Malte saß an seinem Schreibtisch, schrieb Ziffern zu Summen, die
keiner, ohne zu stocken, lesen konnte, legte den Stift aus der Hand und
sann. Er erwartete Häberle zum Bericht, aber es war ihm lieb, daß er
noch aufgehalten wurde.
Die Zeit geriet ins Gleiten, und mit ihr glitt alles, aber auch alles,
was Menschen, die geordneten Zeiten entwachsen waren, als unumstößlich
gegolten hatte: Geld, Verdienst, Vermögen, Treue, Vertrauen.
Das Leben erschien von jeder Wirklichkeit losgelöst. Die kühnste
Phantasie hätte den Zustand nicht ersinnen können, der jetzt
eingetreten war. Das ganze Volk, die gesamte Menschheit schien von
unbekanntem Gift durchseucht zu sein. Wo nahm es seinen Ausgang? Wer
spielte auf zu dieser Orgie, die Verzweiflung und Hybris feierten?
Waren es die großen Zerstörer, die sich die Aufbauer nannten? Nun,
wahrlich, das Heil Deutschlands konnte von jenen nicht kommen. Jeder
Tag vergrößerte die Strecke derer, die am Wege fielen; Frauen sanken,
von Hunger und Entbehrung erschöpft, auf der Straße um; Heilstätten
verschlossen den Siechen ihre Türen; man wußte nicht, wie man die Toten
beerdigen sollte. Man fluchte dem Mammon und hetzte doch wie gebannt
hinter ihm drein.
Immer wieder tauchte in Maltes Erinnerung die Zusammenkunft mit Usadel
auf. Man müßte das Gewissen totschlagen! War je ein solches Wort im
Beratungzimmer der Treß gesprochen worden? Nun erlebte man diesen
frevelhaften Mord und schwieg und tat mit.
In diesem Augenblick trat Häberle ein. Sein Gesicht trug die Spuren
einer Erregung. Sie erledigten die täglichen Posteingänge, soweit Malte
es für nötig hielt.
»Hatten Sie Ärger, Herr Häberle?«
Der Prokurist zögerte, zu antworten, dann faßte er sich zusammen. »Es
ist nicht der Rede wert, Herr Konsul«, sagte er. »Ich habe auf meine
Verantwortung den Lewrenz entlassen. Es ist festgestellt, daß der
Jüngling auf eigne Hand spekulierte. Verschiedene andre auch, doch er
vor allen. Ein Beispiel zu geben war nötig.«
»Lewrenz war ein tüchtiger Arbeiter«, sagte Malte nachdenklich.
»Gewiß, Herr Konsul, einer von denen, die gut schaffen und toll
genießen. Da es zu letzterm nie langt, wird spekuliert, und geht
dies einmal fehl ...« Eine Gebärde vollendete und ließ unabsehbare
Möglichkeiten ahnen.
»Sie haben wohl recht getan«, sagte Malte. »Und doch ... diese Zeit ...
Sagen Sie, Herr Häberle, spekulieren Sie nicht?«
»Ich, Herr Konsul?« Häberle trat einen Schritt zurück. »Ich halte das
für unvereinbar mit meiner Stellung.«
Malte begütigte ihn schnell, er wußte, daß Häberle strenge Grundsätze
hatte, das war bei einem Beamten schätzenswert. Jedoch ... Der Zweifel
stand merkbar hinter Maltes Worten. »Sie sind doch ein tüchtiger
Kaufmann, Herr Häberle.«
»In dieser Zeit aber höre ich auf die Stimme hier innen, Herr Konsul.
Geld bedeutet kein Abgelten der Arbeit mehr und erlaubt vor allem kein
Umsetzen toter Werte in ideelle. Wo das aufhört, fängt der Abgrund an.«
Malte sah ihn scheu an, sein Blick flüchtete von dem redlichen Gesicht
des Mannes zu irgendeinem Gegenstand im Zimmer. Ein unbehagliches
Gefühl quälte ihn. »Bitte, setzen Sie sich doch. Wie denken Sie sich
den Ausgang?«
»Sie erlauben mir, meine besondere Meinung zu äußern, Herr Konsul. Nun,
unsre Verbindung mit dem Ring gefällt mir nicht. Uns ist eine böse
Rolle von jenem zuerteilt. Dieses Lauern von einer Ernte auf die andre,
in dem wir den ehrlichen Makler abgeben, ist ein Verbrechen. Tausende
können nicht das Geld für Zichorie, Gerstenkaffee oder gar Brot
aufbringen, und die Getreidebörse spielt mit dem Allernotwendigsten.
Daß sich die Menschen dies Spiel internationaler Federstriche gefallen
lassen, zeugt von ihrer Verdummung, und auch das, daß sie den Bauern
dafür hassen. Als ob der schuld hätte!«
»Sie sprechen sehr kühn«, sagte Malte. »Wollen Sie nicht mehr
mitmachen?«
»Ich diene dem Hause Treß«, entgegnete Häberle einfach. »Und weil ich
das aufrichtig tue, so würde ich es wie keiner bedauern, wenn die
Beteiligung an diesem Spiel uns unglücklich machen sollte. Besser, sich
zeitig zurückziehen, als plötzlich ausgeschieden werden.«
Malte horchte auf, als Häberle von einer Handlung berichtete, die
dem großen Ring angeschlossen gewesen sei und die man unter einem
nichtigen Vorwand abgelöst hatte. Er spürte alle Bedenken, die ihn
nachts umtrieben, sich regen. Doch nur einen Augenblick gewann der
nächtliche Spuk über ihn Gewalt. Balzer Treß! dachte er. Überhaupt wir
Treß! Verzagtheit ist der Vorläufer der Niederlage. Er straffte seine
Gestalt. »Es besteht wirklich kein Grund zur Sorge«, sagte er fest.
»Sie sind ein Schwarzseher, lieber Häberle. Geben Sie acht: wenn Sie
aus Ihrem Urlaub zurückkommen, werden Sie anders denken.«
Häberle dankte und erhob sich. »Ich mußte meine Bedenken aussprechen«,
sagte er. »Im übrigen werde ich meine Pflicht tun wie bisher.«
Malte blickte lange auf die Tür, die sich hinter dem Treuen geschlossen
hatte. Die Gedanken zerrten an ihm. Da hörte er über sich den leichten
Schritt Fraukes. Er tauchte die Feder ein, um den angefangenen Brief zu
beenden. Es gab kein Zurück mehr.
* * * * *
»Kind,« sagte Ose zu Güldenfey, »drunten bei Mellins sind sie in
Aufregung. Es ist irgend etwas bei ihrem Mariechen nicht in Ordnung.
Wolltest du nicht hören, wo es fehlt?«
Mellin erhob sich aus seinem Stuhl, als Güldenfey eintrat. Er strich
unaufhörlich seinen langen Bart, was bei ihm ein Zeichen war, daß er
den Sturm seines Inneren besänftigen wolle.
Frau Mellin kam herbei und nahm Strickstrumpf und Wollknäuel vom Sofa,
um für den Gast Platz zu schaffen. Also Fräulein Fink hatte es oben
schon erzählt. Es war ihr lieb, daß das gnädige Fräulein kam, so hatte
sie doch eine Bundesgenossin gegen den Mann.
Mariechen war krank. Ein verjährtes Leiden war zum Ausbruch gekommen;
der Arzt verlangte schnelle Überführung in das Krankenhaus. Es war ein
gefährlicher Eingriff nötig. Die alte Frau weinte in ihre Schürze.
»Aber was ist denn dabei zu bedenken?« fragte Güldenfey. »Trauen Sie
den Ärzten nicht, Mellin?«
Mellin winkte abwehrend mit beiden Händen, und seine Frau fuhr jammernd
fort: »Es ist wegen des Geldes«, sagte sie. »Mariechens Mann kann es
nicht beschaffen. Ich bitte Sie, gnä' Fräulein, ein Beamter, und in
dieser Zeit! Und nun hat er das alles geschrieben und uns vorgestellt,
und Mellin hat doch gespart, und es liegt auf der Kasse.«
»Aber Mellin, bedenken Sie doch!« sagte Güldenfey. »Es handelt sich ja
um Ihre Marie und scheint doch gefährlich zu sein.«
»Gnädig Fräulein,« sagte der alte Packmeister, »die Sache ist nicht
mit einem Wort abgetan. Für meine Marie geb' ich alles, was ich habe,
auch meine Glieder und mein Leben, wenn es not tut. Solche Ausgaben wie
diese gehören aber zu den laufenden, und dafür muß der Mann sorgen.
Ich habe für unser Kind gespart, daß es, wenn wir tot sind, Vermögen
besitzt. Das ist mein Stolz, dafür hab' ich gelebt, und das wird mich
im Tode trösten, daß unser Mariechen es einmal besser hat als ich.«
Was sollte Güldenfey darauf entgegnen? Sie kannte den Stolz Mellins.
Deshalb hatte der Beamte um das Mädchen angehalten, weil er wußte,
daß es in bescheidenem Sinne vermögend war; deshalb hatte Mellin die
genehme Werbung zögernd angenommen, weil er wußte, daß die Ersparnis
sein Kind in den Augen der Freier erhöhte. O, sie verstand ihn. Aber
zugleich fühlte sie die Augen der Frau hilfewerbend auf sich gerichtet.
Sie trat an den Glasschrank, der die Wunder ihrer Kindheit barg: die
verblaßten Ostereier mit den farbigen Seidenbändern, die gläsernen
Hirsche und die zierlichen Schweizerhäuschen. »Mellin,« sagte sie,
»wissen Sie noch, wie wir Kinder vor diesen herrlichen Dingen standen
und uns freuten? Glauben Sie, es ist besser, Mariechen freut sich an
diesem, wenn sie gesund wieder einmal herkommt, als daß sie siech wird
oder gar der Krankheit erliegt?«
»Gott bewahr' uns!« rief die Frau.
Mellin blickte Güldenfey unsicher an. Seine Hand fuhr erregt durch den
Bart. Jetzt machte er eine energische Bewegung. »Gut!« sagte er fast
heftig. »Das Geld wird abgehoben.«
Warum erschrak Güldenfey plötzlich? Das Wort traf sie wie ein
Stoß. Oder schlug sie ein jäh auftauchender Gedanke? Es gab so
seltsam-fürchterliche Überraschungen in dieser Zeit. Wie kam ihr die
Erinnerung an Frau von Ebel in diesem Augenblick? Das war doch ein ganz
andrer Fall.
Sie war dem Oberst Helf gestern begegnet. Nein, er trug keine
Milchkanne, aber er war sehr niedergeschlagen gewesen.
»Sie haben eine so sichere Art, wohlzutun«, hatte er nach einigen
Worten gesagt. »Wollen Sie einer Bedrängten nicht helfen? Denken Sie,
die arme Frau von Ebel! Man hat sie wegen ihres leidenden Zustandes
in die Schweiz geschickt. Als sie nach etlichen Wochen abreisen will,
sind die Fahrpreise derart gestiegen, daß das Geld für die Heimfahrt
nicht ausreicht. Freundliche Schweizer leihen es ihr. Als sie nach
einer Woche die Schuld abtragen will, ist der Marksturz so furchtbar
geworden, daß sie ihr ganzes Vermögen gebraucht, um ihre Gläubiger zu
befriedigen. Die arme Frau ist völlig vernichtet, denn sie weiß nicht,
von was sie leben soll.«
Güldenfey war zu ihr gegangen. Sie hatte eine Verzweifelte gefunden.
Warum mußte sie jetzt daran denken?
»Hören Sie, Mellin,« sagte sie, »bevor Sie das Geld abheben, sprechen
Sie mit Herrn Konsul. Es gibt jetzt so eigne Bestimmungen.«
Mellin versprach es, und Güldenfey ging beruhigt nach oben.
Doch als am nächsten Morgen Mellin einen Blick in den Geschäftsraum
schickte und das unruhige Treiben derer sah, die für nichts Zeit zu
haben schienen, kehrte er um und betrat die Sparkasse.
Menschen aller Art drängten sich um die Schalter: dürftige Frauen in
Umschlagetüchern; ergraute Herren in fadenscheinigen Röcken, in deren
Aufschlägen das vertragene Ordensbändchen prangte; Männer, die ein Tuch
um den Hals geschlungen hatten. Die Schreiber an den Pulten blätterten
in gewaltigen Büchern, stießen die Federn in die Tintenfässer, daß
es spritzte, und schrieben lange Zahlenreihen nieder. Der Mann am
Kassenschrank trug eine Perücke über dem spitzen Gesicht; hinter ihm
saßen einige Leute, die schmutzige Scheine zählten und bündelten. Eine
schwerdunstige Luftschicht füllte den Raum.
»Wieviel?« fragte der Mensch, dem Mellin das Sparbuch reichte.
Mellin nannte die Summe. Der Mensch blickte in das Buch, sah den
Langbärtigen an und begann in seinen Registern zu blättern.
»Wollen Sie nicht alles abheben?« fragte er.