»Ose, ach, Ose!«
Die Alte stand unter leeren irdenen Töpfen und Glashäfen und bedachte,
wie geringe Vorräte man in dieser Zeit habe und wie wenig im kommenden
Sommer eingemacht werden könne. Da trat Güldenfey ein. Ose hörte es
im Schwingen der hohen Stimme, sie sah es an der Röte auf des Kindes
Wangen: es mußte Außerordentliches geschehen sein. Sie winkte gegen den
Hinterraum der Kammer zu, wo ein Mädchen hantierte, band die Schürze ab
und verließ mit Güldenfey den Vorratsraum.
»Was ist geschehen?« fragte sie.
Aber Güldenfey führte sie in ihr Zimmer und schloß hinter sich die
Tür. »Die Frau!« sagte sie. »Ich traf sie bei Malte. Sie wollte etwas
Schlimmes sagen, aber ich bat sie, es nicht zu tun.«
»Es geht ihr nicht gut«, murmelte Ose erschrocken.
»Und nun will ich wissen: Wer ist sie?«
Ose kniff die Lippen zusammen. Die kleine, sanftmütige, stets bittende
Güldenfey, wie selbstbewußt und fast zornig stand sie da!
»Dein Bruder Malte kam aus deines Vaters Sterbezimmer zu mir«, sagte
Ose. »Da hab' ich's ihm hoch und heilig versprechen müssen, daß ich es
dir nie sagen werde.«
»Das ist nichtig!« rief Güldenfey. »Ich bin ja Zeugin gewesen von dem,
was sie gesprochen haben. Sollen meine Ahnungen mehr sagen, als in
Wirklichkeit geschehen ist? Und dann: Ich habe Malte bedrängt, es mir
zu sagen, und Malte hat mich an dich gewiesen.«
»So, das hat er getan?« sagte die Alte. »Und was wird, wenn ich nicht
will?«
»Dann, Ose,« sagte Güldenfey und hob die Hand, ihre Worte bekräftigend,
»dann suche ich so lange durch die Stadt, bis ich sie gefunden, und
frage sie selbst. Es ist etwas Dunkles da, das geht uns nach, und ich
weiß jetzt, daß es mit ihr zusammenhängt. Ich will es sühnen.«
Ose wußte: wenn sie so spricht, dann gibt es kein Entrinnen. War die
Stunde da, die die Erfüllung bringen sollte? Sie blickte lange durch
das Fenster in den blauenden Himmel.
»Sie ist deines Vaters zweite Frau gewesen«, sagte sie dann im
Flüsterton.
Güldenfey sah sie sprachlos an. Sie hatte immer auf dem Weg hierher
die Furcht vor Schreckhaftem gehabt, dies hatte sie nicht erwartet,
und sie erlag ihm. Langsam sank die erhobene Hand nieder und tastete
nach der Lehne des nächsten Sessels. Ihr geliebter Vater! Wann war das
geschehen? Doch vor der Zeit, da ihr Denken begann. O Mutter!
Ose kniete vor der Sitzenden und umschloß Güldenfeys Hände, die kalt
wurden, mit den ihren. »Kind, Kind, nimm es nicht so arg, es ist ja
längst Vergangenes! Du kennst die Männer noch nicht. Gerade jene,
die am glücklichsten in der Ehe waren, sind nach dem Tod der Frau
hilfloser und verwaister als die Lebensklugen. Sie können sich nicht
zurechtfinden, lassen sich betören und werden unglücklich.«
»Ja, ja«, sagte Güldenfey langsam. »Nun, erzähle, Ose.«
»Ach, Kind, da gibt es viel zu sagen. Du sollst aber nicht denken,
daß dein Vater das Andenken der lieben Mutter nicht geehrt hat. Er
verzehrte sich völlig darin, ging täglich nach dem Friedhof, konnte
sich nicht genugtun, ihre Briefe zu lesen und in ihrem Zimmer zu
sitzen. Wir sorgten uns um ihn, wir dachten, er würde daran zugrunde
gehen. Aber wir wissen alle wenig voneinander. Was Trauer heißt, ist
oft nur aufgesammelter Lebenshunger.«
»Sprich doch weiter, Ose!«
»Ja. Du warst noch nicht ein Jahr alt, als er eines Tages sich ganz
erregt zu Tisch setzte. Ich bekam einen großen Schreck, dachte: Um
Gottes willen, er wird doch nicht anfangen, zu trinken! Es war wie ein
Rausch über ihn gekommen. Später hat mir Mellin erzählt, wie alles
gekommen ist und was an jenem Tage begann. Es kam damals fast täglich
der Baron Usfeldt in die Stadt, ein Spieler und Abenteurer, dessen
wilde Streiche im ganzen Lande erzählt wurden. Für nichts hatte er Sinn
als für Pferde, und so fuhr er denn seine glänzenden Gespanne in unsern
Straßen zur Schau. An diesem Tage kutschierte er auch wieder hier
herum, und neben ihm auf dem hohen Selbstfahrer saß die junge Baroneß
Horn. Es ist viel gesprochen worden von ihr und ihm und ihr und ihrem
Vater. Ich weiß nichts mehr, hab' auch damals nicht darauf geachtet.
Was gingen uns die fremden Leute an!
An jenem Tage begegnete ihnen dein Vater und muß von Stund an behext
gewesen sein. Sie hatte rotes Haar, und wenn sie lachte, dann glitzerte
etwas in ihren Augen, das war nicht von dieser Erde. Engelke hat gesagt
... Doch das gehört nicht hierher. Kurz, dein Vater war wie von Sinnen.
Auf der Straße ist er stehengeblieben, sie hat ihn angelacht, und er
hat dem Wagen nachgestarrt. Dann ist er in die Krone gegangen, wo der
Muck Usfeldt ausspannte, hat sich mit ihnen in der Weinstube bekannt
gemacht; danach ist er, den Kopf voll wirrer Gedanken, nach Haus
gekommen.
Einige Tage ist er zerstreut umhergegangen, jeder von uns war daran
gewöhnt und fand nichts dabei. Aber dann hat er sich aufgemacht nach
Hanneshof zum alten Baron Horn. Dort hat er leichtes Spiel gehabt, denn
es hat nicht acht Tage gedauert, bis er versprochen war.«
»Der arme Vater«, sagte Güldenfey. »Aber das Ende, Ose.«
»Das kam schnell genug, Kind, nach kaum einem Jahr. Sie taugte nichts.
Vielleicht wäre sie an anderm Platz etwas Rechtes geworden. Bei uns
war sie nicht am Platz. Der Reiz, daß der erste Mann der Stadt um
ihretwillen sich und andres vergaß, verflog bald. Laß es genug sein!«
»Doch dies, dies!« sagte Güldenfey. »Sie ist arm und elend.«
»Sie hat geerntet, was sie gesät«, entgegnete Ose hart.
»Nein, das ist es nicht, Ose. Du kennst soviel vom Leben und bist doch
so hart. Du solltest sie sehen, und du würdest Mitleid mit ihr haben.«
Die Alte schüttelte den Kopf. »Mitleid? Es gibt viel unverschuldetes
Elend heute, das man bemitleiden muß. Diese aber, die sich für Geld
verkaufte --«
Güldenfey erhob sich und nötigte Ose damit, auch aufzustehen. »Jörg
hat mir einmal geschrieben: Wessen Liebe völlig sein soll, der darf
nicht richten«, sagte sie leise. »Wenn sie sich verkaufte, so wurde sie
auch gekauft. Und wir alle ... Ach, Ose, mir ist zuweilen so bang um
uns! Wie oft Malte sich wohl verkauft und Harro und alle von uns, die
ihre Geschäfte machen. Ich glaube, es ist viel Schuld da, nicht nur
von alter Zeit -- du weißt, Balzer Treß, der fliegende Holländer! --,
sondern auch aus jüngster Zeit, von Großvätern, Vätern und uns. Und das
schwärt nun in dieser bösen Zeit aus.«
»Ja, ja«, sagte Ose. »Wolle Gott uns gnädig sein!«
»Ach, Ose, das sagen sie jetzt alle und seufzen und ringen die Hände.
Aber das allein tut's nicht.«
Die Alte öffnete die kleinen Augen weit und blickte Güldenfey lange an.
Ihr schien, als sei das Kind gewachsen und sei eine ganz andre, als sie
vor kurzem war. »Was soll man tun?« fragte sie. »Was willst ~du~
tun?«
»Ich?« antwortete Güldenfey. »Ich werde gehen und die Frau suchen. Ich
weiß nicht, was sie von Malte wollte, aber wer so ausschaut wie sie,
der ist in Not.«
Ose hatte Einwände. Man müsse vorher Malte fragen; man dürfe sich jener
nicht aufdrängen; sie sei es vielleicht gar nicht wert. Güldenfey käme
in unliebsame Berührung. Endlich machte sie geltend, daß man doch nicht
Haus bei Haus absuchen könne. Und den Namen der Frau? Ja, sie habe ihn
wohl gehört, aber sie könne sich nicht besinnen.
Güldenfey schüttelte zu allem den Kopf. Sie fürchtete nichts, sie sah
nur auf ihren Weg. --
Wenig später stand sie drunten in Mellins Wohnung. Der Packmeister
stellte schnell die Pfeife, die er sich vor Tisch vergönnte, aus der
Hand. Aber als Güldenfey die entscheidende Frage an ihn richtete,
blinzelte er unsicher und gab vor, von nichts zu wissen. Um Dinge, die
die Herrschaft angingen, kümmere er sich grundsätzlich nicht. Telge zu
fragen, war nicht nötig. Aber Engelke! Doch auch Engelke versagte. In
ihre klösterliche Abgeschiedenheit war wohl auch kaum etwas von diesen
Ereignissen des Treßhauses gedrungen.
Aber als Güldenfey beim Fortgehen unter dem Torbogen des Heiligen Geist
stand und etwas bänglich auf die volkreiche Straße am Binnenhafen
hinaussah, kam ihr plötzlich das Gedenken an jenen nebelerfüllten
Abend, da sie mit Engelke die Versammlung der Gemeinschaftsbrüder
besucht hatte. Hanna Wilkens!
Sie fragte in dem Geschäftshaus, in dem die Näherin arbeitete, nach
ihr. Nein, die Wilkens war hier nicht mehr tätig, doch man wußte ihre
Wohnung. In einer halben Stunde hatte sie sie gefunden und ihr Anliegen
vorgebracht.
Ja, die Blasse wollte ihr helfen und wußte auch sofort Rat. Die
Straßenbahnverwaltung! Und dort sagten sie Güldenfey Namen und Wohnung
der entlassenen Schaffnerin, auf die die Beschreibung zutraf.
Einkaufen, vieles einkaufen! dachte Güldenfey. Aber sie verwarf den
Gedanken gleich wieder. Gab das nicht zu Mißdeutungen Anlaß, wenn sie
als Spenderin mit gefüllten Armen eintrat? Sie wollte zuerst Vertrauen
gewinnen.
Als sie klopfenden Herzens die unsaubere Stiege des von häßlichen
Küchendüften erfüllten Hauses emporstieg, lehnte sich eine Frau
in unordentlichem Anzug über das Geländer und musterte sie in
aufdringlicher Neugier.
»Nicht wahr, hier wohnt Frau Jobst?« fragte Güldenfey freundlich.
Die Musternde wurde zugänglich und gab mit lauter Geschwätzigkeit
Bescheid. Die Jobsten! Ja, ja! Noch wohne sie hier. Ob sie zu Haus sei,
wisse man nicht, sie habe seit gestern wieder eine Stelle. Aber der
Jobst sei da und das Kind.
Güldenfey hielt dem Redestrom tapfer stand und blickte die Frau ruhig
an. In ihr krampfte sich etwas zusammen. Wie roh die Gesichtszüge
waren, wie rauh die Worte und wie wüst das armselige Haar! Das waren
die Hausgenossen der Frau, die einst mit glänzendem Gespann durch die
Straßen fuhr und im Treßhof ein und aus ging, die erste Dame der Stadt!
Sie dankte und tappte in den dunklen Gang, den jene ihr gewiesen. Es
waren viele Türen hier. Auf gut Glück pochte sie an eine, hinter der
ein lang anhaltendes hohles Husten hörbar war. Eine zerbrochene Stimme
sagte etwas, dann näherten sich trippelnde Kinderfüße der Tür.
»Wohnt hier Frau Jobst?« wiederholte Güldenfey ihre Frage.
Das Kind führte den Finger zum Mund und sah den Besuch unschlüssig an.
Aus der Tiefe des Raumes drangen wieder Laute der zerbrochenen Stimme.
»Darf ich wohl eintreten?« fragte Güldenfey und schob sich durch den
Türspalt in die Stube.
Daß es Gott erbarm! Der Raum war kalt und wirkte darum in seiner
Kahlheit noch frostiger. Zwei Stühle, ein Tisch, ein Bett, ein Gestell,
das wohl zur Herrichtung eines zweiten Lagers diente. Kisten, in
denen einiges Geschirr aufgestapelt war. Von einem Kochofen stieg ein
seltsamer Brodem auf. Durch kahle Fenster sah der blaue Frühlingstag.
Auf dem Bett lag ein Mann mit wirrem blondem Kopf- und Barthaar. Seine
dürre Hand hielt ein blau und weiß gestreiftes rauhes Hemd über der
Brust zusammen. Auf dem Stuhl am Bett stand ein Trinkgefäß mit braunem
Trank gefüllt.
»Ich suche Frau Jobst«, sagte Güldenfey, als sich ihr das wächserne
Gesicht fragend zuwandte. Es kostete sie Mühe, mit ihrer Stimme die
Lasten der Beklemmung zu heben, die dieser Anblick auf sie legte.
Der Mann machte eine bedauernde Gebärde. »Meine Frau ist auf Arbeit
gegangen«, sagte die zerbrochene Stimme mühsam. »Sie wollen sie wohl
zur Aufwartung. Das ist unmöglich. Sie ist fast den ganzen Tag über
fort, und die Zeit, die ihr übrigbleibt --«
Eine Handbewegung deutete auf die kärgliche Umgebung und das Kind. Ein
Hustenanfall riß wütend die ausgehöhlte Brust auf und nieder. Und
dich, du Armer, begreift deine Gebärde nicht einmal mit ein, dachte
Güldenfey. Sie wartete, bis er Ruhe fand, sie anzuhören. Etwas in ihr
warnte sie, zu sagen, warum sie gekommen sei.
»Kann man denn nichts für Sie tun?« fragte sie.
Er gab weder durch Gebärde noch Miene Antwort. Sein Schweigen war
durchaus abweisend: Laß mir meine Ruhe und frage nicht!
»Ich hätte Ihre Frau gern gesprochen«, begann sie zaghaft aufs neue.
»Wann könnte das wohl sein, wann darf ich wiederkommen?«
»Heute nicht«, sagte der Kranke.
»Also morgen! Gut, ich komme morgen. Und um welche Zeit? Bemühen Sie
sich nicht mit Reden. Nicken Sie nur, wenn es zutrifft. Mittags? Nein,
schön! Nachmittags etwa gegen fünf Uhr? Auch nicht! Also des Abends?«
Jobst wandte plötzlich das Gesicht Güldenfey zu; aus seinen
erlöschenden Augen traf sie ein forschender Blick. »Schreiben Sie Ihre
Adresse auf«, sagte er. »Meine Frau wird sich schon bei Ihnen melden.«
O nein, sie würde nie kommen; in den Treßhof würde sie nimmermehr gehen!
»Es ist besser, ich komme morgen selbst wieder«, sagte Güldenfey
hastig. »Ihre Frau ist am Abend müde und findet hier mancherlei zu tun.
Ja, morgen abend komme ich und wünsche herzlich, daß es Ihnen bis dahin
besser gehe.«
Ihre Augen grüßten; mit unbeschreiblich lieber Bewegung neigte sie sich
zu dem Kind und streichelte es. Ach, was alles ihm fehlte! Dann ging
sie.
Und dann kam ein Tag voll aufgeregten Wartens, voll guter Vorsätze und
heimlicher Pläne. Was sich Güldenfey alles ausdachte, und wie ihr Herz
einem gesegneten Brunnen im Frühling glich, der seine Wasser von einer
Schale in die andre sprudeln läßt! Malte? Nein, sie ging nicht zu ihm,
sie wollte ungehemmt alles allein tun. Auch Ose teilte sie sich nicht
mit.
Aber dann kam die Enttäuschung.
Als sie am Abend vor dem Hause eintraf, das ihre Gedanken während des
ganzen Tages umkreist hatten, stand da vor der Tür ein kleiner Wagen,
mit einem müden Pferdchen bespannt, von dem Leute einen geringen
Hausrat abluden. Kinder schleppten vor ihr her Besen und Eimer die
Treppe empor und in den dunklen Flur hinein. Auf dem Treppenabsatz
stand mit einer andern schwatzend die unordentlich gekleidete Frau,
zottig wie gestern, obschon es spät am Tage war. Güldenfey grüßte und
schickte sich an, den Gang zu betreten.
»Jobstens sind fort«, rief ihr die Frau zu.
Güldenfey blieb stehen. »Fort?« fragte sie staunend.
»Sie sehen ja. Es ziehen doch schon andre ein.« Die Auskunft wurde fast
kränkend hingeworfen.
»Ja, aber ... Wo sind sie denn hingezogen?«
»Das kann ich nicht wissen.«
Es war augenfällig: sie waren vor ihr geflohen, sie wollten nichts mit
ihr zu schaffen haben. Am Vormittag mußte es geschehen sein, und schon
nahmen andre von dem traurigen Raum Besitz. Güldenfey sprach auf die
Frau ein, aber die wiederholte in ihrer derben Art, daß sie nichts
wisse. Also vergeblich! Güldenfey blickte in das unwohnliche Zimmer.
Einige Burschen standen dort und ließen die Flasche kreisen.
Der Wirt konnte keine Auskunft über den Verbleib der Familie Jobst
erteilen, auch die Polizei konnte es nicht. Güldenfey war enttäuscht.
Was hatte sie geben wollen! Und man nahm es nicht an, man zeigte, daß
man trotz alles Elends der Hilfe nicht bedürfe, die so spät kam.
Und dennoch sollte sie ihnen kommen! Güldenfey beschloß, so lange zu
suchen, bis sie gefunden hätte. Hanna Wilkens mußte ihr helfen. Und sie
ging und fragte unermüdlich und fand mehr als sie suchte.
* * * * *
Was für ein furchtbares Gesicht war es doch, in das Güldenfey blickte!
War dies das Antlitz des deutschen Volkes? Wie Metalle in der Erde die
Gewächse des Bodens in Form und Farbe anders gestalten, so hatte die
Not verändernd auf das Gepräge der Menschen gewirkt. Die Starre war da,
das Seelenlose.
Stieg Güldenfey, einer gewiesenen Spur folgend, die düstere Stiege
eines Hinterhauses in der Sachsenvorstadt empor, dann grinste es sie
teuflisch an.
Aus der Tiefe des Treppenschachtes drangen die rauhen Laute eines
Zwiegesprächs bis zu ihr empor, während sie Atem schöpfend vor einer
Tür stand.
»Kommst du morgen mit uns?«
»Nein. Am Sonntag muß ich die Papierhaufen durchzählen, die ich in der
Woche verdient habe.«
Ach ja, sie trugen den Verdienst in Geldbündeln, mit denen sie die
Taschen vollstopften, heim, warfen es für Nichtigkeiten wieder aus und
lebten in den Tag hinein.
»Mach, daß du es los wirst«, riet die erste Stimme. »Wer weiß, was es
am Montag noch gilt!«
Eine grelle Musik setzte ein. Im Untergeschoß befand sich eine
Filmbühne; in dem Saal des Nachbargrundstücks wurde getanzt. Die
Melodien der beiden Spielbanden schrien widereinander; dazwischen das
jauchzende Aufkreischen einer Frauenstimme.
Güldenfey klopfte an. Schlurfende Schritte; dann wurde geöffnet.
»Können Sie mir wohl sagen, ob eine Frau Jobst hier im Hause wohnt? Der
Mann ist krank, ein kleines Mädchen gehört zu ihnen.«
Wie oft hatte sie diese Frage getan!
Der bärtige Mann schob den Kopf vor, um die Fragende zu mustern. »Kenne
ich nicht!«
Güldenfey gab genauere Angaben: der Mann sei Monteur, das Kind trage
einen blonden Zopf.
Der Mann schüttelte den Kopf. »Machen Sie um diese Zeit noch
Nachfragen, Fräulein? Lassen Sie das lieber! Wenn Sie auch von der
Fürsorge sind, es könnte Ihnen was passieren.«
Güldenfey dankte und ging. Die Tür wurde geschlossen. Im Hinabsteigen
blieb sie an dem Treppenfenster stehen und blickte in den schmutzigen
Hof hinab. Tanzmusik und Bühnenmusik schrillten noch immer
widereinander. Die Hinterwand des Hauses stand buntscheckig wie ein
Bühnenstück unter dem erlöschenden Abendhimmel: der Verputz war in
großen Stücken abgebröckelt, und keine Hand hatte sich gerührt, die
großen Wunden der Wände zu verstreichen.
Und was zerbröckelte erst hinter den Türen dieser vielen Wohnungen, in
die jetzt Güldenfey so oft schaute! Ja, wäre es nur der Hausrat allein
gewesen! Doch die seelischen Werte, die verloren gingen, zu zählen,
fand sich keiner. Die Starre, das Seelenlose nahm überhand, das Leben
wurde mechanisiert.
War das der Giftodem des Tieres, das aus dem Meer stieg? Die große
Lüge, von der die Schreier selbst glaubten, daß es die Sorge um
das Wohl eines entrechteten Standes sein sollte, war nichts als
Gottesfeindschaft und Streit wider den belebenden Geist?
Traurig kam Güldenfey an jedem Abend heim, wenn sie wieder nicht
gefunden hatte, was sie suchte. O, sie wußte wohl, daß sie trauriger
wurde durch das, ~was~ sie fand.
Einmal traf sie Oberst Helf auf der Straße. Er trug eine Blechkanne und
war ausgegangen, um für seine kranke Frau etwas Milch zu kaufen. Er war
von einem Laden in den andern gewandert und hatte nichts erhalten. Da,
wo Milch vorrätig gewesen, hatte man unerschwingliche Preise gefordert.
»O kommen Sie mit mir, wir wollen sehen«, sagte sie, fühlte in ihrer
Tasche, ob die Geldmappe darinnenstak, und erwog, ob Ose wohl Milch
übrig hätte, wenn sie nicht fänden.
Sie suchten, und nach einer Stunde hatten sie ein wenig Milch
eingehandelt und sie sogar bezahlen können. Der Oberst war glücklich
und trug seine Kanne so stolz, als sei sie eine erbeutete Standarte.
»Nun darf ich mit Ihnen gehen und Ihrer Kranken einen guten Tag
wünschen«, bat Güldenfey. Im stillen hoffte sie, daß sie Gelegenheit
finde, ihm zu helfen.
Der freundliche alte Herr lehnte das Anerbieten nicht ab, aber die
Blechkanne, die sie ihm abnehmen wollte, gab er nicht her. »Welche
liebenswürdige Miene hat dieser Tag dadurch gewonnen, daß ich Sie
traf!« sagte er. »Es fing heute morgen so verheißunglos an.« Und er
erzählte, daß er unlängst ein Möbelstück verkauft habe, was man ja
von Zeit zu Zeit tun müsse, um das Dasein zu fristen. Aber da sei
das Steueramt gekommen und habe seinen Anteil an dem geringen Erlös
gefordert. Heute morgen sei er dort gewesen, um vorzustellen, daß er
das Geld nötig zu einer Anschaffung brauche; es war vergebens gewesen,
man hatte ihm den Anteil entrissen.
Er blieb an einer Straßenecke stehen. »Lassen Sie mich hier Ihnen
danken und Lebewohl sagen«, fuhr er fort. »Ich darf Sie doch nicht
bitten, uns um diese Zeit zu besuchen. Meine Frau würde es vielleicht
peinlich empfinden, weil noch nicht fertig aufgeräumt ist. Solange sie
krank ist, muß ich für Ordnung sorgen, und da ich früh fortgegangen bin
...«
Güldenfey dachte: Welche Not spricht er mit diesen paar Worten aus! Ihr
Herz lag ihr schwer wie Bergeslast in der Brust. »Wann werden diese
Zeiten enden?« fragte sie.
Der alte Herr lächelte: »Weltnebelspanne, wissen Sie, was das ist? Das
ist die Epoche des Drucks und der Pressung, in der sich im Weltenraum
ein neuer Himmelskörper bildet. So vollzieht sich wohl jetzt eine
Neubildung der Menschheit. Was tut es, daß wir wenigen den Wechsel
mit unserm Herzblut bezahlen? Wir müssen glücklich sein, wenn wir ein
bißchen Freude am Wege finden, wie ich sie heute durch Sie finden
durfte.« Er verneigte sich ritterlich vor ihr, wie ein Junger vor der
Dame seines Herzens: »Tragen Sie Ihr köstlich Gut weiter, Fräulein
Treß. Bringen Sie auch andern noch ein bißchen Freude.«
Ein Kraftwagen fuhr schnell durch die Straße, hart am Fußgängersteig
entlang. Die Pfeife schrillte brutal die Menschen an: Platz, Platz für
mich! Der Wagen stieß an den Oberst, der ihn nicht sah; um ein weniges
hätte er den alten Herrn umgeworfen.
Der Mann am Steuer warf das Gefährt herum und brachte es zum Stehen.
»Zum Donnerwetter! Können Sie nicht aufpassen?«
Alle Männer im Wagen, die die Ledermütze in den Nacken geschoben und
ihre Pelzmäntel geöffnet trugen, schalten auf den Mann, der ihre Fahrt
verzögerte. Dann fuhren sie weiter.
Der Oberst sah ihnen still nach. Womit wucherten jene, die sich so
breitmachten und die Straße für sich allein begehrten, mit Zucker oder
mit Fetten? Oder verschoben sie Vieh? Es lohnte nicht, zu fragen, auf
welche Art die Leute in dieser Notzeit reich wurden. -- Geschmeiß!
»Wir werden kein Volk mehr sein, wenn es so fortgeht, nur eine
Masse«, sagte der alte Herr. »Aber trotzdem« -- und nun verklärte das
freundliche Lächeln wieder sein im Schreck erbleichtes Gesicht --,
»trotzdem tragen Sie ein wenig Freude weiter aus, mein liebes Fräulein!«
Ja, das wollte Güldenfey, und sie suchte weiter und ließ ihren Mut
nicht verkümmern, als Woche um Woche verging, ohne daß sie Frau Jobst
gefunden hatte. Sie würde sie schon entdecken, und es lag ja so viel
am Wege, was auch des Findens wert war. Nur ein bißchen Freude!
wiederholte sie täglich, wenn sie am Morgen ausging.
Es wurde ihr schwer, die Stadt auf einige Wochen im Sommer zu verlassen
und nach Heilisoe überzusiedeln. Aber Harro hatte sie gebeten, Marfa
zu begleiten. Er reiste in einer politischen Sendung nach Norden, und
Marfa war stiller als je. Es war undenkbar, daß man sie allein auf der
Insel gelassen hätte, das sah Güldenfey ein.
Doch Heilisoe bot ihr nicht die Ruhe wie einst. Nein, gewiß nicht,
sie schaute nicht nach den gewaltigen Türmen aus, die an sonnenhellen
Tagen im Süden aus dem Dunst der Ferne auftauchten; sie bemühte sich,
nicht an ihre Armen dort zu denken, und war um Marfa eifrig bemüht.
Doch alles, was sie einst so erfreut und was ihr Jörg gedeutet hatte,
weckte in ihr die Sehnsucht nach dem Bruder, der seit drei Jahren nicht
heimgekommen war.
Was hatte er an dieser Stelle gesagt, wo sich die blauen Glockenblumen
über den Rand der narbigen Dünenwand neigten und die silbergrünen
Ölweidenbüsche sich fest an den Abhang klemmten? Und hatte er nicht
die Insel mit einer Brücke, aus der Zeit in die Ewigkeit führend,
verglichen, als sie am Abend droben auf den Königsgräbern standen und
das unruhige Zucken des Blinkfeuers über das Land huschte? Und die
Käuzchen schrien um die Dämmerungzeit wie damals, und der Wind griff
wieder mit lichtfrohen Händen in das Gewölk und zerrte den grauen
Flaus, den er zerrissen, auseinander.
Ja, es war alles wie einst, aber es fehlte Güldenfey der Mund, der
diese Sprache gedeutet hätte. Es wäre so gut gewesen, wenn sie das, was
sie empfand, hätte ausdrücken können, schon um Marfas willen, die so
schweigsam wurde.
Marfa liebte nicht den nördlichen Strand, wo sich die hohen zerrissenen
Dünenwände gegen die brausende Flut stemmten, von wo aus man in die
ungemessene Ferne blickte, aus der vor vielen Jahrhunderten auf
hochgeschnäbelten Schiffen die Väter gekommen waren. Marfa suchte viel
lieber das südlich gelegene Flachland auf, um das der Gesang des Meeres
gedämpfter klang.
Da war die Heide, deren Färbung, blaßviolett wie in der Sonne
verblichener Samt, dem Lande ein kränkliches und doch ehrwürdiges
Aussehen verlieh. Wo die Narbe des dürren Pflanzenwuchses fehlte,
schimmerte grell der weiße Sand, von harten silbernen Gräsern gesäumt.
Oder es blinkten wie verschlossene Augen tintenschwarze Wassertümpel
aus dem Binsenkranz. Ganz vereinzelt drückten sich in Sandmulden
zwerghafte verbogene Föhrenbüsche oder winzige Weiden, die wie silberne
Myrten erschienen, und denen der immer hastige Wind kein Wachstum
gestattet, sondern nur ein bescheidenes Vegetieren.
Hier fühlte Marfa sich wohl, hier konnte sie tatenlos liegen und in die
Ferne schauen. Iphigenie! dachte Güldenfey.
Und an dem Ufer steh' ich lange Tage,
Das Land der Griechen mit der Seele suchend.
War das immer noch ungestillte Sehnsucht nach dem Manne, den sie in
dieser Fremde gewonnen hatte und doch nicht besaß? Güldenfey erschien
es zuweilen, als sei dies Verlangen nach Harro nur der Name für
Tieferes, Unausgesprochenes, was die Seele dieser Frau in sich barg.
Es war gut, daß Hanna Wilkens da war. Ja, das hatte sich Güldenfey
ausbedungen: dieses kleine verblichene Nähmädchen sollte zu seiner
Erholung einige Wochen in Sonnenschein und Seewind gebadet werden.
Malte hatte Bedenken geäußert, aber Frauke hatte in ihrer Art die
Schultern gehoben und gesagt: »Warum nicht?« Damit war es entschieden
gewesen.
Hanna Wilkens blühte auf, daß es eine Freude war. Sie wollte durchaus
etwas arbeiten, doch das litt Güldenfey nicht; sie sollte stilliegen
und höchstens Güldenfey Rat erteilen, was man tun könne, um den Armen
in der Stadt zu helfen.
»Die Armen!« sagte sie. »Ach, die wohnen nicht allein in den Häusern
der Sachsenvorstadt, die Sie aufsuchen, Fräulein Treß. Aber die alten
Stiftsdamen in den Klöstern und die Weiblein und Männlein in ihren
verräucherten Stuben leiden bittere Not. Sie leiden vor allem darunter,
daß niemand sich um sie kümmert.«