„Deutschland über alles ...!“
Episode aus den Novembertagen 1918. –
„Deutschland über alles ...!“ –
„Lazarett-Poesie.“ – Den Veranstaltern
patriotischer Heldengedenkfeiern
gewidmet. – Heilige Familie. – Das Trio.
– Menschen-Dreck. – Götter stürzen. –
„Geh deinen Weg!“ –
I
Es ist Herbst, November 1918, vier Uhr morgens.
Die letzten deutschen Truppen ziehen über den Rhein.
Gespenstische Nebelhaufen wälzen sich über den beiden Rheinufern, die
Wassermassen unter der Brücke flüchten unterirdisch-rauschend und
unruhig dahin, ein schwer beladener Schleppkahn treibt darauf,
schweigend, als ob er, eine Sagengestalt der Vorzeit, durch einen
uferlosen Traum wandele. Nur die gotisch zerzackte Spitze des Kölner
Doms ragt stumpf aus einem Nebelloch, wie der Gipfel eines gewaltigen
Gebirgsmassivs.
Das ferne gedämpfte Geläute des Doms fällt jetzt langsam und zögernd auf
die Erde nieder, ein schwerer metallischer Tropfen ...
Es war eine niedergekämpfte Kolonne Sturminfanterie, der Rest eines
einst stolzen deutschen Regiments, die, ohne Schritt, dahintrottete:
bärtig verwachsene Gesichter, knöcherige Gestalten, mit zerfetzten und
ausgeblichenen Uniformen schlotternd behängt, in Mützen, barhaupt, der
eine oder der andere noch unter dem Stahlhelm, den vermoderten und
zerzausten Affen auf dem Buckel, die Gewehre, Mündung nach unten, über
die Schulter geworfen, und die zu Skeletten abgemagerten Gäule vor der
einzigen Feldküche stolperten und knickten immer wieder von Zeit zu Zeit
in die Knie, gleichmütig sprang der Trainsoldat vom Bock ab, die Kolonne
stockte eine Weile, einige drückten sich links und rechts vorbei am
Wegrand, dann ein müder Peitschenknall, die Gäule standen wieder
wackelnd aufgerichtet, und das Häuflein Soldaten setzte sich wieder in
Marsch.
Kein Kommando erscholl mehr.
Kein Wort wurde gesprochen ...
Doch kam es vor, daß der eine oder der andere sich plötzlich mit einem
jähen Ruck umwandte, mit einer blitzschnellen Handbewegung nach dem
Gewehrschaft griff, den Kopf sonderbar lächelnd schüttelte und wieder
den einen Fuß vor den anderen tat, als ob es nie anders gewesen wäre und
als ob es auch gar nicht je anders sein könnte ...
Vor zwei Tagen noch ...
Einer rechnete nach:
„Ja, das sind zweimal vierundzwanzig Stunden ...“
Also: frisch wie aus Schlamm gebacken aus dem Granattrichter ...
Und das gigantische Schlachtorchester brüllte die Symphonie der
Trommelfeuer und der Stahlgewitter und der Eisenorkane; forte,
fortissimo; Gaswellen fluteten unsichtbar geheimnisvoll heran; und nun
gewitterte auch schon über die stacheldrahtgezäunte, granatgepflügte
labyrinthische Ebene hinweg das Finale des Nahkampfes: der dumpfe Knall
platzender Handgranatenballungen in Erdhöhlen und Felsunterständen,
Menschenschreie, gurgelnd und wie „Huhu“ dazwischen, und das Sicheln des
Bajonetts ...
Traum? Wirklichkeit?
Denen, die hier in die Heimat zurückmarschierten, war das Bewußtsein
geschwunden, das Hirn leer, nur ein unbestimmter Trieb drängte in allen
ihren Gliedern sie mit vorwärts; links, rechts, links, rechts; das
Gesicht nach unten auf den Boden niedergedrückt, dort, wo immer wieder
zwei Stiefelbeine hervorschnellten oder der Absatz des Vordermanns, der
fest in den Straßendreck hackte.
Auch an eine Rast oder gar ans Abkochen dachte niemand.
Marschierten sie durch ein Dorf, so schien es ihnen, als wichen ihnen
die Einwohner scheu aus dem Weg, kein Mensch zeigte sich, alle Türen und
Fenster waren fest verschlossen, auch jetzt noch, da sie sich schon seit
einem Tag bald auf deutschem Boden befanden.
Es wurde Morgen.
Nein, es war kein englischer Tank, der plötzlich schnellwendig aus den
zerschleißenden Nebelschwaden hervorknatterte, auch keine Flammenwerfer,
die, flüssigen Phosphor spritzend, ganze Ballen von verbranntem
Menschenfleisch durch die Luft wickelten; kein leichtes
Infanteriegeschütz, kein auffliegendes Munitionsdepot, auch kein
Flieger, dicht über der Erde mit MGs die Stellungen abstreichend ...
Nichts, nichts mehr von alledem ...
Weinberge waren es, Hügel, saubere Steinhäuschen darin, Treppen und gut
angelegte Pfade durch Weingelände hindurch, Kirchturmspitzen blinkten.
Mit ihren Stöcken stocherten die Soldaten in den dahinkollernden
Laubhaufen; es war wirklich schönes, feuchtes rotbraunes Laub ...
Doch die fieberig flackernden Augen der Soldaten suchten von neuem den
Boden ab, fanden sich nicht zurecht, stießen sich und tasteten; man
hatte sich schon daran gewöhnt, es fehlte einem was; keine Leichname,
keine abgequetschten Arme, keine Rümpfe, die in der Hitze brodelten;
auch nichts von Offensivparfüm, das aus den von Granaten wieder
aufgewühlten Massengräbern dick aufstieg ... Rein und würzig war die
Luft, die Nebel verdampften sich nach oben ... Einer pfiff schon vor
sich hin, ein anderer summte leise im Takt, allmählich bildeten sich
wieder Reihen, fester und immer fester hämmerte der Schritt und, ohne
daß sie sich dessen bewußt waren, marschierten sie durch das nächste
Dorf im Gleichschritt. Schon winkte man ihnen zu, Menschen standen
freundlich nickend zwischen Türen und Fenstern, und da, als sie eben die
letzten Häuser hinter sich hatten, brach voll die Sonne durch.
Zerfetzt und zersplittert hing die Nebelpest herum, die Wipfel der Bäume
schüttelten sich, daß der letzte Laubrest an ihnen auseinanderstieb;
riesige Feuerfarren blühten im Weltraum die Sonnenstrahlen ... als ein
Mann, ein Landstürmer, in der Mitte des Zugs plötzlich mit
tränenerstickter Stimme ruft:
„Kameraden! Seht: Sonne über Deutschland!“
Ein Trompetensignal bläst.
Eine Trommel trommelt.
Hundert Köpfe rucken hoch.
Hundert Herztakte schlagen wieder.
Und aus hunderten, von vielem Blut- und Pulvergeschmack ausgedorrten
Kehlen schluchzt der Gesang:
„Deutschland über alles ...!“