»Sie wissen genau, daß Sie Unmögliches fordern«, sagte sie. »Sie lassen
mir die Wahl zwischen dem Hungertod und dem Tod im Gassenwinkel. Was
soll ich tun? Wenn ich allein stände, gäbe es für mich kein Besinnen.
Ich bin ja auch nur in diese verwünschte Stadt zurückgekommen, weil es
für meinen Mann einst keine andre Verdienstmöglichkeit gab.«
Ihre Stimme zitterte unter Tränen. Malte sah verlegen vor sich nieder.
Er wußte, daß diese Forderung ihr Pein bereiten mußte. Dennoch wollte
er darauf bestehen. Es galt, sie dem Gesichtskreis der Seinen ein für
allemal zu entrücken.
»Ich würde mich für Ihr Unterkommen an einem entfernt gelegenen Ort
verwenden«, wandte er ein.
»Vor dem Wesen oder Unwesen von heute gilt das Wort des Konsuls Treß
nichts mehr«, entgegnete sie schneidend. »Und wenn es etwas gälte --
ich kann einem, der nicht fern vor der letzten Reise steht, keinen
Umzug zumuten. Oder geben Sie mir -- bis dahin Frist?«
»Sie müßten sofort gehen. Verstehen Sie mich: Sie allein!«
Sie stand unschlüssig im Widerstreit der Gedanken. Plötzlich ging es
wie ein Aufzucken durch ihren Körper. Sie trat auf ihn zu. »Geben Sie
mir meinen Brief!« sagte sie hart.
Malte blickte sie erstaunt an.
»Geben Sie mir den Brief wieder! Ich sehe, es ist vergeblich.
Vielleicht findet er auf einer Behörde mehr Verständnis als bei Ihnen.
Oder ich stehe morgen mit ihm an der Rathaustür, um zu betteln. Es
lohnt nicht, zu verhandeln, während Menschen Hungers sterben.«
Sie nahm die Rolle und hielt sie hoch. Malte blickte sie jetzt wie
gebannt an. Nun, da eine Glut sie durchströmte, erschien sie wie mit
einem Schlag verändert; diese welken Gewänder ihres ärmlichen Aufzugs
verschwanden völlig unter dem Glanz, der von ihrem Gesicht ausging.
Das stolze Blut ihrer Ahnen war in der Dienenden aufgestanden und
verschönte sie auf eine eigene Art. Mit der herrischen Gebärde einer
aus dem Kerker kommenden Königin warf sie den Arm gegen Malte.
»Bisher war ich Ihre Schuldnerin, jetzt sind die Treß meine Schuldner!«
rief sie. »Sie werden mich nicht wiedersehen, deren Freiheit Sie kaufen
wollten, aber diese Stunde wird Ihnen keine Ruhe lassen, nie, nie, nie
Ruhe lassen. Hier draußen auf dem Pflaster wird es auf und ab gehen,
täglich, und wenn Sie glauben, das Glück, Ihr Glück zu ergreifen --«
Sie schwieg plötzlich. Eine Hand legte sich leise auf ihren Arm. Auch
Malte war so benommen, daß er erst jetzt bemerkte, wie Güldenfey neben
ihr stand.
»Bitte, sagen Sie ihm nichts Böses«, sprach Güldenfey. »Um Ihretwillen!
Flüche fallen immer auf den zurück, der sie ausschickt.«
Beklommenes Schweigen.
»Malte, wer ist diese arme Frau?« fragte Güldenfey. »Können wir ihr
nicht helfen?«
Sie erhielt keine Antwort. Malte hob wie abwesend die Schultern.
»Sagen Sie mir doch, ob ich etwas für Sie tun kann«, bat Güldenfey.
»Wir haben uns schon einmal gesehen, ich erkenne Sie wieder.«
Die Frau starrte sie wie eine fremdartige Erscheinung an. Güldenfey
lächelte ihr ermutigend zu. Und dieses ängstlich-herzliche Lächeln,
das wie ein Geschenk war, zerschmolz Zorn und Starre zu gleicher Zeit.
Die Fremde wandte sich Güldenfey voll zu, beugte sich tief, tief vor
ihr, wie man sich vor priesterlichen Menschen neigt, ergriff den Saum
ihres Kleides und hob ihn an ihre Lippen.
Dann, ehe die Treßkinder sich ihres Erstaunens bewußt wurden, war sie
verschwunden.