Prasselnd fuhr der Sturm durch die Gassen und Märkte der alten Stadt.
Sie hatten manchen Sturmtag erlebt, die alten wehrhaften Türme, die als
Wahrzeichen gegen Land und See blickten. Aber wenn er wie an diesem
späten Novembertag schneidend kalt aus Nordost blies, die Dohlen von
den Schalluken verjagte und die Möwen zu Land trieb, dann fingen sie an
zu klagen.
Ssssiii -- jüh! Die Sturmflut kommt. In den fünffachen Böden der alten
Giebelhäuser polterte, knackte und stöhnte es, als seien die Geister
aller derer, die während sechshundert Jahren hier gehaust, erwacht und
träten einen Rundgang an. Fenster bogen sich unter dem Anprall des
Sturmes; was in morschem Rahmen saß, ward herausgepreßt und klirrend
hinabgeschleudert. Die Läden vor!
Ssssiii -- jüh! Die Böen schlugen wie Fäuste gegen die Schlote und
knickten sie, als sei es dürres Rohr. Dachziegel, Gossen und Rinnen
flogen polternd hinter ihnen drein auf die Straße unter schreckhaft
flüchtende Menschen, denen das höllische Hohngelächter des wilden
Gejaids nachklang.
Wo der Sturmesruf nicht so nachdrücklich vorherrschte, vernahm man das
ferne dumpfe Brausen, das grollende Zornesgeschrei der aufgewühlten
See, die zwischen Insel und Festland herandonnerte, ihre Pranken gegen
die Bollwerke schlug und in die Kaimauern Loch neben Loch brach.
Wie verdunkelt der Himmel herabhing, und war doch Mittagszeit! Das
gelblichgraue Gewölk war wie Rauchschwaden eines giftigen Brandes, der
irgendwo in der Ferne schwelte. Darunter hasteten Wolkenflocken als
eine unheimliche Flucht sich lösender und wieder ballender Schatten.
Der Sturm trug Schaumfetzen und den herben Geruch des Meeres über
Dächer und Türme.
Malte verließ am frühen Nachmittag das Haus am Markt. Auf der Schwelle
der Geschäftsräume blieb er stehen und schaute zurück. Über den
Pulten und Tischen flammten die Glühkörper, die heute vom Morgen an
Licht gespendet hatten. Die Arbeitenden hoben zuweilen die Köpfe, als
lauschten sie dem Brausen, das jeden Raum erfüllte. Hatte sich jetzt
schon die straffe Zucht gelockert? Ach, es war ja alles gleichgiltig!
Auf dem Flur zögerte er. Frauke? Nein, sie hatte so bestimmt geäußert,
sie wolle allein kommen; es war besser, er ging.
Aber die Stunde, in der man über ihn zu Gericht sitzen sollte, schlug
noch nicht; er hatte noch Zeit. Er wollte, er mußte in die freie Luft,
sich durchwehen lassen, im Trotz der Elemente die Fassung gewinnen, die
ihnen die Stirn zu zeigen wagte. Er wandte sich dem Hafen zu.
Keiner beachtete heute den andern. Die Menschen gingen, mit der
Hand den Hut fassend, in den seltsamsten Haltungen, teils vom Sturm
getrieben mit eingedrückten Rücken, teils mit vorgeneigtem Kopf gegen
ihn ankämpfend; sie glichen gekräuselten Spänen, die ein wildes Feuer
ausgestoßen hat.
Das Getöse wuchs, je näher er der See kam. Das Sprühwasser wurde in das
Land geworfen: auf den Dämmen wogten breite Lachen, die man umgehen
mußte. Die Keller der nächsten Häuser füllten sich.
Die Menschen verständigten sich durch Zeichen. Zuweilen versuchte es
einer, die Stimme der See zu überschreien; doch der rasende Sturm
riß den Hall fort, bevor er das Ohr erreichte. Man klammerte sich
aneinander, um nicht fortgeschleudert zu werden.
War dieser kochende Riesentiegel das Meer? Wogende Abgründe, stürzende
Hügel, schäumende, langmähnige Wasserrosse, die schnaubend an das Ufer
sprangen und zerschellten. Ungesehen und lautlos konnte in diesem
Tumult verschwinden, wem das Leben leid war.
Das Gebrüll der Wasser war ohrbetäubend, der eisige Wind dämpfte den
Atem. Malte wandte sich der Stadt zu, wo Möwen schreiend durch die
Straßen flogen.
Der Treßhof lag dunkel und zusammengekauert wie ein Fossil der
Urzeit, das sich um die Erregungen zahmer Zeiten nicht mehr kümmert.
Im Beratungzimmer zeigte sich ein Licht. Aber in den Speichern trieb
der Sturm sein Unwesen, zerrte an den Lukenläden und stieß gegen die
Mansarden. Ssssiii -- jüh!
Als Malte eintrat, unterbrach sein Erscheinen ein Gespräch zwischen
Harro und Ose. Die Brüder begrüßten einander kühl. Malte blickte Ose
fragend an: sie hielt in bebenden Händen das Bild des Balzer Treß,
dessen Rahmen zerborsten war.
»Der Sturm«, sagte sie tonlos. »Er hat es von der Wand geworfen.«
»Erzähle doch!« drängte Harro.
»Wolle Gott allen Seelen heute gnädig sein, vor allem ihm, dem
fliegenden Holländer«, entgegnete sie scheu.
»Und du sagst, er fahre heut noch draußen umher?« begann Harro wieder.
Ose blickte zu Malte hinüber, der sich am Wandschrank in der Tiefe des
Raumes zu schaffen machte. »Gott allein weiß, ob nun, da das Bild fiel,
seine Prüfung beendet ist«, sagte sie halblaut. »Wenn nicht -- ja, dann
fährt er noch. Und immer steuert er in den wildesten Sturm hinein, weil
er seinen Untergang sucht. Aber er soll erst Erlösung finden, wenn die
goldene Fee an dem Galion der Kogge ihren Platz verläßt und sich zu ihm
kehrt.«
Malte horchte auf. Was sagte sie? Aber es blieb keine Zeit zu fragen:
die andern kamen, und Ose ging, das beschädigte Bild in der Hand, nach
oben.
* * * * *
Es war wie vor vier Jahren. Onkel Rolf legte seine gefüllte Aktentasche
vor sich auf den Tisch. Frauke saß in der gleichen Haltung im
Lehnstuhl. Güldenfey, Harro ... nur Jörg fehlte. Nein, es war nur
scheinbar so. Er, Malte, der sich damals vermaß, den geschädigten
Vermögensstand zu bessern, den alten Glanz des Treßhauses wieder zu
erneuern, er saß hier als ein Geschlagener. Man trank keinen Festwein
auf frohes Gelingen, man klagte ihn des Leichtsinns an. Es war nicht
mehr Frühling, sondern die Welt ging in spätherbstlicher Sündflut
unter. Der Sturm regierte: Ssssiii -- -- jüh!
Was bedeutete das? Güldenfey setzte sich an seine Seite, nickte ihm
ermutigend zu und berührte ihn tröstend. Sah man es ihm an, wie er
litt? O, er wollte diesen Gang allein gehen. Onkel Rolf sah ihn an; er
erhob sich.
Als er stand, Auge in Auge vor den Geschwistern, die schwere Last der
Selbstverantwortung auf der Seele, da überkam ihn die grauenvolle Öde
des Alleinseins. Seine Stimme splitterte und brach, er mußte noch
einmal beginnen. Er wußte nicht, was er sagte. Seine Verteidigung
war eine Anklage gegen die Zeit. Hatte er nicht klüglich hin und her
erwogen? -- Doch die Zeitläufte hatten jeder Berechnung gespottet.
Hatte er nicht um Rat gefragt? -- Die Klugen waren selbst zuschanden
geworden. Hatte er sich nicht in Arbeit verzehrt? -- Was bedeutete
heute ehrliche Arbeit! Hatte er nicht gelitten -- --?
»Ja, du hast gelitten«, sagte Güldenfey leise.
Malte setzte sich. Onkel Rolf rieb sein Kinn: jetzt hatte er das
Wort. Seine Aufgabe war wahrlich nicht beneidenswert, den Treßkindern
mitzuteilen, daß sie so gut wie nichts mehr besaßen. Fast täglich hatte
er den bei ihm Rat Suchenden ihren Ruin zu bestätigen, gestern erst
seinem Klaus!
Mit trockener Gründlichkeit entledigte er sich des Auftrags. Jetzt
horchten sie auf. Was Malte gesagt, war Spiel mit Gefühlen, ja doch, ja
doch! Aber man wollte doch die Tatsächlichkeit kennen.
Malte blickte nur auf Frauke, ob sich in ihren Mienen etwas zeige, was
ihrer Seele Regung offenbare. Er gewahrte nichts. Wie ein Bild aus
Stein saß sie da, die Hand an der Wange. Er hatte, als der Abschluß
geschehen, mit ihr zu sprechen versucht, hatte ihr klargemacht,
daß ihm der Ring die Gelder ausgezahlt, ja, mehr als er gegeben,
zurückerstattet habe, und daß trotzdem dieser Berg von Papier nichts
wert sei. Sie hatte ihn starr angesehen und geschwiegen. Geschwiegen,
immer nur geschwiegen! Jetzt ...
Onkel Rolf hatte geendet, eine peinvolle Pause dehnte aller Not ins
ungemessene. Warum reden sie nicht, warum entrüsten sie sich nicht?
dachte Malte. Ihre Blicke, die mich fliehen, sind furchtbarer als ihre
Anklagen. Warum ist Frauke noch immer so erstarrt?
Harro war der erste, der die Qual endete. »Habe ich recht verstanden?
Unser Barvermögen ist also völlig dahin, und das Grundvermögen ...?«
Onkel Rolf entgegnete umständlich, daß Verbindlichkeiten da seien, die
getilgt werden müßten; vielleicht sei der Treßhof zu retten, vielleicht!
Es ging wie ein Schlag durch alle. Vielleicht? War das Leben denkbar
ohne den Hof? Ihn einbüßen -- hieß das nicht, die Lebenswurzel
ausreißen?
»Also, das wäre das Ende!« sagte Harro heiser. »Wir arm, der Treßhof in
fremder Hand. Es ist herrlich weit gebracht.« Er lachte plötzlich wild
und ungezügelt auf, aber das war das Schreckliche nicht. Schrecklich
war der flammende Blick, der wie ein Schwert auf Malte zufuhr, der
Blick und das Wort, das wie ein Auswurf war: »Erbärmlich!«
Malte saß starr da. Nur schweigen, sonst reißt etwas, dachte er.
Aber Güldenfey fing wie eine Schildjungfrau das Verwundende auf.
»Harro, wie magst du ihm so weh tun!«
»Ist es nicht wahr?« schrie Harro, der sich jetzt entschränkt fühlte.
»Alles ...«
Doch er sprach nicht weiter. Güldenfey hatte sich erhoben und schützend
ihre Hände ausgebreitet. »Sprich nicht weiter, Harro. Erst höre uns
an.« Sie zog ein Papier heraus und entfaltete es. »Von Jörg,« sagte sie
feierlich, »und ich bin befugt, es hier auszusprechen: er verzichtet
auf seinen Vermögensanteil. Hier, Onkel Rolf! Und ich, Malte, schließ
mich ihm an. Du kannst unsertwegen unbesorgt sein, Malte. Willst du es
von mir auch schriftlich haben?«
Alle blickten Güldenfey an, auch Frauke.
»Ja, Jörg!« rief Harro unmutig. »Der verdient sein Brot und ich
schließlich auch. Aber du, Güldenfey!«
»Auch das darf euch nicht Sorge machen«, sagte sie. »Jörg und ich haben
beschlossen, daß ich zu ihm gehe.« -- --
* * * * *
Ssssiii -- -- -- jüh! rast der Wind. Zwei Menschen kämpfen sich durch
die Straßen, zwei Menschen, die nichts mehr miteinander gemein haben,
die sich unter dem zerfegenden Druck des Sturms nicht die Hände
reichen, sondern die voneinander streben. Ein Dachziegel wird vor
ihre Füße geschmettert. Malte ergreift unbewußt Fraukes Arm, um sie
zurückzuziehen, fühlt ein deutliches Widerstreben und zieht schnell die
Hand wieder an sich.
Eine Tür tut sich vor ihnen auf und schließt sich hinter ihnen, sie
sind in ihrer Wohnung. Frauke legt ab und tritt zu Malte. Jetzt wird
es kommen, denkt er, will ihren Namen nennen und verstummt, da er sie
ansieht.
»Es ist das beste, ich verabschiede mich jetzt von dir«, sagt sie. »In
zwei Stunden fährt mein Zug.«
»Du willst nach Hamburg reisen?« fragt er, und als sie nickt, fährt er
fort: »Ich dachte es mir, es gibt hier allerlei Bitteres zu kosten.
Natürlich, es ist besser für dich.«
»Lebewohl!« sagt sie. »Wir haben uns wohl jetzt weiteres nicht zu
sagen.«
»Nein«, erwidert Malte. Er erfaßt den Sinn ihrer Worte nicht.
»Was zwischen uns zu erledigen ist, kann schriftlich geschehen.«
»Gewiß.«
Frauke merkt, daß er noch immer nicht versteht, um was es geht. »Meines
Vaters Anwalt ...« Sie hält inne, denn der Blick, der sie trifft, ist
entsetzlich. Jetzt hat er begriffen. Sie sieht, wie die Erkenntnis in
ihm wühlt.
»Ich hätte es wissen können, wäre ich nicht von zu hohen Erwartungen
beseelt«, sagte er endlich bitter. »Frauke Poppelmann kann nur im Glanz
des Reichtums atmen; Opfer bringen, nein, das liegt fern von ihrer Art.«
»Es ist nicht nötig, daß du mich kränkst«, sagt sie.
»Kränkt die Wahrheit?«
Plötzlich erwacht das alte Treßblut in ihm, das Seeräubergeblüt, das
die Männer ehedem anstachelte, sich die Frauen der Inseln zu rauben und
mit gewaltsamer Hand zuzupacken. Wahrlich, es hat bei dieser da wenig
gefrommt, abzuwarten und zu werben! Was ist der Lohn? In der Stunde, da
Mann und Weib eins sein müssen wie nie, geht sie davon und überläßt ihn
den wilden Hunden. O, er war immer allein, immer allein! Jetzt es ihr
sagen, sie die Wahrheit bis zum Bodensatz kosten lassen. Und er sagt es
ihr.
»Du hast mich nie geliebt, Frauke, nie, nie!«
»Wie wenig du mich doch kennst!« Frauke scheint ganz gelassen, ganz
kühl, ihre Augen blicken etwas spöttisch und sind grau wie Meerwasser,
das vom Wind bewegt wird. Aber in ihrem Inneren ist eine Flamme
entzündet, unter deren Ansturm ihre Brust mühsam ringt. »Wie wenig
du mich doch kennst, Malte Treß!« wiederholt sie bebend. »Meinst du
wirklich, ich hätte dich genommen damals in Harvestehude, wenn ...
ohne daß ich dich geliebt hätte? Nein, nein! Aber die Liebe hat mir
freilich jemand genommen: du; und das konnte ich dir nicht vergessen.«
Ist das noch Kälte, oder ist es verhaltene Leidenschaft, die unter
ihren Worten klingt?
»Und da wir nun voneinander gehen, kann ich es dir auch sagen, wie es
kam, nicht um mich zu rechtfertigen, sondern damit du einsiehst, was
deines Unglücks Grund ist. Ich liebe nur den Mann, der darstellt, was
er seinem Wesen entsprechend ist, Männer wie Jörg, die ihren innersten
Beruf erkennen und sich durchsetzen. Du aber wolltest immer anders
erscheinen, als du warst, du wolltest mehr sein, als du bist, immer
ein wenig Poppelmann, immer etwas neuzeitlicher Mensch. Du heißt Treß
und warst zu besonderem Handeln verpflichtet, doch das war dir nicht
genug. Wohl weiß ich, du tatest das, um mich zu gewinnen, und du
ahntest nicht, daß du dich dadurch von mir entferntest; denn wenn wir
Poppelmanns auch nicht eine so alte Familiengeschichte besitzen wie
ihr, wir schätzen darum doch nur, was echt ist.«
Er starrt sie an und weiß nichts zu entgegnen. Er berührt die
Hand, die sie ausstreckt, und senkt die Augen. Er hört das Klingen
ihrer Armreifen, das seidige Rauschen ihrer Kleider; die Fäden des
Perlvorhangs klirren hinter ihr aneinander: er weiß, daß sie ihm
verloren ist. --
Frauke steht im Zimmer und überschaut ihre Koffer: dies soll ihr
gesandt werden und dies; und jenes nimmt sie mit sich. Morgen ...
Sie hält in ihrem Hin- und Herschreiten plötzlich inne. Es wird eine
Leere morgen hier sein, die er schmerzhaft empfindet. Sie rafft sich
zusammen: es wird auch für ihn ein Übermorgen geben, und er wird
vergessen.
Sie wendet sich um, als sie eine Bewegung der Tür wahrnimmt, denn sie
erwartet Telge. »Güldenfey? -- Es ist gut, daß du kommst, Güldenfey;
ich wäre am Treßhof vorgefahren, dir Lebewohl zu sagen. Ich will ...«
Ist es nötig, das auszusprechen? Die strahlenden Augen Güldenfeys sind
ganz verändert, voll Dunkel und Schweigsamkeit und reden doch so laut,
daß Frauke, die überlegene, ihrer selbst so sichere Frauke, den Blick
senkt.
»Du willst fort? Jetzt willst du fort?«
Frauke bejaht. Sie wappnet sich mit Trotz. Will diese Junge, die nichts
von Männern und von der Ehe weiß, ihr Vorhaltungen machen und sie
meistern? Sie wendet sich ab, spricht ein paar abgerissene Worte, in
denen sie ihren unabänderlichen Entschluß kundtut, ballt den Verdruß
der letzten Wochen, den sie in sich aufgespeichert, zusammen und
schleudert ihn von sich.
Güldenfey erwidert nichts, ihr Blick wird nur um einige Schatten
dunkler. Habe ich mich in Frauke doch geirrt? Las ich die Schrift nicht
recht, wenn in kurzen Augenblicken ihre Seele offen vor mir lag? ...
Aber sie, die in allem Gottes Odem spürt, findet auch jetzt das Rechte.
»Frauke, ich weiß, du hast durch uns viel verloren. Es ist mir leid.
Malte würde dich gewiß beklagen, aber denk', wieviel jetzt durch seine
Seele geht. Glaube mir, er wird dir alles ersetzen, und kann er es
nicht, so stehen wir andern für ihn ein.«
Frauke will auflachen, doch vermag sie es nicht: etwas ist da, das sie
verstummen läßt.
»Jetzt« -- Güldenfeys Augen leuchten wieder in dem sieggewissen Glanz
-- »jetzt freilich kann ich dir nichts geben als dies. Es ist nur ein
kleiner Stein und doch sehr wertvoll: der Segen unsrer Mutter haftet an
ihm.«
Sie hat das Kettlein von ihrem Hals gelöst und reicht ihr den Amethyst
dar.
Lächelt Frauke nicht ihr altes spöttisches Lächeln, hebt sie nicht
die Schultern in der ihr eignen Bewegung? Nein, sie steht unbeweglich
und blickt Güldenfey starr an. Es rührt sich eine Bewegung in ihr,
die nur darin ihren Ausdruck fände, daß sie ihre Arme um des Mädchens
Hals schlänge. Doch das hat sie nie getan, sie, die Tochter Josias
Poppelmanns.
»Ich danke dir, Güldenfey«, sagt sie abweisend, und Güldenfey steckt
den Stein traurig wieder ein.
»Erfüll' mir wenigstens eine Bitte, Frauke, und erlaube, daß ich
während dieser Nacht in eurer Wohnung bleibe.«
»Gewiß. Aber warum?«
»Wegen Malte. Er darf jetzt nicht allein bleiben. Mir ist bange um ihn.«
Wieder spürt Frauke diese elementare Bewegung in sich, und wieder hat
die Poppelmannsche Gehaltenheit die Oberhand. Sie nickt, sie will etwas
sagen; da kommt Telge, und sie scheiden wortlos voneinander.
* * * * *
Malte sucht sein Arbeitszimmer auf. Die Plätze vor den Pulten sind
jetzt leer, nur im Hintergrund flammt noch eine Lampe, und Häberle hebt
den Kopf von seiner Arbeit.
»Sind Sie noch hier, Herr Häberle?«
»Ich wollte nur den Auszug noch fertigstellen, Herr Konsul.«
»Ich danke; aber nun ist es genug.«
Häberle erhebt sich, grüßt und wendet sich zur Tür.
»Herr Häberle!«
»Herr Konsul!«
Malte kommt auf ihn zu und reicht ihm die Hand. »Sie haben mir immer
treu beigestanden wie meinem Vater. Ich danke Ihnen. Jetzt ...«
Häberle ist bewegt und rückt an seiner Brille. Die Worte klingen so
sonderbar. Ist das ein Abschied? »Herr Konsul,« sagt er und gibt seiner
Stimme eine heitere Färbung, »wir haben Unglück gehabt wie andre auch.
Das kommt vor, aber es ist zu verwinden. Wir kommen wieder hoch. Das
Haus Treß hat manchen Stoß ertragen.«
»Ich danke Ihnen, lieber Häberle.« --
Häberle geht, jetzt ist er allein. Abschließen? Warum? Es wird niemand
kommen. Malte betritt sein Zimmer und läßt sich nieder. Die Uhr klingt,
der Arm mit der Hippe sinkt: =carpe diem=! Malte stöhnt leise auf.
Ssssiii -- -- jüh! fährt es über den Markt, verfängt sich in Kaminen
und Schloten und hohnlacht zwischen den Giebeln. Draußen tobt die
See, und zorniger Geifer flockt von ihren Kiefern, man schmeckt den
salzigen Odem bis hierher. Der fliegende Holländer jagt mit vollen
Segeln vor dem rasenden Sturm. Wird nicht endlich der Kiel der Kogge
auf knirschenden Sand laufen und das bis zum Bersten geladene Schiff
brechen? Wie sagte Ose? Er steuert in das wildeste Gebraus hinein, er
will den Untergang, den Tod, die Erlösung.
Ach, er kennt die Sage von Balzer Treß zur Genüge, wie oft hat Ose sie
dem aufhorchenden Knaben an stürmischen Abenden erzählt! Aber nie bis
heute hat er gewußt, daß zwischen jenem und ihm geheime Fäden sich
spannten, daß Balzer ihm unbewußt Vorbild war: der Drang, das Haus
Treß zu altem Glanz zu erheben; die Jagd hinter der Glücksgöttin her;
die Sorge um das Sichverlieren und den Heimweg. Wo ist der Weg nach
Heilisoe?
Alles wiederholt sich, alles. Die Spindel, um die das Leben kreist, ist
so eng. Wer aber wagt ihm zu sagen, daß er unrecht tat? Harro? Frauke?
Onkel Rolf oder die Poppelmanns etwa? Sie alle, wären sie an seiner
Stelle gestanden, hätten nicht anders gehandelt als er. Entscheidend
allein ist der Erfolg, das Glück, den Heimweg zu finden.
Ssssiii -- -- jüh! Wer dem Sturm verfällt, der ist verloren, wer den
Kurs verliert, der muß irren und zugrunde gehen. Aber die Glücklichen,
die ihm entrinnen, die preist die Welt und feiert sie als Helden! Ich,
Malte Treß, bin unschuldig an dem, was unserm Haus widerfuhr, jawohl,
unschuldig!
Er hat es laut gerufen, und wie zur Antwort prasselt es draußen auf
das Pflaster nieder, als habe eine Riesenfaust das Dach abgedeckt und
werfe die Last sprühend auf den Markt. Malte fährt zusammen, doch
nicht im Schreck über das Geräusch. Von außen und aus allen Winkeln
des Zimmers klingt ihm das Echo seines letzten Wortes entgegen:
Unschuldig, wirklich unschuldig? Der Mann mit der Hippe ruft es, und
sein Schreibtisch ruft es und die Bücher, und alles hat plötzlich Augen
und starrt ihn seltsam an: Unschuldig?
Ist da nicht Frauke? Er vernimmt ganz deutlich ihre Worte: Ein andrer
wolltest du sein als du bist. Steht dort nicht die Frau an der Tür,
die Frau in ihrem zerknüllten Anzug? Und Usadel? Wahrhaftig, das ist
Usadel, das kaltblütige Geschöpf, das nicht lächeln kann, in dessen
Hirn tausend Feuerfunken kreisen, die eine Welt in Brand setzen. Und
alle stehen sie da und zeugen wider ihn: Du hast deine Art nicht
gewahrt! Du hast die Ehrenschuld deines Hauses nicht abgetragen! Du
hast gegen dein besseres Wissen geschwiegen, als ich die Lästerung
gegen Gott und Menschheit ausstieß -- und rühmst dich deiner Unschuld?
Malte hebt beide Hände abwehrend, schützend -- es nützt ihm nicht. Aus
der Tiefe seines Inneren kommt eine Antwort, vor der es kein Entrinnen
gibt, und sie sagt nur das eine Wort: Mitschuldig!
Plötzlich fühlt er es in unheimlicher Deutlichkeit: Ja, ich bin
mitschuldig. Mitschuldig nicht, weil ich die Not verursacht, sondern
mich fern von ihr hielt; mitschuldig nicht, weil ich den über das
Volk hereinbrechenden Jammer heraufgeführt, sondern mich durch das
Glücksverlangen betören ließ, am Seil der Unredlichkeit mitzuziehen.
Der gerechte Richter wird uns einmal nicht verurteilen nach dem, was
wir taten, sondern nach dem, das wir unterlassen haben.
Alle die Schreier, die sich über das Unrecht in der Welt entrüsten,
wird er fragen: Was hast du ~dagegen~ getan? Und stehen sie dann
schweigend da, wird er nur das eine Wort finden: Mitschuldig!
Malte tastet nach dem Stift. Wie seine Hand flattert! Wie widerwillig
die andre, die schwer wie Blei lastet, gehorcht! Mühselig zieht der
Stift in krausen Zügen die Wörter auf das Papier: Frau Jobst ...
Ssssiii -- -- jüh! Das Haus erbebt unter dem Anprall der Sturmbö.
Vor Maltes Augen dunkelt es, als entrolle sich ein endloser
scharlachfarbener Mantel. Der fliegende Holländer steht am Mast: Wo
geht der Weg nach Heilisoe? Ein Gedanke zuckt durch Maltes Hirn: Auch
du bist mitschuldig. Der Fluch des alten Blutes spukt in dir wieder.
Hinein in die Brandung, in den Untergang, in die Erlösung!
Ja, die Erlösung. Das Galionbild, die güldene Fey, kommt auf ihn zu, er
sieht sie wie durch Nebel. Dann schließt der Scharlachmantel alles zu,
und er gleitet langsam vom Stuhl zur Erde. --
Güldenfey kniet neben ihm und hält seinen Kopf in ihrem Arm. Sein edles
Gesicht, das völlig entblutet erscheint, ist eigentümlich schmerzhaft
verkrampft, als habe es ein furchtbares Ereignis mit dem Brandeisen des
Schrecks gezeichnet. Ist er schon durch das erhabene Tor gegangen, oder
steht er noch davor? Sie neigt das Ohr auf seine Brust und hört sein
Herz wie fernes Brunnenrauschen gehen.