II

Auch Peter Friedjung, damals knapp zweiundzwanzig Jahre alt, befand sich

unter den Heimkehrern.

Auch er stieß jetzt „Deutschland über alles“ hervor ...

Mit dem Gesang „Deutschland über alles“ hatte zu Beginn des Kriegs das

Freiwilligenregiment List gestürmt, mit dem Gesang „Deutschland über

alles“ auf den Lippen wurden die jungen Freiwilligen vom Trommelfeuer zu

einem Leichenbrei zusammengestampft.

Fünfmal während des Krieges war Peter Friedjung für „Deutschland über

alles“ verwundet worden.

Und nun!?

Wäre ein Flieger der Rheingrenze entlang geflogen: er hätte deutlich

beobachten können, wie das acht Millionen starke deutsche Feldheer,

einer riesigen Schlammflut gleich, in die Heimat zurücktrieb, wie die

Massen der Armeen von den Städten aufgesogen wurden und das Gewimmel der

Züge auf den geometrischen Figuren der Eisenbahnnetze gegen das

Hinterland zu sich langsam auflockerte und dort schon wieder Zug auf Zug

straff, in vollkommener Ordnung, dahinrollte ...

Am Abend kam die Kolonne, der Peter Friedjung angehörte, drei Kilometer

vor der Bahnstation an, wo sie nach München verladen werden sollte.

Ein Matrose, ein baumstarker Kerl, ein Mann in Zivil mit einer knolligen

Schnapsnase und einer in einer feldgrauen Uniform, alle rote Binden um

den Arm, kamen ihnen am Dorfeingang entgegen und forderten sie auf, die

Waffen abzulegen.

„Also ist es zur Tatsache geworden. Revolution!“ stellte Kamerad

Friedjung fest.

„Hier in der Dorfschule ist der Arbeiter- und Soldatenrat.“

Die Heimkehrer sahen sich unschlüssig an.

Aber man ließ ihnen nicht lange Zeit zum Ueberlegen.

Eine schwerbewaffnete Abteilung Rotbinden erschien. Die Kolonne wurde

ohne weiteres entwaffnet.

Zum erstenmal hörte man wieder etwas über die Vorfälle in der Heimat.

„Das Heer hat teilweise gemeutert. Straßenkämpfe. Der Kaiser geflohen.

Neue Regierung. Die Sozialisten ...“

In die Sprache eines Deutschen übersetzt, schloß Peter, bedeutet das:

äußerlich hat die Entente gesiegt und damit also offenbar innerlich: der

Unglaube, die Vaterlandslosigkeit, die Pöbelherrschaft, die Anarchie.

Auf der Straße vor der Bahnstation waren größere Truppenteile

versammelt, alle ohne Offiziere, von denen es hieß, sie hätten sich

schleunigst in Zivil aus dem Staub gemacht.

Die „Internationale“ wurde gesungen, Soldaten standen Arm in Arm, alle

hatten sich die Kokarden und die Achselstücke abgerissen ... Von Zeit zu

Zeit hielt einer, auf den Schultern seiner Kameraden sitzend, eine Rede,

dann schrieen sie alle: „Hoch! Hoch! Nieder! Nieder!“

Die Kameraden, mit denen Peter zurückgekehrt war, waren nicht mehr

aufzufinden.

Er stand mitten in dem Tumult allein.

Er wußte jetzt überhaupt nichts mit sich anzufangen.

Er wiederholte sich noch einmal, was er während des Kriegs alles von der

revolutionären Bewegung gelesen und gehört hatte.

Da kannte er natürlich dem Namen nach Karl Liebknecht, diesen

hundsföttischen Vaterlandsverräter, wie ihn immer die Offiziere bei

ihren Sektgelagen im Kasino tituliert hatten, von dem man erzählte, daß

er steinreich sei, eine Unmenge Häuser besitze und von der Entente

bestochen sei, um dem deutschen Volk die Kriegskredite zu verweigern ...

„Und die anderen, die werden auch kaum besser sein, Parasiten unserer

Niederlage, individuelle Nutznießer des Volksunglücks, Kreaturen, die

nur im Augenblick der vollkommenen Verwirrung, Ohnmacht und

Wehrlosigkeit eines Volks zu Wort kommen und sich leider auch, bei der

Dummheit, Gutgläubigkeit und politischen Ungebildetheit des Deutschen,

Gehör verschaffen können.“

Und scharf in jeder seiner grauenvollen Einzelheiten tauchte in Peters

Gedächtnis jener Morgen auf, der Beginn eines der gewaltigsten

Großkampftage, den die Westfront je gesehen.

* * * * *

Der Massenfeuerüberfall war beendet.

Die Sturminfanterie ging zum Angriff vor.

Von Stellung zu Stellung. Ein einziges Kraterfeld war nurmehr das

feindliche Gräbensystem, schon hatten die Infanteriewellen ein großes

Loch in die feindliche Front hineingefressen, und „nun mit den

Engländern ins Meer“ jubelten, ihres gelungenen Durchbruchs sicher, die

verschiedenen Regimenter der verschiedenen deutschen Stämme sich zu,

schon wurde der Befehl erteilt: „Kavallerie vor!“ ... da setzte

unerwarteterweise eine Reservedivision Kanadier zum Gegenstoß an, und –

das Sperrfeuer der eigenen Artillerie blieb aus, alle Gewehr-,

Handgranaten- und Maschinengewehrmunition war verschossen, keine Hilfe

weit und breit, kein einziger Schuß krachte, nur die feindliche

Artillerie hieb mit den schwersten Brocken herein, Staubsäule um

Staubsäule dampfte hoch, und ein zäher entsetzlicher Bajonett-, Messer-,

Spaten- und Würgkampf begann, Mann gegen Mann, bis am Abend die

deutschen Truppen gezwungen waren, die eroberten Positionen Schritt um

Schritt und unter den ungeheuersten Verlusten aufzugeben, und die Lücke

in der feindlichen Front wieder restlos geschlossen war.

Noch in derselben Nacht wurde bekannt:

Die Munitionsfabriken im deutschen Vaterland streiken. Die

Artilleriemunition im ganzen Frontabschnitt ist zu Ende. Das Messer

zwischen die Zähne, heißt es jetzt, und mit den blanken Leibern die

Front, wenn sie wo einreißen sollte, gestopft ... Auf keinen

Artillerieschuß sei für die nächsten Tage zu rechnen ...

Ein wilder Racheschwur schoß aus den Herzen der Frontkämpfer hoch; die

Finger reichten keinem, die Zahl der ihm lieben Kameraden, die er heute

verloren hatte, abzuzählen; wutentbrannt zerstampften manche die Pakete

mit Liebesgaben und drohten mit schreckensverzerrten Gesichtern:

„Dolchstoß von hinten! Na, wartet nur, wenn wir zurückkommen! Da werden

wir gründlich mit diesem schmierigen sozialistischen Gesindel aufräumen

...“

Doch das war bald vergessen. Die meisten wurden, wie es Peter wenigstens

damals schien, selbst bald Handlanger dieses sozialistischen Gesindels,

machten schlapp, knurrten, und die Erschießung von mißliebigen

Offizieren von hinten kam immer häufiger vor ... Selbst tagelanges

Baumanbinden gegen Insubordination und einzelne Füsilladen nützten

nichts ... Die moralische Auflösung der deutschen Front begann ...

* * * * *

Eiskalt vor innerer Erregung, mit haßerfüllten Augen blickte Peter auf

seine Umgebung.

„Pack schlägt sich, Pack –“

„Nein, wir hätten die Waffen nicht –“

Doch auch die Treuesten und Zuverlässigsten hatten sich bereits in die

Mauselöcher verkrochen.

Wieder rauschte ein Zug vorbei mit Hurras und vielen roten Fahnen ...

Ein pockennarbiger krummgewachsener Zivilist trat auf Peter zu, riß ihm

die Kokarde ab: „Aas!“

Peter stand wie gelähmt, lächelte und stotterte etwas.

Der andere war schon fort.

Dann preßte er zwischen den Zähnen hervor:

„Hunde! Schweine! Lügner! Ihr gottsjämmerlich erbärmlichen Schufte ...“

* * * * *

Der Herbststurm fegte. Die Dächer auf den Häusern klapperten. Zu einem

Skelett kahl gefressen war rings die Welt ...

„Eine feste Burg ist unser Gott!“

Dieser Choral dröhnte mächtig auf in ihm, von Tausenden von

Glockenspielen umläutet, in wunderbaren Klangspiralen, und hoch die

Sterne glänzten, das Firmament wölbte sich in raumlosen unbegrenzten

Schleifen und Kurven, und sprühte ... War das nicht der Abglanz von

Gottes Angesicht, jenes myriadenäugigen Gottes, des allfühlenden, des

allerkennenden, jener Abglanz von Gottes Angesicht, der den Abgrund, der

die Welt hieß, mit einer schimmernden firnisartigen Schicht überzog, mit

dem Glanz der Verklärung, der dieses diesseitige Jammertal überhaupt

erst für den Menschen erträglich machte? Jenes Gottes, dessen Atem

gleich Ebbe und Brandung war, dessen Sekunde ein Tausend Menschenjahre

in sich faßte und in dessen Allmacht es stand, die allerhöchsten

Bergmassive, die es auf der Menschenerde gab, leichthin wegzublasen wie

ein Sandkorn!? Das Meer, alle die großen und kleinen Ozeane, wären nicht

mehr gewesen als nur ein einziger Schluck in der Schale der göttlichen

Hand. Und war nicht die ganze Welt ein einziges Riesenorgelwerk, rühmend

des Ewigen Ehre, eine jede Kreatur ein besonderes Register darin, darauf

der Schöpfer des Weltalls, der Schöpfer der heiligen Ordnung aller Wesen

und Dinge, spielte, er, das Urbild aller Geschaffenheit, große, kühne,

erhabene Akkorde, auch schrille Dissonanzen darunter, doch nur dazu da,

um am Ende in einem desto gewaltiger schwellenden Halleluja sich

aufzulösen ...!

* * * * *

Eingepfercht zwischen durch und durch verlausten und völlig

verwahrlosten Mannschaften, die zynisch auf Gott, Kaiser und Vaterland

fluchten, rollt Peter der Heimat zu.

(CHCl=CH)3As (Levisite); oder, Der einzig gerechte Krieg · 第 11 / 229 题