»Es hat gar keinen Zweck«, sagte der Schreiber. »Morgen sind Sie doch
wieder hier, und wir haben doppelte Arbeit.«
»Ich dächte, das sei Ihr Amt«, sagte Mellin. »Übrigens werde ich morgen
nicht hier sein.«
Der Schreiber hob die Schultern und schrieb. Mellin reihte sich in
die Kette derer, die sich zur Kasse schoben. Es dauerte lange, bis er
darankam; endlich stand er vor dem Zahltisch. Die brauenlosen Augen
des Kassierers musterten ihn flüchtig, dann händigte er ihm Buch und
Scheine aus.
Mellin verwahrte das Geld in seiner Tasche und trat tief Atem schöpfend
ins Freie. Eigentlich dauerten sie ihn, diese armen Leute, die Tag für
Tag von ihren Tischen aus den Andrängenden das Geld zuschoben. Ein
unbefriedigender Beruf. Er schritt langsam die Hauptstraße hinab und
blieb vor seinem Tabakgeschäft stehen. Der Pfeifenknaster ging auf die
Neige, es wäre gut, den Vorrat zu ergänzen. Er trat ein und forderte
seine Sorte.
Als der Verkäufer das Paket vor ihn hinlegte, nannte er eine Summe, die
Mellin stutzig machte. Er hielt die Brieftasche geöffnet in der Hand
und sagte, daß er mit dem Preise nicht gerechnet habe und sich erst mit
Geld versehen müsse.
»Aber Sie haben ja genügend bei sich«, sagte der Verkäufer, der einen
Blick in die Tasche getan hatte.
»Sie irren sich,« entgegnete Mellin; »das ist Vermögen, das ich eben
von der Sparkasse geholt habe.«
Der Verkäufer sah ihn verwundert an, und Mellin verließ den Laden,
ohne den Tabak mitzunehmen. Nach wenigen Schritten traf er seinen
Freund, den Zimmermeister Baß. Sie gingen miteinander und sprachen von
der elenden Zeit. Mellin erzählte, was er vorhabe und was ihm soeben
begegnet war.
»Ja, was verstehst du eigentlich unter Vermögen?« fragte ihn Baß. »Geld
ist Geld.«
Mellin erstaunte über des Freundes Auffassung, er erklärte ihm seinen
Fall noch einmal. »Es ist doch ein Unterschied zwischen dem Papier, das
man heute umherwirft, und dem Geld, das ich mir in dreißig Jahren sauer
erspart und bei der städtischen Kasse zurückgelegt habe.«
»Aber dein Geld ist dir doch in den heutigen Papieren zurückgezahlt.«
Es nützte nicht, daß Baß ihm die Lage erklärte; Mellin hielt an seiner
Meinung fest. Als sie sich trennten, sah der Meister dem Freunde
mit einem mitleidigen Blick nach. Mellin ging nach Hause, verschloß
die Brieftasche in das oberste Schubfach der Kommode und zog den
Straßenrock aus. Als er den Arm in den Werktagkittel steckte, hielt er
inne und sann nach.
Vielleicht war es doch besser, die Angelegenheit sofort zu ergründen,
als sich mit den quälenden Gedanken herumzuschlagen. Er zog den Rock
wieder an, steckte das Geld zu sich und begab sich zur Kasse.
Der Mensch, der ihm geraten, den vollen Betrag abzuheben, stieß bei
seinem Eintritt seinen Pultnachbar an. »Nun, Sie haben nicht einmal bis
morgen gewartet«, sagte er, als Mellin ihm nahe kam. »Ich wußte es ja.«
Mellin antwortete nicht. Was ging ihn der vorlaute Mensch an? Er
trat zur Kasse, wo der Spitzgesichtige die Geldscheinbündel häufte.
»Ich bitte um Auskunft«, sagte er. »Sie haben mir soeben Papiergeld
ausbezahlt, für das man mir ein Tabakpaket anbot. Meine Einzahlungen
bestanden in gutem, ehrlich verdientem Geld. Ich verlange das wieder,
was ich gab: ~mein~ Geld.«
Die nackten Augen sahen ihn kalt an. »Zeigen Sie mir das Buch. So, hier
steht die Einzahlung fünfundzwanzigtausend, Sie wollten zehntausend,
wie? Haben Sie die erhalten oder nicht?«
»Aber mein Geld ist ein Haus wert, euer Geld ein paar Pfund Tabak.«
»Darüber hab' ich nicht zu befinden«, erklärte der Perückenträger.
»Sie sind hier noch nicht lange angestellt,« sagte Mellin, »der
Vorgänger kannte mich. Wo ist er? Er soll mir bezeugen, daß ich
richtiges Geld einzahlte!«
»Ist überflüssig. Die Zeiten der Einzahlung ersehen wir aus dem Buche.
Halten Sie uns nicht auf. Es sind noch andre da, die abgefertigt werden
sollen.«
Mellins Gesicht färbte eine Röte. »Behandelt man auf diese Art alte
Bürger dieser Stadt?« rief er. »Ich weiche nicht vom Fleck, bis ich
mein richtiges Geld erhalten habe.«
Der Kassierer hob die Schultern und wandte sich dem nächsten Wartenden
zu.
»Bitte, ich bin noch nicht abgefertigt«, rief Mellin.
Jetzt wurde auch das Spitzgesicht heftig, und maßlos schalt er auf die
Menschen, die seine Zeit stehlen.
Mellins Hand strich den langen Bart. »Begeben Sie sich, Herr«, sagte er
hart. »Wenn Sie sich beklagen, daß man Ihre Zeit stiehlt, so vergessen
Sie nicht, daß wir hier allesamt Bestohlene sind.«
»Beamtenbeleidigung!« sagte der Kassierer. »Mende, laufen Sie hinüber
aufs Polizeibureau. Der Mann muß verhaftet werden.«
Unter denen, die der Abfertigung harrten, erhob sich ein Murren.
Mellin reckte sich in der Brust. »Verhaften? Mich, seit zweiundzwanzig
Jahren in der Firma Treß als Packmeister beschäftigt, unbescholten,
als Schöffe wiederholt tätig gewesen, vor Gericht als vereidigter
Sachverständiger gestanden, desgleichen ehrenamtlich in der
Gewerbekammer, im neunundsechzigsten Regiment bis zum Sergeanten
gedient -- mich wollen Sie verhaften lassen, weil ich fordere, was mir
gehört?« Er nahm die Scheine und warf sie auf das Zahlbrett, das Buch
daneben. »Hier, nehmen Sie zurück, sofort zurück! Ich will Ihr Geld
nicht, ich verlange das meine. Stellen Sie den alten Stand wieder her.
Mit Ihnen will ich nichts mehr zu schaffen haben, der Sie nach der
Polizei schreien, sobald einer die Dinge beim rechten Namen nennt.«
Man erkannte, mit dem Manne war nicht zu scherzen; seine Fäuste waren
wie Schmiedehämmer, und die andern ergriffen für ihn Partei. Die
Polizei aber ...! Man beschwichtigte ihn am besten, indem man ihm den
Willen tat.
Mellin steckte das Buch in die Brusttasche und verließ das Rathaus. Er
ging über den Markt und trat in die Bank, wo er ohne weitere Fragen bis
zu Herrn Häberle vordrang.
Häberle sah flüchtig auf, als Mellin zu ihm trat. »Einen Augenblick,
lieber Mellin!«
Endlich war Häberle bereit. »Nun, Mellin?« Er rieb die arbeitmüden
Augen. Was fehlte dem Alten? Er stand da, zitternd, bleich, verstört.
Er wies auf den nächsten Stuhl. »Setzen Sie sich doch, Mellin. Was ist
denn geschehen? Sie schauen ja aus ...«
Mellin, der stets auf Schicklichkeit Bedachte, der sich nie in
Gegenwart Höherstehender gesetzt haben würde, wankte fast auf den Stuhl
zu und ließ sich haltlos fallen. »Herr Häberle,« sagte er jämmerlich
wie ein Kind, »helfen Sie mir doch. Man will mir drüben im Rathaus
weismachen, daß ich umsonst gearbeitet habe.«
Es bedurfte großer Langmut, um von dem verstörten Manne den Sachverhalt
zu erfahren. Häberle war erschüttert. Solche Fälle wiederholten
sich täglich, die Verzweiflungausbrüche der Verratenen, Betrogenen
brandeten mit wilder Gewalt auch wider ihn. Es gehörten Nerven
besonderer Art dazu, um dem standzuhalten. Und nun auch dieser Brave,
dem Ehrenhaftigkeit die tägliche Speise war! Und er sollte ihm die
Gewißheit bringen. »Lieber Mellin,« sagte er milde und legte seine Hand
auf ihn, als müsse er den Anprall seiner Worte lindern, »ich kann nur
raten, heben Sie sogleich Ihr Geld ab und bringen Sie es her; ich will
sehen, was noch mit ihm zu beginnen ist.«
»Aber sie geben mir doch andres Geld, nicht meins«, beharrte Mellin.
»Ich verlange ~mein~ Geld zurück.«
Es kostete Häberle unbeschreibliche Mühe, das rechte Wort zu finden.
Er setzte ihm so zart wie möglich auseinander, wie alles gekommen, daß
alle Ersparnisse so gut wie verloren seien. Der einzige Trost sei, daß
alle unter dies Verhängnis fielen.
»Sie wollen mir also die Behauptung des Fuchses dort drüben bestätigen,
daß alles verloren ist?«
Häberle nickte.
Mit einem Ruck erhob sich Mellin. »Verzeihen Sie, Herr Häberle, ich
habe alle Hochachtung vor Ihnen, doch das glaub' ich Ihnen nicht; nein,
nein, das glaub' ich nicht. Das kann nicht sein. Ich darf wohl Herrn
Konsul sprechen.« Seine Stimme splitterte wie Glas.
»Lieber Mellin, Herr Konsul ist beschäftigt. Er kann nur wiederholen,
was ich gesagt ...«
»Herr Häberle, ich bin im Dienste des Hauses grau geworden ...«
»Kommen Sie«, sagte Häberle. Er war aufgestanden und pochte schon an
die Tür des Chefs.
Der gleiche Eindruck auf Malte, die gleichen Worte Mellins. Häberle
gab seine Erklärungen. Maltes Blicke flohen wieder dies aschfarbene
Gesicht, aus dessen Höhlen die blutunterlaufenen Augen zu quellen
schienen. Diese Augen waren flehend und drohend zugleich auf ihn
geheftet, schienen zu betteln und anzuklagen, waren Richter und Henker.
Das Urteil konnte nur eins sein.
»Ihre Tochter ist erkrankt?« begann Malte, als die beiden schwiegen.
Seine Stimme klang unwirklich, heiser. »Sie sollen keine Sorge um sie
haben, Mellin, ich helfe Ihnen; die Angelegenheit ordne ich.«
Mellins Hand machte eine Bewegung, als schiebe sie etwas von ihm fort.
»Herr Konsul ist sehr gütig, aber, Verzeihung, darum handelt es sich
für mich im Augenblick nicht. Wollen Herr Konsul mir kurz und bündig
sagen, ob meine Ersparnisse verloren sind oder nicht?«
»Ich fürchte, ja, Mellin.«
Es war gesagt. Was halfen nun noch Zweifel und Zögern! Mellin wendete
ein paarmal die Mütze, die er in den Händen hielt, seine Blicke irrten
durch den Raum. Das Schweigen war fürchterlich. »Danke!« sagte er und
wandte sich um.
Er ging durch die Straßen wie ein Trunkener. In dieser Zeit, die
aller Menschen Gedanken in ihren Fängen hielt, fiel der Anblick des
verstörten Mannes doch so auf, daß sich viele nach ihm umwandten. Man
kannte den Packmeister, man grüßte ihn. Er dankte nicht und sah keinen
an. Hatte er getrunken? Er trug die Mütze schief im Nacken.
Telge, der den Wagen wusch, zeigte ein verwundertes Gesicht, als Mellin
in den Hof wankte. Er streifte die Ärmel herab und ging auf ihn zu,
wagte aber keine Frage, als er genauer in dies zerpflügte Gesicht
blickte. Er ergriff Mellins Arm und leitete ihn die Treppe zu seiner
Wohnung nieder. Frau Mellin erschien in der Küchentür, sie hatte einen
Vorwurf auf den Lippen, das Essen werde kalt; doch auch ihr erstarb das
Wort im Munde.
Mellin fiel auf einen Stuhl. Sie wollten wissen, was geschehen sei.
Ihre Angst entriß ihn endlich seiner Benommenheit.
»Mariechen muß sterben«, sagte er heiser. »Ich kann das Geld nicht
schaffen, es ist alles verloren!«
Allmählich kam es in abgerissenen Erklärungen aus ihm heraus, was
geschehen war. Telge redete in kräftigen Worten, die Frau rang die
Hände.
Mellin saß stumm da. Erst als sie sich um ihn mühten, fand er die
Sprache wieder. Ganz verändert wie ein klagendes Kind begann er zu
reden. »Laßt doch, laßt! Ich passe nicht mehr in die Welt. Ich bin groß
geworden zu einer Zeit, in der es hieß: Mit Gott fang an, mit Gott hör'
auf; da man uns lehrte, daß es Gut und Böse gäbe, daß man das eine üben
und das andre hassen müsse. Heute gilt nur noch eins: der Götze, die
Gier, der Mammon; und wer ihm nicht opfert, der ist verloren. Ich tauge
nicht mehr, ich gehe weg, mache Platz für die, die klüger sind als ich,
der Dumme, der noch an Gut und Böse glaubt.«
»Mann, um Gottes willen!« rief die Frau. »Versündige dich nicht!«
Er sah sie aus leeren Augen an. Plötzlich erhob er sich, seine
verronnene Kraft schien in den schlaffen Körper zurückzuströmen und ihn
zu straffen. Er hob drohend die Hand. »Aber ehe ich gehe, verfluche
ich das, was uns soweit gebracht hat. Ich verfluche die Schurken, die
die Schätze der Erde an sich reißen, um die Beraubten zu knechten. Ich
verfluche die Spekulanten, die uns Brot und Rock verteuern, damit sie
sich mit dem Verdienst mästen. Und Fluch, dreimal Fluch auf die, die
es zugelassen haben, daß der Fleißige um seine Spargroschen geprellt
wird und im Alter verkommen muß. Ist das sozial, dann verflucht dieser
Gedanke, der nichts als Schwindel ist!«
Seine Stimme war wie ein drohender tierischer Laut aus Urwäldern, sein
ganzes Gebaren glich einem schrecklichen Brand, dessen Flammen der
Sturm jagt. Telge und die Frau hingen sich erschreckt an ihn, suchten
ihn zu beruhigen. Endlich sank er erschöpft zusammen.
* * * * *
Das Gerücht lief um, der Packmeister sei fort. Keiner wußte, wo er
geblieben war, aber jeder dachte bei sich das Ärgste und wagte es doch
nicht laut werden zu lassen. Frau Mellin saß weinend in ihrer Stube:
die Sorge um ihr krankes Kind, und nun der Mann!
Er hatte verweigert, zu essen und zu trinken, er hatte in dumpfem
Brüten dagesessen. Als sie von einem kurzen Gang heimkehrte, war
er verschwunden. Wohin? Telge hatte die Speicher und den Bodenraum
abgespürt. Bei ihm stand es fest: Mellin hatte sich ein Leid angetan.
Aber sein Suchen war vergebens gewesen, nirgendwo eine Spur. Man
fragte, aber niemand wußte um den Vermißten.
Der Abend dunkelte herein, in Mellins Wohnung brannte während der
ganzen Nacht das Licht: er kam nicht.
»Wir müssen gehen und ihn suchen«, erklärte Güldenfey am Morgen. »Sie,
Telge, und wer frei ist. Ich gehe auch.«
Güldenfey suchte hilflos; sie fürchtete sich vor dem Finden, doch
es mußte sein. Der Kirchenhof von St. Niklas mit seinen versteckten
Winkeln neben den winzigen Häuschen, die ganz in Stille gebettet waren
und um die immer ein dumpfes Dunkel war. Aber die helle Frühlingssonne
leuchtete in jeden Winkel, und der Märzenwind blies hinein, und der
Turm trug seine Krone aus feinstem Licht. Vielleicht der Räucherboden
in Sankt Johannes! In der unermeßlichen Höhe des Dachraumes konnte sich
verbergen, wer dem Leben abhold war, und die spähenden alten Frauen
wußten vieles. Also dorthin!
Aber Friedchen Waterström wußte von nichts, und die andern hatten
Mellin nicht gesehen. Sie standen jammernd, und Güldenfey mußte immer
das gleiche wiederholen. Ja, diese furchtbare Zeit! Keiner konnte
wissen, wie er noch enden würde. Dann fiel ein Wort: Der Hafen.
Natürlich, der Hafen!
Güldenfey ging. Als sie an der Mauer vorüberschritt, hinter der ihr
vergessener Garten lag, löste ihre Angst sich in Tränen. Welche Hand
würde nun sorgsam in ihm walten? Auf den Kais standen Fischer, die die
Hände in ihre weiten Hosentaschen vergruben. Sie fragte, und die Männer
gaben dürftigen Bescheid. Nein, sie hatten keinen gesehen. Jawohl, sie
kannten Mellin; wer würde den nicht kennen! Warum war er fortgegangen?
Ach so! Ja, das konnte geschehen. Diesen Krippensetzern war nicht zu
trauen. Jemand meinte, man müsse abwarten: nach drei Tagen kämen die
Leichen ans Land.
Güldenfey langte um Mittag hoffnunglos zu Hause an. Sie schlich
heimlich über den Hof, daß Frau Mellin sie nicht sähe, aber kaum, daß
sie ein wenig gegessen, machte sie sich wieder auf den Weg. Wohin nun?
In der Stadt suchte Telge. Es blieb ihr nur die Strecke gegen Westen
zu, am Strand entlang.
Die kleinen Vorstadthäuser mit ihren Gärtchen lagen besonnt da. In
den Bündeln welker Gräser zeigten sich jungfrische Halme, die ersten
Maßliebchen waren da, und um die Stachelbeersträucher flimmerte es
grün. Sollte es wirklich schon lenzen? Ach, wer konnte das glauben! Das
Leben riß immer neue Lücken. Jetzt Mellin, und wer war der nächste?
Zur Schwedenschanze wollte Güldenfey, jawohl, zur Schwedenschanze. Wie
eine Erleuchtung kam es über sie. Dort waren tiefe Schluchten, Gehölze
und Erdfalten, und keiner kam um diese Zeit dahin. Das war so recht
der Platz für Lebensflüchtige. Aber vielleicht konnte sie in einem der
Häuschen nachfragen, ob man den einsam Gehenden gesehen hatte. Einer,
der wie Mellin ging, fiel doch auf.
Sie trat in das nächste Haus ein und blieb im steingepflasterten Flur
wartend stehen. Eine kleine Glocke lärmte unermüdlich durch das Haus.
Eine Tür wurde geöffnet, eine Frau trat heraus. Güldenfey stockte das
Wort: die vor ihr stand, war Frau Jobst. Sie erkannten einander zur
gleichen Zeit, die Frau machte eine Bewegung, als wollte sie zurück,
dann richtete sie sich kerzengerade.
»Frau Jobst?« sagte Güldenfey zaghaft und fast erschrocken. »O Himmel,
wie hab' ich Sie gesucht und finde Sie nun, da ich Sie nicht suchte.«
Die andre sah sie abwartend an und erwiderte nichts. Das steigerte
Güldenfeys Verlegenheit. »Sie wohnen hier. Darf ich wohl zu Ihnen
eintreten?«
»Bemühen Sie sich nicht«, sagte die Frau und stellte sich abwehrend vor
die Tür.
»Ihr Mann --?«
»Den muß man auf dem Kirchhof suchen.«
»O! Und Ihr kleines Mädchen. Es war so lieb!«
»Meine Tochter ist nicht hier. Bemühen Sie sich nicht. Sie und wir
haben nichts miteinander zu schaffen.« Sie sprach ruhig, aber jedes
Wort bedeutete eine Absage.
Güldenfey trat einen kleinen Schritt vor. Sie streckte bittend eine
Hand aus. »Ich weiß, mein Bruder Malte ... Er war ungerecht und hat Sie
sehr verletzt. Ich konnte nicht dafür, es tat mir so leid. Ich wollte
wieder gutmachen und suchte Sie. In der Sachsenvorstadt bin ich durch
fast alle Häuser gegangen ... Es war so traurig, dieses vergebliche
Suchen.«
»Es war gut«, sagte die Frau hart. »Ich wollte nicht gefunden sein. Ich
beging eine Torheit, als ich zu Malte Treß ging ... Die Not ... Das ist
nun vorbei.«
»Ach, das freut mich, daß Sie nicht mehr Not leiden«, sagte Güldenfey.
Die Frau strich mit einer undeutbaren Gebärde über ihre Stirn.
Güldenfey sah, sie war sauber gekleidet, doch die Dürftigkeit hatte
ihren Rock gezeichnet. »Ich komme Ihnen heut nicht gelegen,« sagte sie,
»und ich habe es auch eilig. Wie ich sagte, ich trat nur ein, um eine
Frage zu tun. Doch nun, da ich weiß, wo Sie zu finden sind, darf ich --«
Die Hand, die schon einmal ins Leere gestreckt war, hob sich wieder,
doch die Frau ließ sie wieder unbeachtet.
»Nein, Sie dürfen nicht«, sagte sie. »Kommen Sie nicht wieder, ich
will es nicht. Ich will, daß das Vergangene vergessen wird. Würden Sie
wiederkommen, so wäre das ein Grund, mich aus dieser Behausung ebenso
zu verdrängen, wie es schon einmal geschah.«
Güldenfey war trostlos. Was wäre darauf noch zu sagen? »Begreifen Sie
denn nicht, daß ich den Wunsch habe, Ihnen ein wenig zu helfen? Und daß
dies Wiederfinden eine Fügung ist --?« Ihre Stimme zitterte und brach.
Die Frau schüttelte den Kopf. »Ja, daß Sie Ihr Gewissen entlasten
wollen, das versteh' ich. Nicht Sie, aber ...« Sie deutete nach
der Stadt. »Doch ich will nichts annehmen, nichts, auch keine
Freundlichkeit. Ich bin arm, und zufrieden, wenn man mich in Ruhe läßt.
Sie sind reich. Wir passen nicht zueinander. Und nun ...« Sie machte
eine Gebärde, die das Gespräch beenden sollte, und ergriff die Klinke.
»Ich will Sie gewiß nicht quälen«, sagte Güldenfey zart und voll
verhaltener Traurigkeit. »Nein, wenn ich Ihnen weh tue ... Aber es
könnte sein, daß auch ich einmal arm bin; nicht wahr, dann darf ich
wiederkommen?«
Die Frau blickte sie starr und entwaffnet an. Güldenfey neigte den Kopf
zum Gruß und ging. Die kleine Glocke läutete ungestüm hinter ihr drein.
Ihr Herz lag schwer wie Erz in ihrer Brust; sie wußte nicht, was sie
vorhatte, und blieb einen Augenblick überlegend auf der Straße stehen.
Ach ja, die Schwedenschanze!
Als sie dort ankam, stand die Sonne schon tief. Sie schritt in die
Schluchten und Gänge, suchte mit den Augen und fühlte doch, daß ihre
Seele weit von ihr fort war. Schälten sich dort nicht die Bäume unter
dem Druck des brausenden Saftes? Hing es nicht im Birkengeäst wie eine
Verheißung, und zogen nicht reihende Enten durch die Luft? Von fern kam
der heisere Ruf der Reiher. Sie nahm das alles wie im Traum wahr. --
Dort! Güldenfey schrak zusammen. Dort unter dem Geäst niedriger Tannen,
dicht an den Boden gedrückt, lag es dunkel und geballt. Ein Mensch?
Nein, ein Bündel von irgend etwas Menschlichem, das ausgeworfen,
verloren, vergessen sich hier verkrochen hatte. Sie blieb stehen, von
Grauen geschüttelt. War er das? Sein langer Bart, seine Kleidung?
Sie konnte nichts erkennen, denn vor ihren Augen bewegte sich ein
Flimmerspiel.
Das Etwas rührte sich nicht. Der Reiherruf kam wieder vom Wasser her.
Da erwachte Güldenfey, das Erbarmen war mächtiger als die Starre der
Furcht. Sie trat näher. Ja, er war es. Leise rief sie: »Mellin!« Dann
lauter, zuletzt wie in Angst: »Mellin!« Da rührte er sich.
Gottlob, er lebte. Und schon kniete sie neben ihm. Er hob den Kopf. O,
dieses Gesicht! Der Tod hatte ihn nicht genommen, doch er mußte durch
alle Grade des Sterbens gegangen sein und furchtbar gelitten haben.
»Mellin, was für Sorgen haben Sie uns bereitet!« sagte Güldenfey.
Er blickte sie abwesend an; nichts verriet, daß er sie erkannte.
»Aber jetzt ist alles gut, und wir gehen heim. Denken Sie doch an Ihre
arme Frau! Können Sie sich aufrichten?«
»Nein!« Er schüttelte den Kopf, mühsam, wie heraufgestoßen klang seine
Rede. »Ich will nicht mehr, ich mag nicht mehr. Lassen Sie mich doch
umkommen.«
»Aber, Mellin!« Güldenfey wußte nicht, was sie sagte, sie dachte: nur
auf ihn einreden, nur den Faden zerreißen, der ihn an das andre Ufer
band. Und sie sprach von Mariechen und ihren Kindern; von der sorgenden
Frau; sie sprach von ihm und dem Leben im Treßhof. Ach, was redete sie
nur!
Sie wußte nicht, ob die Worte in den dunklen Grund seiner Seele fielen.
Er hatte das Kinn auf die Brust gestützt, in Bart- und Haupthaar
hafteten dürres Gezweig und grüne Baumnadeln, die Augen lagen blicklos
wie versunken in ihren Gruben; aufgerissen klaffte der Rock.
»Mellin!« Ach, es war ganz gleichgiltig, was sie sagte. Aber das, was
ihr die Worte eingab, war stärker als der Tod, dem er nachlief, das
fand die irrende Seele und rief sie aus den Gefilden der Verzweiflung
zurück. Sie sah es, er merkte auf, und dann kamen ihm die Tränen.
Durch die Dämmerung des zeitigen Frühlingsabends führte Güldenfey
Mellin in den Treßhof zurück.