VI

Dieses Kriegslazarett war eine ausgesprochene Morphium- und Kokainhölle.

Nicht nur der Chefarzt spritzte und schnupfte, sämtliche Assistenzärzte

und das ganze Pflegepersonal waren verseucht.

Dazu lag das Lazarett ständig in stärkstem Feuerbereich, kaum eine Woche

verging, daß nicht ein schwerer Brocken auf eine der Baracken

herunterhagelte und unter dem wahnwitzigen Geheul aller Kranken

krepierte.

In der Zeit, als Peter dort lag – es waren insgesamt drei Monate – kamen

noch täglich nervenzerrüttende Fliegerüberfälle hinzu.

* * * * *

Das Lazarett hieß im Soldatenmund „Giftschaukel“ und war hauptsächlich

mit Gaskranken belegt.

Daneben bestand noch eine eigene Irrenabteilung, doch unterschieden sich

die Kranken nicht wesentlich von einander.

Hier lagen vor allem die Paralytiker, die Silbenschmierer und die

Silbenstotterer. Bei all diesen hatte erst die Erschütterung ihres

Nervensystems durch den Krieg den paralytischen Anfall ausgelöst.

Remissionen kamen auf Grund der Ungunst der Verhältnisse und der sehr

mäßigen Behandlung nur selten vor. Wie ein Katarakt galoppierten sie dem

Grabe zu. –

Aber Kokain wurde nicht nur geschnupft, es wurde bei denen, die sich

daran gewöhnt hatten, auch in ungeheuren Quanten verspritzt.

Zuerst behandelte man die Gaserkrankten mit Salben und Sauerstoff, dann,

wenn, was wenig häufig genug vorkam, die akute Gefahr vorüber war, griff

der Unglückliche zum Morphium, später zum Kokain. Offene nekrotisierende

und bis tief auf die Knochen sich einfressende Wunden hatte bei den

meisten das blasenziehende Agens, d. h. das chemische Kampfmittel

zurückgelassen, mit Verbänden und Schmierkuren war nur wenig dagegen

auszurichten. Der Zustand der Lunge war mehr als trostlos, überhaupt

hatte das Gas bei den meisten tiefgreifende Veränderungen des Blutbildes

hervorgebracht. Die weißen Blutkörperchen nahmen rapid ab, kernhaltige

Blutkörperchen treten auf, die roten Blutkörperchen ändern ihre Form,

nehmen Stechapfelform an und gehen massenhaft zugrunde. Umfangreiche

Pigmentierungen der Haut erscheinen, die durch den freiwerdenden

Blutfarbstoff ein gelb- und graubräunliches bis broncefarbenes Aussehen

erhalten. Auch Eisenablagerungen in verschiedenen Organen, namentlich in

Leber und Milz wurden beobachtet.

Und zu alledem blieb einem Entlassenen noch die angenehme Hoffnung auf

einen sogenannten „Spättod“, der oft genug überraschenderweise erst nach

Jahren eintrat ...

Der Saal, in dem Peter lag, war der „septische“, der Saal, in dem die

„Eiterigen“ untergebracht waren, vor allem die Lungenemphyseme.

Vierzehn Mann kauerten in halb aufrechter Stellung in den Feldbetten,

mit dicken Papierverbänden um den Leib, einen Gummidrain zwischen den

geöffneten Rippen, durch den der jauchige Eiter aus der entzündeten

Lunge herauseiterte. Das Fieberthermometer kreiste beständig im Saal,

die Temperaturen der einzelnen waren das Hauptgesprächsthema.

Ununterbrochen wurde gegen den beizenden Fäulnisgestank „Tannenduft“

gestäubt und die Aerzte kamen nur mit der Zigarre im Munde.

Jeder war mißtrauisch, hinterhältig gegen den andern, belauerte

eifersüchtig jeden Temperaturunterschied, eine ungeheuere Schadenfreude

entstand, wenn bei einem das Thermometer wieder einmal um einige Grad

höherschnellte. Ein jeder rettungslos seiner eigenen Fieberkurve

versklavt: nach ihr schwang der Weltrhythmus. Ja, es kamen auch einige

Prügeleien bei der Essenverteilung vor: die, die sich benachteiligt

glaubten, stürzten sich mit ihren Krückstöcken aus dem Bett, schlugen

auf die ihrer Meinung nach von der Schwester mehr Begünstigten ein, bis

einem der Verband sich auflöste und der jauchige Eiter sich dick auf dem

Fußboden herumschmierte ... War wieder einer „an der Reihe“, wurde er

auf den Gang hinausgefahren, nicht ohne daß ihm einige höhnisch „Gute

Besserung!“ nachriefen ...

Dann die Folterqualen des Dekubitus! Nach kurzer Zeit hatten sich

beinahe alle aufgelegen, hauptsächlich am Steißbein, wo sich trotz

sorgfältiger und häufiger Waschungen mit Spiritus, trotz Salben und

Puders bald faustgroße Löcher bildeten; den Aermsten wurde dann ein

Luft- oder Wasserkissen untergeschoben, aber die Wundlöcher eiterten,

der Kranke faulte jetzt nicht nur von innen und oben, sondern auch von

unten an. Dem also Gefolterten war es, als ob er an den mit dem

Dekubitus behafteten Stellen bei lebendigem Leib auf einer glühenden

Eisenplatte briete.

Dazu tat noch ein übriges die Wirkung der verschiedensten Narkotika.

Es war unmöglich, ohne diese bei den Erstickungsanfällen und

Schmerzkrämpfen auszukommen.

Beim ersten Gebrauch: eine übermütige, durch nichts begründete

Heiterkeit, die Patienten plapperten unermüdlich Tag und Nacht

Sinnvolles und völlig Sinnloses wirr durcheinander, Pläne wurden

geschmiedet, das Modell eines gegen jede Gasart undurchdringlichen

Asbestanzuges mit viel Liebe und Hingabe entworfen, Ideen, phantastische

Vorstellungen jagten und hetzten sich, ein jeder war eigentlich

plötzlich mit seinem Zustande ganz zufrieden, nur, wenn die Schwester

einmal länger als gewöhnlich mit der Spritze ausblieb, dann gab es

förmlich eine Revolte, man heulte und läutete: der ganze Saal krampfte

sich zusammen wie unter einem Tobsuchtsanfall ...

Diesem Uebel wurde bald abgeholfen dadurch, daß man jedem eine

ausreichend große Giftportion zuwies und er sich die Spritzen selbst

machte.

Nun gab es jeden Tag einen neuen Abszeß, es wurde geschnitten, man saß

halbe Tage lang im Warmbad, bis sich der eine oder der andere zuerst

eine weit ausgedehnte Furunkulose, dann eine Phlegmone holte, die sich

über den ganzen Körper ausbreitete, so, daß wo man auch mit der

Injektionsnadel einstach, eitrig-wässerige Flüssigkeit einem

entgegenspritzte.

Einige gingen dabei an Thrombosen zugrunde.

Dann kam zur Abwechslung Kokain in Mode.

Die Kranken hatten das Mittel schon mehrere Wochen gebraucht, als sie

plötzlich Stimmen zu hören vorgaben, Gestalten sahen, die sie bei ihrem

Namen nannten und sie bedrohten, zu wüsten sexuellen Ausschweifungen zu

verleiten suchten, elektrische Nadeln durch die Wände hindurch mitten

auf ihren Körper hin zuspitzten und wiederum Stimmen, oben und unten und

nebenan, die entsetzlich fluchten, Zoten rissen ... und plötzlich in den

Vorstellungen der Kokainverseuchten der ganze Saal sich in einen

Granattrichter verwandelte, Trommelfeuer rauschte und einer sein Bett in

Brand steckte, was zwar von den Wärtern noch rechtzeitig bemerkt wurde

... Dazwischen sang einer immer monoton vor sich hin: „Oh herrliche

Phosgen-Luft! Du bist mein Augenstern ...“ Man bewarf ihn, als er nicht

aufhören wollte, einfach mit den nächstbesten Gegenständen.

Bald darauf wurde allerdings, besonders da auch eine Inspektion

angekündigt war, mit der Dosierung der narkotischen Mittel gebremst.

Die einen ätherisierten zum Ersatz, chloroformierten, fraßen Veronal

röhrchenweise, andere versuchten eine Entwöhnungskur mit Alkohol und

Pantopon, wieder andere dösten in schweren Schlafmitteln tagelang dahin,

vollkommen von einem undurchdringlichen Paraldehyddunst eingedeckt, und

wieder anderen, die nicht zu toben aufhören wollten, wurde vom Arzt

Skopolamin verordnet, ein stark lähmendes Mittel, das jede

Orientierungsfähigkeit ausschaltet, Gesichtsfeldverengungen zur Folge

hat, die Sprache des Patienten wurde tief und sandig-rauh ... und er lag

weich gebettet auf seinem harten Feldbett wie in einem unermeßbar

abgründigen Abgrund ...

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 15 / 229 题