Nadeln durch die Wände hindurch mitten
auf ihren Körper hin zuspitzten und wiederum Stimmen, oben und unten und
nebenan, die entsetzlich fluchten, Zoten rissen ... und plötzlich in den
Vorstellungen der Kokainverseuchten der ganze Saal sich in einen
Granattrichter verwandelte, Trommelfeuer rauschte und einer sein Bett in
Brand steckte, was zwar von den Wärtern noch rechtzeitig bemerkt wurde
... Dazwischen sang einer immer monoton vor sich hin: „Oh herrliche
Phosgen-Luft! Du bist mein Augenstern ...“ Man bewarf ihn, als er nicht
aufhören wollte, einfach mit den nächstbesten Gegenständen.
Bald darauf wurde allerdings, besonders da auch eine Inspektion
angekündigt war, mit der Dosierung der narkotischen Mittel gebremst.
Die einen ätherisierten zum Ersatz, chloroformierten, fraßen Veronal
röhrchenweise, andere versuchten eine Entwöhnungskur mit Alkohol und
Pantopon, wieder andere dösten in schweren Schlafmitteln tagelang dahin,
vollkommen von einem undurchdringlichen Paraldehyddunst eingedeckt, und
wieder anderen, die nicht zu toben aufhören wollten, wurde vom Arzt
Skopolamin verordnet, ein stark lähmendes Mittel, das jede
Orientierungsfähigkeit ausschaltet, Gesichtsfeldverengungen zur Folge
hat, die Sprache des Patienten wurde tief und sandig-rauh ... und er lag
weich gebettet auf seinem harten Feldbett wie in einem unermeßbar
abgründigen Abgrund ...