»Sie, Fräulein Treß?« sagte Hanna und sah Güldenfey gläubig an. »Sie
dürfen nur lächelnd und mit einer Blume zu ihnen ins Zimmer treten, und
alles ist gut.«
Ein wenig Freude! dachte Güldenfey. Und sie dachte an den Garten
hinter der Mauer. Hatte sie nicht schon früher die Blumen in ihm für
arme sonnenlose Zimmer gepflückt? Sie konnte es kaum erwarten, bis die
Stunde schlug, in der Telge mit dem Boot kam, um sie abzuholen.
* * * * *
Sie nannten ihn den vergessenen Garten, weil er, von wenigen gekannt,
in einem abseitigen Winkel der alten Stadt lag. Gegen das Meer zu
deckte ihn der Rest der wehrhaften Stadtmauer, und der Chor der alten
Klosterkirche St. Johannes Evangelist sah von der andern Seite aus
altersdunklen hohen Fenstern auf ihn herab. Dann war noch eine Hauswand
da, aber von Süden her hatte die Sonne ungehindert Zugang zu ihm.
Wer ihn aufsuchen wollte, mußte die Winkelgänge des alten
Klostergebäudes kennen und sich in dem Gewirr der Stiegen und Häuschen
zurechtfinden, die willkürlich und nach jeweiligem Bedarf hier
errichtet waren. Der Großvater Treß hatte ihn von der Stadt übernommen;
keiner hatte sich um ihn gesorgt, bis Güldenfey ihn entdeckt und als
Ziergarten mit Mellins Hilfe hergerichtet hatte.
Mellin, der etwas von der Gärtnerei verstand, wirkte hier unermüdlich.
Zwar war er in den mageren Jahren wiederholt an Güldenfey mit dem
Vorschlag herangetreten, man müsse Gemüse bauen. Doch dann hatte sie
ihn nur angeblickt.
»O, Mellin, meine Blumen, meine Freude!«
Im Frühling, wenn die Sonne die Höhe ihrer Bahn noch nicht beschritten,
war das Blühen in dem vergessenen Garten spärlich. Aber welche Zier
begrüßte Güldenfey, als sie von Heilisoe zurückkehrte! Das wilde,
inbrünstige Blühen des Sommers war zu ihrem Empfang bereit: Löwenmäuler
schwefelgelb, purpurn und elfenweiß; Strohblumen von tiefem Blutrot;
Rudbeckien, Astern und Georginen schufen ganze Wolken von Bunt um
den violenfarbenen Phlox; Stiefmütterchen, späte Rosen und besondere
Veilchen blühten, und die zarten Lackfarben der Gladiolen schimmerten
wie fließendes Wachs.
In der tauigen Frühe des Sonntagmorgens war Güldenfey schon dort. Sie
hatte sich Hanna Wilkens und eine ihrer Schwestern bestellt, die die
Sträuße binden sollten, die man später austragen wollte. Sie selbst
schritt wählerisch unter ihrem Reichtum umher und schnitt Verbenen,
Zinnien und Studentenblumen, dunkelblauen Eisenhut und Honiggold. Und
jede Blume, die sie schnitt, empfing einen Wunsch, den sie weitertragen
sollte.
»Hanna, hier müßten Sie noch eine brennend rote Salvie dazutun, damit
es leuchtender wirkt. Und dieser Levkoienstrauß sollte noch ein paar
Kosmeen oder Geißblumen tragen.«
Kresse, Astilben und die Wicken am Zaun, deren bunte Blüten wie
Schmetterlinge in der Luft schwebten, gaben unerschöpfliche Reichtümer
her.
Dann gingen die Mädchen, und Güldenfey blieb allein, während das Geläut
der Glocken wie Bienensummen über die Stadt zog. Nur die Klänge von
St. Johannes sanken hallend auf die Blumen des vergessenen Gartens und
überließen sich hier erst dem Wind, der von der See kam.
Der vergessene Garten! Güldenfey setzte sich auf die Bank und sann.
Dort oben hinter den Fenstern der Häuschen und der Klosterräume wohnten
die alten Männer, deren Leben lautlos verrann. Einige von ihnen
erhoben sich noch am Morgen von ihrem schlaflosen Lager, rückten den
binsengeflochtenen Stuhl zurecht und strickten Strümpfe und Netze.
Andre aber zogen die Ärmelweste an und saßen, ihre Arme auf die Knie
gestützt, den Tag über auf dem Bettrand, und während sie das bärtige
Gesicht in den Falten ihrer schwieligen Hände verbargen, warteten sie
auf den Tod. Zuweilen erhoben sie sich und schauten mit unbewegten
Mienen in den blühenden Garten hinunter, der ihnen seine Düfte und
Farben entgegenhob. Was an Gedanken mochte durch diese altersweißen
Köpfe gehen? Oder ob sie mehr nicht dachten als das eine, daß der Tod
sie vergessen habe, wie das Leben diesen blühenden Gartenfleck?
Und ergraute Damen waren dort drüben mit Löckchen vor den Ohren, dünnen
Ringen, die verschlissene Türkisen faßten, auf den welken Fingern und
mit erloschenen Augen. Das Alter hatte ihren Gestalten die Zierlichkeit
jugendlicher Jahre wiedergegeben, aber die Not der Zeit hatte ihre
schwarzen Abendmahlsgewänder fadenscheinig und grau gemacht. Und auch
sie saßen, wenn der Wind vom Meer nicht durch die morschen Rahmen
blies, auf ihrem Fensterplatz, und an warmen Sommerabenden öffneten sie
einen Flügel und lehnten sich ein wenig hinaus, um in ihr welkendes
Dasein etwas von dem Nelkenduft ihrer blumigen Mädchenzeit fließen zu
lassen. Aber sie waren wie die rostigen Schlüssel der weihnachtlichen
Bescherungstuben, die man von außen verschließt: sie sehen, wenn sie
in das Schlüsselloch gesteckt werden, alle Herrlichkeiten dort innen
und kommen doch selbst nicht hinein. Wenn die Sonne sank, schlossen sie
das Fenster wieder, wanden die Gewichte ihrer Uhren auf und lauschten
auf die blechernen Schläge bis Mitternacht. Und vielleicht kam dann
zögernd der Schlaf und schenkte ihnen einen Traum.
Es ist alles nur ein Warten, dachte Güldenfey, bei diesen und jenen,
bei Marfa und den hungernden Menschen. Auch bei mir? Nur ein Warten?
Güldenfey horchte auf. Kamen da nicht Schritte, und hatte die Pforte
nicht geknarrt? Als sie den Kopf wandte, erkannte sie Thomasius, der
hell und grüßend auf sie zukam.
»Störe ich auch nicht Ihre Sonntagsfeier?« fragte er.
»Aber Sie?« fragte Güldenfey. »Es ist doch die Zeit des Gottesdienstes!«
Er erklärte, daß er heute frei sei und die Alten besucht habe, denen
der Gang zur Kirche beschwerlich war.
»O das ist schön!« rief sie. »Gerade habe ich an die Altersschwachen
gedacht und was ihnen das kümmerliche Lebensrestchen noch bedeutet.
Wir haben für sie die Blumen dieses vergessenen Gartens gebunden.« Sie
deutete auf die Sträuße, die im beschatteten Gras lagen.
Thomasius sah nicht die Blumen, er blickte Güldenfey an, und in
seinem bewundernden Blick war etwas, das sie verwirrte. Was er nicht
aussprach, das sagten seine Augen: Du selbst bist der vergessene
Garten, aus dem vielen eine reiche Labe fließt. »Ich besitze etwas, das
ich Ihnen bringen wollte«, sagte er. »Nun sah ich Sie hier vom Fenster
aus und dachte, es Ihnen gleich zu geben. Es ist mir eine Genugtuung,
der Freudespenderin einmal auch Freude machen zu können.« Er entfaltete
ein Zeitungsblatt und reichte es ihr. »Von Jörg Treß wird über sein
letztes Konzert berichtet. Lesen Sie, wie warm und anerkennend!«
Er beobachtete heimlich ihr Gesicht, während sie las. Die rote Welle
der Freude stieg in ihre Wangen und höher, bis an die Wurzeln ihres
lichten Haares. Es war, als teile sich ihm ihre Empfindung mit und
ziehe seine Seele an die ihre. Du Feine, du Güldene! dachte der Mann.
Als sie am Ende war und tief atmend aufblickte, nahm er das Blatt und
wandte es um. »Noch etwas«, sagte er.
Ein Artikel: Vom ungelebten Leben! Und Jörg Treß zeichnete als
Verfasser.
Ja, sie wußte darum, wie Jörg seine Kunst ausübte; aber hier sprach
er es klar und schön aus und stellte es allen als sein hohes Ziel
vor: Keine Folge blendender Musikvorträge in den Konzerten, bei deren
Anhören sich einige etwas, die meisten nichts dachten, sondern die
Perlen großer Meister ausgereiht auf das vermittelnde und bindende
Wort des Vortragenden in gewählter Form. Erst wenn die Kunst wieder
gottesdienstliche Handlung wird, erst dann werden wir ihr Wesen erleben.
»Wie wahr ist alles, was er sagt!« rief Güldenfey. »Er hat große
Gedanken und ein reines Herz. O, ich liebe ihn!«
Sie sagt es inbrünstig wie eine Braut, dachte Thomasius, und eine
kleine eifersüchtige Regung schwoll in ihm auf. »Sagen Sie das nicht«,
bemerkte er lächelnd.
Sie blickte ihn verwundert an.
»Es könnte eines Tages jemand des Weges kommen,« fuhr er ohne
scherzenden Beiklang fort, »der stillsteht, wenn er Sie sieht, und
anklopft. Ich glaube, er wäre traurig, wenn er die Tür verschlossen
fände, in die er einzutreten wünscht.«
Güldenfey sah in ihren Schoß. An ihrem Kleid haftete noch ein
Stiefmütterchen; sie nahm es und drehte den Stengel zwischen ihren
schlanken Fingern. Dann schaute sie auf und erkannte, daß seine Worte
bedeutsam waren. »Wer glaubt, hier anpochen zu müssen,« sagte sie
ruhig, »wird wissen, daß er alle, die schon darinnen sind, nicht
ausweisen darf.«
»Nicht ausweisen!« entgegnete er zögernd. »Aber --«
Sie wiegte langsam den Kopf. »Es hieße an dem Reichtum der Liebe
zweifeln.«
»Sie haben völlig recht!« sagte er überzeugt. »Wollen Sie mir das
Stiefmütterchen wohl schenken?«
Güldenfey reichte ihm die Blume und erhob sich. Sie ging den
Gartensteig entlang und bückte sich nach den Sträußchen. Dann kam sie
wieder zurück. Seine Blicke umfingen zärtlich diese schlanke, lichte
Mädchengestalt, die voll reifen Frauentums war.
»Ich muß jetzt gehen«, sagte sie, und er erhob sich, um sie zu
begleiten.