Jörg also wollte kommen und spielen.
Alle, zu denen Güldenfey davon sprach, hatten abgeraten. Wie viele
Künstler irrten von einer Stadt zur andern, zogen den schäbig
gewordenen Frack an, lächelten, verneigten sich dankend, gaben ihr
Bestes und zählten aus dem Ertrag nur so viel heraus, daß sie die
Unterkunft und vielleicht noch die Weiterfahrt bezahlen konnten.
Ihr Lächeln und Verneigen war nur die stumme Bitte: Laßt mich nicht
verhungern! Doch satt wurden sie selten.
»Aber es ist ihm ja nicht um den Verdienst zu tun«, sagte Güldenfey zu
Onkel Rolf, dem sie den Plan vorgetragen hatte, denn mit Malte, der
mehr denn je in der Siedehitze der Geschäfte steckte, war davon nicht
zu reden. »Bedenke doch, er will die Menschen erfreuen und beschenken!«
Onkel Rolfs Finger strich bedächtig das Kinn. Ein Künstler, der nicht
verdienen wollte, war ein Unding. »Es hat jetzt keiner die Zeit, sich
zerstreuen zu lassen«, entschied er. »Was macht ihr, wenn niemand
erscheint?«
Ja, das war freilich zu erwägen. Am liebsten hätte Güldenfey allein
gelauscht. Doch Jörg ...
Sie ging zu Klaus, der jetzt mit der Witwe verehelicht war und in der
kleinen Villa an den Teichen nach flüchtigen Honigwochen und längeren
Reisen das übliche Rentnerdasein dieser Zeit führte. Sein etwas
mürrischer Rat war noch weniger tröstlich. Sie teilte ihre Besorgnisse
Jörg mit.
Nach wenigen Tagen erhielt sie seine Antwort: er werde trotzdem kommen
und das Cembalo mitbringen. Genaue Anweisungen waren beigefügt, und er
bat Güldenfey, alles vorzubereiten. Güldenfeys Herz erglühte. Ja, das
war Jörg! Und wie er es vorgeschlagen, so sollte es werden.
An einem Morgen trugen viele Straßenecken der Stadt eine gedruckte
Bekanntmachung, zu der die Leute die Hälse aufreckten.
»Alle Armen und alle, die diese Zeit müde und traurig gemacht, ladet
Jörg Treß zu einer ruhigen Feierstunde ein.« Zeit und Ort waren
darunter bezeichnet.
Es ging ein Raunen durch die Stadt. Die Einladung lockte, begrenzte und
schloß aus. »Schade!« sagte Frauke. »Ich hätte gern mitgemacht. Nun
aber ...«
Malte verließ sein Haus, schritt über den Markt und las. Etwas in ihm
empörte sich, aber er verschloß sich. Das da war keine ausgeklügelte
Anpreisung, sondern ehrlich gemeint. --
Der große Saal lag im Dunkel spärlichen Kerzenlichts, nur auf dem Chor
vor der Orgel und auf der Erhöhung am andern Ende des Raumes war es
hell. Hier stand ein Pult neben dem Cembalo. Es duftete nach Veilchen
und frischem Grün. Lange vor dem Beginn stand Güldenfey, schlicht
gekleidet, aber im Schmuck ihrer lichten Schönheit, an der Tür, die
Gäste zu empfangen.
Sie kamen leise die weite Treppe herauf und traten scheu spähend an die
Tür. Es war ziemlich dunkel darinnen, sah gar nicht nach den funkelnd
prahlenden Sälen aus, in denen man festete und feierte; aber so war
es gerade recht: eins sah nicht das andre. Man war keinen neugierigen
Gafferblicken ausgesetzt, man fühlte sich allein mit den schweren
Gedanken, die man am liebsten aus einem Dunkel in das andre trug, und
konnte doch des Kommenden harren, dem man alle Sorgen preiszugeben
entschlossen war.
»Ist hier das Konzert?«
Wie wußten sie nur, daß sie zu einem Konzert geladen waren? Davon hatte
die Verkündigung doch nichts gesagt.
»Gewiß, gewiß; kommen Sie!«
Und Güldenfey führte sie ein und wies ihnen die Plätze an. In Scharen
kamen sie! Wenn Onkel Rolf das gesehen hätte! Alte Mütterchen und
gebückte Greise; Frauen im Schulterschal, die Schürze vorgebunden;
Männer, die das Tuch um den mageren Hals geknotet trugen und denen ein
wenig Armeleuteduft aus den Kleidern stieg; magere Gesichter, die in
dem Dunkel sorgenvoller Nächte gebleicht waren, und gefaltete Stirnen,
die den narbigen Mauern lange belagerter Städte glichen. Doch nicht die
offen Gezeichneten kamen nur. Da waren auch die Rentner aus den kleinen
Landhäusern, die ihre Öfen mit dem Sammelreisig heizten, das sie im
Stadtwald schamhaft auflasen, und die auf den kleinen Blumenbeeten
ihrer Gärten mühsam eine geringe Kartoffelernte hüteten. Da waren auch
die Frauen, die das verjährte Festkleid, das ihnen kein Händler mehr
abkaufte und das sie doch einst in Glanz und Schimmer getragen, aus dem
Schrank genommen hatten, um sich für diesen Abend zu schmücken. Ihre
Armut war nicht augenfällig; man mußte auf die Falten um die Augen,
auf den eigentümlichen Zug ihres Lächelns achten, um die Wunde zu
entdecken, die die zerknitterte Seide verbarg.
»O Herr Oberst, Sie auch!« rief Güldenfey.
Er führte seine Frau am Arm, der Kavalier einer vergangenen Zeit,
dessen Gruß immer eine Huldigung war.
»Die Feierstunden sind rar«, antwortete Helf. »Man darf sich keine
entgehen lassen.«
Zaghaft wie jemand, der heimlich unterschlüpfen will, erschien auch
Frau von Ebel. Ihre Augen irrten an den andern vorüber: O, so viele
Fremde! Aber Güldenfey empfing sie und leitete sie behütend an einen
verborgenen Platz.
»Wieviel kostet es?« fragte eine dürftige Frau. Ihre Hand suchte emsig
in der Tasche.
Güldenfey brauchte einen kleinen Aufwand an Worten, um sie zu
überzeugen, daß wirklich nichts gefordert würde.
Der Saal war gefüllt, sie standen an den Wänden und in den Gängen und
warteten geduldig. In dem schwachen Kerzenlicht fühlten sie sich schon
in ausruhender Geborgenheit, und der Atem der Erwartung durchdrang den
hohen Raum. Dann kam Jörg. Er trat nicht auf, sondern ging schlicht zum
Pult und grüßte die Lauscher mit natürlicher Bewegung.
»Es freut mich, in meiner Vaterstadt zum erstenmal meine Kunst ausüben
zu dürfen«, sagte er. »Aber diese Freude wäre nicht völlig, wenn ich
Ihnen damit nicht ein Geschenk machen dürfte: ich möchte Sie ein wenig
aus dem sorgenvollen Dasein führen.
Es gibt in Flandern alte Städte, um deren Dome und prächtige
Gildehäuser immer eine leise Angst und Bangnis ist. So ist auch die
große Stadt, die wir Zeit nennen, voll von Ängsten um unser Bestehen,
und die meisten sagen, das ist die Wirklichkeit. Die Fieber unsers
Blutes erregen uns so, daß wir den großen Pulsschlag des Ewigen nicht
mehr vernehmen. Aber glauben Sie mir: das Wirken des Geistes ist allein
die Wirklichkeit, und unsre Ängste, Bekümmernisse und Sorgen, das ist
nur spukhafter Schein. Folgen Sie mir aus dem Scheinhaften in das
wirkliche Leben, und Sie werden glücklich sein.«
Das Cembalo sang in leisen silbernen Tönen, freundlich und heiter wie
eine fröhliche Kinderstimme. Ist es wirklich nicht wahr, daß die Sorgen
unsrer Tage und Nächte, denen alle diese willenlos überliefert sind,
das Wirkliche darstellen? dachte Güldenfey. Liegt das wahre Leben
doch jenseits des Täglichen, das mit seinen Geräuschen unser Blut
beunruhigend füllt?
Sie blickte in die Gesichter der ihr zunächst Sitzenden; ihr schien
es, als glätte sich alles, was ihre Züge verhärtet hatte. Sie hörten
freilich nur eine feine Musik, aber in ihnen klang das gesprochene Wort
nach, das die Töne zur Brücke gestaltet hatte.
Eine Frauenstimme sang ein Lied, das Jörg geschrieben und vertont
hatte. Die Sängerin war mit ihm gekommen, und Wort und Ton gingen wie
Sterne über die Stadt der Zeit.
Ein Paar blasse Hände lagen in einem Schoß. Sie hatten unruhig gezuckt
und wurden nun sanft und gelassen. Ein Mund war hart verschlossen
gewesen, als Jörg gesprochen, er war jetzt halb geöffnet wie bei einem
Marmorbild, dem der Bildner die Gebärde andächtigen Lauschens verlieh.
Stand der Mann vor einem Feuer und schaute im Spiel der Flammen etwas
Unsagbares, Fernes? Etwas, das in der Brust dieses Menschen seit vielen
Jahren das Lachen verkrampft gehalten, löste sich.
Als die Orgel zu spielen begann, blickte Güldenfey nach der Tür. Eine
Frau in glatt gescheiteltem Haar -- war das nicht Frau Jobst? So war
auch sie gekommen, spät, um nicht bemerkt zu werden. Sie preßte sich in
den Schatten des Pfostens, sie wollte verborgen bleiben. In Güldenfey
jubelte etwas, doch sie schaute zur Seite, um die Scheue nicht zu
vergrämen.
Der erste Teil war beendet. Jörg trat wieder an das Pult. Er sprach
davon, daß das Reich, in das er seine Freunde führe, allen unverlierbar
bleiben müsse; sie hätten auch ohne die Musik täglich freien Zutritt
zu ihm, denn sie trügen es in sich. »Jeder Mensch trägt das wirkliche
Reich des Ewigen in sich wie ein Bild in der Mauernische, doch wir
sitzen wie gewinnhungrige Bettler auf den Schwellen fremder Häuser,
sorgen uns um Schmutz und Staub der großen Straße und vergessen, daß
ein Wind die Düfte unsrer Blütenbüsche verstreut. Von der Heimkehr zu
uns und dem Reich, das in uns ist, sollen jetzt die Töne zu euch reden,
meine lieben Freunde.«
Ach, wie sie redeten! Da und dort hob sich scheu eine Hand zu den
Augen, um die nassen Lider zu trocknen. Nun das Erstaunen vor dem
Neugearteten in ihnen verwunden war, ruhten sie aus, und verdorrte
Brunnen begannen zu fließen. Türen gingen leise auf, und sie wunderten
sich, was alles so lange verborgen war. Träume sprachen, und sie sahen
in der Ferne das Gesicht Gottes, das nicht die Härte trug, von der die
Menschen immer fabelten.
Wie war es möglich, daß Jörgs Hände den großen Frieden über diese
Mühseligen und Beladenen strömen lassen konnten, diesen Frieden, der
schwere Lasten in einem Seufzer löste!
Ja, Jörg spielte mit einer Hingabe, wie er sie noch nie in seinem Leben
verspürt. Als ob seine Seele in seine Hände floß, so war es. Es war
ihm seltsam ergangen. Während er gesprochen, war es in der dämmerigen
Tiefe des Saales plötzlich wie eine Erscheinung vor ihm aufgetaucht:
unter der Orgelempore ein Gesicht, das sich aus der Menge weißleuchtend
hervorhob. Er hatte immer auf dieses Gesicht blicken müssen.
Malte! Er konnte ihn nicht erkennen, doch er wußte, daß er es war. Der
erste Kaufherr der Stadt im Konzert der Armen. Regte sich etwas in ihm,
was trotz seiner überragenden Stellung von der großen Armut in seinem
Inneren zeugte? Eine Rührung hatte Jörg gepackt, ja, das war die größte
Armut: einsam im Glanz frieren. Er spielte nur für ihn. Und ob Malte
vorgab, die Sprache der Töne nicht zu verstehen -- was diese beseelten
Klänge sagten, würde er begreifen.
Ehe Jörg das vorletzte Stück begann, sah er noch einmal auf: das
bleiche Angesicht war noch da, aber er sah es nicht mehr, wie es ihm
zugewendet war, sondern von der Seite, als neige es sich einem zu.
Dann war es verschwunden, und Jörg entdeckte es auch nicht, als er zur
Empore schritt, um zum Schluß die Orgel klingen zu lassen. Genug, Malte
war gekommen.
Der letzte Ton verhallte. Die Zuhörer blieben auf ihren Plätzen.
Jörg trat noch einmal vor und sprach einige abschiednehmende Worte.
Dann erhoben sich zögernd einige und schickten sich an, den Saal zu
verlassen. Aber sie schritten durch den Mittelgang bis zur Standbühne
vor, blieben vor Jörg stehen und sagten ein Dankwort. Und die andern
folgten. Es begann ein Zug an ihm vorüber, und alle schenkten ihm
einen freundlichen Blick. Das war der Dank der Armen: kein rauschender
Beifall, kein lärmender Zuruf, aber ein stilles Grüßen und Neigen. Jörg
hätte sich keinen besseren Dank gewünscht.
Als er neben Güldenfey heimschritt, legte er seinen Arm in den ihren.
Sie traten in das Haus am Markt, daß er sich von Malte und Frauke
verabschiede, denn er wollte in der Frühe des nächsten Tages reisen.
Aber Malte war nicht da, obgleich Jörg sich angesagt hatte, und Frauke
war seltsam kühl und zerstreut. Ja, Malte war fortgegangen, war
wiedergekehrt und aufs neue gegangen; vielleicht war er im Treßhof, sie
wußte es nicht.
Verargt sie es uns, daß wir sie ausschlossen? dachte Güldenfey. Doch
sie hing dem Gedanken nicht nach; sie fand es auch nicht auffallend,
daß Malte im Treßhof nicht mehr erschien. Sie hatte so viel Grund zur
Freude und wollte das Zusammensein mit Jörg auskosten.
* * * * *
Malte hatte im Schatten des Orgelüberbaues gestanden und gelauscht.
Unerklärliches hatte ihn hergetrieben. Nun kam die feierliche Ruhe auch
über ihn, und dies Ausruhen war schöner als die schweigsame Stille, die
er auf seinen nächtlichen Gängen genoß.
Nein, er verstand nichts von der Musik und hatte diesen Mangel nie
bedauert. Doch dieses Ausruhen in Tönen war etwas Besonderes. Hier
war keine neuerunglüsterne Menge: diese alle waren gekommen, um wie
Flüchtlinge die Verborgenheit zu suchen. Im Grunde trug er die gleiche
Wunde wie sie, etwas verband ihn mit diesen geladenen Armen, ihn, den
ungeladenen Reichen.
Er fühlte sich von einem seltsamen Staunen befangen, als er Jörg hörte:
das war kein Werben um die Gunst der Menge, das war Mitteilen eines
königlichen Guts, zu dem er sich verpflichtet fühlte. Wie überragend
hoch war dieser jüngste Treß gewachsen, den vor vier Jahren er, Malte,
noch so gering bewertete!
Plötzlich fühlte er es kühl auf sich zudrängen wie einen frostigen
Luftzug. Eine Bewegung neben ihm entstand. Malte sah unwillig zur
Seite. Wer schob sich da heran? Häberle!
»Herr Konsul,« sagte Häberle leise, »ich glaubte, Sie aufsuchen zu
müssen. Ein dringendes Telegramm. Usadel.«
Der Name schnitt wie ein Messer in die Stille. Etwas zerriß.
»Ich komme.«
Vorsichtig schob sich Malte durch die enge Zeile, die ihm Häberle
bahnte, dem Ausgang zu. An der Tür blickte er noch einmal zurück wie
einer, der von einer großen Stunde Abschied nimmt. Wie zärtlich das
Cembalo tönte! Wie andachterfüllt diese Menschen in das ferne Reich
hineinlauschten! In uns sollte es sein? Nein, es war sehr weit, und in
uns war der Unfriede.
Wem gehörten die Augen, die ihn feindlich musterten? Ach, diese Frau
Jobst! Ihre Blicke irrten zur Seite, da sie sich begegnet sahen. Er
hätte sie ansprechen mögen, ihr irgend etwas sagen können, doch sie
wandte sich von ihm ab. Wie hatte Jörg zu ihm gesagt? Du bist kein
Wirklichkeitahner. Das Wort brannte plötzlich in ihm.
Doch, doch! Die Wirklichkeit rief ihn. Usadel. Es strömte etwas von
diesem Namen auf ihn über, das ihn frösteln machte. Hastig schritt er
durch die Straßen seinem Hause zu.
»Sie kommen wohl mit mir, Herr Häberle. Es wäre möglich, daß wir noch
eine Bestimmung treffen.«
Das Licht in Maltes Stube brannte. Da lag die Depesche. Malte streifte
den Mantel ab, ergriff das Papier und öffnete es nicht; er wog es in
der Hand. Dann fühlte er Häberles Blick, und er riß den Heftstreifen
auf.
Er las, setzte sich und las wieder.
»Die Interessen unsers Ringes fordern, daß das Gesetz, das die Partei
Ihres Herrn Bruders zu fördern sucht und für das sie im Volke Stimmung
macht, nicht getätigt wird. Wir erwarten von Ihnen, daß alles
aufgeboten wird, ein Zustandekommen zu verhindern. Sie werden wissen,
was Sie zu tun haben. Ich bitte um schnellsten Bericht, daß Sie Ihren
ganzen Einfluß aufgewendet haben.«
Der Name Usadel stand wie ein drohendes Handzeichen unter diesen
Worten. Malte wandte das kleine Blatt, las noch einmal, dann wurde ihm
Häberles Anwesenheit wieder fühlbar.
»Nichts, was augenblickliche Entscheidung verlangt«, sagte er. »Wir
sprechen noch darüber. Morgen früh verreise ich auf zwei Tage.«
* * * * *
Er war in Berlin und suchte Harros Behausung, in der er noch nie
gewesen war. Sie lag irgendwo im westlichen Stadtteil, der eine Welt
für sich bildete und mit dem alten Berlin eigentlich nichts zu tun
hatte. Endlose Straßenzüge von der Gleichförmigkeit des triebhaft
Gewachsenen, hastende Menschen, Tropfen eines namenlosen Stromes.
Endlich hatte er das Haus an der Grenze eines andern Gemeindewesens
gefunden. Er klomm in das dritte Stockwerk empor und fand Harros Karte
an eine Tür geheftet. Er läutete.
»Ich möchte Herrn Doktor Treß sprechen.«
Er erhielt den Bescheid, daß Harro nicht daheim sei; es sei unbestimmt,
wann er zurückkehre.
»Kann ich ihn nicht erwarten?«
Die Stimme, die ihm aus dem Dunkel eines mit Schränken vollgestopften
Flurs antwortete, belehrte ihn, daß Herr Doktor nicht wünsche, daß
jemand während seiner Abwesenheit sich in seinem Zimmer aufhalte.
»Ich bin der Bruder, Konsul Treß.«
Ein kurzes Zögern, dann wurde er eingelassen.
Das also war Harros Hausung! Malte empfand eine mitleidige Regung.
Konnte jemand sich wohlfühlen in diesen beiden Räumen, mit dem
Blick auf die Straßenzeile, durch die in kurzen Abständen lärmend
die elektrischen Wagen brausten? Zwischen diesen abgenutzten
unpersönlichen Mietmöbeln, die mit den Resten eines schäbigen
Putzes bestanden waren, wo alles die Anzeichen des Ungepflegten,
Unbedachtsamen trug?
Es war nur denkbar, wenn man erwog, daß der Bewohner dieser Räume
ganz seiner Arbeit hingegeben war und den Blick für die Dinge seiner
Umgebung eingebüßt hatte. Druckhefte, Zeitungen aller Bekenntnisse
waren auf Tischen und Ständern gehäuft; daneben waren Papiere und
Stifte zerstreut, um in jedem Augenblick zur Hand zu sein; eine
Schreibmaschine stand gebrauchsfertig da, eine begonnene Schreibarbeit
lag auf der Tischplatte.
Es war allerdings nicht ratsam, die spähenden Augen Unberufener in
diesem Zimmer schweifen zu lassen.
Malte war unruhig umhergegangen, jetzt sah er ein, daß er vielleicht
lange werde warten müssen. Er räumte von einem Stuhl Mappen und Bücher
fort und setzte sich. Er mußte überlegen, wie er Harro sein Ansuchen
nahebringen konnte. Als er in der Bahn das Telegramm zum wer weiß
wievielten Male gelesen, war er sich erst der gebieterischen Form
der Forderung bewußt geworden: es wurde befohlen, und er hatte zu
gehorchen. Gleichzeitig hatte er erkannt, daß Unerhörtes gefordert
wurde. Sein Rechtsempfinden empörte sich für kurze Zeit, dann hatte er
sich gesagt, daß Befehle nicht nur im Heeresverband ausgeführt werden
müßten, sondern in jeder Berufsart. Aber die Schwere seines Auftrags
erschien ihm doch drückend. Es war das beste, Harro unumwunden die
Sachlage zu erklären.
Er hatte längst seinen Rundgang auf dem Muster des verschlissenen
Teppichs wieder aufgenommen, als er des Bruders Stimme draußen vernahm.
Man bereitete ihn auf den Besuch vor; ein ärgerliches Wort Harros fiel,
dann beschwichtigende Gegenrede, und die Tür wurde geöffnet.
»Malte, ist es möglich!«
Die Gegenwart des Bruders hatte plötzlich seine Empfindlichkeit für das
Unzulängliche dieser Umgebung geweckt; er begann mit einigen Griffen
aufzuräumen, gab es aber sofort wieder auf.
»Wir hätten uns wie bisher am dritten Ort treffen sollen«, sagte er.
»Diese Bude ...«
Malte bedeutete ihm, daß es sich um dringende Angelegenheiten handle.
Er bat den erregt umherlaufenden Harro, sich zu setzen, zog seine Mappe
zu sich und erklärte, um was es gehe.
Harro hatte erst zerstreut gelauscht, allmählich wurde er aufmerksam.
Als Malte endete, bat er sich das Telegramm aus.
»Unverschämt«, murmelte er. »Und darauf gehst du überhaupt ein? Kommst
deshalb nach Berlin?«
Malte legte ihm die Bedeutung des Ringes dar, erschöpfte sich in
Ausführungen. Er war erleichtert, als er Harro nachdenklich sah.
Dieser sprang auf und lief im Zimmer umher, hob Gegenstände auf und
legte sie wieder aus der Hand. Endlich blieb er vor Malte stehen.
»Kurz, lieber Malte, ich kann nichts in der Angelegenheit tun, gar
nichts. Und könnte ich es, so würde ich es nicht tun. Es geht gegen
meine Überzeugung. Das Schutzgesetz ist nötig.«
Diese Tonart kannte Malte. Er raffte sich zusammen. »Du weißt, wir sind
mit unserm Vermögen dem Ring angeschlossen«, sagte er. »Vergiß dies
nicht: wenn man die Machthaber reizt, könnten sie uns preisgeben. Was
das in dieser Zeit bedeutet, weißt du.«
Harros Hand strich aufgeregt über seine Stirn. »Malte, was ist
mächtiger, das Gesetz oder das Geld?« fragte er.
»Das Geld«, antwortete Malte, ohne sich zu besinnen.
Harro sah ihn einen Augenblick starr an. »Wie?« sagte er. »Das meinst
du auch? Ja so, in gewissem Sinn: es hat in seinen Fängen Presse und
Gesellschaft, es bemächtigt sich der Technik, der Wissenschaft, der
Kunst. Doch die Partei ...«
»Der Partei nicht?«
»Meinethalben auch der Partei, ja. Aber Ehre und Gewissen stehen über
ihm.«
Malte machte eine vielsagende Gebärde.
»Nein, tausendmal nein! Mögen die Lumpe wie Pilze aufschießen, die
sich kaufen lassen, es gibt noch genug im Volke, denen ihre innerste
Überzeugung etwas gilt. Wir haben einen Krieg verloren, aber Gewissen
und Ehre nicht.«
»Ist es unehrenhaft, wenn wir unser Vermögen zu erhalten und zu retten
trachten?« fragte Malte.
»Erhalte, doch fordere nicht, das zu tun, was dem Charakter zuwider
ist.« Harro erregte sich, seine Stirnadern schwollen an, seine Gebärden
wurden unbeherrscht.
»Erhalte, erhalte! Ihr habt mich bisher allein sorgen lassen und
zufrieden eure Erträge eingesteckt«, erwiderte Malte bitter. »Nun ihr
mir helfen sollt, seid ihr nicht zu finden.«
Plötzlich stand Harro vor ihm, breit, fast drohend. »Ich verstehe dich
jetzt erst ganz«, sagte er dumpf. »Du verlangst, daß ich mich vor euren
Wagen spanne, du bist mit jenen eines Sinnes, nicht wahr? Ja, sind
wir denn noch Brüder? Tragen wir noch den gleichen Namen, den alten
ehrenhaften Namen Treß?«
Malte machte eine abwehrende Bewegung.
»Sage, daß ich falsch verstand, daß ich mich irrte, fürwahr, sonst ...«
»Was heißt das, sonst?«
»Ich würde irre an dir werden, Malte, ich würde glauben müssen, du
habest dich jenen Verderbern mit Leib und Seele verkauft.«
Malte hatte sich erhoben, sie sahen einander in die Augen. Keiner wagte
nachher das, was von einem zum andern sprühte, bei seinem Namen zu
nennen.
»Ich muß jede Verantwortung ablehnen«, sagte Malte. »Denke daran, wenn
du hörst, daß eine alte Verbindung scheiterte.«
Harros Hand tastete am Rock hernieder bis zu der Stelle, wo das Eiserne
Kreuz saß, dann wandte er sich ab. »Mit meinen Werturteilen treibe ich
keine Geschäfte«, sagte er schroff.
Malte ergriff seinen Hut. Die Brüder schieden ohne Gruß voneinander.
Zu Usadel, dachte Malte, als er aus dem Hause trat. Er rief einen
Wagen an. Doch wo wohnte Usadel? Er gab die Straße auf, in der das
Geschäftshaus des Ringes lag; dort war er bereits gewesen.
Man sah ihn erstaunt an, als er begehrte, Herrn Usadel sprechen zu
wollen. Als ob er begehrt hätte, den Erzengel Michael zu sehen! Herr
Usadel, ja, wo war denn der? Man kannte seinen Namen, man arbeitete für
ihn, doch gesehen hatte ihn noch keiner.
»Also, Herr Direktor ...«
Malte besann sich auf den Namen nicht und mußte sich ihn erst sagen
lassen. Er fühlte, daß seine Zerstreutheit ihn nicht empfehle, und
gab sich Haltung. Der Direktor befand sich in einer Beratung; es war
unmöglich, ihn zu rufen.
Nach mehrstündigem Warten wurde Malte vorgelassen. Der Direktor ließ
sich den Mantel anziehen, als er eintrat, und schien gesonnen, den
späten Besucher stehend abzufertigen. Seine verschwommenen Züge waren
noch mehr von Arbeit und Vergnügen heimgesucht als damals, da ihn
Malte im Treßhof gesehen hatte. Seine mürrische Miene wandelte sich
gewohnheitmäßig in glatte Verbindlichkeit, und in übersprudelnder Rede
berichtete er, was heute noch seiner warte.
»Man hat von mir schnellen Bescheid gewünscht, und ich komme, ihn zu
geben«, sagte Malte. »Sie wissen, um was es geht? Also, ich war bei
meinem Bruder: es ist vollkommen aussichtlos, etwas zu erreichen.«
»So, so; schade! Nun, da müssen wir eben andre Wege gehen.«
Der Direktor tat, als wäre der Ausfall dieses Plans ganz unerheblich.
Malte stutzte. Verbarg man so die Bestürzung, oder hatte man ihn zu
einer peinlichen Sendung befohlen, ohne ihre Bedeutung zu würdigen?
Lächelnd stand der feiste Mann vor ihm und erkundigte sich nach andern
Dingen.
»Der Ernst, mit dem das Telegramm abgefaßt schien, hat mich sofort
hierhergetrieben«, sagte Malte. »Sie meinen also, die Sache sei für
mich erledigt?«
»Nun, da Sie nichts erreicht haben«, sagte der Feiste liebenswürdig
lächelnd. »Berichten Sie jedenfalls. Wir sind gewöhnt, mehr als ein
Eisen im Feuer zu halten.«
Malte verließ ihn in dem Bewußtsein, sich unnötigen Befürchtungen
hingegeben zu haben.